, ,

Rassismus: Forscherinnen warnen vor Folgen im Schulalltag

schule rassismus

Rassismus: Rund 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben eine Migrationsgeschichte – und viele von ihnen erlebe subtile Benachteiligung. Das zeigt sich an Leistungsbewertung, aber auch ganz konkret in der Sprache.

Berlin (KNA). „Ich lebe in Deutschland, ich besuche die dritte Klasse“, steht unter dem Bild von dem blonden Jungen. Bei dem schwarzen Kind neben ihm heißt es: „Ahmet kommt aus Afrika“, und: „Er versteht noch schlecht Deutsch.“

Für Aileen Edele ein problematisches Beispiel: „Vor allem ältere Schulbücher stellen migrierte Menschen oft als homogene, problematische Gruppen dar, die es zu integrieren gilt“, schreibt sie in einem aktuellen Papier des Mediendienstes Integration.

Schulbücher sind laut der Forscherin nur ein Teil des Problems – grundsätzlich orientiere sich der schulische Alltag noch stark an einer vermeintlichen „Standard-Familie“.

Bestimmte Weltregionen würden „fast ausschließlich als arm, ländlich und rückständig dargestellt“, Weltreligionen problematisierend: „Muslime tauchen vor allem im Zusammenhang mit Integrationsdefiziten oder Bedrohungsszenarien auf“, sagt Edele. Dies fördere hierarchisches und rassistisches Denken.

Foto: Designed by Freepik

In neueren Schulbüchern gebe es gewisse Fortschritte, heißt es in der Expertise. Allerdings würden etwa lateinamerikanische Länder oftmals in einen Gegensatz zu Europa gestellt, „wo Probleme wie soziale Ungleichheit oder Umweltverschmutzung vermeintlich nicht (mehr) auftreten“.

Gemeinsam mit Sophie Harms hat die Professorin des Berliner Instituts für Migrations- und Integrationsforschung zahlreiche Studien mit hohen Datensätzen ausgewertet. Ergebnis: Eine Mehrheit der Schülerinnen und Schüler mit Migrationsgeschichte hat nach eigenen Angaben selten oder nie persönliche Diskriminierung erlebt.

Allerdings sollte dies „nicht als Entwarnung missverstanden werden“: Rassismus erlebten vor allem junge Menschen, die als nicht der Mehrheit zugehörig wahrgenommen werden. Auch werde diese Diskriminierung nicht immer benannt.

Rund 40 Prozent aller Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund. Besonders stark von rassistischer Diskriminierung betroffen sind demnach Schülerinnen und Schüler, deren Familien aus der Türkei oder arabischsprachigen Ländern eingewandert sind – sie berichten häufiger von persönlicher Diskriminierung als diejenigen, deren Familien ursprünglich aus Polen, dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion oder dem früheren Jugoslawien stammen. Zudem fühlen sich Jungen demnach stärker diskriminiert als Mädchen.

Edele und Harms verweisen auf weitere Studien, denen zufolge Diskriminierung besonders häufig aufgrund der Hautfarbe geschieht. Auch gegenüber Sinti und Roma gebe es massive Vorurteile.

Diese Erfahrungen könnten sich negativ auf Selbstbild und Wohlbefinden auswirken. „Alle Schüler*innen haben das Recht auf einen diskriminierungsfreien Schulbesuch“, mahnen die Forscherinnen.

kinder Bildungssystem

Foto: Anastasia Shuraeva, Pexels

Betroffene besuchten seltener ein Gymnasium und machten seltener Abitur – einigen experimentellen Studien zufolge, weil Lehrkräfte mitunter gleiche Leistung schlechter bewerten. Auch das Verhalten von Lehrerinnen und Lehrern könne dazu beitragen, dass Schülerinnen und Schüler mit Migrationsgeschichte sich weniger zutrauten und weniger gefördert würden.

Problematisch sei zudem „die geringe Anerkennung der Herkunftssprachen eingewanderter Familien“: So sei es die Ausnahme, dass diese an Schulen als Fremdsprachen gelehrt würden.

Angebote mit herkunftssprachlichem Unterricht seien von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich: In Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern umfasse es nur eine Sprache, in Nordrhein-Westfalen dagegen 28.

An manchen Schulen seien Herkunftssprachen verboten; Türkisch oder Russisch erschienen also als weniger förderungswürdig als etwa Englisch oder Spanisch. „Selbstverständlich müssen auch für den Erwerb der deutschen Sprache ausreichend Lerngelegenheiten eröffnet werden“, so die Autorinnen.

Jedoch könnten gute Kenntnisse der Herkunftssprache auch den weiteren Spracherwerb erleichtern – insofern seien Verbote doppelt fatal. Sie signalisierten zudem, „dass ihre Familiensprache und somit ein wichtiger Teil ihrer Identität nicht erwünscht und als unvereinbar mit dem Bildungsort Schule angesehen wird.“

, ,

Südwest-Wahl: Wie Christen und Muslime abstimmten

wahl muslime christen

Im Südwest-Wahlkrimi wurden die Grünen hauchdünn stärkste politische Kraft. Wenn nur Christen abgestimmt hätten, wäre es anders gekommen, wie eine Wahlanalyse zeigt. Überraschend ist auch das Wahlverhalten der Muslime. (KNA). […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ (Monatsabo) können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

, , ,

Mehrheitlich verzerrt. Britische Medien berichten zu weiten Teilen voreingenommen

medien britisch

Medien: Als die Zeitung „The National“ ihre Titelseite über die Voreingenommenheit anderer Blätter betitelte, war das für viele britische Muslime keine Überraschung. (iz). Seit Jahren sprechen Betroffene von Titeln, in […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ (Monatsabo) können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

, ,

Muslime in Ostdeutschland: ein unbekannter Teil der Community

ostdeutschland

Muslime in Ostdeutschland: Mitte Februar wurde in Erfurt der Neubau einer Gemeinde eingeweiht. Gelegenheit für einen Blick auf Muslime in den „neuen Ländern“.

(Iz). „Dass wir heute in dieser fertigen Moschee sitzen dürfen, ist keine Selbstverständlichkeit. Der Weg war lang und von vielen Herausforderungen, Gesprächen und Prüfungen geprägt, umso größer ist unsere Dankbarkeit“, sagte ihr Präsident, Suleman Malik, beim Festakt vor rund 120 Gästen.

Darunter waren auch Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow sowie die Bischöfe Ulrich Neymeyr und Friedrich Kramer. Vorher waren Verse aus dem Qur’an rezitiert worden, angekündigte Proteste blieben aus.

Symbolische Wirkung für Ostdeutschland

Malik erklärte, der Neubau sei ein Haus des Gebets sowie des Dialogs und des gegenseitigen Respekts: „Es soll Brücken bauen.“ Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) gratulierte per Videobotschaft und sprach von einem Tag großer Freude. Religion sei auch Ausdruck von Heimat, und er freue sich, dass die Gemeinde hier Wurzeln geschlagen und sie gefunden habe.

Der Grundstein wurde 2018 gelegt. Sie steht am Rand von Erfurt in einem Gewerbegebiet. Der Bau mit schlichtem Gebetsraum und einer Wohnung für den Imam wurde aus Spenden finanziert und kostete den Angaben zufolge 1,35 Mio. Euro.

Dass eine vergleichsweise kleine Gemeinde in einem Industriegebiet am Rand um ihre Präsenz ringen musste, erzählt mehr als nur die Geschichte eines einzelnen Bauprojekts. Die Eröffnung markiert einen Moment, in dem eine bislang oft übersehene Realität sichtbarer wird: das islamische Leben in den neuen Bundesländern.

Wer verstehen will, was dieser Bau symbolisiert, muss den Blick von Erfurt aus weiten. Und eine Minderheit der deutschen Muslime betrachten, die im Osten längst Teil des Alltags ist, ohne im öffentlichen Bewusstsein denselben Platz zu haben.

Nur ein Bruchteil der Einwohner

Waren sie Anfang der 1990er kaum präsent, leben heute – je nach Schätzung – etwa 190.000 bis 200.000 in den neuen Bundesländern ohne Berlin, rund 1,5 % der Einwohner.

Gemessen an der Gesamtzahl aller Muslime, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf 5,3 bis 5,7 Mio. beziffert, entfallen damit nur ca. 3,5 % auf den Osten. In Sachsen machen sie nach diesen Berechnungen ca. 0,7 bis 0,8 % aus, im Anhaltischen liegen die Anteile mit 2,7 bis 2,9 % deutlich höher. Thüringen kommt auf ca. 2,6 bis 2,8 %, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern auf jeweils etwa 1,1 %.

Diese Zahlen markieren nüchtern, dass es mit ihrer Sichtbarkeit gesamtgesellschaftlich und auch innermuslimisch hapert.

