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Muslime in China zwischen Blüte und Verfolgung

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Die Geschichte der Muslime in China ist gleichermaßen von Koexistenz wie von Repression geprägt. Ein kurzer Blick in die Vergangenheit. (The Conversation). Über 1 Million uigurische Muslime sollen in den […]

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Muslimische Organisationen beziehen gemeinsam Stellung zu Gaza

Muslimische

Gestern wandten sich mehrere muslimische, europäische Organisationen mit einem Aufruf zu Gaza an die Öffentlichkeit. (iz). Am 9. Juli 2025 haben führende muslimische Organisationen aus Europa in einer gemeinsamen Erklärung, […]

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Gedenken: Srebrenica aus europäischer Sicht

Srebrenica

Jahrestag: Wie lässt sich des Genozids von Srebrenica aus europäischer Sicht gedenken? Und wie sieht ein muslimischer Beitrag dazu aus?

(iz). Wenn wir Muslime über Vergangenes und Geschehenes, über Geschichten in Raum und Zeit reflektieren, dann um die Bedeutung und den Sinn von Geschichte zu erfassen. Bei unserem heutigen Thema ist es zunächst notwendig, nochmals einige historische Eckdaten aus dem Logbuch der Geschichte zu erfassen und auf uns wirken zu lassen. Leider zeigen diese Ereignisse der 90er Jahre, dies sei vorab gesagt, einige typische, sich wiederholende Merkmale der Moderne auf.

Genannt seien das Lager, das nach dem italienischen Philosophen Agamben zum „Nomos der Moderne“ gehört, und das Prinzip der Massenvergewaltigung, für den Philosophien Foucault der Ausdruck einer modernen Biopolitik.

Der Balkankrieg macht zudem wieder einmal deutlich, was es heißt, wenn sich Volksgruppen ausschließlich als „Ethnie“ definieren. Die Grundlage des Barbarischen, Antireligiösen ist damit bereits gelegt. „Der ethnisch definierte Mensch“, so schrieb die damalige Ombudsfrau für Bosnien, Gret Haller, „hat gar keine Autonomie als Mensch mehr und wird völlig auf seine ethnische Zugehörigkeit reduziert“. Recht verletzen und Recht haben verkommt zu einer ethnischen Frage.

Srebrenica

Foto: The Advocacy Project, via flickr | Lizenz: CC BY-ND 2.0

Vergegenwärtigen wir uns also noch einmal emotionslos einige historische Fakten, die im Grunde für sich sprechen:

1991: Letzte Volkszählung vor dem Krieg. Srebrenica: 73 Prozent der Einwohner bezeichnen sich als Muslime.

6.3.1992: Beginn der Kämpfe in Bosnien-Herzegowina.

August 1992: Erste Berichte über Gefangenenlager der Serben (Roy Gutman in „Newsday“).

Oktober 1992: Die Serben haben die Macht in ihren Siedlungsgebieten konsolidiert, diese territorial verbunden und „ethnische Säuberungen“ vorgenommen. Dazu haben sie das von den bosnischen Muslimen bewohnte Ostbosnien bis auf sechs Enklaven, darunter Srebrenica, erobert. Auch die Hauptstadt Sarajevo sowie Bihac in Westbosnien sind von Serben eingeschlossen.

6.5.1993: Alle belagerten bosnischen Enklaven – Srebrenica, Sarajevo, Tuzla, Zepa, Gorazde und Bihac – werden zu UN-Schutzzonen erklärt (Resolution 824).

10.6.1993: Die NATO übernimmt den Schutz der UNPROFOR aus der Luft, die Abstimmung über Einsätze erfolgt in einem komplizierten Zwei-Schlüssel-System mit der UNO. Die NATO-Flugzeuge sollten aber nie wirklich zum Schutz der Bosnier zum Einsatz kommen.

24.5.1995: Der französische General Bernard Janvier, Kommandeur der UNO-Truppen in Ex-Jugoslawien, schlägt dem Sicherheitsrat die Aufgabe der Schutzzonen vor. [General Janvier war einer der härtesten Gegner von möglichen NATO-Angriffen gegen serbische Landziele während der Eroberung Srebrenicas. Er ließ das schlecht vorbereitete „Dutchbat“ alleine.]

6.-11.7.1995: Serben erobern die Schutzzone Srebrenica trotz der Anwesenheit von 419 Blauhelm-Soldaten. Der Befehlshaber der bosnischen Serben, General Mladic, leitet die Aktion persönlich. Dreißig niederländische Blauhelm-Soldaten als Gefangene in der Gewalt der Serben.

10.7.1995, 19.00 Uhr: Das niederländische Bataillon „Dutchbat“ fordert Luftunterstützung an. General Janvier zögert, weist drei solcher Aufrufe ab. Flugzeuge erreichen Srebrenica, kehren aber wieder um.

11.7.1995: Erst um 14.30 Uhr greifen NATO-Flugzeuge serbische Panzer an.

Um 15.00 Uhr wird die Beendigung der Angriffe wegen der Gefahr von Geiselnahmen verlangt.

16.00 Uhr: Eroberung Srebrenicas.

20.30 Uhr: Treffen Karremans/Mladic [Berüchtigter Sektglas-Empfang]. Präsident Izetbegovic ruft die UNO vergeblich zur Rückeroberung auf. [Viele niederländische Soldaten haben sich niemals mit dem Ziel ihres Einsatzes identifiziert; Zitat: „This is not my war!“]

12.7.1995: „Dutchbat“ wird von den Serben praktisch entmachtet. Zehntausende Frauen und Kinder, die Schutz bei der UN-Basis Potocari gesucht haben, werden mit Bussen deportiert.

12.7. bis 18.7.1995: Ca. 8.300 muslimische Jungen und Männer werden von serbischen Militärs und Militärpolizisten der bosnischen Serben bei Srebrenica ermordet.

11.7.1995: Die niederländischen Blauhelme verlassen Srebrenica. [Es hat nach den Ereignissen keine wirklichen Worte des Bedauerns seitens der beteiligten „Dutchbat“-Offiziere oder Mannschaften gegeben. Der kommandierende Offizier Karremans wurde später befördert.]

Erst am 26.7.1995 stimmt der US-Senat für die Aufhebung des Waffenembargos gegen Bosnien-Herzegowina.

12.10.1995: Waffenstillstand in ganz Bosnien und Herzegowina, letzte Kämpfe am 21.10.1995.

14.12.1995: Das im November ausgehandelte Friedensabkommen von Dayton wird von den Präsidenten unterschrieben. Srebrenica wird, wie andere früher mehrheitlich muslimische Gebiete auch, Teil der „Republika Srpska“ der bosnischen Serben.

[Quellen: Unter unseren Augen, von Hajo Funke und Alexander Rhotert, Verlag Das Arabische Buch, Berlin 1999; Srebrenica – Ein Prozess, Herausgegeben von Julija Bogoeva und Caroline Fetscher, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2002]

Was gehört zur weiteren Geschichte?

