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Wie geht das Fasten in der Pandemie?

Ausgabe 310

Foto: raditya, Shutterstock

(iz). Die Sache, die wir „Zeit“ nennen, ist alles andere als einheitlich. Es gibt verschiedene Momente. Unsere Wahrnehmungen von ihr verändern sich, während wir durchs Leben gehen. Sogar im Laufe eines Tages gibt es Wandlungen. Manche Augenblicke hallen mehr nach, andere haben einen größeren Segen (arab. baraka). Einige vergehen rasant schnell, weitere ziehen sich so lange hin, dass sie sich wie eine Ewigkeit anfühlen.

Ein Teil davon hat mit unseren inneren Zuständen zu tun. Der andere, und größere, liegt an der Art und Weise, wie unser Herr sie erschaffen hat. Nicht alle Zeiten sind gleich gemacht. Im Angesicht Allahs sind einige mit mehr Gewicht und Ehrung versehen. Das gilt beispielsweise für die vier heiligen Monate, den Freitag oder das letzte Drittel der Nacht.

Und das gilt insbesondere für die edle Phase, die sich jetzt schon ankündigt. Es ist bei Allah der gewichtigste Monat. Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Der Herr aller Monate ist der Ramadan.“ Es ist eine unvergleichliche Phase des Jahres, erhaben und qualitativ anders als der Rest. So anders, dass selbst achtlose Muslime, die während des restlichen Jahres einen großen Teil ihres Dins vernachlässigen, sie nicht übersehen können. Selbst Menschen, die normalerweise nicht beten, strömen in diesem außergewöhnlichen Monat in die Moschee. Die Qualitäten sind vorhanden sowie deutlich spür- und wahrnehmbar.

Wenn am 13. April dieser Ramadan beginnt, wird es der zweite Fastenmonat sein, in dem sich diese spirituell und sozial intensivere Zeit unter den Bedingungen der Pandemie und der Gegenmaßnahmen ereignen wird. Schon das letzte Jahr war in der Geschichte ein ziemliches Novum. Die wichtigsten Moscheen der Welt in Medina, Mekka und Jerusalem blieben leer – und viele Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit schränkten Praxis und Traditionen des Ramadan und seines Feiertags erheblich ein oder versuchten, sie zu untersagen.

Ähnlich sah es in Deutschland aus. Hier hatten sich die Muslime schnell auf ein Fasten im Ausnahmezustand eingestellt. Auf das gemeinsame Fastenbrechen im familiären und im sozialen Kreis musste ebenso verzichtet werden wie auf das nächtliche Tarawwih-Gebet oder eine gemeinsame Qur’anrezitation. In den vergangenen Jahren waren öffentliche Iftar-Treffen häufig Gelegenheit für Begegnungen, zu denen die Moscheegemeinschaften die Nachbarschaft, interessierte Bürger*innen sowie öffentliche Figuren einluden. Das „Ramadanzelt“ ist längst fester Bestandteil westdeutscher Innenstädte.

In Deutschland steht die Durchimpfung der Bevölkerung mit Corona-Vakzinen am Anfang und ein Ende der bisherigen Beschränkungen und Auflagen für Religionsgemeinschaften und soziale Zusammenkünfte ist angesichts von Mutanten und befürchteten neuen Wellen ebenfalls nicht in Sicht. Daher dürfte sich ein Fasten wie das letztjährige unter ähnlichen Vorzeichen wiederholen.

Anlässlich zum letztmaligen Integrationsgipfel im März 2021 dankte die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Annette Widmann-Mauz, migrantischen Gemeinschaften für ihre Beiträge zum Schutz vor der Pandemie. Ähnlich äußerten sich Politiker*innen bezüglich der Leistung muslimischer Communitys beim Infektionsschutz. Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind diese seit dem 19. März letzten Jahres gewissenhaft in der Einhaltung der nötigen Hygieneregeln.

