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In Großbritannien verschaffen sich aktive Muslime Gehör

Ausgabe 310

Foto: Leeds Trinity University

Das jüngst per Volksabstimmung beschlossene Schweizer Verhüllungsverbot im ­öffentlichen Raum folgt ähnlichen Entscheidungen der französischen, belgischen und österreichischen Regierungen. Sie bestärken die mediale Wahrnehmung von Muslim*innen als dem schwer zu inte­grierendem „Anderem“ in Europa. Von Sadek Hamed

(Politics Today). Diese Entwicklung verschmilzt mit der staatlichen Institutionalisierung antimuslimischer Stimmungen, wie sie etwa der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz betreibt, der eine gemeinsame Front gegen den „politischen Islam“ bilden will.

Das ist eine Idee auf EU-Ebene, die vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron geäußert wurde. Er glaubt, dass „der Islam eine Religion ist, die heute überall auf der Welt in der Krise ist“. ­Daraus folgt die Implikation, dass die Präsenz von Muslim*innen in Europa eine Bedrohung für die innere Sicherheit und die nationale Identität darstellt.

Die Wahrheit ist weitaus komplexer. Die europäischen Muslim*innen sind sich der verschlungenen soziopolitischen Herausforderungen vor ihnen bewusst. Ihre Gemeinschaften wachsen und jüngere Menschen werden zu aktiven Akteuren einer sozialen Transformation. Das hat zum Aufstieg verschiedener politischer Führer*innen und einflussreichen sozialen Gestalten geführt. Sie beein­flussen ihre Gemeinschaften und die weiteren Gesellschaften. Ersichtlich ist das am Erfolg von durchsetzungsfähigen Politiker*innen bei Mainstreamparteien in ganz Europa wie die Abgeordneten Khalid Chaouki (Italien), Mahinur Özdemir (Belgien) sowie den Erfolgen der DENK Partei (3 Sitze im Parlament nach den letzten Wahlen) in den Niederlanden.

In Großbritannien sind Muslime trotz ­sozioökonomischer Ungleichheiten ein wesentlicher Teil des wirtschaftlichen und kulturellen Gefüges. Etwa 10.000 Ärzte und Krankenschwestern des Nationalen Gesundheitsdienstes (NHS) sind Muslim*innen. Sie stehen in der Covid-19-Krise an vorderster Front und sind an der gemeinschaftlichen ­Reaktion auf die Pandemie beteiligt. Auch sind ihnen erhebliche Fortschritte in der Mainstreampolitik auf lokaler und nationaler Ebene gelungen. Einige erlangten dabei Führungspositionen. Dazu gehören der Bürgermeister von London, Sadiq Khan, Baroness Sayeeda Warsi, ehemaliges konservatives ­Kabinettsmitglied, sowie Anas Sarwar, gerade gewählter Kopf der schottischen Labour-­Partei. Aus den religiösen Communitys selbst kamen führende Gestalten. Dazu gehören die erste Vorsitzende des Muslim Council of Britain (MCB), Zara Mohammed, sowie Halima Begum, welche die einflussreiche Denkfabrik Runnymeade Trust leitet.

Im Bereich Medien, Kultur und Sport wurde der Journalist Mehdi Hasan als Moderator für Al-Jazeera International bekannt. Er arbeitet derzeit beim US-Kanal NBC. Texte der Kolumnistin Nesrine Malik  (The Guardian) gehören zu den schärfsten bei Themen wie Religion und Politik. Nadiya Hussain, ist nach dem Gewinn einer beliebten Backsendung bekannter Name und hat mehrere Fernsehsendungen für die BBC moderiert. Andere Muslime haben die höchsten Stufen beim Sport erreicht wie der Langstreckenläufer ‘Mo’ Farah (viermaliger Olympiasieger), Moin Ali (Ex-Kapitän des englischen Cricket-Teams) und Amir Khan (Exboxweltmeister im Halbschwergewicht).

Obwohl das Land turbulente Zeiten durchlebt, wird es von Außenstehenden weiterhin mit einer gewissen Bewunderung für seine historischen Errungenschaften, seinen anhaltenden politischen Einfluss und den Erfolg seiner Kreativindustrien betrachtet. Wie andere europäische Staaten brauchte es nach dem Krieg die Arbeitskraft von Einwanderern der ehemaligen Kolonien. Das führte zu einem multikulturellen Modell, das Muslimen und anderen ein Maß an sozialer Mobilität ermöglichte.

