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Verrohung von Sprache: Kermani kritisiert Merz

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Der Schriftsteller Navid Kermani warnt, dass der Krieg Israels eine demokratische Zukunft des Irans gefährdet. Auch mit Kanzler Merz geht er hart ins Gericht.

Köln (dpa). Der Schriftsteller Navid Kermani hat Bundeskanzler Friedrich Merz wegen dessen „Drecksarbeit“-Aussage scharf kritisiert. Merz habe mit seiner Aussage die vielen zivilen Kriegsopfer beleidigt und entmenschlicht, sagte Kermani der Deutschen Presse-Agentur in Köln.

„Wen meint er mit Dreck? Damit meint er offenbar die Menschen, die im Iran in den Hochhäusern ohne Luftschutzkeller sitzen und jetzt von Israel bombardiert werden. Das sind meine Verwandten, meine Cousinen und Cousins, meine Kollegen und Freunde. Viele von ihnen haben im Kampf gegen das Regime Opfer gebracht, von denen wir im Westen nicht einmal eine Vorstellung haben.“

Kermani wirft Merz sprachliche Verrohung vor

Alle bekannten Protagonisten der Demokratie-Bewegung hätten sich gegen den Krieg ausgesprochen, so auch die inhaftierte Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi oder die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotudeh.

„Diese beiden Frauen und Millionen andere Iraner kämpfen seit Jahren heroisch gegen das Regime und damit auch für Israels Sicherheit. Sie sind kein Dreck.“

Er glaube nicht, dass ein Helmut Kohl, ein Wolfgang Schäuble oder gar eine Angela Merkel, die in der Sache womöglich Merz zugestimmt hätten, je auf eine solche zynische Wortwahl zurückgegriffen hätten, sagte Kermani.

„Merz leistet damit einer Verrohung und Enttabuisierung der öffentlichen Sprache Vorschub, die den Rechtspopulisten enorm in die Hände spielt, siehe USA.“

In einem Beitrag für die „Süddeutsche Zeitung“ (Wochenendausgabe) formulierte Kermani pointiert: „Wer Respekt vor der Drecksarbeit hat, Bomben auf Zivilisten abzuwerfen, ist selbst ein Dreckskerl.“

Merz hatte in einem ZDF-Interview mit Blick auf Israels Krieg gegen den Iran das Wort „Drecksarbeit“ benutzt. Moderatorin Diana Zimmermann hatte den Begriff in ihrer Frage benutzt, und Merz griff es auf:

„Frau Zimmermann, ich bin Ihnen dankbar für den Begriff Drecksarbeit. Das ist die Drecksarbeit, die Israel macht für uns alle. Wir sind von diesem Regime auch betroffen. Dieses Mullah-Regime hat Tod und Zerstörung über die Welt gebracht.“

Staatstrauer Iran Explosionen Anschläge Uran

Foto: sharafmaksumov, Adobe Stock

Der Iran könnte ins Chaos abgleiten

Kermani sagte der dpa, es sei, bei aller gebotenen Zuspitzung im politischen Alltag, die Aufgabe von Politikern zu differenzieren, wenn es um Leben und Tod von Menschen geht. Nun werde vieles angeführt, was Merz mit seiner Aussage gemeint haben könnte, das wolle er nicht in Abrede stellen.

„Wen er meinte, was er gemeint haben soll, hätte er sagen können, was er meint. Aber er hat ja nicht einmal nachträglich seine Wortwahl relativiert. Er steht zu dem Wort ‘Drecksarbeit’ und lobt sich selbst dafür. Also muss man ihn auch für das kritisieren, was er sagte, nicht für das, was er mutmaßlich meinte.“

Der Krieg werde weder Israel Sicherheit bringen noch Iran Freiheit, sagte Kermani, der als einer der einflussreichsten deutschen Intellektuellen gilt.

Er wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, der bedeutendste ist der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sollte Israel den Krieg ausweiten und möglicherweise mit US-Unterstützung die Staatsführung zu Fall bringen, drohe das Abgleiten des Landes ins Chaos.

„Iran ist ein Land, in dem 45 Prozent der Menschen eine andere Muttersprache haben als Persisch. Es ist ein Vielvölkerstaat. Man muss doch nur nach Afghanistan schauen, in den Irak, in den Jemen, nach Syrien, nach Libyen, um zu sehen, welche Gefahren das birgt. Iran hat ein gewaltiges Arsenal an chemischen Waffen. Und das würde das Regime in dem Moment einsetzen, in dem es nichts mehr zu verlieren hat. Die werden sich nicht ins Flugzeug setzen und abhauen, die werden alles einsetzen, was sie haben, um als Märtyrer zu sterben.“

Dies berge auch für das nahe gelegene Israel ein großes Sicherheitsrisiko, sagte Kermani. Er äußerte sich, noch bevor die USA in der Nacht zum Sonntag an der Seite Israels in den Krieg gegen den Iran eingriffen und drei Atomanlagen attackierten.

