Führung kann man lernen: Amana statt bloßes Management
Amana Akademie: Nadir Moubarrid und Mohammed Jimoh erklären, wie muslimische Gemeinden Führung, Ehrenamt und Kommunikation stärken können – mit islamischen Werten und professionellen Methoden.
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(iz). Nadir Moubarrid und Mohammed Jimoh wollen mit der Amana Akademie eine Lücke in der muslimischen Community schließen: Führung soll nicht als Status oder bloße Managementtechnik verstanden werden, sondern als Amana – als anvertraute, vor Allah zu verantwortende Aufgabe.
Im Gespräch erläutern die Gründer, warum gerade Ehrenamtliche Unterstützung in Organisationsentwicklung, Kommunikation und Außenwirkung brauchen, weshalb professionelle Methoden islamischen Prinzipien dienen müssen und wie eine neue Generation Verantwortung übernehmen kann.
Islamische Zeitung: Wir sprechen mit Nadir Moubarrid und Mohammed Jimoh. Sie sind Gründer der Amana Akademie. Vielleicht könnt ihr was zu euch und zum Projekt erzählen.
Mohammed Jimoh: Mein Name ist Mohammed Jimoh. Ich bin Chemieingenieur und seit langer Zeit in der deutschsprachigen muslimischen Arbeit tätig. Ich bin Deutsch-Nigerianer.
Nadir Moubarrid: Mein Name ist Nadir Moubarrid. Lange Zeit habe ich Menschen im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste geschickt: im Rahmen des Projekts „Wüstencoach“. Dort bin ich mit Unternehmern sowie kleinen und mittelständischen Firmen in die Wüste gegangen und habe zu den Themen Persönlichkeitsentwicklung und Teambuilding gearbeitet.
Alhamdulillah hatte ich bereits in jungen Jahren das Privileg, mich in der muslimischen Arbeit engagieren zu dürfen – von Jugend an. Mohammed und ich kennen uns schon sehr lange. Allah hat unsere Wege zusammengeführt, sodass wir nun gemeinsam die Amana Akademie gegründet haben. Das Interessante daran ist: Ich hatte schon lange die Idee zu solch einem Projekt – und Mohammed auch. Wir wussten jedoch nicht voneinander.
Dann gab es einen Bruder, der uns kannte und meinte: „Ihr müsst miteinander reden.“ Daraufhin kamen wir ins Gespräch. Alhamdulillah, es hat harmoniert, so wie wir es uns vorgestellt hatten. Nun steht die Pilotveranstaltung vor uns.
Für uns war es wichtig, nicht einfach nur zu sagen: „Wir haben eine Idee, wir finden sie gut, also setzen wir sie jetzt um.“ Vielmehr wollten wir wissen, ob die Community das Konzept annimmt und ob überhaupt Bedarf besteht. Eine Idee kann noch so gut sein: Wenn die Menschen sie nicht annehmen, bleibt sie letztlich nur eine gute Vorstellung.
Deshalb haben wir eine Umfrage durchgeführt. Wir haben die Befragung an etwa 2.500 Personen aus unserem Netzwerk und an Einrichtungen verschickt. Und wollten ermitteln, wie groß der Bedarf ist und was die Menschen sich wünschen: von den Inhalten über ihre Bedürfnisse und Engpässe bis hin zur Frage, was ein solches Seminar kosten darf.
Gerade daran scheiden sich in der muslimischen Community die Geister. Die einen denken, alles sollte kostenlos sein. Dann wird häufig das Wort „fisabilillah“ bemüht. Gemeint ist damit in der Regel nicht das, was es bedeutet, sondern dass etwas unentgeltlich angeboten werden müsse.
Ich frage mich jedoch: Wenn wer für seine Dienste Geld nimmt, ist das dann automatisch nicht für Allah? Es bleibt ja fisabilillah. Wir wollen schließlich einen Mehrwert schaffen. Deshalb war es uns wichtig, diese Frage an die Community zu stellen. Wir haben Rückmeldungen erhalten, mit denen wir arbeiten konnten.
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Islamische Zeitung: Ihre Tagung verbindet Führung mit dem islamischen Begriff der „Amana“. Was verändert sich im Führungsalltag, wenn Leitung nicht zuerst als Macht oder Status, sondern als Treuhand verstanden wird?
