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Sara Mousa im Porträt: „Kunst hat etwas Therapeutisches“

Mit der LitKuM hat Sara Mousa eine Messe mit auf den Weg gebracht, die es so vorher nicht gab: deutschsprachig, islamisch geprägt und offen für alle.

27.10.2026 .Redaktion 6 Min. Lesezeit Ausgabe 377
Sara Mousa LitKuM Kunst

Foto: Gulcin Ragiboglu/Shutterstock

(iz). Für die Pädagogin und Künstlerin ist Kunst kein Luxus, sondern eine Brücke, auf der sich Menschen begegnen. Die erste Erinnerung ist ein Fenster. Eine Erzieherin bittet das kleine Mädchen, die Scheiben des Kindergartens zu bemalen. Sara Mousa zeichnet islamische Ornamente auf das Glas, „sodass das Licht hindurchschien“.

Sie erzählt davon wie vom Anfang einer Linie, die bis heute nicht abgerissen ist. „Ich habe schon immer gern gemalt.“ Im frühen Teenageralter fragte man sie zum ersten Mal, ob sie ihre Kunst ausstellen möchte.

Heute ist sie 50, in Deutschland geboren und aufgewachsen. Sie ist Grundschulpädagogin, leitet eine offene Ganztagsschule und arbeitet als Familienberaterin. Seit drei Jahrzehnten engagiert sie sich ehrenamtlich, für muslimische wie nichtmuslimische Familien. „Und ich bin hoffentlich noch ein paar Jahre dabei“, sagt sie. Ihre Woche hat bis zu 60 Arbeitsstunden. Das Malen läuft da nicht als Hobby nebenher, es ist ihr Gegengewicht: „Die Kunst hat daher etwas Therapeutisches.“

Eine Lücke zwischen zwei Welten

Die Idee zu einer eigenen Messe kam von außen. Der Düsseldorfer Verleger Ersin Süngü fragte sie, ob sie mit ihm zusammen eine Messe auf die Beine stellen wolle, „und zwar eine deutschsprachige“. Mousa kannte das Feld. Auf Benefizmessen und -galas, im Ramadan wie außerhalb, gibt es fast immer Kunst- und Buchausstellungen.

Als Jugendliche besuchte sie viele Buch- und Kunstmessen. „Die Buchmessen aber waren rein deutschsprachig, und der islamische Anteil daran gering.“ Islamisch geprägte Veranstaltungen dieser Art fanden dagegen „fast ausschließlich auf Arabisch statt“. Ihr Fazit fällt knapp aus: „Ich denke, es war höchste Zeit für eine Mischung aus Literatur und Kunst in deutscher Sprache.“

Daraus wurde die LitKuM, nach eigener Darstellung die erste deutschsprachig-islamische Literatur- und Kunstmesse. Eine Premiere fand 2025 in Witten statt, die zweite am 11. Oktober 2026 in der Stadthalle Stolberg bei Aachen. Auf dem Programm standen Lesungen, eine Kunstausstellung mit Bildern und Kalligrafie, ein Poetry Slam von I,Slam, Angebote für Kinder und erstmals ein eigener Buchpreis.

Nach den Reflexionsrunden des Teams ist Mousa „extrem zufrieden“. „Wir haben unsere Reichweite vergrößert und hatten sogar ein Live-Podcast-Team dabei. Das hat uns besonders glücklich gemacht.“ 

Der nächste Schritt ist schon gedacht: Die LitKuM soll eine Wandermesse werden. „Wir werden inscha’Allah durch die verschiedenen Bundesländer ziehen und unsere Messe in unterschiedlichen Städten durchführen.“ Und weiter: „Wer weiß, vielleicht läuft in fünf oder sechs Jahren zeitgleich ein solcher Event an unterschiedlichen Orten.“

Foto: LitKuM 2026

Die Sprache der vierten Generation

Das Wort „deutschsprachig“ steht nicht zufällig im Selbstverständnis der Messe. Mousa begründet es mit ihrer eigenen Familiengeschichte: „Ich lebe hier in dritter Generation, meine Kinder sind die vierte, und es gibt sogar schon die fünfte.“

Was diese verbinde, sei die Sprache. Menschen aus mindestens 20 Nationen bezeichneten sich hierzulande als deutsche Muslime, „und ihre gemeinsame Sprache ist nun mal Deutsch“.

Für sie folgt daraus eine Einladung, keine Abgrenzung. „Wenn man also sagt, man hat eine deutsche Messe, dann schließt man damit alle ein: alle Muslime in Deutschland sowie alle Nichtmuslime, die sich für Kunst und Kultur interessieren.“ Dahinter steht eine schlichte Überzeugung, die sie als Frage formuliert: „Denn wer möchte nicht die Schönheit zur Grundlage machen?“

Kein Luxus für Wohlsituierte

Wie es um Kunst und Literatur in der muslimischen Community steht, beantwortet Mousa vorsichtig. „Die Wertschätzung ist da, aber nicht so, wie sie sein könnte.“ Den Grund vermutet sie in einem alten Vorurteil: Kunst und Literatur gälten als Luxusgut, „das sich nur Wohlsituierte leisten können“.

