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Freiheit ist auch für Muslime wesentlich

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Leitartikel zum Titelthema „Freiheit“: Wir können unsere Unabhängigkeit nicht als Einzelne sichern. Das sagt der US-Historiker Timothy Snyder.

(iz). In den letzten Jahrzehnten der Krisen ist die Frage nach der Freiheit in aller Munde. Denkt man an die Pandemie, die Klimaerwärmung oder den Ukrainekrieg deutet sich eine Zeitenwende an. Die alte Idee individueller Freiheit wird zugunsten der kollektiven Notwendigkeiten der Menschen und den Bedürfnissen nach Sicherheit und Wohlstand zurückgedrängt.

Noch nicht völlig aufgearbeitet sind die Maßnahmen zum Gesundheitsschutz, das Klima verlangt reduzierten Konsum und der Ukrainekrieg macht deutlich, dass auch ein Weltkrieg in den Bereich des Möglichen gerückt ist. Es ist unklar, wie sich der Umgang mit den Krisen auf unsere liberalen Gesellschaften langfristig auswirkt.

Das Ausmaß der Katastrophen, die uns sorgen, lässt es möglich erscheinen, dass der Staat mit größerer Autorität auf seine Bevölkerung einwirkt und mehr verlangt als gewohnt. Noch glauben wenige Westeuropäer, dass sie sogar persönlich in einen Krieg verwickelt werden könnten. Höhere Steuern, mehr Opferbereitschaft und gesteigerter Gehorsam sind Zugeständnisse, die der Staat von uns künftig verlangen könnte und schaffen ein Gefühl neuer Unsicherheiten.

Die Frage nach der Freiheit ist hochaktuell, beschäftigt Denker und Philosophen. Timothy Snyder hat kürzlich ein neues Buch mit dem Titel „Über Freiheit“ veröffentlicht. In diesem Werk entwickelt der Historiker und Politologe eine tiefgehende und zugleich praxisorientierte Philosophie der Freiheit. Snyder kritisiert die vorherrschende Vorstellung von Freiheit als bloße Abwesenheit von Zwang – die sogenannte „negative Freiheit“ – und plädiert stattdessen für ein aktives Verständnis von Freiheit als positiver Kraft, die in der Gesellschaft wirksam ist.

Zentrale Dimensionen der Freiheit

Snyder identifiziert fünf zentrale Dimensionen der positiven Freiheit: die Souveränität, die Unberechenbarkeit, die Mobilität, die Faktizität und die Solidarität. Diese Dimensionen werden nicht nur theoretisch erörtert, sondern auch mit persönlichen Erfahrungen und historischen Beispielen verknüpft.

Snyder verweist auf Denker wie Simone Weil, Edith Stein, Václav Havel und Leszek Kołakowski, die sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Zudem fließen seine eigenen Erlebnisse in Osteuropa, insbesondere in der Ukraine, ein, um die Bedeutung von Freiheit in der Praxis zu verdeutlichen.

Snyder kritisiert die aktuelle politische Landschaft, insbesondere in den USA, wo die Vorstellung von Freiheit oft mit einem minimalen Staat und maximaler individueller Autonomie gleichgesetzt wird. Dieses libertäre Verständnis des Staates dient oft den Interessen der Reichen. Er argumentiert, dass diese Sichtweise die soziale Ungleichheit verstärke und die kollektive Verantwortung untergrabe. Stattdessen fordert er ein Verständnis von Freiheit, das auf Solidarität, sozialer Gerechtigkeit und der Anerkennung gemeinsamer Werte basiert.

„Über Freiheit“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine aktive, gemeinschaftsorientierte Freiheit, die über die Einräumung individueller Rechte hinausgeht und das Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellt. Snyder fordert die Leserinnen und Leser auf, Freiheit nicht als selbstverständlich anzusehen, sondern aktiv für deren Erhalt und Förderung einzutreten. „Wer wirklich frei sein will, muss anderen helfen, frei zu sein.“ – So könnte man Snyders Freiheitsbegriff auf den Punkt bringen.

Snyders Beitrag erinnert an das Fundament der Freiheit. Sie beginnt im Leib und ist nicht nur ein geistiges Konzept, sondern betrifft zutiefst unser körperliches Dasein – etwa unsere Fähigkeit zu handeln, zu widerstehen, zu sprechen, uns zu bewegen.

Der verletzliche und sterbliche Körper

Besonders in politischen Kontexten (z. B. Krieg, Unterdrückung, Flucht) zeigt sich, dass der verletzliche, sterbliche Körper der Ort ist, an dem Freiheit entweder möglich wird oder zerstört wird. Die Figur des „Homer Sacer“, der nur Träger seines nackten, rechtlosen Lebens ist, wurde bereits durch den Philosophen Giorgio Agamben in die politische Diskussion gerückt.

Pessimistisch ist Snyders Blick auf die sozialen Medien: „Algorithmen treiben uns in Kategorien, die durch unsere am wenigsten interessanten Eigenschaften definiert sind, und lenken uns von den Entscheidungen ab, die wir in der physischen und sozialen Welt um uns herum treffen müssen.“

Er räumt ein, dass „unsere Macht, dem fiktional-industriellen Komplex zu widerstehen, begrenzt ist, aber es gibt sie.“ Für die Unabhängigkeit des Menschen ist es wichtig, geschichtliche Kontexte zu verstehen und nicht zuletzt das eigenständige Lesen nicht zu verlernen.

