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„Die Tagespolitik frisst die Seele auf“

Tagespolitik

Jenseits der Tagespolitik im Jahre 2025. Über die Herausforderung, in einem stocksteifen Land westöstlich zu dichten.

(iz). „Deine Eltern sind bestimmt Akademiker? Als was arbeiten sie?“ – Diese Fragen höre ich seit meiner Studienzeit immer wieder. Einer meiner Lieblingssätze war der einen angehenden Juristin: „Niemand von uns kann es glauben, dass du derjenige bist, der solche Gedichte schreibt.“

In solchen Aussagen steckt ein Menschenbild, das den Europäer als fähig zu Kunst und Kultur betrachtet, aber Menschen mit Migrationshintergrund, alles muslimisch Gelesene, als unkultiviert ansieht. Immer wieder höre ich auch nach der Veröffentlichung meiner Gedichtsammlung „Der deutsche Diwan“ die scheinbar überraschende Feststellung: „Sie sprechen aber gut Deutsch.“ – 

Danke, Sie nicht. Sie sprechen wie Wieland, Goethe und Heine bereits feststellten nur stocksteif und herzlos: „Noch immer das hölzern pedantische Volk, / Noch immer ein rechter Winkel / In jeder Bewegung, und im Gesicht / Der eingefrorene Dünkel. // Sie stelzen noch immer so steif herum, / So kerzengrade geschniegelt, / Als hätten sie verschluckt den Stock / Womit man sie einst geprügelt.“ – Das sind die Deutschen, die Heine beschreibt und Wieland in seinem Roman „Die Geschichte der Abderiten“ karikiert.

Inmitten dieser Gesellschaft wurde ich nun zum Westöstlichen Poeten und greife das Erbe deutscher Klassiker auf. Denn Deutschland selbst tut es nicht. Mehr als archivieren und neu auflegen scheint die Gesellschaft nicht zu können. Ich wurde deshalb zum Poeten, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe, mich wie Heine von einem pedantischen Volk, das hölzern und stocksteif ist, prügeln zu lassen in der Öffentlichkeit.

Stattdessen dichte ich und erlange eine Freiheit, die vielen in unserer Gesellschaft leider fremd ist: „Frei will ich sein im Dichten und im Denken, / Im Handeln schränkt die Welt genug uns ein.“ – Wer sagte es? Ja, wer? Der Goethe in seinem Torquato Tasso. Aber mehr als Faust und Werther kennt die deutsche Gesellschaft von ihrem bedeutendsten Dichter und Denker, der zugleich Staatsmann und Biologe war, nicht. 

Inmitten dieser mangelnden Bildung wurde ich Dichter, um die Gesellschaft an ihre literarische Größe zu erinnern. Es ist möglich auf Deutsch herzlich zu sprechen, es ist möglich auf Deutsch, über Gefühle, Vernunft und Mitmenschlichkeit zu sprechen. In einer Zeit, in der jeder Gefühlsausdruck als „Gefühlsduselei“ bezeichnet wird, ist es eine Revolution, seine Wahrnehmung des Lebens künstlerisch auszudrücken.

Alle Arten von Menschen bezeichnen Kunst und Kultur als Luxus, auf den verzichtet werden kann. Was sie damit zu Wort bringen, ist ihr mangelndes Bewusstsein darüber, das Kunst und Kultur uns menschlicher machen können und sollen.

Die Tagespolitik frisst die Seelen der Menschen auf – ob Muslim, Christ, Jude oder Atheist. Tagespolitik zu verfolgen und zu funktionieren, sich selbst zu Wort zu melden; das gilt als realistisch.

Was haben die Menschen, die es seit 15 Jahren tun, aus unserer Welt gemacht? Erinnern wir uns an die Journalisten der Goethezeit oder an die Künstler? Wer hinterlässt die zeitlosen Werke, die Menschen zum Erstaunen bringen? Werke, die der Stolz einer Nation oder Gesellschaft sind? Diese rhetorischen Fragen sind der Grund, warum ich zum Poeten wurde. 

Meine Eltern sind einfachste Arbeiter in Küche und Werkstatt. Ihr Sohn wurde ausgelacht für sein schlechtes Deutsch und als Reaktion ging er in die Lehre bei Goethe. Und nun vermittelt ihr Sohn Goethes Denkstil. Und das ist nur möglich, wenn man selbst Gedichte macht, wie Goethe es nennt: Konsum muss zur Kreativität führen.

Das schreibt mein Mentor aus einer scheinbar fernen Vergangenheit. Ich wurde ausgelacht, werde noch immer zuweilen beleidigt, aber auch bewundert und eingeladen, denn Kunst und Kultur sind anziehend. In Kunst und Kultur werden menschliche Erfahrungen des Tagesgeschehens innerlich verarbeitet und verewigt.

Künstlerisch und kulturell tätig zu sein, ist der Ausdruck einer reichen Seele, die ihre bewahrt. Als Sohn von Migranten haben mir Kunst und Kultur meine Freiheit zurückgegeben.

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Kurzmeldungen Inland (Nr. 367): vom Ehrenamt bis zum Rechtsstaat

Coexister Kurzmeldungen

Die Kurzmeldungen aus dem Inland (Nr. 367) reichen vom Ehrenamt, über den Dialog bis zu Gefahren für die Rechtssprechung.

Uni will Forschungslücke zum Islam schließen

BAYREUTH (KNA). Ein internationales Wissenschaftsprojekt unter fränkischer Mitarbeit soll blinde Flecken in der Islamforschung beseitigen. Bisherige Studien zum globalen Islam konzentrieren sich vor allem auf den Nahen Osten, Südasien oder Europa, wie die beteiligte Universität Bayreuth am 1. Dezember mitteilte. „Lateinamerika und die Karibik werden hingegen weitgehend vernachlässigt, obwohl dort vielfältige muslimische Gemeinschaften existieren.“

Preise für Arbeit mit Flüchtlingen und Religion

BERLIN (KNA/IZ). Sieben Projekte erhielten den diesjährigen Deutschen Engagementpreis. Die Ehrungen wurden am 5. Dezember, dem Tag des Ehrenamts, verliehen. Der Preis ist mit insgesamt 67.500 Euro dotiert. Die Auszeichnung erfolgt in fünf Kategorien: „Anstoßen“, „Verbinden“, „Verändern“, „Bewahren“ und „Ich für uns“. Darüber hinaus gibt es in diesem Jahr zwei Publikumspreise. In der Kategorie „Anstoßen“ wurde das Projekt Teamup von War Child Deutschland für die Arbeit mit geflüchteten Kindern ausgezeichnet. Für „Verbinden“ erhielt Coexister Germany den Preis aufgrund seines Einsatzes für junge Menschen unterschiedlicher Religionen, Weltanschauungen und sozialer Hintergründe.

