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El Faschir: Mit der Eroberung beginnen die Morde

El Faschir Sudan

Gestern wurde der Fall der strategisch wichtigen Stadt El Faschir im Sudan gemeldet. Erste Berichte lassen das Schlimmste befürchten.

(iz, Agenturen). Die Stadt fiel am 27. Oktober 2025 nach monatelanger Belagerung an die Rapid Support Forces (RSF). Der Fall der letzten Bastion der sudanesischen Armee in Darfur markiert eine Zäsur im Bürgerkrieg.

Volker Türk zum Fall von El Faschir: „zutiefst alarmiert“

Das Büro von Volker Türk, UN-Hochkommissar für Menschenrechte (OHCHR), zeigte sich in den vergangenen Tagen „zutiefst alarmiert“ über die Berichte aus El Faschir und Darfur, die von schweren Menschenrechtsverletzungen durch RSF-Kämpfer zeugen. 

Laut Stellungnahme gab es zahlreiche Hinweise auf außergerichtliche Hinrichtungen, willkürliche Festnahmen, Folter und gezielte Angriffe auf Zivilistinnen und Zivilisten während und nach der Offensive. Das Hochkommissariat fordert die sofortige Einstellung der Gewalt und ermahnt sämtliche Konfliktparteien, das humanitäre Völkerrecht und die Rechte der Zivilbevölkerung strikt zu respektieren. 

Internationale Ermittlungen und Rechenschaftsmechanismen seien dringend geboten, um die Täter der systematischen Menschenrechtsverstöße in Darfur zu verfolgen und weiteren Gräueltaten vorzubeugen.

Foto: UN Photo / Jean-Marc Ferré, via flickr | Lizenz CC BY-NC-ND 2.0

Sudanesische Menschenrechtler sprechen von einer „erschütternden Realität“

Menschenrechts- und Demokratieaktivisten verurteilten die Ereignisse rund um El Faschir mit klaren Worten und schilderten eine zutiefst bedrückende Wirklichkeit. Das Darfur Network for Human Rights sprach in öffentlichen Statements nach dem Fall der Stadt von systematischer Gewalt gegen die Zivilbevölkerung und bezeichnete die Massenverhaftungen von über tausend Personen, darunter viele Frauen und Kinder, als gezielte Kriegsverbrechen.

Besonders alarmierend sei das Verschwinden von Journalisten und lokalen Aktivisten, deren Sicherheit und Freiheit in akuter Gefahr stünden. Die sudanesische Journalistenvereinigung sprach von drohenden „Massenverletzungen“ und zog erste Parallelen zu den Massakern von El Geneina 2023, bei denen ebenfalls Hunderte Menschen getötet worden waren.​

Die Sudan Doctors Union, eine der wichtigsten medizinischen Berufsorganisationen des Landes, charakterisierte die Lage in El Faschir als „brutalen Tötungsboden“ und verurteilte die RSF als zentralen Akteur einer nachweislich auf Terror und Vernichtung der Zivilbevölkerung zielenden Politstrategie.

Die Ärzte forderten die internationale Gemeinschaft auf, die RSF als Terrororganisation einzustufen und das Schweigen gegenüber den Gräueltaten zu brechen. In mehreren Stellungnahmen plädierten sie ebenso wie lokale Basisinitiativen für einen sofortigen humanitären Korridor und freie Evakuierungsmöglichkeiten für die Eingeschlossenen.​

Zivilgesellschaftliche Organisationen sammelten in den letzten Tagen immer mehr Beweise für Massaker, willkürliche Erschießungen und gezielte, ethnisch motivierte Übergriffe. Demokratiebewegungen wie Notfallnetzwerke (Emergency Response Rooms) und Graswurzelinitiativen beschrieben in Berichten aus den belagerten Gebieten eine Atmosphäre ständiger Angst und extremer Not.