Nadir Moubarrid: Wir bewegen uns schon lange in der Community und der Gemeindearbeit. Dabei sehen wir, wo Engpässe liegen, und Probleme entstehen – gerade auf Führungsebene. Oft liegt das an der Haltung: „Das gehört mir.“ Menschen kommen in eine Position und bleiben dann über Jahre hinweg dort.
Mitunter geht das so weit, dass Geschwister denken, ohne sie würde alles zusammenbrechen. Dabei vergessen wir, dass dieses Leben endlich ist. Uns steht nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung, in der wir wirken dürfen und können. Irgendwann sollte man Platz machen. Im Extremfall stirbt jemand – dann muss die Position ohnehin neu besetzt werden.
Viele Streitigkeiten in muslimischen Einrichtungen, Gemeinden und anderen Zusammenhängen entstehen, weil die Begriffe Leadership, Verantwortlichkeit und Führung nicht in diesem Sinne verstanden werden. Wenn ich weiß, dass es sich um eine Amana, also um ein anvertrautes Gut, handelt, geht es nicht nur um die zeitliche Begrenzung einer Aufgabe. Es geht auch darum zu verstehen: Diese Aufgabe ist mir in die Hände gelegt worden.
Dann stellt sich die Frage: Von wem wurde das getan? Einerseits von den Menschen, die mir vertrauen und sagen: „Bitte führe uns“ oder „Bitte übernimm die Führung“.
Vor allem aber ist diese Verantwortung eine Amana, weil Allah uns diese Möglichkeit gegeben hat. Und Er wird mich nach diesem anvertrauten Gut fragen.
An dieser Stelle fällt mir die Aussage des zweiten Kalifen ‘Umar ein: Als er im Sterbebett lag, schlug ihm der Rat der Muslime vor, sein Sohn solle die Führung übernehmen. Daraufhin sagte er: „Es reicht, dass einer aus der Familie al-Khattab vor Allah nach dieser Verantwortung gefragt wird. Es müssen nicht zwei sein.“ Das zeigt uns etwas.
Das ist das Verständnis von Leadership, das wir meinen – und genau dieses vermisst man häufig. Dazu möchten wir einen Beitrag leisten.
Mohammed Jimoh: Unser Leitsatz lautet: „Jeder von euch ist ein Hirte, und jeder von euch ist verantwortlich für seine Herde.“ Gerade dieses Bild ist, wie ich finde, für Führungskräfte und Menschen in Führungsrollen ein wichtiges Leitbild.
Ein Hirte nimmt seine Aufgabe auf vielfältige Weise wahr. Genau diese Aspekte möchten wir ebenfalls vermitteln. Für mich persönlich war das ein wesentlicher Beweggrund, mit der Amana Akademie zu starten: Schon als Student bin ich früh in die Rolle geraten – teils auch hineingedrängt worden –, Verantwortung in der Community zu übernehmen.
Das haben wir gerne getan – auf Grundlage islamischer Prinzipien, die man sich im Laufe der Jahre angeeignet hat. In meinem Berufsleben habe ich gelernt, dass es Methoden gibt, die dabei helfen, Führungsaufgaben zu strukturieren und Führungsrollen auf unterschiedliche Weise auszugestalten.
Genau das wollen wir mit der Amana Akademie erreichen: eine Verbindung zwischen islamischen Werten und den Erkenntnissen der Führungswissenschaften. Gerade unserer Community, in der viele Menschen noch nach dem Prinzip „Learning by Doing“ handeln, möchten wir einen Rahmen bieten, in dem sie Führung strukturiert erlernen können.

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Islamische Zeitung: Sie haben von Managementtechniken, Verwaltung und Strukturen gesprochen. In den vergangenen Jahren hat sich, stark beeinflusst durch den US-amerikanischen Raum, in Verbänden eine Management-Mentalität entwickelt, die manche in Fortbildungen als anspruchsvoll oder erklärungsbedürftig erleben. Wo liegt der Unterschied zwischen einem technisch verstandenen Managementansatz – nach dem alles plan- und organisierbar ist – und einem auf Amana beruhenden Verständnis von Organisation und Leitung?
