Essay: Ich habe gerade ein neues Video mit Andrew Tate gesehen und war davon überhaupt nicht beeindruckt, sondern sogar ein wenig enttäuscht.
(iz). Früher war dieser Mann eine Naturgewalt. Trotz seiner polarisierenden Ansichten und seiner kontroversen Vergangenheit war er ein Verfechter der Vernunft inmitten des Wahnsinns der Covid- und Über-Woke-Welt der frühen 2020er Jahre. Von Dr. Mazen Atassi
Schließlich nahm er sogar den Islam [über seine Glaubwürdigkeit nach 2022 herrschen unterschiedliche Ansichten, Anm.d.Red.] an, was für mich das deutlichste Zeichen dafür war, dass er in die von ihm versprochene „reale Welt“ eintrat.
Foto: Nathan Dumlao, Unsplash
Und doch, wenn ich ihm nach all den Jahren wieder zuhöre, kann ich nicht anders, als einfach nur traurig für ihn zu sein. Es scheint, als wäre er überhaupt nicht gewachsen und als hätte er nicht zugelassen, dass das Licht seines neu gefundenen Glaubens seine auf Angeberei basierende Ego-Rüstung durchdringt.
Doch seine Politik ist nicht einmal die eigentliche Herausforderung. Seine Prahlerei hilft ihm, das Gefühl zu haben, für jede Aufgabe der Welt eine Antwort zu haben. Eine Lösung, die auf Machiavellismus und dem Gesetz des Dschungels basiert: Und seine kraftvolle Rhetorik bringt einen dazu, ihm zustimmen zu wollen.
Das Problem ist vielmehr sein Mangel an Selbstbewusstsein. Anstelle eines herzbasierten Bewusstseins, das ihm Einblick in seine Fehler verschafft, nutzt er seine Intelligenz und Stärke, um seine Nafsani-Rüstung zu verstärken.
Er ahmt die herzbasierte Tugend des Mutes mit einem egoistischen Pseudomut nach, der eher der tyrannischen Macht eines Pharaos ähnelt als den Kardinaltugenden, die wahre Kriegerkönige wie den Propheten David und Propheten Muhammed, Friede sei mit ihnen beiden, antrieben.
Und dies ist symbolisch für eine wichtige Realität, die immer wieder hervorgehoben werden muss: die absolute Notwendigkeit der Heilung, Kultivierung und Mentorenschaft von Männern.
Unabhängig von seinem Talent – sei es die Neigung zum Erwerb heiligen Wissens, kriegerische Fähigkeiten oder die Gabe der Redekunst – wird ein Mann, der sich nicht vor einem Meister demütigt, der nicht lernt, seine Wunden zu heilen und seine Fähigkeiten ins Gleichgewicht zu bringen, letztendlich versagen und die Kraft seines Potenzials verlieren. Er wird mit der Zeit zu einer bloßen hohlen Hülle werden, die von der Brillanz seiner eigenen wahren Realität entfernt ist.
Foto: Anything Goes With James Englis, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 3.0
Nehmt euch in Acht, Brüder. Es gibt keinen größeren Weg als den Weg der Propheten. Und es gibt keinen größeren prophetischen Weg als den Weg des Ersten und Letzten von ihnen, dem Siegel der Vollkommenheit, der uns gelehrt hat, wie man fühlt, heilt und real wird.
Nicht nur, indem wir in eine „reale Welt” der zeitlichen finanziellen Freiheit und Kaufkraft eintreten, sondern indem wir der Matrix wirklich entfliehen und in die Welt des Wahren eintreten, mit dem Wahren leben, durch das Wahre, in diesem Leben und im nächsten. Möge Gott uns die Klarheit und den Mut geben, zu Seinen Männern zu werden.
Andrew Tate: Der ehemalige Kampfsportler und Influencer ist nicht nur hoch umstritten. Er wurde vor einiger Zeit Muslim. Muslime sind sich uneins über seine Person. Die US-amerikanische Autorin Nuriddeen Knight und IZ-Autor Ali Kocaman streiten um diese Personalie.