Das ändert nichts daran, dass wir die teils massiven Einschränkungen und pandemiebedingten Umstellungen als zusätzlichen Verzicht in einer Phase des Verzichts wahrnehmen. „In diesem Jahr müssen wir leider auch auf die Gemeinschaft verzichten, auch wenn es schmerzt“, sagte Zekeriya Altuğ vom DİTİB-Bundesvorstand im April 2020. Das Gemeinschaftserlebnis, die Öffnung gegenüber dem Mitmenschen und die Speisung von Armen seien für viele wesentliche Aspekte eines Ramdans. ZMD-Vorsitzender Aiman Mazyek bezeichnete muslimische Bemühungen gegen eine Ausbreitung des Virus als „unsere religiöse Pflicht“. Gottesdienste und Anbetung sollen im Familienkreis vollzogen werden, sagte der Dachverband. Immerhin wurde vom Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, überliefert, dass er die abendlichen Tarawwih-Gebete zuweilen in seinen Räumlickeiten verrichtete.

Obschon der Virus und die Maßnahmen gegen ihn zu schweren sozialen Einschnitten führten und auch den kommenden Ramadan beeinflussen werden, stellt das keinesfalls ein Hindernis für das Fasten selbst dar. 2020 sahen Mediziner*innen kein Problem für Gesunde, sich während der Epidemie ramadanbedingt zu enthalten. „Die Fastenzeiträume im Ramadan sind für Gesunde vollkommen unbedenklich“, sagte der Leiter des Kompetenzzentrums Humanitäre Hilfe der Fachhochschule Münster, Joachim Gardemann. Bei gesunden und regelrecht ernährten Menschen komme es zu keiner Schwächung des Immunsystems. Aufpassen müssten höchsten Ältere oder Menschen mit geschwächter Körperawehr, meine Martha Ritzmann-Widderich von der Ärztegemeinschaft Heilfasten. Bekanntermaßen können und sollen schwache und kranke Menschen auf ein Fasten verzichten und die Tage nachholen, sobald sie dazu körperlich wieder in der Lage sind.

In verschiedenen muslimischen Gemeinschaften und Verbänden wurde kreativ über die Möglichkeiten reflektiert, trotz Pandemiebedingungen die sozialen Aspekte des Ramadans aufrechtzuerhalten. In einer aktuellen zweisprachigen Handreichung „Unsere Aktivitäten während der Pandemie“ hat die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) dokumentiert, was sich machen lasse. So nutzte man seine Kontakte, um Mitglieder*innen oder muslimischen Nachbar*innen, kleine Geschenke, Datteln und Ramadankalender zu übergeben.

In einigen Gemeinden wurden an Feiertagen Geschenkpakete ausgeliefert. Apropos Lieferung: Nicht nur aktiennotierte Lieferdienste setzten in der Pandemie voll auf das Ausliefern von Mahlzeiten. In Hamburg richteten einige Mitgliedsvereine des Lokalverbands Schura die Möglichkeit ein, dass Menschen, die früher die Gelegenheit zum Fastenbrechen vor Ort nutzen konnten, im vergangenen Ramadan entweder Pakete abholen oder geliefert bekommen.

Es gab – nicht nur in Deutschland – kleine Lichtblicke. Da in ganz Europa Moscheen aus Gründen des Infektionsschutzes geschlossen blieben oder nur sehr eingeschränkt funktionieren konnten, erlaubten einige Städte nach Angaben des IGMG-Readers, „in dieser Phase zu besondern Anlässen wie der Miradsch-Nacht oder im Ramadan den öffentlichen Gebetsruf“. Unter Einhaltung öffentlicher Auflagen und unter Beachtung von Lautstärkegrenzwerten wurde zum Gebet gerufen. „Einen besonders bewegenden Moment erlebten die Muslime in der spanischen Stadt Granada.“ In dem früheren muslimischen Viertel Albaicin sei erstmals nach 500 Jahren wieder der ‘Adhan in der großen Hauptmoschee erklungen.