Nadir Moubarrid: Genau das, was du ansprichst, ist einer der Engpässe, die wir in der muslimischen Community wahrnehmen. Ich spreche dabei zunächst vom deutschsprachigen Raum, nicht über den englischsprachigen. Dort sind die Bedingungen historisch und strukturell anders.
Was wir hier jedoch beobachten, ist Folgendes:
Alhamdulillah, es gibt inzwischen reichlich Akademikerinnen und Akademiker in der muslimischen Community. Das sind Menschen mit Studienabschlüssen, Diplomen oder Masterabschlüssen, die auch im Management tätig sind. Viele von ihnen arbeiten in Konzernen bzw. bekleiden Leitungspositionen. Es ist auf jeden Fall gut und wertvoll, dass sie sich mit ihren Erfahrungen und dem, was sie gelernt haben, in die Community einbringen möchten.
Manchmal haben wir den Eindruck, dass dies unreflektiert geschieht. Als muslimische Gemeinschaft sind wir zwar aus den physischen Hinterhofmoscheen herausgewachsen, doch unser Denken ist teilweise noch von diesen Strukturen geprägt.
Dann kommen Geschwister, die eine entsprechende Bildung oder Ausbildung genossen haben, und versuchen, ihre Vorstellungen der Gemeinde überzustülpen. Bisweilen entsteht sogar die Haltung: „Die da unten haben keine Ahnung. Wir sind die Ausgebildeten, wir verstehen Management, Organisation und Führung.“
Dann entwickelt sich ein Denken in zwei Klassen. Ich habe das bei einer muslimischen Veranstaltung erlebt: Einige Geschwister erschienen im Anzug mit Krawatte – so, wie man sich einen modernen Manager vorstellt. Andere kamen in traditioneller orientalischer Kleidung, etwa in einer Jalabiya. Tatsächlich wurde dann gefragt: „Was suchen die denn hier?“ Sinngemäß hieß es: Hier sei doch nur die Elite, „die Crème de la Crème“. Dabei handelte es sich um Menschen, die sich in der muslimischen Community engagieren. Für mein Verständnis beruht das alles andere als auf Amana.
Es ist vielmehr kibra-basiert – also von Überheblichkeit geprägt. Ich formuliere das bewusst zugespitzt. Ich würde sogar sagen: Das ist schaitan-basiert. Denn genau diese Haltung hatte er, als Allah dem Teufel befahl, sich vor Adam (a) niederzuwerfen. Er erwiderte sinngemäß: „Warum sollte ich das tun? Ich bin doch etwas Besseres.“ Gegen ein solches Denken müssen wir präventiv arbeiten. Wo es zu Brüchen in diese Richtung gekommen ist, muss unser Verständnis korrigiert werden.
Das darf uns als Muslimen nicht passieren. Denn wir sollen nicht lediglich managen oder organisieren. Das Handeln soll vielmehr zu einer Führung beitragen, die Mehrwert schafft.
In diesem Sinne gibt es den Hadith des Propheten Muhammad (s), nach dem der Edle eines Volkes, derjenige ist, der ihnen zu Diensten ist. Natürlich braucht es Strukturen und alles, was dazugehört – doch darauf darf der Kern nicht beruhen.
Darin liegt für uns auch der Unterschied zwischen klassischen, westlichen Managementtheorien und einem muslimischen Verständnis von Management und Führung. Wir orientieren uns in erster Linie an Prinzipien. Sie sind entscheidend. Sie helfen uns anschließend dabei, geeignete Methoden zu entwickeln. Diese sollen uns unterstützen; sie sind jedoch nicht das Nonplusultra.
Islamische Zeitung: Ein großer Teil muslimischer Aktivitäten in Deutschland – ob in Moscheevereinen, Bildungsinitiativen, Kindergärten oder anderen Projekten – wird weiterhin ehrenamtlich getragen. Was für Herausforderungen erleben Ehrenamtler dabei besonders häufig? Und welche Kenntnisse bzw. Fähigkeiten möchte die Akademie ihnen vor allem vermitteln?
