Frankreich und die Moral

Ausgabe 339

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Frankreich: Überlegungen zum Kolonialkrieg und einer potenziellen Kollektivschuld der Franzosen

(iz). Jedes Jahr besuchen tausende Touristen die Stadt Amboise an der Loire und das Schloss aus dem 15./16. Jahrhundert. Viele Gäste wundern sich über die muslimischen Gräber in der Parkanlage. Sie wissen oft nicht, dass im 19. Jahrhundert der französische Staat das Gebäude als Gefängnis für den algerischen Widerstandskämpfer Abd el-Kader nutzte.

Frankreich oder der Emir im Schloss

Der Emir führte an der Spitze aufständischer Stämme 1832-1847 den Kampf gegen die Kolonialisten und war bis zu seiner Verhaftung die Führungsfigur des Widerstandes. Vom 8. November 1848 bis zum 17. Oktober 1852 hielt er sich zusammen mit seiner Entourage im Schloss auf.

In den Jahren der Gefangenschaft erklang der Gebetsruf aus der provisorischen Moschee, die im Minimes-Turm eingerichtet wurde. Abdel el-Kader, so erzählt man, rätselte während seines Aufenthaltes darüber, warum ein Land, das über so viel Wasser und grüne Landschaften verfügt, ausgerechnet eine Wüste eroberte.

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Der Charakter des gebildeten Emirs beeindruckt bis heute Freund und Feind. Im Einklang mit dem islamischen Recht waren ihm Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung, der Einsatz moderner Kriegstechniken, des Terrors oder Selbstmordattentate fremd. Mit dem Begriff des Nationalismus hätte er zu seiner Zeit wenig anfangen können. Zudem beherrschte er nicht nur das Kriegshandwerk.

Nachdem er mit seinen Lehrern den Qur’an auswendig lernte, studierte er die Grundlagen des malikitischen Rechts, beschäftigte sich mit Literatur, Mathematik, Astronomie und der Heilkunde. Nach seiner Freilassung durch Napoleon III. lebte er in Damaskus und verhinderte 1860 mit seinen Kämpfern ein Massaker an Christen. In Amboise erinnert seit einigen Jahren ein Denkmal an das Symbol des algerischen Widerstandes.

Debatte um die Kolonialgeschichte

Schon im 19. Jahrhundert begann der Kampf der Philosophen und Schriftsteller um die Deutungshoheit der Kolonialgeschichte. In den Äußerungen des großen Victor Hugo verstecken sich bereits die moralischen Ansprüche und Widersprüche, die die Debatte über den Konflikt bis heute prägen.

Er veröffentlichte einerseits ein wohlwollendes Gedicht, das er Abdel el-Kader widmete: „Er, der wilde Mann der Wüste, er, der unter den Palmen geborene Sultan, der Gefährte der roten Löwen, der wilde Hadji mit ruhigen Augen, der nachdenkliche, wilde und sanfte Emir“. Andererseits bekannte sich Hugo, 1841, nachzulesen in seinem Tagebuch Ozean, zu den geistigen Legitimationsgrundlagen der Landnahme:

„Die Zivilisation geht über die Barbarei hinweg. Ein aufgeklärtes Volk wird auf ein Volk treffen, das in der Finsternis lebt. Wir sind die Griechen der Welt; es ist unsere Aufgabe die Welt zu erleuchten!“ Algerien wurde 1848 zu einem integralen Bestandteil des Mutterlandes erklärt.

Einige Jahre später, nachdem Victor Hugo zum überzeugten Republikaner mutiert war, zeigte er sich empört über die Repressalien gegen die „Eingeborenen“. Er schreibt: „In Afrika herrscht Barbarei, das weiß ich.“ Er prangert in Fragments d’histoire die Übergriffe der französischen Armee an: „Bei Stürmen, bei Razzien war es nicht ungewöhnlich, dass Soldaten Kinder aus Fenstern warfen (…).“

Leider hat Hugo keines seiner großen Werke über das Schicksal der Menschen und die brutale ausgeführte „soziale Chirurgie“ (Bourdieu), die Auflösung der traditionellen algerischen Gesellschaft in der Siedlungskolonie, geschrieben.

