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Die Welt schaut zu: Auch dreißig Jahre später ist der Balkan ruhelos

Ausgabe 319

Foto: MoD Republic of Serbia, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

(iz). Im kommenden Jahr wird sich das kleine Balkanland Bosnien und Herzegowina an den Anfang des Bürgerkrieges erinnern, der zwischen 1992 und 1995 wütete und mit dem Genozid der muslimisch-bosniakischen Bevölkerung seinen bitteren Höhepunkt erreichte. Zur schwierigen Aufgabe der Vergangenheitsbewältigung kommt nun eine weitere Problemlage für das ohnehin kriegstraumatisierte, multiethnische Volk hinzu. Das Land befindet sich in einer der größten sicherheitspolitischen Krisen seit 1995.

Milorad Dodik, politisches Oberhaupt der Republika Srpska, die Teil Bosniens ist, kündigte an, dass er die Entität aus der verfassungsmäßigen Ordnung von Bosnien und Herzegowina zurückziehen werde, um dem Zentralstaat Kompetenzen zu entziehen, die das Finanzwesen, die Armee und die Justiz betreffen. Das Vorhaben wurde in einer Abstimmung des Regionalparlamentes beschlossen und innerhalb von sechs Monaten sollen neue Gesetze entworfen werden, die, laut Dodik, zu Gunsten der Serben entstehen sollen, da die bisher geltende Gesetzeslage die Muslime bevorteilen würde. Unterstützt wird er dabei von Russland.

Bosnien und Herzegowina ist seit Beendigung des Krieges 1995 ein institutionell und politisch ungemein komplizierter Staat. Das Friedensabkommen, welches 1995 in Dayton in den USA beschlossen wurde, brachte eine muslimisch und kroatisch geprägte Föderation hervor, sowie eine serbisch dominierte Republika Srpska. Das Land ist somit zweigeteilt und dadurch jahrzehntelang von Spannungen geprägt, die nun zu eskalieren drohen und eine Sezession zur Folge haben könnten.

Teil der nationalistisch-serbischen Rhetorik, die als Motor für die aktuellen politischen Umwälzungen agiert, ist die fortwährende Behauptung, der Westen würde gegen die Interessen der Serben agieren, obwohl die Erschaffung der Republika Srpska als solche von vielen Bosniaken als Schlag ins Gesicht gesehen wurde, da sie den Genozid an den Muslimen des Landes mit einer eigenen Entität für die Serben „belohnte“, die im bosniakischen Volksmund oft als Territorium beschrieben wird, das auf den Massengräbern der im Krieg ermordeten Muslime errichtet wurde. Die dort Ansässigen, Muslime wie Christen, fanden dennoch einen Weg, das Zusammenleben weitestgehend friedlich und traditionell nachbarschaftlich zu gestalten und in die Zukunft zu blicken, die sie ohnehin gemeinsam zu bewältigen haben.

Die Wunden des letzten Balkankrieges sind jedoch noch nicht verheilt, und werden durch die aktuellen Ereignisse wieder aufgerissen. Es herrscht Alarmbereitschaft in allen Bevölkerungsgruppen. Denn damals, Ende der 80er, knapp ein Jahrzehnt nach Ableben des jugoslawischen Präsidenten Tito, der nach dem Zweiten Weltkrieg einen sozialistischen Vielvölkerstaat schuf und ihn Zeit seines Lebens zusammenhielt, hätte sich kaum jemand vorstellen können, dass Jugoslawien zerfallen und sich das Staatsmotto „Brüderlichkeit und Einigkeit“ als tragische Illusion herausstellen würde. Heute will man besonnener und klüger sein, aus alten Fehlern lernen. Insbesondere die Muslime befürchten neue Aggressionen gegen sie, bis hin zur Möglichkeit des Ausbruchs eines neuen Krieges.

Auch international sind Experten und Politiker besorgt um die Entwicklungen im Westbalkan. Die neue deutsche Außenministerin Annalena Baerbock forderte kürzlich Sanktionen gegen Milorad Dodik, der den Frieden des Landes bedrohe. Es bleibt zu hoffen, dass die internationale Gemeinschaft es nicht versäumen wird, neue Gewalteskalationen in Bosnien zu verhindern und den kleinen Staat, der sich innerhalb der letzten Jahrzehnte mühsam seine Institutionen aufgebaut hat, vor einem weiteren Zerfall zu schützen.