Foto: OsamaK, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Radikale nutzen Krisen zur Rekrutierung

BERLIN (KNA). Extremistische Gewalttäter werden nach Einschätzung von Experten immer jünger. „Sowohl Rechtsextremisten als auch Islamisten nutzen globale und gesellschaftliche Krisen für ihre Rekrutierung sehr geschickt“, sagte der Leiter der Nichtregierungsorganisation Violence Prevention Network, Thomas Mücke, am 27. November in Berlin. „Bei Kindern wird immer die moralische Instanz angesprochen, etwa beim Nahostkonflikt. Sie sind leicht beeinflussbar und werden aufgefordert zu handeln, im Sinne von ‘Dabei könnt ihr doch nicht zusehen’“, sagte er. Unabhängig vom Ort seien durch das Internet Kinder und Jugendliche gleichermaßen für Anwerbeversuche gefährdet.

Drei Preise für muslimische Ehrenamtler

BERLIN (IZ). Das Deutsche Muslimische Zentrum Berlin e.V. verlieh bereits am 13. November 2025 zum fünften Mal den Ehrenamtspreis „Nisa“. Ausgezeichnet wurden drei Musliminnen, die sich mit außergewöhnlicher Tatkraft, Empathie und Beständigkeit in ihren Gemeinschaften engagieren. Sie stünden beispielhaft für Solidarität, gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Brückenbau zwischen Generationen und Kulturen.

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Foto: LSE

KRM: Den Dialog trotz Polarisierung fortführen

GERMERSHEIM (KRM/IZ). Am 4. Dezember fand in Germersheim das Jahrestreffen zwischen Vertretern der Deutschen Bischofskonferenz und des Koordinationsrates der Muslime statt. Ein Schwerpunkt lag auf dem christlich-muslimischen Dialog seit dem 2. Vatikanischen Konzil. Des Weiteren fand ein Austausch zu aktuellen Herausforderungen im interreligiösen Dialog statt. Dabei bot sich auch die Gelegenheit, über die Haltung beider Religionsgemeinschaften zum Nahostkonflikt sowie zu Tendenzen der gesellschaftlichen Polarisierung in Deutschland ins Gespräch zu kommen. „Unsere jeweilige religiöse Lehre verpflichtet uns, uns gegen Hass, Gewalt und Diskriminierung zu stellen“, sagte KRM-Sprecher Ali Mete.

Juristin Brandau: Die Justiz ist verwundbar

HAMBURG (IZ). Die Juristin Anna-Mira Brandau warnt im Gespräch mit der „Zeit“, das deutsche Gerichtswesen sei verletzlicher für autoritär-populistische Angriffe, als lange angenommen. Im Interview erläutert sie Ergebnisse des Justizprojekts auf Verfassungsblog, demzufolge vor allem über Personalentscheidungen, Blockaden bei Richterwahlen und die Delegitimierung von Gerichtsbarkeit Einfluss genommen werden kann. Sie sieht Vorboten solcher Strategien bei der AfD und fordert, Gerichte politisch besser zu schützen und die Unabhängigkeit der Justiz gezielt zu stärken.​

Angriff auf zwei Zentralmoscheen

HANNOVER (IZ). In Hannover sind in der Nacht zum 9. Dezember die Zentralmoscheen der IGMG und der DITIB Ziel von Übergriffen geworden. Unbekannte verschandelten die Gebäude mit antimuslimischen Parolen und verursachten Sachschäden. Die Gemeinden verurteilten die Tat als Angriff auf das friedliche Zusammenleben und kündigten an, ihre Arbeit unbeirrt fortzusetzen. Die Polizei ermittelt wegen politisch motivierter Kriminalität und sucht Zeuginnen und Zeugen.

Foto: DITIB-Bundesvorstand

Die DITIB bestimmt neuen Bundesvorstand

KÖLN (IZ). Der DITIB-Bundesverband hat auf seiner 20. Mitgliederversammlung am 22. November seinen künftigen Vorstand gewählt. Neuer Vorsitzender ist Ramazan Ilıkkan, sein Stellvertreter Muhammet Çatmak. Generalsekretär wurde Eyüp Kalyon, sein Stellvertreter Muhammed Şahin. Als (stellv.) Buchhalter wurden Erhan Akyol und Yasin Öztürk bestimmt. Merve Mert gehört dem Vorstand an. Ilıkkan kündigte an, Projekte u.a. beim Religionsunterricht, der Imamausbildung sowie der Seelsorge auszubauen.

Studie zeigt: In Behörden wird diskriminiert

KONSTANZ (IZ). Eine neue Studie des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“ der Universität Konstanz zeigt: Negative Medienberichterstattung über bestimmte Gruppen von Migranten kann bei der Vergabe von Bürgergeld zu Diskriminierung führen – insbesondere in Regionen, wo Migration generell skeptisch betrachtet wird. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Verwaltung kein neutraler Raum ist“, erklärt Gerald Schneider, dortiger Professor für Politikwissenschaft und Ko-Autor der Studie.

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Foto: Deutscher Bundestag, Henning Schacht

Menschen fürchten Rechtsextremismus mehr

ST. AUGUSTIN (IZ). Rechtsextremismus bereitet laut einer neuen Studie der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung vor allem den Bundesbürgern ohne Migrationsgeschichte Sorgen. 74 Prozent von ihnen äußern erhebliche Angst vor rechter Gewalt, unter Menschen mit Migrationshintergrund sind es 66 Prozent, bei Ausländerinnen und Ausländern 55 Prozent. Besonders stark ist die Sorge bei Personen mit Wurzeln in der Türkei und Russland, weniger bei Menschen polnischer Herkunft. Beim Ukraine-Krieg machen 58 Prozent der Deutschen ohne ausländische Wurzeln allein Russland verantwortlich, unter Migranten und Ausländern liegt dieser Wert knapp unter 40 Prozent. Antisemitische Ressentiments sind in allen Gruppen messbar, besonders ausgeprägt bei Türkeistämmigen und Spätaussiedlern.

