Mein Weg zum Islam

Ausgabe 292

Foto: Haris Bronja, flickr

(iz). Christopher Isherwoods Berlin-Roman „Mr. Norris steigt um“ (1933 vor Machtergreifung der Nazis geschrieben), handelt von einem schwer fassbaren und großspurigen, englischen Gentlemen und zwielichtigen Geschäftsmann, der ganz unerwartet kommunistische Neigungen hat.

Im Verlauf der Erzählung begleitet der Erzähler Mr. Norris zu einer kommunistischen Zelle in Berlin. Dort trifft er auf einen Funktionär, der ihn zu seiner politischen Haltung befragt. Mr. Norris sagt, dass er die Nazis verabscheut, aber der Funktionär weist ihn zurecht. „Ah, aber dass dürfen Sie nicht!“, sagt er. „Diese Meinung ist recht falsch. Der Nazi von heute kann der Kommunist von morgen sein. Wenn sie gesehen ­haben, wohin das Programm ihrer Führer sie gebracht hat, ist es vielleicht nicht so schwer, sie zu überzeugen …“

Ähnlich soll unsere Haltung gegenüber rechtsgerichteten Islamophoben sein. Sie mögen im Moment ganz ausgesprochen in ihrem Hass auf Islam sein. Aber manchmal braucht es für sie nicht so viel, um zu einem vollkommen anderen Standpunkt zu gelangen. Wie einige Fälle zeigen könnten.

Ein Fall behandelt Joram Van Klaveren. Das ehemalige Mitglied der weit rechts stehenden Niederländischen Freiheitsparte (PVV) von Geert Wilders. Er gab Oktober 2018 bekannt, dass er zum Islam konvertiert sei. Van Klaveren sagte, er sei vom ausdrücklichen Islamkritiker zum neuen Muslim geworden, als er für ein Buch zum Thema Islam recherchierte.

„Während des Schreibens bin ich auf immer mehr Dinge gestoßen, die meine Sicht auf den Islam ins Wanken gebracht haben“, sagte er gegenüber dem niederländischen Rundfunk. Van Klaveren war ein lautstarker Kritiker und sagte zuvor „der Islam ist eine Lüge“ und „der Koran ist Gift“. Heute meint Van Klaveren, er habe sich „einfach geirrt“.

Mehr noch: Bin ich mit Personen weit rechter Überzeugung konfrontiert, die boshafte Angriffe auf den Islam führen, erinnere ich mich nach anfänglichen Gefühlen des Ärgers und Unverständnisses daran, geduldig und tolerant zu sein. Immerhin war ich – vor nicht allzu Langem – einer von ihnen. Ein Islamhasser, der einen Sinneswandel erlebte.

Ein Amerikaner, aber gebürtiger Berliner, kam ich nach vier Jahren Universität in den USA sowie fünf Jahren Arbeit als Journalist und Englischlehrer in Prag zurück in meine Stadt. Bei meiner Ankunft in Berlin war ich Katholik, Verehrer der klassischen deutschen Literatur und ein überzeugter Konservativer.

Traurigerweise hatte das Berlin, zu dem ich zurückkehrte – so meine damalige Meinung –, seinen einstmals stolzen Traditionen den Rücken zugewandt. Deutschland wäre nicht länger das Land der „Dichter und Denker“, dass sich fehlgeleiteten multikulturellen Idealen verkauft hätte. Ich glaubte, es werde schnell von Einwanderern aus muslimi­schen Ländern überrannt.

Ich nahm an rechtsgerichteten Demos teil, abonnierte die „Junge Freiheit“ (konservative, weit rechte Wochenzeitung). Und 2003, gewillt die letzte europäische Festung des Nationalismus zu besuchen, machte ich mich auf die Reise nach Serbien. Amerikaner zu sein, spielte eine Rolle in meinem Umgang mit Serben. Den USA gegenüber konnten sie niemals gleichgültig bleiben. Die NATO-Luftangriffe von 1999 wurden unausweichlich erwähnt. Die Bombardierung von Restjugoslawien löste gemischte Gefühle in mir aus. Und ich kaufte den alba­nischen Anspruch auf das Kosovo nicht ab. Dass 90 Prozent seiner Bevölkerung albanisch war, hat es für mich nicht weniger Teil Serbiens sein lassen.