Die Aktivistin Mouawia berichtete nach ihrer Flucht, die Stadt sei in den letzten Tagen vor der Einnahme buchstäblich „von jeder Hoffnung abgeschnitten“ gewesen. Der Blick auf El Faschir und zahlreiche andere Orte in Darfur ist für viele Aktivisten auch Ausdruck einer generationsübergreifenden Traumatisierung der Bevölkerung durch jahrzehntelange Gewalt und Vertreibung.​

Die Demokratieaktivisten fordern unisono, dass die internationale Gemeinschaft endlich Konsequenzen zieht und die Verantwortlichen für Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen vor Gericht bringt. Ohne Schutz für Zivilisten, humanitäre Versorgung und konsequente Aufklärung der Verbrechen drohe Darfur eine weitere Eskalation ethnischer Gewalt und die völlige Auflösung jeder zivilen Ordnung.​

sudan faschir

Foto: Sudan Envoy

Chronik der Belagerung und Eroberung

Seit dem Frühjahr 2023 galt El Faschir, Hauptstadt von Nord-Darfur, als letzte Großstadt der Region unter Kontrolle der sudanesischen Armee. Bereits früh im Konflikt rückten die RSF und verbündete Milizen in die Nähe der Stadt vor; El Faschir blieb jedoch ein Symbol des Widerstands, auch durch die Präsenz mehrerer Darfur-Freiwilligenverbände und lokaler Milizen.

Die RSF intensivierte ab Mitte 2024 ihre Belagerungsstrategie: Zugangswege wurden blockiert, Versorgungslinien unterbrochen und immer wieder kam es zu Drohnen- und Artillerieangriffen auf Wohngebiete und Einrichtungen der Daseinsvorsorge.​

Im Oktober 2025 begann die finale Offensive der RSF, die am Wochenende des 26./27. mit der Einnahme des Armee-Hauptquartiers und weiten Teilen des Stadtgebiets gipfelte.

Die sudanesische Armee zog sich zurück oder ergab sich. Unbestätigte Aufnahmen zeigen feiernde RSF-Kämpfer vor der Kaserne der 6. Infanterie-Division. Aus Sicht der paramilitärischen Führung festigten sie mit diesem Schlag ihre Kontrolle nicht nur von Darfur, sondern über das strategische Rückgrat West-Sudans.​

Vor der Eroberung gab es lokale Solidaritätsnetzwerke, die bspw. Hungernde mit Nahrung versorgten. Lt. Berichten wurden erste Mitglieder von ihnen durch die RSF-Einheiten ermordet. (Foto: Malaz Emad/X)

Humanitäre Lage

Schon vor dem Fall El Faschirs lebte die Stadt über ein Jahr unter Belagerungszustand. Laut Schätzungen internationaler Hilfswerke waren rund 260.000 bis 300.000 Menschen im Stadtgebiet eingeschlossen. Nahrung, Wasser und Medikamente gingen seit Monaten zur Neige, da alle Zufahrtsstraßen und Versorgungsrouten blockiert waren und Hilfsgüter kaum noch durchkamen.​

Augenzeugen und Hilfsorganisationen beschrieben in den letzten Wochen einen akuten Mangel an Grundnahrungsmitteln, massive Preissteigerungen, überfüllte Notunterkünfte und immer häufigere Ausbrüche von Krankheiten. Hospitäler und Märkte wurden sowohl durch Artilleriefeuer als auch durch gezielte Plünderungen beschädigt oder zerstört.

Während einige lokale Initiativen wie Suppenküchen oder Feldkliniken Lebensmittel und medizinische Hilfe leisten konnten, war deren Arbeit lebensgefährlich und kräftezehrend; viele Helfer haben die RSF-Angriffe getötet bzw. verletzt. Die UN warnte, dass Tausende Kinder unmittelbar vom Hungertod bedroht seien – ein Zustand, der sich mit der endgültigen Einnahme der Stadt weiter verschlechtern dürfte.

Einige konnten aus der wichtigen Stadt vor den gewalttätigen Milizen fliehen. (Foto: Sadeia/X)

Zur strategische Bedeutung von El Faschir

Die Stadt ist nicht nur die Hauptstadt von Nord-Darfur, sondern zudem das logistische Zentrum für die ganze Region. Die Kontrolle dieser Stadt öffnet den RSF durch ihre Lage entlang wichtiger Verkehrs- und Versorgungsachsen praktisch das Tor zum gesamten Westen Sudans. Historisch war es Sitz des Sultans von Darfur und verfügt bis heute über große symbolische Bedeutung.​

Mit dem Sieg kann die RSF ihre Ansprüche auf eine parallele Verwaltung und auf die Ressourcen der gesamten Region untermauern. Zugleich droht der endgültige Zerfall der staatlichen Einheit des Landes, da die Landverbindungen zum ägyptisch kontrollierten Norden und ins östliche Sudanische Kernland von der Armee nun weitgehend verloren sind.