Mohamed Jimoh: Aus meiner Erfahrung ist insbesondere das Ehrenamt in den Gemeinschaften von großer Bedeutung. Zwar richtet sich diese Arbeit häufig zunächst an die jeweilige Gemeinde, doch als solche wirken wir zugleich in die Community und in die deutsche Gesellschaft hinein.
Genau dabei möchten wir mit der Amana Akademie unterstützen: Wir wollen Gemeinden und insbesondere Ehrenamtlichen die erforderlichen Fähigkeiten und Werkzeuge vermitteln – sowohl aus den Managementlehren als auch, und vor allem, aus dem Islam. Ein wichtiges Vorbild ist dabei der Prophet Muhammad (s), der Führung vorgelebt hat.
Es geht darum, diese Elemente zusammenzuführen und aufzuzeigen, wie sie ihre Arbeit auch gegenüber der Gesellschaft darstellen können. Das entspricht meinen Erfahrungen: Werden Gemeinden für ein Interview angefragt, sind die Verantwortlichen häufig nicht darauf vorbereitet. Deshalb stellt sich die Frage, wie sich Kommunikation und Außenwirkung verbessern lassen – sowohl in der internen als auch insbesondere nach außen.
Hier möchten wir Ehrenamtliche mit Programmen zu Führung, Kommunikation und Organisationsentwicklung unterstützen. Dabei geht es unter anderem darum, wie eine Organisation sinnvoll strukturiert und aufgebaut werden kann, sodass sie in der Gesellschaft Anerkennung findet. Dazu gehören auch praktische Fragen der Vereinsstruktur, der Satzung und weiterer organisatorischer Grundlagen.
Islamische Zeitung: Das Ehrenamt hat sich stark verändert und stellt heute andere Anforderungen als früher. Wie unterstützt die Amana Akademie Gemeinden und Engagierte dabei, diesen Herausforderungen in Kommunikation, Außenwirkung und Organisation gerecht zu werden?
Nadir Moubarrid: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Ich will dazu zwei Impulse geben. Erstens werden Management und Führung häufig miteinander vermischt, obwohl es sich um differenzierte Bereiche handelt. Im Pilotprojekt möchten wir diesen Unterschied vertiefen und inhaltlich genauer darauf eingehen.
Zweitens unterscheiden wir nicht danach, ob Leadership und die Fähigkeiten, die wir in unseren Communitys, Gemeinden und Einrichtungen benötigen, haupt- bzw. ehrenamtlich eingesetzt werden. Für ihre Bedeutung spielt es keine Rolle, ob diese Arbeit bezahlt wird oder nicht.
Ich kann entlohnt werden und trotzdem schlechte Arbeit leisten. Und ich kann unbezahlt handeln und ebenfalls gute Arbeit leisten – entscheidend ist das Motiv. Der Begriff trägt es in sich: Es geht um eine ehrenvolle Tätigkeit. Genau hier liegt oft ein Problem. Manche denken: Wenn ich ehrenamtlich arbeite, kann ich heute kommen oder morgen; schließlich werde ich nicht bezahlt, es ist meine Zeit und ich entscheide selbst.
Demgegenüber frage ich: Wer ist dein Arbeitgeber? Im Berufsleben zahlt dir ein Chef am Monatsende das Gehalt, damit du Miete und Rechnungen bezahlen kannst. Doch wem gegenüber bist du verantwortlich, wenn du dich in der Gemeindearbeit oder in einer muslimischen Einrichtung engagierst? Natürlich kann diese Arbeit auch vergütet werden.
Entscheidend ist, dass wir beim Ehrenamt verstehen: Der Arbeitgeber ist Allah. Ich möchte meiner Gemeinde, den Muslimen und einer Institution dienen, die einen spezifischen Zweck erfüllt und der Allgemeinheit zugutekommt. Die Gegenleistung dafür erwarte ich von Allah – in welcher Form auch immer sie aussehen mag.
Es geht nicht darum, ob ich für die Tätigkeit entlohnt werde oder nicht. Entscheidend ist das Verständnis von Engagement. Wenn ehrenamtliches Handeln bedeutet, um Allahs willen einen Mehrwert zu schaffen, dann sollte meine Leistung sogar professioneller und vollständiger sein als im bezahlten Beruf.
