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Zwischen Hilfe und Hass: Was über den Magdeburg-Attentäter bekannt ist

Prediger solingen magdeburg

Er galt bei den Behörden nicht als „Islamist“ und präsentierte sich als scharfer Kritiker des Islams. Die dunkle Seite wurde nicht gesehen.

Magdeburg (dpa). Der Attentäter von Magdeburg passt für Behörden und Sicherheitsexperten in kein gängiges Schema. In den sozialen Netzwerken präsentierte er sich als vehementer Kritiker des Islams und Saudi-Arabiens, engagierte sich aus dem Exil für Frauenrechte in seiner Heimat. Von Simon Kremer und Iris Leithold

Aber er hat auch eine andere Seite, und das offenbar schon lange – das wird nun immer deutlicher, nachdem Taleb A. auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt mindestens fünf Menschen tötete und 200 weitere zum Teil schwer verletzte.

Viele rätseln vor allem über das Motiv des Mannes, der sich zuletzt immer kritischer auch zu deutschen Behörden und ihnen „geheime Operationen“ vorwarf. Seine teils wirren Äußerungen etwa in sozialen Netzwerken bieten Spielraum für Interpretationen. Die Behörden sind sich immer noch nicht im Klaren, ob sie die Tat als politisch motiviert einstufen.

Taleb A. kam nach Behördenangaben bereits 2006 nach Deutschland. Von 2011 bis Anfang 2016 habe er zunächst in Mecklenburg-Vorpommern gelebt und in Stralsund einen Teil seiner Facharzt-Ausbildung absolviert, erklärte der Innenminister des Bundeslandes, Christian Pegel (SPD). Schon damals wurde er bei den Behörden mehrfach auffällig – mit der Androhung von Straftaten.

In einem Streit um die Anerkennung von Prüfungsleistungen habe er gegenüber Vertretern der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern mit einer Tat gedroht, die internationale Beachtung bekommen werde.

Im Zuge von Ermittlungen habe es auch eine Durchsuchung bei Taleb A. gegeben, dabei seien aber keine Hinweise auf eine reelle Anschlagsvorbereitung gefunden worden. Im Jahr 2013 sei Taleb A. vom Amtsgericht Rostock wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten zu 90 Tagessätzen verurteilt worden.

In der Folge gab es weitere Auffälligkeiten. Den Verdacht der Nötigung im Januar 2014 etwa, der zu einer Gefährderansprache der Polizei geführt habe, wie Innenminister Pegel sagte. Der Mann sei auf Konsequenzen solcher Taten hingewiesen worden und ihm sei gesagt worden, dass man einen sehr viel genaueren Blick auf ihn haben werde.

Die Richter, die ihn 2013 verurteilt hatten, habe er später in einer Petitionshotline der Bundesbehörden außerdem als Rassisten bezeichnet. Er habe dabei Überlegungen angedroht, sich eine Pistole zu besorgen und im Zweifel Rache an den Richtern nehmen, sagte Pegel. Als Gefährder sei der Mann aber nicht eingestuft worden.

Magdeburg-Attentäter: als Arzt im Maßregelvollzug

Auch nicht von den Behörden in Sachsen-Anhalt, wo Taleb A. anschließend lebte. Im Februar 2016 beantragte er nach Informationen der dpa einen Asylantrag, über den im Juli desselben Jahres entschieden wurde. Der saudische Staatsbürger erhielt Asyl als politisch Verfolgter.

Er wohnte zuletzt in Bernburg, einer kleinen Stadt knapp 50 Kilometer von Magdeburg, entfernt. Dort arbeitete er als Facharzt für Psychiatrie im Maßregelvollzug und kümmerte sich um suchtkranke Straftäter. Das teilte das Gesundheitsunternehmen Salus mit. Seit März 2020 sei er in der Einrichtung tätig gewesen. „Seit Ende Oktober 2024 war er urlaubs- und krankheitsbedingt nicht mehr im Dienst“, hieß es in einer Mitteilung des Unternehmens, das in Bernburg ein Fachklinikum für Psychiatrie und Suchtmedizin betreibt.

