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Das Spektakel der EM 2024

Ausgabe 349

EM 2024 spektakel
Foto: Maciej Rogowski Photo, Shutterstock

EM 2024: Die laufende Fußballeuropameisterschaft begeistert das Publikum. Ein Essay über Begeisterung, Sieg und Niederlage.

(iz). Vor vielen Jahren stellte der Soziologe Gabriel Tarde die These auf, dass der sogenannte Zustand der Menschen ein hypnotischer oder schlafwandlerischer sei. 

Die EM 2024 als Spektakel

Bei den Europameisterschaften spielen Anhänger und Kritiker des Spektakels aus ihrer jeweiligen Perspektive mit diesem Ansatz. Für viele Fans ist diese Veranstaltung ein emotionaler Höhepunkt ihrer Gefühlswelt. Sie zelebrieren eine Art des Wir-Gefühls und sind von der Magie des Sports auf höchst schlichtem Niveau begeistert.

Andere sehen in den Spielen eine Ablenkung von den drängenden Problemen der Zeit; in der hypermoralischen Variante nicht nur ein Schlafwandeln, sondern eine Geschmacklosigkeit gegenüber dem Leid, dass die aktuellen und drohenden Kriege unserer Zeit verursachen.

Vielleicht zeigt sich aber hier nur der natürliche Drang hart arbeitender Menschen, sich eine verdiente Auszeit von den persönlichen und gesellschaftlichen Problemen zu nehmen.

Foto: Mpel24, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Teil unseres Lebens

Die „Stadion-Renaissance“, wie Peter Sloterdijk sie nennt, ist ein fester Bestandteil des modernen Lebens. Schon die im 20. Jahrhundert wiederbelebte olympische Idee barg nach der Sicht des Philosophen eine Verstärkung des Sogs zur physischen Massenveranstaltung; auch wenn sie entpolitisiert, internationalisiert und medial gebrochen wurde.

Bei der Europameisterschaft zeigt sich das Problem der Masse in der allgegenwärtigen Furcht, dass die fahnenschwenkenden Fans sich jenseits der Stadien in einem wiederbelebten Nationalismus sammeln. Kurzum: Man ahnt, dass aus jedem Spiel mit dem Nationalgefühl ernstere Varianten entstehen können.

Hier gilt es über den grundlegenden Unterschied zwischen dem Geschehen im Fußballtempel und dem – meist wilderen – Treiben auf der Straße nachzudenken. Das Phänomen Stadion erlaubt Emotionen, dient als Ventil für sie, funktioniert aber gleichzeitig innerhalb eines engen Regelwerks, dass auf dem Rasen sowie auf der Tribüne gilt.

Die Zuschauer und Spieler werden von unzähligen Kameras überwacht und die allgemeine Ordnung ist in jedem Moment gewährleistet. Kein Vergehen – der Wurf eines Bechers auf das Spielfeld, ein Foul sowie das Zeigen einer vulgären oder ideologischen Geste – bleibt unbemerkt. Nicht zuletzt ist das Spiel als TV-Event eine günstige Gelegenheit, politische korrekte Botschaften unters Volk zu bringen.

Im Gegensatz zur Straße – das Stadion ist ein Raum der Regeln

Auf der Straße ist das Geschehen ambivalenter; man könnte sagen unheimlicher als in der Sportarena. Hier sieht man die Faszination des Stroms Zehntausender Fans, die jubelnd marschieren, aber auch die kleineren Rinnsale der Verrückten, Entzückten, Enttäuschten oder die Gruppe der gewalttätigen Hooligans.

Es ist letztlich die Macht der Kameras, die sympathische und unsympathische Phänomene problemlos aus der Menge herausfiltern können. Man muss hier erwähnen, dass der Sport ein ökonomisches Interesse daran hat, dass die positiven Bilder überwiegen. Apropos Ökonomie: Nach der Weltmeisterschaft in Qatar sind auch Sponsoren aus der Region wieder gern gesehene Gäste.

Foto: Mo Photography Berlin, Shutterstock

Ist das Spiel politisch?

Nicht wenige Beobachter beklagen, dass der Fußball eine „politisierte“ und keine „neutrale“ Zone ist. Gegen eine Entpolitisierung sprich die gesellschaftliche Bedeutung des Sports. Die deutsche Nationalmannschaft ist nicht nur eine Sammlung der besten Profis. Sie muss heute mehr leisten, vermittelt sie doch eine zentrale Botschaft, die mit dem Zauberwort „Vielfalt“ zusammenfällt.

Bejubelt werden – soweit die Theorie – alle Sportler, von Toni Rüdiger bis Toni Kroos, unabhängig davon, ob sie einen Migrationshintergrund haben oder nicht. Die Formel, „ganz unabhängig von Deinem Hintergrund, Du kannst es in dieser Gesellschaft schaffen“, soll bis in den letzten Winkel der Republik verstanden werden. Der demonstrative Zusammenhalt der Fußballmillionäre wird so zu einer Inszenierung, die sich zum Vorbild für das Zusammenleben in den Problemvierteln unserer Großstädte eignen soll.

Auch Niederlagen sind realistisch

Man kann von Siegen träumen, aber auch Niederlagen sind realistisch. Das Scheitern überhöhter Ansprüche an die Außenwirkung des Fußballs zeigt sich unter anderem in der der Distanz der Rechten im Lande zu diesem Team, das ihnen nicht „deutsch“ genug ist. In der Praxis hallt das berühmte Wort Mesut Özils nach, er sei nur Deutscher gewesen, solange gewonnen wurde, wurde aber bei Niederlagen wieder zum Immigranten mutiert.

Tuisa Hilft - Kurban

Fußball kann die Probleme des Landes nicht lösen, in Teilen spiegelt er sie. Vielleicht kann man sich zumindest darauf einigen, dass ein wenig Spaß in trüben Zeiten erlaubt sein muss. Es würde sicher nicht schaden, wenn unser Land Europameister würde.

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