„Unsere derzeitige Laune, die Vergangenheit aus meist selbstgerechten Gründen zu verwerfen, hat mit unserer technisierten Unfähigkeit zu tun, uns zu konzentrieren und zu tolerieren. Wir werden von einer Social-Media-Nemesis darauf trainiert, der Herde zu folgen und die Herde zu keulen. Doch wenn wir uns dem Lesen verweigern, tauschen wir nicht die Vergangenheit gegen die Zukunft ein. Ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft. Wir tauschen die Vergangenheit gegen einen prekären Stillstand.“

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Foto: Shutterstock.com

Das Thema ist wesentlich für uns Muslime

Das Thema Freiheit ist für Muslime essentiell wichtig, da ihre Gemeinschaften in einer Mehrheitsgesellschaft auf das Prinzip der Religionsfreiheit angewiesen ist. In pluralistischen Gesellschaften ermöglicht diese Garantie, dass Menschen unterschiedlicher Überzeugungen friedlich nebeneinander leben.

In jeder Demokratie ergeben Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit und Versammlungsfreiheit einen elementaren Bedeutungszusammenhang. Man sollte nicht vergessen: Wo die Religion unterdrückt wird, sind meist auch andere Freiheiten in Gefahr.

In der liberalen Gesellschaft, die die Religionsfreiheit verfassungsrechtlich absichert, entstehen neue indirekte Gefährdungen: Der Populismus stellt Religion unter Generalverdacht („Der Islam gehört nicht zu uns.“). Parteien wie die AfD schaffen einen säkularen Druck, die Religion – zumindest die von Minderheiten – vollständig aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. In Deutschland werden Menschen, die offen religiös leben (besonders Muslime oder Juden), diskriminiert oder bedroht.

Dabei ist sich die absolute Mehrheit aller Gläubigen klar, dass Religionsfreiheit nicht meint, dass alle religiösen Ansprüche durchsetzbar sind. Sie ist immer – so der Konsens – eingebettet in die Ordnung eines freiheitlichen Rechtsstaats. Weil die oben beschriebenen Gefahren existieren, ist es auch für Muslime wichtig, dass die Möglichkeit der kollektiven Organisation besteht, um eigene Anliegen, Themen oder Rechte effektiv in der Öffentlichkeit anzusprechen.

Die Existenz von Religionsgemeinschaften ist eine Notwendigkeit und Teil der Religionsfreiheit. Muslime sind gut beraten, sich also nicht in die scheinbare Sicherheit des Privaten zurückziehen, sondern sich selbstbewusst öffentlich zu engagieren.

Wer sich die Realität von Gläubigen in Russland oder China genauer anschaut, dem wird bewusst werden, was auf dem Spiel steht. Der Einsatz für die Rechte der Zivilgesellschaft und das Engagement für die Religionsfreiheit gehören zusammen.

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Foto: 4.murat, Shutterstock

Eine der zentralen Spannungen

Die Frage, wie sich der Begriff der Freiheit zur Religion verhält, insbesondere im Kontext von Vorherbestimmung (Prädestination), ist eine der zentralen Spannungen in der Religionsphilosophie und Theologie. Wenn alles vorherbestimmt ist, stellt sich die Frage: Wie kann der Mensch dann frei sein? Die Antwort hängt stark vom religiösen und philosophischen Rahmen ab.

Im Islam gibt es das Konzept von Qadar (göttliche Bestimmung), das mit dem freien Willen des Menschen in Spannung steht, aber in vielen Interpretationen als eine Mitverantwortung erklärend interpretiert wird. Für viele Gläubige ist der Glaube an die Vorsehung kein Widerspruch zur Freiheit, sondern Trost: Auch wenn das Leben manchmal unverständlich scheint, hat es einen göttlichen Plan. Gleichzeitig bleibt die individuelle Verantwortung im Alltag erhalten – zum Beispiel durch das Streben nach Tugend, Gebet oder Buße.

Im Islam gibt es zweifellos den festen Glauben an die göttliche Bestimmung. „Und ihr könnt nicht(s) wollen, außer dass Allah (es) will.“ (Sure 76:30). Diese Überzeugung ist Teil des Iman (Glaubens) und bedeutet, dass Allah alles weiß, plant und verwirklicht, was geschieht – das Gute und das Schlechte. Aber: Gleichzeitig wird der Mensch im Koran als verantwortlich für sein Handeln dargestellt. Diese Sicht bestätigen viele Verse im Qur’an, in denen der Mensch zur Rechenschaft gezogen wird („Wer nun im Gewicht eines Stäubchens Gutes tut, wird es sehen.“ Sure 99:7–8)

Der Qur’an enthält beide Elemente. Wir bekennen das Wissen um die göttliche Allmacht „Gewiss, wir haben alles in (bestimmten) Maß erschaffen.“ (Sure 54:49) Hinzukommt das Bekenntnis zur menschlichen Verantwortung: „Jede Seele haftet für das, was sie erworben hat.“ (Sure 74:38).

Der Mensch hat die Fähigkeit zur Wahl, zu Gutem oder Bösem – und wird dafür zur Rechenschaft gezogen. „Wer der Rechtlautung folgt, der ist nur zu seinem eigenen Vorteil rechtgeleitet und wer irre geht, der geht nur zu seinem Nachteil irre.“ (Sure 17:15). Der freie Wille ist „real“, aber Gott bleibt der Schöpfer der Ereignisse.

