, ,

Problem der Sprache: aus dem muslimischen Alltag

Ausgabe 371

Essays alltag muslimisch sprache
Foto: Glen C. Peters, Unsplash

Muslime Autoren (und Leser) kennen diese alltägliche Herausforderung: Benutze ich den arabischen Originalbegriff oder nehme ich eine Eindeutschung?

„Tse Lu: Der Herr Wei wartet darauf, dass du eine Regierung bildest. Was wirst du als erstes tun? Kung: Die Namen klären. Tse Lu: Wie kann das sein? Du schweifst ab. Warum sie festlegen? Kung: Du Kürbis! Sprosse! Wenn ein Mann kein Wissen hat, sollte er Zurückhaltung an den Tag legen. Wenn Worte nicht genau sind, kann man ihnen nicht folgen oder eine Handlung entsprechend ihrer Bedingungen vollenden.“ Konfuzius

„Der Islam geht in die Bücher, und die Muslime gehen ins Grab.“ Hasan Al-Basri

(iz). Das Problem von Sprache und der mit ihr verbundenen Herausforderungen ist für Muslime in den Bereichen Medien, Schreiben und Kommunikation eine alltägliche Aufgabe.

Wie viel der Substanz von Allahs Din und von wichtigen Vorstellungen kann durch Übertragungen vermittelt werden? Und was geht mit ihnen verloren? Hier bieten sich – leider – keine einfachen Lösungen an.

Wie Ahmet Aydin in seinem obigen Beitrag am Beispiel von Molla Dschami im Dialog mit Goethe verdeutlicht, erleichtert die angemessene „Sprachgewandtheit“ unseren Auftrag, Inhalte des Islam der Umwelt zu vermitteln.

Ihr Fehlen erschwert – im Negativfall – das Verstehen beim beabsichtigten Publikum. Was es kaum gibt: einfache Lösungen bzw. simple Regeln, die sich gleichermaßen auf jeden Begriff bzw. sämtliche Vorstellungen anwenden ließen.

sprache gespräch

Foto: Vadym, Adobe

Bei einer Reihe der täglichen Wörter der islamisch-religiösen Lebenspraxis wie dem Gebet, Fasten, der Pflichtabgabe oder der Pilgerfahrt ist die Übertragung in unsere Sprache Normalität geworden.

Niemand mit einem Hauch an deutschem Sprachgefühl muss sich wegen falsch verstandener Korrektheit genötigt fühlen, zu sagen „ich habe die Salat gemacht.“ Hier trifft die „Eindeutschung“ auf eine passende Bedeutungsübertragung bei gleichzeitiger Gewissheit, das Gegenüber kann einen verstehen.

Als Nächstes stoßen ÜbersetzerInnen und AutorInnen auf eine Grauzone, in der beide Seiten für ihre Neigung – Übertragung vs. Beibehaltung in der Originalsprache – beiderseits Argumente vorweisen können.

Ob es bspw. angemessen sei, das kleine Wort „Fiqh“ mit „islamischem Recht“ zu übersetzen, ist eine Frage, mit der sich ganze Seminare füllen lassen. Und ist der Faqih dann ein „Jurist“?

Das wäre in jedem konkreten Fall eine Abwägungsfrage. Übernehme ich einen Begriff aus dem Arabischen und führe ihn (im Text oder einer Fußnote) mit einer Erklärung ein bzw. verwende ich eine angemessene Entsprechung?

Die Entscheidung hängt wahrscheinlich vom Publikum und Kontext ab. Wer sich seines Sprachgebrauchs bewusst ist, sollte zumindest davon ausgehen, dass viele Wörter auch hier einen Subtext haben können.

Schließlich kommen wir in einen Bereich, in dem – mindestens die unreflektierte – eine Übertragung in die hiesige Terminologie (die eine christliche Vorgeschichte hat) mit Fallstricken und Missverständnissen behaftet ist (oder sein kann).

Allzu schnell verheddert sich der wohlgesinnte Autor im Netz einer alten Begriffs- und Ideengeschichte. Die zumal seit der Spätantike diversen Umdeutungen unterzogen wurde. Kaum jemand erschüttert heute innerlich, wenn er Bezeichnungen wie „Jenseits“ oder „Göttlichkeit“ hört.

Ein Beispiel ist die Übersetzung des qur’anischen Begriffs „Din“ mit „Religion“. „Religio“ bedeutete ursprünglich „gewissenhafte Sorgfalt“ bzw. „Gottesfurcht“, kam im 16. Jahrhundert als Lehnwort ins Deutsche und wurde von der Reformation geprägt.

Heute steht es für Glaubenssysteme mit transzendenten Elementen; die Etymologie (relegere/religare) bleibt umstritten.

muslimische denker geduld Philosophie

Foto: Topkapi Palace Library, Istanbul, via Wikimedia Commons | Lizenz: Public Domain

Die, so stattfindende Übersetzung von „Din“ ist mindestens „problematisch“. Seine Bedeutung lässt sich von „Verpflichtung“ ableiten (nicht der einzige qur’anische Begriff aus dem Bereich der Transaktionen), die aus unserer Anerkennung Gottes bei der Erschaffung der Seelen resultiert.

Der Mensch erkannte vor seiner Entsendung auf die Erde Allahs Herrschaft (Al-A’raf, Sure 7, 172) und schuldet Ihm dafür Anbetung bzw. Gehorsam als Gegenleistung für unsere Versorgung im Diesseits.

Mit dieser Pflicht ist keine „Schuld“ im Sinne einer christlichen „Erbsünde“ verbunden. Im erwähnten Qur’anvers versammelte Er alle Seelen mit der Frage: „Bin Ich nicht euer Herr?“ Was wir als Gattung bejahten. Aus dieser Anerkennung ergibt sich ein Bund, der sich durch unser Leben zieht.

Zu dieser Kategorie gehört die „Sünde“. Ihre Bedeutungsgeschichte ist so stark mit dem Christentum verknüpft, dass sie erklärungsbedürftig ist. Unausweichlich assoziiert der Begriff (wie der Leser) damit „Schuld“ und „Erbsünde“ – zentral in der christlichen Theologie, aber der islamischen Lebenspraxis und unseren Glaubenswelten fremd.

Die obigen Fragen wurden bisher zumeist nur unter Autoren, Übersetzern oder der Lehre diskutiert. Ein Punkt hingegen sorgt im Netz häufig für angeregte Debatten: Soll man „Gott“ bzw. „Allah“ sagen? Hier bleibe ich Agnostiker.

Mehr als eine, heute muslimische Bevölkerung hat ihre früheren Begriffe für die Göttlichkeit beibehalten und benutzt sie weiterhin. Andererseits ist mit diesem Wort ein solcher Wandel in der Bedeutungs- und Ideengeschichte seit der Antike verbunden, dass fraglich ist, ob die Übertragung glückt.

Nicht wenige hören hier Nietzsches Diktum „Gott ist tot“ (und ignorieren das „wir haben ihn getötet“ …) mit, wenn der Begriff fällt. Was seinerseits die Tür für die spannende Frage öffnet, ob der „Philosoph mit dem Hammer“ überhaupt Atheist war…