Mit der Zuwanderung der 2010er Jahre, vor allem nach dem „Flüchtlingssommer“ 2015, veränderte sich die Landschaft spürbar. Wo zuvor einzelne Studierende, kleine Ladenbetreiber oder provisorische Musallas in Garagen und Plattenbauten den Rahmen bildeten, entstanden in kurzer Zeit neue Räume, Vereine und Gemeinschaften.

ostdeutschland Brandenburg Gebet Muslime osten

Foto: Verein der Muslime in Potsdam e.V.

Nur 2 % aller Moscheen in Deutschland

Eine Recherche des Mediendienstes Integration zählte Anfang 2025 ca. 60 Gebetsräume in Ostdeutschland, etwa 2 % der rund 2.600 Moscheegemeinden bundesweit. In kleineren Städten und Orten werden sie oft erst dann formal als Gemeinde sichtbar, wenn es gelingt, einen eigenen Raum anzumieten. Bis dahin findet ihr religiöses Leben im Privaten statt.

Die randständig gelegenen Orte sind Ausdruck einer Lage, in der es nur geringe Anbindung an große Moschee-Dachverbände gibt. Jenseits von Ausnahmen wie dem Berliner „Speckgürtel“ (wo man regelmäßigere Verbindungen unterhält) oder Sonderbeziehungen in ethnischen Netzwerken erhielten sie kaum institutionelle Hilfe durch Muslime und hatten nur wenig Zugang zu vorhandenen Ressourcen.

Während westdeutsche Verbände ihre Infrastruktur jahrzehntelang aufbauen konnten, entstanden ostdeutsche Moscheegemeinschaften häufig aus akuter Notwendigkeit. Die Menschen suchen einen Raum zum Gebet, für Begegnung und die religiöse Bildung ihrer Kinder. In den meisten Fällen wird das Nötigste selbst organisiert.

Allerdings gibt es einige, die mit solchen im Westen eine gemeinsame Herkunft teilen und aufgrund dessen dort für Hilfe sammeln. Diese Eigeninitiative prägt bis heute das Bild vieler Gemeinschaften zwischen Erzgebirge und Ostseeküste.

Forscherinnen wie Ayşe Almıla Akca beschreiben die östlichen Moscheevereine als deutlich jünger. Das gilt nicht nur im Hinblick auf ihre Gründung, sondern ebenso ihre innere Struktur.

Foto: Frau Schütze, via flickr | Lizenz: CC BY 2.0

Häufiger multikulturelle Gemeinschaften

Anders als die klassischen, entlang von Herkunft und Anwerbewellen gewachsenen Moscheen versammeln sich in den ostdeutschen oft Menschen aus verschiedenen Ländern und Fluchtgeschichten: Syrer, Tschetschenen, Afghanen, Irakis sowie Konvertierte aus der Region.

Die gemeinsame Sprache ist häufig Deutsch. Das gilt nicht nur in der Kommunikation mit Behörden, sondern in Teilen des religiösen Alltags. Die äußeren Umstände – geringe Zahl, knappe Ressourcen, dünne Netzwerke – zwingen dazu, miteinander auszukommen und Differenzen im Inneren anders zu balancieren.

Die Kehrseite dieser manchmal improvisierten Entwicklung ist Strukturmangel, der sich an einigen Stellen bemerkbar macht. Viele haben keine hauptamtlichen, ausgebildeten Imame oder ausreichend geschulte Vorstände. Religiöse Unterweisung und Gemeindemanagement werden im Ehrenamt getragen. Das sind oft Menschen, die selbst erst seit wenigen Jahren hier leben.

Förderprogramme, Beratungsstrukturen und etablierte Gesprächskanäle zu Politik und Verwaltung sind selten so ausgebaut wie in westdeutschen Ballungsräumen. Hinzu kommt eine gesellschaftliche Umgebung, in der die Mehrheit der Bevölkerung sich selbst als konfessionslos versteht und religiöse Ausdrucksformen generell als fremd empfindet.

Vorurteile treffen ostdeutsche Muslime deshalb anders. Untersuchungen zeigen, dass der Islam dort tendenziell häufiger als bedrohlich wahrgenommen wird im Vergleich zum Westen. Und, dass die Bereitschaft, diese Einstellungen in praktisches Handeln zu übersetzen, größer ist.

Proteste vor Moscheebauten, Demonstrationen gegen vermeintliche „Islamisierung“ oder Anfeindungen im Alltag sind für viele Gemeinden zu selbstverständlichen Begleiterscheinungen geworden.

Foto: Kalispera Dell, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Es tut sich was unter erschwerten Bedingungen

Gleichzeitig ist der Blick allein auf Ablehnung verkürzt. Die Geschichte in Erfurt zeigt, dass neben Widerstand Formen von Unterstützung gewachsen sind: ökumenische Kontakte, Nachbarschaftsinitiativen, kommunale Akteure, die trotz Konflikten an Dialogangeboten festhalten.

Für Muslime vor Ort bedeutet das eine doppelte Bewegung. Sie organisieren ihren Alltag in Strukturen, die erst im Aufbau sind. Gleichzeitig werden sie zu Ansprechpartnern in Debatten.

Die Erwartungen sind hoch: Gemeinden sollen religiöse Bedürfnisse erfüllen, Unterstützung bieten, Räume für Jugendliche schaffen und zugleich öffentliche Brückenbauer sein. Insbesondere kleinere stoßen dabei schnell an ihre Grenzen, weil ihnen die Mittel fehlen, um all diese Rollen dauerhaft zu tragen.

Vieles spricht dafür, dass die muslimische Landschaft in Ostdeutschland in den kommenden Jahren in einem eigenen Tempo wachsen wird. Das heißt, langsamer, kleinteiliger und fragiler.

Ob sie dabei als Randerscheinung oder selbstverständlicher Teil der Gesellschaft wahrgenommen wird, entscheidet sich nicht nur in den Gemeinden, sondern in den Städten und Dörfern, in denen sie ihren Platz suchen.

* Mit Material von KNA und Mediendienst Integration (CC-Lizenz).

, , , ,

Republikaner hetzen verstärkt gegen US-Muslime

republikaner usa

Republikaner hetzen verstärkt: Eine Bürgerrechtsorganisation wird zur Terrorgruppe erklärt, gegen Staatsbürger muslimischen Glaubens wird gehetzt. Washington (KNA). Der Bundesrichter kannte das Spiel bereits. „Wieder einmal stellt Florida politisches Posieren über […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ (Monatsabo) können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

, ,

Körper im Fastenmonat: Hochsaison für Selbstdisziplin und Entgiftung

körper fastenmonat

Körper im Fastenmonat: Gesundheit ist einer der wichtigsten Elemente des Glücks. Was wir zu uns nehmen, hat einen direkten Einfluss darauf. Im Islam werden die Muslime dazu ermutigt, bewusst mit […]

IZ+

Weiterlesen mit dem IZ+ (Monatsabo)

Mit unserem digitalen Abonnement IZ+ (Monatsabo) können Sie weitere Hintergrundbeiträge, Analysen und Interviews abrufen. Gegen einen Monatsbeitrag von 3,50 € können Sie das erweiterte Angebot der Islamischen Zeitung sowie das ständig wachsende Archiv nutzen.

Abonnenten der IZ-Print sparen beim IZ+ Abo 50%.

Wenn Sie bereits IZ+ Abonnent sind können Sie sich hier einloggen.

* Einfach, schnell und sicher bezahlen per Paypal, Kredit-Karte, Lastschrift oder Banküberweisung. Das IZ+ Abo verlängert sich automatisch um einen Monat, wenn es nicht vorher gekündigt wurde. Sie können ihr bestehendes Abo jederzeit auf der Mein Konto-Seite kündigen.

, , ,

Mondsichtung und Ramadanbeginn: Alle Jahre wieder?

Erwartung Ramadan mond astronomie zeit

Zwischen Mondsichtung und Ramadanbeginn. Obwohl Muslime in Deutschland seit mehr als zwei Jahrzehnten einheitlich beginnen, sind die Debatten nie verstummt.

(iz). Jedes Jahr die gleiche Debatte um die richtige Feststellung des Beginns vom Fastenmonat Ramadan. Der Hidschri-Kalender (benannt nach der Auswanderung des Propheten Muhammad, Allahs Frieden und Segen auf ihm, nach Medina, der Hijra) richtet sich nach dem Mondzyklus.

Der Ramadan beginnt offiziell mit der Sichtung der neuen Mondsichel (Hilal). Darüber, wie diese Sichtung aber stattfinden soll, gibt es verschiedene Meinungen.

Es ist wichtig zu wissen, dass in der traditionellen sunnitischen Rechtswissenschaft Meinungsvielfalt vorgesehen und durchaus anerkannt ist. Diese allgemeine Grundlage scheint im Zeitalter des Internets teilweise in Vergessenheit zu geraten. Bekanntlich tummeln sich dort diverse, kleine Randströmungen mit Webseiten, die mit selbstgegebenem alleinigen Wahrheitsanspruch werben.

