„Wenn sie die Schule verlassen, dann haben meine Jungs vier Dinge, deren Vermittlung ich als meine Pflicht ansehe: Gottesfurcht, Loyalität, Mut und Großzügigkeit.“ (Thomas Arnold, bedeutender Âbritischer Pädagoge des 19. ÂJahrhunderts)
(iz). Die Erziehung ist – wie freier Handel, Pressefreiheit und die „universalen Menschenrechte“ – eines jener Themen, deren Wert als augenÂscheinlich betrachtet wird. LogischÂerweise qualifiziert sich jedes Paket vor unseren Toren, das mit diesem quasi-magischen Etikett versehen ist, für einen sofortigen Einlass. ÂFragen werden nicht gestellt. ÂDiese unkritische Akzeptanz hat die Diskussion derartiger lebenswichtiger Fragen ernsthaft beschädigt.
In der Erziehung beispielsweise drehen sich die meisten unserer Diskussionen um Statistiken zur Schreib- und Lesefähigkeit Âsowie um die Notwendigkeit von ÂMinÂdestmengen bei Studienabschlüssen in einem bestimmten Land – basierend auf dem Standard der Industrieländer. Die zentrale Frage nach dem Lehrplan – oder sogar die fundamentalere nach dem Sinn von Erziehung – erregt unsere Aufmerksamkeit nicht. Unsere Aufgabe besteht augenscheinlich nur darin, den Fußstapfen des ÂBisherigen zu folgen.
In der Moderne wurde Erziehung zu einer Verlängerung des ÂkaÂpitalistischen Systems. Ihr Zweck ist demnach die Bereitstellung qualifiÂzierter Arbeitskräfte für Âseine Maschinerie und willige Konsumenten für seine Produkte. Oder um es höflicher zu formulieren: Der Sinn der Erziehung ist die Schaffung von wirtschaftlichem Wohlstand für ein Land. Gleiches gilt heute für die Sinnhaftigkeit der ÂErÂziehung auf individueller Ebene. Sie gilt nur als die Befähigung, sich einen anständigen Lebensunterhalt zu verdienen.
Obwohl ein [islamisch] Âerlaubter Lebensunterhalt und die Sorge um das ökonomische Wohlergehen für ein Land selbstverständlich ebenfalls wichtige Ziele für Muslime sind, ist die Verbindung von ErzieÂhung mit finanziellen Zielen extrem unglücklich. Eine solche Haltung verwandelt die Zentren des Lernens in bloße BerufsÂbilÂdungsÂzentren, soweit es Form und Geist betrifft. Dergleichen ÂdegraÂdiert Erziehung und dadurch die Gesellschaft.
Wir müssen uns an die ausschlagÂgebende, aber ihre vergessene Rolle erinnern. Ohne einen gemeinsamen Rahmen, der ihre Mitglieder verbindet, kann keine menschliche Gesellschaft dauerhaft existieÂren. Sie wird sich auflösen und von anderen Gesellschaften aufgesogen werden.
Des Weiteren muss diese Gesellschaft sicherÂstelÂlen, dass die gemeinsame Grundlage von Generation zu ÂGeneration weitergegeben wird. Dies ist der wirkliche Sinn von Erziehung. Der Zustand des Erziehungswesens lässt sich direkt in die Gesundheit oder Krankheit jener Gesellschaft übersetzen, der sie dienen soll.
Materielle Probleme plagen alle Schichten der muslimischen Gemeinschaften. Warum finden sich so viele von ihnen heute im Griff von so viel Materialismus wieder? Wie könnte man etwas anderes erwarten, wenn unser gesamtes ErzieÂhungssystem das Evangelium des Materialismus predigt? Warum sehen wir in unserem Verhalten ÂgeÂgenüber unserem Nächsten so wenige Manifestationen des Verhaltens und der Ethik des Islam? Weil es dem dominanten Erziehungswesen sämtlicher moralischer Unterweisung fehlt.
Erziehung im Islam bedeutete immer auch eine Pflege des menschÂÂlichen Wesens. Moralische Unterweisung, Tarbija, war einer ihrer unveräußerlichen Bestandteile. Der Lehrer war nicht nur ein bloßer Dozent oder ein bloßer ÂProfesÂsioneller, sondern ein Mentor und ein Vorbild.
Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Kein Vater kann seinen Kindern ein größeres Geschenk geben als gute, moralische Unterweisung.“ Alle Pläne zur Verbesserung unserer Erziehung bleiben vollkommen ergebnislos, solange wir diese wichtige Tatsache nicht verstehen.