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Algerien oder der Schrecken im Gedächtnis

Spricht man heute über Algerien, sind es in erster Linie die schrecklichen Ereignisse des 20. Jahrhunderts, die sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Ausgerechnet im Jahr der Befreiung Frankreichs von der deutschen Besatzung ereignete sich im algerischen Sétif, am 8. Mai 1945, ein Massaker.

Zehntausende Algerier, die das Ende der Kolonialherrschaft forderten, fielen den französischen Militärs zum Opfer. In heutiger Geschichtsschreibung wird in den Übergriffen der Ausgangspunkt für den 1954 beginnenden Algerienkrieg gesehen.

Die marxistisch-nationalistische FLN entschied sich für die Taktik des Terrorismus. Der Kolonialmacht gelang es, militärisch die Oberhand zu behalten. Zuhause stritt die Nation über Kriegsverluste, Folter und Menschenrechtsverletzungen. Längst war der Krieg auch im Frankreich angekommen.

Das „Massaker von Paris“, ein Massenmord in der Hauptstadt am 17. Oktober 1961, ging in die Geschichte ein. Die Polizei reagierte auf Anordnung der Verwaltung brutal gegen eine nicht genehmigte, aber friedliche Demonstration Zehntausender Algerier, zu der die Unabhängigkeitsbewegung FLN aufgerufen hatte. Dabei kamen mindestens 200 Menschen ums Leben.

Charles de Gaulle verhandelte mit den algerischen Anführern, was zur Befreiung des Landes führte. Der Krieg endete im März 1962 durch die Verträge von Évian mit einer Verhandlungslösung, welche die Unabhängigkeit Algeriens unter Führung der FLN zur Folge hatte. Verabschiedet wurde ebenso ein zweites Dekret, wodurch auch alle von der Kolonialmacht begangenen Kriegsverbrechen straffrei wurden, darunter Folter, Vergewaltigungen und kollektive Vergeltungstaten.

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Streit der Erinnerungskulturen

Nach der Unterzeichnung der Verträge verließen Hunderttausende Franzosen Algerien. Die, in ihrem Selbstverständnis, Patrioten fanden keine politische Heimat in den etablierten Parteien, stand doch der von ihnen verachtete de Gaulle an der Spitze der führenden Formation der gemäßigten Konservativen.

Vor diesem Hintergrund wurden sie zu einer wichtigen, ja entscheidenden Ressource des Nationalismus der extremen Rechten, der sich seit den 1970er Jahren um Jean-Marie le Pen herausbildete.

Zu den dunklen Kapiteln der Geschichte gehört auch das Schicksal der Algerier, die mit den Kolonialherren zusammenarbeiteten. Bei Kriegsende 1962 gab es rund 45.000 Harkis (Kollaborateure), 60.000 Wehrdienstleistende und 20.000 Berufssoldaten aus Algerien in der französischen Armee, dazu 60.000 Mitglieder örtlich gebundener Milizen.

Darüber hinaus gab es neben dem Militärapparat noch rund 50.000 Staatsangestellte. Nach der Unabhängigkeit kam es zu zahlreichen gewalttätigen Übergriffen der FLN und von Sympathisanten der Unabhängigkeitsbewegung.

Bis heute streiten sich die VertreterInnen der verschiedenen Erinnerungskulturen über die ethische Bewertung der Ereignisse. Die Historiker formulierten das Problem: Ein Konsens der gemeinsamen Erinnerungen gelang nicht, da die Erfahrungen der Beteiligten extrem unterschiedlich waren. Auf der moralischen Ebene entzündete – insbesondere in der intellektuellen Szene von Paris – ein erbitterter Streit um die Notwendigkeit und Beurteilung des Einsatzes von Gewalt.

