Wie ist die Lage der Menschen in Gaza? Interview mit dem humanitären Helfer Dr. Mahmoud Almadhoun von Islamic Relief

(iz). Während die Zivilbevölkerung im Gazastreifen unter einem erneuten sinnlosen Krieg zu leiden hat, bemühen sich verschiedene internationale Organisationen zumindest um die Linderung der schwierigsten Versorgungsengpässe und der bedrohlichsten Mängel. Dabei müssen sie, wie unabhängige Journalisten, darauf achten, dass sie nicht selbst in die Schusslinie dieses Konfliktes geraten, der sich zu einem Bodenkrieg ausweiten könnte.

Dr. Mahmoud Almadhoun von Islamic Relief ist einer von ihnen. Almadhoun ist seit 2008 als Manager für das Personalwesen und die Qualitätssicherung sowie im Komitee für die Geschäftsführung aktiv. Während er mit einem Team der Hilfsorganisation in deren Kairoer Räumlichkeiten auf Grünes Licht für eine sichere Einreise nach Gaza wartete, sprachen wir mit ihm über die Lage, die Menge der bisherigen Opfer und den Mangel an wichtigen Gütern.

Islamische Zeitung: Sie stehen kurz davor bereit, mit Ihrem Team der Hilfsorganisation Islamic Relief nach Gaza einzureisen. Wie sieht die dortige Lage aus?

Dr. Mahmoud Almadhoun: Ich bin seit drei Tagen in Kairo damit beschäftigt, die Lage in Gaza zu beurteilen. Eigentlich wollten wir heute mit einem Team nach Gaza fahren, aber wir konnten nicht. Die Sicherheitslage ist so brenzlig geworden, dass es bisher nicht möglich war. Auch aus Telefonaten mit meiner Familie in Gaza wurde deutlich, dass die momentane Lage mit dem Gazakrieg 2009 [die israelische Operationen „Gegossenes Blei“] zu vergleichen ist. Unser Palästina-Büro in Gaza hat uns kontaktiert und uns absolut von einem Kommen abgeraten. Die Lage ist vollkommen unübersichtlich und es bestehen keinerlei Möglichkeiten, den Schutz unserer Sicherheit zu gewährleisten.

Islamische Zeitung: Wie erlebte die Zivilbevölkerung die Angriffe der letzten vier Tage?

Dr. Mahmoud Almadhoun: Die Situation ist sehr schwierig. Das Leben hat total aufgehört zu funktionieren. Die Kinder gehen nicht zur Schule. Die Leute bleiben zu Hause. Alle Menschen haben Angst und können überhaupt nicht schlafen, weil der kontinuierliche Beschuss aus der Luft und von See seit fünf Tagen sehr stark ist. Die Häuser wackeln genau wie bei einem Erdbeben.

Islamische Zeitung: Ist die Lage mit dem israelischen Angriffen bei der Operation „Gegossenes Blei“ im Jahre 2009 zu vergleichen?

Dr. Mahmoud Almadhoun: Ja, unbedingt. Ich habe diese Frage mehrfach gestellt, auch unserem Büro von Islamic Relief in Gaza, und es sieht bisher genauso aus wie im Jahre 2009. Es ist noch nicht ganz so stark, aber die Gesamtlage sieht vergleichbar aus.

Islamische Zeitung: Es gibt in Deutschland Medienberichte, die von einem Ende der Aktion sprechen, da Israel angeblich beinahe sämtliche Raketendepots zerstört haben soll. Ist das glaubwürdig oder rechnen die Menschen in Gaza mit einem Einmarsch israelischer Bodentruppen?

Dr. Mahmoud Almadhoun: Die arabische Webseite von Al Jazeera behauptete heute morgen so ziemlich das Gegenteil. Die israelische Regierung wolle noch weitermachen und hätte zusätzliche Einheiten mobilisiert. Laut Al Jazeera würde sich Israel auf eine Ausweitung der Operationen vorbereiten.

Islamische Zeitung: Gibt es verlässliche Zahlen zu Getöteten und Verletzten der ersten fünf Tage?

Dr. Mahmoud Almadhoun: Wir wissen von 52 Personen, die bei den Angriffen getötet wurden. Darunter waren 15 Kinder, wobei das jüngste elf Monate als war. Über die Verletztenzahlen habe ich keine genauen Angaben.

Islamische Zeitung: Während der Operation „Gegossenes Blei“ funktionierten ja noch die Krankenhäuser vom Roten Kreuz und vom UNHCR teilweise. Arbeiten sie dieses Mal immer noch?

Dr. Mahmoud Almadhoun: Doch, sie arbeiten jetzt immer noch.

Islamische Zeitung: Welche Projekte unterhielt Islamic Relief bis jetzt in Palästina?

Dr. Mahmoud Almadhoun: Islamic Palästina wurde 1998 gegründet und momentan haben wir 102 Mitarbeiter. Augenblicklich betreiben wir 39 Projekte, davon 19 dienen der Nothilfe. 14 widmen sich der Entwicklungshilfe und sechs sind spezifisch auf die Betreuung von Kindern ausgerichtet. Dazu zählt ein Programm für 6.000 Waisen in Gaza. Islamic Relief hat in den letzten Tagen dieser Krise verschiedene Aktionen gestartet. So hat Islamic Relief Worldwide in diesem Zeitraum 1,2 Millionen Euro gesammelt und nach Gaza überwiesen. Dort besteht ein großer Bedarf an Medikamenten und medizinischer Versorgung. Mittlerweile ist eine Spendenkampagne angelaufen, die bis Ende November eine weitere Millionen Euro ergeben soll. Bis zum Ende des Jahres wollen wir diese Summe auf fünf Millionen steigern. Und bis zum Juni des kommenden Jahres soll das Endziel dieser Kampagne bei 20 Millionen Euro liegen. Insbesondere auf dem palästinensischen Gesundheitssektor gibt es einen großen Bedarf. Dieser ist in einem unglaublichen Zustand. Dabei ist nicht nur diese Krise das Problem, sondern wir müssen immer noch mit den Folgen des letzten Krieges fertig werden. Von 2009 bis heute wurde das Ziel der Entwicklung des Gesundheitssektors noch nicht erreicht.

Islamische Zeitung: Es ist seit mehreren Jahren schon der „Normalfall“, dass Gaza von Hilfslieferungen abhängig ist – wegen der Blockade und wegen einer nicht mehr existenten Industrie. Bei welchen Gütern wird es Ihrer Meinung nach die ersten Engpässe geben?