Diese hart erkämpften Zuwächse wurden durch die geduldigen Bemühungen verschiedener Lobbygruppen gewonnen. Die Zunahme des politischen Aktivismus wurde durch das demografische Wachstum und die Reifung einer zweiten und dritten Generation vorangetrieben, die in den 1990er und 2000er Jahren erwachsen wurde. Ihr soziales Kapital kommt von der Nutzung höherer Bildungsmöglichkeiten und der Erfahrung, auf allen Ebenen der britischen Gesellschaft zu arbeiten. Diejenigen, welche die muslimischen Gemeinschaften vertreten und politischen Einfluss gewinnen wollten, traten etablierten Parteien bei, wurden Gemeinderatsmitglieder oder ins Unterhaus gewählt. Eine Handvoll zog in das Oberhaus ein.

Diese Fortschritte sind umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, mit welch Herausforderungen diese Gruppe konfrontiert war und es heute noch ist. Die gesellschaftliche Polarisierung hat ein Ausmaß erreicht, wie wir es seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben. Vorurteile haben sich vervielfacht – insbesondere Rassismus und Islamophobie, die im Namen der Meinungsfreiheit rationalisiert werden.

Die anhaltenden Auswirkungen des Brexits, die Anwesenheit von Flüchtlingen, das Wachstum der rechtsextremen Szene sowie ungelöste Sicherheitsbedenken haben ein Klima des Misstrauens gegenüber „Außenseitern“ geschaffen. Muslime stehen oft im Mittelpunkt der Skepsis und werden beschuldigt, ein „innerer Feind“ zu sein. Ihr Glaube sei unvereinbar mit den „britischen Werten“ und es wird behauptet, sie seien anfällig für Kriminalität und Gewalt.

Die meisten der hier erwähnten einflussreichen Figuren haben regelmäßig mit rassistischen und muslimfeindlichen Attacken zu kämpfen gehabt. Einige wurden in sozialen Medien angegriffen, andere standen vor institutionellen Hindernissen und Angriffen durch Medien. In einem aktuellen Vorfall wurde die Leiterin des Runnymeade Trust in einer Parlamentsanhörung durch konservative Abgeordnete falsch dargestellt. Vor seiner Wahl an die Spitze war Anas Sarwar rassis­tischen Angriffen innerhalb von Labour ausgesetzt. Ein führender Vertreter seiner Partei zog seine Unterstützung für ihn zurück, nachdem er Bilder von Sarwars Frau mit einem Kopftuch gesehen hatte.

Muslimische Journalist*nnen wie Nesrine Malik erhalten regelmäßig beleidigende Emails. Sie werden auf sozialen Medien getrollt. Nadiya Hussain ist mit oft rassistischer und religiöser Diskriminierung auf der Straße und in ihrem Beruf konfrontiert. Außerdem haben Sportler wie Moin Ali und Mo Farah Rassismus beklagt, den sie in ihren Laufbahnen erleben mussten.

Sichtbarkeit auf der Eliten-Ebene der ­politischen Macht mag symbolisch ermutigend sein, ist aber nicht genug. Die meisten der erwähnten politischen Figuren haben ihren Glauben heruntergespielt, damit sie nicht die Gunst ihrer Parteiführung oder der wählenden Öffentlichkeit verlieren. Andere konnten sich nur Positionen sichern, weil ihre Überzeugungen mit denen der Führung übereinstimmen. Illustriert wird das durch den Fall des ehemaligen Kabinettsmitgliedes Sajid Javed, der die Existenz von Islamfeindlichkeit leugnet. Als Beweis zitierte er seine eigene Ernennung. Und Munira Mirza – Beraterin von Boris Johnson – wurde ausgewählt, die Kommission über „Rasse und ethnische Ungleichheit“ zu leiten; und das, obwohl sie glaubt, institutioneller Rassismus sei ein Mythos.

Zur Gestaltung einer freundlichen Zukunft müssen westeuropäische Regierungen die ­Beziehungen zu ihren muslimischen Bür­ger*innen neu starten und ein ehrliches ­Gespräch darüber führen, das eine gescheiterte Politik und Fehlwahrnehmungen anerkennt. Angesichts eines sich abzeichnenden poli­tischen Konsenses gegen die politische ­Sichtbarkeit von Muslim*innen erscheint das unwahrscheinlich.

Die muslimischen Gemeinschaften Europas müssen es besser machen und ihre inneren Streitigkeiten beilegen. Sie müssen Infrastrukturen aufbauen, welche eine visionäre Führung kultivieren, welche die mehrschichtigen Herausforderungen angehen können, mit ­denen ihre Gemeinschaften und die weitere Gesellschaft konfrontiert sind. Die wachsende Zahl talentierter Muslim*innen, die den ­öffentlichen Raum betreten, erhöht die ­Möglichkeit, dass das Wirklichkeit wird.

Der Text erschien erstmals am 22. März auf der Webseite von „Politics Today“. Übersetzung und Abdruck mit Genehmigung des Autors.

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