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Moscheebau in Deutschland: Längst Normalität

Moscheebau

Moscheebau in der Bundesrepublik längst kein Exotikum mehr. Seit Beginn der 2000er wurden und werden neue Zweckbauten errichtet.

(iz). Was bis weit in die 1990er Jahre hinein selten war, ist längst gewohnter Anblick im Stadtbild geworden: Moscheebauten, die im städtebaulichen Sinne als Zweckbauten errichtet wurden. Laut abweichenden Angaben sollen von den ca. 2.800-3.000 Moscheegemeinschaften ungefähr 200-300 in neuen Gebäuden in einem Neubau beheimatet sein.

Ein Beispiel ist die Ayasofya-Moschee, die jüngst im schwäbischen Kornwestheim eröffnet wurde. Für die anwesenden Gemeindemitglieder und geladenen Gäste war das ein Tag voller Emotionen. Nach Jahren des Wartens, gemeinsamer Bemühungen und des Wachsens ist ein Traum für die muslimische Gemeinde Wirklichkeit geworden.

Als der Imam Yıldırım Altay die Eröffnungszeremonie mit einer Qur’anrezitation eröffnete, spürte die Gemeinschaft, wie Sehnsucht und Hoffnung sich in diesem Moment manifestierten. Der Vereinsvorsitzende, Suat Özcan, sprach von einem Ort, „wo Respekt, Frieden und gegenseitiges Verständnis“ lebendig werden – geschaffen durch Engagement, Spenden und die Offenheit der Stadtverwaltung und der lokalen Politik.

Landrat Dietmar Allgaier hob hervor, dass Vielfalt ein Reichtum ist, und erinnerte an die lange Geschichte von improvisierten Gebetsräumen, bevor 2014 das eigene Grundstück erworben und 2019 der Grundstein gelegt wurde.

Ein Neubeginn nach 38 bewegten Jahren. Und Oberbürgermeister Nico Laumann bezeichnete den Neubau als ein Symbol für das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und rief alle Bürger dazu auf, die Gemeinde kennenzulernen und den Dialog zu suchen.

Auch die anwesenden Bundestagsabgeordneten Macit Karaahmetoğlu (SPD) und Steffen Bilger (CDU) lobten den Neubau als Zeichen von Zugehörigkeit, Integration und Verbundenheit der muslimischen Gemeinde mit Deutschland.

Vor Kurzem wurde in Kornwestheim die Ayasofya-Moschee unter großer Anteilnahme eröffnet.

Es gibt keine Statistik, die präzise angibt, wie viele Moscheen in den letzten 25 Jahren als „Zweckbauten“ (als eigenständige Sakralbauten mit erkennbaren Stilelementen usw.) neu errichtet wurden. Belastbare Quellen sprechen nur von Größenordnungen im niedrigen bis mittleren Hunderterbereich.

In Fachliteratur und Statistik wird oft zwischen „sichtbaren Moscheen“ (freistehende Gebäude mit spezifischer Moscheearchitektur) und Gebetsräumen in Hinterhöfen, Wohn- oder Gewerbebauten unterschieden.​

Weder das Statistische Bundesamt noch Länderbehörden führen ein Register, in dem „Moschee-Neubauten“ als eigene Kategorie erfasst würden; rechtlich sind das normale Bauvorhaben von Religionsgemeinschaften ohne besondere Meldepflicht.​ Forschungsprojekte (z.B. „Muslimisches Leben in Deutschland“ und Arbeiten zu Neubauten) dokumentieren Gemeinden und Gebetsräume, aber nicht lückenlos jede baurechtliche Baugenehmigung der letzten Jahrzehnte nach dem Kriterium „Zweckbau“.

Zu den Vereinfachungen und Verzerrungen der öffentlichen Wahrnehmung von Islam und Muslimen gehört die Vorstellung, die Errichtung eines Neubaus sei per se von Streitigkeiten begleitet. Die Problematisierung von Moscheeneubauten in der Debatte bildet die Realität nur verzerrt ab.

Auffällig sichtbar werden meist Konfliktfälle, während zahlreiche Projekte geräuschlos und kooperativ mit Kommunen und Nachbarschaften laufen. Studien und Praxisberichte zeigen, dass Konflikte eher die mediale Ausnahme im Sinne einer „Skandalisierungslogik“ sind, auch wenn sie – wo sie auftreten – sehr intensiv ausgetragen werden.

Gebäude der Abu Bakr-Moschee im Frankfurter Stadtteil Hausen zählt zu den eigens für die Nutzung konzipierten Bauten. (Foto: Archiv)

Die kommunale Praxis und Projekte wie „Der Bau von Moscheen in NRW“ oder „Moscheen für Integration“ dokumentieren zahlreiche Beispiele, in denen Gemeinden frühzeitig mit Stadtplanung, Kirchen, Vereinen und Anwohnern kooperieren, Informationsabende anbieten und architektonisch anschlussfähige Lösungen wählen.

Solche Verfahren führen häufig zu akzeptierten Moscheebauten, die sich in Stadtteile einfügen und als Orte von Beratung, Jugendarbeit oder Stadtteilarbeit wahrgenommen werden – allerdings ohne medienwirksame „Story“.

In der Summe sprechen Forschung und kommunale Praxis dafür, dass die dominante Problemwahrnehmung von Moscheeneubauten ein Produkt selektiver öffentlicher Aufmerksamkeit ist: Sichtbar werden vor allem jene Fälle, in denen Moscheeprojekte zum Projektionsschirm für größere Identitäts- und Islamdebatten werden.

Die vielen still realisierten oder sogar integrativ wirkenden Neubauten zeigen, dass Moscheen Teil einer normalisierten religiösen Infrastruktur sein können, wenn Planungsprozesse transparent, inklusiv und konfliktsensibel gestaltet werden.

