Von der Bedürftigkeit des Menschen: Wir müssen unsere existenzielle Abhängigkeit vom Schöpfer anerkennen.
(iz). Das wirtschaftliche System, das unsere heutige Epoche maßgeblich geprägt hat, ist der Kapitalismus. In unserer Zeit hat er gegenüber anderen ökonomischen Systemen eine nahezu uneingeschränkte Vorherrschaft erlangt. VonDr. Muhammed Mustafa Yüksel
Doch er ist weit mehr als nur ein Wirtschaftssystem. Er hat den Gesellschaften und Kulturen der Welt auch ein eigenes Menschenbild und eine bestimmte Sicht auf die Wirklichkeit aufgeprägt. So ist die Welt, die unser Herr dem Menschen als anvertrautes Gut überlassen hat, mitsamt all ihren Ressourcen einer grenzenlosen und verantwortungslosen Ausbeutung preisgegeben worden.
Die Stellung des Menschen ist dabei auf eine rein sozioökonomische Kategorie reduziert worden. Innerhalb dieses geschaffenen Gefüges werden Menschen unabhängig von Religion, Sprache oder Hautfarbe in Reiche und Arme eingeteilt. In seinem Werk „Das Kapital“, unterzieht Karl Marx das bestehende System einer kritischen Analyse und bezeichnet diese Einteilung als die von Unterdrückern und Unterdrückten.
Der edle Qur’an wiederum weist auf dieselbe Wirklichkeit mit den Begriffen „mustarniler“ und „mustazaflar“ hin. Mustarni zu sein bedeutet im Allgemeinen, sich selbst als reich, mächtig, wissend oder von hohem Rang zu betrachten und dabei in Überheblichkeit zu verfallen. Mustazaf hingegen bezeichnet jene, die innerhalb der Gesellschaft geschwächt wurden, also die Unterdrückten.
In einer Welt, in der die Begriffe reich und arm eine so zentrale Rolle spielen, kommt einer bestimmten Weisheit des zeitlosen Vorbilds der Muslime eine besondere Bedeutung zu. Unser Prophet Muhammad (s) sagte: „Faqr ist mein Stolz.“
Medina Al-Munawwara: Besucher an der letzten Ruhestätte des Gesandten Allahs. (Foto: Muhammad Afzan, Shutterstock)
Diese außergewöhnliche Aussage lässt sich so erläutern, dass die eigene Bedürftigkeit selbst zum Grund des Stolzes wird. In einer Epoche wie der unsrigen, in der Reichtum beinahe heiliggesprochen und zum eigentlichen Lebensziel erhoben wird, trifft uns dieser Satz wie eine deutliche Mahnung. Er ist mehr als eine bloße Aussage. Er verweist auf ein tief gehendes und besonderes Verständnis des Menschseins.
Die existentielle Bedeutung dieses Ausspruchs liegt darin, dass der Mensch seine grundsätzliche Bedürftigkeit gegenüber dem Schöpfer eingesteht. Er gelangt zu der Erkenntnis, dass der einzige, der keines Dinges bedarf, Allah, also das Göttliche, ist.
Auf Erden sind bis heute unzählige Menschen erschienen und wieder gegangen, denen man Stärke und Macht zugeschrieben hat. Und bis zum Jüngsten Tag werden weiterhin solche Menschen kommen.
Doch selbst der mächtigste Mensch ist für den Fortbestand seines Daseins auf jeden einzelnen Atemzug angewiesen. Während er sogar den Atem, den er nur kraft des göttlichen Ratschlusses empfängt, dringend benötigt, erweist sich die Größe, die er seinem eigenen Selbst zuschreibt, als die größte gedankenlose Verblendung des Menschen.
Wenden wir uns der sozialen Dimension dieser Frage zu, so zeigt sich, dass unser Herr den Menschen nicht nur in einer grundsätzlichen Abhängigkeit von sich selbst erschaffen hat. Ebenso offenkundig ist die Bedürftigkeit des Menschen gegenüber dem Menschen.
Foto: SKIMP Art, Adobe Stock
Mehr noch, das Zusammenleben der Menschen sowie der Fortschritt und die Entwicklung ihrer Beziehungen gründen auf gegenseitiger Abhängigkeit. Durch technische Entwicklungen haben Menschen, insbesondere in den Städten, zunehmend die Möglichkeit erlangt, ihr Leben scheinbar unabhängig von anderen zu führen. Dies hat den Individualismus gestärkt.
Zu diesem Thema ließen sich umfangreiche Analysen anstellen. Doch soll hier folgende Feststellung genügen. Die wichtigste Ursache jener Einsamkeit, die den modernen Menschen in Melancholie und Depression führt, liegt in der irrigen Vorstellung, er habe seine Bedürftigkeit gegenüber dem Mitmenschen verloren. Möge Allah uns zu jenen zählen lassen, die sich ihrer Bedürftigkeit bewusst sind.
Dr. Muhammed Mustafa Yüksel lebt derzeit in Köln. Er arbeitete drei Jahre an der Goethe-Universität in Frankfurt als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Seine Promotionsarbeit trägt den Titel „Zwei zeitgenössische liberale Abhandlungen über die politische Autorität Muhammads. Mehmed Seyyid Bey und ‘Ali ‘Abd ar-Raziq“. In dieser geht er der Frage nach, ob das Kalifat eine göttliche Institution oder ein menschliches Machtgebilde ist. Sie erscheint 2026 im Verlag Dr. Kovač, einem Fachverlag für wissenschaftliche Literatur.