Doch in der Belegschaft gab es offenbar Misstrauen an dem Arzt und Zweifel an seinen Kompetenzen. Die „Mitteldeutsche Zeitung“ zitiert einen Mitarbeiter: „Er heißt bei uns «Dr. Google».“ Vor jeder gestellten Diagnose habe er im Internet nachschauen müssen. Es habe auch Hinweise an die Klinikleitung gegeben. Die Klinik wollte sich auf Anfrage nicht äußern.

Neben seiner Tätigkeit als Arzt ist Taleb A. als Aktivist und vehementer Islamkritiker unterwegs – vor allem in den sozialen Netzwerken, wo ihm schon vor dem Anschlag mehr als 40.000 Menschen folgen. Im Juni 2019 erschien ein Interview mit Taleb A. in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Ich bin der aggressivste Kritiker des Islams in der Geschichte“, sagte er damals.

Neben seinen Beiträgen in den sozialen Netzwerken beriet Taleb A. nach eigenen Aussagen Frauen unter anderem aus Saudi-Arabien bei Asylfragen und vermittelte deren Kontakt auch an internationale Medien.

Streit mit Flüchtlingshilfe: „Er wird schnell aggressiv.“

Dabei legt er sich auch mit der Säkularen Flüchtlingshilfe Deutschland an, einem Verein, der sich um die Interessen atheistischer Flüchtlinge kümmert. Seit 2019 habe es Kontakt mit Taleb A. nur noch über Anwälte und Gerichte gegeben, hieß es in einem Statement des Vereins. Nach „übelsten Verleumdungen und verbalen Angriffen“ hätten Mitglieder der Flüchtlingshilfe Anzeige gegen Taleb A. bei der Polizei erstattet. In diesem Zusammenhang gab es demnach auch einen Prozess vor dem Landgericht Köln, in dem es um die Löschung von Social-Media-Posts ging.

Mitglieder des Vereins beschreiben die zwei Seiten des Mannes. „Er hat zwei Leben gehabt“, sagte die iranische Menschenrechtsaktivistin Mina Ahadi vom Zentralrat der Ex-Muslime der Deutschen Presse-Agentur. Wenn man länger mit ihm zu tun gehabt habe, habe man ein komisches Gefühl gehabt. Er habe Mitglieder des Vereins regelrecht terrorisiert, sagt Ahadi.

Vor einem Jahr habe es eine Strafanzeige gegen den heute 50-Jährigen gegeben, bestätigte die Staatsanwaltschaft Magdeburg. Eine Gefährderansprache sei auch hier geplant gewesen, sei aber nicht durchgeführt worden. Auch Menschenrechtsaktivistin Ahadi spricht von Drohungen, die Taleb A. während des Prozesses ausgestoßen habe. „Er wird schnell aggressiv.“

Beiträge in den sozialen Medien werden radikaler

Auch in den sozialen Medien werden seine Beiträge wirrer und radikaler. „Ich erwarte ernsthaft, dieses Jahr zu sterben“, hieß es auf X-dem Account von Taleb A. im Mai dieses Jahres. „Ich werde Gerechtigkeit um jeden Preis herbeiführen.“ Die deutschen Behörden würden alle Wege zur Gerechtigkeit blockieren. Ob der Saudi die Beiträge wirklich alle selbst verfasste, war zunächst nicht klar. Für Irritation sorgte etwa ein Post, der wenige Minuten nach dem Anschlag von Magdeburg veröffentlicht wurde.

Saudi-Arabien hatte Deutschland saudischen Sicherheitskreisen zufolge vor dem Mann gewarnt. Das Königreich habe seine Auslieferung beantragt. Darauf habe Deutschland nicht reagiert, hieß es. Den Sicherheitskreisen zufolge stammt er aus der Stadt Al-Hofuf im Osten Saudi-Arabiens und war Schiit. Nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung in dem mehrheitlich sunnitischen Land sind schiitisch. Es gibt immer wieder Berichte von Diskriminierungen gegenüber Schiiten im Land.