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Kommentar: Das Rettende oder Deutschlands Muslime

Deutschland rettende muslime

Deutschlands Muslime brauchen die Fähigkeit zum kontrazyklischen Denken und Handeln. Marokkanische Sufis und deutsche Dichter bieten Inspiration. (iz). Nicht wenigen Muslimen in Deutschland dürfte es (und der frühe Kälteeinbruch hilft […]

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„Gräben tiefer denn je“: Deutschland und der Gazakrieg

Deutschland

Zwei Jahre hieß es auch in Deutschland: Bist du für Israel oder für Palästina? Nun ist der Krieg hoffentlich zu Ende, aber das bedeutet noch lange nicht, dass man wieder miteinander redet.

Berlin (dpa). Nathan (18), ein jüdischer Kölner, war zum Zeitpunkt des Terrorangriffs der Hamas am 7. Oktober 2023 mit seiner Familie zu Besuch in Israel. „Wir waren den ganzen Tag nur vor dem Fernseher und haben israelische Nachrichten geguckt“, erinnert er sich im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Was seine Familie besonders erschütterte, waren die Bilder von feiernden Muslimen auf den Straßen von Berlin. Von Christoph Driessen

„Auch die „Free Palestine“-Proteste in der Woche nach dem 7. Oktober, es war einfach extrem schockierend, so etwas in Deutschland, in seiner Heimat, zu sehen.“ Deshalb fiel es Nathan trotz der hochgradig angespannten Lage in Israel richtig schwer, nach Deutschland zurückzufliegen. In den ersten Tagen danach wollte er nicht wieder in die Schule gehen. „Einfach weil es mich so bedrückt hat.“

Deutschland: Viele Deutschpalästinenser haben Verwandte verloren

Bedrückend war der Konflikt auch für viele Deutsch-Palästinenser, wenn auch aus anderen Gründen. Viele von ihnen verloren Familienmitglieder durch die darauffolgenden israelischen Bombardierungen.

Der Berliner Kinderarzt Qassem Massri erzählt auf Qantara.de, dass bei einem einzigen Bombenangriff 13 Verwandte von ihm umgekommen seien. Weitere Cousins seien bei anderen Angriffen gestorben. „Die letzten zwölf Monate waren die schlimmste Zeit meines Lebens“, sagt er.

Der Nahost-Konflikt hat schon immer polarisiert: Jedes Mal, wenn es in der Region eine Eskalation gab, erhöhte dies auch die Spannungen in Deutschland. Aber der 7. Oktober 2023 und alles, was danach kam, hatte eine andere Dimension.

Foto: Saba-Nur Cheema

„Seitdem sind die Gräben auch bei uns hier tiefer als jemals zuvor“, sagt die Politologin Saba-Nur Cheema. „Die Empathie ist noch selektiver geworden. Viele sehen ausschließlich das Leid der einen und nie das der anderen Seite.“

Und es gab noch einen Unterschied: Zum ersten Mal bezogen große Teile der Bevölkerung in dem Konflikt Stellung. „Die Frage war: Für wen bist du – Israel oder Palästina?“, fasst es Shai Hoffmann zusammen, ein jüdischer Deutscher mit israelischer Familienbiografie, der sich in Schulen mit dem Format „Trialog“ und in seinem Podcast „Über Israel und Palästina sprechen“ für Verständigung einsetzt. In Deutschland habe sich eine Art „politische Fußball-Mentalität“ ausgebreitet, sagt er.

Die Gegenmeinung wird in den Kommentar-Foren niedergemacht

Einen Dialog gab es fast nur noch in kleinen Formaten wie dem Jüdisch-Muslimischen Salon in Berlin. Für Menschen wie Stefan Jakob Wimmer, der sich als Vorsitzender der „Gesellschaft Freunde Abrahams“ seit Jahrzehnten für den interreligiösen Dialog engagiert, war die Zeit zutiefst deprimierend.

Wimmer hält es für besonders schädlich, wenn der Dialog an Bedingungen geknüpft wird, wenn jüdische Gemeinschaften zum Beispiel sagen: Wir reden nur mit Leuten, die das Existenzrecht Israels anerkennen.

„Man muss sich eben auch das anhören, was einem nicht passt – denn es ist ja da“, ist seine Meinung dazu. „Es wird gedacht, es wird gesagt, es wird entsprechend gehandelt. Und wenn wir nicht darüber sprechen, wird alles nur noch schlimmer.“

Das Lagerdenken steht dem entgegen. Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main, weiß von seiner Arbeit her, wie stark gerade Jugendliche durch Kurzvideos auf Tiktok und Instagram beeinflusst werden. „Und da ist die Polarisierung sehr ausgeprägt. Sie bekommen nur gefilterte Informationen.“

USA hass soziale medien

Foto: momius, Adobe Stock

Je nachdem in welcher Kommentar-Sektion man sich bewegt, bekommt man nur Pro-Palästina- oder nur Pro-Israel-Äußerungen zu hören. Gegensätzliche Stimmen werden niedergemacht. Es sei deshalb extrem wichtig, den Nahost-Konflikt und die damit einhergehenden Emotionen in der Schule zu thematisieren, sagt Mendel.

Shai Hoffmann hat bei seiner Arbeit in Schulen allerdings die Erfahrung gemacht, dass sich viele Lehrer nicht mehr an das Thema heranwagen. „Die krasseste Gefahr beim Sprechen über Israel und Palästina ist der Stempel des Antisemitismusvorwurfs. Dieser Vorwurf kann berufliche Existenzen zerstören, und deshalb ziehen sich extrem viele Lehrkräfte mit biografischen Bezügen lieber aus dem Diskurs raus.“

„From the River to the Sea“ – sollte das wirklich verboten sein?

Nathan erzählt, dass er an seinem Kölner Gymnasium aufgrund seines jüdischen Hintergrunds kurzerhand zum Nahost-Experten erklärt wurde.

„In einem bestimmten Unterrichtsfach wurde ich von meinem Lehrer sehr oft auf die Nahost-Situation angesprochen und gefragt, ob ich nicht gesehen hätte, was Netanjahu jetzt wieder gemacht hätte. Ich fand es schon erschreckend, wie viele Menschen mich automatisch damit verbunden haben, nur weil sie gehört hatten, dass ich jüdisch bin.“

Viele Juden fühlten sich in den vergangenen beiden Jahren alleingelassen – ein Gefühl, das sie mit Palästinensern und Muslimen teilen. „Viele Muslime haben einen Vertrauensverlust gegenüber der Mehrheitsgesellschaft und der Politik erlebt“, berichtet Politologin Cheema. „Sie empfinden es so, dass sie nicht gesehen werden.“

Für sie geht es um die Frage, wer in diesem Land Solidarität bekommt, insbesondere auch von oberster Stelle, von der Bundesregierung.

