Ein Essay von Tahir Chaudhry

(iz). Zurzeit erleben wir eine weitere Episode der Provokation von Muslimen. Sie begann mit einigen Ausschnitten des Schmäh-Films „Die Unschuld der Muslime“ und es folgten gewaltsame Proteste und Übergriffe auf Auslandsvertretungen in der islamischen Welt.

Ähnliche Empörung riefen unter anderem die Mohammed-Karikaturen von Kurt Westergard, Der Film „Fitna„ von Gert Wilders oder der „Burn a Koran Day„ von Pastor Terry Jones hervor. Jeder von ihnen hat Bewunderer in der westlichen Welt gefunden, die die Provokateure als Freiheitskämpfer und Verfechter der Demokratie feiern. Der erstere von ihnen wurde sogar von der Bundeskanzlerin für sein „unbeugsames Eintreten„ für die Meinungs- und Pressefreiheit ausgezeichnet.

Und immer ist es die gleiche Leier: Zuerst hetzt ein Irrer unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit gegen den Islam. Dies treibt extremistische Kräfte in der islamischen Welt zu Gewaltakten an. Flaggen werden angezündet, Autos brennen, Botschaften werden zerstört, Morddrohungen werden ausgesprochen und unschuldige Menschen sterben. Und während die Landsleute des Hetzers weltweit in Gefahr leben, sitzt dieser an einem sicheren Ort und beobachtet das Spektakel völlig „überrascht“.

Wie feige und unverantwortungsvoll ist das bitte? Als wäre der Unruhestifter darüber verwundert, dass er sich für immer in den Geschichtsbüchern verewigen würde.

Trotzdem gibt es einen markanten Unterschied zu der vergangenen Islam-Hetze. Europa befindet sich in einer gigantischen wirtschaftlichen Krise. Die arabische Welt hatte vor Kurzem seinen Arabischen „Frühling“, der durch den Westen energisch gestützt wurde. Nun greifen aber „Islamisten“ nach der Macht und drängen die Zukunft in eine totale Ungewissheit. Gerade jetzt – wo alles außer Kontrolle zu geraten scheint – haben es westliche Staaten verstanden, wie wichtig es ist deeskalierend zu wirken. Denn in instabilen Zeiten suchen Menschen nach festen Werten.

In der arabischen Welt, gibt es extreme Randgruppen, die sich gerade solche Schmähungen zu Nutze machen, um durch die Schaffung eines westlichen Feindbildes vermehrt Anhänger zu generieren. Genauso gilt es auch für den Westen. Denn auch hier gibt es viele Stimmen, die sich gegenseitig darin bestärken, die Meinungsfreiheit als höchstes und grenzenloses Gut anzuerkennen.

All dies damit wir in der Gegenüberstellung zu konträren Wertvorstellungen unseren zivilisatorischen Fortschritt beweisen können. Aber ist derjenige zivilisatorisch am fortgeschrittensten, der die Verletzung der menschlichen Gefühle oder die Beleidigung einer Religion duldet oder gar fördert und dadurch das soziale Klima gefährdet? Was ist das für ein Maßstab?!

Und es ist ja geradezu en vogue zu sagen: „Also mir ist nichts heilig! Sollen die verkrampften Muslime sich mal nicht so anstellen! Die müssen mal endlich verstehen, dass wir hier immer noch die Meinungsfreiheit haben!„ Bei all der Erregung vergisst man es ganz zu differenzieren. Niemand fragt sich wirklich wie viele es sind, die sich wirklich an gewaltsamen Ausschreitungen beteiligen. Diese Minderheit ist nicht einmal in Prozenten auszudrücken. Es gibt über 1,3 Milliarden Muslime in der Welt.

Sie reagieren meist auf ihre Weise, indem sie mit Freunden und Bekannten sprechen, sie aufklären, vielleicht auch klagen oder friedlich demonstrieren. Niemand von ihnen kommt auf die Idee, Angst und Schrecken zu verbreiten.

Anstatt diesen stumpfsinnigen Film zu ignorieren hat man diesen Beachtung geschenkt. Dabei spielt es keine Rolle, wie billig dieser Film produziert sein mag. Ob würde die Qualität des Films über die Dimension einer Schmähung entscheiden. Bestimmt nicht! Der in den Medien allgegenwärtige Mob, der durch die Straßen zieht und scheinbar gezielt auch die deutsche Botschaft angegriffen haben soll, handelt nicht aus Liebe zum Propheten und aus religiöser Verpflichtung heraus.

Ihr weltlicher Frust sucht ein entsprechendes Ventil und wird fündig. Gerade Muslime, die den Anspruch erheben den Propheten Muhammad zu lieben und zu ehren, werden in diesem Fall selbst zur Ursache von sinnloser Gewalt und der Ermordung unschuldiger Menschen. Es widerspricht in jeder Hinsicht der Lehren des Islam. Denn der Islam sieht für Verunglimpfungen und blasphemische Äußerungen keinerlei weltliche Strafe vor.

Der einzige islam-konforme Weg gegen Blasphemie und Verunglimpfung vorzugehen ist durch Aufklärung und Argumentation. Außerdem werden die Muslime im Koran diesbezüglich angesprochen: „Sicherlich […] werdet ihr viel Verletzendes zu hören bekommen von denen, die vor euch die Schrift empfingen, und von den Götzendienern. Doch wenn ihr Standhaftigkeit zeigt und redlich handelt, fürwahr, das ist eine Sache fester Entschlossenheit.“ (Der Koran, 3:187)

Das Recht auf freie Meinungsäußerung als integraler Bestandteil der islamischen Lehre wirkte nicht nur anziehend für Nicht-Muslime, sondern selbst für den Spötter. Denn auch zu Lebzeiten des Propheten Muhammad wurde er unzählige Male vor seinen Anhängern verspottet. Doch warnte der Prophet immer wieder seine Gemeinschaft davor diesen etwas anzutun. Was bringt es auch, jemanden mit Einschüchterung und Gewalt zum Schweigen zu bringen?

Ändert sich dadurch eine Meinung? Respekt, Ehre, Liebe, Wertschätzung kommen nur vom Herzen und können nicht erzwungen werden. Stattdessen wird den Muslimen verordnet die Gefühle anderer nicht zu verletzen: „Und schmähet nicht die, welche sie statt Allah anrufen, sonst würden sie aus Groll Allah schmähen ohne Wissen.„ (Der Koran, 6:106-107)

Es ist an der Zeit, dass die Mehrheit der Muslime, ihren Beitrag für ein friedliches Zusammenleben leistet, indem sie aktiver und transparenter nach außen tritt. Die deutsche Öffentlichkeit verlangt einmal mehr nach den moderaten Muslimen.

Tuisa Hilft - Kurban

Auf der anderen Seite: So wie wir bestrebt sind, dass sich kein religiöser Fanatismus in der Gesellschaft breit macht, sollten wir auch bestrebt sein anti-religiösen Fanatismus Einhalt zu gebieten. Daher ist die Entscheidung eine öffentliche Aufführung seitens rechtextremen Gruppierungen zu begrüßen. Der Rechtsstaat hat nicht nur zum Ziel, die Freiheiten des Einzelnen zu verteidigen, sondern auch den gesellschaftlichen Frieden zu sichern. Es ist doch auch gerade ein Signal an die Welt, dass wir ein tolerantes Land sind, das die Beschimpfung einer Religion und Kränkung vieler Menschen verurteilt.