Muslime müssen sich um ihre natürliche Intelligenz bemühen. (iz). Mein Vortrag behandelt die Bedeutung der Förderung natürlicher Intelligenz. Das ist ein Thema, über das ich in letzter Zeit oft gesprochen […]
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Rückblick auf 2025: Ein Jahr zwischen Teilhabe, Stigmatisierung und dem Schweigen der Mitte.
(iz). Die Vereinten Nationen haben im Rahmen des vierten High-Level-Meetings der UN-Generalversammlung zur Prävention und Kontrolle nichtübertragbarer Krankheiten (NCDs) am 25. September 2025 erstmals die psychische Gesundheit zentral in den Fokus gerückt – und sie ausdrücklich schweren chronischen Krankheiten wie Krebs, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen gleichgestellt. Einsamkeit, Depressionen und Burnout sind längst globale Probleme.
Wer auf das Jahr 2025 zurückblickt, versteht warum: Neben den großen Krisen treten politische Akteure auf, die einfache Lösungen propagieren. Die Abkehr von wissenschaftlichen Standards und die Rückkehr zum Nationalismus verspricht wenig Gutes.
Die Stimmung, die den Niedergang demokratischer Gesellschaften heraufbeschwört, wirkt auf alle Bevölkerungsschichten – unabhängig von sozialem Hintergrund oder Konfession. Für Religionsgemeinschaften bedeutete das die Herausforderung, trotz wachsender seelischer Not Zuversicht zu vermitteln.
2025 war für viele europäische Muslime ein Jahr der Ambivalenz. Auf den ersten Blick wuchs ihre gesellschaftliche Teilhabe: Sie beteiligten sich sichtbarer an Wahlen, nahmen stärker an öffentlichen Debatten teil und gründeten neue zivilgesellschaftliche Initiativen.
Gleichzeitig verschärften sich alte Muster der Stigmatisierung – befeuert durch globale Konflikte, sicherheitspolitische Debatten und eine rechte Rhetorik, die den Islam kollektiv zur Bedrohung erklärt. Es war ein Jahr, das sich als „Doppelspul-Effekt“ beschreiben lässt: Fortschritt und Rückschritt liefen parallel, verwoben und ohne sich gegenseitig aufzuheben.
Nicht zu übersehen ist die große Zahl von Einbürgerungen, die belegen, dass sich ein Großteil der zugewanderten Muslime in Deutschland wohl fühlt. Eine Sonderauswertung des Vielfaltsbarometers 2025 der Robert Bosch Stiftung zeigt: Menschen mit Migrationshintergrund bewerten den Zustand der deutschen Gesellschaft insgesamt positiver als Menschen ohne Migrationshintergrund.
Sie schätzen die wirtschaftliche Lage günstiger ein und haben mehr Vertrauen in die Problemlösungsfähigkeit der Politik. Bedenklich bleibt jedoch, dass sich fast drei Viertel von ihnen diskriminiert fühlen – vor allem aufgrund ihres Aussehens, Akzents oder ihrer Kleidung.
Zugleich zeigen diskriminierte Menschen mit Migrationshintergrund höhere Akzeptanzwerte gegenüber anderen marginalisierten Gruppen als Personen ohne Migrationshintergrund.
Grafik: IZ (Foto: Adobe Stock)
Rückblick 2025: Sichtbarkeit an der Wahlurne, Unsichtbarkeit im Regierungsvertrag
Politisch war 2025 ein Schlüsselmoment für die in Deutschland lebenden Muslime. Die Bundestagswahl machte erstmals klar, wie relevant muslimische Wählerinnen und Wähler geworden sind – insbesondere in Großstädten, wo ihr Stimmenanteil bis zu sieben Prozent erreichte. Viele entschieden sich für Parteien links der Mitte, geleitet von Werten wie Gerechtigkeit, sozialer Verantwortung und Antidiskriminierung.
Der politische Ertrag blieb dennoch gering: Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD fanden muslimische Belange so gut wie keine Erwähnung. Für Organisationen wie den Zentralrat der Muslime bestätigte das ein verbreitetes Gefühl: politisch sichtbar, wenn Stimmen gebraucht werden – unsichtbar, wenn es um Mitgestaltung geht.
Europaweite Debatten über Radikalisierung und den „politischen Islam“ verschärften die Situation zusätzlich. Anschläge mit muslimischer Beteiligung lösten Sicherheitsmaßnahmen aus, begleitet von medialen Generalisierungen.
Der Extremfall verdrängte die Anerkennung alltäglicher Beiträge von Muslimen. Viele, die sich seit Jahren von radikalen Rändern abgrenzen, sprechen von einer „normativen Umkehrung“: Sie fühlen sich behandelt wie potenzielle Täter statt als Bürgerinnen und Bürger. Missverständliche Äußerungen von Bundeskanzler Merz zum „Stadtbild“ verstärkten den Eindruck.
Zugleich wirkten globale Konflikte wie Gaza tief in muslimische Diaspora-Communities hinein. Friedliche Demonstrationen und Solidaritätsbekundungen gegenüber den Palästinensern stießen oft auf ein Klima der Überwachung. Muslime kritisierten doppelte Standards und den Zerfall des internationalen Völkerrechts – ein Ausdruck ihres transnationalen Denkens: lokal verwurzelt und global betroffen.
Foto: KRM
Gesellschaft: Zwischen Basisarbeit, Panikmache und interreligiösen Brücken
2025 erlebte eine wachsende muslimische Zivilgesellschaft. Neue Moscheen, Jugendhilfevereine, Bildungsinitiativen und Demokratieförderungsprojekte entstanden in zahlreichen Städten. Podiumsdiskussionen zeigten, welche Verantwortung muslimische Akteure im Alltag übernehmen – im Sportverein ebenso wie im Sozialdienst.