Für Muslime gibt es keinen Widerspruch. Der Glaube an das Schicksal bedeutet nicht alle gesellschaftliche Entwicklungen passiv hinzunehmen. Wir handeln verantwortlich, vertrauen aber darauf, dass Gott am Ende gerecht urteilt und gnädig ist. Bei den aktuellen Diskussionen über die Zukunft der Freiheit ist der muslimische Beitrag wichtig.

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Die anderen Bewegungen

Umweltethik Islam welt moschee Bewegungen

In der muslimischen Welt oder als Minderheiten: Weltweit sind Muslime in konstruktiven Bewegungen erfolgreich aktiv. (iz). Heute über erfolgreiche Bewegungen und Initiativen zu schreiben, steht häufig vor zwei Hindernissen: Einerseits […]

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Welche Wege soll die Community nehmen?

Community

Zukunft der muslimischen Community: Auf Einladung des Islamrats diskutierten aktive und ehemalige Verbandsvertreter über Chancen und Herausforderungen.

(iz). Gesamtgesellschaftlich wie innermuslimisch stehen die Strukturen und Akteure der islamischen Selbstorganisation und Repräsentation unter erheblichem Druck. Gegenüber den Medien müssen sich die dortigen Aktiven und Sprecher zu allen möglichen Fragen im Eiltempo erklären. Vertreter aus Staat und Politik erwarten, dass sie im Namen sämtlicher Mitglieder der Community agieren.

Gleichzeitig begleiten kritische Nachfragen der Zivilgesellschaft und Medienlandschaft ihr Handeln. Zu den häufig vorgetragenen Kritikpunkten aus der Community gehören u.a. eine reaktive Mentalität, strukturelle Hindernisse sowie der Wunsch nach einem aktiveren und geschlosseneren Auftreten. Für den KRM-Sprecher Dr. Zekeriya Altuğ muss die zukünftige Repräsentation muslimischer Interessen über die Politik „des kleinsten gemeinsamen Nenners“ hinausgehen. Wie das gelingt, müssten die Religionsgemeinschaften diskutieren.

Community: Über unsere Vergangenheit und Zukunft sprechen

Am Samstag, dem 17. Mai, endete die zweijährige Fortbildungsreihe des Islamrats mit dem Titel „Muslime und Religionsfreiheit in Deutschland“ mit einer umfangreichen Debatte über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unserer Selbstorganisation und Repräsentanz in der Bundesrepublik. Das Tagesprogramm stand unter dem Motto „Gemeinsam reden, gemeinsam gestalten: Muslimische Repräsentanz im Wandel“.

Murat Gümüş, Generalsekretär des Gastgebers und verantwortlich für die Eventreihe, erläuterte das Anliegen seines Dachverbands: „Unser Ziel war es, Räume des Lernens, der Selbstreflexion und der Begegnung zu schaffen. Ich bin stolz auf die Vielfalt und Tiefe der Diskussionen, die wir gemeinsam erleben durften.“

Auf zwei Podien diskutierten sieben aktive oder frühere muslimische Vertreter das komplexe Thema. In der ersten Gesprächsrunde erläuterten Dr. Ayyub Axel Köhler (Ex-Vors. des Zentralrats) und Ali Kizilkaya (Ex-Vors. des Islamrats) mit zusätzlichen Beiträgen von Schaikh Bashir Dultz (Deutsche Muslimliga) die Entwicklung und den Aufbau von Gemeinschaftsstrukturen in der Vergangenheit der Bundesrepublik.

Auf dem zweiten Podium diskutierten Mustafa Yeneroğlu (Ex-Generalsekretär der IGMG), Aiman Mazyek und Nurhan Soykan (beide ehemalige Vorstandsmitglieder des Zentralrats), Burhan Kesici (Vorsitzender des Islamrats) sowie der aktuelle KRM-Sprecher Dr. Zekeriya Altuğ über die heutigen Herausforderungen und Zukunftsaufgaben der muslimischen Repräsentanz in Deutschland.

Zu Beginn der Diskussion betonte der kürzlich aus dem Amt geschiedene ZMD-Vorsitzende Aiman Mazyek, dass die Gründung des Koordinationsrates (KRM) zwei wesentlichen Impulsen folgte. Einerseits habe es innerislamisch das erkennbare Verlangen nach größerer Koordination und besserer Repräsentation der eigenen Interessen gegeben. Andererseits habe die Politik – insbesondere im Kontext der ersten Islamkonferenz unter Wolfgang Schäuble – ebenfalls als „Schrittmacher“ agiert.

Religionsgemeinschaften müssen gestärkt werden

In Anbetracht der unklaren Ausrichtung der Regierungspolitik gegenüber den islamischen Religionsgemeinschaften setzt Mazyek auf ihre Stärkung. Diese müssten angesichts der bundespolitischen Unwägbarkeiten der Zukunft „stärker ausgefüllt“ werden. Muslime sollten sich verstärkt auf die Kernthemen der religiösen Gemeinschaften konzentrieren und diese verstärken. Dabei bezog er sich ausdrücklich auf die potenziellen Folgen eines fortgesetzten AfD-Aufstiegs auf den Umgang der Politik mit den islamischen Communitys.

Der ehemalige IGMG-Generalsekretär Mustafa Yeneroğlu zeigte sich selbstkritisch. „Als Muslime hätten wir doch viel mehr tun können“, sagte er im Rückblick auf die letzten 20 bis 30 Jahre. Er bestätigte, dass die Moschee- und Dachverbände mit der Gründung des KRM Wünsche aus der Bundespolitik aufgegriffen hatten. Gleichzeitig habe man auch zum Zeitpunkt der Begründung im März 2007 – schon 2006 kam es zu Gesprächen und Annäherungen der Beteiligten – erkannt, dass das Gremium auf der Koordinationsebene „nicht ausreichen wird“.

