, ,

Seher Danisman: „Im Prinzip biete ich eine gesunde Mitte an“

Ausgabe 371

Seher Danisman
Foto: Seher Danisman

Seher Danisman ist vieles zugleich: Sportwissenschaftlerin, angehende Physiotherapeutin, Triathletin, Coach – und eine der sichtbarsten muslimischen Stimmen im Fitnessbereich.

(iz). Mit ihrer Plattform Fitspirated und dem gleichnamigen Coaching begleitet sie Frauen dabei, ein realistisches, alltagsnahes Trainingsleben mit ihrem Glauben und ihren familiären Verpflichtungen zu verbinden.

Sie entwickelt Programme, einen eigenen Sport-­Hijab und einen Podcast, in denen es nie nur um Muskeln geht, sondern um Routinen, Selbstbestimmung und geistige Stärke.

Im Gespräch mit der IZ erzählt sie, warum Wissen, Umfeld und Räume in Moscheen über Gesundheit entscheiden – und wie muslimische Communities Sport endlich ernst nehmen müssten.

Islamische Zeitung: Vielleicht magst du dich kurz vorstellen – wer du bist, wo du herkommst und was du machst?

Seher Danisman: Hallo, mein Name ist Seher Danisman, ich bin 24 Jahre alt, angehende Physiotherapeutin sowie studierte Sportwissenschaftlerin. Als muslimische Sportlerin habe ich 2020 die Plattform „Fitspirated“ gegründet, was für „Fitness inspiriert“ steht und Frauen dabei helfen soll, ein gesünderes Körperbewusstsein zu entwickeln und sich fit zu halten. Das mache ich in Form von Workshops und Coachings.

Ebenfalls 2020 habe ich meinen eigenen Sport-Hijab entwickelt, weil ich mit dem, was es auf dem Markt gab, nicht zufrieden war. Mir ist wichtig, dass sich jede Person dieses Hilfsmittel leisten kann, die Zugang zum Sport finden möchte und darauf angewiesen ist.

Islamische Zeitung: Du hast Sportwissenschaft studiert, bist professionelle Sportlerin, machst eine Ausbildung zur Physiotherapeutin, bist Unternehmerin und in den Medien aktiv. Was waren in den letzten Jahren deine Erfahrungen mit dieser Arbeit?

Seher Danisman: In der Öffentlichkeit war dieser Weg für mich konstant. Ich habe immer sehr viel positives Feedback bekommen – sowohl von meiner eigentlichen Zielgruppe als auch von Menschen, die überhaupt nichts mit Islam zu tun haben. Viele sagen mir, dass sie die Art und Weise schätzen, wie ich über Religion spreche und wie mich als Muslima positioniere, und dass sie dadurch viel dazulernen.

Viele kommen immer wieder auf mich zu und sagen: „Wow, ich habe da wirklich etwas dazugelernt.“ Vor allem schätzen sie, dass ich das Thema in einem Format vermittle, das alltagsnah ist und nicht kompliziert wirkt – so, wie es sonst oft dargestellt wird.

Auf der anderen Seite habe ich aber immer wieder Menschen kennengelernt, die mich in dem, was ich tue, nicht unterstützen. Ich habe rassistische Kommentare und Situationen erlebt und bekomme auch heute noch entsprechende Kommentare.

Für mich gehörte das leider dazu, weil ich als Migrantin in Deutschland geboren und aufgewachsen bin und damit immer wieder konfrontiert war. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich innerlich abgehärtet war und mir kaum noch Gedanken darüber mache, welche rechtsextremen oder rechten Kommentare kommen. Ich ignoriere sie inzwischen meistens. Insgesamt habe ich also sowohl viele positive als auch rassistische und diskriminierende Erfahrungen gemacht.

Islamische Zeitung: Mit Fitspirated hast du ein Projekt, in dem Fitness auch als Mittel für mehr Selbstbewusstsein und Erfolg genutzt wird. Gehen wir konkret in die Arbeit hinein: Was bietest du an, und mit welchen Werkzeugen arbeitest du?

