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Sind unsere Herzen und Augen zu trocken?

Ausgabe 275

Foto: Pixabay | Lizenz: CC0 Public Domain

(iz). Vor einigen Wochen stellte ein guter Freund bei einem Gespräch in Hamburg sachlich fest: „Wir reden unheimlich viel von ‘Islam’, ‘Muslimen’ und ‘Kopftuch’, aber so wenig von Allah und Muhammad.“ Der kluge Bekannte, der für gewöhnlich nicht zu Subjektivismus neigt, fasst eine Wahrnehmung in Worte, die auch andere machen: dass es nämlich eine Inflation bestimmter Schlüsselwörter gibt, diese aber nicht von einer inneren Wirklichkeit begleitet sind. Und dass „Islam“ kein Selbstzweck in sich ist, sondern eine Handlung beschreibt, die nötig ist für unsere Reise zum Herrn der Welten.
Melden wir uns zu Wort, kommen beinahe ­unausweichliche Vokabeln wie diese in längst abgestandenen Diskussionen zum Einsatz, in denen Deutschlands Muslime nur selten Diskurshoheit besitzen. In einem fast schon ritualisierten Reiz-Reaktions-Schema wird jede von außen erzwungene Diskussion (wie das jüngst vorgeschlagene Verbot des Kopftuches für ­Kindergarten- und Grundschulkinder in ­Nordrhein-Westfalen) aufgegriffen und auf den Barrikaden des „Diskurses“ als „Kampf um ­unsere Rechte“ ausgefochten. So als ginge es hier um die Sache selbst.
Auf den Gedanken, uns dieser Zumutung zu verweigern, kommen wir nur selten. Indem wir so reagieren, bestätigen wir – ob gewollt oder nicht – beispielsweise, das kleinkindliche Kopftuch sei wesentlich oder relevant für unseren Din. So wird der auf Dominanz abzielende Diskurs ins Innere gewandt und zu einem ­religiösen Moment gemacht. Wir übernehmen so in steigendem Maße die Definition Dritter, was Allahs Din und seine Absichten seien.
Nicht, dass ich abschließende Antworten oder schlüssige Lösungen hätte, aber die fortschreitende Politisierung und die mit ihr einhergehende Säkularisierung führen so zu einer ­Entkernung unserer ganzheitlichen Substanz. Wir sprechen, argumentieren und schreiben so viel über Themen „des Islam“ und damit verbundene Fragen. Eigentlich müsste das bei uns zu einem Wandel führen, die Herzen erweichen und uns feinfühlig im Umgang mit uns und anderen machen. Vor Kurzem stieß ich auf den Satz eines bekannten britischen Muslims, der unsere Ziele und Absichten gut beschreibt: „Das Ziel aller Ziele ist Allah.“
Wenn mich mein Muslimsein, die Handlungen der Anbetung oder auch nur die regelmäßige Freitagspredigt nicht verändern, muss ich mich fragen, was ich falsch mache. Kann es sein, dass das, was in meinem Kopf und auf meiner Zunge ist, seinen Weg noch nicht in mein Herz gefunden hat? Wenn ich deprimiert bin, muss ich mich fragen, wieso mich mein Muslimsein nicht genug erfüllt. Die Gefährten des Gesandten ­Allahs konnten nach dessen Tod nicht einmal seinen gesegneten Namen aussprechen, ohne in Tränen auszubrechen.
Kürzlich sah ich ein Video eines kleinen Jungen, dem bei der Klavierprobe seiner Schwester (es war Beethovens „Mondscheinsonate“) die Tränen kamen. Das war keine Reaktion auf körperliches, geistiges oder seelisches Trauma. Dem Kleinen ging es gut. Sein Herz reagierte unmittelbar auf den Augenblick. Idealerweise finden wir wieder Zugänge zu der Wissenschaft und ihren Techniken, die den Schlüssel zu diesem Teil unserer Existenz öffnet – um so zu werden, wie es der Kleine in diesem Moment war.
Ob als Kind im Qur’ankurs einer Moschee­gemeinde oder im Theologieseminar – dort ­lernen wir die nötigen Grundlagen von der ­Lehre unseres Glaubens. Es ist aber nötig, dass wir ihn auch schmecken können. Möge Allah uns im kommenden Ramadan die Tore zu ­unserer verschütteten Wirklichkeit öffnen und unsere Herzen reinigen.

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