Zudem kritisieren sie eine Einschränkung der Meinungsfreiheit, etwa durch das Verbot der Parole „From the River to the Sea“, die als Leugnung des Existenzrechts Israels verstanden werden kann, das sich zwischen dem Fluss Jordan und dem Mittelmeer erstreckt.

Viele ausländische Medien haben Deutschland für den strikten Umgang mit der Parole und die damit begründeten Auflösungen von Pro-Palästina-Demonstrationen scharf verurteilt.

Nun ist die große Hoffnung da, dass der Krieg im Gazastreifen auf Dauer zu Ende ist – und damit auch der Dialog in Deutschland wieder in Gang kommt. Allerdings besteht Einigkeit darüber, dass dies ein langer und steiniger Weg werden wird. „Es wird lange dauern, neue Beziehungen aufzubauen, wieder aufeinander zuzugehen“, analysiert Cheema.

Sie selbst ist da die große Ausnahme: Aufgewachsen in einem konservativ-muslimischen Umfeld in Frankfurt, ist sie heute mit dem in Israel geborenen Meron Mendel verheiratet. Das Ehepaar engagiert sich seit Jahren im jüdisch-muslimischen Dialog, arbeitet gegen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit.

Polizeischutz vor einer Synagoge in Berlin. (Foto: Tobias Arhelger, Shutterstock)

Nathan sieht für sich keine Zukunft mehr in Deutschland

Viele andere glauben nicht mehr an eine Wende zum Guten. „Ich bin ganz klar der Meinung, dass das Verhältnis zerrüttet ist“, sagt Nathan, der dieses Jahr Abitur gemacht hat. „Die Gesellschaft hat sich durch diesen Konflikt zu sehr gespalten.“

Sieht er seine persönliche Zukunft in Deutschland? „Nein, auf keinen Fall“, ist die Antwort. „Wenn ich langfristig denke, möchte ich in diesem Deutschland mit wachsendem Antisemitismus keine Familie großziehen. Man fühlt sich einfach extrem unsicher hier. Dass ich mit meiner Davidstern-Kette über dem T-Shirt nicht über die Straße gehen kann, ohne mit Gewalt oder Beleidigungen zu rechnen, das ist traurig.“ Dabei ist das Land doch seine Heimat, alle seine Freunde leben hier. „Aber so wie die aktuelle Situation ist, sehe ich keine Zukunft in Deutschland.“

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Über die Engel (2): Glaubensfundament und Inspiration für Mitgefühl

engel

Teil 2: Erfahre, welche große Rolle Engel im Islam spielen, warum sie das ethische Handeln der Muslime prägen und wie ihre unsichtbare Gegenwart unser Denken und Handeln beeinflussen kann. (iz). […]

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Islamischer Religionsunterricht: Flickenteppich statt flächendeckendes Angebot

Religionsunterricht

Seit über 20 Jahren gibt es in Deutschland Bemühungen, islamischen Religionsunterricht als ordentliches Schulfach gemäß Artikel 7, Absatz 3 des Grundgesetzes zu etablieren. (Islam.de/IZ). Dieser garantiert das Recht, bekenntnisorientierte Religionslehre […]

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Muslimische Gemeinschaft: Wir befinden uns mitten im Wandel

Kanzler Antidiskriminierungsarbeit Debattenklima gesellschaft Deportationsszenarien solingen gemeinschaft

Thema Gemeinschaft: Der Essener Forscher Yunus Ulusoy über Muslime, Demographie, soziale Milieus und was sich daraus ableiten lässt.

(iz). Yunus Ulusoy kam 1973 nach Deutschland und schloss seine Studien an der Ruhr-Universität Bochum als Diplomökonom ab. Er selbst bezeichnet sich als Angehöriger der „frühen zweiten Generation“. Seine Familiengeschichte in Deutschland begann bereits 1962.

Derzeit arbeitet er in der in Essen ansässigen Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung und verantwortet dort den Programmbereich Transnationale Verbindungen Deutschland-Türkei.

Wir sprachen mit dem Forscher im Rückblick auf das „Superwahljahr“ 2024 und die Bundestagswahlen über Migranten und Muslime als Wähler, warum Milieus wichtiger als Herkunft sein können und wie sich die Vorstellungen und Identitäten in den nächsten Jahrzehnten ändern könnten.

Die muslimische Gemeinschaft: Es fehlt an Zahlen

Islamischen Zeitung: In den letzten 12 Monaten wurde sechs Mal in Deutschland gewählt. Trotzdem wissen wir weiterhin nicht, wie Wähler mit Migrationsgeschichte oder Muslime abgestimmt haben. Wie belastbar sind vorhandene Aussagen?

Yunus Ulusoy: Die Forschungsgruppe Wahlen hat nach den Bundestagswahlen einige Zahlen zum Wahlverhalten von Muslimen herausgegeben – über die sie auch berichteten. Eine detaillierte Untersuchung über Parteipräferenzen, Motive und Wahlbeteiligung – zum Beispiel aufgeschlüsselt nach bestimmten Gruppen – gibt es nicht.

Islamische Zeitung: Generell muss man festhalten, dass es überhaupt zu Muslimen in Deutschland nur selten belastbare Zahlen gibt. Woran liegt das?

Yunus Ulusoy: Es gibt belastbare Zahlen zu Herkunftsländern. Sie unterliegen einer bestimmten Definition. Das Statistische Bundesamt hat zwei Definitionen: Bevölkerung mit Migrationshintergrund und neuerdings Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte.

Bevölkerung mit Migrationshintergrund zielte auf die Staatsangehörigkeit ab. Die neuere Version zielt auf Einwanderung ab. Wenn beide Elternteile eingewandert sind, dann gehören sie mit der Nachfolgegeneration zur Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte. Wenn nur ein Elternteil eingewandert ist, wird es gesondert aufgeführt.

deutsch

Foto: Shutterstock

Wo es um Zahlen geht, geht es auch um Interessen. Und es geht auch um Aspekte von Zugehörigkeit und Identität. Bis wann sollen wir von Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen mit Einwanderungsgeschichte sprechen? Sollen wir den Einwanderungsstatus der Großeltern den folgenden Generationen überstülpen? Und der Gesellschaft vorgaukeln, es gebe so viele „Fremde“ im Land?