Die Coronakrise habe die meisten von uns unvorbereitet getroffen, schreibt die Autorin Dr. Jennifer P. Eggert bei „The Muslim Vibe“ (TMV). Nicht nur Gemeinschaften, auch Individuen waren es gewohnt, an diversesten sozialen und familiären Treffen teilzunehmen. „Lockdown, Reisebeschränkungen und körperliche Distanzregeln werden das in diesem Jahr zumeist unmöglich machen.“

Von der essenziellen Perspektive sei es so, dass Ramadan niemals soziale Bindung zum Ziel hat. Nichtsdestotrotz erweise sich die Unmöglichkeit oder Beschränkung bei Begegnung für viele als bedrückend. „Das dürfte uns alle betreffen (…). Jedoch ist es eine besondere Herausforderung für Muslime, die alleine leben.“ Für viele sei das bereits vor Quarantänen und Lockdowns keine neue Erfahrung gewesen. Für Konvertit*innen, Einwander*innen, Alleinerziehende und andere ohne direkte Anbindung an eine muslimische Gemeinschaft sei Ramadan schon lange so gewesen.

Die Autorin rät uns, den Fokus in dieser Zeit nicht aus den Augen zu verlieren. „Erinnern wir uns daran, dass es einen Grund gibt, warum wir jetzt an diesem Ort sind. Allah hätte uns nicht in diese Situation gebracht, hätte Er nicht gewusst, dass hierin für uns Gutes liegt. Und Allah hätte das nicht getan, wenn Er nicht gewusst hätte, dass wir sie bewältigen können.“ Muslime wüssten, dass nichts grundlos geschehe und dass Allah der beste aller Planer ist. „Wir wissen, dass wir Dinge nicht mögen, obwohl sie gut für uns sind. Wir vertrauen darauf, dass mit der Beschwernis die Leichtigkeit kommt. Wenn Allah uns das versprochen hat – was gibt es dann zu befürchten?“

Der marokkanische Gelehrte Schaikh Muhammad ibn Al-Habib sagte einmal: Seid sacht mit eurem Selbst. In diese Richtung geht auch Eggert. Es sei wichtig, die ursprünglichen Absichten, die wir für den Ramadan fassen, in den Blick zu nehmen. Das sei wichtig, damit wir nicht vor unrealistischen Erwartungen stünden. „Es ist gut, ehrgeizig zu sein. Kleine und konsequente Aktionen sind besser als solche, die auf dem Papier vielleicht fantastisch klingen, die Sie aber nicht einhalten können. Seien Sie nett zu sich.“ Wir sollten ignorieren, was sonstige Leute tun. Das ist der eigene Ramadan. „Wenn Sie es motivierend finden, nutzen Sie die Ziele und Aktionen anderer als Inspiration. Wenn nicht, melden Sie sich vielleicht einfach für eine Weile von den sozialen Medien ab.“

Gutes Essen und gesunder Schlaf sind im Ramadan immer wichtig. Aber werden wichtiger, wenn man nicht nur den ganzen Tag fastet, sondern darüber hinaus versucht, mit Stress umzugehen, während man in einer Pandemie von seinen Lieben getrennt ist. Versuchen Sie, gesunde Mahlzeiten zuzubereiten. Wer beim Kochen nicht fortgeschritten ist, findet im Internet viele schnelle, aber trotzdem gesunde Rezepte.

Das Thema Schlaf ist nicht nur beim Fasten wichtig, aber es wird im Ramadan bedeutender. Viele machen dann die Erfahrung, dass Schlafentzug recht unangenehm werden kann. Das bringt unseren natürlichen Rhythmus aus dem Lot. Wir fühlen uns antriebslos und gelegentlich beeinträchtigt das unsere mentale Gesundheit. Nach Ansicht von Dr. Walid Abdul-Hamid, einem Klinikdirektor und Psychologen aus Dubai, könne eine Mahlzeit vor vier Uhr morgens verheerend sein. „Das hat seinerseits negative Folgen für die geistige Gesundheit und das körperliche Wohlergehen“, zitiert ihn die Webseite muslim.com.

Sein Rat ist: Versuchen, jeden Tag zur selben Zeit schlafen zu gehen und aufzuwachen. Und tagsüber kein Nickerchen machen. „Essen Sie nicht übermäßig viel vor dem Schlafengehen“, rät der Mediziner, „und vermeiden Sie industrdicell verarbeitete Lebensmittel, die die Schlafqualität stark beeinträchtigen können. Setzen Sie sich morgens mehr dem Sonnenlicht und abends weniger dem künstlichen Licht aus, um den natürlichen zirkadianischenen Rhythmus Ihres Körpers zu unterstützen“, fügt Abdul-Hamid hinzu.

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