Soweit also zu den nüchternen historischen Fakten. Sie sprechen wie gesagt eigentlich schon für sich. Dennoch, was gehört aber noch zur weiteren Geschichte dieses Krieges und des stattgefundenen Genozids? Wenn wir heute gemeinsam dem Schicksal der unzähligen Opfer des Völkermords in Srebrenica gedenken, dann verrichten wir nicht nur eine notwendige gemeinsame Trauerarbeit, sondern wir tauchen auch in den besonderen Erfahrungshorizont europäischer Muslime ein.

Seit dem 11. September ist etwas in Vergessenheit geraten: Dass gerade im letzten Jahrhundert die Muslime in Europa nicht etwa Aggressoren, sondern immer wieder auch Opfer waren. Der Krieg auf dem Balkan und insbesondere die unvergesslichen Bilder aus Srebrenica sind und bleiben damit der natürliche Teil unserer gemeinsamen kollektiven Erinnerung.

Zur Verortung und zum Denken eines „europäischen Islam“ gehören zweifellos Städte wie Sarajevo und Cordoba, gehört der west-östliche Diwan Goethes, gehört das Denken Ibn Al-’Arabis und gehört Srebrenica gleichermaßen. Mit europäischen Muslimen meine ich, wenn ich dies ausdrücklich anmerken darf, diejenigen Muslime, die europäische Sprachen sprechen.

Ich würde gerne einige weitere Aspekte der geschichtlichen Deutung, aus europäischer und muslimischer Sicht, hier ansprechen. Zunächst ist festzustellen: Der Krieg auf dem Balkan war auch, aber nicht nur, ein ethnischer Konflikt zwischen verfeindeten Volksgruppen. Diesen Umstand versteht man besser, wenn man sich für einen Moment die Symbolsprache der Konflikte auf dem Balkan vergegenwärtigt.

Einen weltweiten Bekanntheitsgrad haben diese tragischen Ereignisse auf dem Balkan ja immer wieder durch das umkämpfte Amselfeld erlangt, auf welchem im Jahr 1389 die Osmanen das Heer der Serben geschlagen haben.

Dieser Ort, der sich im heutigen Kosovo befindet, wurde immer wieder zum Symbol für das serbische Nationalbewusstsein (und, wenn ich diese Anmerkung hier machen darf: jedes Nationalbewusstsein in Europa ist natürlicherweise in der Gefahr, in ein rassisches Bewusstsein umzuschlagen).

Für Milosevic war es ein Leichtes, an dieser Stelle, mit seiner weniger berühmten als berüchtigten Rede, die Balkankriege der 90er Jahre einzuleiten, indem er auf die damals genau sechs Jahrhunderte zurückliegende Schlacht bewusst Bezug nahm. Es ist dabei nicht überraschend, sondern vielmehr vielsagend, dass während des Krieges von der serbischen Propaganda den Bosniern gerade eine ethnische Identität nicht wirklich zugebilligt wurde.

Sie wurden, auf ihre islamische Identität anspielend, von der serbischen Propaganda immer wieder als „Türken“, also gerade nicht als Europäer, bezeichnet. So wurde verdeutlicht, dass man den Muslimen weder ein eigenes Territorium zubilligte, noch ihre Identität als europäische Volksgruppe überhaupt anerkennen wollte. Hieraus speist sich wohl auch der totalitär-unmenschliche Zug der Kriegsführung.

Es sind vor allem drei weitere Aspekte der Aufklärung und Würdigung der Ereignisse in Bosnien, die auch zehn Jahre nach Srebrenica aus meiner Sicht nicht in den Hintergrund geraten dürfen und nach weiterer Aufklärung verlangen. Diese Aspekte seien – natürlich in aller Kürze – hier genannt: Die Rolle der orthodoxen Kirche in Bosnien, die Rolle der Westmächte, von Srebrenica bis Dayton, und die Rolle der Täter-Opfer-Perspektive.

Zur Rolle der orthodoxen Kirche in Bosnien

Schwere Vorwürfe gegen die Serbisch-orthodoxe Kirche hat zu Recht die Gesellschaft für bedrohte Völker International (GfbV) nach der Veröffentlichung des so genannten Srebrenica-Videos erhoben. „Die Serbisch-orthodoxe Kirche hat die Ermordung und Vertreibung der bosnischen Muslime und damit die Auslöschung des 500 Jahre alten mitteleuropäischen Islam aus Bosnien bedingungslos unterstützt“, stellte der (damalige) Präsident der GfbV International, Tilman Zülch, fest.

Zülch weiter: „Das Video belegt einmal mehr, wie unmittelbar diese Kirche in den Genozid an den bosnischen Muslimen verstrickt ist.“ In dem Video war zu sehen, wie der in Serbien populäre Abt Gavrilo aus dem Kloster des heiligen Erzengels in Privina Glava bei Sid im Nordwesten von Belgrad die serbischen Mörder von sechs muslimischen Zivilisten aus Srebrenica segnete.

Eine ähnliche Szene ist auf einem weltweit verbreiteten Foto der Agentur Reuters zu sehen, das wenige Tage nach der Erschießung von mindestens 7.800 bosnischen Männern und Knaben aus der ehemaligen UN-Schutzzone durch serbische Einheiten in Ostbosnien am 25. Juli 1995 aufgenommen wurde.

Auf dem Bild reicht Patriarch Pavle, der höchste Geistliche der serbisch-orthodoxen Kirche, den heute mit internationalem Haftbefehl gesuchten Hauptkriegsverbrechern Radovan Karadzic und Ratko Mladic in Sokolac bei Sarajevo geweihtes Brot. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Zur Rolle der Westmächte

Immer wieder diskutiert wurde die Rolle der NATO-Staaten in diesem Konflikt. Wir wissen heute, dass die UNO sowie die Militärführungen und Regierungen mehrerer NATO-Staaten mindestens vier Monate vor dem Fall der ostbosnischen UNO-Schutzzone Srebrenica im Juli 1995 sehr konkrete Informationen über die Angriffsvorbereitungen und Eroberungspläne der bosnischen Serben hatten.

Doch Überlegungen im New Yorker UNO-Hauptquartier, den militärischen Schutz Srebrenicas zu verstärken, wurden nach einer Intervention der Clinton-Administration Anfang April 1995 gestoppt.

Diese neuen Erkenntnisse, die im Widerspruch zu dem im November 1999 vorgelegten Srebrenica-Untersuchungsbericht von UNO-Generalsekretär Kofi Annan stehen, erbrachten gemeinsame Recherchen der taz und des niederländischen Radiosenders VPRO.

Wir können hier nur noch einmal an die skandalöse Folgenlosigkeit der Untersuchungen der Akte Srebrenica erinnern. Dunkel bleibt die Rolle von Militärs und Politikern, sieht man einmal vom Rücktritt der niederländischen Regierung Kok am 16.4.2002 nach Veröffentlichung eines Reports über Srebrenica durch das Niederländische Institut für Kriegsdokumentation (NIOD) ab.

Bis heute verweigert sich Frankreich wirklichen Untersuchungen über die Rolle der französischen Politik und Militärs, so zum Beispiel über die dubiose Rolle des französischen Generals Janvier.

Es bleibt nach wie vor eine offene Frage, inwieweit das „humanitäre“ Engagement oder Nicht-Engagement, das Gewähren und Nichtgewähren von Hilfe, die Rolle von Embargos und so weiter auch von geopolitischen Gesichtspunkten und Zielvorstellungen geprägt war.