Foto: Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland

Dabei sei der vorangegangene „Seevetal“-Prozess, eine Gesprächsreihe zur Institutionalisierung und Vereinheitlichung muslimischer Strukturen, die vor der Schaffung des Beratungsgremiums stattfand, „weiter gewesen“. Jedem war bewusst, dass etwaige Organisationsformen „demokratisch legitimiert“ sein sollten. Auch auf Landesebene müssten „gelebte Gemeinschaften auf Grundlage dieser Moscheegemeinschaften“ bestehen.

Der erwähnte Prozess hätte sich gut dafür geeignet, genau diese Themen und Herausforderungen anzugehen. Während er betonte, dass der Koordinationsrat „eine bundesweite Repräsentanz, Koordination mancher Tätigkeiten“ sowie die Entwicklung verbindlicher Standpunkte ermöglicht habe, „brauchen wie in Deutschland eigentlich mehr, als dass wir nur koordinieren“.

Innere Blockaden lösen

Yeneroğlu sieht zwei Hauptursachen für das Nichtzustandekommen von Abschlüssen bzw. für ergebnislose Verhandlungen oder Projekte. Einerseits läge das an Entschlüssen und „Schwankungen“ auf Seiten staatlicher Partner. Andererseits gebe es bei muslimischen Entscheidungsprozessen Blockaden. So würden gelegentlich unterschriftsreife Ergebnisse „über den Haufen geworfen“, wenn die Vorstände einzelner Gemeinschaften sich dagegen entscheiden.

Pressefoto: © Henning Schacht / Bundesinnenministerium

Der ehemalige IGMG-Generalsekretär kritisiert eine passive Haltung in der weiteren Community, sich nur „als Konsument“ von Grundrechten zu begreifen. In Bezugnahme auf die hiesige Geschichte der Bürgerrechte machte er deutlich, dass die gegenwärtige Rechtsordnung seit 1848 erkämpft wurde. Heute stelle sich für Muslime die Frage, ob sie nur die damit einhergehenden Rechte wollten, sondern auch mit der Aufgabe befassen, inwieweit sie dieses Modell mittragen und weiterentwickeln wollen. „Das sind Fragen, die wir uns heute stellen müssen.“

Für den DİTİB-Vorstand und amtierenden KRM-Sprecher Dr. Zekeriya Altuğ ist die derzeitige Selbstorganisation der Communitys „nicht im luftleeren Raum“ entstanden. Es gebe in Deutschland seit den 1950er und 1960er Jahren ein aktives islamisches Leben. Allerdings sei das über einen längeren Zeitraum hinaus „türkisch dominiert“ gewesen. Das habe sich in seinen Augen „größtenteils geändert“. Mittlerweile herrscht für ihn eine ungefähre Parität.

Alle betonen Verbesserungsbedarf

Altuğ zufolge hat das gegenwärtige System der Repräsentanz Verbesserungsbedarf. Allerdings müsse man sich fragen, was es bedeute, „alle Muslime“ zu vertreten. Dies sei eine Diskussion, die geführt werden sollte. Schließlich bestehe das Recht, nicht repräsentiert zu werden.

Es sei ebenso wichtig, nicht nur Moscheegemeinden im Auge zu behalten. Heute gebe es in der Community „sehr viele andere Strukturen“. Darüber hinaus seien diese Gemeinschaften längst nicht mehr „Ersatzheimat“. Vielmehr hätten diese sich immens entwickelt.

Der DİTİB-Vertreter unterstrich, dass es in den letzten zehn Jahren einen Lernprozess gegeben habe. Man sei heute deutlich weiter. Perspektivisch sollte der KRM über sich hinauswachsen. Er müsse verbindlicher werden und durch mehr Wahlen tatsächliche Repräsentanz zulassen. Für die Zukunft sieht er die Notwendigkeit neuer Strukturen. Diese sollten über Repräsentation hinausgehen und bundesweit in der Lage sein, die innermuslimische Arbeit zu koordinieren.

Foto: Autor / IZ Medien

Laut dem Islamratsvorsitzenden Burhan Kesici hat die Gründung des KRM zu einer stärkeren Position im Austausch mit staatlichen Stellen geführt. „Wir haben gemerkt, dass Politiker immer eine Stimme haben wollen, und der Koordinationsrat hat diese Stimme geliefert.“ Über das Gremium konnte man den Großteil der Moscheeverbände erreichen.

In der Vergangenheit habe hingegen jeder Verband separate Gespräche geführt. „Mit der Gründung des Koordinationsrats haben wir eine Stimme bekommen.“ Kesici beschreibt die Schwierigkeiten des sechsmonatigen Sprecherwechsels. Bis sich ein amtierender Sprecher eingearbeitet habe, gebe es einen neuen. Generell hat das Beratungsgremium bewirkt, dass die Positionen organisierter Muslime intensiver wahrgenommen werden.

Er wies den geäußerten Vorwurf zurück, der sogenannte organisierte Islam in Deutschland würde reaktiv agieren. Es seien auch aktiv Impulse von muslimischer Seite gekommen. Allerdings könnten strukturelle Beschränkungen dazu führen, „dass man bestimmte Sachen nicht bis zum Ende bringen konnte“.

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Mit Thomas Mann auf Sizilien

sizilien

IZ-Reiseblog: Ein Besuch in Milazzo (Sizilien) führt unseren Autor von der Thomas Mann-Lektüre zum Nachdenken über die muslimische Community.