Grafik: famveldman, Adobe Stock

Wer hier meint nur „Qur’an“ und „Sunna“ zu folgen, sagt nicht selten, dass er lediglich seinem eigenen Verständnis von beidem folgt. Die islamische Normenlehre (Usul al-Fiqh) ist dann doch etwas wissenschaftlicher als das Kopieren von Textübersetzungen und das Posten von Bildern.

Wie jedes Jahr in der letzten Zeit beginnt kurz vor Beginn des Ramadan eine Diskussion darüber, wann und von wem der Ramadan ausgerufen wird.

Muslim kann jeder sein, Rechtsgutachter aber eben nur, wer dafür qualifiziert ist. Um der Komplexität von Wissenschaft gerecht zu werden, bedarf es diverser Qualifikationen. Das Googlen oder Hörensagen von Sachverhalten steht dem entgegen. Vor allem wird es problematisch, wenn die Rechtsmeinungen von Gelehrten bestimmter Randkonfessionen auf die Mehrheit der Muslime übertragen werden soll.

Die Meinung, die jüngst gern als die „einzig wahre“ propagiert wird, meint, dass man auf die Sichtung des Neumonds über Mekka warten müsse und die Autoritäten Mekkas dann den Ramadan ausrufen. Gleichzeitig gilt diese Meinung weltweit als sehr schwer begründbar. Ihre Verbreitung erfuhr sie in den letzten Jahrzehnten vorrangig durch saudischen Einfluss.

Ein Konsens herrscht darin, dass es lediglich einer, weltweit möglichen, bestätigten Sichtung des Neumonds bedarf, um den Beginn des Ramadan festzulegen. 2014 wurde der Mond beispielsweise offiziell im Jemen gesichtet, wonach das Land den Ramadan ausrief und einige andere Länder nachzogen. Saudi-Arabien aber  wartete auf die nächste Nacht, um ihn selbst zu sichten.

Nur zum Ramadanbeginn auf die Sichtung des Mondes zu bestehen, während man den Beginn der restlichen elf Monate im Jahr nicht durch Sichtung bestimmen lässt, hat jedoch wenig Sinn. Ein Indiz für eine Scheindebatte.

Und es ist auch nicht ausreichend ihn einfach selbst zu sichten oder auf Mondsichtungs-Webseiten zu surfen. Je nach Rechtsschule spielt dabei die Wahl des Sichtungsortes oder die Anzahl zuverlässiger Zeugen eine wichtige Rolle.

Eine dritte Methode zur Feststellung eines Monats ist die detaillierte astronomische Berechnung. Auf diese Weise wird das ganze Jahr vorbestimmt. Dass das aber auch ein Problem sein kann, bewies 2013, in dem einige Leute, die nach der Berechnung gingen, bereits das Opferfest feierten, während die Pilger in Mekka die Hadsch noch gar nicht abgeschlossen hatten.

In der leidigen alljährlichen Debatte geht meistens aber verloren, dass es noch andere Aspekte zur Bestimmung gibt. In jedem Fall bedarf es einer anerkannten Autorität, die den Monat ausruft. In der klassischen Feststellung gilt, dass die Rechtsgelehrten vorgeben, wie der Beginn bestimmt wird und die politische Autorität diesen dann bestätigt.

In einem Land mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit ist es heute der Präsident oder König. In Ländern wie Deutschland, Österreich oder der Schweiz übernimmt diese Rolle jemand anderes. Unsere Gemeinschaftsstruktur verfügt nicht über eigene Muftis oder Qadis. In der gegenwärtigen Situation ist wohl am ehesten der Moscheevorstand diese politische Autorität. Die meisten unserer Moscheevereine sind organisiert in mehreren großen Verbänden oder Dachverbänden wie DITIB, Islamrat, VIKZ und ZMD.

Diese vier haben sich darauf geeinigt, den Fastenmonat immer gemeinsam anzugehen. Zusammen bilden sie die absolute Mehrheit der Moscheegemeinden von über 85 Prozent. Ihr Konsens sieht vor, dass der Ramadan durch astronomische Berechnungen bestimmt wird. Ist das jetzt falsch?

Die Meinungsfindung beruft sich auf die Anweisung des Propheten, Allahs Frieden und Segen auf ihm, bei Meinungsverschiedenheiten der großen Mehrheit zu folgen. Die faktische Lage unserer Gemeinschaft ist, dass die Mehrheit unserer Muslime sich darauf geeinigt hat, auf Berechnungen zu vertrauen.

Bagdad Dar Al Hikma Wissenschaft

Foto: Wikimedia Commons, gemeinfrei

Aber der Prophet sagte doch, man solle auf die Sichtung des Neumonds warten, oder? Ja. Vieles gilt verstanden zu werden und bedarf einer ganzheitlichen Betrachtung. Die Meinungsvielfalt im islamischen Recht basiert darauf, dass man Sachlagen verschieden betrachten und eben auch begründen kann. Idealerweise entwickelte sich die muslimische Gemeinschaft Deutschlands so weit, dass sie über ein eigenes Komitee an geeigneten Stellen in Deutschland eine Sichtung nach klassischem Recht durchführt.

Dass es schwierig ist, von der gesamten muslimischen Weltgemeinschaft einen Konsens zu erwarten, muss akzeptiert werden. Beispielsweise ist die Sichtung über Marokko wesentlich einfacher als die über Mekka. Andere Teile der Welt sehen den Neumond aus astronomischen Gründen früher und hätten theoretisch das Recht, allen anderen Muslimen den Ramadan zu verkünden.

Die muslimische Realität beginnt in der unmittelbaren Umgebung. Jeder ist gut beraten, sich nach seinem Imam und Vorstand zu richten. Selbst, wenn diese eben ein anderes Urteil fällen. Allah verlangt nicht, dass wir es uns unnötig schwer machen.

Und wer überhaupt gar nicht über eine Gemeinschaft verfügt, an die er sich halten kann, der wäre gerade im Ramadan, der seine Ganzheitlichkeit besonders in der Gemeinschaft entfaltet, gut beraten, sich der Priorität der Gemeinschaftsbindung zu widmen.

, , ,

Fasten: Muslime und Christen in diesem Jahr beinahe zeitgleich

fasten christen muslime

Fasten gilt in vielen Religionen als wertvolle geistige Übung. Auch für Christen und Muslime. In diesem Jahr beginnen sie gemeinsam.

Bonn (KNA). Am 19. Februar beginnt für Muslime der Fastenmonat Ramadan. Nur einen Tag zuvor, am Aschermittwoch, gehen auch Christen in ihre 40-tägige Fastenzeit bis Ostern.

Für den Dialog zwischen den Religionen ist das ein Glücksfall, der dem islamischen Mondkalender zu verdanken ist. Denn er verschiebt den Beginn des Ramadan jedes Jahr um zehn bis elf Tage nach vorne.

Schon seit einigen Jahren haben sich beide Fastenzeiten deshalb überschnitten, doch ein gemeinsamer Start ist äußerst selten.

Fasten als Besinnung auf Gott

Christen wie Muslime suchen im Verzicht auf materielle Genüsse die Besinnung auf Gott, ihre jeweiligen Glaubensinhalte und die eigene Spiritualität.

Die Zeit der Entbehrung und Buße soll geistige Selbstdisziplin und das Mitgefühl mit Bedürftigen stärken. Beide Religionen erlauben Ausnahmen für bestimmte Gruppen, so sollen etwa Kranke und Schwangere nicht fasten.

Doch es gibt auch große Unterschiede zwischen Ramadan- und christlichem Fasten. Während Muslimen an allen 30 Tagen des Monats von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang jegliches Essen und Trinken, sogar Rauchen und Geschlechtsverkehr strikt untersagt sind, gilt für Christen vor allem der Fleischverzicht.

Streng geregelt sind in der katholischen Kirche aber nur der Aschermittwoch und der Karfreitag. Für Protestanten herrschen keine speziellen Vorschriften.

Zwischen Individuum und Gemeinschaft

Auch deshalb ist das Fasten im christlichen Kontext heute stark individualisiert. Man verzichtet auf Süßigkeiten, Alkohol, Fernsehen oder Social Media. Im Alltag christlich geprägter Länder wie Deutschland spielt die vorösterliche Enthaltsamkeit kaum noch eine Rolle.

Der Ramadan, der mit dem dreitägigen Fest des Fastenbrechens endet, hat im Glaubensleben von Muslimen dagegen einen wichtigen Platz. Neben dem Glaubensbekenntnis, den täglichen Pflichtgebeten, der Almosengabe und der Wallfahrt nach Mekka ist er eine der fünf Säulen des Islam.

Foto: Ini Keutamaan Menghafal

In der islamischen Welt kommt das öffentliche Leben tagsüber quasi zum Erliegen. Dafür ist nach dem abendlichen Fastenbrechen (Iftar) auf den oft festlich beleuchteten Straßen umso mehr los; es gibt öffentliche Armenspeisungen und selbst im Fernsehen laufen fromme Sendungen und besondere Unterhaltungsprogramme.