Foto: CIA, via Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

Zur Täter-Opfer-Perspektive

Schon der Daytonvertrag an sich birgt – aus Sicht vieler Bosnier – das Problem, dass die Vertragsmodalitäten in Dayton den serbischen Despoten Milosevic als gleichrangigen Verhandlungspartner anerkennen.

Der Daytonvertrag hat sicher einige juristische Schwächen, die indirekte Akzeptanz Milosevics ist jedoch seine evidente moralische Schwäche und hat die Regierungszeit Milosevics wohl mit entscheidend verlängert.

Aber auch zehn Jahre nach dem Krieg gibt es weitere handfeste Zweifel an der gerechten Aufarbeitung der Tragödie. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat beispielsweise der NATO schwere Versäumnisse bei der Suche nach den als Kriegsverbrecher angeklagten bosnischen Serben Ratko Mladic und Radovan Karadzic vorgeworfen.

Zehn Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica befinden sich der einstige bosnisch-serbische Militärführer und der bosnisch-serbische Ex-Präsident noch immer auf freiem Fuß. Die Leiterin der Abteilung für Europa und Zentralasien von Human Rights Watch, Holly Cartner, klagte: „Dass Karadzic ein Jahrzehnt nach Srebrenica noch immer frei herumläuft, ist ein schweres moralisches Versäumnis“. Laut Human Rights Watch gab es von Seiten der NATO-Friedenstruppen in den vergangenen zehn Jahren nur drei bestätigte Versuche, Karadzic zu verhaften.

Auch ein Weiteres möchte ich in diesem Zusammenhang anführen. Ich war vor drei Jahren Zeuge, als drei bosnische Generäle wegen Verletzung des Kriegsrechts in Den Haag angeklagt worden sind. In einigen Dutzend Fällen war es laut Anklageschrift in ihren Einheiten zu Lynchjustiz und Übergriffen gekommen.

Auf dieses Verfahren angesprochen, erklärte mir Alija Izetbegovic, man dürfe nicht vergessen, dass in dem untersuchten Zeitraum bis zu 110.000 Bosnier und Bosnierinnen ums Leben kamen. Dies spricht natürlich nicht gegen einen Prozess gegen die Generäle, wohl aber gegen das Vergessen der eigentlichen Verursachung des gesamten Krieges.

Sicher gehört es zu den moralischen Grundverpflichtungen der Bewertung dieses Krieges, Aggressor und Opfer immer wieder klar auseinanderzuhalten.

Meine verehrten Anwesenden, was bleibt nun also aus europäisch-muslimischer Sicht? Als wir Mitte der 90er Jahre in Weimar einige Veranstaltungen zum Thema Bosnien organisiert hatten, waren wir immer wieder über das fehlende Interesse der europäisch-bürgerlichen Eliten erstaunt.

Für mich war dies besonders unverständlich, da wir doch in der Schule gelernt hatten, dass eine Verfolgung aufgrund der religiösen Zugehörigkeit sich in Europa keinesfalls wiederholen dürfe.

Jetzt aber wurde man am Fernsehschirm Zeuge von jahrelang andauernden Übergriffen, Säuberungen und Verfolgungen. Für mich ein Trauma. Srebrenica hat allerdings auch – wie man es beispielsweise an der Politik des deutschen Außenministers ablesen kann – zu einem Bewusstseinswandel geführt. Srebrenica, so heißt es, hat die Idee eines deutschen Pazifismus erledigt.

Zumindest auf, oder besser gesagt allerdings leider nur auf dem Balkan. Tatsächlich leisten ja auch heute noch Soldaten der Bundeswehr, vor einigen Jahren noch undenkbar, einen Beitrag zur labilen Sicherheitslage in der Region.

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Foto: SorinVides, Shutterstock

Aber kommen wir zurück zu unserem eigentlichen Thema, den Menschen in Bosnien. Ich habe die positive Haltung der bosnischen Muslime nach den schrecklichen Kriegsereignissen immer bewundert. Die oft betonten Charaktereigenschaften eines angeblich „kriegerischen“ Islam treffen auf den Islam in Bosnien augenscheinlich nur wenig zu. Das ist eine wichtige Botschaft.

Es ist kein Zufall, dass Huntington bei seiner düsteren Vision des angeblich drohenden „Clash der Zivilisationen“ den bosnisch-europäischen Islam nicht erwähnt, oder besser nicht erwähnen kann. Die bosnisch-europäischen Muslime jedenfalls haben zu dem Konflikt der Kulturen – in jeder Hinsicht – herzlich wenig beigetragen.

Mehr noch, die Existenz der europäischen Muslime und die Existenz ihrer Kultur zeigt gerade, dass dieser angebliche Kulturkampf zwischen Europa und dem Islam eine Fata Morgana darstellt.

Eine andere Frage wäre es, ob auf dem Balkan ein neuer Konflikt droht, dessen mögliche Ursachen weniger kultureller als eher politisch-ökonomischer Natur sind. Der Balkan droht im sich abzeichnenden „Weltinnenraum des Kapitals“, so nennt Sloterdijk die neue globale Ordnung, zu einer vernachlässigten Außenzone zu werden.

Heute ist das Wort „Balkanisierung“ längst eine Art politisches Schimpfwort geworden. Es verwundert nicht, dass es keine wirkliche öffentliche Debatte über einen EU-Beitritt Bosniens gibt. Ich halte diesen Umstand, unabhängig vom Ergebnis, für zutiefst unlogisch.

Eine solche Debatte wäre aus den genannten Gründen für das geschichtliche Selbstverständnis Europas ungeheuer wichtig und als Debatte übrigens gerade für diejenigen schwer zu führen, die den Islam allein als eine fremde Religion von Ausländern definieren und ausgrenzen wollen.

Der Fall Bosniens zeigt, dass der Islam und Europa geschichtlich durchaus zusammengehören. Im Gegensatz zur Türkei dürfte auch die geografische Zugehörigkeit Bosniens zu Europa völlig außer Frage stehen.

sarajevo

Foto: Adev, Unsplash

Viele Geschichten, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, beginnen und enden in Sarajevo. Sarajevo ist eine europäische Stadt. Ein Blick auf die Stadt gehört zu den europäisch-geschichtlichen Erfahrungen.

Blickt man auf das Tal, so sieht man wie an einer Schnur geschichtliche Abläufe und ihre architektonischen Ausdrucksformen aneinander gereiht. Geschichte ist sozusagen in jeder Epoche zum Greifen nah. Osmanisch geprägter Islam, österreichisch-ungarische Kaiserzeit, säkulare Ideologien, bis hin zum Olympiastadion und seinen Massengräbern.

Eine meiner bewegendsten Begegnungen fand vor einigen Jahren mit dem mittlerweile verstorbenen Alija Izetbegovic statt. Der ehemalige Präsident war von seiner tragischen Geschichte schwer gezeichnet und berichtete über seine, eigentlich von ihm nie gewollte, politische Karriere.

Der Islam, so Izetbegovic, hatte ihn vor allem als eine ökonomische Lehre fasziniert, die die damals herrschende Lehre des Kommunismus zurückwies. Das Gespräch drehte sich dann schnell um die negativste der gegenwärtigen Möglichkeiten auf dem Balkan: einen neuen, sich wiederholenden Bürgerkrieg.