Sie weicht dem Einwand nicht aus. „Wer durch Buchläden geht, merkt: Bücher sind teuer, das ist nun mal so.“ Dem stellt sie die Dauer entgegen: „Aber das geschriebene Wort bleibt, das gesprochene genauso.“

Einen Bedarf sieht sie durchaus, auch das Bewusstsein in der Community, dass hier „Brücken gebaut werden“ müssen. Aber noch sei es „ein zartes Pflänzchen“, das man weiter gießen und pflegen müsse. Wer Kunst für eine Frage des Geldbeutels hält, dem antwortet sie mit Sätzen aus dem Alltag: „Du musst nicht reich sein, um zu malen. Du musst auch nicht privilegiert oder Akademiker sein. Schönes bleibt schön, egal, ob du reich bist oder nicht.“

Foto: LitKuM 2026

Was die Hände festhalten

Auf der Messe in Stolberg sprach der Therapeut Amin Loucif über Kunst und kreative Abläufe. Mousa interessiert ebenfalls weniger das fertige Werk als der Vorgang dahin. „Den Prozess würde ich als Weg bezeichnen, und hier ist der Weg, wie es im Sprichwort heißt, tatsächlich das Ziel.“ Dann schiebt sie nach: „Wobei auch das Ziel ein Ziel ist.“

Ob jemand die Einleitung zu einem Buch schreibt, einen Slam-Text über den Frieden verfasst bzw. mit Ton, Papier oder Holz arbeitet, die Wirkung sei dieselbe: „Es wirkt definitiv heilsam. Nicht umsonst gibt es an Hochschulen das Fach Kunsttherapie.“ Den Drang, sich auszudrücken, hält sie für so alt wie den Menschen selbst.

„Sie haben mit bloßen Händen und mit Kohle an Wände gezeichnet. Diese Bilder sind Jahrtausende alt.“ Kunst stärke die Selbstwirksamkeit, sie sei ein Spiegel der Seele, und sie gebe jenen eine Stimme, die nicht sprechen. „Ich könnte mir eine Welt ohne beide nicht vorstellen.“

Begegnung auf der Brücke

Wenn sie erklären soll, warum sich Muslime mit Kunst und Literatur befassen sollten, beginnt sie bei der Gegenwart. „Wir leben in einer Zeit, in der man nur nach Unterschieden sucht, nach Gründen, sich voneinander abzugrenzen.“ Wo Politik und Dialog nicht weiterkämen, „dann eben über Kunst und Literatur“.

Ein Bild kehrt in ihren Antworten immer wieder, und sie weiß das selbst. „Mir fällt, ehrlich gesagt, immer wieder nur das Wort Brücke ein.“ Man begegne sich dort, rede miteinander, und danach könne jeder seinen Weg weitergehen.

„Dieses Treffen mit einem Menschen, der anders ist als du, bereichert dein Leben ganz sicher.“ Den Skeptikern gibt sie praktische Ratschläge: einen Literatur- oder Poetry-Kurs besuchen, sich selbst an einem Zweizeiler versuchen. „Der muss sich nicht mal reimen.“

Foto: LIGHTFIELD STUDIOS/Adobe Stock

Wer zählen kann, kann tanzen

Für alle, die anfangen wollen, hat Mousa eine Aufforderung: „Macht euch auf den Weg! Das Glück ist mit den Mutigen.“ Oft werde sie gefragt, ob sie einen Kunstkurs für Kinder anbieten könne, man habe aber kein Geld. „Dann sage ich: Das ist nicht schlimm.

Daran darf es nicht scheitern.“ Sie verweist auf die Forschung, nach der schöpferische Menschen toleranter seien. Tatsächlich zeigen sozialpsychologische Experimente mit Jugendlichen, dass Übungen im kreativen Denken Vorurteile verringern können.

Ihre Pädagogik ist handfest. „Wenn die Kinder sagen, ich kann nicht tanzen, antworte ich: Du kannst zählen? Dann kannst du auch tanzen.“ Den religiösen Bezug stellt sie mit einem Hadith her, „Allah ist schön und liebt das Schöne“, und mit einem Beispiel aus dem Glaubensalltag: „Allah hat uns so erschaffen, dass wir den Qur’an auswendig lernen können, wenn wir es nur wollen und uns die Zeit dafür nehmen.“

Die Frage nach dem Talent beantwortet sie mit einem Satz ihres Taekwondo-Lehrers: Es sei nur Übung. Sie kenne Menschen, die Analphabeten waren und heute Kalligrafien verkaufen. Es brauche nur einen, der die Fähigkeiten fördert, „das ist wie bei der Erziehung“.

Talent erkennt sie daran, dass jemand „etwas herstellt, das ein Unikat ist, das kein anderer nachmachen kann“. Gleich danach relativiert sie ihre eigene Definition: „Wobei ich davon überzeugt bin, dass es wirklich Übung ist.“

Am Anfang stand ein Kind, das Ornamente auf eine Fensterscheibe malte. Aus dieser Übung ist eine Messe geworden.

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