Dr. Mahmoud Almadhoun: Gestern [Samstag, den 17. November] erhielten wir vom Gesundheitsministerium die Information, wonach 130 Medikamente für Fälle lebensbedrohlicher Krankheiten fehlen. Als Islamic Relief haben wir eine Liste von solchen Präparaten bekommen und möchten sie gerne mit Hilfe verschiedener Organisationen und Partner bearbeiten. Ein zweiter notwendiger Aspekt ist das Fehlen benzin- oder solargetriebene Notstromaggregate. Derzeit reichen die Kapazitäten nur für drei Tage. Danach können wir keinen Strom mehr bekommen. Das heißt, das die Krankenhäuser ohne Strom nicht mehr optimal werden funktionieren können. Islamic Relief unterstützt im Augenblick das Krankenhaus Asch-Schifa voll. Wenn man dort eintrifft, sieht man dort auch unser Logo. Islamic Relief Palästina hat sich insbesondere der Arbeit auf dem Gebiet der Gesundheit – allen voran den Krankenhäusern – gewidmet.

Islamische Zeitung: Wie sieht es bei der Versorgung mit Lebensmitteln aus?

Dr. Mahmoud Almadhoun: Die Lebensmittelversorgung hängt von der Lage an den Grenzen ab. Wenn diese geschlossen sind, kommt keine Nahrung nach Gaza. Die Lebensmittel werden entweder in Ägypten oder stellenweise auch in Israel gekauft. Der Versorgungslage ist schwierig; auch, weil alle Leute jetzt versuchen, so viel wie möglich zu kaufen, um für eine Verschärfung der Lage gewappnet zu sein. Bereits jetzt gibt es einen Mangel.

Islamische Zeitung: Die israelische Luftwaffe hat bereits hunderte Angriffe geflogen. Inwieweit wurde auch die Infrastruktur von Gaza in Mitleidenschaft gezogen?

Dr. Mahmoud Almadhoun: Egal, welche Art die Ziele der Angriffe sind, es bleibt nicht ausgeschlossen, dass alles andere mit betroffen sein wird. Ein Team von Islamic Relief war in einem Supermarkt während einer Beschießung ganz in der Nähe. Das war einer der Gründe, warum wir bisher nicht einreisten. Man weiß nicht genau, wo die Einschläge treffen werden.

Islamische Zeitung: Liegt dies auch an der Schwierigkeit, militärische und zivile Ziele auseinander zu halten, wenn beispielsweise Waffen in Wohngebieten gelagert werden?

Dr. Mahmoud Almadhoun: Ja, und ich glaube, dass es sehr schwierig ist, wenn einzelne Personen das Ziel sind.

Islamische Zeitung: Wie ist die Stimmungslage in Gaza?

Dr. Mahmoud Almadhoun: Ehrlich gesagt kann ich nur von der Warte der Helfer aus berichten, habe aber einiges von meiner Familie gehört. Die Leute hoffen natürlich, dass alles gut ausgehen wird. Unsere Sorge als Islamic Relief gilt der Kampagne zur Unterstützung der Menschen in Gaza.

Islamische Zeitung: Arbeiten Sie mit internationalen Partnern in Gaza zusammen?

Dr. Mahmoud Almadhoun: In solchen Fällen, bei denen die Lage sehr schlecht ist, arbeiten wir mit UN-Organisationen und dem Roten Kreuz zusammen. Die internationalen Helfern bilden solchen Fällen Komitees, weil die Aufgaben in solchen Krisen nicht von einzelnen zu bewältigen sind.

Islamische Zeitung: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Webseite von Islamic Relief:
www.islamicrelief.de

Neuer Report dokumentiert bedrückende Situation in Dagestan, Tschetschenien und Inguschetien

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Hamburg unterzeichnet Verträge mit Muslimen

Hamburg (KNA). Während auf dem Rathausmarkt schon die ersten Weihnachtsmarkt-Buden entstehen, wurde im Hamburger Rathaus ein interreligiöser „Meilenstein“ gesetzt: Als erstes Bundesland hat die Freie und Hansestadt am Dienstag Verträge mit drei islamischen Verbänden und den Aleviten geschlossen. Durch die beiden Verträge mit dem DITIB-Landesverband Hamburg, dem Rat der Islamischen Gemeinschaften in Hamburg „Schura“, dem Verband Islamischer Kulturzentren (VIKZ) sowie mit der Alevitischen Gemeinde Deutschlands bestätige der Senat „selbstverständliche Rechte“, die den Religionsgemeinschaften zustehen, sagte Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) bei der Unterzeichnung.

Im einzelnen geht es um die Unterhaltung von Kultureinrichtungen, den Bau von Moscheen, die Anstaltsseelsorge und die Bestattung nach den jeweiligen religiösen Vorschriften. Zudem werden höchste islamische Feiertage kirchlichen Feiertagen gleichgestellt. Das heißt, Arbeitnehmer können an Feiertagen unbezahlten Urlaub nehmen und ihre Kinder vom Unterricht befreien lassen. Vor allem wird der Weg frei gemacht für einen weiterentwickelten „Hamburger Religionsunterricht für alle in evangelischer Verantwortung“, an dem schon jetzt Buddhisten, Juden, Muslime und Aleviten, nicht aber Katholiken beteiligt sind: Innerhalb von fünf Jahren soll ein Modell ausgearbeitet werden, bei dem nicht mehr nur evangelische, sondern auch muslimische Lehrkräfte unterrichten können. Der Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, wie ihn die Kirchen haben, geht für die Beteiligten mit dem Abkommen aber nicht einher.

Die katholische Kirche beteilige sich nicht am „Hamburger Modell“, weil sie den konfessionellen Religionsunterricht bevorzuge, sagte Weihbischof Hans-Jochen Jaschke auf Anfrage. Das Erzbistum Hamburg respektiere aber das „Hamburger Modell“ und begrüße die Verträge. Katholischen Religionsunterricht gibt es an allen 21 katholischen sowie an derzeit zehn staatlichen Schulen.