Dies wäre, wie wir gemeinsam feststellten, auch deswegen eine Tragödie, weil dies auch ein neuer Bürgerkrieg zwischen jungen Serben, Kroaten und Bosniaken wäre, jungen Leuten, die alle im Grunde nicht mehr so genau wissen würden, was der eigentliche „kulturelle“ Unterschied zwischen ihren Völkern und Nationen ist.

Die Zurückhaltung der bosnischen Muslime

Schlussendlich: Ich habe, wie gesagt, die Zurückhaltung der bosnischen Muslime nach den schrecklichen Ereignissen immer bewundert. Auch dies gehört hierher: Ein Selbstmordattentat, ausgeführt durch einen bosnischen Muslim, ist, religiös und existenziell, Gott sei dank undenkbar. Eine Lehre oder ein Lehrer, die oder der solche Taten als „religiös“ verklärt, zum Glück auch.

Exemplarisch sei die folgende, zusammenfassende Antwort von Mufti Mustafa Ceric zur Rolle Bosniens im aktuellen Spannungsfeld Europa – Islam – Terrorismus genannt.

Ceric sagte in einem Interview mit der tageszeitung: „Man kann nur beschämt sein über das, was geschah, und dass man es zugelassen hat. Wenn wir in Bosnien jetzt in die terroristische Ecke gestellt werden, dann hat dies etwas mit dem schlechten Gewissen uns gegenüber in Europa zu tun. Dabei gab es hier in Bosnien nach dem Ende des Krieges keine Revanche gegenüber den Tätern, obwohl es viele Gründe dafür gegeben hätte. Wir haben uns zivilisiert benommen. Während des Krieges mussten wir jegliche Hilfe annehmen, weil Europa zögerte, uns gegenüber der Aggression zu verteidigen. Deshalb kamen so genannte Mudschaheddin ins Land, die solidarisch mit uns sein wollten. Das liegt also auch in der europäischen Verantwortung. Zudem muss man sich fragen, was der Wahhabismus eigentlich ist. Es gibt einen politischen und religiösen Wahhabismus; der politische wurde vom Westen kreiert, um das türkisch-osmanische Reich zu schlagen. Saudi-Arabien ist nach wie vor Verbündeter des Westens. Der ideologische Wahhabismus, die Theologie, ist uns bosnischen Muslimen fremd geblieben. Wir haben ein anderes Verständnis von Staat und Gesellschaft; die bosnischen Muslime werden sich darin nicht verändern, da können sie sicher sein.“

Man kann sich, verehrte Anwesende, zur Geschichte des letzten Jahrhunderts mit ihren verheerenden Kriegen, maßlosen Ideologien und menschenverachtenden Lagern letztlich nicht geistig indifferent verhalten. Am Schlimmsten wäre wohl, als Konsequenz dieser Ereignisse, eine fatalistische oder nihilistische Haltung.

Als Gläubiger, unabhängig von der Konfession, gehört die Akzeptanz des Schicksals, wie schwer es auch sein mag, zur geistigen Konstitution. Ein bosnischer Freund hat mir einmal nach einem Gespräch über dieses Thema gesagt: „Nach Srebrenica hört man entweder auf zu beten, oder man beginnt damit“. Wir haben dann gemeinsam das Abendgebet verrichtet und einen neuen Tag begonnen.

* gehalten am 2. Juli 2005.

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Rohe warnt vor Generalverdacht gegen Muslime

mutter rohe

Islamwissenschaftler Rohe warnt vor Generalverdacht. Aber schon Christian Wulffs Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ hat heftige Debatten provoziert.

Frankfurt (KNA/iz). Der Islamwissenschaftler und Jurist Mathias Rohe warnt vor einem Generalverdacht gegen Muslime in Deutschland. Es sei ein gefährliches Zerrbild, immer wieder von einer „Islamisierung Deutschlands“ zu sprechen, schreibt der Direktor des Zentrums für Islam und Recht in Europa an der Uni Erlangen-Nürnberg in einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Montag).

Natürlich sei „islamistisch“ motivierte Gewalt eine reale Bedrohung und müsse mit rechtsstaatlichen Mitteln konsequent bekämpft werden, betonte Rohe. Doch jeder Generalverdacht gegen die muslimische Bevölkerung sei unbegründet und schädlich.

Der Begriff „Islamisierung“ werde häufig zur Beschreibung islamistisch-extremistischer Entwicklungen genutzt, sei aber irreführend. Tatsächlich handele es sich bei „Islamismus“ um eine politische Ideologie, die eine islamische Gesellschaftsordnung über den säkularen Staat stellen wolle.

Doch nur ein kleiner Teil der muslimischen Bevölkerung in Deutschland unterstütze solche Positionen, so Rohe. Das zeigten zahlreiche Studien. Die Mehrheit lebe religiös im privaten Rahmen und bekenne sich zu Demokratie und Grundgesetz.

Foto: FAU/Boris Mijat

Er warnte vor pauschalen Unterstellungen: Religiöse Praktiken wie das Tragen eines Kopftuchs oder ein Verzicht auf den Handschlag zur Begrüßung sollten nicht vorschnell als Zeichen von Extremismus gewertet werden.

Wer religiöse Normalität mit Islamismus verwechsle, betreibe eine gefährliche Täter-Opfer-Umkehr. Feindliche Pauschalurteile förderten nicht die Sicherheit, sondern Radikalisierung.

Zugleich forderte er eine effektive Bekämpfung von Extremismus – etwa durch bessere digitale Überwachung, verstärkte internationale Kooperation und die gezielte Prävention in sozialen Medien.

Wichtig sei dabei, zwischen legitimer Religionsausübung und extremistischen Bestrebungen klar zu unterscheiden. Auch müssten muslimische Organisationen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, wenn sie die freiheitlich-demokratische Grundordnung achten.

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Harvard – Bildung in Trumps Amerika

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Juden und Muslime fühlen sich in Harvard nicht wohl. Dabei ist die Eliteuniversität ein Aushängeschild der US-Wissenschaft. (KNA/IZ). Die Universität Harvard steht seit Jahrhunderten für herausragende akademische Leistungen, bahnbrechende Forschung […]

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Andalusische Spuren – zwischen Archäologie und Ernährung

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Granada in der südspanischen Region Andalusien war der letzte Überrest des islamischen Iberiens, bekannt als Al-Andalus – ein Gebiet, das sich einst über den größten Teil Spaniens und Portugals erstreckte. […]

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Freiheit ist auch für Muslime wesentlich

freiheit

Leitartikel zum Titelthema „Freiheit“: Wir können unsere Unabhängigkeit nicht als Einzelne sichern. Das sagt der US-Historiker Timothy Snyder.

(iz). In den letzten Jahrzehnten der Krisen ist die Frage nach der Freiheit in aller Munde. Denkt man an die Pandemie, die Klimaerwärmung oder den Ukrainekrieg deutet sich eine Zeitenwende an. Die alte Idee individueller Freiheit wird zugunsten der kollektiven Notwendigkeiten der Menschen und den Bedürfnissen nach Sicherheit und Wohlstand zurückgedrängt.

