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Rezension zu „Damaszener Impressionen“ von Abd al-Hafidh Wentzel

Ausgabe 249

(iz). Im Mai 2015 veröffentlichte der Autor Abd al-Hafidh Wentzel den zweiten Band der Reihe „Damaszener Impressionen“, deren erster Band im Jahr 2010 erschienen ist.
Das Buch ist sowohl für Laien, die sich gern mit den Aussprüchen des Propheten auseinandersetzen möchten, als auch für Islam- und Hadithwissenschaftler geeignet, die sich neben den Hadithen auch umfassend mit dem Hadith-Gelehrten, dessen Kontext sowie der Kunst der Überlieferung und ihrer Lebendigkeit beschäftigen.
Der Autor hat längere Zeit selbst in Damaskus im Stadtteil Al-Salihiyya gelebt und hatte so die Möglichkeit, sich mit dem Erbe dieser Stadt intensiv auseinanderzusetzen. Über die Gelehrten, die in Al-Salihiyya lebten und lehrten, schreibt er: „All diese Meister auf ihren Gebieten islamischer Gelehrsamkeit zeichneten sich neben den gewaltigen Schätzen ihres Wissens dadurch aus, dass sie viele der edlen Eigenschaften, die unser ehrwürdiger Prophet, Friede und Segen seien auf ihm, zu vervollkommnen gesandt wurde, verkörperten und einen von Liebe, Barmherzigkeit, Mitgefühl, Großzügigkeit, Bescheidenheit, Gottergebenheit, Liebenswürdigkeit und Ritterlichkeit geprägten Islam lehrten und lebten.“
Das Buch besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil geht der Autor intensiv auf die spirituellen und islamischen Dimensionen der syrischen Stadt Damaskus ein, insbesondere auf den Stadtteil Al-Salihiyya , im zweiten auf den Gelehrten Ibn Tulun al-Salihi al-Dimaschqi, der in diesem Stadtteil heimisch war und die hier aufgeführten Hadithe sammelte.
Der dritte Teil beinhaltet vierzig Hadithe über die Vorzüge der Barmherzigkeit und handelt diese auf klassische Weise ab. Im Anschluss daran findet sich die Hadith-Sammlung im arabischen Original sowie sie deren Manuskript in der Handschrift Ibn Tuluns.
Im Anhang schließlich finden sich ein Verzeichnis der Hadithe auf Deutsch, Verzeichnisse der Titel, Beinamen und Fremdwörter sowie ein umfassendes Personenverzeichnis und die Bibliografie.
Dem Leser wird durch die Einführung in die Welt  Ibn Tuluns schnell deutlich, dass die Umgebung von Al-Salihiyya sein Schaffen als Hadith-Sammler begünstigte. Im Zentrum standen dabei die Stiftungen, die neben öffentlichen Gebäuden wie Schulen und Krankenhäusern auch Moscheen und Medressen beinhalteten und das Stadtbild bis heute prägen. Sie waren höheren, immateriellen Zielen wie der Charakterbildung und dem Gemeinwohl gewidmet. Der Autor stellt einige der Stiftungen genauer vor.
Der Gelehrte Ibn Tulun kam aus einer angesehenen und gebildeten Geschäftsfamilie. Ein Vorbild nahm er sich als Halbwaise an seinem Onkel, der ein Gelehrter war und ihn teilweise auch unterrichtete.
Im Laufe seiner Ausbildung lernte Ibn Tulun, nachdem er den Qur’an im Alter von sieben Jahren auswendig gelernt hatte, zuerst den Matn, also grundlegende islamische Texte, auswendig, mit denen er sich im reiferen Alter inhaltlich beschäftigte, und befasste sich mit den Handbüchern der Rechtsschulen ebenso wie mit Grammatikwerken. Weiterhin setzte er sich mit 700 Hadith-Sammlungen auseinander, mit der islamischen Aqida sowie dem Kalam, also der Theologie, Usul al Fiqh, Usul al Nahw, der Logik, der Auslegung des Qur’an, Fiqh, islamischem Erbrecht, aber auch mit spirituellen Dimensionen wie dem Tasawwuf und Adhkar, der Verslehre (’ilm al-’arud) und dem Reimen (’ilm al-qafiyya), den Natur- und Geisteswissenschaften sowie der prophetischen Medizin. So kann man ihn als Universalgelehrten bezeichnen. In einigen der Gebiete erhielt er anschließend eine Ijaza (Lehrerlaubnis) und lehrte fortan neben Hadithwissenschaften auch Rechtswissenschaften und Grammatik. Vermutlich hinterließ er etwa 755 Schriften und Abhandlungen, die er im Laufe seines Lebens verfasste und die teilweise bis heute erhalten sind.
Wer sich nun mit diesem Vorwissen in das Studium der darauffolgenden Hadithe begibt, die zudem mit zahlreichen Anmerkungen zu den Überlieferern versehen sind, wird diese in neuen und umfassenderen Zusammenhängen verstehen.
Bezeichnend ist auch, dass die Hadith-Sammlung die Vorzüge der Barmherzigkeit behandelt. In seinem Vorwort schreibt Ibn-Tulun: „Was mich motiviert hat, diese zu dokumentieren, ist die Tatsache, dass die Barmherzigkeit selten geworden ist, die Geschöpfe verlassen hat und entflohen ist.“ Die Beschäftigung mit den Hadithen erinnert uns wieder an Allahs unendliche Barmherzigkeit und Gnade, die Er uns zuteilwerden lässt.
Dass der Hintergrund der Hadith-Gelehrten fast ebenso wichtig ist wie die Hadithe selbst, belegt dieses Buch auf eindrucksvolle Weise. In Zeiten von schnellem Wissen und linearen Hochschulabschlüssen geht der Sinn dafür, was „wahres“ Wissen bedeutet und dass zu einem „wahren“ Gelehrten auch die Bildung des Herzens und eine tugendhafte (Selbst-)Erziehung gehören, zunehmend verloren. Die Auseinandersetzung mit den Hadithen, durch die uns der vorzügliche Charakter des Propheten gewahr wird, und mit den Gelehrten, die diese Hadithe nicht nur weitertrugen, sondern auch verinnerlichten, ist daher auch für unser heutiges islamisches Wissen und Leben von großer Bedeutung.
Gerade in Anbetracht des Krieges in Syrien ist die Bewusstwerdung darüber, dass Damaskus lange als spirituell äußerst bedeutsamer Ort des Islam galt und dies auch in Qur’an und Sunna erwähnt wird, besonders schmerzhaft. Die Erinnerung daran macht dem Leser deutlich, dass es nicht nur um die Zerstörung des Ortes im materiellen Sinne geht, sondern auch um den Verlust des spirituellen Erbes, dessen Bewahrung in diesem Zusammenhang umso erstrebenswerter wird.
Abd al-Hafidh Wentzel
Damaszener Impressionen, Band 2. Al-Salihiyya & Ibn Tulun al-Dimaschqis. 40 Hadithe über die Vorzüge der Barmherzigkeit
Warda Publikationen, Mai 2015
328 Seiten, Paperback
Preis: 18,50 Euro
Erhältlich unter [email protected]

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