Erst vor rund zehn Tagen veröffentlichte die amerikanische Plattform RAIR, die sich selbst als antimuslimische Graswurzel-Organisation beschreibt, ein mehr als 45 Minuten langes Interview mit dem Arzt. Darin wirft er unter anderem der deutschen Polizei vor, „geheime Operationen“ durchzuführen und das Leben von saudischen Asylsuchenden, die sich vom Islam losgesagt hätten, gezielt zu zerstören.

Zudem äußerte er sich als Fan von X-Inhaber Elon Musk und der AfD, die die gleichen Ziele wie er verfolge. Gleichzeitig bezeichnete er sich aber politisch als links. „Ich bin nicht rechts, ich bin ein Linker.“

Ein Täter, der in kein Schema passt

Der Leitende Oberstaatsanwalt von Magdeburg, Horst Walter Nopens, sagte am Samstag, das Motiv des Täters könnte Unzufriedenheit über den Umgang mit Flüchtlingen aus Saudi-Arabien in Deutschland gewesen sein. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sagte am Sonntag, die Äußerungen des Mannes zur Motivlage hätten eher wirr geklungen.

Der Terrorismusexperte Peter Neumann vom King’s College in London betonte im ZDF, wie schwierig es sei, den Attentäter ideologisch einzuordnen. Er habe nicht in ein bestimmtes Raster gepasst. „Er war eben kein typischer Islamist. Er war ein Saudi, der sich gegen den Islam gewendet hat.“ Das passe für Behörden nicht so richtig in die gängigen Schemas rein.

Man wissen aus Studien, dass sich solche Einzeltäter in vielen Fällen mitteilten gegenüber Bekannten, Freunden, Außenstehenden. „Auch das hat hier stattgefunden“, sagte Neumann. „Er hat das mitgeteilt. Er hat gesagt, er möchte gegen Deutschland Krieg führen.“

Das sei allerdings auch das Problem, wie solche schwachen Signale einzuordnen seien. Heute habe man eine Flut von Informationen von Tausenden von Leuten, die im Internet ähnliche Botschaften sendeten. „Und es ist ganz, ganz schwierig zu unterscheiden: Wer meint es ernst, und wer ist nur auf dem Internet und macht Sprüche?“

Muslimische Repräsentanten: Handlungen des französischen Schützen widersprechen Islam

Toulouse (IZ/Agenturen). Mohamed Merah, der mutmaßliche Täter hinter dem Amoklauf im französischen Toulouse, starb am Donnerstag, dem 23. März, nach einer 32-stündigen Belagerung durch Polizeieinheiten. Er sprang aus einem Badezimmerfenster, mit einer automatischen Pistole in der Hand, als die Polizei in seine Wohnung eindrang. Nach einem Kopfschuss wurde er tot auf dem Boden aufgefunden.

Zwei Polizisten wurden bei der versuchten Erstürmung verletzt, einer von ihnen schwer. Merah wollte sich bis zum Schluss nicht der Polizei ergeben. Ein erfahrenes Mitglied des Einsatzkommandos sagte, dass er niemals ein so heftiges Feuergefecht erlebt habe.

Frankreichs Innenminister Gueant veröffentliche kurz nach dem Ende des Schusswechsels erste Informationen. Bei der massiven Schießerei wurden mehr als 300 Geschosse abgefeuert – mindestens dreißig alleine von Merah, der eine schusssichere Weste trug. Frankreichs Generalstaatsanwalt Francois Molins versicherte, dass alles unternommen worden sei, „um ihn lebend zu verhaften“. Der habe sich allerdings dazu entschlossen, „mit der Waffe in der Hand sterben“ zu wollen.

Merah, ein französischer Staatsbürger algerischer Herkunft behauptete, Kontakte zu al-Qaida unterhalten zu haben. Er gestand die Tötung von vier Menschen vor einer jüdischen Schule und dreier französischer Soldaten, von denen zwei Muslime waren.

