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Ekstase des Grauens: Die islamische Praxis verdrängt nicht die Beschäftigung mit den Abgründen unserer Zeit

Ausgabe 323

Foto: VladKK, Shutterstock

(iz). Die russische Propaganda verkündet in diesen Monaten, dass ihre Armee angeblich gegen die Mächte der Finsternis kämpft. Im Osten Europas entsteht eine Grauzone, rechtlose Bezirke mit allen Anzeichen von schrecklichen Kriegsverbrechen. Es herrscht Krieg, nicht irgendwo, sondern in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Das Grauen in der Ukraine lässt sich nicht verdrängen, die Bilder der Opfer begleiten uns, ob bewusst oder unbewusst.

Auch im heiligen Monat Ramadan kann man sich dem Eindruck der Ereignisse nicht vollständig entziehen. Die islamische Praxis verdrängt nicht die Beschäftigung mit dem trostlosen Zustand der Welt und Muslime gewinnen ihre Zuversicht aus der Hoffnung auf ein gutes Schicksal. Die authentische Glaubensausübung beweist sich in persönlichen oder kollektiven Krisenzeiten als tragend.

Es ist kein Zufall, dass der Universalgelehrte Peter Sloterdijk sein neuestes Buch, eine ungewöhnliche Farbenlehre, der Farbe Grau widmet. Den Satz Cézannes „Solange man nicht ein Grau gemalt hat, ist man kein Maler“ überträgt der Philosoph in die Welt des Denkens. Sloterdijk erinnert in seiner facettenreichen Abhandlung an die Eigenschaften der Finsternis, des Nebels, der Stürme und beschreibt die Strudel der Zweifel, die Erfahrungen der Gottesferne, die Trostlosigkeit des Nihilismus, die Phänomene, die viele Schriftsteller und Philosophen zeitlebens beschäftigten.

Seine Abhandlung schließt mit dem Satz: „wer noch kein Grau gedacht hat, dem ist die Frage ‘unde bonum, Woher das Gute?’, die das Herz der Seinsfrage bildet, noch nicht begegnet.“ Der bewusste Umgang mit dem Grauen, mit den Grauzonen dieser Erde, die wir immer und überall vorfinden, bereitet uns gleichzeitig auf die intensive Erscheinung anderer Farben des Spektrums vor. Der Blick auf das Leben besteht niemals nur aus abgründigen Erfahrungen und den Eindrücken grauer Alltäglichkeit.

Goethe schrieb in seiner berühmten Farbenlehre den Farbtönen übergeordnete Eigenschaften zu: Blau etwa verband er mit Verstand, Gelb mit Vernunft, Grün mit Sinnlichkeit und Rot mit Phantasie. Die Anwendung von Farben zählt nicht nur zu den ältesten Formen der Heilbehandlung, die Sehnsucht nach der Hochzeit des Lichts, erklärt letztlich unsere Reiselust in den Süden. Der Einfluss der Grautöne, ob wir wollen oder nicht, bildet sich immer wieder in den Stimmungen ab. Ihre Wirkung kann durch die Außenwelt, aber auch in uns selbst ausgelöst werden. „Ein heiterer Tag ist wie ein grauer, wenn wir ihn ungerührt ansehen“, liest man im „Wilhelm Meister“ über den fortlaufend drohenden Verlust der Sinnlichkeit. „Die Wüste wächst: weh dem, der Wüsten birgt“, heißt es bei Nietzsche.

Der Umkehrschluss, der sich aus dem Lehrsatz Goethes ergibt, gilt: Wir sind in der Lage, mit Hilfe unserer inneren Kraft, graue Tagen zu wenden und in ihnen Helligkeit abzugewinnen. Wer sich auf Grautöne einlässt, statt sie zu verdrängen, steht schon in der Erwartung, in der Offenheit, für die Ankunft anderer, ergänzender Farben aus dem Spektrum. „Die Welt ist wunderbar im Ganzen“, kommentierte einst der Schriftsteller Ernst Jünger und beschrieb einen Zustand, der versucht – unbeeindruckt von Katastrophen und Abgründen – positiv zu bleiben. „Das Licht und die Finsternis stellen gleichursprüngliche Prinzipien dar, die wie Könige benachbarter Reiche miteinander im Streit liegen“ schreibt Sloterdijk.

Die deutsche Zivilgesellschaft ist seit dem Ausbruch des Krieges in eine Art Schockstarre geraten. Vor einigen Wochen war es der Klimaschutz und die Bekämpfung der Pandemie, die die Debatten prägten. Die Errungenschaften der guten Technik, erneuerbare Energien und die neuen Impftechniken, sollten einer Menschheit im Modus der Krise Lösungen bringen.

Nun meldet sich ein altes Trauma aus der Welt der Destruktion zurück, die Existenz der Atombombe. Die Furcht vor dem atomaren Inferno bildet die natürliche Grenze der Solidarität mit der bedrängten Ukraine. Die Hochrüstung des Landes, immer mehr Geld für Waffen und Kriegstechnik, so befürchten viele, könnte die westliche Welt in den dritten Weltkrieg führen.

Der schleichende Übergang von defensiven zu offensiven Waffengattungen, mit denen die Regierung in Kiew beliefert wird, sorgen einige Beobachter. Zur Zeit überbieten sich PolitikerInnen, ohne auf ihre Risikoabwägungen näher einzugehen, mit Forderungen an eine schnelle Ausrüstung der ukrainischen Armee.