Die Robert Bosch Stiftung verwies Anfang 2025 auf den wirtschaftlichen Erfolg muslimischer Unternehmerinnen und Unternehmer und die hohe demokratische Bildung von Muslimen. Solche positiven Meldungen gehen im öffentlichen Diskurs jedoch oft unter. Stattdessen dominieren alarmistische Erzählungen.
Islamfeindliche Übergriffe nahmen zu: Ein Imam wurde in London niedergestochen, eine Moschee in East Sussex brannte nach einem Anschlag, muslimische Mädchen wurden Opfer von Attacken.
In Deutschland und Frankreich stieg die Anzahl von Hassposts nach kursierenden Memes oder Kommentaren zur geopolitischen Lage. Parallel verbreiteten rechte Akteure demografische Panikszenarien einer vermeintlichen „Islamisierung Europas“, die als Begründung für Remigrationsforderungen und Zuwanderungsstopps dienten.
Gleichzeitig bot das Jahr seltene Momente des Dialogs. Durch die zeitliche Überlappung von Ramadan und christlicher Fastenzeit entstanden interreligiöse Initiativen, die zeigten, dass Europa mehr verbindet als trennt.
Konferenzen wie „Digital Islam across Europe“ oder „Europe’s Muslim Question“ erinnerten an die Beiträge des Islams zur europäischen Renaissance – und zeichneten das Bild einer Religion, die integraler Bestandteil des Kontinents ist.
Künftig wird es entscheidend sein, dass Religionsgemeinschaften gemeinsam ihre Positionen zu technologischer Innovation – von künstlicher Intelligenz bis Biotechnologie – klar formulieren.
Auch in diesem Jahr gelang es der muslimischen Community selten, Debatten jenseits politischer Fragen anzustoßen. Die Vielfalt einer ganzheitlichen Lebenspraxis stärker in die Öffentlichkeit zu tragen, bleibt daher eine zentrale Aufgabe.
Foto: Deutscher Bundestag / Thomas Köhler / photothek
Speerspitzenlogik der Rechten: Wie Extremisten zu Stellvertretern gemacht werden
2025 zeigte erneut, wie stark rechte Narrative davon leben, Muslime zu homogenisieren. Die „Speerspitzenlogik“ – radikale Minderheiten als Vorhut eines angeblichen Gesamtislam zu inszenieren – funktionierte wirkungsvoll. Die Logik ist so einfach wie wirkungsvoll: Straftaten einzelner Muslime werden der Religion an sich zugerechnet.
Rechte Influencer und AfD-nahe Stimmen erklärten Extrembeispiele zum Normalfall, verknüpften kulturelle Bedrohungsbehauptungen mit verzerrten demografischen Prognosen und schufen so ein Klima der Angst, das weit über ihre eigenen Milieus hinauswirkte.
Dabei ignorierten sie bewusst die empirische Realität: Die überwältigende Mehrheit der Muslime in Europa lehnt Gewalt ab, lebt demokratische Werte und ist gesellschaftlich eingebunden.
Auch Muslime stimmen der Haltung, Straftätern, die das Gastrecht in Deutschland ausnutzen auszuweisen, zu. Immerhin, in der AfD gab es im Jahr 2025 vereinzelte Stimmen, die langsam zu einer Differenzierung bereit sind. Wer am gesellschaftlichen Frieden interessiert ist, wird zustimmen, dass auf Dauer die Ausgrenzung einer bedeutenden Minderheit kaum möglich sein wird.
Das Kernproblem 2025: Die Verstummung der muslimischen Mitte
Das bedeutendste Phänomen spielte sich jedoch innerhalb der muslimischen Community ab: die stille Erosion der politischen und religiösen Mitte. Populismus ist kein Phänomen, das nur in der Mehrheitsgesellschaft zu finden ist. Die radikalen Ränder – salafistische Prediger, Hizb-ut-Tahrir-Aktivisten oder pro-Hamas-Stimmen – erzielen in sozialen Medien enorme Reichweiten, moderate Stimmen blieben dagegen nahezu unsichtbar.
Medien griffen bevorzugt extreme Beispiele auf, während alltägliche Predigten gegen Gewalt und Polarisierung kaum Beachtung fanden. Muslimische Verbände gerieten von zwei Seiten unter Druck: Rechtsradikale warfen ihnen „Taqiyya“ vor, während radikalisierte Jugendliche sie als „inkonsequent“ kritisierten. Viele Imame und Gemeindevertreter zogen sich daher bei kontroversen Themen zurück – aus Angst vor Angriffen von beiden Seiten.
Das Ergebnis ist ein gefährlicher Teufelskreis: Je leiser die Mitte, desto lauter erscheinen die Extreme. Und je dominanter Extremisten wahrgenommen werden, desto stärker frustriert oder entfremdet sich die moderate Mehrheit.
Besonders die junge Generation, geprägt von Influencern im Netz und enttäuscht von traditionellen Verbänden, sucht neue Identitäten – oft zwischen Polarisierung und Rückzug.
Foto: DITIB.org
Ausblick: Die Wahl zwischen Polarisierung und Partnerschaft
2025 machte deutlich, dass die Zukunft europäischer Muslime nicht allein von Islamfeindlichkeit oder internen Konflikten abhängt, sondern von der Fähigkeit, die moderate Mitte zu stärken. Dafür braucht es neue Plattformen für nüchterne Stimmen, faire politische Debattenregeln und unabhängige Förderung innovativer Bildungs- und Jugendprojekte.
Europa steht vor einer Entscheidung: Bleiben die Muslime Projektionsfläche für Ängste und Identitätskämpfe – oder werden sie, als das anerkannt, was sie längst sind: ein vielfältiger, dynamischer und demokratischer Teil Europas?