Während die Untersuchungen noch andauern, ob er Komplizen hatte, warnte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy vor Racheakten gegen die muslimische Gemeinschaft seines Landes: „Unsere muslimischen Landsleuten haben nichts mit diesen Akten eines mörderischen Terrorismus zu tun.“

Merah habe während des langen Verhandlung über eine Aufgabe nach eigenen Angaben „Frankreich in die Knie zwingen“ wolle. Er habe nur bedauert, „nicht mehr Menschen getötet“ zu haben. Der Amokläufer gab die Ermordung der sieben Menschen zu. Sein Motiv sei Rache für französische Interventionen im Ausland und die „Tötung palästinensischer Kinder im Nahen Osten“ gewesen.

Die französischen Sicherheitsbehörden müssen sich die Frage stellen lassen, wieso sie nicht vor dem Amoklauf eingegriffen haben. Der Massenmörder soll seit geraumer Zeit vom Geheimdienst observiert worden sein, da er nicht nur radikale Ansichten vertrat, sondern sich auch in militärischen Trainingslagern im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan aufhielt.

So berichtete die französische Lokalzeitung „Le Telegramme“ am 22. März, dass eine Frau die Behörden wiederholt vor Mohamed Merah gewarnt habe und ihn zwei Mal angezeigt habe. Sie habe den späteren Mörder als „Gefahr für die Öffentlichkeit“ beschrieben. Im Sommer 2010 habe sie ihn angezeigt, nachdem er versuchte, ihren Sohn „für den Dschihad zu rekrutieren“. Der damals 15-jährige habe von Merah CDs mit militanten Predigten zu hören bekommen. Danach habe er den Jungen gezwungen, in seine Wohnung zu kommen, wo er ihm brutale al-Qaida-Videos zu sehen. Nach der Beschwerde gegen den späteren Amokläufer habe er sie, ihren Sohn und ihre Tochter körperlich misshandelt.

Einen Tag vor dem Tod des Amokläufers erklärten führende muslimische Vertreter Frankreichs, dass der Mörder „gegen den Islam“ gehandelt habe. „Seine Handlungen stehen im vollkommenen Widerspruch zu den Fundamenten dieser Religion“, sagte Mohammed Moussaoui, Leiter des Muslimischen Rates von Frankreich. „Frankreichs Muslime sind aufgebracht über seine Behauptungen.“

Bei einem Spitzentreffen der muslimischen Vertreter mit Richard Prasquir, Führer der wichtigsten jüdischen Organisation CRIF, im Elysee-Palast sagte Prasquir, dass es absolut unmöglich sei, „diese Person und die islamistische, dschihadistische al-Qaida-Bewegung, für die er stehe, mit dem Islam in Frankreich zu verwechseln, die eine Religion wie alle anderen auch ist“.

Inmitten eines heftig geführten Präsidentschaftswahlkampfs, bei dem die rechtsextreme Marine Le Pen bereits die Morde von Merah als Wahlkampfmunition einsetzte, kündigte der amtierende Präsident Sarkozy „härtere Maßnahmen“ gegen „gewalttätige Islamisten“ an. Das Internet solle schärfer überwacht werden, ebenso jene Personen, die ins Ausland reisen, um an „terroristischen“ Aktivitäten teilzunehmen. Außerdem würden sämtliche Maßnahmen ergriffen, um die Ausbreitung von Gewalt in Frankreichs Gefängnissen zu unterbinden.