Zuhause kommen die Familien zum Iftar-Essen zusammen, am späten Abend versammeln sich Männer zum sogenannten Tarawwih-Gebet in den Moscheen – Gemeinschaft wird im Ramadan großgeschrieben.

Fasten – über alle Grenzen beliebt

In Deutschland ist das Fasten über alle kulturellen Grenzen hinweg sehr verbreitet. Etwa drei Viertel der schätzungsweise sechs Millionen Muslime in Deutschland halten sich laut einer Studie ganz oder teilweise an die Gebote des Ramadan.

ramadan übung

Foto: PlanetZ/Adobe Stock

Aber auch 72 Prozent der Mehrheitsgesellschaft gaben 2025 in einer repräsentativen Forsa-Umfrage an, zwischen Aschermittwoch und Ostern auf Genüsse zu verzichten, meist auf Alkohol, Süßes oder Fleisch – und das, obwohl bekennende Christen inzwischen die Minderheit sind.

Der diesjährige gemeinsame Fasten-Start sei für das interreligiöse Verständnis eine besondere Gelegenheit, sagten christliche und muslimische Vertreter der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Förderlich für den Dialog

„Die zeitliche Überschneidung bietet eine willkommene Gelegenheit, einander besser kennenzulernen und den respektvollen, förderlichen Dialog zwischen Christen und Muslimen zu vertiefen“, so Timo Güzelmansur, der die Fachstelle der katholischen Deutschen Bischofskonferenz für den christlich-islamischen Dialog (CIBEDO) in Frankfurt leitet. Trotz unterschiedlicher theologischer Hintergründe teilten beide Religionen das Streben nach Nächstenliebe und Solidarität.

„Ein schöner Zufall“, meint auch die Vorsitzende der Christlich-Islamischen Gesellschaft in Köln, Dunya Elemenler, über den gemeinsamen Aufbruch ins Fasten. „Auch wenn wir aus unterschiedlichen Gründen und auf verschiedene Weise fasten, verbindet uns dabei die Hinwendung zu Gott und zum Mitmenschen.“

hamburg

Foto: IHG Hamburg

Schon in den vergangenen Jahren habe man bei gegenseitigen Einladungen die jeweiligen religiösen Eigenarten beachtet, erzählt die Muslimin. Wenn sie christliche Freunde und Freundinnen zum Fastenbrechen einlade, stimme sie das Menü auf deren Fasten ab und verzichte beim Hauptgang auf Fleisch oder Zucker im Nachtisch.

„Umgekehrt beginnen meine christlichen Freundinnen und Freunde erst mit dem Essen, wenn meine Zeit des Fastenbrechens gekommen ist.“ Nicht nebeneinander, sondern als gläubige Menschen miteinander in dieser Gesellschaft zu agieren, nennt Elemenler den Inbegriff eines gelebten Dialogs.

Zeit für interreligiöses Fasten bietet auch noch das kommende Jahr: Dann beginnt der Ramadan am 8. Februar – dem Rosenmontag.

, , ,

Muslimische Erziehung braucht Barmherzigkeit

Erziehung Familie

Thema Erziehung: Aminah Salaho ist Erziehungsberaterin und Trainerin für muslimische Familien. Aus Erfahrung weiß sie, wie wichtig Barmherzigkeit und Kommunikation sind.

(iz). Aminah Salaho ist 41 Jahre alt, Mutter von drei Kindern. Sie stammt aus Hamburg, ist hier geboren und aufgewachsen. Sie ist ehemalige Lehrerin und Erziehungsberaterin, die mit ihrem Projekt Rahma Family insbesondere muslimische Familien im deutschsprachigen Raum in Fragen von Resilienz, Erziehung und Konfliktumgang begleitet.

Sie hat ihren Lehrerjob vor kurzem an den Nagel gehängt, um sich mit ihrem Projekt Rahma Family voll und ganz der Begleitung muslimischer Familien im deutschsprachigen Raum zu widmen und sie in Fragen von Resilienz, Erziehung und Konfliktumgang zu begleiten.

Mit ihr führten wir ein längeres Hintergrundgespräch (in voller Länge auf unserem YouTube-Kanal) über ihre Motive, die Lage in muslimischen Familien, den Umgang mit Spannungen sowie die Bedeutung von Barmherzigkeit.

„Viel Arbeit vor uns in Sachen Konfliktfähigkeit“

Islamische Zeitung: Liebe Aminah Salaho, könnten sie ihre Arbeit kurz vorstellen?

Aminah Salaho: Ich war bis vor kurzem Lehrerin und habe mich währenddessen im Bereich Resilienztraining selbständig gemacht – mit Fokus auf muslimischen Kindern.

Dabei ist mir aufgefallen, dass wir bspw. in punkto Konfliktfähigkeit viel Arbeit vor uns haben. Es fängt mit Eltern an. Wenn ich mit den Kindern Konflikttrainings mache – wobei das prophetische Vorbild mit in die Arbeit eingewoben ist –, fällt auf, dass sie nach der Rückkehr in ihr Umfeld wieder in alte Verhaltensweisen zurückfallen.

So habe ich mich dann für eine nachhaltigere Zielgruppe für diesen Präventionsansatz entschieden – wenn es um Konflikte und Erziehung geht: Wir müssen in die Elternhäuser gehen und die Erziehungsverantwortlichen, die Eltern, erreichen.

So ergab sich, dass ich vor vier Jahren in die Erziehungsberatung für muslimische Familien gegangen bin. Mit dieser Zielsetzung habe ich eine Lernplattform (Rahma Family Club) für muslimische Eltern auf die Beine gestellt.

Insbesondere begleite ich Mütter – im Ausnahmefall Paare – in Erziehungsfragen, biete Kurse zur islamischen Erziehung und zur Resilienzförderung für Mütter an.

„Kinder brauchen keine Robotereltern, die immer alles richtig machen“

Islamische Zeitung: Auf Ihrer Seite beschreiben Sie Ihre Angebote. Ich bin auf einen Satz gestoßen, wonach Sie diesen Familien helfen wollen, eigene Stärken zu entdecken und zu kultivieren. Was ist das Besondere dabei? Und wo sehen Sie bei dieser Gruppe Nachholbedarf?

Aminah Salaho: Familien sind der erste Ort, an dem Bindung und Prägung stattfinden. Was Kinder hier erleben, wird zur inneren Landkarte eines Menschen. Je früher Erfahrungen gemacht werden, desto tiefgreifender sind sie. Daraus folgt, dass ich im Bereich der Prävention arbeite.

In der Islamischen Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Erziehungsberufe (IASE e. V.) bin ich mit muslimischen TherapeutInnen und PadägogInnen verbunden. Wir sagen gerne, dass man daheim in Familien ansetzen sollte, damit die Leute gar nicht erst auf der Couch landen. So vermeidet man eine instabile, destruktive Entwicklung.

Hier müssen wir familiär, im Alltag, bei den Erziehungsmethoden und der elterlichen Haltung anfangen. Da geht es um Konflikt- und Fehlerkultur daheim. Beim Thema innerer Stärke habe ich die Erfahrung in meiner Arbeit gemacht, dass Eltern einfach häufig verunsichert sind, da sie aus unterschiedlichen Systemen kommen.

Wir haben gesellschaftliche und kulturelle Vorstellungen, die dominant sein können. Und eine innere Annahme, eine Art Intuition. Ich beobachte gerne und wiederholt, wie Mütter eine gesunde Gabe haben.

Sie bekommen dann bspw. oft von außen gesagt, das Kind dürfe ihnen nicht auf der Nase herumtanzen: „Sollte es nicht hören, muss es spüren“. Diese Glaubenssätze, die wir alle seit Jahrzehnten kennen und Eltern stark verunsichern.

Hinzukommen kulturelle Vorstellungen und eigene Kindheitserfahrungen, die auch heutige Eltern massiv prägen. Dabei entstehen Unsicherheit und ein gewisser Automatismus. Wenn mein Kind z. B. widerspricht, wird das ein großer Triggerpunkt, den ich mir als Elternteil keinesfalls gefallen lassen darf.

Sollte dann noch die Schwiegermutter sagen, das hätte sich ihr Kind damals nicht erlaubt, geraten wir schnell unter Druck. In solchen Situationen entsteht am Ende Gewalt in unterschiedlicher Form.

Das heißt, ich blicke auf die Anfänge, die Prägungen und versuche, Elternteile zu befähigen, ihnen Sicherheit zu geben sowie sie dabei zu begleiten, Verständnis für sich selbst aufbringen zu können. Hier hilft es den Eltern oft, dass ich selbst den gleichen Prozess mit allen möglichen Höhen und Tiefen durchlaufen bin.

All dies macht den Veränderungsprozess innerhalb der Beratung für viele leichter. Wenn sie sich reflektieren, merken sie, dass sie unter Druck stehen. Der nächste Schritt ist, dass sie herausfinden, was sie selbst und ihr Kind eigentlich brauchen. Es geht darum, sowohl bei sich selbst als auch beim Kind unter die Oberfläche (das Verhalten) ins Innere (Gefühlswelt, Bedürfnisse) zu schauen.

