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Hanau und Erinnerungskultur

Ausgabe 309

Foto: Jürgen Nowak, Shutterstock

(iz). Die Reaktionen am ersten Jahrestag des rassistisch motivierten Anschlages von Hanau waren eindeutig. Am 19. Februar 2020 hatte der 43 Jahre alte Tobias R. neun Menschen erschossen. Die Bundesanwaltschaft attestierte ihm eine zutiefst rassistische Gesinnung. Unabhängig von Herkunft, Konfession oder politischer Ausrichtung wurde die Tat verurteilt, und angemahnt die Morde in die deutsche Erinnerungskultur aufzunehmen.

Der Befund über die Lage der Nation ist eindeutig und wurde von Bundespräsident Steinmeier zusammengefasst: „Lasst nicht zu, dass die böse Tat uns ­spaltet!“ Die Morde seien kein Zufall gewesen. Hass, Rassismus, Hetze gegen ­Muslime und Juden und Überlegenheitsfantasien richteten sich „sehr genau gegen sehr bestimmte Menschen“. Aufklärung und Aufarbeitung der Tat nannte der Bundespräsident „Bringschuld des Staates gegenüber der Öffentlichkeit und vor ­allem gegenüber den Angehörigen.“

In den sozialen Medien wurden die Opfer namentlich genannt und daran erinnert, dass in Deutschland noch immer Minderheiten benachteiligt werden. Fakt ist, die Alltagsdiskriminierung ist für viele tägliche Erfahrung und eine ganze Generation leidet unter dem Gefühl, keine Anerkennung als BürgerInnen zu finden. Der Ruf nach staatlichen Maßnahmen gegen Rassismus sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Einzelne gefragt ist, Stellung zu beziehen. Am Arbeitsplatz, auf der Straße, in sozialen Medien gilt es, der Radikalisierung zu begegnen.

Wie genau die Spaltung im Lande und die Ideologisierung von Menschen in Echokammern zu überwinden ist, bleibt, wenn man ehrlich ist, ein Jahr nach dem Ereignis von Hanau eine offene Frage. Die Kernfrage: wie und wo erreicht man die Bevölkerungsschichten, die verbal und real die Stimmung anheizen? Wie bricht man die zahlreichen Echokammern auf, die eine ideologische Zuspitzung politischer Meinungen betreiben?

Die Erkennungsmerkmale radikaler Brandstifter sind – unabhängig von der Verortung – immer die Gleichen. Zur Verrohung des Diskurses ­gehört eine maßlose Sprache und die pauschale Zuordnung von bestimmten Eigenschaften gegenüber Bevölkerungsgruppen. Die allgegenwärtige, unbedachte Verwendung des Plurals, die Flüchtlinge, die ­Juden oder die Muslime, führt zu einem Klima der Polarisierung, die Gewalt in verschiedensten Formen begünstigt.

Es fehlt auch an einer Kultivierung der Gesprächskultur zwischen den sich unversöhnlich gegenüberstehenden gesellschaftlichen Strömungen. Der zivilisierte Umgang mit anderen Positionen ist eine Übung die Geduld erfordert. Das Dilem­ma: Zeit bleibt dafür wenig.

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