Seher Danisman: Im Prinzip biete ich eine gesunde Mitte an – zwischen dem Verständnis dafür, was ich körperlich tun muss, und der konkreten körperlichen Anleitung.

Ich unterstütze Frauen auf der einen Seite mit Mindset- und Organisationstipps, damit sie ihren muslimischen Alltag – Dinge wie Gebete oder Verpflichtungen – mit ihrem Trainings-Lifestyle und ihren körperlichen Zielen verknüpfen können und darin einen tieferen Sinn finden. Wenn man religiös ist, ist das gut möglich und sogar ein sehr großer Vorteil. Die Tiefgründigkeit der Religion ist die beste Motivation, vor allem, wenn man sich nicht nur von tagesformabhängigen Stimmungen leiten lassen möchte.

Das setze ich im Coaching um – einerseits mit Arbeit am Mindset, andererseits mit konkreten Trainingsplänen und angeleitetem Training, so wie man es aus der Trainingslehre kennt.

Islamische Zeitung: Was sind aus deiner Sicht die größten gesundheitlichen Herausforderungen oder Voraussetzungen bei deinen Kundinnen?

Seher Danisman: Es gibt zwei große Punkte, die bei fast allen meinen Kundinnen immer wieder vorkommen. Zum einen ist es Unwissen. Viele wissen tatsächlich nicht, was ihrem Körper guttut – auch wenn das aus meiner „Bubble“ heraus fast unvorstellbar wirkt. Sie haben es nie gelernt und keine Menschen im Umfeld gehabt, die ihnen gezeigt oder vorgelebt haben, was es bedeutet, ein gesundes Bewusstsein für den eigenen Körper zu entwickeln.

Der zweite Punkt ist das Umfeld. Viele sind geprägt von Menschen, die sich nie damit beschäftigt haben. Das führt oft dazu, dass man, selbst wenn man sich Wissen aneignet, entweder nicht dranbleibt oder denkt, man sei „auf dem falschen Weg“, weil man eine von wenigen ist und nicht eine von vielen. Es ist immer leichter, etwas zu tun, wenn die Menschen um einen herum dasselbe tun. Es ist dagegen viel schwerer, bewusst anders zu handeln als das, was man gelernt und immer gesehen hat.

Ich spreche da auch aus eigener Erfahrung: Meine Mutter ist Diabetikerin und übergewichtig. Sie hat Training und Sport immer mit Abnehmen verknüpft. Da ich selbst immer schlank war und dieses Ziel vermeintlich „nicht brauchte“, habe ich mich lange gefragt, ob ich überhaupt „das Richtige“ mache. Für mich sind daher immer wieder diese beiden Punkte zentral: fehlendes Wissen und ein Umfeld, das kein entsprechendes Bewusstsein lebt.

Islamische Zeitung: Unter den Fitnesstrends gibt es eine interessante Entwicklung: Gerade bei Frauen ab 40 oder 50 sieht man, dass sie vom klassischen Kardiotraining weggehen und immer mehr mit Gewichten arbeiten – Kniebeugen, Kreuzheben usw., nicht nur an Maschinen. Ist das ein Trend? Einige Ärzte sagen, gegen Depressionen und Knochenabbau müssten Menschen ab dem mittleren Alter mehr für ihre Muskeln tun. Siehst du das auch so?

Seher Danisman: Als Ausdauersportlerin kann ich sagen: Wenn man trainingswissenschaftlich und ganzheitlich hinschaut, ist es immer wichtig, sowohl Ausdauer als auch Kraft zu trainieren, am besten kombiniert – unabhängig vom sportlichen Ziel.

Der Trend zeigt aber, dass durch die Medien das Thema Fitnessstudio und Gerätetraining immer stärker zum Alltag gehört. Ich bin mir sicher, dass heute genauso viele Menschen ins Fitnessstudio gehen wie früher, aber mit einer anderen Herangehensweise. Es gibt medial einfach viel mehr Möglichkeiten, sich Wissen anzueignen.