Muslime haben 2025 gezeigt, dass sie diese Zugehörigkeit leben wollen. Was fehlt, ist ein gesellschaftlicher Raum, der ihnen zuhört. Denn die wichtigste Stimme des Jahres war nicht die der Lauten – sondern die derjenigen, die kaum noch Gehör finden: die muslimische Mitte.
Aus- und Rückblicke: Trotz aller Herausforderungen brachten sich Muslime 2025 positiv ein.
(iz). Fasst man die Stimmungslage vieler Muslime für das zurückliegende Jahr zusammen, lässt sie sich fraglos als „durchwachsen“ beschreiben.
Die anhaltende Gewalt gegen die Bevölkerung in Gaza und der Westbank, der begründete Vorwurf der Parteilichkeit gegenüber Leitmedien sowie wachsende Muslimfeindlichkeit sorgen verständlicherweise kaum für gute Laune. Aber ist das die ganze Wahrheit?
Zum einen gilt, dass sie nicht isoliert von der Gesamtstimmung der Deutschen sind. Seit der Bundestagswahl ist die politische Stimmung zu einem Gemisch aus Müdigkeit, Misstrauen und leiser Wut geronnen.
Meinungsumfragen zeigen einen drastischen Absturz der Regierungszufriedenheit; im Herbst 2024 sind rund 85 % mit der Arbeit der Regierung Merz unzufrieden. Parallel bröckelt das Vertrauen in Parteien und Institutionen.
Foto: Deutscher Bundestag/Thomas Imo/photothek
Menschen empfinden die Politik als überfordert mit Krisen, sehen die Demokratie nicht am Ende, beobachten einen Vertrauensverlust. Hinzukommt die für viele entscheidende Ökonomie.
Die wirtschaftliche Verunsicherung frisst sich quer durch die Milieus: Während eine Mehrheit die persönliche Lage weiterhin als stabil beschreibt, dominiert die Angst vor Wohlstandsverlust, Deindustrialisierung und sozialen Verteilungskämpfen.
Manche übersehen angesichts solcher Herausforderungen andere Aspekte, die von der „Tagespolitik“ (so unser Feuilletonist in dieser Ausgabe) vergiftet werden.
Dazu gehören die wesensmäßige Dankbarkeit und der spirituelle Optimismus der islamischen Lehre. Hieran erinnert der prophetische Rat, selbst kurz vorm Ende einen Setzling zu pflanzen.
Ohne, dass wir es geplant hätten, finden sich in dieser Ausgabe zu Beginn des neuen Jahres positive Beispiele für aktive Muslime und Projekte, die es anders sehen.
Fotos: Benjamin Idriz/Facebook
Das ist der oberbayrische Imam, der weit über die Grenzen seiner Gemeinschaft hinaus seit Langem unermüdlich für eine Begegnung der Menschen arbeitet. Ein anderer Aspekt ist der Publizist, für den Moscheen wichtige soziale Räume sind. Oder wir präsentieren die Arbeit einer Beraterin, die Frauen hilft, Trennung und Scheidung zu bewältigen.
Trotz aller Veränderungen engagieren sich knapp 37 % der Deutschen im Ehrenamt. Spätestens seit 2015 nimmt es unter Muslimen ebenfalls an Fahrt auf, hier sind es ca. 28 %.
Wir beleuchten im Hintergrundgespräch mit einem Projekt in Berlin nicht nur, wie sich Engagement steigern lässt, sondern auch, dass Engagement ein wesentlicher Aspekt der Existenz ist.
Und es steht für die existenzielle Erkenntnis, die wir aus unserer spirituellen Lebenspraxis ziehen, dass der Dienst am Nächsten kein Zwang ist, vielmehr am Ende dem häufig zitierten „Empowerment“ dient.
Muslimische Autoren bereichern zunehmend die Science-Fiction-Landschaft und schaffen Geschichten, die spekulative Technologie mit eigenständiger Philosophie, Folklore und gelebter Erfahrung verbinden.
(iz). Dieses Subgenre, manchmal auch als „islamische Science-Fiction“ bezeichnet, erforscht Zukunftsvisionen, die von Glauben, kultureller Vielfalt und alternativen Geschichtsverläufen geprägt sind, hinterfragt Stereotypen und erweitert den kreativen Horizont über traditionelle westliche Rahmenbedingungen hinaus. Von Laila Massoudi
Autoren wie Somaiya Daud, Saladin Ahmed und Deena Mohamed nutzen das Genre, um Themen wie Migration, Gerechtigkeit und Identität anzusprechen, wobei sie oft arabische, persische oder südasiatische Einflüsse einfließen lassen.
Ihre Werke hinterfragen die Grenzen zwischen Wissenschaft, Spiritualität und Gesellschaft und bieten nuancierte Visionen von einer Zukunft, in der muslimische Stimmen den technologischen Fortschritt, ethische Dilemmata und interplanetarische Erzählwelten prägen.
Von deutschen bzw. deutschsprachigen AutorInnen wurde dieses Feld bisher kaum bestellt. Jetzt hat N. Alp Uçkan mit „Der Weiße Lammbock“ (im Selbstverlag) einen Anfang gemacht.
„Der Weiße Lammbock“ ist ein politischer Zukunftsroman, der eine dystopische Nah-Zukunft entwirft und diese konsequent als Spiegel gegenwärtiger gesellschaftlicher und technischer Entwicklungen nutzt.
Im Zentrum steht Raschid, ein unspektakulärer, gläubiger Stadtbewohner, der zunächst unauffällig im Raster eines digital gesteuerten Überwachungsstaates funktioniert.
