Was ist eigentlich Gesundheit, Frau Dr. Hatun KarakaÅŸ?

Zwischen Gesundheit und Krankheit: Die Ärztin und Influencerin Dr. Hatun Karakaş engagiert sich als Medizinerin und im Netz für unser Wohlbefinden.

10.12.2025 .Redaktion 6 Min. Lesezeit
Gesundheit Hatun KarakaÅŸ

Foto: ps-arts.de

(iz). Dr. Hatun Karakaş ist Fachärztin für Innere Medizin und eine der Stimmen, die nicht nur in der ambulanten Praxis, sondern ebenfalls in sozialen Netzwerken für ein ganzheitliches Verständnis von Wohlbefinden arbeitet. Insbesondere mit ihrer digitalen Präsenz hat sie viele PatientInnen und Follower gefunden. Ihre Biografie ist geprägt von Migration, Durchhaltevermögen und dem Anspruch, Wissen aus islamischer und medizinischer Perspektive zu vermitteln.

„Ich war schon vorher 20 Jahre als Gesundheits- und Krankenpflegerin tätig. Währenddessen habe ich studiert und bin Ärztin geworden. Nun arbeite ich im ambulanten Bereich und werde dort bleiben“, beschreibt sie ihren Werdegang. In sozialen Medien – angefangen bei Instagram, heute ebenfalls YouTube – sieht sie einen besonderen Aufklärungsbedarf insbesondere für muslimische und migrantische Communitys.

Ihre Lebensgeschichte ist für sie ein Zeugnis von Resilienz. Der Vater, ein Gelehrter, kam als Imam nach Deutschland und gab der Tochter den Wert des Wissens mit. Doch selbstbestimmtes Lernen und der Weg ins Medizin-Studium, für die sie sich eigenständig entschieden hatten, waren alles andere als problemlos: „Wir waren eine einkommensschwache Familie, und erst im Nachhinein erfuhr ich, wie viele der Altersgenossen bspw. Nachhilfeunterricht erhielten.“

„Dennoch habe ich mir und anderen bewiesen, dass ich ein kämpferischer Typ bin“

Diskriminierung und Benachteiligung begleiteten Dr. Hatun Karakaş auf einigen Stationen ihres Lebens – sowohl in der Ausbildung wie im Beruf. „Dennoch habe ich mir und anderen bewiesen, dass ich ein kämpferischer Typ bin, mich nicht unterkriegen lasse und meine Rechte eingefordert habe.“

Solche Phänomene hat sich während ihrer Berufsausbildung, in ihrer Schwesterntätigkeit und selbst im Studium in unterschiedlicher Ausprägung hinter sich gebracht. „Diese Erfahrungen stellten zweifellos erhebliche Hürden dar und haben den Weg nicht erleichtert.“ Fleiß war eine der Eigenschaften, die ihr auf diesem Weg geholfen haben.

Als Frau, Muslimin und Ärztin erlebt sie die Missstände in Krankenhäusern hautnah. Ihr Blick ist geprägt von etwa 20 Jahren Pflegearbeit und den Herausforderungen der medizinischen Praxis: „Ich fing 2005 als Fachkraft an. Da war es nicht so alarmierend wie heute.“ Damals habe deutlich mehr Personal im Gesundheitswesen gearbeitet, das mit der Zeit stetig abgebaut wurde. Das ist ein großes Problem. 

Einst sei die Pflege ein angesehener Beruf gewesen, gegenwärtig dominierten politisch und ökonomisch bestimmte Faktoren wie Personalmangel und zunehmende Privatisierung das Bild. Überstunden häuften sich auch für sie ebenfalls während ihrer Tätigkeit als klinische Medizinerin an, die Belastung sei stetig gewachsen: „Als ich das Krankenhaus verließ, hatte ich 300 angehäuft.“

Die Folgen beschreibt sie ehrlich: „Als Ärztin steht man vor dem Dilemma, entweder rechtzeitig nach Hause zu kommen und einen Berg Unerledigtes zu hinterlassen, wodurch Patienten benachteiligt werden.“ Sie erzählt von einem Berufsalltag, den sich viele Normalbürger so wohl nicht vorstellen können.

Als Krankenhausärztin war es normal, 18-21 Kranke pro Station zu betreuen. „Das war schon belastend. Zumal nicht jeder Tag dort alltäglich verläuft. Das heißt, es kommt immer wieder zu Notfällen. Man stößt dabei an körperliche und psychische Grenzen.“ Für sie liegt das Problem unter anderem darin, dass Beteiligte ausgebeutet werden.

Ihre besondere Leidenschaft gilt der Verbindung von wissenschaftlicher Medizin und islamischer Heilkunde. Schwarzkümmelöl, Honig, Schröpfen und geistige Praktiken wie die Anrufung Allahs gehören zum Spektrum.