PRO: Andrew Tate ist ein gutes Problem
(iz). Als ich jünger war – nicht so jung, so Anfang 20 – habe ich mir gewünscht, gehofft und sogar gebetet, dass die Sängerin Rihanna Muslima wird.
Ich erwähne das, um zu sagen, dass es viele gibt, von denen Muslime sich wünschen, dass sie zum Islam finden. Die Tatsache, dass sie nicht in einen sündigen Lebensstil leben, ist kein Kriterium für die Auswahl potenzieller Konvertiten. Wir wollen, dass Menschen zum Din finden, die beliebt sind und die für die Gesellschaft akzeptabel sind.
Leicht verdaulich ist er nicht
Andrew Tate ist – zumindest im Internet – beliebt und wird von einigen gefeiert. Leicht verdaulich ist er sicher nicht. Zu der Zeit, als er zum Islam konvertierte, wurde er vom Mainstream als anstößig empfunden und von beliebten Social-Media-Anwendungen wie Facebook, TikTok und YouTube entfernt. Ironischerweise hörte ich von ihm, nachdem er massenhaft gelöscht worden war.
Als ich seine Inhalte durchsah, fand ich einiges lustig, manches nützlich, anderes geschmacklos und einen Teil skandalös. Ich kann davon ausgehen, dass seine hypermaskuline, superintensive und übertriebene Prahlerei mich ohnehin nicht ansprechen sollte.
Irgendwann in dieser Zeit erfuhr ich von seiner Bekehrung. Als Gläubige freute ich mich. Stand er auf meiner Liste der gewünschten Konvertiten? Nein. Aber der Islam ist eine Religion für alle. Und sein Übertritt bedeutete, dass er von Allah auserwählt worden war – aus Gnade und Barmherzigkeit. Das ist es wert, gefeiert zu werden, egal ob es sich um einen unbekannten Menschen oder eine kontroverse Online-Figur handelt.
Foto: SorinVides, Shutterstock
Tate stellt die Frage, ob meiner Religion angehört oder Identitätsgruppe sein will
Es lässt sich nicht leugnen, dass sein umstrittener Status die Dinge für uns kompliziert; nicht als Glaubensgruppe, die jeden willkommen heißt, sondern als Identitätsgruppe, die um ihr Image besorgt ist. Seit dem 11. September 2001 haben Muslime hart dafür gearbeitet, nicht als frauenfeindlich, unterdrückerisch, rückständig und aggressiv wahrgenommen zu werden.
Daher haben viele ihre Abneigung gegen Andrew Tate zum Ausdruck gebracht. Sie haben die Welt wissen lassen, dass seine Rhetorik und seine Person keinen Platz in der Vision des Islam haben, die wir seit mehr als zwei Jahrzehnten zu vermitteln versuchen – den leicht verdaulichen, freundlichen, fügsamen Muslim voller Frieden und Liebe.
Abgesehen davon, dass dies eine Abkehr von unserer primären Identität als Muslime darstellt – der einer Glaubensgemeinschaft, die alle einschließt –, ist es auch nicht wahr. Wir sind friedlich und verteidigungsbereit. Wir sind freundlich und bereit, uns zu wehren, wo es nötig ist. Und wir mögen von Frieden und Liebe erfüllt sein, aber wir sind nicht gefügig.
Das bedeutet nicht, dass Tate Recht hat und die leichter verdauliche Botschaft falsch ist. Seine Präsenz und Rhetorik vermitteln der Öffentlichkeit ein umfassenderes Bild. Weil er so ist – oder war –, kann er Dinge sehen, die viele von uns nicht sehen können. Und weil er ein neuer Muslim ist, ist der Din in erster Linie sein Glaube und keine „Identität“.