Sein Weg aus der reglementierten Megacity, über den Untergrund der „Crows“ bis hinauf zur verborgenen Berggemeinschaft der „Weisen“, strukturiert den Roman als Initiations- und Bewusstwerdungsgeschichte.
Foto: Szenenbild aus dem 1. Teil von „Dune“, Warner Bros. Entertainment Inc.
Die Welt der Stadt ist dicht und anschaulich gebaut: Social Scores, allgegenwärtige Sensorik, KI-gestützte Verwaltung und militarisierte Polizeieinheiten bilden den selbstverständlichen Hintergrund einer scheinbar stabilen Ordnung.
Besonders gelungen ist, wie das Buch diese Normalität in kleinen Irritationen aufbricht – etwa durch das wiederkehrende Symbol des weißen Lammbocks oder durch die randständigen Figuren, die sich dem System bereits entzogen haben.
Die „Crows“, eine lose Gemeinschaft von Cyberpunks und Aussteigerinnen, sind dabei weniger romantisierte Rebellen, sondern Menschen mit Ecken, Brüchen und eigenen blinden Flecken. Hier gewinnt der Text an sozialer und psychologischer Tiefe.
Mit dem Ortswechsel zum Tal und zur Bergfestung verändert sich die Tonlage merklich. Die „Weisen vom Berg“ leben eine Mischung aus klösterlicher Disziplin, Widerstand und spirituell fundierter Strategiearbeit. Der Roman zeichnet diese Gemeinschaft weder als sektenhaften Erlösungsort, noch sieht er in ihr eine perfekte Gegenwelt.
Er betrachtet sie als ambivalentes Experiment: Hier wird hart gearbeitet, gestritten, gezweifelt – und zugleich wächst eine Kultur, die Spiritualität, Technik und politisches Kalkül miteinander verschränkt.
Raschids Entfernung seines Implantats, das Training, die Einbindung in konkrete Aufgaben und schließlich seine Rolle als Anführer markieren eine nachvollziehbare innere Entwicklung.
Stark ist das Buch immer dann, sobald Technik und Transzendenz direkt aufeinandertreffen: wenn Gebet und rituelle Waschung mitten in einer Hightech-Infrastruktur stattfinden, oder Neuroflux-Fallen und Datencores mit Begriffen von Verantwortung, Opferbereitschaft und jenseitiger Hoffnung verschränkt werden.
Die spirituelle Dimension bleibt dabei nicht abstrakt, sondern ist eng mit Alltag, Körperlichkeit und Gemeinschaftspraxis verbunden. Das unterscheidet den Text von vielen säkularen Cyberpunk-Varianten.
Sprachlich setzt der Roman auf eine Prosa, die vor allem in Natur- und Architekturpassagen überzeugt: das Smogdach der Stadt, das weite Tal im Spät- oder Altweibersommer, die kühle Marmorarchitektur des Bergs bleiben in Erinnerung.
Actionsequenzen – Überfälle, Fluchten, der finale Serverraumeinsatz – sind klar strukturiert und nachvollziehbar, ohne in reine Effektlogik abzurutschen.
Die junge Plattform Dunya Halalreisen will MuslimInnen mehr Möglichkeiten bei ihren Bedürfnissen auf der Reise bieten.
(iz). Für viele muslimische Reisende beginnt die Urlaubsplanung mit einer Herausforderung: Spärliches Angebot von halalkonformen Unterkünften, die gängigen Buchungsportale bieten kaum passende Filter, und häufig bleibt unklar, ob ein Hotel den eigenen Bedürfnissen entspricht.
Genau an dieser Stelle setzt ein neues Projekt an, das seit Kurzem in der Community Aufmerksamkeit erhält: Dunya Halalreisen.
Die Plattform wurde 2023 von Sami und Noah gegründet, zwei Visionären aus Süddeutschland. Sie kamen auf die Idee, nachdem sie auf Reisen erlebt hatten, wie schwierig es ist, Unterkünfte zu finden, die mit ihren Werten vereinbar sind – selbst in mehrheitlich muslimischen Ländern.
Gemeinsam erkannten sie eine strukturelle Lücke, die weit über individuelle Erfahrungen hinausreicht: Es fehlt im deutschsprachigen Raum an einer zentralen, vertrauenswürdigen Anlaufstelle, die halalkonformes Reisen zeitgemäß ermöglicht.
Sami, gelernter Tourismusmanager, und Noah, ausgebildeter Entwicklungsforscher, bringen jeweils unterschiedliche Perspektiven ein – fachliche Expertise auf der einen Seite, analytisches Verständnis gesellschaftlicher Bedürfnisse auf der anderen.
Diese Kombination prägt die Plattform und erklärt, warum das Projekt nicht nur als technische Lösung, sondern auch als persönliche Antwort auf eigene Reiseerfahrungen entstanden ist.
Das Projekt versteht sich nicht als bloße Buchungsplattform. Es verfolgt einen umfassenderen Ansatz: Es soll muslimischen Reisenden perspektivisch Orientierung bieten, bei der Wahl der Unterkünfte, der Restaurants und der Freizeitmöglichkeiten.
Halal zu reisen bedeutet in dieser Perspektive, eine Umgebung zu finden, die islamische Prinzipien respektiert – von alkoholfreien Quartieren über Gebetsmöglichkeiten bis hin zu familienfreundlichen Angeboten und geschlechtergetrennten Bereichen.
Die Realität zeigt, wie selten solche Informationen auf großen Reiseportalen vertrauenswürdig verfügbar sind. Aktuell listet die Plattform ausschließlich Unterkünfte, die anhand definierter Kriterien geprüft wurden.