„Träumen wir nicht nur vom Süden, sondern auch von idealen Gemeinschaften?“ 

(iz). „Der Zauberberg“ von Thomas Mann spielt in den Schweizer Alpen – fern von den Naturschönheiten Siziliens. Auf den ersten Blick ist das Buch keine passende Reiselektüre für uns.

Diese Einschätzung ändert sich, wenn man an einen der Sinnsprüche aus dem Roman denkt: „Der Mensch ist Herr der Gegensätze, sie sind durch ihn, und also ist er vornehmer als sie.“ Berge und Meer, Sommer und Winter sind Ur-Phänomene.

Kontrapunkte des Lebens auf Sizilien

Sie sind Kontrapunkte, die uns zeitlebens bestimmen und die wir in dem Gedanken der Einheit allen Seins überwinden. Thomas Mann sieht das Leben im Schnee und die Erfahrung am Meeresstrand in mehrfacher Hinsicht verwandt, denn „die Urmonotomie des Naturbildes ist beiden Sphären gemeinsam“.

Wir unternehmen an einem schönen Frühlingstag einen Spaziergang an das Capo Milazzo im Norden Siziliens. Der Weg führt an blühenden Blumen vorbei an einen Aussichtspunkt, von dem man auf den Küstenabschnitt herabblickt.

Die Szenerie erinnert uns an eine Beschreibung in Thomas Manns Roman: „Da lag das Meer – ein Meer, das Südmeer war das, tief-tiefblau, von Silberlichtern blitzend, eine wunderschöne Bucht, dunstig offen an einer Seite, zur Hälfte von immer matter blauen Bergzügen weit umfasst.“

Das Zitat ist aus einem Traum, den Hans Castorp, der Protagonist des Romans, während einer Schneewanderung erlebt. Erstaunlicherweise war er, vor seinem Aufenthalt in dem Sanatorium, bisher nur im Norden Europas unterwegs. „Er hatte auf Ferienreisen vom Süden kaum genippt, kannte die raue blasse See und hing dann mit kindlichen schwerfälligen Gefühlen, hatte aber das Mittelmeer, Neapel, Sizilien oder Griechenland, niemals erreicht“.

Nachdem er auf seiner Wanderung im Schneesturm nur in „das Nichts, das weiße, wirbelnde Nichts“ geblickt hatte, erinnert er sich jetzt träumend an eine südliche Atmosphäre. „Ja, das war eigentümlich ein Wiedererkennen, das er feierte.“ Er hatte das Bild, oder sagen wir die Sehnsucht danach, in seinem Herzen.

Foto: A. Rieger

Herunter ans Wasser

Wir steigen jetzt die Stufen hinab zum Küstenstreifen und sehen in einiger Ferne ein natürliches Bassin, das durch die Wellen des Meeres mit Wasser versorgt wird. Eine Gruppe junger Menschen badet darin. Auf den umliegenden Klippen sonnen sich einige Wanderergruppen.

Wieder kommt uns eine andere Szene aus dem Roman in den Sinn: Castorp erlebt in seiner Traumsequenz eine ähnliche Situation. Er sieht ein sonnendurchflutetes, friedliches mediterranes Tal, in dem Leute in Schönheit, Harmonie und Liebe zusammenleben.

„Menschen, Sonnen- und Meereskinder, regten sich und ruhten überall, verständig-heitere, schöne junge Menschheit, so angenehm zu schauen.“ Er bewundert insbesondere die höfliche Rücksicht der Gruppe, ihre Würde und Strenge, „doch ganz ins Heitere gelöst“ und eine aufgeschlossene Frömmigkeit, die ihr Tun und Lassen bestimmt.

Visionen eines anderen Lebens

Thomas Mann schafft so eine Vision, die, an die, unter dem Eindruck des schrecklichen Weltkrieges entstandenen „Lebensreformmodelle“ der 1920er Jahren, erinnern. Im Zauberberg zeigt er Interesse an alternativen Praktiken, von der Psychoanalyse, über antibürgerliche Heilmethoden bis zum Vegetarismus.

Sein Urteil schwankt diesbezüglich zwischen Verständnis und Ablehnung. Er versteht, dass die Menschen von den Ideologien flüchten wollen, befürchtet aber, dass aus dem verbreiteten Irrationalismus eines Tages politische Gefahren erwachsen können. Fakt ist, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche Versuche in Europa entstehen, alternative Gemeinschaften und Lebenspraxen zu entwickeln.

Thomas Mann

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R15883 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0

Die Frage des Verhältnisses von Staat, Gesellschaft, Gemeinschaft und dem Einzelnen prägen im „Zauberberg“ auch einige, noch immer lesenswerte Diskussionen zwischen zwei Gelehrten, die als Mentoren Hans Castorps auftreten. Die Gespräche der beiden gegensätzlichen Charakteren sind, wie wir sehen werden. Von beinahe unheimlicher Aktualität.

Hier eine verkürzte Auswahl zentraler Gedanken:

Settimbrini behauptet: „Zwei Prinzipien lägen im ewigen Kampf um die Welt, „die Macht und das Recht, die Tyrannei und die Freiheit, der Aberglaube und das Wissen, das Beharren und der Fortschritt, Asien und Europa.“ Seine Hoffnung für die Zukunft liegen auf der Rationalität, der Demokratie und den Wissenschaften. 