Scholz betonte, die Verträge, die sein Vor-Vorgänger Ole von Beust (CDU) 2007 initiiert hatte, seien in jahrelanger sorgfältiger und respektvoller Gemeinschaftsarbeit entstanden. Doch seien sie „keine einseitige Veranstaltung“, da sich umgekehrt auch die Vertragspartner auf die Grundrechte der Demokratie verpflichteten. „Mit der Vertragsunterzeichnung stärken wir das gesellschaftliche Fundament unserer Stadt: Wir alle sind Hamburg“, so der Bürgermeister mit ungewohntem Pathos. Auch die Vertreter der drei islamischen Verbände sprachen von einem „historischen Tag“ und drückten ihre Hoffnung aus, dass andere Bundesländer und Staaten jetzt ähnlich verfahren. Sie dankten dem Senat, den beiden großen Kirchen und vor allem der evangelischen Nordkirche, mit der sie beim Religionsunterricht eng zusammenarbeiten. Ebenso betonten sie die Eintracht, in der die drei Verbände die Verhandlungen geführt hätten.

Die Verträge werden nun der Bürgerschaft zugeleitet, deren Zustimmung als sicher gilt; lediglich die FDP signalisierte Ablehnung, weil die Verträge der Trennung von Religion und Staat widersprächen, sagte Fraktionsvize Anna von Treuenfels dem „Hamburger Abendblatt“ (Dienstag). Zugleich kritisierte sie, dass das Abkommen das Tragen von Kopftuch oder Schleier nicht regele. Lehrerinnen mit Burka, so stellte ein Senatssprecher klar, blieben aber an Hamburger Schulen verboten.

Die Radikalen als Handlanger: Zur Großwetterlage in Sachen Verfassung

(iz). Im neuen SPIEGEL schreibt Cordt Schnibben unter dem Titel „Die Gewalt der ZINSEN“ über eine neue Politik, die von Gläubigern – nicht von Bürgern – bestimmt wird. Der Buchautor stellt damit die letzte Frage an unsere demokratische Verfasstheit: „Kann es sein, dass unsere Staaten die Finanzmärkte nie mehr unter Kontrolle bekommen?“ Es sind Autoren wie Schnibben – weniger staatliche Behörden – die heute zeitgemäßen Verfassungsschutz betreiben.

Die Befreiung der Finanzmärkten von den Einschränkungen begrenzter Geldmengen hat nicht nur ein neues Finanzsystem, sondern auch eine „Conditio humaine“ gestiftet, die von der alten Idee der politischen Souveränität des Volkes wegführt. Es gab keinen „offiziellen“ Verfassungsschutz in Deutschland, der diese Gefahr aus dem ökonomischen Feld und die Erosion unserer Demokratie etwa kritisch begleitet hätte.

Philosophisch betrachtet ist die nun herrschende Gewalt der Finanztechnik ein weiterer Beleg dafür, dass die modernen Techniken der Machtsteigerung mitnichten in die Freiheit führen. Das ökonomische Modell hat nicht nur eine ungeheure Integrationskraft, sondern eine Form angenommen, die entweder politische Entwürfe neutralisiert oder sie sich zu Nutze macht. Der Verfassungsschutz der Bundesrepublik ist eine politische Instanz, die auf dem ökonomischen Auge blind ist. Die Funktion des leeren Extremismus dieser Zeit ist es, den Staat zum Ausbau dieser Sicherheitsstrukturen zu reizen.

In der WELT findet sich heute ein Interview mit dem neuen Chef des Verfassungsschutz Hans-Georg Maaßen. Seine Behörde widmet sich den bekannten Formen des politischen Extremismus, der sich heute angeblich anstellt, unsere Verfassung auszuhebeln. Wir können beruhigt sein, denn ein beachtlich anschwellender Apparat stellt sich dieser Gefahr entgegen.

Hier geht es auch weniger um den allgemeinen Verfassungsschutz, dann müsste die Behörde ja auch die Netzwerke von Bankiers und Investmentbanker beobachten, als um die von Jedermann willkommene Aufklärung politisch motivierter Straftaten. Im Falle des Rechtsterrorismus hat man dabei trotz des Aufgebots modernster Sicherheitstechnik versagt.

Hier stellen sich viele konkrete Fragen, denen das handzahme Interview in der WELT aus dem Wege ging. Inwieweit sind V-Leute mehr als nur Informanten, ab welchem Zeitpunkt sind sie auch Anstifter, gar Organisatoren? Inwieweit könnten extreme Gruppen – bei entsprechender Anweisung der Verbindungsleute – quasi ihre eigene Auflösung beschließen?  Was ist die Rolle dieser V-Leuten im Bereich des Islamismus? Welche Hassprediger waren und sind Zuträger der Behörde?

Nur wenn man diese Fragen aufmerksam stellt und die Gefahren nüchtern einordnet, kann man auch die Großwetterlage in Sachen Verfassung verstehen.

Thema Riba, Handel und Islamic Banking

(iz). Ein junger Student von durchschnittlicher Intelligenz ist in der Lage, die folgen­den Regeln zu verstehen. Dies führt zu der Frage, warum die größten Muftis unserer Tage daran scheitern.

Anmerkungen von Imran Ahsan Khan Nyazee

Die folgenden Ableitungen basieren auf einer bekannten Überlieferung von ‘Ubada ibn As-Samit, möge Allah mit ihm zufrieden sein. Im Folgenden findet sich hier dieses Hadith, bei der sechs Waren beschrieben werden. Der Prophetengefährte überlieferte: „Der Gesandte ­Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: ‘Gold für Gold, Silber für Silber, Weizen gegen Weizen, Gerste gegen Gerste, Datteln für Datteln, Salz gegen Salz. Die gleiche Sache gegen die gleiche Sache, Gewicht gegen Gewicht [das heißt, mit gleichem Gewicht und Maßen] und von Hand zu Hand. Wenn die Gattungen verschieden sind, dann verkauft, solange es von Hand zu Hand geschieht.“ (Sahih Muslim)

Diese Überlieferung beinhaltet drei direkte Anweisungen, auf deren Grundlagen die Juristen den Sarf-Vertrag entwarfen. Erläuternd hinzuzufügen ist, dass es zwei Arten von Riba gibt. Riba Al-Fadl – oder ein Übermaß bei Gewicht oder Volumen –, den man als Überschuss der Menge bezeichnen könnte. Derart fällt jede Summe (beispielsweise 10 ­Dina­re), die in Form von Zinsen bezahlt ­werden, unter die Kategorie von Riba Al-Fadl.

Riba An-Nasi’a – oder ein Überschuss an Zeit – ergibt sich aus dem Gebrauch des Geldes im Laufe der Zeit. Es wird auch als Zeitwert des Geldes bezeichnet. In Wirklichkeit ist dies die Art Riba, für die Riba Al-Fadl (als Vermietung von Geld) gezahlt wird. Ein Beispiel dafür ist ein Kredit, bei dem A 100 Dinare an B gibt und B innerhalb von einem Jahr 10 Prozent Zinsen darauf zahlen muss. In der Sprache des Rechts können wir sagen, dass A 100 Dinare an B für 110 Dinare gegen Kredit verkauft. Das reicht, um zu verstehen, was Riba ist.