Noch nicht völlig aufgearbeitet sind die Maßnahmen zum Gesundheitsschutz, das Klima verlangt reduzierten Konsum und der Ukrainekrieg macht deutlich, dass auch ein Weltkrieg in den Bereich des Möglichen gerückt ist. Es ist unklar, wie sich der Umgang mit den Krisen auf unsere liberalen Gesellschaften langfristig auswirkt.

Das Ausmaß der Katastrophen, die uns sorgen, lässt es möglich erscheinen, dass der Staat mit größerer Autorität auf seine Bevölkerung einwirkt und mehr verlangt als gewohnt. Noch glauben wenige Westeuropäer, dass sie sogar persönlich in einen Krieg verwickelt werden könnten. Höhere Steuern, mehr Opferbereitschaft und gesteigerter Gehorsam sind Zugeständnisse, die der Staat von uns künftig verlangen könnte und schaffen ein Gefühl neuer Unsicherheiten.

Die Frage nach der Freiheit ist hochaktuell, beschäftigt Denker und Philosophen. Timothy Snyder hat kürzlich ein neues Buch mit dem Titel „Über Freiheit“ veröffentlicht. In diesem Werk entwickelt der Historiker und Politologe eine tiefgehende und zugleich praxisorientierte Philosophie der Freiheit. Snyder kritisiert die vorherrschende Vorstellung von Freiheit als bloße Abwesenheit von Zwang – die sogenannte „negative Freiheit“ – und plädiert stattdessen für ein aktives Verständnis von Freiheit als positiver Kraft, die in der Gesellschaft wirksam ist.

Zentrale Dimensionen der Freiheit

Snyder identifiziert fünf zentrale Dimensionen der positiven Freiheit: die Souveränität, die Unberechenbarkeit, die Mobilität, die Faktizität und die Solidarität. Diese Dimensionen werden nicht nur theoretisch erörtert, sondern auch mit persönlichen Erfahrungen und historischen Beispielen verknüpft.

Snyder verweist auf Denker wie Simone Weil, Edith Stein, Václav Havel und Leszek Kołakowski, die sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Zudem fließen seine eigenen Erlebnisse in Osteuropa, insbesondere in der Ukraine, ein, um die Bedeutung von Freiheit in der Praxis zu verdeutlichen.

Snyder kritisiert die aktuelle politische Landschaft, insbesondere in den USA, wo die Vorstellung von Freiheit oft mit einem minimalen Staat und maximaler individueller Autonomie gleichgesetzt wird. Dieses libertäre Verständnis des Staates dient oft den Interessen der Reichen. Er argumentiert, dass diese Sichtweise die soziale Ungleichheit verstärke und die kollektive Verantwortung untergrabe. Stattdessen fordert er ein Verständnis von Freiheit, das auf Solidarität, sozialer Gerechtigkeit und der Anerkennung gemeinsamer Werte basiert.

„Über Freiheit“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine aktive, gemeinschaftsorientierte Freiheit, die über die Einräumung individueller Rechte hinausgeht und das Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellt. Snyder fordert die Leserinnen und Leser auf, Freiheit nicht als selbstverständlich anzusehen, sondern aktiv für deren Erhalt und Förderung einzutreten. „Wer wirklich frei sein will, muss anderen helfen, frei zu sein.“ – So könnte man Snyders Freiheitsbegriff auf den Punkt bringen.

Snyders Beitrag erinnert an das Fundament der Freiheit. Sie beginnt im Leib und ist nicht nur ein geistiges Konzept, sondern betrifft zutiefst unser körperliches Dasein – etwa unsere Fähigkeit zu handeln, zu widerstehen, zu sprechen, uns zu bewegen.

Der verletzliche und sterbliche Körper

Besonders in politischen Kontexten (z. B. Krieg, Unterdrückung, Flucht) zeigt sich, dass der verletzliche, sterbliche Körper der Ort ist, an dem Freiheit entweder möglich wird oder zerstört wird. Die Figur des „Homer Sacer“, der nur Träger seines nackten, rechtlosen Lebens ist, wurde bereits durch den Philosophen Giorgio Agamben in die politische Diskussion gerückt.

Pessimistisch ist Snyders Blick auf die sozialen Medien: „Algorithmen treiben uns in Kategorien, die durch unsere am wenigsten interessanten Eigenschaften definiert sind, und lenken uns von den Entscheidungen ab, die wir in der physischen und sozialen Welt um uns herum treffen müssen.“

Er räumt ein, dass „unsere Macht, dem fiktional-industriellen Komplex zu widerstehen, begrenzt ist, aber es gibt sie.“ Für die Unabhängigkeit des Menschen ist es wichtig, geschichtliche Kontexte zu verstehen und nicht zuletzt das eigenständige Lesen nicht zu verlernen.

„Unsere derzeitige Laune, die Vergangenheit aus meist selbstgerechten Gründen zu verwerfen, hat mit unserer technisierten Unfähigkeit zu tun, uns zu konzentrieren und zu tolerieren. Wir werden von einer Social-Media-Nemesis darauf trainiert, der Herde zu folgen und die Herde zu keulen. Doch wenn wir uns dem Lesen verweigern, tauschen wir nicht die Vergangenheit gegen die Zukunft ein. Ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft. Wir tauschen die Vergangenheit gegen einen prekären Stillstand.“

AfD demos

Foto: Shutterstock.com

Das Thema ist wesentlich für uns Muslime

Das Thema Freiheit ist für Muslime essentiell wichtig, da ihre Gemeinschaften in einer Mehrheitsgesellschaft auf das Prinzip der Religionsfreiheit angewiesen ist. In pluralistischen Gesellschaften ermöglicht diese Garantie, dass Menschen unterschiedlicher Überzeugungen friedlich nebeneinander leben.

In jeder Demokratie ergeben Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit und Versammlungsfreiheit einen elementaren Bedeutungszusammenhang. Man sollte nicht vergessen: Wo die Religion unterdrückt wird, sind meist auch andere Freiheiten in Gefahr.

In der liberalen Gesellschaft, die die Religionsfreiheit verfassungsrechtlich absichert, entstehen neue indirekte Gefährdungen: Der Populismus stellt Religion unter Generalverdacht („Der Islam gehört nicht zu uns.“). Parteien wie die AfD schaffen einen säkularen Druck, die Religion – zumindest die von Minderheiten – vollständig aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. In Deutschland werden Menschen, die offen religiös leben (besonders Muslime oder Juden), diskriminiert oder bedroht.

Dabei ist sich die absolute Mehrheit aller Gläubigen klar, dass Religionsfreiheit nicht meint, dass alle religiösen Ansprüche durchsetzbar sind. Sie ist immer – so der Konsens – eingebettet in die Ordnung eines freiheitlichen Rechtsstaats. Weil die oben beschriebenen Gefahren existieren, ist es auch für Muslime wichtig, dass die Möglichkeit der kollektiven Organisation besteht, um eigene Anliegen, Themen oder Rechte effektiv in der Öffentlichkeit anzusprechen.

Die Existenz von Religionsgemeinschaften ist eine Notwendigkeit und Teil der Religionsfreiheit. Muslime sind gut beraten, sich also nicht in die scheinbare Sicherheit des Privaten zurückziehen, sondern sich selbstbewusst öffentlich zu engagieren.