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Camus vs. Sartre

Berühmt geworden sind die Auseinandersetzungen der Philosophen Camus und Sartre über die Deutung des Kolonialismus. 1961 schrieb Sartre sein umstrittenes Vorwort zu dem Buch „die Verdammten dieser Erde“ von Frantz Fanon. Moralist sein, hieß für den algerischen Psychologen, den Kolonisierten etwas Handfestes entgegenzusetzen, den Dünkel des Kolonialherren zum Schweigen bringen, seine offene Gewalt brechen und „ihn rundweg von der Bildfläche vertreiben“.

Sartre stimmte zu und schrieb einige seiner umstrittensten Sätze: „Zum Beginn einer jeglichen Revolte muss man töten: einen Europäer zu töten heißt, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, im gleichen Atemzug einen Unterdrücker und einen Unterdrückten zu vernichten. Es bleiben ein toter Mann und ein freier Mann übrig, der Überlebende fühlt zum ersten Mal einen nationalen Boden unter seinen Füßen.“

Recht behielt Sartre mit einer anderen Ankündigung: „Die Vereinigung des Algerischen Volkes bringt die Entzweiung des französischen Volkes hervor.“

Die These der Spaltung der Franzosen zeigte sich in dem Konflikt mit Albert Camus über die Gewalt und den Terror. Sartre attackierte 1961 seinen Gegner, inzwischen verstorben, mit Sarkasmus: „Die Gewaltlosen haben gut lachen: weder Opfer noch Henker. Was soll das?“ Seitdem Albert Camus 1939 Das Elend in der Kabylei veröffentlichte, wurde ihm vorgeworfen, keine klare Benennung der Schuldigen vorgenommen zu haben und ein „wohlmeinender Kolonialist“ zu sein.

In seiner Biographie über Camus Im Namen der Freiheit stellt Michel Onfray die Eindeutigkeit der moralischen Schuld in Übereinstimmung mit den Thesen des Schriftstellers in Frage: War ein algerischer Weißer in den 1950er Jahren gleichzusetzen mit einem 1830 einmarschierten Soldaten? Waren die in Algerien geborenen Europäer qua Geburt schuldig?

„Achtzig Prozent der Franzosen in Algerien sind keine Kolonialherren, sondern Angestellte oder Kaufleute“, schrieb Camus gegen die Behauptung einer Kollektivschuld an. Er war der Ansicht, dass es bei dem Unabhängigkeitskampf weniger darum ging, die Lebensumstände der verarmten Bevölkerung zu verbessern.

Er sah in ihm vielmehr eine Ausgeburt des Pan-Arabismus, ein ideologisches Projekt, das die Unterstützung Moskaus genoss. Sein Engagement galt einer friedlichen Koexistenz zwischen Europäern und Algeriern, weshalb er von vielen Algerienfranzosen wie ein Verräter behandelt wurde.

Die Anhänger der Unabhängigkeitsbewegung wiederum verziehen ihm nie, dass er einmal über die Bombenattentate in Algier sagte, seine Mutter könne davon betroffen sein, und er ziehe seine Mutter der Gerechtigkeit vor, wenn Gerechtigkeit so aussehe. „In einer an große ideologische Maschinerien und deren monströse doktrinäre Dispositive gewöhnten Welt plädierte Camus für eine politische Mikrologie“, fasst Onfray die gewaltfreie Utopie des Philosophen zusammen.

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Alternativen zur Gewalt entwickeln

Im Gegensatz zu Sartre sah sein Kontrahent keine Notwendigkeit, die Kolonisten umzubringen. Man müsse, so argumentierte er, nur aufhören, sich dem Kolonialismus zu unterwerfen, und gemeinsam eine friedliche, libertäre Alternative entwickeln. Camus setzte auf freie selbstverwaltete Kommunen, Genossenschaften und Kooperationen statt auf den Nationalismus.