Wenn erkennbar ist, dass die beiden Seiten – A und B – den obigen Handel abschließen, greift die erste Anweisung der Überlieferung: „Gewicht gegen Gewicht.“ Mit anderen Worten, die weiteren zehn Dinare, die von B bezahlt werden, sind untersagt. Diese Summe wird gemeinhin als „Zins“ verstanden und es ist dieser Zins, der von Banken erhoben wird. Die Islamischen Banken stimmen zu, dass diese Art von Zinserhebung verboten ist. Daher kann ihre Gültigkeit nicht auf dieser Grundlage in Frage gestellt werden.

Nach der Durchführung der ersten prophetischen Anweisung und der Entfernung dieser zehn Dinare, verbleibt die restliche Transaktion: A leiht B 100 Dinare, die nach einer Verzögerung von einem Jahr zurückgezahlt werden müssen. Diese Transaktion zieht die nächste Anweisung nach sich: den augenblicklichen Austausch beider Werte oder „von Hand zu Hand“. Es ist dieser Passus, der ein Problem für das Islamic Banking darstellt. Wenn wir diesen Austausch genau betrachten, finden wir nicht mehr als ein „zinsloses Darlehen“. Die Folge dieser Anweisung ist, dass keine Verzögerung erlaubt ist und die Parteien ihr Gold sofort austauschen müssen. Heißt diese Aussage, dass es kein Darlehen geben kann, selbst wenn kein Zins erhoben wird? Die Antwort ist „Ja“. Wenn kein Kredit vergeben werden kann, dann würde dies das Ende von Isla­mic Banking bedeuten – oder des gesam­ten Bankwesens, soweit es das betrifft. Der Grund dafür ist, dass jedes Konto, das bei einer Bank eröffnet wird – Gehaltskonto, Sparguthaben, Festgeldeinlagen usw. –, in Wirklichkeit ein Kredit ist. Dieser kann im Kontext jener Überlieferungen nicht gegeben werden.

Diese Bestimmung bedeutet für manche ein weiteres Problem. Wenn ein Kredit untersagt ist, so werden sie fragen: Was ist mit einem zinslosen Darlehen, das auch als Qard Hasan bezeichnet wird?

Die Antwort darauf ist, dass die obige Regel über das Verbot von Krediten die ursprüngliche Regel ist, der in allen Trans­aktionen gefolgt wird. Die ­einzige Ausnahme dazu ist ein zinsloses Darlehen, das eine Ausnahme oder Rukhsah zur allgemeinen Regel darstellt. Es hat den gleichen Status wie das Ausleihen von Gerätschaften oder anderen Dingen, die zurückgegeben werden. Es ist unter gewissen Bedingungen gestattet. Vorran­gig dabei ist, dass keine Zahlungsfrist festgelegt werden kann – der Verleiher kann die Summe am nächsten Tag zurückfordern oder die Rückzahlung für unbestimmte Zeit zurückstellen. Qard ist die Bereitstellung der „nutzbaren Menge“ auf Seiten des Gebers aus anderen Gründen als einem ­Profitinteresse in geschäftlicher oder persönlicher Hinsicht. Der Leiher kann die Summe nach eigenem Ermessen benutzen. Diese Form des Darlehens wird in der Scharia als ­Sadaqa behandelt – und nicht in Hinblick kommerzieller Regeln.

Die oben beschriebenen Transaktionen legen gemeinsam den Schluss nahe, dass ein handelsüblicher, verzinster Bankkre­dit beide Formen von Riba beinhaltet, die jeweils verboten sind. Riba Al-Fadl – vertreten durch die 10 Dinar – und Riba An-Nasi’a – repräsentiert durch die „Verzögerung“ – sind beide verboten.

Aufbauend auf diesen beiden, untersagten Grundmodellen kommen wir zu fragwürdigen Methoden,um das, im ­oberen Segment erläuterte Verbot zu umgehen. Eine dieser Methoden sind die ­heutigen Murabaha-Verträge. In dieser Vertragsform fragt A den Händler B, etwas für ihn auf dem Markt zu kaufen. Anstatt, dass dieser eine Gebühr verlangt, kann er einen deutlich aufgeschlüsselten Profit verlangen. Der ursprüngliche Vertrag basierte auf Vertrauen und Zusammenarbeit. Eine Person vertraut dem Urteils­vermögen einer anderen. Wegen dieser Beziehung glaubt A, dass B ehrlich vorgeht und den korrekten Originalpreis mit einem rationalen Profit verlangt. Auf Grundlage dieses gegenseitigen Vertrau­ens ist keine Veränderung der ursprüng­lich vereinbarten Summe zugelassen.

Die erste und wichtigste Regel für diese Transaktion besagt, dass der Originalpreis aufrechterhalten werden muss und weder verändert, reduziert oder gesteigert werden darf. Die zweite, wichtige Regel – wie dies von dem Texten der Rechtsgelehrten nahelegt wird – lautet: Es darf keine Verzögerung in der Transaktion geben, da dies die Möglichkeit für die Erhebung von Riba ermöglicht. Der entsprechende Handel erklärt sich von selbst. A kauft von B Weizen im Wert für 100 Dinare. Die Originalkosten, die nicht geändert werden dürfen, beliefen sich auf 90 Dinare, während der angegebene Gewinn bei 10 Dinaren liegt. Es ist offensichtlich, dass für Transport und Auslagen weitere Kosten auf den ursprünglichen Preis aufgeschlagen werden können. Aber diese sind für uns hier vernachlässigenswert. Die wichtige Sache dabei ist, dass es keine Verzögerung in dieser Transaktion geben darf und dass es ein promptes Geschäft ist.

Die Islamischen Banken haben ein Element der „Verzögerung“ in die ursprüng­liche Transaktion eingeführt. Dies lässt sie unrechtmäßig werden. Hier bestehen zwei Möglichkeiten.