Naphtha dagegen kritisiert den immanenten Kapitalismus des weltlichen Staates, dessen bürgerliche Ideologie eine Transzendenz anstrebt, die langfristig auf einen Weltstaat hinausläuft. „Das Geld wird Kaiser sein, – das ist eine Prophezeiung aus dem 11. Jahrhundert“, erklärt dieser skeptisch.

Unter anderem beruft er sich auf mittelalterliche Zinsverbot, das verhindern soll, dass „die Zeit um Vorteil des einen und Schaden des Anderen mißbraucht wird“. Und er kommt zu einem radikalen Schluss: „Gotteseifer kann nicht pazifistisch sein“. Er glaubt an die Notwendigkeit des Terrors, um die „ungläubige“ Menschheit zu retten. Paradoxerweise sieht Naphtha seine Forderungen nicht in einem christlichen Gottesstaat, sondern in der Ideologie des Kommunismus umgesetzt.

gemeinschaft muslime

Foto: Imago | tagesspiegel

Zur Zukunft muslimischer Gemeinschaften

Während wir uns auf einer Bank hingesetzt haben, sinnen wir über die Zukunft von muslimischen Gemeinschaften nach und ihre künftige Rolle im modernen Staat. 

Die Community muss aus unserer Sicht eindeutig in der Zivilgesellschaft verortet sein. Klar sind wir in der Ablehnung gegenüber rückwärtsgewandten Gotteskriegern, die – Naphthas Gedankengang folgend – ohne Rücksicht auf Verluste von einem „islamischen Staat“ träumen.

Was ist aber die positive Vision, wie sieht ein Gemeinwesen aus, dass sich nicht nur auf eine abstrakte Vereinsmitgliedschaft beschränkt? Uns schwebt eine solidarische Gemeinschaft vor, die eine gemeinsame Sprache spricht und kulturstiftend wirkt, Brücken baut und sich sozial engagiert.

„Sonnenleute“, die mit lebensbejahender Kraft agieren, sich gegenseitig respektieren, ohne der Idee einer religiösen Uniformierung zu folgen und den Tod aus ihrem Leben zu verdrängen. Ist das eine Utopie? Vielleicht. Dann ist es die Aufgabe der Schriftsteller, unsere imaginären Kräfte neu zu stimulieren.

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Übermäßiger Konsum: von Verschwendung zur Achtsamkeit

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Unnötiger Konsum: Muslime finden in der islamischen Lebenspraxis praktische Umgangsweisen mit dem Phänomen. (Islamic Horizons). Jeder Tag bringt weitere Trends, die sich um die neuesten Must-haves und die aktuellsten Versionen […]

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Junge und Muslime: was heißt das nun für die Linke im Bundestag?

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Die Linke feiert ein überraschendes Comeback. Besonders bei jungen und muslimischen Wählern konnte sie punkten. Doch was heißt das jetzt für die Arbeit im Bundestag? Und wie geht es mit der „Mission Silberlocke“ weiter?

Berlin (KNA). Die Linken waren mit 8,8 % der Überraschungssieger bei der Bundestagswahl. Die Partei punktete besonders bei jungen Menschen: Jeder vierte Wähler zwischen 18 und 24 Jahren gab den Linken seine Stimme, 27 % der Erstwähler.

Unter den muslimischen Wählerinnen und Wähler votierten mit 29 % die meisten für die Linken. Was bedeutet das für die Politik der Linken im Bundestag?

muslimischen partei

Foto: annastills, Freepik.com

Die Linke konnte bei Jugend und Muslimen punkten

Luke Hoß zieht für die Linken mit 23 Jahren als Jüngster unter den 630 Bundestagsabgeordneten ins neue Parlament ein, parallel studiert er Jura in Passau. Als Vorbild versteht er sich weniger: „Ich glaube, es braucht nicht unbedingt Vorbilder, sondern eine Politik, die junge Menschen ernst nimmt“, sagt er auf Anfrage.

Beim Sondierungspapier von Union und SPD könne er das nicht erkennen. Seine Social-Media-Kanäle will er auch dafür nutzen, politische Entscheidungen und Abläufe transparenter zu machen. Dazu gehöre auch, den Einfluss von Reichen und Konzernen zu begrenzen: Der Mann mit dem für seine Generation typischen Oberlippenbart gibt sich kämpferisch.

Ähnlich wie andere Parteikollegen kündigte er an, seine Abgeordneten-Diät auf 2.500 Euro im Monat zu begrenzen: „Weil ich finde, dass auch oder vielleicht sogar vor allem Politiker und Politikerinnen spüren sollten, ob die Preise für Butter oder die Miete schon wieder erhöht wurden.“

Der Rest soll an soziale Initiativen, seine Partei oder an Menschen in Not gehen, die in der Hilfesprechstunde der Linken in seinem Wahlkreis um einen Zuschuss bitten – beispielsweise für die Reparatur der Waschmaschine.

Pinkel: witzige Kampagne und Kante gegen AfD

Für den Leipziger Demokratieforscher Gert Pickel haben verschiedene Faktoren zum überraschend hohen Wahlergebnis der Linken geführt. Einerseits die mit Witz und Selbstironie geführte Kampagne in den Sozialen Medien, vor allem auf Tiktok, wo bislang nur die AfD dominant gewesen sei.

Außerdem habe die Linke mit ihren migrationsoffenen Positionen in klarem Kontrast zu den anderen Parteien gestanden, erläutert der Soziologe.