Die Gefahr der Paranoia

Prof. Manfred Schneider lehrt Ästhetik und Literarische Medien am Lehrstuhl für Neugermanistik an der Ruhr-Universität Bochum. In seinem neuen Buch „Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft“ befasst er sich mit der Psychologie des Attentäters, der Rolle des Attentats in der heutigen Zeit und der Reaktion von Politik und Gesellschaft darauf, sowie mit dem Wesen der Paranoia. Wir sprachen mit Prof. Schneider über die Thesen des Buches.
Islamische Zeitung: Herr Prof. Schneider, wie kamen Sie dazu, ein Buch über Attentäter zu schreiben?
Manfred Schneider: Ich möchte zurückfragen: Wie kann man im Augenblick kein Buch über Attentate schreiben? Es vergeht ja fast kein Tag ohne Nachrichten von Attentaten, versuchten Attentaten, Warnungen vor Attentaten oder von politischen Maßnahmen, um Attentate zu verhindern. Oder von Selbst­mordattentaten, vor allem im Nahen Osten oder Afghanistan. Es ist also augenscheinlich ein großes Thema. Ich bin ein Beobachter der politischen Ereignisse, und ich muss sagen, dass für mich persönlich das Attentat auf John F. Kennedy 1963, als ich ein junger Student war, ein einschneidendes Ereignis war, und prägend war auch später die Geschichte der RAF im Deutschland der 70er Jahre mit den vielen Attentaten und politischen Morden. Das brachte mich zu der Vorstellung, die sich heute bewahrheitet – nämlich dass Attentate ein Mittel des Politischen geworden sind, das wir nicht mehr loswerden.
Islamische Zeitung: In Ihrem Buch findet sich eine Widmung mit einem Nietzsche-Zitat – „nicht der Zweifel, die Gewissheit macht wahnsinnig“. Ist es diese radikale Subjektivität, welche Ideologen aller Couleur verbindet?
Manfred Schneider: Das Zitat soll einen Akzent setzen, dass der Wahnsinn der Paranoia, den ich allerdings nicht als klinischen Wahnsinn beschreiben will, eine Gestalt der Gewissheit ist. Eine Gestalt extremer Gewissheit und unerschütterbarer Überzeugung. Zugleich ist sie eine Form der Rationalität. Es gibt eine sehr interessante Bestimmung der Paranoia von einem Psychiater des 19. Jahrhunderts, der sagt, der Paranoiker sei jemand, der alles verloren hat außer seiner Vernunft. Das heißt, diese extreme Gewissheit ist eine Haltung zur Welt, ob sie nun politisch, wissenschaftlich oder religiös ist, die nur aus Überzeugung besteht, die nicht das Element des Zweifels, der Skepsis oder auch die Fähigkeit, den entgegengesetzten Standpunkt wenigstens zu denken, mehr kennt. Das sind die Gewissheitshaltungen, die ich in dem Buch ausdrücklich in Frage stelle. Von solchen versteinerten Überzeugungen geht sehr viel ideologisches Unheil aus.
Islamische Zeitung: Ihr Buch ist ja auch eine Geschichte des Attentäters. Haben die modernen Medien, hat die Medienwelt, in der wir leben, auch die Verhaltensmuster des Attentäters ­verändert?
Manfred Schneider: Es ist eine der Hauptthesen meines Buches, dass die modernen Medien, seien es Zeitungen, Fotografie, Kino, TV, die Nachrichten aus der Politik verbreiten, den Attentäter mit hervorbringen. Das Paradoxe ist, dass der Attentäter eigentlich die Medien verachtet, weil sie in seinen Augen lügen, die Dinge verstellen, die Bilder fälschen, die wahren Tatsachen abschirmen; andererseits will er aber selbst in den Medien erscheinen. Er wünscht sich, dass sein Bild als das wahre Bild eines Helden, eines Befreiers, eines Opfers von allen gesehen wird. Eigentlich ist dieser Wunsch, gesehen zu werden, ganz alt; es gab ihn bereits vor den modernen Medien. Aber die modernen Medien haben diese beiden Seiten: An ihnen hängt einmal die Vorstellung, dass sie lügen, und gleichzeitig will der Attentäter selbst als das wahre Bild, als Bild der Wahrheit in den Medien erscheinen. Das ist ein Phänomen der Moderne.