Erstens ist der Abschluss mehr oder weniger wie der normale Murabaha, außer dass die Verzögerung von einem Jahr eingeführt wurde. Es ist bekannt, dass eine Person bei einem Kredit mehr verlangt als bei einem Bargeschäft. Der Grund dafür ist, dass er, wenn er für den ­gleichen Preis verkauft, nicht die gleiche Summe wie bei einem Bargeschäft erhält. Die Verzögerung (und Inflation) verringern den Preis und damit den Wert dieser Transaktion. In dieser Situation würde die Bank, wenn sie zum Einkaufspreis und dem festgelegten Profit verkauft, nicht mehr den Preis für die Ware reali­sieren, den sie ausgeben musste, sondern – dank der Verzögerung – einen verringerten Preis erzielen. Der Nutzen geht hier an den Kunden. Diese Transaktion ist daher erlaubt. In der echten Praxis würde die Bank diesem Vertrag nie zustimmen, da er zu einem Verlust für sie führen würde. Wir müssen uns daher der zweiten Möglichkeit zuwenden.

Im zweiten Fall, verdoppelt die Bank – um einen Gewinn zu erzielen – den angegebenen Profit; sagen wir einmal: 10 für die Verzögerung und 10 für den vernünftigen, angegebenen Profit. Muraba­ha trifft nicht länger zu, da dies hier einen zweimaligen Profit beinhaltet. Selbst, wenn wir davon ausgehen würden, dass die gesamten 20 Dinare als ein angegebe­ner Gewinn behandelt werden würde, wäre dieser Vertrag immer noch unrecht­mäßig, da der Ursprungspreis wegen der Verzögerung reduziert wird (den die Bank dadurch auszugleichen sucht, indem sie einen erhöhten, ausgewiesenen Profit angibt). Kurz gesagt: Die Einführung des Elements von Verzögerung in den Murabaha-Vertrag macht ihn unrechtmäßig. Ohne jene Verzögerung aber wäre er nutzlos für die Bank.

Man könnte nun fragen, warum die Bank dieses Geschäftsmodell als Murabaha bezeichnen möchte, während die gleiche Sache durch einen normalen Kreditverkauf abgewickelt werden kann, bei dem die Bank mehr als den normalen Gewinn einfordert. Der Grund ist offenkundig und führt uns schließlich zum Leasingvertrag. Die meisten Leasingverträge beruhen auf einem Kreditverkauf oder einer ­anderen Kreditform. So kauft eine Bank beispiels­weise ein Auto für 10.000 US-Dollar und verkauft es ihrem Kunden für 13.000 US-Dollar. Eine Summe, die über einen Zeitraum von drei Jahren gezahlt ­werden muss. Die zusätzlichen 3.000 ­US-Dollar gelten für die Zeit der verzögerten Perio­de von drei Jahren. Dies wäre dem islami­schen Recht zufolge zulässig.

Es ist aber nach dem islamischen Recht nicht zulässig, dass die Bank den Eigen­tumstitel bei Vertragsabschluss nicht an ihren Kunden abtritt. Unter dem islamischem Recht geht dieser Titel augenblicklich an den Kunden über und das Auto wird bei Vertragsschluss zu seinem Eigentum. Dies schafft ein Problem für Islamischen Banken und sie folgen dabei nicht den Regeln für den Kreditverkauf und die Übertragung von Eigentumstiteln. Aus diesem Grund haben sie auch keinen Interesse daran, Kreditverkauf als Ersatz für Murabaha zu benutzen. Die Bank hätte das Recht, nach einer Sicherheit zu fragen oder sogar eine Verpfändung des gleichen Autos zu verlangen, aber sie kann dies nur tun, wenn der Eigentumstitel vorher an den Kunden abgetreten wurde. Darüber hinaus ist die Erhebung von Strafzahlungen für verzö­gerte Raten absolut unrechtmäßig, selbst wenn diese unter den Armen usw. verteilt werden.

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„IZ-Begegnung“ mit der Journalistin Charlotte Wiedemann über die heutige Auslands- und Islamberichterstattung und die Realität moderner Medien

(iz). Was sind Massenmedien heute? Handelt es sich dabei um Instrumente der Informationsvermitt­lung, um ideologische Machtvehikel oder am Ende nur um Mittel zur Gewinnmaximierung der Besitzer? Die Antwort dürfte wohl nicht eindeutig ausfallen. Natürlich beschäftigt dies Medienwissenschaftler, aber insbesondere bei neuralgischen Themen wie Islam oder dem Nahen Osten hat sie ganz konkrete Auswirkungen auf das Bild von der kollektiven Wirklichkeit.

In ihrem neuen Buch „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben. Oder: Wie Journalismus unser Weltbild prägt“ beschäftigt sich die erfahrene Aus­landsjournalistin und Autorin Charlotte Wiedemann anhand ihrer professionellen Erfahrungen mit dieser Frage.

Charlotte Wiedemann, Jahrgang 1954, ist seit 30 Jahren ­politische Journalistin. Sie lebte einige Jahre als freie Autorin in Südostasien (Malaysia) und bereiste danach zahlreiche islamische Länder Asiens und Afrikas. Von diesen Recherchen berichtet ihr Buch „Ihr wisst nichts über uns! Meine Reisen durch einen unbekannten Islam“ (Herder Verlag 2008 und 2012). Die Journalistin ­publiziert gegenwärtig unter anderem in „DIE ZEIT“, „Le Monde Diplomatie“ und auf qantara.de.

Sie unterrichtet journalistischen Nachwuchs, hatte Lehraufträge an zwei Uni­versitäten und gründete eine kleine ­interkulturelle Agentur (sawasya.de). ­Zuletzt schrieb sie über Muslime in New York und in Bosnien. Webseite: www.charlottewiedemann.de

Islamische Zeitung: Liebe Frau Wiedemann, Sie haben als Journalistin mit umfangreicher Auslandserfahrung ein Buch zum Thema Journalismus und Medien geschrieben. Der Schriftsteller Wiglaf Droste formulierte 1998 in der taz: „Der Journalist ist der natürliche Feind der Sprache.“ Ist das Ihrer Meinung nach überzogen oder können Sie etwas mit diesem Zitat anfangen?

Charlotte Wiedemann: Ich möchte Sie an diesem Punkt korrigieren: Ich habe kein Buch über Medien geschrieben, sondern über meine Arbeit. Das ist ein Unterschied in der Herangehensweise.

Aber mir liegt sehr viel an Sprache und ich denke, dass ich mich in meiner Arbeit um eine gute und klare Sprache bemühe. Ich würde dieses Zitat gerne anders wenden: Oft ist die typische Journalistensprache ein Feind des Denkens. Sie ist häufig voller Pseudo-­Plausibilitäten und auch ideologischer Begriffe, obwohl sie als bloßes Transportmittel von Sachverhalten daherkommt. Das macht es gerade für die Konsumenten solcher Beiträge schwer, Dinge zu durchschauen.