Dies erfordert eine wichtige Fähigkeit: die Selbstreflexion, sein eigenes Verhalten und seine Ursachen retrospektiv zu untersuchen. Dies fördert dann auch die Fähigkeit der Selbstregulation: in kritischen Momenten innezuhalten, nicht aus dem emotionalen Impuls heraus zu handeln. Wer dies schafft zu durchbrechen, wird mit seinem Kind anders umgehen.

Im Zentrum steht dann die Frage: Was kann ich anders machen? Und vor allem: Wie kann ich mich so von Einflüssen isolieren, die auf uns Eltern in unseren Kreisen lasten? Wir kennen die typische Supermarktsituation, bei der sich ein Kind schreiend auf den Boden wirft, weil es ein Schokoladenriegel will. Das ist für alle Elternteile sehr unangenehm. Sofort spürt man, wie alle Blicke auf einen gerichtet sind.

Mein Ziel lautet: Innere Sicherheit durch interne Stärke. Für solche Lagen rate ich Eltern, sie sollen sich vorstellen, sie wären gemeinsam mit ihrem Kind in einer Seifenblase, dabei das Drumherum ausblenden.

Wichtig sind hier nur du und dein Kind sowie eure Bedürfnisse. Einfach ist es nicht, auf der einen Seite konsequent zu bleiben und auf der anderen Seite den kindlichen Frust auszuhalten.

Aber genau darin liegt eine Fehlentwicklung: Anstatt Kinder in ihren Gefühlen zu begleiten, erleben Kinder Ablehnung und Gewalt in unterschiedlichen Ausprägungen, wenn sie aus der Reihe tanzen. Davon müssen wir weg. Und mein Lieblingsargument dagegen ist das prophetische Vorbild.

Unser Prophet begegnete Kindern – auch im Falle von Fehlverhalten – stets mit Geduld, reguliert und auf Augenhöhe. Hierzu gibt es zahlreiche Überlieferungen. Deshalb ist es mein Anliegen, dass wir Eltern zuerst an unserer Haltung arbeiten, um zu Hause Bedingungen zu schaffen, in denen es für die Kinder machbar ist, eine innere Sicherheit aufbauen zu können. Langfristig müssen wir über eine gesunde Psyche sprechen.

Foto: Ashwini Chaudhry, Unsplash

„Väter sind für die Entwicklung des Kindes elementar wichtig“

Islamische Zeitung: Viele Beiträge der letzten Jahre fokussieren sich auf Mütter. Braucht es nicht für gesunde Familien auch ein Augenmerk auf die Väter?

Aminah Salaho: Anfänglich habe ich versucht, auch Männer und Väter zu erreichen – und dabei eine männliche Unterstützung gehabt. Momentan besteht bei mir konkret eine Grenze, da ich allein mit einer Honorarkraft arbeite.

Generell stimme ich zu. Väter sind für die Entwicklung des Kindes elementar wichtig – Söhne wie Töchter. Es ist so, dass insbesondere Jungen sich mit ihnen identifizieren und diese Anerkennung brauchen – genauso wie Töchter auch. Diese Identifikation findet bei männlichen Kindern über ihn statt.

Übrigens gibt es auch sehr aufschlussreiche Studien darüber, dass sich z. B. Abwesenheit von Vätern auf die langfristige Entwicklung negativ auswirkt.

Obwohl derzeit ein Hype um die Aufteilung der Lasten von 50:50 besteht, bin ich hierbei kritisch. Eine abstrakte Zahl hilft im Familienalltag nicht. Im Gegenteil. Sind Frauen zu fordernd, sorgt das eher für Konflikte. Man muss die konkrete Familie und ihre Bedingungen betrachten.

Das sind Fragen wie: Wer arbeitet Vollzeit? Wo ist es praktikabel, dass der Vater oder die Mutter die Kinder bringt bzw. abholt oder Essen zubereitet? Gleichzeitig will ich an dieser Stelle auch nicht unerwähnt lassen, dass es sich einige Väter in der Frage der Aufteilung tendenziell zu leicht machen, indem sie die Erziehungs-verantwortung vollständig der Mutter überlassen. Das ist aus vielerlei Hinsicht problematisch.

Wichtig ist, im Spezifischen auf die familiäre Situation zu schauen, diese Themen zu besprechen und dafür zu sorgen, dass niemand unter zu viel Belastung kollabiert. Da sind wir wiederum beim Punkt der ehelichen Kommunikation, die sich stark auf die Kinder auswirkt.

Wie wir mit Konflikten, Meinungsverschiedenheiten und Fehlern umgehen, färbt stark darauf ab, wie sie – als Geschwister, Freunde oder in der späteren Ehe – agieren.

Hier versuche ich, den Eltern schrittweise zu zeigen, was auf ein Kind, dass in einer Familie groß wird, alles wirkt. Und wie erheblich ihr Einfluss – und ihre Macht – hier ist.

Oft wird das gerne als Machtausübung genossen, aber viel seltener als Verantwortung. Häufig fehlt es Elternteilen an Selbstreflexion, sodass sie nicht merken, wenn sie in einer Stresssituation überreagieren. Es fällt schwer, sich einzugestehen, dass die Art und Weise, wie man eben bspw. mit dem Kind gesprochen hat, unangebracht war.

Ein gewisses Maß an Reibungen und Konflikten sind unumgänglich. Eltern sind nie Roboter, sondern Menschen. Wir sind fehlerbehaftet und keiner perfekt. Das wissen wir als Muslime auch.

Kinder brauchen keine Robotereltern, die immer alles richtig machen. Das würde ihre Widerstandsfähigkeit – die Resilienz, von der wir sprechen – nicht entstehen lassen. Sie wächst erst durch Reibereien.

Es ist ein Hauptaugenmerk meiner Arbeit, sich und das elterliche Verhalten zu reflektieren. Wenn das Kind falsch handelt, ist es unsere Verantwortung, ihm zu zeigen, dass das unangemessen war.

Nur muss ich für eine Verhaltenskorrektur nicht brüllen, geschweige denn schlagen, diskriminieren, beleidigen oder mit den Worten „Du bist nicht mehr mein Sohn/meine Tochter!“ aufs Zimmer verbannen. Da gibt es weitaus nachhaltigere Methoden.

Was zu sehr in den Hintergrund gerät, ist die Beziehung beider Seiten. Es wird stark auf das Verhalten dieses Kindes geguckt, was korrigiert werden soll. Eltern laufen mit einem „Scanner“ durch den Alltag und reagieren alarmiert, sollte es sich danebenbenehmen. Ich bemühe mich, sie dafür zu sensibilisieren, dass eine Bindung nicht nur aus negativer Aufmerksamkeit bestehen kann.

Man stelle sich als Erwachsener vor, der Chef, für den man seit Jahren arbeitet, würde einen jeden Tag nur kritisieren. Das fühlt sich für uns schlimm an. Und ein Kind hat ja nochmal eine ganz andere Bindung zum Elternteil. Als reifer, erwachsener Mensch kann man sich i.d.R. innerlich distanzieren.

Aber ein Kind ist abhängig von der elterlichen Meinung, der Laune, dem Wohlwollen und ihrer Liebe. Wie sollte es bei rein negativer elterlicher Aufmerksamkeit die Erfahrung machen, dass es gut ist? Elternschaft beginnt immer bei Eltern, nicht erst mit den Kindern.

Familie

Foto: Seventyfour, Adobe Stock

„Eine starke Zunahme in den vergangenen Jahren“

Islamische Zeitung: Auf Ihrer Website sprechen Sie von vermehrten psychischen Krankheiten. Um welche handelt es sich und was sind Folgen für Familien?

Aminah Salaho: Deutschlandweit haben immer mehr Kinder und Jugendliche nachweislich psychische Störungen. Angststörungen sind hier führend. Da gibt es eine starke Zunahme in den vergangenen Jahren. Direkt auf dem 2. Platz folgen Depressionen.

Was wir ebenfalls beobachten, und Lehrer bestätigen, sind Schwierigkeiten im sozial-emotionalen Bereich.

Das heißt, wir erfahren in den letzten Jahren, dass die emotionale Sphäre bei Kindern immer schlechter entwickelt ist. Das sind vor allem jene, die sich nicht altersangemessen regulieren können. Sie können Konflikte nicht gut austragen und fahren schnell aus der Haut.

Als von Angststörungen Betroffene hat mir geholfen, zu erfahren, wie Angststörungen bei mir persönlich entstanden sind. Im Idealfall reflektiert man sich und fragt, wieso mich dieses oder jenes momentan so intensiv beschäftigt. Warum sieht man schnell die Gefahren und das mit einer Lupe?

Die Arbeit hat viel mit mir und meiner eigenen Geschichte zu tun. In meiner Masterarbeit habe ich mich erstmals mit Traumata beschäftigt. Und bin dabei auf das Thema posttraumatische Belastungsstörung gestoßen. Ich habe in zwei literarischen Werken Menschen verglichen, die mit Erinnerungskultur und Kriegstraumata im Zuge der Kolonialgeschichte zu tun hatten.

