Im Frühjahr hat der Imam Benjamin Idriz in einem offenen Brief den Kanzler zu einem Gespräch eingeladen. Dieser hat die Chance ausgeschlagen.
(iz). Benjamin Idriz hat mit einem Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz ein stilles, aber deutliches Signal gesetzt: Er widerspricht der pauschalen Rede vom „Frauenbild im Islam“ – und lädt den Kanzler zugleich zum Gespräch nach Penzberg ein.
In einer aufgeheizten Atmosphäre seit Oktober 2023 markiert dieses Schreiben den Versuch, die Debatte über Muslime und ihre Religion zurück auf eine differenzierte, dialogische Grundlage zu holen.
Beim F.A.Z.-Kongress 2026 in Frankfurt knüpfte Merz die Debatte über Gewalt gegen Frauen eng an Zuwanderung und verwies dabei ausdrücklich auf „das Familienbild im Islam“ und „das Frauenbild in diesen Gesellschaften“. Während er Beifall im Saal erhielt, lösten seine Worte bei vielen Muslimen Irritation und die Sorge aus, erneut als Kollektiv problematisiert zu werden.
Merz traf einen Nerv: Seit den Terroranschlägen der Hamas im Oktober 2023 und dem Krieg in Gaza haben sich Misstrauen und Distanz zwischen Bundesregierung und islamischen Organisationen spürbar verschärft, Klagen über Generalverdacht und einseitige Erwartungen zur Distanzierung häufen sich.

Foto: B. Idriz
Benjamin Idriz ist seit Jahren eine prominente Stimme einer dialogorientierten Community. Die Islamische Gemeinde Penzberg gilt bundesweit als Modellgemeinde: Sie wird regelmäßig von Spitzen aus Politik, Kirchen und Wissenschaft besucht, darunter Bundespräsident Steinmeier und jüngst der bayerische Ministerpräsident Söder.
Idriz verbindet Gemeindearbeit mit theologischer Reflexion. Sein Buch „Der Koran und die Frauen“ wird inzwischen in fünfter Auflage aufgelegt und dient vielen als Referenz für ein, aus der Lehre begründetes Verständnis geschlechtergerechter Religionspraxis.
In Penzberg, darauf verweist er ausdrücklich, haben Musliminnen Leitungsfunktionen inne, gestalten das religiöse Leben mit und sind an allen Entscheidungsprozessen beteiligt. Gleichberechtigung soll hier Alltag, nicht bloß Programmsatz sein.
In seinem Schreiben an Merz setzt Idriz nicht bei der Verteidigung gegen Kritik an, sondern bei der Unterscheidung: Er akzeptiert ausdrücklich, dass problematische gesellschaftliche Entwicklungen benannt werden müssen, betont aber, entscheidend sei die „begriffliche Rahmung“.
Wenn der Kanzler vom „Frauenbild im Islam“ spreche, verwische er die Grenze zwischen religiöser Norm, kulturellen Praktiken und individuellen Fehlentwicklungen – und erwecke so den Eindruck, das Problem liege im Glauben selbst.

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Dem hält Idriz eine Gegenlektüre entgegen: Qur’an und prophetische Tradition formulierten ein Frauenbild, das auf Würde, Verantwortung, spiritueller Gleichwertigkeit und sozialer Gerechtigkeit beruhe; Defizite seien Folge historischer und sozialer Konstellationen, nicht religiöser Vorgaben.
Zugleich unterstreicht er, dass die eigene Gemeinde nicht nur theoretische Positionen vertrete, sondern Strukturen geschaffen habe, in denen Frauen tatsächlich mitbestimmen und gegen Diskriminierung aktiv vorgegangen werde. Damit verschiebt er den Fokus: Weg von abstrakten Zuschreibungen, hin zu konkreten Praxisbeispielen, an denen sich politische Debatten messen lassen.
Zentraler Punkt des Briefes ist die Einladung an den Kanzler, die Penzberger Gemeinde zu besuchen. Idriz schlägt vor, den von Merz eingeforderten „offenen Diskurs“ durch direkte Begegnung zu unterfüttern und daraus eine sachlich fundierte Debatte auf Augenhöhe zu machen.
Er bietet an, dem Bundeskanzler sein Buch zu überreichen und das Gespräch über Frauenrechte, Religion und Integration auf eine wissenschaftlich und praktisch erprobte Basis zu stellen.
Gleichzeitig verweist er höflich, aber unmissverständlich auf die Verantwortung politischer Spitzen für Ton und Wirkung ihrer Worte. Wer Debatten anstoße, müsse dafür sorgen, dass neben berechtigter Kritik auch positive Beispiele sichtbar würden – gerade jene Gemeinden, die sich aktiv für Gleichberechtigung einsetzen.
Ein solcher Perspektivwechsel, so die Botschaft, stärke das Vertrauen von Muslimen in die Institutionen und ermutige diejenigen, die seit Jahren an einem partnerschaftlichen Miteinander arbeiten.

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Seit den Massakern vom 7. Oktober 2023 und dem Gazakrieg hat sich die Kommunikation zwischen Moscheeverbänden und Bundesregierung spürbar verschlechtert: Viele Gemeinden berichten von wachsender Verunsicherung, angespannten Sicherheitslagen und einem Diskurs, in dem Muslime häufig in sicherheits- oder problembezogenen Kontexten vorkommen.
Vorwürfe pauschaler „Importprobleme“, Diskussionen um Demonstrationsverbote und islamfeindliche Übergriffe haben das Vertrauen auf beiden Seiten belastet.
In dieses Klima hinein ist der Brief aus Penzberg mehr als eine Einzelreaktion auf eine unglückliche Formulierung. Er markiert den Versuch, die Beziehung zwischen Staat und Muslimen nicht defensive Stellungnahmen überlassen, sondern sie über konkrete Kooperation und theologisch reflektierte Praxis neu zu justieren.
Dass ein bundesweit vernetzter Imam früh und öffentlich das Gespräch mit Merz sucht, zeigt, dass es in Moscheegemeinschaften nicht an Ansprechpartnern mangelt, sondern an politischen Formaten, die diese Ressourcen ernsthaft nutzen. Das Schreiben ist damit ein Test: ob die Bundesregierung bereit ist, differenzierte muslimische Stimmen nicht nur als Adressaten von Integrationsappellen, vielmehr als Partner in einer gemeinsamen Wertearbeit wahrzunehmen.