Islamische Zeitung: Sie führen als Beispiel den Begriff der „internationalen Gemeinschaft“ an, der heute inflationär gebraucht wird…

Charlotte Wiedemann: Das ist ein Begriff, der von vielen Journalisten ­verblüffend unkritisch und unhinterfragt benutzt wird. Wenn man einmal darauf achtet, wer oder was mit dieser „internationalen Gemeinschaft“ überhaupt ­gemeint ist, dann sieht man zwar je nach Fall eine wechselnde Zusammensetzung, aber in der Regel sind es die wirtschaftlich und politisch dominierenden ­Mächte des Westens. Der globale Süden kommt in diesem Begriff nicht vor. Wenn er doch erscheint, dann als Gegenstand, über den sich die „internationale Gemeinschaft“ Sorgen macht. Diese Länder gehören per se nicht zur „internationalen Gemeinschaft“, obwohl sie UNO-Mitglieder sind. Ich wundere mich immer wieder, wie ansonsten kritische Journalisten diesen Begriff bedenkenlos übernehmen.

Islamische Zeitung: Ihr neues Buch heißt, „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben“. Was macht dieses „weiß“ aus?

Charlotte Wiedemann: „Weiß“ ist europäisch, oft eurozentrisch. Es ist in der Regel auch sehr säkular und mit ­wenig Verständnis für andere Kulturen und oft auch für religiöse Zusammenhänge. Mein Buch ist das Buch einer Praktikerin. Ich habe in 26 außereuropäischen Ländern recherchiert und erzähle entlang meiner Erfahrungen, wie leicht Journalisten Fehlurteilen erliegen, wenn sie über andere Kulturen berichten und urteilen.

Islamische Zeitung: Es gab vor Längerem eine kleine Studie über die ­Beziehung von Ressortchefs beziehungsweise Chefredakteuren zur Religion insgesamt und Islam im Besonderen. Die Autoren kamen zum Schluss, dass ihre Mehrheit ein distanziertes Verhältnis zur Religion allgemein hat, aber noch stärker zum Thema „Islam“. Können Sie das im Rahmen ihrer eigenen beruflichen Erfahrung nachvollziehen?

Charlotte Wiedemann: Das kann ich aus meiner Erfahrung sehr gut nachvollziehen. Es ist klar, dass solche Aussagen niemals zu 100 Prozent zutreffen, aber ich vermute, sie stimmen für die Mehrheit. Eine gewisse Verachtung für fremde Religiosität – und speziell für den Islam – ist heute die modischste und schickste Weise, die eigene Weltsicht ­absolut zu setzen. Das ist nicht nur im Milieu der Journalisten verbreitet, sondern weit darüber hinaus.

Islamische Zeitung: Findet das ­Ihrer Meinung nach bewusst statt? Die BBC hat vor einigen Jahren angefangen, über unbewusste Vorurteile nachzudenken. So stellten die Personalchefs bevorzugt Mitarbeiter aus ihrer eigenen sozialen oder ökonomischen Schicht ein. Handelt es sich hier um bewusst wahrgenommene Vorurteile oder um Bequemlichkeit?

Charlotte Wiedemann: Ich denke, dass es sich oft um beides handelt. Sie haben Recht: Es gibt einen gewissen Klassen­journalismus, weil sich Jour­nalisten bei uns überwiegend aus dem ­oberen Mittelstand oder der Oberschicht ­rekrutieren und wir nur sehr wenige ­Leute aus der Arbeiterschicht haben, die es in eine journalistische Ausbildung schaffen.

Ich habe viel darüber nachgedacht, ­woher Islamfeindlichkeit in den Medien kommt. Mittlerweile glaube ich, dass es vor allem um ein bestimmtes Menschenbild geht, das in den Köpfen in Bezug auf Muslime fest verankert ist: Ein sehr flaches, simplifizierendes Menschenbild, das schon keinen Platz lässt für Humor und erst recht nicht für all die Brüche und Widersprüchlichkeiten, die wir im Allgemeinen bei unseren ­Zeitgenossen voraussetzen. Dies betrifft sowohl deutsche Muslime als auch das Ausland.

All dies scheint mir eine Mischung aus Bewusstem und Unbewusstem zu sein. Ich stelle allerdings häufig fest, dass man gerade unter Gebildeten in Deutschland fast schon stolz darauf ist, vieles vom ­Islam einfach nicht zu verstehen. Als ob es der Gipfel westlicher Freiheit wäre, auf diesem Nicht-Verstehen zu beharren – und es nicht ändern zu wollen.

Islamische Zeitung: Geht es bei der Islamberichterstattung um ideologische Positionen oder um das Wissen, mit einer bestimmten redaktionellen Linie mehr Auflage zu machen und so mehr Gewinne einzufahren?

Charlotte Wiedemann: Bei sensiblen Themen, wie es der Islam bei uns derzeit ist, haben Medien einen Doppelcha­rakter. Sie sind Resonanzboden für Stimmungen, die in einem größeren Teil der Gesellschaft vorhanden sind und spiegeln diese wider, um Auflage zu machen. Sie sind aber zugleich auch ein Verstärker und sorgen gewissermaßen dafür, dass nichts anderes entsteht, zumindest nicht im Bewusstsein der breiten Masse.

Es gibt ja in Deutschland durchaus differenzierte Veröffentlichungen zu islami­schen Themen: von sachkundigen Journalisten, von publizierenden Islamwissenschaftlern und von jungen Muslimen, die hier und da ein Podium finden. Aber die Stimmung wird immer von den anderen erzeugt.

Ein Beispiel: Die Leser-Kommentare bei „ZEIT“-online zu bestimmten Artikeln verlangen oft mehr Islam-­Bashing. Und die Redakteure, sei es bei der „ZEIT“ oder anderswo, sind von diesem Denken nicht durch eine chinesische Mauer getrennt. Wer differenziert schreibt, der weiß, dass nur eine Minderheit der Leser dies goutiert. Das sind also schwer voneinander zu trennende Aspekte: der wirtschaftliche Zwang zur Auflage und das ideologische Teilen – oder sogar Vorantreiben – von ­Vorurteilen und negativen Wahrnehmungen.