Fakt ist: Algerien kam in den Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit nicht zur Ruhe. In seinen „Algerischen Skizzen“ stellt Pierre Bourdieu fest: „Die zweifellos gefährlichste Illusion wäre eine, die man den Mythos der revolutionierenden Revolution nennen könnte, daß nämlich der Krieg wie durch Magie die algerische Gesellschaft von Grund auf verändert hätte; und darüber hinaus alle Probleme gelöst hätte, einschließlich der Probleme, die durch ihn entstanden sind.“

Die Kritik an Frankreich verstummte trotz aller Versuche der Annäherung und Versöhnung nie. Mit Blick auf das frankophone Afrika wurden die von Paris beherrschten Netzwerke in den ehemaligen Kolonien seit der Dekolonialisierung in den 1960er Jahren unter dem Stichwort Franceafrique kritisiert.

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Sahel-Staaten erinnern an Vergangenheit

Die aktuellen Ereignisse in der Sahel-Zone erinnern an die alten Vorwürfe einer von ökonomischen Interessen geleiteten französischen Geopolitik. Insbesondere die Jugend in der Region will von Frankreich nichts mehr wissen. Ob die Annäherung an kapitalistische Länder wie China oder Russland, die ohne die Achtung rechtsstaatlicher Standards agieren, die ehemaligen Kolonien der ersehnten Freiheit näher bringen, bleibt eine offene Frage.

In Europa wird es wichtig sein, wie die Muslime Deutschlands und Frankreichs auf diese Debatten reagieren und welche Lehren sie aus der Geschichte ziehen. Die deutsch-französische Freundschaft ist für alle BürgerInnen, mit oder ohne Immigrationshintergrund, ein bedeutendes Symbol der Überwindung des Nationalismus.

Der Streit um die Rolle der Kolonialmächte und den Widerstand dagegen, dreht sich letztlich aus muslimischer Sicht um die Unterscheidung zwischen revolutionären Ideologien und der klassischen Lehre.

Schon Bourdieu erinnerte an die Wesensveränderung, die eine vollständige Politisierung des Glaubens mit sich bringen kann: „Der Islam hat allmählich seine Bedeutung und Funktion verändert, weil er von Praktiken und magisch-mythischen Glaubensvorstellungen isoliert worden ist, die ihn im Heimatboden verwurzelt hatten, und weil er für einen Moment, mehr oder weniger bewußt, als revolutionäre Ideologie benutzt wurde, die fähig ist, die Massen zu mobilisieren und zum Kampf zu bewegen.“

Nach den neuerlichen Unruhen in den Banlieues hörte man aus den verschiedenen Lagern wieder Parolen, die an die ideologischen Gräben aus der Kolonialzeit erinnern: „Frankreich und die Franzosen, oder, der Islam und die Muslime sind an allem Schuld!“

In der taz beklagte Mohamed Amjahid zu Recht die Polizeigewalt und den institutionellen Rassismus inmitten Europas. Problematischer ist die bekannte moralische Frage nach der Legitimität von Gewalt, die der Kommentar aufwirft:

„Auch in anderen Ländern mussten in den vergangenen Jahren Polizeiwachen in Flammen aufgehen, damit die Schwächsten eine Überlebenschance bekommen. Diesen Zusammenhang zwischen Mobilisierung und Selbstschutz verstehen nur die wenigsten. (…) Rein analytisch und aus der Perspektive der Demonstrant*innen betrachtet: Paris muss brennen, damit sich zumindest kurzfristig etwas in Sachen Polizeigewalt im Land tun könnte.“

Tuisa Hilft - Kurban

Die Versöhnung in der französischen Gesellschaft und in der Außenpolitik hat einen langen Weg vor sich. Der Vernünftige sieht ein, dass jede Gewalttat die Konflikte verschärfen und die Extremisten stärken wird. Vielleicht hat ja Camus Recht, der zu seiner Zeit nach innovativen Ansätzen jenseits der Ideologien suchte: „Wir müssen in Nordafrika und in Frankreich neue Formeln und Methoden finden, wenn wir wollen, dass die Zukunft für uns noch einen Sinn macht.“