Und stellte beim Lesen fest: Das kommt dir alles bekannt vor. Dann habe ich das innerhalb der Familie besprochen und das war der Startschuss. An die Oberfläche wurde das Thema katapultiert, nachdem mein erstes Kind eine chronische Krankheit entwickelt hat. Das hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen.

Ich habe mich gefragt, als Muslimin, warum kann ich das nicht akzeptieren, obwohl es von Allah geschrieben ist? Nach dieser Erfahrung habe ich eine Therapie gemacht und konnte dabei die Ursprünge erkennen. Und so mehr Verständnis für mich aufbringen.

Um den Bogen zur Frage zu schlagen – meine eigenen Erlebnisse haben dazu beigetragen, dass ich muslimische Eltern begleiten möchte. Ich habe mich u. a. mit der prophetischen Biografie beschäftigt. Und damit, wie er mit Kindern umging – auch mit ihren Fehlern.

Und dabei festgestellt, dass ich es in meiner Kindheit anders erlebt habe, wie so viele in unserer Generation. In seinem Umgang mit ihnen wird ersichtlich, dass das Kind – selbst im Moment des falschen Handelns – an sich gut ist.

Die Überlieferungen, auf die ich im Rahmen meiner Suche gestoßen bin, haben mich sehr inspiriert, aber auf der anderen Seite wütend gemacht: Weil die Diskrepanz zwischen diesem Vorbild und dem, was in unseren Reihen noch an Erziehungsmethoden praktiziert wird, so groß ist.

Dazu gehören Aussagen wie: „Ja, wenn mein Kind widerspricht, kriegt es eine Klatsche. Der muss Respekt lernen.“ Solche Ansichten sind immer noch stark verwurzelt. Auch deshalb tue ich, was ich tue.

frauen

Foto: Tinnakorn, Shutterstock

„Es gibt gravierende Unterschiede in spezifischer Hinsicht, was Erziehungsmethoden und Haltungen angeht“

Islamische Zeitung: Um hier anzuknüpfen – es gibt nicht eine Form der muslimischen Familie. Das ganze Spektrum reicht von konvertierten Elternteilen, über die Nachkommen der „Gastarbeiter“ in der 4. Generation bis zu jenen, die erst seit wenigen Jahren hier sind. Wie relevant ist das Thema Gewalt?

Aminah Salaho: Ich kann keine Statistik zitieren, wie es hierbei in muslimischen Familien aussieht. Sondern nur wiedergeben, was ich an Berichten bekomme und in meinem Umfeld beobachte.

Ich möchte positiv starten. Es ist mir wichtig, die Menschen zu motivieren, die das lesen. Es gibt eine gute Entwicklung und Tendenz. Das Bewusstsein für die weitreichenden negativen Auswirkungen von Gewalt steigt.

Die Resultate laufen neben uns, sind nicht beziehungsfähig, oft cholerisch-aggressiv, geschweige denn konfliktfähig oder völlig angepasst und emotional abhängig bis hin zur gänzlichen Selbst-Entfremdung. Und wir sprechen hier nicht nur von physischer Gewalt. Das ist eine Gewaltform, die nicht zu trennen ist von psychischer.

Ein Kind, das durch sein Heranwachsen hinweg geprügelt wird, ist nicht nur körperlich kaputt, sondern auch seelisch. Es herrscht aber auf jeden Fall mehr Bewusstsein dafür, was schädlich ist und was nicht. Wir haben insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten sehr viele Geschwister dazubekommen, die sich im Bereich der (Entwicklungs-)Psychologie, der Erziehungswissenschaft etc. engagieren. Sie bilden sich fort und betreiben Aufklärung. Das ist positiv.

Die Horrorgeschichten, die ich in meiner Kindheit in meinem Umfeld mitbekommen habe, werden meinem subjektiven Eindruck nach weniger. Das könnte auch daran liegen, dass ich im Umfeld besonders mit hier geborenen MuslimInnen in Kontakt stehe. Was am Ende hinter verschlossenen Türen stattfindet, kann niemand sagen.

Bei jenen, die nicht so lange in Deutschland sind, spielen kulturellen Einflüsse eine Rolle. Und ja: Es gibt gravierende Unterschiede in spezifischer Hinsicht, was Erziehungsmethoden und Haltungen angeht. Es ist mir wichtig, dass wir die islamischen Werte mit in die Arbeit einfließen lassen und sie als Ressource annehmen. Unser Prophet hat in keiner Weise Gewalt in der Familie angewandt – nicht einmal in Form von Drohungen.

Im Alltag werden Eltern stark durch kindliches Fehlverhalten getriggert. Das ist teils normal. Entscheidend ist, dass wir so damit umgehen, dass sie nicht gebrochen oder zerstört werden.

Es gibt zwei Hadithe vom Propheten, wie er in solch einem Fall gehandelt hat. Er hat das Kind weder verurteilt, nicht einmal böse angeschaut. Er ist auf sie zugegangen und war offen für sie.

Diese Perspektive ist entwicklungspsychologisch kraftvoll. Wenn wir unser Kind gestresst angucken, empfängt bereits viel. Es hat ausgeprägte Fühler und weiß genau, Mama geht es gerade nicht gut. Wir wissen vom Propheten (Allah segne ihn und schenke ihm Frieden), dass er ihnen gegenüber z. B. immer ein freundliches Gesicht hatte.

Das heißt, er war ein wirklich regulierter Mensch, der in sich sein Verhalten gut kontrollieren konnte.

Wie hat unser Prophet denn kindliches Fehlverhalten korrigiert? Er hat erstmal eine Verbindung hergestellt – auf unterschiedlichen Ebenen, körperlich, durch Gestik, Mimik und Worte, die er gewählt hat. Dann hat er eine Ansage gemacht und abschließend manchmal ein Du’a gesprochen bzw. über den Kopf gestreichelt.

Es wird seinen Grund gehabt haben, dass er weder ein Kind auf die Hand gehauen hat, weil es etwas genommen hat, oder keine beleidigenden Worte aussprach. Er hat es nicht mal ignoriert. Ignorieren ist eine unterschätzte seelische Gewaltform. Wenn wir Liebe und Aufmerksamkeit verweigern, ist das ein gewalttätiger Versuch, es mit allen Mitteln gefügig zu machen.

Foto: Gabe Pierce, Unsplash

„Es beginnt immer bei uns selbst“

Islamische Zeitung: Wie von Ihnen beschrieben, ist Barmherzigkeit nicht nur Kennzeichen des prophetischen Verhaltens gewesen, sondern auch wichtig in der Erziehung. Wie kann man sie hier stärken?

Aminah Salaho: Es beginnt immer bei uns selbst. Jüngeren Menschen, die kleine Kinder haben bzw. frisch verheiratet sind, rate ich, dass sie sich einen Rucksack vorstellen, den sie von ihren Eltern bekommen haben.

Der ist gefüllt mit den Merkmalen der eigenen Erziehungserfahrung. Darin sind Dinge, die einem rückblickend gutgetan oder sie gestärkt haben. Diese gibt man gerne an die eigenen Kinder weiter.

Was möchten wir weitergeben und was nicht? Eine Tabelle mit diesen beiden Seiten schriftlich anfertigen. Damit beginnt es. Jedes Elternteil sollte wissen, wie es im eigenen Rucksack aussieht. Darum sollten wir uns bemühen.

Dann würde ich Eltern, die schon Kinder haben, von Beginn an empfehlen, einen Grundsatz zu Hause zu etablieren: Alle Gefühle sind erlaubt, aber nicht jedes Verhalten. Hier wird es spannend.

Viele in meiner Generation lernten, immer gehorsam zu sein. Ich bspw. kam in die 8. oder 9. Klasse und war nicht in der Lage, eigene Ansichten zu formulieren. Für mich war es normal, dass Meinungen von Eltern vorgegeben wurden

Und ich kam dann in die Schule, wo über verschiedene Themen diskutiert wurde. Ich saß da und dachte: Wieso können die das alle?

Warum sage ich das? Weil wir zu Hause unsere Kinder dahingehend beeinflussen. Dürfen sie eine Meinung haben? Es ist ganz oft so, dass Eltern knallhart Grenzen ziehen und erwarten, dass das mit einem Lächeln angenommen wird.

Völlig unrealistisch. Kinder, die so konditioniert sind, handeln vollkommen angepasst – wie Roboter. Irgendwann, wenn die Pubertät beinahe beendet ist, kompensieren sie das manchmal mit extremen Gegenbeispielen.

