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Migration und Flucht: das gefährliche Gerede vom „vollen Boot“

Ausgabe 337

flucht migration
Foto: commons wikimedia, Ggia | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Bei den Themen Migration und Flucht spielen zynische Begriffe eine gefährliche Rolle.

(iz). Es gibt Metaphern, die eine zynische Wirkung entfalten, wenn man sie gebraucht. Das unsägliche Wort des „vollen Boots“ und die Andeutung, wonach die Aufnahmekapazität der Europäischen Union erschöpft sei, ist ein Beispiel für die Verrohung der Sprache.

Der Gebrauch derartiger Bilder gehört in die sprachliche Welt der rechtsextremen Szene und wirkt doch bis in die Mitte der Gesellschaft hinein.

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Das kollektive Bewusstsein bei Flucht und Migration

Das Gefühl, dass das Boot voll sei, bestimmt bereits Teile des kollektiven Bewusstseins. Der Erfolg der rechtspopulistischen AfD erklärt sich auch aus ihrem Plädoyer für geschlossene Grenzen, ohne die damit einhergehenden moralischen Fragen eindeutig zu beantworten.

Der Untergang des Flüchtlingsbootes vor der griechischen Küste geht einher mit der exzessiven Berichterstattung über einen missglückten Tauchgang einiger Extremtouristen, die ihr Leben riskierten, um die am Meeresboden liegende Titanic anzuschauen.

Unter normalen Umständen macht der Vergleich von Opfern wenig Sinn, aber in diesem Fall ist die Botschaft klar: Man beschäftigt sich ungern mit den tragischen Auswirkungen unserer verschärften Grenzpolitik.

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Namenlose Opfer im Mittelmeer

Die namenlosen Opfer im Mittelmeer sind ein Denkmal für unsere Zeit. Auch wenn die Bedeutungszusammenhänge eindeutig sind, eine andere Frage ist die moralische Dimension des hier beschriebenen Phänomens.

Man wird zum Beispiel nicht umhinkönnen, auch den beteiligten kriminellen Schlepperbanden eine Mitschuld zu geben. Es gibt noch weitere unangenehme Fragen – auch für diejenigen, die sich zu Recht über den Unglücksfall empören. Wie genau soll Europa seine Asylpolitik gestalten?

Es gibt einen breiten Konsens darüber, dass der Schutz für Kriegsflüchtlinge und politische Verfolgte zum Kernbestand unserer Rechtsordnung gehören. Die Kernfrage ist also, inwieweit und in welchem Umfang wir bereit sind, Menschen aufzunehmen, die aus ökonomischen Gründen nach Europa fliehen.

Syrien

Eine syrische Familie wärmt sich in diesem Winter an einem kleinen Feuer in einem der vielen Lager für Binnenvertriebene in Nordwestsyrien (Copyright Islamic Relief).

Hypermoral ignoriert praktische Politik

Wer hier darauf plädiert, dass unsere Gesellschaft grundsätzlich alle Flüchtlinge aufnehmen sollte, mag – aus seiner Sicht – auf der moralisch sicheren Seite sein, kümmert sich aber nicht um die praktischen Implikationen einer solchen Politik.

Das Dilemma ist, dass jede Politik, die Zuwanderung begrenzen will, auf moralische Widersprüche vorbereitet sein muss. Dabei können auch moralisch begründete Maximalforderungen auf ihre Weise extrem, manchmal auch bequem sein.

Wie immer man diese Fragen beantwortet, im konkreten Fall des gesunkenen Bootes in Griechenland gab es für die Behörden keine Wahl: Unterlassene Hilfeleistung ist ein Straftatbestand – in jedem Fall.