Es wäre fatal, wenn diese Grundsatzfragen nicht ausführlich diskutiert werden. Eine intensivere, offene Debatte forderte zum Beispiel Hilmar Klute in einem Beitrag in der Süddeutschen Zeitung: „Es war gut, dass die Grünen einst über Kriegseinsätze stritten. Und es ist furchterregend, wie sie und ihr Milieu es nicht mehr tun. Wann wird in diesem Land wieder in alle Richtungen argumentiert?“

Die Diskussionen über die Möglichkeit eines Atomkrieges erinnern uns an vergessene Philosophen, deren Denken, unter dem Eindruck des Einsatzes der Bombe in Hiroshima, stand. Günther Anders sah in der Existenz der Waffe eine „Selbsterpressung“ der Menschheit. „Der menschliche Traum von der Allmacht wird negativ erfüllt: Wir besitzen die Macht, der Welt ein Ende zu bereiten, und sind die Herren der Apokalypse geworden.“ Anders begriff es als Aufgabe unserer Epoche, den Menschen der Maschine gegenüber Souveränität zu verleihen und drohende atomare und technisch induzierte ökologische Katastrophen abzuwenden. „Denn wenn ich ein Konservativer bin, so allein deshalb, weil es heute nicht genügt, die Welt zu verändern, vom Interpretieren zu schweigen. Weil wir sie zuallererst einmal bewahren müssen. In diesem Sinne bin ich, sind wir: die Gegner der Atomrüstung und der Kernreaktoren, Konservative. Also im Sinne von Konservator.“

Die Skepsis der deutschen Nachkriegsphilosophie gegenüber der Technik, gipfelte damals in einem klaren Nein zur Nutzung der zivilen Atomkraft und der Unterhaltung von Atomwaffen. Viele Jahre lang war die Bewegung gegen die atomare Aufrüstung in der Zivilgesellschaft und den Religionsgemeinschaften verwurzelt.

Tatsächlich stellt für Gläubige, unabhängig von ihrer Konfession, die Möglichkeit des Einsatzes dieser Waffe und die Projektionen auf die Vernichtung der Welt durch den Menschen, eine ungeheure Provokation dar. Die erbarmungslose Logik der militärischen Eskalation gefährdet den Sinn der Schöpfungsgeschichte. Hier fehlt es aus dem Lager der Muslime noch an entsprechenden Beiträgen. Fest steht, die Sorge um die Zukunft und Bewahrung der Schöpfung eröffnet, wie kaum eine andere Frage, die Möglichkeit eines Dialogs von Gläubigen. Bleibt dieses Engagement aus, wären die Irrelevanz der Religionen und ihre Sprachlosigkeit in entscheidenden Situationen ein weiteres Mal belegt.

Der Philosoph Karl Jaspers, der dem Problem der Atombombe ein ganzes Buch widmete, beschrieb die Voraussetzungen neuer Solidarität: „Wir suchen heute den Boden, auf dem Menschen aus allen Glaubensherkünften sich über die Welt hin sinnvoll begegnen können, bereit, ihre je eigene Geschichte neu anzueignen, zu reinigen und zu verwandeln, aber nicht preiszugeben.“ In seinem Buch setzte der Denker nicht auf Propheten. „Vielleicht könnten Propheten Rettung bringen, wenn sie es vermöchten, höchststehende Menschen und Massen gleicherweise in ihren Bann zu ziehen und zu überzeugen durch Beispiel und Glaubenskraft und Bußforderung. Sie würden ihren Ruf erheben, der jene Umkehr erwirkt; ohne die der Mensch heute verloren scheint. Aber sie sind nicht da und wären heute unglaubwürdig.“

Wird unsere Rechtsordnung in der Ukraine verteidigt und welche Risiken sind wir bereit hinzunehmen? Gibt es so etwas wie eine Verpflichtung zur bedingungslosen Solidarität? Jaspers beschäftigte sich intensiv mit dem bekannten Dilemma, dem Verhältnis von Freiheit und Überleben: „Denn ohne Freiheit verliert das Überleben seinen Sinn und ohne Überleben die Freiheit ihre Basis. Und so kann die Antwort nur heißen: keines ohne das andere; aber es kommt auf die Chance der Völker und der Einzelnen zur Freiheit an – und diese bleibt mit dem Risiko der Vernichtung verbunden.“

Die Last der Verantwortung der Entscheidungsträger wiegt schwer. Die Besonnenheit eines Bundeskanzlers, der diesen Fragen mit Vorsicht und Umsicht begegnet, wird von der ungeduldigen Öffentlichkeit schnell als eine zögerliche Haltung abgetan. Die Wiedereinführung der alles bestimmenden Freund-Feind Unterscheidung im Politischen, gefährdet die Chancen der Diplomatie, einen Ausweg zu finden.

Die Beschäftigung mit den Grauzonen, dem Nihilismus zerstörerischer Waffen und den depressiven Stimmungen, die sie in uns verursachen, ist nicht sinnlos. Die Drohung totaler Vernichtung verstehen nicht nur Philosophen als eine Zurückweisung auf den Sinn des Daseins. Passive Resignation wird das geistige Immunsystem des Menschen gefährden. Die Möglichkeit der finalen Zerstörung fordert nach Ansicht Jaspers unsere ganze innere Wirklichkeit heraus. Hier liegt der Berührungspunkt mit der religiösen Praxis. Das Graue und das Grauen, beide Phänomene werden nur mit spiritueller Kraft positiv überwunden. So bleibt uns die Aussicht, die Nizami so fasste: „Jede dunkle Nacht hat ein helles Ende.“