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Ibn Khaldun oder das neue Land der Nomaden

nomaden ibn khaldun
Foto: Magnific/Freepik.com

Das Nomadentum ist keine bloß exotische Randfigur der Geschichte, sondern eine wiederkehrende Denkfigur, an der sich Fragen von Macht, Freiheit, Besitz, Mobilität und sozialer Ordnung bündeln.

(iz). Die Frage, wie und wo wir leben, hat eine Geschichte und findet in jeder Zeit eigene Ausdrucksformen. Zwischen Ibn Khaldun, Bruce Chatwin, Jessica Bruder und Chloé Zhaos „Nomadland“ verschiebt sich, wie wir sehen werden, die Bedeutung des Nomadischen deutlich: vom historischen Machtfaktor über die philosophische Anthropologie des Unterwegsseins bis hin zur prekären Mobilität des 21. Jahrhunderts.

Gerade darin liegt seine Aktualität, denn heutige Formen wie Vanlife, alternative Wohnmodelle oder digitales Nomadentum erscheinen einerseits als Versprechen von Freiheit, andererseits als Ausdruck einer neuen sozialen Unsicherheit.

Ibn Khaldun: Nomaden als geschichtsmächtige Form

Bei Ibn Khaldun sind Nomaden keine romantischen Wanderer, sondern Träger einer besonderen sozialen Energie. Ihre Stärke liegt in der ‘Asabiyya, der Gruppensolidarität, die aus Entbehrung, Nähe, Kampf und beweglicher Lebensweise entsteht.

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Diese Solidarität befähigte nomadische Gruppen dazu, sesshafte Reiche zu überwinden, Dynastien zu gründen und politische Ordnungen von der Peripherie aus zu erneuern.

Nomadentum steht hier also zunächst für historische Dynamik. Sesshafte Gesellschaften entwickeln Wohlstand, Verfeinerung und institutionelle Dauer, verlieren aber mit der Zeit jene Härte und Bindekraft, die Ibn Khaldun den nomadischen Verbänden zuschreibt.

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Nomadische Lebensformen erscheinen bei ihm deshalb weder als bloß rückständig noch als utopisch, sondern als ambivalente Gegenkraft zur Verweichlichung des Zentrums.

Für eine Reisephilosophie ist diese Perspektive deshalb wichtig, weil Mobilität hier noch keine individuelle Selbstverwirklichung oder Technik der Selbstverbesserung meint. Sie war eine kollektive Form des Lebens, die politische Folgen hatte.

Unterwegssein bezeichnet bei Ibn Khaldun keine ästhetische Haltung, sondern eine Sozialform mit eigener Moral, eigener Dynamik und eigenem Verhältnis zum Raum.

Bruce Chatwin: Das Nomadische als Anthropologie der Unruhe

Mit dem Reiseschriftsteller Bruce Chatwin verschiebt sich der Akzent entscheidend. In „The Songlines“ wird Nomadentum nicht mehr in erster Linie als historische Soziologie verstanden, sondern als anthropologische Grundfigur des Menschen. In seinem Buch geht es um die australischen Traumpfade der Aborigines: unsichtbare Lied-Landkarten, mit denen Landschaft, Herkunft, Mythos und Orientierung miteinander verbunden sind.

Chatwin entwickelt die suggestive, wenn auch wissenschaftlich umstrittene Idee, der Mensch sei ursprünglich ein wanderndes Wesen gewesen, und erst die Sesshaftigkeit habe seine Tendenz zur Gewalt, Besitzfixierung und Entfremdung verstärkt.

Damit wird das Nomadische bei Chatwin zu einer existenzialen Gegenfigur der modernen bürgerlichen Welt. Der Wanderer trägt nicht nur einen Rucksack, sondern ist von einer anderen Ontologie des Lebens geprägt: weniger Besitz, weniger Fixierung, mehr Bewegung und mehr Offenheit.

Die „Songlines“ erscheinen in dieser Lesart als poetische Topografie, in der Raum nicht vermessen und aufgeteilt, sondern gesungen, erinnert und begangen wird. Gerade die poetische Kraft seiner Erzählung hat Chatwin berühmt gemacht.

Zugleich liegt darin sein Problem. Seine Lektüre indigener Lebensweisen ist stark literarisiert und gelegentlich mythisch überhöht; die politische Realität tritt — so seine Kritiker — hinter einer Faszination für das „ursprünglich Nomadische“ zurück.

Für eine heutige Reisephilosophie bleibt Chatwin dennoch wichtig, weil bei ihm die Frage auftaucht, ob Mobilität nicht mehr ist als Fortbewegung, sondern einen Widerstand gegen Besitz, Verwurzelungszwang und die Verhärtung des Selbst symbolisiert.

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Foto: Johnny Hanson

Deleuze und Guattari: Nomadologie als Denkform

Bei den Soziologen Gilles Deleuze und Félix Guattari wird der Nomade noch einmal anders lesbar. In ihrem Denken ist das Nomadische weniger eine ethnografische Beschreibung als eine Denkfigur, die sich um Beweglichkeit, Entgrenzung und Anti-Hierarchie dreht.