Islamische Zeitung: Sie beschreiben auch das Verhältnis des einzelnen Attentäters und seiner so hilflosen wie destruktiven politischen Tat zum Macht­apparat. Warum wird diese Figur heute wichtiger, und ist sie gar bereits integrierter Teil unseres modernen politischen Lebens geworden?
Manfred Schneider: Ein großes Problem unseres politischen Lebens ist unser Umgang mit der Macht. Wir wissen natürlich, welche Macht es in der Welt gibt und dass sie sich in den Händen weniger Leute befindet, in den Händen von Politikern, Militärs, Polizei, von Unternehmern, aber eben auch von Medien, Zeitungen, Fernsehen und so weiter. Tatsächlich aber ist das Problem, dass man die Macht nicht sehen kann. Das, was wir von der Politik und von der Macht sehen, wie zum Beispiel diese kluge, aber doch unscheinbare Kanzlerin oder diesen Armeechef oder jenen Intendanten – wir können uns nicht vorstellen, dass diese Alltagsmenschen über solche Macht verfügen. Das Schauspiel, das uns die Politik und die Mächtigen bieten, steht für uns in einem Missverhältnis zu der ungeheuren Macht, von der wir wissen und die wir bisweilen spüren, wenn die Dinge für uns selbst schief laufen. Und das ist die Quelle des Verdachts, der irgendwie in uns allen lebendig ist, nämlich dass hinter den Kulissen doch etwas ganz anderes gespielt wird, dass ganz andere Mächte im Hintergrund wirken, obwohl wir ja eigentlich als Volk, als Demokraten selbst die Macht sind und sie verkörpern. Von daher ist der Attentäter wie ein Delegierter dieser Beunruhigung durch die Macht, die uns umtreibt. Obwohl er von uns nicht beauftragt ist, handelt er als unser Delegierter, der diese Macht, die ganz fern von uns, unsichtbar und verdachtsbeladen ist, für einen Augenblick sichtbar macht.
Islamische Zeitung: Wir haben gerade wieder in Stockholm die Tat ­eines muslimischen Attentäters erlebt. Wie können wir verhindern, dass unsere Gesellschaft angesichts dieser an­dauernden Bedrohungen „paranoid“ wird?
Manfred Schneider: Da liegt eine große, um nicht zu sagen gewaltige Verantwortung auf uns allen. Das kollektive Verständnis einer Gesellschaft kann schnell umschlagen in eine paranoide Auffassung vom Grund oder der Ursache bestimmter Übel, mit denen sie es zu tun hat. Es gibt einmal diesen primitiven Denkmechanismus, der für die Ursache von Übeln Sündenböcke sucht. Das ist gewissermaßen alltäglich. Gefährlich und paranoid wird es, wenn eine einzige Ursache und womöglich eine einzige Personengruppe für sämtliche Übel verantwortlich gemacht wird. Früher waren dies einmal die Linken, noch früher waren es die Juden, heute sind neue Gruppen aufgetaucht, wie Migranten, Muslime oder Hartz IV-“Faulpelze“, denen diese störenden, unangenehmen und gefährlichen Dinge, mit denen wir zu kämpfen haben, zugerechnet werden. Es geht darum, zu sehen, dass wir es bei Attentätern zumeist mit besessenen, aus der Bahn geratenen Einzeltätern zu tun haben – auch dann, wenn sie einmal in einer Gruppe auftreten. Das dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren.
Islamische Zeitung: Wo würden sie die Trennlinie zwischen „normaler“ Angst und Paranoia ziehen?
Manfred Schneider: Angst ist nicht Paranoia, auch wenn sie sehr intensiv ist. Paranoia ist eine Einstellung, die – wenn auch aus Angst heraus – für bedrückende Erlebnisse, Sorgen, politische Probleme eine einzige Figur, einen einzigen Grund, eine einzige Ursache sieht und dann möglicherweise Gewalt mobilisiert, um diese Ursache zu beseitigen. Natürlich sind Menschen in unterschiedlicher Weise ängstlich, das ist eine Erfahrungstatsache. Die Angst schlägt eben in Paranoia um, wenn für dieses Übel eine einzige Ursache gesehen wird. Die politischen und sozialen Übel heutzutage sind jedoch immer komplex und schwierig und setzen sich aus vielen Teilaspekten und Teilproblemen zusammen, und die Vereinfachung, diese auf einen einzigen Grund zu reduzieren, ist paranoisch.