Damit möchten die Gründer eine Basis schaffen, auf der schrittweise ein verlässliches und stetig wachsendes Angebot entsteht.
Foto: Prostock-studio/Adobe Stock
Die Gründer setzen dafür auf Transparenz und eine sorgfältige Prüfung der gelisteten Unterkünfte. Ziel ist es, eine stetig anwachsende Auswahl an muslimfreundlichen Hotels, Ferienwohnungen und Villen zugänglich zu machen.
Die Plattform möchte langfristig zur zentralen Adresse für halalkonformes Reisen im deutschsprachigen Raum werden und dadurch Halalreisen auf Dauer kostengünstiger anbieten.
Perspektivisch soll Dunya Halalreisen zu einer vollumfänglichen Reiseplattform ausgebaut werden. Geplant ist die Integration weiterer Dienstleistungen wie Mietwagen und Flügen.
Darüber hinaus möchten die Gründer die Reiseerfahrung der Community durch eigene Blogbeiträge, Hinweise zu Reisezielen, Vorschläge für Reiserouten und die Vermittlung von Aktivitäten bereichern – ein ganzheitlicher Ansatz, der das Reisen insgesamt erleichtern soll.
Dunya Halalreisen steht exemplarisch für eine Entwicklung, die in den vergangenen Jahren innerhalb der muslimischen Zivilgesellschaft verstärkt sichtbar wird: junge Akteure, die sich in Deutschland aktiv einbringen, um ein breites zeitgemäßes Angebot für die Gemeinschaften selbst zu kreieren.
Die Projekte, die aus der Community entstehen, verbinden auf moderne Weise islamische Werte mit technologischen Lösungen. So können Initiativen dort nachhaltige Strukturen schaffen, wo bisher Unsicherheit und Informationslücken herrschten. Die Gründer betonen zugleich, dass sie sich noch am Anfang befinden.
Die positive Resonanz zeigt jedoch bereits jetzt, wie stark der Bedarf in der Community ist und wie sehr der Wunsch nach verlässlichen Reiseangeboten, die den eigenen Wertvorstellungen entsprechen, wächst.
Die Initiative der beiden Gründer ist ein Schritt in Richtung einer Zukunft, in der halalkonformes Reisen nicht die Ausnahme bleibt, sondern zur Normalität wird, ähnlich wie solche Lebensmittel in deutschen Supermärkten normal geworden sind.
Für viele muslimische Familien könnte dies eine deutliche Entlastung bedeuten – und einen Beitrag zu mehr Selbstbestimmung und Spaß im Reisealltag leisten.
Wie moderne Kunst zu einem Zustand des grellen Konsums und der Auktionen bei Sotheby’s gemacht wurde (Kasurian). Am 30. April 2025 schloss Sotheby’s London die Versteigerung mehrerer muslimischer Kunstwerke ab. […]
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Deutschlands Muslime brauchen die Fähigkeit zum kontrazyklischen Denken und Handeln. Marokkanische Sufis und deutsche Dichter bieten Inspiration. (iz). Nicht wenigen Muslimen in Deutschland dürfte es (und der frühe Kälteeinbruch hilft […]
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Bayern: Erstmals versammelte sich eine breite Koalition muslimischer und zivilgesellschaftlicher Akteure in Penzberg – für mehr Sichtbarkeit, gegen Rassismus und für eine aktive Mitgestaltung des gesellschaftlichen Lebens.
Muslime in Bayern: „Historischer Meilenstein“
(iz). Dieser Tag ist „ein historischer Meilenstein“ in Bayern, betonte Imam Benjamin Idriz beim Fachtag „Innermuslimischer Dialog: Muslimische Teilhabe in Bayern – Herausforderungen, Perspektiven, Verantwortung“ im Islamischen Forum Penzberg.
Nach seinen Worten zeigt das Treffen, dass diese Akteure in Bayern nicht nur über Teilhabe reden, sondern Verantwortung für das gemeinsame Zusammenleben übernehmen wollen. Gastgeberin war die Islamische Gemeinde Penzberg, eine seit rund drei Jahrzehnten bestehende, multinationale Gemeinschaft, die früh auf Transparenz, Dialog und deutsche Sprache in Predigten und Bildungsangeboten gesetzt hat.
Über 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus München, Regensburg, Augsburg, Nürnberg, Erlangen, Rosenheim und Ingolstadt kamen zusammen – so breit war die innermuslimische und zivilgesellschaftliche Runde in Bayern nach Angaben der Veranstalter bislang nie.
Vielfalt prägt den Dialog
Unter den Gästen waren Vertreterinnen und Vertreter muslimischer Vereine, Dachverbände und Moscheegemeinden ebenso wie Akteure aus Kirchen, Bildungseinrichtungen, Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur, Umweltorganisationen und Medien. Imame, Lehrkräfte, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Juristen, Unternehmerinnen, Journalistinnen, Aktivisten und Multiplikatorinnen brachten ihre Perspektiven ein.
Auffällig war die gleichberechtigte Präsenz von Frauen und Männern sowie die große Herkunftsvielfalt: Deutsche, türkische, bosnische, arabische, albanische, afrikanische und afghanische Teilnehmerinnen und Teilnehmer prägten eine offene Atmosphäre, die die Veranstalter mit dem Leitmotiv „Vielfalt in Einheit“ beschrieben.
Fotos: Benjamin Idriz/Facebook
Zentrale Themen: Teilhabe aktiv gestalten
Im Mittelpunkt stand die Frage, wie ihre Partizipation in Bayern sichtbarer, verantwortungsbewusster und wirksamer gestaltet werden kann. Diskutiert wurden gesellschaftliche Erwartungen, aktuelle politische Entwicklungen, mediale Wahrnehmungsmuster, die innere Vielfalt der Community, der interreligiöse Dialog sowie der Umgang mit antimuslimischem Rassismus.