Das heißt, ein Kind, das zu Hause stets eingeschüchtert wird, dessen Alltag darin besteht, dass Vater bzw. Mutter schreien oder aggressiv sind, lernt, dass das Zuhause ein alarmierender Ort ist. Das wirkt sich negativ auf das Nervensystem aus. Purer Stress…

Deswegen lernen wir an erster Stelle, Gefühle zuzulassen. Wenn ein Kind wegen der ihm gesetzten Grenze wütend ist, ist das okay. Ich bleibe dabei, aber akzeptiere dieses Gefühl. Und halte aus, sollte es motzen oder die Tür hinter sich zuknallen. Es geht um sämtliche Emotionen – Wut, Angst und Traurigkeit. Diese Dinge sollten wir nicht absprechen und unser Kind in ihnen begleiten.

Barmherzigkeit findet sich besonders stark auch im elterlichen Umgang mit kindlichen Fehlverhalten wieder. Hierzu sage ich den Eltern gern provokativ: Dein Kind steht dem Paradies näher als du. Ein islamisch gesehen wichtiger Fakt, denn vor Eintritt der Reife (Pubertät) werden keine Sünden aufgeschrieben.

Wir hingegen haben diesbezüglich schon ziemlich viel Ballast angesammelt. Warum sage ich das den Eltern? Weil wir mehr Demut in unserer Haltung brauchen. Denn die überhebliche, autoritäre und makellos gespielte Elternrolle ist meinem Verständnis nach nicht vereinbar mit unserem islamischen Verständnis.

Es sollte unsere Aufgabe sein, unsere Kinder in ihrer natürlichen Veranlagung anzunehmen, sie nicht über ihre Fehler zu definieren (und diese noch Wochen, Monate oder Jahre dem Kind nachtragen), es in seinem gesamten Wesen zu sehen, positive Eigenschaften wertzuschätzen und dann erst zu korrigieren.

Das ist der Ansatz, den ich mit der barmherzigen Elternschaft verfolge: Zuerst die Eltern-Kind-Beziehung stärken, bereits dadurch erübrigen sich viele Themen. Und wenn nicht, braucht das Kind durch uns Grenzen, die wir auf barmherzige Weise klar setzen.

Ebenso lege ich Eltern ans Herz, nicht den Fehler zu machen, ihre Kinder vor allen Problemen schützen zu wollen. Wir nehmen ihnen damit die Gelegenheit, Problemlösungskompetenzen zu entwickeln.

Wenn sie ihr Sportzeug vergessen, sollte man es nicht immer mit dem Auto hinterherbringen. Es darf lernen und frustriert sein. Erziehung bedeutet Vorbereitung auf das erwachsene Leben.

Gelegenheiten, in denen sie selbst mit Herausforderungen umgehen müssen, sind wertvoll für die Selbstwirksamkeit. Andernfalls entstehen Dynamiken, die bis ins Erwachsenenalter wirken und die Resilienz langfristig schwächen.

Ich möchte Eltern auch dahingehend motivieren, Religion als spirituelle Ressource zu begreifen. Das passiert zu selten. Glaube spielt oft erst ab dem Punkt eine Rolle, wenn etwas haram ist.

Plötzlich klingen die Alarmglocken und dann kommt die berühmte „Haram-Keule“, wie ich sie gern mit Augenzwinkern nenne. Stattdessen müssen wir frühzeitig mit dem Sinn des Glaubens begleiten.

Er sollte nicht erst eine Rolle spielen, wenn das Kind etwas tun möchte, was aus deiner Sicht nicht mit dem Islam konform ist. Selbst aus psychologischer Perspektive kann Religion eine Ressource sein. Und ein kraftgebendes Element.

Islamische Zeitung: Liebe Aminah Salaho, wir bedanken uns für das Gespräch.

Kontakt: www.rahmafamily.de/rfc-landingpage, instagram.com/aminah.salaho/

, , ,

Unternehmertum zwischen Glauben und Gewinn

Unternehmer

Wie eine neue Generation muslimischer Unternehmer Erfolg neu definiert. Von der Verzweiflung zur Vision: Wenn der Nine-to-Five-Job zur spirituellen Sackgasse wird. AutorInnen aus einem Sammelband berichten.

(iz). Es ist Montagmittag, 11:47 Uhr. Nadine sitzt im Großraumbüro und starrt auf ihren Bildschirm. In drei Minuten beginnt das Meeting. Das Mittagsgebet? Unmöglich. Wieder. Ihr Chef hat bereits beim letzten Mal die Augen verdreht, als sie nach einem Gebetsraum fragte. „Können Sie das nicht zu Hause machen?“, hatte er gefragt. Als wäre ihr Glaube ein Hobby, das man nach Feierabend pflegt. Von Susann Uçkan

Nadine ist keine Einzelfall. Tausende Muslime in Deutschland erleben täglich diesen inneren Konflikt: Wie vereinbart man die Anforderungen der modernen Arbeitswelt mit den eigenen Werten? Wie bleibt man sich selbst treu, wenn das System einen immer wieder zum Kompromiss zwingt?

Die Antwort, die immer mehr Muslime für sich finden, lautet: Selbstständigkeit. Doch dieser Weg ist steinig, voller Zweifel und gesellschaftlichem Druck. „In meiner Familie galt nur eines als sicher: eine feste Anstellung“, erzählt Suleiman Kassem, heute erfolgreicher Unternehmer. „Als ich sagte, ich will mich selbstständig machen, hielten mich alle für verrückt. ‘Du hast doch studiert! Wirf das nicht weg!‘“

Das Playbook, das fehlte

Genau für Menschen wie Nadine und Suleiman haben 22 muslimische Selbstständige und Unternehmer unter der Leitung von mir, Susann Uçkan, etwas Einzigartiges geschaffen: „Business Muslim“ – ein umfassendes Handbuch für muslimisches Unternehmertum im deutschsprachigen Raum. Kein theoretisches Werk, sondern ein Playbook aus der Praxis, für die Praxis und von der Umma für die Umma.

„Wir waren alle an diesem Punkt. Wir hatten die Idee, den Willen, vielleicht sogar das Startkapital. Aber was uns fehlte, war ein Kompass. Wie macht man Business, ohne seine Seele zu verkaufen? Wie wird man erfolgreich, ohne die Gebete zu opfern? Wie navigiert man durch Steuern, Marketing und Preisgestaltung… halal?“

Das Buch ist keine spirituelle Abhandlung, die Business romantisiert. Es ist knallhart praktisch: Von der Wahl der richtigen Rechtsform über Buchhaltung und Steuerfallen bis hin zu Launch-Strategien und Preisfindung. Aber – und das macht es besonders – immer mit einem klaren ethischen Fundament.

Wenn die Absicht zum Geschäftsmodell wird

„Die Taten sind nur nach den Absichten“, zitiert Tarek Hazzaa, einer der Autoren, den Propheten Muhammad (Frieden und Segen auf ihn). „Das ist nicht nur ein frommer Spruch. Das ist die Grundlage von allem.“

Die Niyya, die Absicht, ist im muslimischen Unternehmertum der Kompass, der alle Entscheidungen leitet. Warum mache ich das? Um Geld zu verdienen? Um der Familie zu beweisen, dass ich es kann? Oder um der Umma zu dienen, halal Einkommen zu erwirtschaften, Zeit für die Familie zu gewinnen?

„Mit der richtigen Niyya wird dein Business zur Ibada, zum Gottesdienst“, erklärt Hazzaa. „Jede E-Mail, jedes Kundengespräch, jede Rechnung kann eine Form der Anbetung sein, wenn die Absicht rein ist.“

Das klingt spirituell. Ist es auch. Aber es hat ganz konkrete Auswirkungen auf den Geschäftsalltag. Ein Unternehmer, der sein Business als Ibada versteht, trifft andere Entscheidungen. Er verkauft nicht um jeden Preis. Er täuscht nicht. Er opfert nicht seine Gesundheit für den nächsten Deal.

Der Prophet als Geschäftsmann

Dabei ist die Verbindung von Glaube und Geschäft keine neue Erfindung. Der Prophet Muhammad (Frieden und Segen auf ihn) selbst war ein erfolgreicher Händler, bevor er seine Offenbarung erhielt. Seine Reputation? Al-Amin, der Vertrauenswürdige. Sein Geschäftsmodell? Radikale Ehrlichkeit.

„Stell dir vor“, sagt Anwar El Younouss, Experte für ethischen Verkauf, „du gehst zu einem Autohändler, und er sagt dir von sich aus: ‘Dieser Wagen hat einen Motorschaden. Ich rate Ihnen davon ab.’ Das ist das Prinzip von Amana: der Treuhänderschaft. Du bist nicht nur deinem Gewinn verpflichtet, sondern der Wahrheit.“

Diese Ehrlichkeit wird oft als Nachteil im rauen Business-Alltag gesehen. Ein Luxus, den man sich nicht leisten kann. Die Autoren argumentieren das Gegenteil: In einer Welt voller leerer Marketing-Versprechen, Fake-Bewertungen und manipulativer Verkaufstaktiken ist Ehrlichkeit der größte Wettbewerbsvorteil.

Vertrauen ist zur wertvollsten Währung geworden und wir haben das Betriebssystem dafür: den Islam.