Dem geordneten, parzellierten und verwalteten Raum des Staates stellen sie den „glatten Raum“ gegenüber: Wüste, Steppe, Meer oder jedes Feld, in dem Bewegung nicht vollständig durch Grenzen und Raster vorgegeben ist.

Nomadisches Denken bedeutet in diesem Zusammenhang, sich nicht entlang eines Baums mit Stamm und festen Wurzeln zu organisieren, sondern rhizomatisch: über Verzweigungen, Verbindungen, Querverläufe und Linien der Flucht. Das Nomadische wird damit zu einer Kritik an fixen Identitäten, linearen Lebensläufen und abgeschlossenen Territorien.

Aus reisephilosophischer Sicht ist das eine wichtige Ergänzung, weil das Reisen so nicht bloß als Ortswechsel erscheint, sondern als eine Form der Entterritorialisierung. Unterwegssein wird zur Übung darin, Gewohntes zu lockern, Sicherheiten zu verlassen und andere Verbindungen einzugehen.

Zugleich muss man gegen Deleuze einwenden, dass dieses geistige Nomadentum leicht zur Metapher privilegierter Mobilität werden kann, wenn die materiellen Bedingungen realer Nomaden aus dem Blick geraten.

Jessica Bruder: Nomadentum als Überlebensökonomie

Genau an diesem Punkt setzt Jessica Bruder an. Ihr Buch „Nomadland: Surviving America in the Twenty-First Century“ zeigt eine Form des Nomadischen, die nicht aus philosophischer Sehnsucht, sondern aus sozialem Zwang entsteht.

Bruder porträtiert vor allem ältere Amerikanerinnen und Amerikaner, die nach Finanzkrise, Jobverlust, Krankheit oder dem Zusammenbruch ihrer Altersvorsorge gezwungen sind, in Vans, Wohnmobilen oder Anhängern zu leben.

Ihre Sicht romantisiert den Begriff nicht. Vielmehr wird das Nomadische hier zur Überlebensstrategie einer Gesellschaft, in der Wohnen, Arbeit und Alterssicherheit prekär geworden sind.

Saisonarbeit bei Amazon, Erntearbeit, Jobs in Nationalparks oder Freizeitparks strukturieren den Rhythmus dieser mobilen Existenzen. Der Van ist nicht Symbol der Freiheit, sondern oft die letzte materielle Hülle zwischen einem Menschen und der Obdachlosigkeit.

Bruder zeigt die Härte dieses Lebens, aber auch die Solidarität, Würde und das praktische Wissen, das sich aus dieser Lebenspraxis ergibt. Gerade darin liegt die Verschiebung gegenüber Chatwin und auch gegenüber vereinfachten Deleuze-Lektüren: Nomadentum ist für Bruder kein Mythos der Ursprünglichkeit und keine reine Linie der Flucht, sondern eine Folge des spätkapitalistischen Umbaus von Arbeit und Wohnen.

Foto: Akhmed Chalandarov, Unsplash

Nomadland: Poetik und Melancholie der mobilen Existenz

Chloé Zhaos Film „Nomadland“ übernimmt diese soziale Wirklichkeit, verändert jedoch ihre Tonlage. Im Zentrum steht Fern, eine trauernde Witwe, die nach dem Zusammenbruch ihres bisherigen Lebens im Van durch die Vereinigten Staaten fährt.

Der Film zeigt Amazon-Hallen, saisonale Jobs, Parkplätze und improvisierte Camps, aber er übersetzt die dokumentarische Härte des Buches in eine stille, visuelle Meditation über Verlust, Würde und Zugehörigkeit.

Dadurch entsteht eine doppelte Perspektive. Einerseits bleibt sichtbar, dass diese Mobilität durch ökonomischen Druck erzeugt wird; andererseits erscheint sie als Raum einer anderen Form von Heimat. Die Heldin des Films ist „without a house, not homeless“, und genau in diesem Zwischenraum zwischen Entwurzelung und Selbstbehauptung liegt die philosophische Kraft des Films.

Im Unterschied zu Bruder tritt die explizite Sozialkritik im Film etwas zurück. Dafür gewinnt das Nomadische eine existenzielle Dichte: die Erfahrung, weiterzuleben, indem man weiterfährt, oder die Erfahrung temporärer Gemeinschaft, wenn man stehen bleibt. Die Reise erscheint nicht als Tourismus, sondern als eine fragile Form, mit Verlust, Einsamkeit und offener Zukunft zu leben.

Daneben zeigt der Film die soziale Wirklichkeit einer mobilen Bevölkerungsgruppe in den USA, die in den letzten Jahren enorm gewachsen ist. Und — wir kehren wieder zu Ibn Khaldun zurück — wir beobachten, dass die amerikanische Regierung dem Trend des neuen Nomadentums mit Misstrauen und Verschärfungen der Meldegesetze begegnet.