Immer wieder wurde dabei betont, dass Muslime in Moscheegemeinden, Verbänden und zahlreichen ehrenamtlichen Projekten längst einen wichtigen Anteil zum sozialen Zusammenhalt und zur Stärkung demokratischer Werte leisten, dieser Beitrag aber noch nicht ausreichend wahrgenommen werde.
Idriz zufolge geht es darum, dass sie im Freistaat „sichtbar als Teil der Lösung auftreten“, statt nur als Gegenstand von Debatten vorzukommen – eine Botschaft, die sich in den Berichten über muslimisches Leben in Bayern immer häufiger wiederfindet. Mehr Selbstbewusstsein, eine klarere Kommunikation nach außen und verlässliche Partnerschaften mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren seien dafür entscheidend.
Fünf Workshops vertiefen die Themen
Nach einführenden Impulsen und einem offenen Plenargespräch arbeiteten die Teilnehmenden in fünf parallelen Workshops.
Im Workshop „Repräsentanz der Muslime“ ging es um die Frage, wie sie ihre Präsenz in Politik, Medien und gesellschaftlichen Räumen stärken können, ohne sich vereinnahmen oder auf Klischees reduzieren zu lassen. Diskutiert wurden Professionalisierung, Rollenmodelle, Vernetzung und der Aufbau tragfähiger demokratischer Strukturen.
Der Workshop „Antimuslimischer Rassismus“ widmete sich Diskriminierungserfahrungen in Alltag, Behörden, Arbeitswelt und Medien. Die Teilnehmenden forderten ein besseres Monitoring, mehr Sensibilisierung in Schulen und Verwaltungen sowie niedrigschwellige Beratungs- und Unterstützungsangebote.
Unter der Überschrift „Religion und Bildung“ wurden Qualitätsfragen des Moscheeunterrichts, Herausforderungen des schulischen Islamunterrichts und die zunehmende Rolle digitaler Lernwelten diskutiert. Herausgestellt wurde die Notwendigkeit enger Kooperationen zwischen Moscheen, Schulen, Hochschulen, zivilgesellschaftlichen Einrichtungen und staatlichen Stellen.
Im Workshop „Medien und Öffentlichkeit“ stand die häufig problemzentrierte Darstellung von Islam und Muslimen im Fokus. Erarbeitet wurden Ansätze, wie diese Akteure eigene Themen setzen, professionell mit der vierten Gewalt arbeiten, Social Media nutzen und selbstbestimmte Narrative entwickeln können.
Im Workshop „Wirtschaft und Finanzen“ ging es um nachhaltige Strukturen: Finanzierungsmodelle, Professionalisierung, ökonomische Selbstständigkeit, Spendenkultur und transparente Verwaltung als Grundlage dafür, dass Gemeinden langfristig handlungsfähig bleiben.
Die Präsentationen machten deutlich, dass die Herausforderungen vielfältig sind, gleichzeitig aber ein großer Wille besteht, zusammen tragfähige Lösungen zu entwickeln. Häufig genannt wurden bessere Vernetzung, intensiverer innermuslimischer Austausch, ein stärkerer Einsatz für friedliches Zusammenleben und eine deutlichere gemeinsame Stimme der Muslime in Bayern.
Die Islamische Gemeinde Penzberg
Die Moscheegemeinschaft wurde Mitte der 1990er-Jahre von Muslimen vor Ort gegründet und hat sich seitdem zu einer multinationalen Gemeinschaft mit Strahlkraft über Bayern hinaus entwickelt. Das 2005 eröffnete Islamische Forum Penzberg gilt architektonisch wie inhaltlich als Modellprojekt: Gebete und Predigten finden überwiegend auf Deutsch statt, ergänzt durch weitere Sprachen wie Bosnisch oder Türkisch.
Die Gemeinde versteht sich als offen, dialogorientiert und klar auf die hiesige Gesellschaft bezogen; Bildung, Integration, Prävention von Extremismus und der Aufbau vertrauensvoller Beziehungen vor Ort gehören zu ihren Kernanliegen.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bezeichnete sie als als Beispiel dafür, wie ein europäisch geprägter Islam lokal gelebt werden kann. Vertreter der bayerischen Staatsregierung, der Kirchen und der Kommunalpolitik heben immer wieder hervor, dass die Gemeinde durch Führungen, Seminare, Bildungsarbeit und offene Türen zum Abbau von Vorurteilen beiträgt.
Fotos: Benjamin Idriz/Facebook
Vor diesem Hintergrund ist der Penzberger Fachtag für Idriz ein Signal: Was in einer Kleinstadt erfolgreich gewachsen ist, könne – in angepasster Form – in anderen Regionen gelingen.
In seinen Augen unterstreicht der Fachtag, dass Muslime in Bayern ihre Rolle als aktive Bürgerinnen und Bürger betonen und Mitverantwortung für die demokratische Gesellschaft übernehmen wollen.
Er macht deutlich, dass Moscheegemeinschaften nicht nur auf Vorurteile reagieren, sondern eigene Ideen und konstruktive Lösungen einbringen. Er verweist darauf, dass echte Integration sich im Alltag und in verlässlichen Beziehungen entscheidet – in Schulen, Vereinen, Nachbarschaften und Kommunalpolitik – und dass muslimische Akteure in all diesen Bereichen präsent sein sollten.
Für 2026 ist eine Fortsetzung geplant
Der Fachtag klang mit einem geselligen Abendprogramm, kulinarischen Spezialitäten und offenen Wortbeiträgen aus, bei denen viele Teilnehmende die persönliche Atmosphäre und den konstruktiven Austausch hervorhoben.