Islamische Zeitung: Häufig wird hinter dem gegenwärtigen Terrorismus ein weltweites Komplott von ­“Islamisten“ vermutet. Ist das aus ­Ihrer Sicht ein reales Bild?
Manfred Schneider: Nein, das ist in meinen Augen eine völlige Verzerrung. Natürlich gibt es mehr oder weniger prominente Angehörige des Islams, die Krieg gegen „Ungläubige“, gegen den Westen oder gegen Feinde des Islams predigen. Und es stimmt natürlich auch, dass diese häufig Stichworte für Einzelattentäter liefern, von den Männern des 11. September bis hin zu diesem armseligen Mann, der sich kürzlich in Stockholm in die Luft gesprengt hat. Aber wenn man richtig hinschaut, sind es zumeist ohnmächtige Großsprecher, die nicht als Teil eines großen Verschwörer-Rings agieren. Diese Komplott-Theorie ist eine vor allem in den USA kultivierte Vorstellung, für die es in meinen Augen keine Anhaltspunkte gibt, so schlimm bisweilen einzelne Aktionen auch sind, die im Namen des Islams begangen werden.
Islamische Zeitung: Kann Paranoia auch politisch genutzt werden?
Manfred Schneider: Ja, natürlich. Das Lehrstück dafür hat die amerikanische Regierung nach dem 11. September aufgeführt, indem sie eine ganze Gesellschaft in einen paranoiden Zustand versetzt hat. Das kam in vielen Details zum Ausdruck und war wirklich Besorgnis erregend. Das hat sich in den letzten Jahren aber wieder entspannt. Ein anderes Beispiel, das uns die deutsche Geschichte bietet, ist der Antisemitismus im Dritten Reich, bei dem sich sowohl Wissenschaftler als auch Politiker und ein großer Teil der Bevölkerung auf eine vollkommen absurde, abwegige, unhaltbare Theorie von der „jüdischen Rasse“ eingeschworen hatten und sich zu diesen schrecklichen Taten ermächtigt sahen. Den Hintergrund dafür bildete das Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und Politik, und da heißt es eben besonders aufmerksam zu sein.
Islamische Zeitung: In Ihrem Buch klingen Zweifel an, ob es das Schicksal als Erklärungsmodell überhaupt gibt. Schicksalsglaube ist natürlich ein wichtiger Teil der Religionen. Sind diese Religionen – aus Ihrer Sicht – insofern „paranoid“?
Manfred Schneider: Das würde ich in dieser Form natürlich nicht behaupten. Wenn ganze Völker oder Gesellschaften Elemente einer solchen religiösen Vorstellung zu ihrer Überzeugung erheben und viele Menschen daraus ihre Weltsicht beziehen, dann ist es ein Element der Kultur selber. Andererseits neigen Sekten dazu, paranoide Vorstellungen zu entwickeln. Und die ausgeprägte Paranoia ist stets religiös. Zum anderen zeigen ja die großen Weltreligionen, dass sie ungeheure Auslegungsspielräume bieten und erlauben, an eine feste Bestimmung des Schicksals zu glauben oder auch den Glauben an die Freiheit eröffnen. Das war ja in der christlichen Ära der Gegensatz zwischen protestantischer und katholischer Religiosität. Von daher sind Religionen nicht grundsätzlich paranoide Systeme. Wobei man auch sehen muss, dass Paranoia eine Einstellung ist, die Erlösungsfunktion auf einzelne lebendige Personen verlegt. Wenn es wie zum Beispiel in der jüdisch-christlichen Tradition ein Messias ist, ein Gottgesandter, ein Dritter, der dies übernimmt, dann ist das etwas anderes, als wenn einzelne, lebendige Menschen auftreten und selbst die Messiasfunktion beanspruchen. Das ist der Unterschied.
Islamische Zeitung: Lieber Prof. Dr. Schneider, vielen Dank für das ­Gespräch.

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