Islamische Zeitung: Sie haben ­lange Zeit als Auslandsjournalistin gearbeitet und – wie ein niederländischer ­Kollege [Joris Luyendijk] vor einigen ­Jahren ebenfalls – lassen in ihrem Buch anklingen, dass die Heimatredaktion oft einen vermeintlich größeren Überblick zu haben glaubt als ihre Korrespondenten vor Ort…

Charlotte Wiedemann: Nehmen wir beispielsweise den aktuellen Konflikt in Mali. Dort gibt es keinen deutschen Korrespondenten. Der nächste sitzt in Nairobi, Kenia. Das ist nicht nur sehr weit entfernt, sondern auch ein anderer Sprachraum. Mali liegt im französischsprachigen Teil Afrikas, Kenia im anglophonen. Der Korrespondent bedient sich also vorrangig erst mal aus ­denselben Nachrichten-Quellen, aus denen seine Zentral schöpft. Im Zweifelsfalle hat er aber weniger Zeit: wegen anderer Aufgaben, seine Internetverbindung ist viel langsamer usw. Das führt dazu, dass ­seine Zentrale ihn vor einem Live-Gespräch im Fernsehen oft erst einmal auf den neuesten Stand bringt. Und dann reichert er die vorhandene Nachrichtenlage nur mit einem gewissen Lokalkolorit an, ohne in der Substanz etwas zur Aufklärung beitragen zu können.

Ich selbst habe vergleichsweise privilegiert gearbeitet, weil ich als freie Journalistin lange Reportagen geschrieben habe und nicht festangestellt für ­aktuelle Medien im Ausland gearbeitet habe. Ich kenne aus der Beobachtung anderer ­Kollegen diese Mechanismen, und sie treffen für die Mehrheit der Auslands-Korrespondenten zu. So wie ich lange Reisen zu unternehmen, deren Kosten vom Auftraggeber erstattet werden, das scheint bald der Vergangenheit anzugehören. Es wird immer weniger Journalisten ­ermöglicht.

Islamische Zeitung: Sie haben an einer anderen Stelle von der Dominanz der Presseagenturen in der Auslandsberichterstattung gesprochen. Was bedeutet sie für unsere Sicht auf entlegene Vorgänge? Haben wir heute weniger Einblick als in Zeiten, in denen es noch richtige ­Korrespondenten­netze gab?

Charlotte Wiedemann: Man kann sich heute auf fantastische Weise mit Hilfe des Internets informieren. Aber das ist nur einer Minderheit möglich: spezialisierte, polyglotte Leute, die an ihrem ­Arbeitsplatz oder als Bürgerjournalisten durch die Welt surfen. Die große Mehrheit der Medienkonsumenten bekommt hingegen zunehmend ein informationelles Fastfood serviert. Dieses Fastfood wird über den ganzen Globus von einigen, wenigen großen Nachrichtenagenturen vertrieben und für unterschiedliche Kundenkreise immer nur neu verpackt. Wenn man abends die globalen Nachrichten überfliegt, in Deutsch, Englisch, Französisch, dann sieht fast überall die gleichen zehn großen ­Geschichten, und sie werden überall auf ähnliche Weise erzählt.

Daneben gibt es eine riesige Fülle von Blogs, Webseiten und Newslettern, die man nutzen kann, um sich – wie etwa im Fall Mali – aus anderen Quellen zu informieren. Man darf sich aber keine ­Illusionen machen: Die meisten Leute – nicht nur in Deutschland – benutzen das Internet, um sich über das Nächstliegende zu informieren, von Öffnungszeiten über lokale bis zu nationalen Nachrichten. Die wenigsten nutzen es, um ihren Horizont zu erweitern.

Islamische Zeitung: Sie schrieben an anderer Stelle vom so genannten „Framing“. Was meinen Sie damit?

Charlotte Wiedemann: Stellen wir uns vor, wir hätten ein großes Bild und legten dann einen kleinen Rahmen auf eine Stelle des Bilds. Auf diesen kleinen Ausschnitt konzentriert sich dann unsere ganze Aufmerksamkeit; wir sollen ihn verstehen, ohne den gesamten Rest zu kennen. So ähnlich funktioniert ein Großteil der Auslandsberichterstattung. Wir bekommen einen ganz kleinen Ausschnitt gezeigt; Kontext, Erklärung, Hintergründe und Atmosphäre fehlen. Sehr oft hat das, was wir in diesem kleinen Ausschnitt vorgelegt bekommen, mit ­Gewalt zu tun. Denn die auf allen Kanälen ähnlichen Nachrichten handeln ihrerseits mehrheitlich von gewaltsamen Zusammenstößen.

Und obwohl ich selbst daran gewöhnt bin, Nachrichten auf professionelle Weise zu durchforsten, empfinde ich das Ausmaß an Gewalt, mit dem wir ständig bombardiert werden, zunehmend als krankmachend.

Islamische Zeitung: Um es positiv zu wenden, wie würde für Sie eine wünschenswerte Berichterstattung aussehen? Wie sieht Ihr Gegenmodell aus?

Charlotte Wiedemann: Ich will einen Vergleich wählen. Wenn es um’s Essen geht, dann wissen viele Menschen mittlerweile, dass die am schnellsten und am billigsten hergestellten Fließband-Lebensmittel nicht unbedingt gut für sie sind. Genauso müsste sich im Konsum von Informationen ein neues Bewusstsein verbreiten: Auch hier brauchen wir eher Slow Food – also weniger, aber bessere Informationen. Das wäre eine Art von medialem Verbraucherbewusstsein. Für die deutschen Medien wünsche ich mir, dass wir mehr Journalisten mit gemischt-kulturellem Hintergrund einsetzen, wie es in Großbritannien oder den USA schon länger der Fall ist. Ein Deutsch-Inder als Korrespondent in Indien: Das wäre ein Beitrag zu einer Berichterstattung, die weniger eurozentrisch ist und zugleich nicht zu abgehoben vom deutschen Durchschnittsbewusstsein.

Islamische Zeitung: Sie waren in vielen Ländern der muslimischen Welt. Viele Abschnitte aus Ihrem Buch handeln von diesen Erfahrungen. Gab es Begegnungen und Aspekte, die für Sie von bleibender Bedeutung sind?