Am Ende stand ein breiter Konsens: Die begonnene Arbeit soll Anfang 2026 fortgesetzt werden, um die angestoßenen Ansätze zu vertiefen, konkrete Handlungsempfehlungen zu formulieren und dauerhafte Netzwerkstrukturen aufzubauen.
Die Veranstalter sehen darin einen wichtigen Schritt, muslimische Teilhabe in Bayern langfristig zu stärken und die Zusammenarbeit zwischen muslimischen Gemeinden, Politik und Zivilgesellschaft weiter auszubauen.
Unter muslimischen Mediennutzern ist das Interesse an Fragen der Ökonomie und Wirtschaft zu gering. Ein Kommentar zum innermuslimischen Diskurs.
(iz). Ein großer Teil des Alltags ist direkt oder indirekt von Ökonomie geprägt – durch Arbeit, Verbrauch und Dienstleistungen. Befragungen zeigen, dass rund ein Drittel bis die Hälfte der wachen Tageszeit mit ökonomisch relevanten Tätigkeiten verbunden ist.
Nimmt man Konsum hinzu (Einkäufe, Preisvergleiche, Mediennutzung mit Werbung oder Finanzentscheidungen), kann man ausgehen, dass ca. 35-45 % des Alltags im weiteren Sinne so dominiert sind. Angesichts dieser Hegemonie überrascht es, in welch geringem Maße er unter MuslimInnen reflektiert wird.
Foto: Shutterstock
Zu den Unterteilungen im Verständnis von Allahs Din gehört die von „‘Ibadat“ und „Mu’amalat“. Der erste Begriff beschreibt Aspekte der Anbetung in ihrer individuellen wie gemeinschaftlichen Form – von der Gebetswaschung bis zur Abfolge der Hajj-Rituale.
Mit Mu’amalat bezeichnet man Regelungen für zwischenmenschliche und ökonomische Beziehungen: das Gebiet der sozialen, zivilrechtlichen und wirtschaftlichen Geschäfte unter Menschen.
Darunter fallen u.a. Verträge und Handel, Schulden, Darlehen sowie Kredite, anvertraute Güter und Schenkungen. Dabei stützen sich die Juristen für sie auf dieselben Rechtsquellen wie bei den ‘Ibadat: Qur’an, Sunna, Konsens der Gelehrten, das Vorbild der Leute von Medina, Qiyas u.v.a.m. Ein Blick in die wesentlichen Rechtsbücher der formativen Frühphase des Rechts zeigt, dass sie ca. ein Drittel aller Kapitel ausmachen.
Bei kernökonomischen Fragen sind es – je nach Text – 15-25 Prozent der Inhalte. Ein Blick auf die Biographie des Propheten und seiner engsten Gefährten zeigt, wie wichtig Handel war.
Der Gesandte Allah handelte vor der Offenbarung mit Waren und war bekannt für seine Vertrauenswürdigkeit (Al-Amin), was seine spätere ethische Autorität im Wirtschaftsleben untermauerte. Kaufen bzw. Verkaufen – und Unternehmertum insgesamt – galten seitdem als Hauptquelle der Versorgung.
Gehen wir in die Jetztzeit, zeigt sich eine krasse Veränderung im Verständnis und der Prioritätensetzung. Dafür gibt es mindestens zwei Indikatoren: Im Rahmen der umfangreichen FAU-Erhebung „Wechselwirkungen“ (siehe S. 10) wurden die zentralen Freitagspredigten der beiden größten türkischgeprägten Moscheeverbände (DITIB und IGMG) thematisch kategorisiert.
Bei den 1065 Khutbas der IGMG von 2006-2024 behandelten 19 Predigten das Thema „Wirtschaftsethik“. Bei der DITIB (672 erfasst, 2011-2023) waren es 13 Stück. Hier ist anzumerken, dass sich einige davon im wiederholten oder auf das Individuum fokussierten.
Foto: W. Dechau
Es sieht in der akademischen Wissensproduktion, namentlich der „Islamischen Theologie“ kaum anders aus. Ein erster Blick auf im Netz verfügbare Dissertationslisten einiger Lehrstühle ergibt Folgendes: Von den 137 angegebenen offenen oder abgeschlossenen Dissertationen behandelten 3-4 ökonomische Fragen.
Hierbei gilt es anzumerken, dass mindestens zwei von ihnen „Islamic Banking“ bzw. „Islamic Finance“ behandeln; ein Geschäftszweig, dem eine Wissenschaft, die sich der Kritik als Methode verschrieben hat, erstaunlich unkritisch begegnet wird.
Dieses offenkundige Desinteresse hat verschiedene Ursache. Für Muslime als „Konsumenten“ von Medien und Diskursen gilt das Gleiche wie in der Gesamtbevölkerung: Alles um Wirtschaft und Finanzen ist „unsexy“. Hinzukommt wie im Rest der Republik eine niedrige Grundbildung bei ökonomischen Fragen. Dafür sind sie zu komplex und machen zu viele „Kopfschmerzen“.
Für Muslime spezifisch ist einerseits ein gewisses „Schubladendenken“, das sich rein auf die ‘Ibadat fokussiert und versucht, den Rest in das Weltbild zu integrieren. Andererseits eine Vorstellung, man sei machtlos und damit kein Akteur mit einer eigenen Verantwortung gegenüber unserem Herrn und Seiner Schöpfung. Nur: Wie können wir von uns behaupten, in der Nachfolge des Gesandten Allahs zu stehen, und dabei die prophetische Wirtschaftsethik ignorieren?
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