Ich glaube: Wer den Gedanken in sich trägt, durch diese Arbeit im Diesseits einen Zuwachs zu schaffen und zugleich im Jenseits voranzukommen, würde mit diesem Thema anders umgehen. Dann wäre es nicht mehr eine Frage nach dem Motto: „Kommst du heute oder kommst du morgen?“
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Islamische Zeitung: Kommen wir noch einmal zur Pilottagung. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf PR, Medien und Kommunikation – einem weiten, im Ehrenamt aber auch besonders sensiblen Feld. Welche typischen Fehler beobachten Sie, wenn muslimische Organisationen über ihre Arbeit oder strittige Themen kommunizieren?
Mohammed Jimoh: Vielleicht sollten wir damit beginnen: Eines der wichtigsten Prinzipien ist, überhaupt zu kommunizieren. Organisationen müssen sich zunächst grundsätzlich darüber Gedanken machen, was sie da tun wollen.
Dabei sollte das Prinzip der Beständigkeit, das wir Muslime vom Propheten Muhammad (s) gelernt haben, die Grundlage bilden. Es gilt, offen und ehrlich mit Menschen zu sprechen, zugleich aber auch strategisch vorzugehen.
Gerade beim Aufbau einer neuen Struktur wird Kommunikation oft nicht früh genug mitgedacht. Dann kann es schnell passieren, dass man in eine Lage gerät, in der man kommunizieren muss, ohne darauf vorbereitet zu sein. Deshalb braucht es klare Strukturen: Wer kommuniziert? Was vermitteln wir? Und in welchen Situationen? Nicht jede Person in einer Organisation sollte sich zu allen Themen und zu jedem Zeitpunkt äußern.
Damit dies gelingen kann, muss man sich frühzeitig mit diesen Fragen beschäftigen. Der Ansatz unserer Akademie besteht deshalb darin, Fachleute einzubeziehen, die inschallah vermitteln können, wie sich mit solchen Situationen umgehen lässt. Entscheidend bleibt dabei stets der Einklang mit den Prinzipien, an denen wir uns orientieren.
Islamische Zeitung: Abseits offenkundiger Kommunikationsfehler fällt mitunter auf, dass Organisationen nach außen anders klingen als im internen Austausch. Gemeint ist nicht Unehrlichkeit, sondern eine formelhafte, auf mögliche Kritik hin vorsichtig bereinigte Sprache. Wie wichtig ist es für muslimische Einrichtungen, in der Kommunikation nach innen und außen authentisch zu bleiben – ohne dabei die notwendige Sorgfalt aus den Augen zu verlieren?
Nadir Moubarrid: Ich bin überzeugt, dass Authentizität in der Vermittlung der wichtigste Punkt ist. Wenn ich nicht authentisch kommuniziere, sollte ich fragen, wie ich mir dann noch in die Augen sehen kann.
Das Gesagte muss mit der eigenen Haltung übereinstimmen. Wie kommuniziert und welche Strategie man dabei verfolgt werden, ist eine weitere Frage.
Ich bin früher viel Bahn gefahren. An den Türen hing damals häufig eine Deutschlandkarte mit einem Spruch. Einer davon hat sich mir besonders eingeprägt: „Sage nicht immer, was du weißt, aber wisse immer, was du sagst.“ Ich glaube, genau darin liegt ein Problem vieler Einrichtungen: Wir reden manchmal, ohne zuvor gründlich darüber nachgedacht zu haben, was wir vermitteln.
Jede Kommunikation verlangt Vorbereitung. Man muss wissen, was man ausdrücken will. Dabei gilt zunächst der Grundsatz: Wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, soll Gutes sagen oder schweigen. Das ist das Fundament, auf dem wir aufbauen können. Vermittlung nach innen und außen muss geplant sein.
Daran fehlt es uns oft. Ich sage immer: Spiele nur ein Spiel, dessen Regeln du kennst. Kommunikation – insbesondere mediale – folgt bestimmten Regeln. Es gibt Techniken und Methoden, die man lernen muss. Selbst Profis bereiten sich auf Interviews, Gespräche bzw. Pressekonferenzen sorgfältig vor und lassen sich dafür schulen. Sie verlassen sich nicht allein auf ihre Erfahrung oder ihre Fähigkeiten. Genau diese Vorbereitung und Schulung fehlen uns häufig.