Ich ging nicht vollkommen unvorbereitet auf meine erste Serbienreise. Ich nahm eine Ausgabe von Peter Handkes „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ in meinem Rucksack mit, um Verdächtigungen vorzugreifen. In seinem Buch stritt Handke für eine objektivere und unparteiischere Einschätzung der Jugoslawienkriege und Serbiens Rolle in ihnen. Er vertraute den westlichen aus der Zeit der Konflikte nicht. Sie seien einseitig gewesen und hätten bloß die vorurteilsbelasteten Pers­pektiven der Kommentatoren gespiegelt. Handke wollte „hinter den Spiegel“ dringen und Serbien aus erster Hand sehen, das er damals als „das wirklichste Land in Europa“ beschrieb.

Wenn die Leute mich fragten, was ich in Serbien tue und wenn mein Fehlen ihrer Sprache zum Stolperstein wurde, holte ich das Buch heraus und zeigte es ihnen. Die meisten Serben, selbst einfache Bauern, hatten von Handke und seiner Verteidigung der Serben gehört. 1999 erhielt er von Milosevic einen Orden für seine Verdienste. Dafür wurde er von Kritikern wie Salman Rushdie angegriffen.

Und doch verliebte ich mich mit in das Orientalische, den türkischen Aspekt Serbiens – fast ganz gegen meinen Willen. Serben porträtieren ihr Land gerne als Bollwerk der westlichen Kultur gegen den muslimischen Osten und die Türken. Sie gerieren sich gerne als Torwächter. Stolz auf ihr Aushalten gegen die muslimische Flutwelle. Und doch konnte ich nicht anders als zu sehen, wie sehr sie von den Türken beeinflusst waren.

Einige ihrer größten Helden waren türkische Vasallen. Jahrhundertelang trugen sie halb-türkische Kleidung, statteten ihre Häuser im türkischen Stil aus, würzten ihre Sprache mit türkischen Wörtern aus und tanzten auf orientalische Weise.

Beim Hören ihrer Musik konnte ich nicht umhin, als zu glauben, dass ihre orientalisierte Musik in einem türkischen Kebap-Haus in Berlin wohl nicht fehl am Platz gewesen wäre. Serbische Musik hat seit den Tagen der Kreuzzüge einen orientalischen Touch, als die kirchlichen Melodien der Kirche aus Syrien über Pilgerwege auf den Balkan gebracht wurden. Es war eine andere Art von Musik, die unsere Ohren in Serbien begrüßte und die überhaupt nicht mit dem übereinstimmte, was ich erwartet hatte. Wer sie hört, erkennt, dass Istanbul nicht mehr weit ist.

Am Ende meiner Reise fand ich mich recht unerwartet in Novi Pazar, einer Stadt im Sandschak, wieder. Die Region mit einer Bevölkerungsmehrheit aus ­slawischen (bosniakischen) Muslimen befindet sich zwischen Montenegro, Kosovo und Bosnien. Ihre Wirtschaft war unterentwickelt und viel ärmer als andere serbische Regionen. Teilweise liegt das an ihrer historischen Randlage. Teilweise wurde sie zwischen den Kriegen unter Milosevic bewusst vernachlässigt. Einige nennen den Sandschak etwas ominös als „das Bermudadreieck des Balkans“.