Wer sich die Realität von Gläubigen in Russland oder China genauer anschaut, dem wird bewusst werden, was auf dem Spiel steht. Der Einsatz für die Rechte der Zivilgesellschaft und das Engagement für die Religionsfreiheit gehören zusammen.

fasten gebet

Foto: 4.murat, Shutterstock

Eine der zentralen Spannungen

Die Frage, wie sich der Begriff der Freiheit zur Religion verhält, insbesondere im Kontext von Vorherbestimmung (Prädestination), ist eine der zentralen Spannungen in der Religionsphilosophie und Theologie. Wenn alles vorherbestimmt ist, stellt sich die Frage: Wie kann der Mensch dann frei sein? Die Antwort hängt stark vom religiösen und philosophischen Rahmen ab.

Im Islam gibt es das Konzept von Qadar (göttliche Bestimmung), das mit dem freien Willen des Menschen in Spannung steht, aber in vielen Interpretationen als eine Mitverantwortung erklärend interpretiert wird. Für viele Gläubige ist der Glaube an die Vorsehung kein Widerspruch zur Freiheit, sondern Trost: Auch wenn das Leben manchmal unverständlich scheint, hat es einen göttlichen Plan. Gleichzeitig bleibt die individuelle Verantwortung im Alltag erhalten – zum Beispiel durch das Streben nach Tugend, Gebet oder Buße.

Im Islam gibt es zweifellos den festen Glauben an die göttliche Bestimmung. „Und ihr könnt nicht(s) wollen, außer dass Allah (es) will.“ (Sure 76:30). Diese Überzeugung ist Teil des Iman (Glaubens) und bedeutet, dass Allah alles weiß, plant und verwirklicht, was geschieht – das Gute und das Schlechte. Aber: Gleichzeitig wird der Mensch im Koran als verantwortlich für sein Handeln dargestellt. Diese Sicht bestätigen viele Verse im Qur’an, in denen der Mensch zur Rechenschaft gezogen wird („Wer nun im Gewicht eines Stäubchens Gutes tut, wird es sehen.“ Sure 99:7–8)

Der Qur’an enthält beide Elemente. Wir bekennen das Wissen um die göttliche Allmacht „Gewiss, wir haben alles in (bestimmten) Maß erschaffen.“ (Sure 54:49) Hinzukommt das Bekenntnis zur menschlichen Verantwortung: „Jede Seele haftet für das, was sie erworben hat.“ (Sure 74:38).

Der Mensch hat die Fähigkeit zur Wahl, zu Gutem oder Bösem – und wird dafür zur Rechenschaft gezogen. „Wer der Rechtlautung folgt, der ist nur zu seinem eigenen Vorteil rechtgeleitet und wer irre geht, der geht nur zu seinem Nachteil irre.“ (Sure 17:15). Der freie Wille ist „real“, aber Gott bleibt der Schöpfer der Ereignisse.

Für Muslime gibt es keinen Widerspruch. Der Glaube an das Schicksal bedeutet nicht alle gesellschaftliche Entwicklungen passiv hinzunehmen. Wir handeln verantwortlich, vertrauen aber darauf, dass Gott am Ende gerecht urteilt und gnädig ist. Bei den aktuellen Diskussionen über die Zukunft der Freiheit ist der muslimische Beitrag wichtig.

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Die anderen Bewegungen

muslimisch Zukunft

In der muslimischen Welt oder als Minderheiten: Weltweit sind Muslime in konstruktiven Bewegungen erfolgreich aktiv. (iz). Heute über erfolgreiche Bewegungen und Initiativen zu schreiben, steht häufig vor zwei Hindernissen: Einerseits […]

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Welche Wege soll die Community nehmen?

Community

Zukunft der muslimischen Community: Auf Einladung des Islamrats diskutierten aktive und ehemalige Verbandsvertreter über Chancen und Herausforderungen.

(iz). Gesamtgesellschaftlich wie innermuslimisch stehen die Strukturen und Akteure der islamischen Selbstorganisation und Repräsentation unter erheblichem Druck. Gegenüber den Medien müssen sich die dortigen Aktiven und Sprecher zu allen möglichen Fragen im Eiltempo erklären. Vertreter aus Staat und Politik erwarten, dass sie im Namen sämtlicher Mitglieder der Community agieren.

Gleichzeitig begleiten kritische Nachfragen der Zivilgesellschaft und Medienlandschaft ihr Handeln. Zu den häufig vorgetragenen Kritikpunkten aus der Community gehören u.a. eine reaktive Mentalität, strukturelle Hindernisse sowie der Wunsch nach einem aktiveren und geschlosseneren Auftreten. Für den KRM-Sprecher Dr. Zekeriya Altuğ muss die zukünftige Repräsentation muslimischer Interessen über die Politik „des kleinsten gemeinsamen Nenners“ hinausgehen. Wie das gelingt, müssten die Religionsgemeinschaften diskutieren.

Community: Über unsere Vergangenheit und Zukunft sprechen

Am Samstag, dem 17. Mai, endete die zweijährige Fortbildungsreihe des Islamrats mit dem Titel „Muslime und Religionsfreiheit in Deutschland“ mit einer umfangreichen Debatte über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unserer Selbstorganisation und Repräsentanz in der Bundesrepublik. Das Tagesprogramm stand unter dem Motto „Gemeinsam reden, gemeinsam gestalten: Muslimische Repräsentanz im Wandel“.

Murat Gümüş, Generalsekretär des Gastgebers und verantwortlich für die Eventreihe, erläuterte das Anliegen seines Dachverbands: „Unser Ziel war es, Räume des Lernens, der Selbstreflexion und der Begegnung zu schaffen. Ich bin stolz auf die Vielfalt und Tiefe der Diskussionen, die wir gemeinsam erleben durften.“

Auf zwei Podien diskutierten sieben aktive oder frühere muslimische Vertreter das komplexe Thema. In der ersten Gesprächsrunde erläuterten Dr. Ayyub Axel Köhler (Ex-Vors. des Zentralrats) und Ali Kizilkaya (Ex-Vors. des Islamrats) mit zusätzlichen Beiträgen von Schaikh Bashir Dultz (Deutsche Muslimliga) die Entwicklung und den Aufbau von Gemeinschaftsstrukturen in der Vergangenheit der Bundesrepublik.

Auf dem zweiten Podium diskutierten Mustafa Yeneroğlu (Ex-Generalsekretär der IGMG), Aiman Mazyek und Nurhan Soykan (beide ehemalige Vorstandsmitglieder des Zentralrats), Burhan Kesici (Vorsitzender des Islamrats) sowie der aktuelle KRM-Sprecher Dr. Zekeriya Altuğ über die heutigen Herausforderungen und Zukunftsaufgaben der muslimischen Repräsentanz in Deutschland.

Zu Beginn der Diskussion betonte der kürzlich aus dem Amt geschiedene ZMD-Vorsitzende Aiman Mazyek, dass die Gründung des Koordinationsrates (KRM) zwei wesentlichen Impulsen folgte. Einerseits habe es innerislamisch das erkennbare Verlangen nach größerer Koordination und besserer Repräsentation der eigenen Interessen gegeben. Andererseits habe die Politik – insbesondere im Kontext der ersten Islamkonferenz unter Wolfgang Schäuble – ebenfalls als „Schrittmacher“ agiert.