Wir wissen, dass wir sie brauchen, bilden uns aber nicht ausreichend darin fort. Ich hoffe, dass Allah es ermöglicht, diese Lücke zu schließen: unsere Vermittlung zu planen und zugleich authentisch zu bleiben, ohne uns zu verkaufen. Das setzt voraus, dass wir die Regeln der Kommunikation überhaupt kennen – und genau das tun viele von uns nicht.
Islamische Zeitung: Parteien, Industrieverbände und große Sportvereine bilden hier ihren Nachwuchs in Führungsakademien aus, um Kompetenzen weiterzugeben und die Arbeit langfristig zu sichern. Wäre ein solches Modell für hiesige Muslime sinnvoll?
Mohammed Jimoh: Ja, und genau darin liegt einer unserer Beweggründe für die Amana Akademie. Größere Verbände verfügen möglicherweise bereits über die Mittel, eigene interne Akademien aufzubauen oder solche Strukturen schon vorzuhalten.
Gerade in der muslimischen Community und im Ehrenamt gibt es jedoch viele Projekte, die diese Kapazitäten nicht haben: Kitas, Frauen- und Sportverbände, Gemeinden und Moscheen – insbesondere unabhängige Einrichtungen ohne übergeordnete Struktur. Ihnen fehlt häufig die Möglichkeit, vergleichbare Angebote selbst aufzubauen.
Genau darin liegt unser Gedanke bei der Amana Akademie: Wir möchten eine Struktur schaffen, auf die Gemeinden und Einrichtungen zurückgreifen können. Es gibt zwar zahlreiche Leadership- und Führungsakademien, sowohl interne Inhouse-Angebote als auch externe Programme. Unser besonderes Angebot besteht jedoch darin, diese Weiterbildung mit einer islamischen Komponente und einem solchen geprägten Rahmen zu verbinden.
Dazu gehört nicht nur, dass das Gebet als fester Bestandteil eingeplant wird. Auch gemeinsame Aktivitäten sollen Raum bekommen, die Vernetzung und Zusammenhalt innerhalb der Community fördern. Zugleich möchten wir inschallah die Referentinnen und Referenten, die wir einbinden, als Expertinnen und Experten für die Community zugänglich machen. Einrichtungen sollen bei Bedarf die Möglichkeit haben, diese Personen für weiterführende Unterstützung zu gewinnen.
Nadir Moubarrid: Das ist nicht nur ein denkbares Modell, sondern unser Grundmodell. Seit der Zeit des Propheten Muhammad (s) wurde Verantwortung von einer Generation an die nächste weitergegeben. Führung ist aus unserer Sicht nichts Vererbbares. Sie gleicht vielmehr einem Staffelstab: Sie kann nur weitergereicht werden, wenn es Menschen gibt, die in der Lage sind, sie zu übernehmen und weiterzutragen.
Genau hier sehen wir einen Engpass – und zugleich den Anspruch der Amana Akademie. Wir möchten diese Inhalte auf hohem Niveau vermitteln, damit die nächste Generation kein Pseudo-Management und kein Pseudo-Leadership übernimmt, sondern ein echt prinzipienbasiertes Verständnis von Führung entwickelt und praktisch umsetzt: im Dienst der Community, der Gemeinschaft, der Gesellschaft und letztlich der Menschheit.
Dabei gibt es keine engen Grenzen. Es existieren viele kluge und engagierte Menschen, die – bildlich gesprochen – wie Diamanten geschliffen werden müssen, damit sie ihr Potenzial entfalten können. Sie sollen nicht mit falschen Vorstellungen von Führung in die Community kommen, sondern mit einem Verständnis, das wirklich weiterbringt.
Denn Leadership bedeutet, anderen zu dienen, nicht sich aufgrund einer Aufgabe oder Position über sie zu stellen. Wenn uns das gelingt, dann hat Allah uns geholfen. Möge dieses Angebot angenommen werden.
Islamische Zeitung: Lieber Mohammed Jimoh, lieber Nadir Moubarrid, wir bedanken uns für das Gespräch.