Aktualisierung: Vanlife, alternative Wohnformen und digitales Nomadentum

Die Gegenwart hat den Nomadenbegriff noch einmal aufgefächert. Vanlife, Tiny Houses, Bauwagenplätze und Cohousing-Projekte verweisen auf eine neue Suche nach flexiblen und ressourcenschonenden Wohnformen.

Manche dieser Modelle entstehen aus bewusster Reduktion, aus Kritik an Konsum, steigenden Mieten und verantwortungslosem Eigentum; andere sind direkte Reaktionen auf steigende Wohnkosten und unsichere Arbeitsverhältnisse.

Es sind in diesem Kontext aber nicht nur Arme unterwegs. Das digitale Nomadentum gehört in diesen Zusammenhang, markiert aber oft einen anderen sozialen Hintergrund. Studien und Debatten beschreiben digitale Nomadinnen und Nomaden meist als ortsunabhängig Arbeitende mit vergleichsweise hohem Bildungsgrad und Zugang zu globaler Infrastruktur.

Ihre Mobilität ist weniger von physischer Schwerarbeit geprägt als von Plattformen, Netzverbindungen und der Fähigkeit, ihre Arbeit von fast überall aus zu organisieren.

Hier finden sich junge Leute, die mit ihren Vans unterwegs sind und nebenbei arbeiten, Geschäftsleute, die ihre Firmen aus dem Wohnmobil heraus leiten, oder Influencer, die mit dem Flugzeug global unterwegs sind.

Gerade hier zeigt sich eine neue Ungleichheit innerhalb des Nomadischen. Auf der einen Seite stehen mobile Unternehmer, die oft aus ihren Freiheitserzählungen Kapital in den sozialen Medien schlagen; auf der anderen Seite mobile Arbeitskräfte, die reisen müssen, weil Sesshaftigkeit zu teuer geworden ist.

Der Unterschied zwischen digitalem Nomadismus und den „Nomaden der Arbeit“ ist deshalb nicht bloß stilistisch, sondern — zugespitzt formuliert — klassenförmig.

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Foto: Freepik.com

Die Krise der Mobilität

Diese Aktualisierung bleibt unvollständig, wenn Mobilität selbst nicht als Teil unserer aktuellen Krisen begriffen wird. Klimawandel, Energiepreise, verschärfte Grenzregime, Wohnungsmärkte und digitale Kontrollsysteme verändern die Bedingungen des Unterwegsseins tiefgreifend. Mobilität erscheint heute gleichzeitig als Sehnsucht, ökonomische Notwendigkeit und politisch-ökologische Belastung.

Gerade dadurch gewinnt Deleuzes Unterscheidung von glatten und strukturierten Räumen neue Schärfe. Die offene Welt des Reisens ist längst von Buchungssystemen, Datenströmen, Visabestimmungen und Steuerlogiken dicht durchzogen. Was als Freiheit der Bewegung erscheint, ist, wenn man genauer hinschaut, vielfach hochgradig codiert und ungleich verteilt.

Damit kehrt eine alte Einsicht Ibn Khalduns in neuer Form zurück: Mobilität ist nie nur reine Bewegung, sondern stets in bestimmte Machtverhältnisse eingebettet. Während Chatwin die anthropologische Sehnsucht nach dem Unterwegssein poetisch verklärt, zeigen Bruder und die Gegenwart des digitalen Kapitalismus, dass das Nomadische heute zugleich Hoffnung und Symptom ist.

Schluss: Reisephilosophie nach der Unschuld des Unterwegsseins

Eine heutige Reisephilosophie kann das Nomadische weder schlicht feiern noch einfach verwerfen. Sie muss erkennen, dass in der Sehnsucht nach Unterwegssein ein Verlangen nach der Erfahrung geringeren Besitzes, beweglicherer Identität, offenerer Räume und anderer Formen des Zusammenlebens verborgen ist.

Zugleich muss sie sehen, dass die Freiheit, mobil zu sein, ungleich verteilt ist und immer häufiger mit ökonomischem Druck, sozialer Verwundbarkeit oder ökologischen Kosten einhergeht.

Von Ibn Khaldun bis Bruder zeigt sich so eine durchgehende Frage: Was bedeutet es für Systeme und Gesellschaften, dass immer mehr Menschen nicht fest verankert sind?

Chatwin hat daraus eine Poetologie der Bewegung gemacht, Deleuze eine Denkfigur der Entgrenzung, Bruder eine Diagnose sozialer Prekarität und „Nomadland“ eine melancholische Ethik des Weiterfahrens.

Die Aktualisierung dieser Linie liegt in der Einsicht, dass Nomadentum im 21. Jahrhundert nicht nur Lebensstil oder Metapher ist, sondern ein Brennpunkt, an dem sich Wohnen, Arbeiten, Reisen und soziale Ungleichheit kreuzen.

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