Religionsgemeinschaften müssen gestärkt werden

In Anbetracht der unklaren Ausrichtung der Regierungspolitik gegenüber den islamischen Religionsgemeinschaften setzt Mazyek auf ihre Stärkung. Diese müssten angesichts der bundespolitischen Unwägbarkeiten der Zukunft „stärker ausgefüllt“ werden. Muslime sollten sich verstärkt auf die Kernthemen der religiösen Gemeinschaften konzentrieren und diese verstärken. Dabei bezog er sich ausdrücklich auf die potenziellen Folgen eines fortgesetzten AfD-Aufstiegs auf den Umgang der Politik mit den islamischen Communitys.

Der ehemalige IGMG-Generalsekretär Mustafa Yeneroğlu zeigte sich selbstkritisch. „Als Muslime hätten wir doch viel mehr tun können“, sagte er im Rückblick auf die letzten 20 bis 30 Jahre. Er bestätigte, dass die Moschee- und Dachverbände mit der Gründung des KRM Wünsche aus der Bundespolitik aufgegriffen hatten. Gleichzeitig habe man auch zum Zeitpunkt der Begründung im März 2007 – schon 2006 kam es zu Gesprächen und Annäherungen der Beteiligten – erkannt, dass das Gremium auf der Koordinationsebene „nicht ausreichen wird“.

Foto: Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland

Dabei sei der vorangegangene „Seevetal“-Prozess, eine Gesprächsreihe zur Institutionalisierung und Vereinheitlichung muslimischer Strukturen, die vor der Schaffung des Beratungsgremiums stattfand, „weiter gewesen“. Jedem war bewusst, dass etwaige Organisationsformen „demokratisch legitimiert“ sein sollten. Auch auf Landesebene müssten „gelebte Gemeinschaften auf Grundlage dieser Moscheegemeinschaften“ bestehen.

Der erwähnte Prozess hätte sich gut dafür geeignet, genau diese Themen und Herausforderungen anzugehen. Während er betonte, dass der Koordinationsrat „eine bundesweite Repräsentanz, Koordination mancher Tätigkeiten“ sowie die Entwicklung verbindlicher Standpunkte ermöglicht habe, „brauchen wie in Deutschland eigentlich mehr, als dass wir nur koordinieren“.

Innere Blockaden lösen

Yeneroğlu sieht zwei Hauptursachen für das Nichtzustandekommen von Abschlüssen bzw. für ergebnislose Verhandlungen oder Projekte. Einerseits läge das an Entschlüssen und „Schwankungen“ auf Seiten staatlicher Partner. Andererseits gebe es bei muslimischen Entscheidungsprozessen Blockaden. So würden gelegentlich unterschriftsreife Ergebnisse „über den Haufen geworfen“, wenn die Vorstände einzelner Gemeinschaften sich dagegen entscheiden.

Pressefoto: © Henning Schacht / Bundesinnenministerium

Der ehemalige IGMG-Generalsekretär kritisiert eine passive Haltung in der weiteren Community, sich nur „als Konsument“ von Grundrechten zu begreifen. In Bezugnahme auf die hiesige Geschichte der Bürgerrechte machte er deutlich, dass die gegenwärtige Rechtsordnung seit 1848 erkämpft wurde. Heute stelle sich für Muslime die Frage, ob sie nur die damit einhergehenden Rechte wollten, sondern auch mit der Aufgabe befassen, inwieweit sie dieses Modell mittragen und weiterentwickeln wollen. „Das sind Fragen, die wir uns heute stellen müssen.“

Für den DİTİB-Vorstand und amtierenden KRM-Sprecher Dr. Zekeriya Altuğ ist die derzeitige Selbstorganisation der Communitys „nicht im luftleeren Raum“ entstanden. Es gebe in Deutschland seit den 1950er und 1960er Jahren ein aktives islamisches Leben. Allerdings sei das über einen längeren Zeitraum hinaus „türkisch dominiert“ gewesen. Das habe sich in seinen Augen „größtenteils geändert“. Mittlerweile herrscht für ihn eine ungefähre Parität.

Alle betonen Verbesserungsbedarf

Altuğ zufolge hat das gegenwärtige System der Repräsentanz Verbesserungsbedarf. Allerdings müsse man sich fragen, was es bedeute, „alle Muslime“ zu vertreten. Dies sei eine Diskussion, die geführt werden sollte. Schließlich bestehe das Recht, nicht repräsentiert zu werden.

Es sei ebenso wichtig, nicht nur Moscheegemeinden im Auge zu behalten. Heute gebe es in der Community „sehr viele andere Strukturen“. Darüber hinaus seien diese Gemeinschaften längst nicht mehr „Ersatzheimat“. Vielmehr hätten diese sich immens entwickelt.

Der DİTİB-Vertreter unterstrich, dass es in den letzten zehn Jahren einen Lernprozess gegeben habe. Man sei heute deutlich weiter. Perspektivisch sollte der KRM über sich hinauswachsen. Er müsse verbindlicher werden und durch mehr Wahlen tatsächliche Repräsentanz zulassen. Für die Zukunft sieht er die Notwendigkeit neuer Strukturen. Diese sollten über Repräsentation hinausgehen und bundesweit in der Lage sein, die innermuslimische Arbeit zu koordinieren.

Foto: Autor / IZ Medien

Laut dem Islamratsvorsitzenden Burhan Kesici hat die Gründung des KRM zu einer stärkeren Position im Austausch mit staatlichen Stellen geführt. „Wir haben gemerkt, dass Politiker immer eine Stimme haben wollen, und der Koordinationsrat hat diese Stimme geliefert.“ Über das Gremium konnte man den Großteil der Moscheeverbände erreichen.

In der Vergangenheit habe hingegen jeder Verband separate Gespräche geführt. „Mit der Gründung des Koordinationsrats haben wir eine Stimme bekommen.“ Kesici beschreibt die Schwierigkeiten des sechsmonatigen Sprecherwechsels. Bis sich ein amtierender Sprecher eingearbeitet habe, gebe es einen neuen. Generell hat das Beratungsgremium bewirkt, dass die Positionen organisierter Muslime intensiver wahrgenommen werden.

Er wies den geäußerten Vorwurf zurück, der sogenannte organisierte Islam in Deutschland würde reaktiv agieren. Es seien auch aktiv Impulse von muslimischer Seite gekommen. Allerdings könnten strukturelle Beschränkungen dazu führen, „dass man bestimmte Sachen nicht bis zum Ende bringen konnte“.

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Mit Thomas Mann auf Sizilien

sizilien

IZ-Reiseblog: Ein Besuch in Milazzo (Sizilien) führt unseren Autor von der Thomas Mann-Lektüre zum Nachdenken über die muslimische Community.

„Träumen wir nicht nur vom Süden, sondern auch von idealen Gemeinschaften?“ 

(iz). „Der Zauberberg“ von Thomas Mann spielt in den Schweizer Alpen – fern von den Naturschönheiten Siziliens. Auf den ersten Blick ist das Buch keine passende Reiselektüre für uns.