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„Es gibt gewisse Bereiche, wo ich mich seit dem Studium für die Schnittmenge von Islam und Medizin interessiere“

„Es gibt gewisse Bereiche, wo ich mich seit dem Studium für die Schnittmenge von Islam und Medizin interessiere. Aspekte wie Schwarzkümmel, Gebet oder Dhikr sind spirituell und gleichzeitig ärztlich. Sie sind für mich eine Ergänzung.“

Privat fragen sie PatientInnen gezielt zu diesen Themen, die sie klinisch fundiert und verständlich beantwortet. Ihr Angebot will sie künftig in ihrer eigenen Praxis intensivieren. Grundsätzlich handelt sie zuerst als Profi im Gesundheitssystem. Diese ganzheitlichen Aspekte kommen bei ihr dann ins Spiel, wenn alle grundlegenden Faktoren abgedeckt sind.

Diese Perspektive wird im modernen Berufsalltag stark vernachlässigt. „Ich bemühe mich darum, Körper, Geist und Seele als gleich bedeutsam anzusehen und das in die Arbeit einfließen zu lassen. Sobald ich nächstes Jahr meine Praxis eröffne, möchte ich das verstärkt in mein Angebot aufnehmen.“

Diskriminierung

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„Respektvoller Umgang mit PatientInnen“

Dr. Hatun KarakaÅŸ geht es nicht nur um die oft polemische Differenz von „Schulmedizin“ vs. „Alternativmedizin“. Ihre ärztliche Ethik wird – ungeachtet der Heilmethoden – von einem respektvollen Umgang mit PatientInnen geprägt. Dabei bemüht sie sich, „spezifische kulturelle und religiöse Werte anzuwenden. Dazu gehört bspw. Geduld im Umgang mit Patienten und Angehörigen“.

Auch setzt sie sich für muslimische Kranke ein, die oft aus dem Blick geraten. „Bei vielen wird zu wenig Zeit für Aufklärung bereitgestellt. Ich habe das Gefühl, dass sie als Muslime und Mitbürger zu kurz kommen.“

Ob Kopftuch im Krankenhaus oder der Umgang mit Sterben und Trauer – hier sei spezifische Sensibilität gefragt, die im Gesundheitswesen bisher häufig fehle. Studien bestätigen ihre Erfahrung: „Ich würde so weit gehen und sagen, dass hierdurch Menschen real zu Schaden kommen – durch zu späte Diagnosen oder Stigmatisierung in Notfallsituationen.“

Bestimmte Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Leiden und Diabetes sind unter MuslimInnen statistisch auffällig. Die Lebensstilfrage ist zentral für die Medizinerin, denn Traditionen und Gewohnheiten lassen sich oft schwer durchbrechen. „Wie will man jemanden, der seit 40–50 Jahren Weißbrot isst oder täglich Reis zu seinen Mahlzeiten isst, dazu anhalten, die Ernährung umzustellen?“

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Großer Bedarf an medizinischer Aufklärung

Gleichzeitig sieht Karakaş in guter Aufklärungsarbeit unter MuslimInnen und ihren Gemeinschaften große Chancen: „Von ärztlicher Sicht gehören beispielsweise Dinge wie mehr Bewegung dazu – das wären leichte Änderungen wie tägliche Spaziergänge, was in unseren Communities kaum verbreitet ist.“

Der digitale Raum liefert eigene Herausforderungen. Die Ärztin engagiert sich bewusst dort, um Fehlinformationen entgegenzutreten. „Gerade unsere Communities sind anfällig dafür, weil sie wegen Diskriminierung und Rassismus schlechte Erfahrungen im Gesundheitswesen gemacht haben.“

Tatsachen haben es im Netz schwerer als Mythen: „Die kommen schon mal auf eine Million, während Seiten wie meine, wo bei dem Thema mit Fakten argumentiert wird, möglicherweise auf 60–70.000 kommen.“ Der Gegenwind ist spürbar, besonders in Krisenzeiten wie der Pandemie, als sie massiv attackiert wurde – aber ihren ärztlichen Kenntnissen und der nötigen Professionalität bleibt sie treu.

In den Augen von Dr. Hatun Karakaş reicht die zeitgenössische Medizin allein nicht aus für ein umfassendes Verständnis von Wohlbefinden bzw. seinem Fehlen. Sie plädiert für eine ganzheitliche Sicht: „Gesundheit bedeutet daher nicht bloß körperliche, sondern ebenso psychische, geistige und soziale Stabilität.“

Muslime hätten laut Prophet eine besondere Verantwortung für Gesundheit und Wohlbefinden. Das Bewusstsein wächst, wenn auch langsam: „Man merkt an der jüngeren Generation, dass sie sich mit Ernährung und Bewegung beschäftigt – mit viel Luft nach oben.“