Auch für humanitäre Operationen ist es der wichtigste Knotenpunkt; mit dem Wegfall der Stadt als Basis der Hilfsorganisationen verschärft sich die Notlage der gesamten Region.

Afghanistan: Taliban erklären Kampfende. Ghani verlässt das Land

Kabul war die letzte Großstadt in Afghanistan in den Händen der Regierung. Doch nun floh der Präsident, und die Taliban rückten ein. Es herrscht große Unsicherheit in der Bevölkerung. Die Bundesregierung reagiert eiligst.

Kabul (dpa/iu). Nach dem rasanten Eroberungszug der Taliban in Afghanistan ist Präsident Aschraf Ghani ins Ausland geflohen. Zuvor hatten die Aufständischen am Wochenende weitere Großstädte in dem Krisenstaat erobert und auch die Hauptstadt Kabul eingekesselt. Am Sonntagabend rückten dann Talibankämpfer in die Millionenmetropole ein und besetzten auch den Präsidentenpalast.

Die Bundesregierung begann angesichts der brisanten Lage unter Hochdruck mit der Evakuierung des Personals der deutschen Botschaft. Die ersten Angehörigen sollten noch am Sonntag ausgeflogen werden, kündigte Außenminister Heiko Maas (SPD) an. Außerdem sollten in der Nacht zum Montag Bundeswehr-Transportflugzeuge aufbrechen, um weiter Menschen auszufliegen. Die Botschaft in Kabul wurde zunächst dichtgemacht, die Mitarbeiter wurden zum militärischen Teil des dortigen Flughafens gebracht. Auch die USA begannen mit der Räumung ihrer Botschaft.

Ghani schrieb zur Begründung seiner Flucht auf Facebook, andernfalls wären zahlreiche Landsleute getötet und die Stadt Kabul zerstört worden. „Ich entschied mich zu gehen, um dieses Blutvergießen zu verhindern.“ Die Taliban hätten ihre Macht mit Waffengewalt errungen und seien nun dafür zuständig, die Leben, das Vermögen und die Ehre der Bürger zu schützen.

Der Vorsitzende des Nationalen Rats für Versöhnung, Abdullah Abdullah, äußerte sich empört. Er sagte in einer Videobotschaft, Gott möge Ghani zur Rechenschaft ziehen. Auch das Volk werde über ihn richten. Angaben dazu, wohin Ghani abreiste, machte Abdullah nicht. Lokale Medien berichteten, er sei nach Tadschikistan geflogen.

Die Taliban hatten in den vergangenen knapp eineinhalb Wochen fast alle Provinzhauptstädte eingenommen. Viele waren kampflos an sie gefallen. Am Samstagabend (Ortszeit) hatten sie Masar-i-Scharif im Norden und am Sonntagmorgen Dschalalabad im Osten erobert. In Masar-i-Scharif war bis vor wenigen Wochen ein großes Feldlager der Bundeswehr gewesen, erst Ende Juni sind die deutschen Soldaten von dort abgezogen. Die Bundeswehr hatte zuletzt afghanische Sicherheitskräfte im Zuge des Nato-Einsatzes „Resolute Support“ ausgebildet.

US-Außenminister Antony Blinken verteidigte erneut den Truppenabzug, räumte allerdings ein, dass auch die USA von den Ereignissen überrascht worden seien. „Wir sehen, dass die Streitkräfte nicht in der Lage waren, das Land zu verteidigen – und zwar schneller, als wir es erwartet hatten.“

Die Taliban versuchten, die Furcht der Bevölkerung vor Chaos und Gewalt zu zerstreuen. Suhail Schahin, ein Unterhändler bei den Gesprächen mit der afghanischen Regierung in Katar, erklärte der BBC: „Wir versichern den Menschen (…) in der Stadt Kabul, dass ihr Hab und Gut und ihre Leben sicher sind.“ Es werde „keine Rache an irgendjemandem“ geben.