Früher war man froh, wenn der Trainer einem kurz gezeigt hat, wie die Geräte funktionieren. Heute kann man sich Wissen aneignen, um gezielt mit freien Gewichten zu trainieren und Geräte auch mal außen vor zu lassen.

Ich glaube zudem, dass der Muskelaufbau bei Frauen sichtbarer und präsenter geworden ist, weil Frauen medial immer stärker auftreten wollen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Eine muskulöse Erscheinung unterstützt dieses Bild.

Diesen Trend sehe ich, und halte ihn auch für wichtig. Gleichzeitig ist es gerade bei zunehmendem Alter noch wichtiger, ganzheitlich vorzugehen – Muskulatur aufzubauen, aber auch kardiovaskulär zu trainieren. Der Körper soll belastbar bleiben, ohne dass man durch Überlastung wieder Gelenkprobleme bekommt.

Islamische Zeitung: Sie haben in den letzten Wochen ein Programm gemacht, in dem Sie im Ramadan über Training, Disziplin und Ernährung gesprochen haben. Der Ramadan ist jetzt vorbei, aber wie sieht für Sie ein ganzheitlicher und verantwortungsvoller Umgang mit Sport und Bewegung aus?

Seher Danisman: Ein ganzheitlicher Umgang beginnt damit, dass man eine grobe Orientierung hat, was die eigene Belastung betrifft. Das ist bei jedem Menschen unterschiedlich.

Wer im Büro arbeitet, braucht mehr körperliche Belastung außerhalb des Berufs. Wer – wie ich – den ganzen Tag auf den Beinen ist und mit Patientinnen und Patienten Übungen macht, ist zwar viel in Bewegung, aber das ist trotzdem keine „körperlich harte Arbeit“. Entsprechend muss ich meine Trainingseinheiten an meine alltägliche Aktivität anpassen.

Ich gehe davon aus, dass ich Training – also Ausdauer- und Krafttraining – immer brauche, egal, was ich beruflich mache. Und verteile es so auf die Woche, dass es einen echten Ausgleich zu den Stunden bildet, in denen ich mich wenig bewege.

Idealerweise bewegt man sich jeden Tag. Wenn das nicht möglich ist, sollte man zumindest regelmäßig, zum Beispiel zu Hause, Bewegung fest einplanen. Wichtig ist mir dabei, realistisch zu bleiben: Familiäre und soziale Beziehungen müssen mitgedacht werden.

Wenn jemand Geburtstag hat oder ein wichtiger Termin ansteht, sollte man nicht stur sagen: „Mein Training geht vor.“ Soziale Beziehungen sind für uns Menschen existenziell wichtig. Wenn ich sie realistisch priorisiere, unterstützt das langfristig auch meine Trainingsroutine, weil ich nicht in einen Konflikt mit meinem Leben insgesamt komme.

Sport Jogging Strand schweinehund

Foto: TheVisualsYouNeed, Adobe Stock

Islamische Zeitung: Sie haben eine fundierte Ausbildung – Sportwissenschaft, praktische Erfahrung als Sportlerin und die Physiotherapie-Ausbildung. Im Netz finden wir unzählige Personen und Firmen, die Trainingsratschläge geben. Zu fast jeder Frage bekommt man widersprüchliche Aussagen, zum Teil offensichtlich fragwürdige Tipps. Selbst „Experten“ widersprechen sich. Wenn jetzt eine Kundin von Ihnen Orientierung sucht: Nach welchen Kriterien kann man Fitness-Videos im Netz einigermaßen objektiv beurteilen?

Seher Danisman: Das ist eine sehr gute Frage, die mir viele Kundinnen stellen. Ich empfehle grundsätzlich, bei allem, was man kostenlos konsumiert, sehr kritisch zu sein.

Kritisch sein heißt hier vor allem: Sich fragen, ob das gerade wirklich für mich persönlich relevant ist. Und wenn ja, warum habe ich mir dann noch keine Person gesucht, die mich individuell dazu berät? Ich bin kein Fan davon, Dinge einfach aus dem Internet zu übernehmen, nur weil „Probieren über Studieren“ ginge. Es ist nicht sinnvoll, jede Methode einmal getestet zu haben, um dann zu entscheiden, ob sie funktioniert oder nicht. Viele Dinge bewähren sich erst über längere Zeit, und wir können nicht unser ganzes Leben damit verbringen, nur auszuprobieren.