Das wäre eine sozialwissenschaftliche Perspektive und eine politische Frage. Auf der anderen Seite gibt es unsere Interessen: Ihr Interesse als Pressemensch, meine aus der Perspektive der Wissenschaft oder dem Blickwinkel einer Migrantenorganisation bzw. eines muslimischen Verbandes.

Ich kann sogar zwei konträre Positionen in mir haben. Auf der einen Seite fragt der Verstand: Warum sollen meine Kinder noch als Zugewanderte betrachtet werden? Auf der anderen wäre es für einen Vertreter einer Organisation besser, wenn zum Beispiel die Zahl der Bevölkerung mit muslimischer Religionszugehörigkeit groß ist, weil sie dadurch politische Macht entfaltet. 

Islamische Zeitung: Im Vorfeld der Wahl wurde von 12 Mio. wahlberechtigten Migranten und 5,5 Mio. Muslimen im Land gesprochen. Wenn wir Sie richtig verstehen, sind das zuallererst Abstraktionen…

Yunus Ulusoy: Es heißt nicht, dass wir bei der Bundestagswahl auch 20 % Migranten als Wähler hatten, die als solche abstimmten. Es hängt von der Definition ab. Und wie sich die Menschen betrachten. Wir wissen nicht, wie diese sich verorten.

Wenn wir die Zahlen nehmen: Laut Statistischem Bundesamt (2023) wiesen 24,9 Mio. von 83,9 Mio. einen Migrationshintergrund auf. Das sind rund 30 %. Hiervon waren 12,4 Mio. deutsche Staatsbürger. Allerdings betrug die Zahl der Wahlberechtigten ab 18 Jahren 8,6 Mio. Unter allen Wahlberechtigten entsprach dies einem Anteil von 14,4%. Wenn man dann in urbane Zentren geht wie hier im Ruhrgebiet, steigt dieser Wert deutlich. Wenn Sie jüngere Bevölkerungsgruppen betrachten, sind das bis zu 50 %.

Die Stadt Duisburg hat zuletzt eine Studie zum Wirtschaftsfaktor Migrantenunternehmen in Auftrag gegeben. Mehr als die Hälfte der Einzelunternehmen werden von einem Migranten als Inhaber geführt (54,5%). In der älteren Gruppe gibt es weniger Menschen mit Migrationshintergrund. Was zum Beispiel Auswirkungen auf Altersversorgung und Pflege etc. hat. Diese Fragen sind erst in den letzten zehn Jahren aufgekommen.

Blicken Sie auf die Jugend, ändert sich das Bild gewaltig. Wir sind mitten im demografischen Wandel. Zwischen 2005 und 2023 sank laut Statistischem Bundesamt die Zahl der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund um 7,88 Mio. (das sind minus 12 %). Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung mit Migrationshintergrund im Saldo um 10,4 Mio. an. Das führte zu einem Anstieg der Gesamtbevölkerung auf 83,9 Mio. Menschen. Bei Türkischstämmigen liegt das Wachstum nur bei 14 %. Das liegt auch daran, dass einige laut den Definitionen nicht mehr erfasst werden können. Wir haben also zwei demografische Wandlungsprozesse. Einmal diesen: Die autochthone Bevölkerung sinkt, die allochthone steigt.

Bei Muslimen gibt es auch einen Wandlungsprozess. Vor 10-15 Jahren sprachen wir von über 75 % türkischen Muslimen. Zieht man den Balkan hinzu – also kulturell die osmanischen Gebiete in Europa – dann lag man bei über 80 %. Das heißt, Islam in Deutschland war türkisch geprägt. Und diese türkische Prägung führte zu türkisch dominierten, muslimischen Verbänden mit ihren Moscheestrukturen etc.

Jetzt befinden wir uns auch in einem Wandlungsprozess. Die muslimische Community ändert sich. Sie wird stark „arabisiert“. Das heißt, neben der starken türkischen muslimischen Community, kommt eine große arabische hinzu. Mit ihrer Migrationsgeschichte ist sie jung und verfügt über keine Strukturen. Im Gegensatz zu den Türken beziehen sie sich nicht nur auf einen ausgeprägten Nationalstaat, sondern einen weiteren geografischen und kulturellen Raum. Das hat Auswirkungen auf den organisierten Islam bei uns.

Wie wirkt sich demographischer Wandel aus?

Islamische Zeitung: Welche Auswirkungen wären das?

Yunus Ulusoy: Wenn sich die neu zugewanderten Muslime in alte etablierte und türkisch geprägte Moscheen begeben, wird es die Frage der Sprache mit sich bringen. Wenn der deutsche oder der syrische Muslim im Vorstand sitzt, kann das schlecht Türkisch sein. Bisher war es selbstverständlich Türkisch.

In der Vergangenheit war es selbstverständlich, dass Vorstände die Muttersprache sehr gut beherrschen mussten. Deutsch war nicht zwingend erforderlich, weil er in erster Linie Vorstand für die Gemeinde war. Für die Öffentlichkeit gab es jemanden, den man einsetzen konnte. Das gilt teils noch heute, weil meine Generation noch da ist. Sie hat weiterhin ihre Identitätszugehörigkeit zur Türkei gepflegt.

Für die dritten Generation – sollte sie morgen in Vorständen sein – gilt das nicht mehr. Sie wächst in einem anderen Umfeld auf. Ihr Freundeskreis ist häufig multireligiös oder, wenn religiös homogen, multiethnisch. Ich kenne Jungs, die in solchen Kreisen unterwegs sind. Die haben dann Freunde mit diverser Herkunft.

interkulturell Ehe

Foto: Bailey-Oscar

Islamische Zeitung: In dem Kontext gibt es ein Phänomen, über das wir selten sprechen. Das sind die interkulturellen Ehen bzw. Familien…

Yunus Ulusoy: Die Schwierigkeit besteht heute darin, sie zu definieren. Als ich hier im ZfTI anfing, hatte ich damals eine kleine Studie mit Zahlen vom Ausländerzentralregister über binationale Ehen gemacht. Dabei ging es um Türken/Türkinnen mit einem/r nicht-türkischen Ehemann oder -frau. Damals waren die Zahlen klein, allerdings bei Männern zehnmal höher als bei Frauen. Heute ist es ganz anders.