Am Abend teilten die Taliban in einer weiteren Erklärung mit, sie hätten Berichte erhalten, dass Polizeistationen und Ministerien verlassen worden seien. Die Sicherheitskräfte seien geflohen. Um Plünderungen zu verhindern oder damit anderen Menschen kein Schaden zugefügt werde, habe die Taliban-Führung ihre Kämpfer angewiesen, jene Gebiete zu betreten, aus denen der Feind geflohen sei.

Die US-Botschaft in Kabul wies ihre Landsleute an, sich in Sicherheit zu bringen. „Die Sicherheitslage in Kabul ändert sich schnell, auch auf dem Flughafen. Es gibt Berichte, dass der Flughafen unter Beschuss geraten ist; daher weisen wir US-Bürger an, sich in Sicherheit zu bringen“, hieß es in einer Warnung.

Fallschirmjäger der Bundeswehr sollen an diesem Montag in Militärtransportern nach Kabul fliegen. Am selben Tag soll nach Angaben aus Sicherheitskreisen ein Krisenunterstützungsteam (KuT) aus Experten verschiedener Ministerien eintreffen. In der usbekischen Hauptstadt Taschkent soll ein zweites KuT eine Drehscheibe („Hub“) für die Rettung von Menschen organisieren. Es geht um den bislang wohl größten Evakuierungseinsatz der Bundeswehr. Auch die USA begannen, ihre Botschaft zu räumen und ihr Personal an einen Standort am Flughafen zu verlegen, wie Außenminister Antony Blinken bestätigte.

Russland will seine Botschaft hingegen vorerst nicht räumen, wie der Afghanistan-Beauftragte des Außenministeriums, Samir Kabulow, der Agentur Interfax sagte. Auch Frankreich will seine Botschaft offenhalten: Diese werde an den Flughafen verlegt, wo alles dafür getan werde, um weiter Visa an afghanische Ortskräfte und andere gefährdete Personengruppen ausstellen zu können, teilte das Außenministerium mit. Das Verteidigungsministerium werde zudem militärische Verstärkung in die Vereinigten Arabischen Emirate schicken, um Evakuierungsflüge nach Abu Dhabi zu ermöglichen.

Aus der Nato hieß es auf Anfrage: „Wir helfen, den Betrieb des Flughafens Kabul aufrechtzuerhalten, damit Afghanistan mit der Welt verbunden bleibt. Wir halten auch unsere diplomatische Präsenz in Kabul aufrecht.“

In Kabul spielten sich am Sonntag chaotische Szenen ab. Es kam zu einer Schießerei vor einer Bank, wie ein Bewohner der Stadt sagte. Viele Menschen versuchten, ihr Erspartes abzuheben und Lebensmittel zu kaufen. Ein Soldat aus Kabul sagte, seine gesamte Einheit habe die Uniformen abgelegt.

Ein Bewohner des Viertels Kart-e Tschar sagte am Abend, die Taliban seien bereits im lokalen Polizeihauptquartier. In der Nacht berichteten mehrere Bewohner Kabuls von vereinzelten Schüssen, die sie hörten. Viele Menschen hatten sich zuhause verbarrikadiert.

Der britische Premierminister Boris Johnson warnte westliche Staaten davor, die Taliban ohne vorherige Absprache als neue Regierung Afghanistans anzuerkennen. Johnson sagte nach einer Sitzung des nationalen Sicherheitskabinetts, es sei „sehr wichtig, dass der Westen zusammenarbeitet, um dieser neuen Regierung – ob es Taliban sind oder jemand anderes – klarzumachen, dass niemand will, dass Afghanistan wieder zur Brutstätte für Terrorismus wird“.

Albanien und Kosovo wollen vorübergehend afghanische Flüchtlinge aufnehmen, die nun in ihrem Land gefährdet sind. Man komme damit einer Bitte der USA nach, erklärten der albanische Ministerpräsident Edi Rama und die kosovarische Staatspräsidentin Vjosa Osmani auf Facebook. Es gehe darum, Flüchtlinge aufzunehmen, die später in die USA gebracht werden sollen.