Andrew Tate ist ein Problem für uns, weil er die gut gewebte Identität kompliziert, die wir nach dem 11. September aufgebaut haben, um in dieser Gesellschaft zu überleben. Aber das ist ein gutes Problem. Muslime müssen die Tatsache akzeptieren, dass der ganze Islam schön ist, selbst die Aspekte, die wir nicht gerne teilen – Geschlechterrollen oder Regeln, die menschliches Verhalten hemmen oder einschränken. (von Nuriddeen Knight)
Foto: Anything Goes With James Englis, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 3.0
CONTRA: Kein gutes Vorbild für junge Männer
Jeder Mensch, der zu Allah findet, hat seine eigene Geschichte. Es gibt keine allgemeine Erzählung oder einen verbindlichen Mechanismus, der dies individuell erklären könnte. Und jede Gemeinschaft, in der sich ein Mensch auf seinen Islam als Teil seiner Schöpfung besinnt, erlebt einen Moment der Baraka.
Von einer Schahada profitiert nicht nur der jeweils neue Muslim, sondern alle Anwesenden. Es ist ein Moment des Bekenntnisses zu Allah.
Es geht nicht um den Muslim Tate
Soweit so gut. Was zur Debatte steht, ist nicht der Muslim Tate, sein Islam und Verhältnis zum Schöpfer. Wir sind keine Richter, die ein Urteil zu fällen haben. Was ihm aus der Vergangenheit anhaftet, muss Tate mit den Strafverfolgungsbehörden klären – und gegebenenfalls Konsequenzen ziehen.
Es geht nicht um den Menschen, sondern um die öffentliche Person, den Influencer, der von Millionen junger Männer als Vorbild in Sachen Männlichkeit behandelt wird.
Und darüber muss diskutiert werden. Tate hat mit seinem Bekenntnis zum Islam keine selbstkritische Auseinandersetzung mit seiner früheren Haltung gegenüber Frauen begonnen. Vielmehr öffnete er seinen Maskulinismus für Millionen junger muslimischer Männer. Die ihn so unter dem Deckmantel des Islam zur Rechtfertigung ihrer Einstellungen nutzen.
Foto: Tinnakorn, Shutterstock
Die öffentliche Person trägt eine große Verantwortung
Und dieser zweite Andrew Tate trägt eine große Verantwortung. Sie kann auch nicht im Rahmen einer muslimischen „Bro-Kultur“ abgeschüttelt werden. Als Folge seines öffentlichen Bekenntnisses zum Islam häuften sich maskulinistische Positionen in muslimischen sozialen Kanälen. Für die Krise der Männlichkeit sei der Feminismus (sprich: Frauen) rechenschaftspflichtig.
Das Problem ist, dass einige muslimische Männer einen Mann, der laut Schutzeinrichtungen für häusliche Gewalt „Männer und Jungen radikalisieren kann, damit sie offline Schaden anrichten“, als Musterbeispiel für Männlichkeit ansehen. Es geht um die Verherrlichung einer Persönlichkeit, die – vor dem Islam – mit der Ausbeutung von Frauen in Verbindung gebracht wurde.
„Leute wie Jordan Peterson und Andrew Tate haben großen Einfluss erlangt, weil sie jungen Männern eine Fiktion erzählen“, schrieb KO Masombuka in IZ Nr. 335. Eine Imagination, wie man trotz gefühlter „Machtlosigkeit“ im globalen Kapitalismus erfolgreich wird. Sein Geschäftsmodell – Influencing ist ein Geschäft – ist eine der Antithesen zum prophetischen Modell.
Der Gesandte Allahs, Heil und Segen auf ihm, nahm eine Generation von Männern UND Frauen, die aus einer Kultur stammten, in der weibliche Föten lebendig begraben wurden.
Dieser umfassende Wandel im Rahmen nur einer Altersgruppe wurde von ‘Umar ibn Al-Khattab bezeugt: „In den Zeiten der Unwissenheit hatten wir keinerlei Achtung vor den Frauen. Doch als der Islam kam und Allah subhanahu wa ta’ala (gepriesen und erhaben sei Er) sie erwähnte, führte dies dazu, dass wir erkannten, dass sie uns gegenüber Rechte haben.“ (von Ali Kocaman)
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