„Dadurch konnte man tatsächlich gerade unter jüngeren Leuten durchaus punkten.“ Die Linke habe zudem als einzige Partei im Wahlkampf Themen statt Köpfe plakatiert: hohe Mieten und Lebenshaltungskosten, niedrige Renten. „Es sind die Themen, die uns an den Haustüren der Menschen genannt wurden“, erklärt Hoß. Sie beträfen Junge wie Alte.

„Das ist eine wichtige linke Politik, die man tatsächlich bei der SPD nur mit Mühe finden konnte und die auch bei den Grünen ein wenig untergegangen ist“, sagt Pickel.

Das deckt sich mit einer Umfrage von Infratest dimap, wonach 95 % der Linke-Wählenden angaben, dass die Partei eine gute Alternative für alle ist, die sich bei SPD und Grünen nicht mehr aufgehoben fühlen. Etwa genauso viele stimmten der Aussage zu: „Bemüht sich am stärksten um sozialen Ausgleich.“

politik muslime entfremdet

Grafik: IZ (Foto: Adobe Stock)

Ramelow: Linke hat Repräsentationslücke unter Muslimen erkannt

Und wie erklärt sich der Zuspruch von den Muslimen? Bodo Ramelow, der voraussichtlich künftige religionspolitische Sprecher der Linken-Bundestagsfraktion, sagt auf Anfrage: „Muslime wie auch Migranten fühlen sie sich in der Gesellschaft und Politik häufig nicht vertreten. Ich sehe uns da in der Pflicht, aus deren Brille auf unser Land zu gucken.“ Es gehe um Förderung von Toleranz.

Im Wahlprogramm sprach sich die Partei gegen ein Verbot religiös motivierter Bekleidung aus, Stichwort Kopftuchverbot. Ramelow betont, Frauen sollten selbst darüber entscheiden – und nicht der Ehemann. „Wir haben sehr unterschiedliche Ausprägungen in den muslimischen Communities und wenn da die Frage der Gleichberechtigung von Frauen unter die Räder kommt – dann muss man darüber reden.“

Außerdem fordern die Linken einen Beauftragten für muslimisches Leben und gegen antimuslimischen Rassismus; das muslimische Zuckerfest soll gesetzlicher Feiertag in Deutschland werden.

„Ich bin sicher, dass wir da auch mit den religionspolitischen Sprechern der anderen Parteien ins Gespräch kommen – es geht schließlich um Respekt und Toleranz gegenüber anderen Religionen.“

Zusammen mit Gregor Gysi und Dietmar Bartsch hatte Ramelow im Wahlkampf die „Mission Silberlocke“ ins Leben gerufen. „Wir Silberlocken werden zusammen auch weiter digital aktiv sein“, kündigte Ramelow an. Daneben verstünden sich die drei als Brückenbauer zwischen den Generationen: „Wir müssen zwischen Alt und Jung auch einen Lernprozess organisieren. Wir müssen voneinander lernen und einander zuhören.“

Junge Linke, die etwa aus der Gewerkschafts- oder Streikbewegung kämen, hätten mitunter eine Erwartungshaltung, dass bestimmte Sachen sehr schnell eigentlich umgesetzt werden müssten. „Aber im Politikbetrieb braucht es auch Geduld und manchmal einen zweiten oder dritten Anlauf – das wollen wir vermitteln und miteinander lernen.“a

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Eine diverse Gemeinschaft: Muslime im britischen Zensus

moschee zensus

Im März 2025 veröffentlichte der Britische Muslimrat (MCB) eine Zusammenfassung des letzten Zensus. Obwohl die Community mit Feindseligkeit zu kämpfen hat, bleibt sie dynamisch.

(iz). Am 25 März dieses Jahres veröffentlichte der Britische Muslimrat (Muslim Council of Britain, MCB) seine Erkenntnisse zur Volkszählung, deren allgemeinen Daten bereits 2022 vorlagen.

„Dieser Bericht hat die internen Veränderungen innerhalb muslimischer Gemeinschaften aufgezeigt, die die Zukunft prägen werden. Ein zunehmender Anteil wird in Großbritannien geboren sein. Unter muslimischen Männern ist ein höheres Maß an Unternehmertum zu beobachten, und ein zunehmender Anteil gut ausgebildeter muslimischer Frauen nimmt ihren Platz auf dem Arbeitsmarkt ein. Diese Veränderungen können jedoch zunichte gemacht werden, wenn sie nicht von Maßnahmen zur Beseitigung von ‘gläsernen Decken’ und Islamfeindlichkeit auf institutioneller Ebene begleitet werden“, schrieb der Dachverband in seiner Zusammenfassung.

Foto: SakhanPhotography, Adobe Stock

Britische Muslime: die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe

Derzeit sind Muslime die zweitgrößte Religionsgruppe im Vereinigten Königreich. Ihre Anzahl stieg in Großbritannien von 2,7 Mio. (4,9 %) im Jahr 2011 auf knapp 4 Mio. (6,0–6,5 %) im Jahr 2021, was einem Anstieg von 43-44 % innerhalb eines Jahrzehnts entspricht. In der Hauptstadt machen sie 15 % der Bevölkerung aus, was den höchsten Anteil in einer Region des Landes darstellt.

Zu den Großstädten mit hohem Bevölkerungsanteil zählen London, Birmingham, Leicester, Bradford, Walsall und Oldham. In Kommunen wie Leicester und Birmingham stellen ethnische Minderheiten, darunter Muslime, mittlerweile die Mehrheit der Bevölkerung.

94 % derjenigen, die in England und Wales zur Welt kamen, bekundeten ein starkes britisches Nationalgefühl. Zum ersten Mal sind die meisten von ihnen im Vereinigten Königreich geboren (50 %), wobei der Anteil in einigen Städten noch höher ist (z.B. Bradford 65 %).