Ich empfehle daher, Wissen zwar zu konsumieren; in der Realität aber nur das umzusetzen, was wirklich für einen selbst gemacht und angepasst ist. Das bedeutet: sich jemanden zu suchen, der spezifisch auf mich schaut. Wenn mir das Fachwissen fehlt oder ich es mir nicht selbst aneignen will, gibt es dafür Coaches wie mich.

Eine Fachperson nimmt sich die Zeit, um herauszufiltern, welches Wissen zu mir passt und was ich wirklich brauche. Es gibt sehr viel Wissen da draußen, und man kann sich vieles anlesen. Aber am Ende steht und fällt vieles mit Erfahrung und fachlicher Praxis.

Dass ich über 100 Frauen begleitet habe, qualifiziert mich viel stärker zur Personal Trainerin oder Coach als nur mein Studium. Es ist eine wichtige Grundlage, die Basis, um überhaupt fundiert arbeiten zu können. Entscheidend sind aber die individuellen, persönlichen Faktoren, die auf mich zutreffen – und die kann ein allgemeines Internet-Video nie abdecken.

Jeder Mensch bringt unterschiedliche Herausforderungen, Anforderungen und körperliche Voraussetzungen mit. Deshalb bin ich bei Online-Inhalten immer vorsichtig – auch bei meinen eigenen. Ich teile selbst Inhalte und hoffe, dass man merkt, wie sehr ich Pauschalaussagen vermeide. Ich versuche immer aufzuklären und zu sagen: „Das ist jetzt eine Information, sie muss aber nicht auf dich zutreffen.“ Wenn jemand das Gefühl hat, etwas passe genau zu ihm oder ihr, rate ich, tiefer einzusteigen und gezielt zu prüfen, was genau wirklich passt. Nichts ist allgemein gültig.

Foto: Prostock-studio, Adobe Stock

Islamische Zeitung: Viele sagen, Sport und Bewegung seien ein „nice-to-have“. Gerade unter Muslimen hört man das oft. Wenn wir auf die muslimische Community als Ganzes schauen – es gibt ja auch gemeinschaftliche Verpflichtungen: Wenn man will, dass Frauen sich bewegen, muss man ein entsprechendes Mindset schaffen und auch Räume in Moscheen, in denen Frauen das können. Sollte die muslimische Community mehr im Bereich Sport, Bewegung und Gesundheit tun?

Seher Danisman: Definitiv! Wir sind in Deutschland noch sehr weit davon entfernt, ein Umfeld zu schaffen, das islamkonformes Training überhaupt ermöglicht.

Eigentlich müsste es in jeder Moschee einen Fitnessraum geben – nicht nur für Frauen, auch für Männer. Es sollte Standard sein, dass man sich vor oder nach dem Gebet gemeinsam dehnt. Ich werde in der Moschee oft wie ein Alien angeschaut, wenn ich mich vor oder nach dem Beten dehne, manchmal sogar eher negativ bewertet. Es ist aber selten jemand da, der sagt: „Wow, voll cool, kann ich mitmachen?“

Es müsste auch Standard sein, dass es neben dem Unterricht am Wochenende – etwa für Qur’an – eine Einheit gibt, in der vermittelt wird, wie man sich als Frau bewegen kann oder sollte. Davon sind wir noch weit entfernt. Stattdessen muss ich mich immer wieder mit sehr grundlegenden Fragen beschäftigen, etwa: „Wie kannst du nur?“ – oder mit völlig banalen Fragen, statt gemeinsam so lösungsorientiert und nachhaltig wie möglich zu denken.

Ich würde mir wünschen, dass einmal eine Moschee von sich aus auf mich zukommt und sagt: „Hast du einen Vorschlag für uns, wie wir Fitness in unser Konzept integrieren können?“