Eine Beobachtung: Menschen, die in der Gesellschaft einen guten sozioökonomischen Status erreicht haben, weisen öfter – das ist nur deskriptiv – eine solche Verbindung auf. Die Entwicklung geht dorthin, was ich vor 20 Jahren meinen Landsleuten gesagt habe. Du kannst nicht in Deutschland leben und versuchen, Anatolien in Deutschland für die nächste Generation fortzuschreiben. Das geht nicht.

Wenn man sich die Genese der Türken betrachtet, so haben die sich über ihren Wanderungsprozess von Zentralasien bis nach Kleinasien im Laufe der Jahrhunderte mit anderen vermischt, sodass sie zu einer südländischen Erscheinung geworden sind – die von Anatolien bis Spanien vergleichbar ist. Das sind historische Erfahrungen mit Veränderungen.

Soweit die hiesige Community betroffen ist, steckt sie noch in den Bildern der Vergangenheit. Ich weiß nicht, ob türkische Moscheeverbände Strategien entwickelt haben, wie sie diese Vielfalt aufnehmen sollen. Auf der einen Seite wird von „Umma“ gesprochen. Aber dann stellt sich die Frage nach dem Umgang, wenn diese zu einem kommt. Auch Gewohnheiten von 60 Jahren müssen sich ändern.

Wenn die Sprache in der Moschee nicht mehr die Herkunftssprache ist, sondern die Verkehrssprache als gemeinsames Medium fungiert, verliert die Moschee ein Element. Eine solche Moschee war bisher nicht nur Stätte für religiöse Bedürfnisse, sondern auch für Bewahrung von Sprache, Kultur usw.

kotti

Foto: imago | Ina Peek

Zwischen Identitäten und Milieus

Islamische Zeitung: Was Sie zum Schluss sagten, lässt sich u.a. mit dem Begriff Identität umschreiben. In den letzten Jahren wurde häufiger über die Option für Migranten und/oder Muslime gesprochen, sich politisch identitär zu verhalten. Bisher lässt sich nicht erkennen, dass ein identitärer Ansatz Erfolg hätte. Wie sehen Sie das? 

Yunus Ulusoy: Nehmen Sie nur die Türkeistämmigen. 19 Abgeordnete mit türkisch lesbaren Namen sind in den Bundestag eingezogen. Das sind 3 % von 630 Abgeordneten. Die wahlberechtigten Türkeistämmigen stellen maximal 1,9 % der Wahlberechtigten. In ihrem Fall könnte man sagen, sie seien gut repräsentiert.

Wenn Sie sich näher anschauen, welche Milieus der Community gut repräsentiert sind, dann sind es diejenigen, die sich von ihrem Herkunftsland isoliert oder abgekapselt haben bzw. teils im Konflikt zu ihm stehen.

Das sind für die Türkei Menschen mit kurdischen oder alevitischen Wurzeln, Säkulare und solche, die in Opposition zu Erdogan stehen. Diese Menschen haben ein anderes Erscheinungsbild und einen anderen Lebenswandel, durch die sie in Parteien kaum Widerstände hervorrufen.

Eine Partei bedient in erster Linie die Mehrheitsbevölkerung. Jemand, der mit Migrationsbezug dorthin geht und sagt „ich passe mich gar nicht an, sondern bleibe sozusagen Vertreter meiner Mikro-Community“, muss immer bedenken, er wird nicht allein gewählt mit den Stimmen dieser Menschen. Es müssen auch Willy oder Sabine für ihn stimmen.

Islamische Zeitung: Im Vorfeld hatten Sie den Begriff „Milieu(s)“ benutzt. Wie entscheidend ist das?

Yunus Ulusoy: Das sind zum Beispiel die religiös-konservativen Milieus. Ich spreche jetzt nicht von sozioökonomischen Milieus, sondern von Werteorientierung oder Lebensstil. Wenn Sie die konservativ-religiösen Milieus betrachten, sind diese sehr unterrepräsentiert.

Kennen Sie eine prominente Politikerin mit Kopftuch?Nein.Kennen Sie einen, der explizit in einer der bekannten Organisationen sozialisiert wurde und dieser verhaftet ist? Nein. Da gibt es Hürden. Einerseits auf Seiten der Parteien, andererseits beim Milieu selbst.

Dass sich Parteien verändern, kann man erwarten. Das läuft aber schwieriger und langsamer ab als womöglich die Veränderung in der Bevölkerung. Politik reagiert häufig im Nachhinein auf die Dynamiken des Lebens. Dass sich heute Parteien bewusst mit der Frage auseinandersetzen, Bevölkerung mit Migrationshintergrund anzusprechen, ist mittlerweile Realität.

Bundestagswahl

Foto: Helga P-A., Adobe

Lokal gibt es erste Veränderungen

Islamische Zeitung: Wir sind mittlerweile in Deutschland doch so weit, dass migrantische Kandidaten wie Edis (Duisburg) oder Kocak (Neukölln) als Linke Direktmandate gewinnen können… Das ist schon ein Novum, oder?

Yunus Ulusoy: Ja, klar. Auch bei Kommunalwahlen gibt es solche Entwicklungen. Hier in NRW gibt es in vielen Stadtparlamenten parteiunabhängige Listen. Das mag auf einen Mikroraum zustimmen, bundesweit bringt es nichts. Die Parteigründung DAVA liefert den letzten Beweis. Die muslimische Community ist im Parteiensystem unterrepräsentiert, wenn wir von Verhaftung und Verortung in ihr sprechen. Es gibt einzelne, lokale Akteure, aber darüber hinaus nichts. Das wird aber nicht so bleiben. Manche Veränderungen entwickeln sich schwieriger, aber es wird dazu kommen.

Islamische Zeitung: Seit Oktober 2023 sprechen viele über eine politische Entfremdung vom parteipolitischen Mainstream. Eine Erhebung des DeZIM hat das untermauert. Glauben Sie, dieser Effekt bleibt oder ist er nur temporär?