Diese Einschätzung ändert sich, wenn man an einen der Sinnsprüche aus dem Roman denkt: „Der Mensch ist Herr der Gegensätze, sie sind durch ihn, und also ist er vornehmer als sie.“ Berge und Meer, Sommer und Winter sind Ur-Phänomene.

Kontrapunkte des Lebens auf Sizilien

Sie sind Kontrapunkte, die uns zeitlebens bestimmen und die wir in dem Gedanken der Einheit allen Seins überwinden. Thomas Mann sieht das Leben im Schnee und die Erfahrung am Meeresstrand in mehrfacher Hinsicht verwandt, denn „die Urmonotomie des Naturbildes ist beiden Sphären gemeinsam“.

Wir unternehmen an einem schönen Frühlingstag einen Spaziergang an das Capo Milazzo im Norden Siziliens. Der Weg führt an blühenden Blumen vorbei an einen Aussichtspunkt, von dem man auf den Küstenabschnitt herabblickt.

Die Szenerie erinnert uns an eine Beschreibung in Thomas Manns Roman: „Da lag das Meer – ein Meer, das Südmeer war das, tief-tiefblau, von Silberlichtern blitzend, eine wunderschöne Bucht, dunstig offen an einer Seite, zur Hälfte von immer matter blauen Bergzügen weit umfasst.“

Das Zitat ist aus einem Traum, den Hans Castorp, der Protagonist des Romans, während einer Schneewanderung erlebt. Erstaunlicherweise war er, vor seinem Aufenthalt in dem Sanatorium, bisher nur im Norden Europas unterwegs. „Er hatte auf Ferienreisen vom Süden kaum genippt, kannte die raue blasse See und hing dann mit kindlichen schwerfälligen Gefühlen, hatte aber das Mittelmeer, Neapel, Sizilien oder Griechenland, niemals erreicht“.

Nachdem er auf seiner Wanderung im Schneesturm nur in „das Nichts, das weiße, wirbelnde Nichts“ geblickt hatte, erinnert er sich jetzt träumend an eine südliche Atmosphäre. „Ja, das war eigentümlich ein Wiedererkennen, das er feierte.“ Er hatte das Bild, oder sagen wir die Sehnsucht danach, in seinem Herzen.

Foto: A. Rieger

Herunter ans Wasser

Wir steigen jetzt die Stufen hinab zum Küstenstreifen und sehen in einiger Ferne ein natürliches Bassin, das durch die Wellen des Meeres mit Wasser versorgt wird. Eine Gruppe junger Menschen badet darin. Auf den umliegenden Klippen sonnen sich einige Wanderergruppen.

Wieder kommt uns eine andere Szene aus dem Roman in den Sinn: Castorp erlebt in seiner Traumsequenz eine ähnliche Situation. Er sieht ein sonnendurchflutetes, friedliches mediterranes Tal, in dem Leute in Schönheit, Harmonie und Liebe zusammenleben.

„Menschen, Sonnen- und Meereskinder, regten sich und ruhten überall, verständig-heitere, schöne junge Menschheit, so angenehm zu schauen.“ Er bewundert insbesondere die höfliche Rücksicht der Gruppe, ihre Würde und Strenge, „doch ganz ins Heitere gelöst“ und eine aufgeschlossene Frömmigkeit, die ihr Tun und Lassen bestimmt.

Visionen eines anderen Lebens

Thomas Mann schafft so eine Vision, die, an die, unter dem Eindruck des schrecklichen Weltkrieges entstandenen „Lebensreformmodelle“ der 1920er Jahren, erinnern. Im Zauberberg zeigt er Interesse an alternativen Praktiken, von der Psychoanalyse, über antibürgerliche Heilmethoden bis zum Vegetarismus.

Sein Urteil schwankt diesbezüglich zwischen Verständnis und Ablehnung. Er versteht, dass die Menschen von den Ideologien flüchten wollen, befürchtet aber, dass aus dem verbreiteten Irrationalismus eines Tages politische Gefahren erwachsen können. Fakt ist, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche Versuche in Europa entstehen, alternative Gemeinschaften und Lebenspraxen zu entwickeln.

Thomas Mann

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R15883 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0

Die Frage des Verhältnisses von Staat, Gesellschaft, Gemeinschaft und dem Einzelnen prägen im „Zauberberg“ auch einige, noch immer lesenswerte Diskussionen zwischen zwei Gelehrten, die als Mentoren Hans Castorps auftreten. Die Gespräche der beiden gegensätzlichen Charakteren sind, wie wir sehen werden. Von beinahe unheimlicher Aktualität.

Hier eine verkürzte Auswahl zentraler Gedanken:

Settimbrini behauptet: „Zwei Prinzipien lägen im ewigen Kampf um die Welt, „die Macht und das Recht, die Tyrannei und die Freiheit, der Aberglaube und das Wissen, das Beharren und der Fortschritt, Asien und Europa.“ Seine Hoffnung für die Zukunft liegen auf der Rationalität, der Demokratie und den Wissenschaften. 

Naphtha dagegen kritisiert den immanenten Kapitalismus des weltlichen Staates, dessen bürgerliche Ideologie eine Transzendenz anstrebt, die langfristig auf einen Weltstaat hinausläuft. „Das Geld wird Kaiser sein, – das ist eine Prophezeiung aus dem 11. Jahrhundert“, erklärt dieser skeptisch.

Unter anderem beruft er sich auf mittelalterliche Zinsverbot, das verhindern soll, dass „die Zeit um Vorteil des einen und Schaden des Anderen mißbraucht wird“. Und er kommt zu einem radikalen Schluss: „Gotteseifer kann nicht pazifistisch sein“. Er glaubt an die Notwendigkeit des Terrors, um die „ungläubige“ Menschheit zu retten. Paradoxerweise sieht Naphtha seine Forderungen nicht in einem christlichen Gottesstaat, sondern in der Ideologie des Kommunismus umgesetzt.

gemeinschaft muslime

Foto: Imago | tagesspiegel

Zur Zukunft muslimischer Gemeinschaften

Während wir uns auf einer Bank hingesetzt haben, sinnen wir über die Zukunft von muslimischen Gemeinschaften nach und ihre künftige Rolle im modernen Staat. 

Die Community muss aus unserer Sicht eindeutig in der Zivilgesellschaft verortet sein. Klar sind wir in der Ablehnung gegenüber rückwärtsgewandten Gotteskriegern, die – Naphthas Gedankengang folgend – ohne Rücksicht auf Verluste von einem „islamischen Staat“ träumen.

Was ist aber die positive Vision, wie sieht ein Gemeinwesen aus, dass sich nicht nur auf eine abstrakte Vereinsmitgliedschaft beschränkt? Uns schwebt eine solidarische Gemeinschaft vor, die eine gemeinsame Sprache spricht und kulturstiftend wirkt, Brücken baut und sich sozial engagiert.

„Sonnenleute“, die mit lebensbejahender Kraft agieren, sich gegenseitig respektieren, ohne der Idee einer religiösen Uniformierung zu folgen und den Tod aus ihrem Leben zu verdrängen. Ist das eine Utopie? Vielleicht. Dann ist es die Aufgabe der Schriftsteller, unsere imaginären Kräfte neu zu stimulieren.