Christliche Serben schreckten vorm Sandschak und den dortigen Muslimen zurück. Sie warnten mich, dorthin zu gehen. „Der Sandschak ist vollkommen in den Händen muslimischer Fundamentalisten“, sagte mir ein serbischer Bekann­ter, der mich von einem Besuch abhalten wollte. „Die Atmosphäre von Novi Pazar ist östlich. Architektur, Kleidung, alles. In den Restaurants wird kein Schweinefleisch serviert. Sie können nirgends einen anständigen Drink bekommen, Frauen sind verschleiert, der örtliche Mufti hat sogar eine eigene Fakultät für Islamwissenschaft an der Universität. Es gibt islamische Kindertagesstätten. Die völlige Indoktrinierung. Es war noch nie so wie jetzt. Was die wollen, ist die Autonomie von Serbien, damit sie eine islamische Föderation mit Albanien, dem Kosovo und Bosnien bilden können. Wir Serben fühlen uns dort wie Ausländer.“

Und doch war Novi Pazar eine Offenbarung für mich. In mehr als nur einer Hinsicht fühlt es sich dort orientalischer an als in Sarajevo. Es hatte ein sehr charakteristisches altes türkisches Basarviertel, eine sehr schöne türkische Moschee aus dem 16. Jahrhundert und einige der merkwürdigsten Beispiele ­moderner Architektur auf dem Balkan. Novi Pazar war ein fabelhafter Ort, ein wirklicher Ort. Ich wurde nicht vollkommen schlau aus der Stadt. Obwohl sie Teil Serbiens ist, war sie mehr Bagdad als Belgrad.

Hier war etwas sehr seltsam und wunderbar an dieser Art des Lebens, die in dieser vergessenen, pulsierenden Grenzstadt vor sich ging – sehr provinziell, und doch gleichzeitig betriebsam und lebendig. Im Sommer brannte die heiße Sonne auf die staubigen Straßen hinab. Es gab muslimische Frauen mit Kopftüchern und bärtige Männer, die islami­sche Literatur verkauften. Entlang der Brücke zum türkischen Viertel verkauften Sinti und Roma Teppiche mit Mekka-Motiven. Grün umrandete muslimische Todesanzeigen wurden auf Laternenpfähle geklebt. Kurzhaarige, kräftige Burgen hingen vor der Altun Alem-Moschee herum, während ältere muslimische Männer in schwarzen Barrett Kaffee in kleinen, aromatischen Cafés vor Metzgereien tranken. Auf den Haken hingen geräucherte Halal-Würste. Boutiquen zeigten Schaufensterpuppen in Kopftuchs und Knaben trugen den traditionellen Umhang und die Kopfbedeckung der Beschneidungszeremonie.

Und es war hier, dass ich zum ersten Mal den Ezan hörte. Nach meiner Ankunft in Novi Pazar um fünf Uhr morgens schlief ich zum Ruf des Muezzins ein, der die Gläubigen zum Gebet rief. Eine seltsame, überirdische Musik, lang und bleibend; so, als wäre ich in die Straßen Istanbul versetzt worden.

Nach meiner Rückkehr nach Berlin entwickelte ich eine Faszination für das Orientalische. Und nach einigen Jahren – unter anderem als Lehrer in Istanbul – sowie meiner türkischen Frau, kam ich schließlich zum Vollzug meines Glaubensbekenntnisses und Annahme des Islam.

In diesen Tagen, wenn ich in den westlichen Medien auf Islamfeindlichkeit stoße, denke ich nach einem anfänglichen Gefühl der Frustration an die Zeit vor 15 Jahren zurück. Wandel kann sich ­ereignen. Und er kann beinahe jedem zu jeder Zeit widerfahren.

Menschen mit konservativen Ansichten sind Muslimen in mancherlei Hinsicht sehr ähnlich. Sie legen großen Wert auf Familienwerte, viele kritisieren den gottlosen Materialismus und moralischen Relativismus der Gesellschaft als ganzer.

Und es braucht nicht viel, um einen Konservativen dazu bewegen, Muslim zu werden.

Und so sage ich, den Tipp von Isherwood annehmen: Der Islamophobe von heute kann der Muslim von morgen sein.

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