Innerhalb der Communities bilden die asiatischen/asiatisch-britischen Einwohner die größte Einzelgruppe (2,6 Mio., 66 %). Aber alle anderen Ethnien sind ebenfalls vertreten. Muslime sind ein Kaleidoskop von Gemeinschaften mit einer inneren Vielfalt, die einen Mikrokosmos der Gesamtgesellschaft darstellt – 234.000 von ihnen wurden ethnisch als „weiß“ klassifiziert.

Jünger als der Durchschnitt

Wie in anderen westeuropäischen Ländern unterscheidet sich ihr Altersdurchschnitt von dem der Gesellschaft als solcher. Ihr Durchschnittsalter lag zum Zeitpunkt der Befragung bei 29 Jahren. Das sind 15 weniger als der Rest.

Der MCB bezeichnete diesen Aspekt als „demographische Dividende“. So könnten Lücken auf dem Arbeitsmarkt geschlossen werden. Das trage seinerseits zur Finanzierung des kreativen und unternehmerischen Geistes bei.

Foto: Humza Yousaf, Twitter

Angesichts der sozioökonomischen Herausforderungen sowie der anhaltenden Diskriminierung und Muslimfeindlichkeit in Großbritannien diskutieren britische Muslime intensiv darüber, was sich bei ihnen verändern müsste.

In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi sagte Humza Yousaf, ehemaliger schottischer Regierungschef, man müsse in zukünftige Führer auf den Gebieten Politik, Business und Medien investieren. Nur so könne man bspw. besser Probleme wie Islamophobie handhaben.

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Islampolitik: Noch fehlt es der Koalition an einer Leitlinie

koalition Islampolitik

Islampolitik: Bisher hat die neue Koalition kein Konzept oder konstruktive Leitlinien in der Kommunikation mit Deutschlands Muslimen. (iz/KNA). Am 9. April stellte die künftige Regierungskoalition von Union und SPD ihre […]

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Ist Utopie wirklich eine Lösung?

rafah utopien

Kommentar: Angesichts komplexer und herausfordernder Verhältnisse setzen setzen viele Muslime auf Utopien. Ist das eine Lösung? (iz). In der islamischen Lehre und Praxis gibt es eine Aussage, wonach eine Stunde […]

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Gemeinschaft ist für uns wesentlich

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Als Muslime sind wir unsere Lebenspraxis wesensmäßig auf Gemeinschaft angewiesen. Die ‘Ibada im Kreise von anderen hat einen höheren Wert.

(iz). Allahs Din solo oder in Kleingruppen zu praktizieren, ist in vielerlei Hinsicht eine Gefahr. Die Wahrheit ist: Ihn kann man nicht wirklich allein praktizieren. Im „sich absondern“ oder im „Einzelgängertum“ liegt wenig Gutes.

Ibn ‘Ajiba rät in seinem berühmten Klassiker über die Grundlagen des Islam „Al-Futuhat Al-Ilahija“:

„Wer von den Brüdern abgesondert und mit sich selbst beschäftigt ist, von ihm kommt nichts. Die Muminun sind wie Schafe: Wenn eines vom Rest der Herde getrennt ist, wird es zum Ziel der Wölfe. Allah der Erhabene hat uns aufgefordert, zusammen zu kommen, indem Er sagt: ‘Kommt zusammen für die rechten Handlungen und Taqwa. Kommt nicht zusammen für die falschen Handlungen und Übertretungen.’“

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Foto: Alessandro Biascioli, Adobe Stock

Wer allein lebt, neigt zu Extremen und zu Härte mit den anderen Muslimen. Ibn ‘Ajiba erwähnt einige Aussprüche des Gesandten Allahs, die uns erinnern, dass die Muslime normalerweise in Gemeinschaft leben: Der Prophet, möge Allah ihm Segen und Frieden geben, sagte: „Die Hand Allahs ist mit der Gemeinschaft.“

Von Mu’awiya wurde überliefert, möge Allah mit ihm zufrieden sein:

„Der Prophet, möge Allah ihm Segen und Frieden geben, ging hinaus und kam zu einem Kreis seiner Gefährten. Er sagte: ‘Was hat euch dazu gebracht, zusammen zu sitzen?’ Sie antworteten: ‘Wir saßen zusammen, um Allah zu gedenken und Ihn dafür zu lobpreisen, dass Er uns zum Islam geführt hat, und für das, was Er uns gegeben hat.’ Der Prophet sagte: ‘Bei Allah! Ist es das, was euch dazu gebracht hat, zusammenzusitzen?’ Und sie antworteten: ‘Bei Allah, es ist das, was uns dazu gebracht hat, zusammenzusitzen.’ Er sagte zu ihnen: ‘Ich ließ euch nicht schwören, um euch anzuklagen, aber Dschibril kam zu mir and sagte mir, dass Allah stolz auf euch ist und euch den Engeln als Beispiele nennt.’“

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Foto: B. Lund, IZ Medien

Der Prophet, möge Allah ihm Segen und Frieden geben, sagte:

„Wer zusammenkommt, um Allah, dem Mächtigen, dem Majestätischen zu gedenken, und damit nichts anderes beabsichtigt als Sein Antlitz, denjenigen wird ein Rufer von den Himmeln rufen und sagen: ‘Erhebt euch! Euch ist alles vergeben. Eure falsche Handlungen sind in gute Handlungen verwandelt worden.’“