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Wer wenn nicht wir? Zur ökologischen Verantwortung von Muslimen

Ausgabe 324

Foto: Anke van Wyk, Adobe Stock

(iz). In ungezählten Versen des Qur’an wird die Verantwortung des Menschen für den Zustand, den Erhalt und die Pflege unserer natürlichen Umwelt hervorhoben. Allah hat den Menschen zu seinem Statthalter, Stellvertreter, Kalifen berufen: nicht um der Macht willen, im Sinne von „Macht Euch die Erde untertan“, sondern um seiner Verantwortung willen für den Fortbestand und die Weiterentwicklung der göttlichen Schöpfung. Diesen Auftrag Gottes an die ganze Menschheit müssen wir heute zuallererst ökologisch verstehen. Er richtet sich in besonderer Weise an uns Muslime, weil der Qur’an zuerst den in der Wüste lebenden Arabern offenbart wurde, die nur überleben konnten, wenn sie im Einklang mit den Naturgegebenheiten, mit Pflanzen und Tieren lebten.

Heutzutage wird viel zu spät das um sich greifende, von uns Menschen verursachte Artensterben beklagt. Wer denkt dabei nicht an den Propheten Noah, der auf seiner Arche von jeder Art ein Paar aufnahm, um bedrohte Tierarten vor dem Untergang zu retten. Eine solche Menschheitsaufgabe steht heute vor uns. Die globale Erwärmung ist ein Menetekel, ähnlich wie es die legendäre Sintflut gewesen ist, die letzte Warnung vor dem drohenden Untergang der ganzen menschlichen Zivilisation einschließlich der irdischen Tier- und Pflanzenwelt. 

Unter Muslimen werden vor allem der Westen, Europa und die USA, für die Klimakatastrophe verantwortlich gemacht. Der eigene Anteil – als Opfer und als Täter – wird dabei oft übersehen. Die wesentliche Triebkraft beim Treibhauseffekt war und ist das Öl. Die Hauptförderländer sind seit mehr als hundert Jahren die arabischen Ländern, der Iran und angrenzende Regionen im Nahen und Mittleren Orient. Vom Ölboom profitieren bis heute machtgierige Potentaten und Eliten, die das islamische Erbe für sich beanspruchen und ein rückständiges Islamverständnis vorleben und weitertragen, das mit der Lebenswirklichkeit allzu vieler Musliminnen und Muslime nicht das Geringste zu tun hat.

Vergessen wir nicht – der Krieg in der Ukraine beweist es täglich aufs Neue – dass der Kampf um das Öl die Hauptantriebskraft für die meisten Kriege der vergangenen fünfzig Jahre geliefert hat: in Iran und Irak, in Syrien, Jemen, Angola, Algerien und so weiter und so fort. Die muslimischen Bewohner in den Förderländern wurden nicht gefragt, ob sie mit der Ausbeutung ihrer wichtigsten Bodenschätze einverstanden waren, aber offenkundig hat es dagegen nur wenig Widerstand gegeben. Aber vor allem in der niedrigeren und volksnahen Geistlichkeit war die Ansicht weit verbreitet, dass das Öl „schmutziges Gold“ und unreines „Teufelszeug“ war. 

An der ökologischen Verwüstung im Nahen und Mittleren Osten ist sicher nicht nur das Öl schuld. Auch die Baumwolle, angepriesen als unbelastetes Naturerzeugnis, hat längst ihre Unschuld verloren. Durch die künstliche Bewässerung, die für den Anbau der Baumwolle erforderlich war, wurden den Flüssen Amur-Daja und Syr-Daja so viel Wasser entzogen, dass als Folge der Aralsee bis auf ein Zehntel seines früheren Umfangs eintrocknete und weite Landstriche regelrecht verwüstet wurden. Der Bau immer neuer Staudämme an den Oberläufen von Euphrat und Tigris in der Türkei verringert die Wasserzufuhr im Irak. Bis zum Delta der Flüsse gelangt nicht mehr genügend süßes Wasser, sodass die Dattelpalmen in den Feuchtgebieten vom Salzwasser, das aus dem Golf eindringt, abgetötet werden. Auch an der Tierliebe mancher Muslime darf gezweifelt werden. Bislang gibt es in den muslimischen Kernländern nur sehr wenige Naturreservate.

Viele Tiere, die früher überall heimisch waren, Löwen, Tiger, Wölfe, Gazellen, Hirsche, Adler, Geier oder Störche, gelten vielerorts als ausgestorben. Es wäre an der Zeit, sie wieder anzusiedeln. Selbst der Wal, der einst den Propheten Junus ans rettende Ufer getragen hat, bedarf in den Meeren des Nahen Ostens eines umfassenden Artenschutzes.

Von der Behandlung der Nutz- und Schlachttiere möchte ich gar nicht erst reden. Sie werden zwar halal geschlachtet, aber wie werden sie gehalten und transportiert? In den Supermärkten wird ihr Fleisch an langen Theken roh und nackt zum Kauf angeboten. Wäre da nicht etwas mehr Sensibilität angebracht? Zuhause bei meiner Mutter in der Küche hieß es immer: „Rohes Fleisch gehört zugedeckt“. In England und den USA ist es üblich, dass tierische Produkte in einem abgetrennten Kühlraum verkauft werden. Warum nicht in unseren von Muslimen geführten Kaufhäusern?

Und wie sieht es vor unserer eigenen Haustür, vor den Eingängen zu unseren Moscheen hierzulande aus? Ich hoffe, das Plastikgeschirr und -besteck in so mancher Küche oder Teestube gehört bald der Vergangenheit an, und die aus dem Orient importierten Plastikblumen werden schleunigst entsorgt. Ich wünsche mir unsere Moscheen als grüne Oasen in der Betonwüste. Auf die Dächer gehören Sonnenkollektoren, und an den kahlen Wänden könnte Efeu ranken. Wo immer sich Platz findet, könnten Bäume, und Büsche und Blumenstauden wachsen. In Kübeln könnten, um die Verbundenheit mit den muslimischen Kernländern zu zeigen, Oliven, Feigen oder Zitronen gedeihen, die im Winter notfalls ins Innere der Moscheen getragen werden können. An den Bäumen und Wänden sollten Nistkästen für geflügelte Gäste angebracht werden, und für Spatzen, Tauben und Krähen sollte es in einer Ecke immer ein Bisschen zu fressen geben. Nicht zu vergessen: Der Fahrradstand neben dem Eingang – anstelle eines betonierten Parkplatzes.

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