Yunus Ulusoy: Ich beobachte das auch. Das ist ein bekanntes Phänomen. Und man muss hinzufügen: Es ist ein generelles. Parteibindungen, wie sie früher über Herkunft, Familie, Konfession, Gewerkschaften etc. tradiert wurden, schwinden. Diese Abnahme gilt für alle Lebensbereiche – von Vereinen bis Parteien. 

Nachfolgende Generationen tun sich hier schwerer. Das ist unabhängig von Herkunft. Bei Migranten kommen je nach Herkunft und Milieu zusätzliche Aspekte hinzu, die eine Entfremdung verstärken können.

Das kann zum Beispiel der Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit dem eigenen Identitätsmerkmal sein. Aus meiner Erfahrung war das bis in die 1990er hinein das Element des Türkisch-Seins. Die Religion war nicht so prägend. Zuerst wurde ich beim Thema Khomeini damit konfrontiert. Heute ist religiöse Identität unabhängig vom Religiositätsgrad ein Zuweisungselement im öffentlichen Diskurs geworden.

Und wenn dieses Identitätsmerkmal negativ konnotiert wird, dann tue ich mich natürlich schwerer, mit den Leuten zusammenzuarbeiten, die meine Identität negativ belasten. Das ist die eine Seite.

Dann kommt die weltpolitische Gemengelage hinzu. Jemand mit muslimischen Wurzeln hat eine andere Empathie und Kultur mit den Palästinensern als jemand aus der Mehrheitsgesellschaft.

Passiert ein Attentat in Deutschland wie in Hanau, findet trotzdem Karneval statt. Es gibt eine Empathie-Diskrepanz zwischen Mehrheitsgesellschaft und zugewanderten Menschen. Kommt es umgekehrt zu einem Attentat, wo der Täter muslimisch konnotiert wird, ist eine Welle von Empörung da. Jemand, der hier sozialisiert wurde, sieht diese Widersprüche und erkennt, dass ethisch-moralische Normen durchaus beliebig veränderbar sind.

Ein letzter Aspekt ist ein Generationswandel. Angehörige der nachkommenden Altersklassen haben einen anderen Grad an Resilienz als wir. Wir waren widerstandsfähiger, weil wir uns zu Beginn gar nicht zugehörig fühlten. Auch ich habe Angriffe ertragen und Verletzungen davongetragen. Darunter hat aber mein türkisches Sein nicht gelitten.

Die Angehörigen dieser oder der folgenden Generationen sehen sich als Deutsche, als Hiesige. Wenn ein Merkmal, das zu ihnen gehört, aber im Deutschsein nicht gleichberechtigt behandelt wird, dann haben sie natürlich einen ganz anderen Verletzungsgrad. Wenn ich mich mit jemandem von ihnen zum Beispiel über die Entwicklung in Deutschland unterhalte, merke ich, dass sie meine Gelassenheit nicht teilen.

Denn meine Gelassenheit ist auch Ergebnis meiner Erfahrung und Geschichte. Ich weiß, das Leben ist so dynamisch veränderbar, dass das, was heute als Nonplusultra gilt, morgen wieder komplett verschwinden kann. Ein junger Mensch teilt diese Sicht nicht.

Sie sagen: Du hast die meiste Zeit deines Lebens in Deutschland schon so gut verbracht. Und wenn es dir nicht gefällt, gehst du in die Türkei als Rentner. Was kann dir schon passieren? Aber ich habe noch 40 Jahre berufliche Zukunft in Deutschland vor mir.

Islamische Zeitung: Lieber Yunus Ulusoy, wir bedanken uns recht herzlich für das Gespräch.

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Rohe warnt vor Generalverdacht gegen Muslime

mutter rohe

Islamwissenschaftler Rohe warnt vor Generalverdacht. Aber schon Christian Wulffs Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ hat heftige Debatten provoziert.

Frankfurt (KNA/iz). Der Islamwissenschaftler und Jurist Mathias Rohe warnt vor einem Generalverdacht gegen Muslime in Deutschland. Es sei ein gefährliches Zerrbild, immer wieder von einer „Islamisierung Deutschlands“ zu sprechen, schreibt der Direktor des Zentrums für Islam und Recht in Europa an der Uni Erlangen-Nürnberg in einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Montag).

Natürlich sei „islamistisch“ motivierte Gewalt eine reale Bedrohung und müsse mit rechtsstaatlichen Mitteln konsequent bekämpft werden, betonte Rohe. Doch jeder Generalverdacht gegen die muslimische Bevölkerung sei unbegründet und schädlich.

Der Begriff „Islamisierung“ werde häufig zur Beschreibung islamistisch-extremistischer Entwicklungen genutzt, sei aber irreführend. Tatsächlich handele es sich bei „Islamismus“ um eine politische Ideologie, die eine islamische Gesellschaftsordnung über den säkularen Staat stellen wolle.

Doch nur ein kleiner Teil der muslimischen Bevölkerung in Deutschland unterstütze solche Positionen, so Rohe. Das zeigten zahlreiche Studien. Die Mehrheit lebe religiös im privaten Rahmen und bekenne sich zu Demokratie und Grundgesetz.

Foto: FAU/Boris Mijat

Er warnte vor pauschalen Unterstellungen: Religiöse Praktiken wie das Tragen eines Kopftuchs oder ein Verzicht auf den Handschlag zur Begrüßung sollten nicht vorschnell als Zeichen von Extremismus gewertet werden.

Wer religiöse Normalität mit Islamismus verwechsle, betreibe eine gefährliche Täter-Opfer-Umkehr. Feindliche Pauschalurteile förderten nicht die Sicherheit, sondern Radikalisierung.

Zugleich forderte er eine effektive Bekämpfung von Extremismus – etwa durch bessere digitale Überwachung, verstärkte internationale Kooperation und die gezielte Prävention in sozialen Medien.

Wichtig sei dabei, zwischen legitimer Religionsausübung und extremistischen Bestrebungen klar zu unterscheiden. Auch müssten muslimische Organisationen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, wenn sie die freiheitlich-demokratische Grundordnung achten.

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Befindet sich das Land auf der schiefen Bahn?

koalition land wahl

In Deutschland hat der öffentliche Diskurs und der politische Kurs eine Schieflage erreicht. (iz). Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat vor einem Millionenpublikum in einem Interview am Rande des kanadischen G7-Gipfels […]

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