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Gewalt in Ehe und Familie: Zeit, über Missbrauch zu reden

Ausgabe 311

Foto: Prostock-studio, Adobe Stock

Im vergangenen Jahr erlebten 1.600.000 Frauen und 786.000 Männer in England und Wales häuslichen Missbrauch. Weit entfernt von vereinzelten körperlichen Angriffen ist familiäre Gewalt ein ganzes Umfeld, in dem die psychologische, wirtschaft­liche, sexuelle und sogar technologische Freiheit und das Wohlbefinden einer ­Person belagert werden. Von Hamzah Zahid

(The Muslim Vibe). Jede einzelne Person aus den vielen ­Statistiken hat eine lange Überlebensgeschichte in einem brutalen und lang anhaltend ungerechtem Umfeld. Außerdem müssen wir bedenken, dass diese Zahlen weit davon entfernt sind der Wirklichkeit zu entsprechen. Eine Kultur der Scham und der Täter-Opfer-Umkehr meint, dass häuslicher Missbrauch nicht ausreichend gemeldet wird.

Gewalt und Misshandlung in der ­Familie ist ein schwerwiegendes und stark unterschätztes Problem. Wir hören davon in Medien, sehen Statistiken und erfahren davon durch Hörensagen. Dies stellt ­jedoch nur die Spitze des Eisberges dar. Daher sollte das, was wir tun müssen, um diesen Missstand zu beheben, konsequent und umfassend sein, um die ­verschiedenen Facetten und Spielarten häuslicher Gewalt zu erfassen.

Die amerikanische Psychologin Lenore Walker veröffentlichte eine Theorie über den Kreislauf des Missbrauchs. Sie baute ihre Überlegungen auf den Berichten geschlagener Frauen auf. In Folge erkannte sie, dass es zyklisch zu einem Muster bei Angriffen und ihren Methoden gibt.

Ihr Kollege Dr. Bill McGees Rat zum Durchbrechen dieses Teufelskreises liegt zuerst in der Erkenntnis, dass eine Person sich in einer Situation des familiären Missbrauchs befindet. Dies gestaltet sich äußerst schwierig, da die Phase der ­körperlichen Gewalt die kürzeste Phase ist und der Aggressor sein Verhalten immer mit Versprechungen der Veränderung untermauert.

Der zweite Schritt besteht in der räumlichen Trennung. Man kann nicht genug betonen, wie schwierig dies ist. Das Opfer muss nicht nur mit der Drohung des ­Täters fertig werden, sondern die Lage auch den Kindern erklären (wenn sie ­welche haben), was traumatisierend sein kann. Zusätzlich braucht es einen sicheren Ort für das Opfer.

Beide Schritte verweisen auf eine wichtige Rolle für die weitere Gemeinschaft. Erstens: wir müssen das Bewusstsein für häusliche Gewalt erhöhen, sodass die ­Betroffenen besser ihre Lage erkennen. Zweitens müssen Wohltätigkeitsorganisationen, Frauenhäuser und Zufluchtsorte, die Platz für die Opfer bieten, zur Verfügung stehen und angemessen finanziert sein. Noch wichtiger ist, dass die Kultur der Scham enden muss, die Gewalt in der Familie umgibt. Das gilt insbesondere für Frauen, die gering geschätzt werden, wenn sie den gemeinsamen Haushalt verlassen.

Auch Männer sind Opfer häuslichen Missbrauchs. Vorstellungen von Männlichkeit machen den Bericht solcher ­Vorfälle sehr schwer. Die australische Forscherin Dr. Sarah Wallace, die auf männliche Erfahrungen des Themas spezia­lisiert ist, ist der Ansicht, dass das Schweigen unter Männern noch größer ist. Sie gelten in dem Fall als schwach und unmännlich. Auch hier ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffern deutlich höher sind.

Dies weist uns auf ein wichtiges Gespräch über Männlichkeit hin. Einerseits sehen wir, dass Vorstellungen von Maskulinität aktiv dazu führen, dass sie in häuslichen Missbrauchssituationen gefangen werden. Andererseits schreibt Dr. Toby D. Goldsmith, dass der Glaube, dass Frauen nicht gleichwertig mit Männern seien und dass Frauen von Männern kontrolliert werden sollten, eine Ursache für familiäre Gewalt ist.

Damit keinerlei Missverständnisse aufkommen: Häuslicher Missbrauch ist in all seinen Formen im Islam verboten. Wer sich diesem abscheulichen Verhalten auch nur nähert, riskiert es, den Zorn Gottes über sich zu bringen.

Selbst ein oberflächlicher Blick auf das Leben des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, macht es sehr deutlich, dass Gewalt in der Familie ein Anathema ist für die vollwertige Selbstlosigkeit und das übersprudelnde Mitgefühl, welche er verkörperte, Heil und Segen auf ihm.

Es gibt viele Aussagen, in denen ausdrücklich Gewalt gegen Frauen verurteilt werden:

„Schlag nicht die Dienerinnen Allahs.“ (Abu Dawud)

„Schlagt sie nicht und verunglimpft sie nicht.“ (Abu Dawud)

Darüber hinaus berichtete ‘Aischa, möge Allah mit ihr zufrieden sein, dass der Gesandte Allahs, möge Allah ihn ­segnen und ihm Frieden geben,“niemals einen Diener, eine Frau oder irgend jemanden mit seiner Hand schlug“ (Ibn Madscha).

Bei einer anderen Gelegenheit beschwor der Prophet, Allahs Heil und Segen auf ihm, den Zorn Gottes, nachdem er über ein Individuum unterrichtet wurde, das seine Frau schlug.

Im Qur’an wird klar gemacht, dass Ehe auf Liebe und Barmherzigkeit beruht: „Und es gehört zu Seinen Zeichen, dass Er euch aus euch selbst Gattinnen erschaffen hat, damit ihr bei ihnen Ruhe findet; und Er hat Zuneigung und Barmherzigkeit zwischen euch gesetzt. Darin sind wahrlich Zeichen für Leute, die nachdenken.“ (Ar-Rum, Sure 30, 21)

Jeder, der auch nur ein Fünkchen Mitgefühl hat, sollte angesichts des Ausmaßes häuslicher Gewalt erschaudern. Es ist ein solch ungeheuerlicher Verstoß gegen grundlegende menschliche Verhaltensweisen. Der Weg zu einer Veränderung ist schwierig. Wir brauchen ein gründliches Verständnis für häusliche Gewalt und müssen gewährleisten, dass dieses Bewusstsein in unsere gesellschaftlichen Strukturen eingeflochten wird. Wir müssen auch sicherstellen, dass Wohltätigkeitsorganisationen und Frauenhäuser ausreichend finanziert werden; solche ­Organisationen müssen eine stärkere Priorität erhalten, wenn es darum geht, wo wir spenden.

Aber um dieses Problem wirklich in den Griff zu bekommen, braucht es eine bessere und ganzheitlichere Ausbildung für Jungen und Männer. Darüber hinaus müssen religiöse Einrichtungen häusliche Gewalt eindeutig verurteilen.

Beim Yaqeen Institute, einer Bildungseinrichtung von US-Muslimen, findet sich ein Reader zum Thema des Artikels:
https://yaqeeninstitute.org/wp-content/uploads/2017/05/Domestic-Violence.pdf

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