Die Halal-Hürde: Zwischen Prinzipientreue und Pragmatismus

Doch der Weg ist nicht ohne Hindernisse. Die größte Herausforderung? Kompromisslos halal zu bleiben, auch wenn es wehtut.

Muhammet Güneş, der die Lackiererei seines Vaters übernahm, erinnert sich an einen Moment, der alles veränderte: „Ein Kunde wollte, dass ich sein Auto lackiere. Gutes Geld. Aber dann sah ich, dass auf der Motorhaube ein riesiges Bier-Logo stehen sollte. Werbung für Alkohol.“ Er lehnte ab. Der Kunde war fassungslos. Die Familie verständnislos. „Aber ich konnte nachts wieder schlafen.“

Diese Momente sind es, die den Business Muslim definieren. Momente, in denen Prinzipien wichtiger sind als Profit. Keine Zinsen, auch wenn die Bank mit „günstigen Konditionen“ lockt. Keine Kunden, deren Geschäftsmodell haram ist, auch wenn sie sechsstellige Aufträge versprechen. Keine Täuschung im Marketing, auch wenn „alle es so machen“.

„Das Schwierigste ist die Geschwister-Rabatt-Falle“, gesteht Gülcan Özdemir offen. „Du baust dir mühsam ein Business auf, kalkulierst fair und dann kommt jemand aus der Community und erwartet einen Freundschaftspreis. Als wäre es haram, von anderen Muslimen Geld zu nehmen.“

Das Buch geht auch dieses heikle Thema ohne Tabus an: Wie kommuniziert man klare Grenzen, ohne als geldgierig zu gelten? Wie dient man der Umma, ohne sich selbst aufzugeben?

Tawakkul: Die Kunst, loszulassen

Und dann ist da noch die Angst. Die lähmende, allgegenwärtige Angst. Was, wenn es nicht klappt? Was, wenn ich meine Familie nicht ernähren kann? Was, wenn alle recht haben, die gesagt haben: „Bleib doch einfach angestellt“?

Hier kommt Tawakkul ins Spiel: das Vertrauen auf Allah nach eigener Anstrengung. „Tawakkul ist kein passives Warten“, stellt Nina Berthold klar, die selbst mehrere gescheiterte Versuche hinter sich hat. „Es heißt: Binde dein Kamel fest an, und vertraue dann auf Allah. Nicht andersherum.“

Das bedeutet: Du erstellst den Businessplan. Du lernst Marketing. Du sprichst mit Kunden. Du tust alles in deiner Macht Stehende, mit Exzellenz, mit Ihsan. Und dann, wenn du alles gegeben hast, legst du das Ergebnis in Allahs Hände.

„Diese Haltung hat mich gerettet“, erzählt Berthold. „Als mein erster Launch floppte, hätte ich aufgeben können. Aber ich sah es nicht als Scheitern, sondern als Prüfung. Vielleicht schützte Allah mich vor etwas. Vielleicht war es nicht der richtige Zeitpunkt.“ Sie machte Istikhara, adjustierte ihre Strategie und beim zweiten Versuch funktionierte es.

Die gefährliche Mitte

Eine der schärfsten Analysen im Buch betrifft die Positionierung: Für wen mache ich mein Business eigentlich? Die muslimische Community? Den Mainstream-Markt? Beide?

Die gefährlichste Position ist die unentschlossene Mitte. Wenn du versuchst, es allen recht zu machen, sprichst du am Ende niemanden richtig an.

Ich beschreibe dabei drei Optionen: Den klaren Fokus auf die muslimische Community, mit tiefem Verständnis, aber begrenztem Markt. Die universelle Positionierung, mit größerer Reichweite, aber ohne den USP der geteilten Identität. Oder den Hybrid-Ansatz, der beides verbindet, aber absolute Authentizität verlangt.

Was auch immer du wählst, versteck dich nicht. Dein Muslim-Sein ist kein Makel, den du kaschieren musst. Es ist deine Superkraft.

Ramadan im Business: Realität statt Romantik

Das Buch romantisiert nichts. Es spricht auch die harten Wahrheiten an. Nadine Ben Kahla widmet ein ganzes Kapitel dem Thema „Business im Ramadan“ und räumt mit frommen Illusionen auf.

„Vergiss den Gedanken, dass du im Ramadan genauso produktiv bist wie sonst“, sagt sie unverblümt. „Du fastest. Du betest mehr. Du schläfst anders. Das ist okay.“ Ihre Empfehlung: Reduziere deine Arbeitszeit auf 50-60 Prozent, kommuniziere das klar mit Kunden, fokussiere dich auf Routine statt Innovation und halte die letzten zehn Tage komplett frei für Ibadah.

„Das ist kein Schwächezeichen“, betont sie. „Das ist Respekt vor dem, was wirklich zählt.“

Foto: Freepik.com

Wenn Frauen führen: Das Vorbild Khadidscha

Besonders bewegend sind die Abschnitte über Khadidscha, die erste Ehefrau des Propheten, Frieden und Segen auf ihm. Eine erfolgreiche Geschäftsfrau ihrer Zeit, die Karawanen führte und internationale Handelsbeziehungen pflegte und gleichzeitig eine spirituelle Führerin war.

„Khadidscha zeigt uns“, schreibt Hatice Avci, „dass Spiritualität und Geschäftssinn keine Gegensätze sind. Sie war nicht erfolgreich, obwohl sie spirituell war. Sie war erfolgreich, weil sie spirituell war.“

Für muslimische Frauen, die sich selbstständig machen wollen, ist das eine kraftvolle Botschaft. In einer Gesellschaft, die sie oft unterschätzt, und manchmal auch in einer Community, die ihnen Steine in den Weg legt, ist Khadidscha der Beweis: Es geht. Und es ist erlaubt. Und es ist ehrenwert.

Der Weg ist das Ziel und die Prüfung

„Business Muslim“ ist kein Erfolgs-Garantie-Schein. Es ist ehrlich genug, um zuzugeben: Der Weg wird hart. Es wird Momente geben, in denen du an dir zweifelst. In denen die Familie dich nicht versteht. In denen Kunden ausbleiben und das Konto leer ist.

Aber es bietet etwas anderes: Einen Rahmen. Eine Community. Ein Betriebssystem für wertebasiertes Unternehmertum.

Suhila Thabti-Megharia, Gedächtnistrainerin und Mutter von drei Kindern, fasst es so zusammen: „Ich habe zwischen Windeln und Vorlesungen angefangen. Keine Zeit, kein Geld, keine Sicherheit. Aber ich hatte eine klare Niyya und die fünf Gebete als Anker. Und jeden Tag, wenn ich nach dem Fajr-Gebet am Schreibtisch saß, spürte ich: Das hier ist richtig. Das hier hat Barakah.“

Die obere Hand

Am Ende geht es beim muslimischen Unternehmertum um mehr als nur Geld. Es geht um die „obere Hand“: das Prinzip, zu geben statt zu nehmen, zu dienen statt nur zu verdienen.

„Wenn dein Business läuft“, sagt Jamal Faièz, „bist du in der Position zu helfen. Du kannst Arbeitsplätze schaffen. Junge Menschen ausbilden. Projekte unterstützen. Du wirst vom Konsumenten zum Creator. Das ist deine Verantwortung als Teil der Umma.“

Diese Vision – eine Generation muslimischer Unternehmer, die nicht nur erfolgreich sind, sondern die Gesellschaft aktiv mitgestalten – zieht sich durch das gesamte Buch.

Ein Manifest für die nächste Generation

„Business Muslim“ ist fast schon eine Art Manifest. Ein Weckruf an all jene, die in Büros sitzen und spüren: Das kann nicht alles sein. An diejenigen, die eine Idee haben, aber nicht wissen, wie sie anfangen sollen. An die, die gescheitert sind und Mut für einen zweiten Versuch brauchen.

Es ist die Botschaft: Du kannst erfolgreich sein, ohne deine Seele zu verkaufen. Du kannst Gebete halten und trotzdem Deals machen. Du kannst halal leben und trotzdem prosperieren.

Nadine, von der wir am Anfang sprachen? Sie hat gekündigt. Vor sechs Monaten. Heute berät sie Unternehmen zu inklusiver Arbeitsplatzgestaltung und betet, wann sie will. „Ich verdiene weniger als früher“, sagt sie. „Aber ich fühle mich reicher. Weil ich wieder atmen kann.“

„Business Muslim“ von Susann Uçkan und 21 weiteren Autoren ist ein umfassendes Handbuch für muslimisches Unternehmertum und ab sofort erhältlich. Es deckt alle Bereiche von der ersten Idee bis zur Skalierung ab, immer mit islamischen Werten als Fundament. Für alle, die aufhören wollen, sich anzupassen und anfangen wollen, zu gestalten.

Mehr Infos zum Buch: https://halalmediasolution.com/business-muslim-das-buch/

Buch hier kaufen: https://www.epubli.com/shop/business-muslim-9783565083985