Charlotte Wiedemann: Nachdem ich aus Malaysia zurückkam, wo ich einige Jahre gelebt habe, kam mir vieles in Deutschland sehr islamophob vor. Das war Ende des Jahres 2003, und dieses Schockiert-Sein war für mich der Ausgangspunkt, wissen zu wollen, was Islam wirklich bedeutet, in allen seinen Facetten. Später faszinierte mich, dass ich in jedem islamisch geprägten Land einerseits etwas Vertrautes fand, aber auf der anderen Seite auch jede Menge Unvertrautes. Es gibt für mich immer Anknüpfungspunkte, gleichzeitig aber handelt es sich jedes Mal um etwas vollkommen Neues. Als Journalistin ist die islamische Welt für mich wie eine ­riesige Schachtel Pralinen: beim Auswickeln immer wieder Überraschungen. Außerdem bin ich als Alleinreisende in muslimischen Ländern immer recht gut gereist. Das widerspricht der landläufigen Meinung, wonach es gefährlich sei oder eine Frau ständig belästigt werde. Ich fühle mich fast immer sicher, die Einschränkung vorausgesetzt, dass ich nicht in Kriegsgebiete reise. Die stärkere soziale Kontrolle des öffentlichen Raumes kommt mir als Ausländerin zu Gute: Leute, die mich überhaupt nicht kennen, fühlen sich für meine Sicherheit und meinen Schutz verantwortlich. Zum Beispiel habe ich schon vergnügt in unzähligen Geschäften und Werkstätten gesessen, weil einer Frau, die nicht auf der Straße stehen will, nie der Stuhl verweigert wird. Wenn man solche Grundregeln kennt, kann man sie als allein reisende Frau sehr gut zum eigenen Vorteil nutzen, auch mit einem Augenzwinkern. Dies sind einige der Gründe, weshalb ich gerne in muslimische Länder fahre.

Islamische Zeitung: Vielen Dank für das Gespräch.

Charlotte Wiedemanns Buch „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben. Oder: Wie Journalismus unser Weltbild prägt“ ist jüngst beim Papyrossa Verlag (ISBN 978-3-89438-494-4) erschienen und für 12,90 Euro im Handel erhältlich. In der nächsten IZ-Ausgabe (Nr. 210) folgt eine Besprechung des Titels.

V-Mann der CIA half bei der Radikalisierung britischer Muslime

Der Fall Morten Storm belegt unzählige Erfahrungen und Rechercheergebnisse von investigativen Journalisten, wonach im internationalen „Krieg gegen den Terror“ die Grenzen zwischen Observation und Anstiftung zum und Aufbau von Terror bis zur Unkenntlichkeit verwischt werden.

(OnIslam.net/Agenturen/IZ). Britische Muslime und dänische Medien reagierten empört angesichts eines vermeintlichen „Konvertiten“, der laut Presse­meldungen für die CIA und den dänischen Nach­richten­dienst PET als V-Mann gearbeitet haben soll. Sie werfen ihm vor, an der Radikalisierung von Muslimen in den englischen Städten Birmingham und Luton beteiligt gewesen zu sein.

„Er [Morten Storm] hatte kein korrektes Verständnis des Islam“, sagte ­Abu-Easa Asif, Moderator eines wöchen­t­lichen Radioprogramms zum Thema ­Islam und Leiter einer lokalen ­Gemeinde der Tageszeitung „The Copenhagen Post“, und hätte „sehr extremistische ­Ansichten“ gehegt. Storm selbst teilte der berüchtigten Tageszeitung „Jyl­lands-­Pos­ten“ mit, dass er 2006 vom PET ­re­kru­tiert worden sei, um Extremisten in dem skandinavischen Land aufzuspüren. Auch habe er die CIA zum ­jemenitischen Al-Qaida-Chef Anwar Al-Awlaki geführt, der 2011 bei einem Drohnenangriff attackiert und getötet wurde. Die dänische Tageszeitung „Politiken“ schrieb, Storm habe darüber hinaus Drogen an Jugend­liche mit Problemen in und um Birming­ham verkauft.

Für ihn sei es, so Asif gegenüber „Politiken“, nur um Geld gegangen. Man dürfe nicht vergessen, dass er sich selbst „an die CIA und PET verkauft“ hätte. Trotz angeblich geänderter Ansichten habe sich bei dem mutmaßlichen ­V-Mann alles um Geld gedreht. Es sei immer ­unklar geblieben, wie Storm trotz der ­Tatsache, dass er keiner geregelten Arbeit nachgegangen sei, diese Art von ­Lebenswandel habe führen können.

Storm sei laut Asif 1999 ins britische Luton gekommen, wo er muslimischen Gemeindeführern mitteilte, er wolle nach einer Zeit des Extremismus ein neues Leben beginnen. Allerdings habe der mutmaßliche V-Mann im großen Umfang versucht, in der muslimischen Gemeinschaft Anhänger für seine radikalen ­Ideen zu finden. Er habe bei vielen, „mit ­Hilfe von PET, CIA und MI5“, für eine ­Gehirnwäsche gesorgt. Andere Muslime in Luton berich­teten, wie er in Gegnerschaft zum gemäßigten Islamischen Zentrum Luton eine Splittergruppe aufgebaut habe. „Er beförderte aktiv eine Radikalisierung in Luton. ­Darüber besteht gar kein Zweifel“, ­sagte Farasat Latif, Sprecher des Islamischen Zentrums Luton, „Politiken“. Storm ­kritisierte das Zentrum, weil es sich ­gegen Gestalten wie Al-Awlaki oder Osama bin Ladin gestellt hatte. „Er sagte, er wollte, dass die Leute militant werden“, so Latif, „und rief zur Revolution gegen die, seiner Meinung nach, ‘korrupten, ­auslän­dischen Führer’ auf.“

Bereits in der Vergangenheit hatten CIA und FBI falsche Terroraktionen genutzt, um – nach eigenen Worten –­ ­„potenzielle Terror-Verdächtige“ auf­zuspüren. Diese Technik hat in den USA zu Protesten unter Muslimen geführt, welche den beiden Agenturen vor­warfen, junge Muslime in die Falle des ­Terrors zu locken. 2009 drohten muslimische Gruppen mit der Einstellung sämtlicher Kontakte zum FBI wegen dessen ­Vor­ge­hen, Moscheen mit Informanten zu besetzen, um Betende auszuspionieren.

Storm selbst erklärte gegenüber „Jyllands Posten“, dass er nach der Kontakt­aufnahme mit dem dänischen PET 2006 den Anschein eines radikalen ­Muslims habe aufrechterhalten müssen, um seine Legende nicht zu zerstören. Laut „Politiken“ sind Strafrechts­experten der Ansicht, dass für den Fall, dass sich die Anschuldigungen gegen Storm bewahrheiten sollten, dieser die rechtlichen Grenzen für V-Männer überschritten habe.