Währung Iran

Foto: rawf8, Shutterstock

Iranische Regisseure stünden für Mut der Zivilgesellschaft

Sollte die politische und religiöse Führung den Krieg dagegen überleben, wäre nach Überzeugung Kermanis eine fürchterliche Repressionswelle gegen die eigene Bevölkerung die Folge.

Das deute sich bereits jetzt mit Hinrichtungen und vielen Festnahmen an. „Sie werden sagen, dass sich doch nun vor aller Welt gezeigt habe, in welchem Maße die iranische Opposition durch Israel gesteuert wird. Das heißt also, beide Optionen führen ins Verderben.“

Die iranische Zivilgesellschaft sei die mutigste weltweit, sagte Kermani, der 1967 in Siegen als Sohn einer aus dem Iran eingewanderten Arztfamilie geboren wurde.

„Denken Sie nur an den Regisseur Jafar Panahi, der viele Jahre im Gefängnis gesessen hat und dann, auf Kaution frei gelassen, sofort wieder einen kritischen Film dreht, der in Cannes die Goldene Palme erhält. Denken Sie an den oscarnominierten Film ‘Die Saat des heiligen Feigenbaums’ von Mohammad Rasoulof über die Massenproteste im Iran, entstanden unter schwierigsten Bedingungen. Denken Sie an all die Frauen, die weiterhin trotz striktester Gesetze ohne Kopftuch auf die Straße gehen. Und die, wenn sie aufgegriffen werden, sofort Hilfe von Passanten erhalten. Das sind die Menschen, die jetzt bombardiert werden.“

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Stephan Wahl zur Drecksarbeits-Rhetorik: „Ich schäme mich für unseren Bundeskanzler“

miradsch Jerusalem wahl

Der frühere „Wort zum Sonntag“-Sprecher Stephan Wahl lebt seit Jahren in Jerusalem. Von hier erlebt er den Gaza-Konflikt und den Raketenkrieg mit dem Iran.

Jerusalem (KNA) Im Nahost-Konflikt fehlt es nach Einschätzung des in Jerusalem lebenden Trierer Priesters Stephan Wahl auf beiden Seiten an charismatischen Führungspersönlichkeiten, die das tief verwundete Vertrauen wiederherstellen könnten

 Er hoffe auf den Mut der völkerverbindenden Menschenrechtsgruppen. „Sie sind das Leuchtfeuer in diesem unheiligen-heiligen Land, dass hoffentlich nicht erlischt“, sagte der Autor und frühere Sprecher der ARD-Sendung „Das Wort zum Sonntag“ im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Frage: Herr Wahl, wie haben Sie den Krieg in den vergangenen zwei Wochen erlebt?

Stephan Wahl: Mein Alltag sah vermutlich wesentlich entspannter aus als der von Menschen in Tel Aviv oder Haifa. Die Gefahr eines Raketeneinschlags ist geringer in Ostjerusalem, wo ich wohne und wo fast nur Palästinenser wohnen. Ein möglicher Einschlag in die Al-Aksa-Moschee oder den Felsendom wäre ein Desaster für die islamische Welt.

Während ich bei Luftalarmen immer in meinen Schutzraum gegangen bin, hat sich das Leben auf der Straße manchmal nicht merklich verändert. Trotzdem hat sich an diesem Freitag, den 13., an dem ein grässlicher Ton am Handy, den ich bis dahin nicht kannte, den Ausnahmezustand erklärte, mein Radius verkleinert.

Ich gehe gern auch längere Wege zu Fuß – das fiel komplett weg. Immer wenn ich nach dem Alarm in den Schutzraum ging, wusste ich: Das machen jetzt andere im ganzen Land genauso wie ich – aber manche überleben es nicht.

Gleichzeitig gibt es viele in diesem Krieg, die keine Schutzräume haben. Wie in Gaza. Jeden Tag wurde in Gaza weiter getötet, aber der Fokus lag allein auf Israel und Iran. Gaza hat die Welt nicht mehr interessiert.

Frage: Sie haben zuletzt auch Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz zu Nahost scharf kritisiert, warum?

Stephan Wahl: Merz sagte in einem Interview, Israel mache die Drecksarbeit für die westliche Welt. Das hat mich schockiert. Ich dachte erst, vielleicht sei es ihm rausgerutscht, aber er hat das widerliche Wort sehr bewusst gewählt und hat sich auch später dafür nicht entschuldigt.

Ich kenne Palästinenser, die sich für Palästinenser schämen, die sich immer noch hinter den Hamas-Angriff stellen, und Israelis, die sich für ihre Regierung schämen. Ich schäme mich für unseren Bundeskanzler.

Zwar glaube ich, dass das Verständnis für diesen Krieg weitaus größer war als für andere Kriege. Aber so eine Formulierung ist für einen Politiker und für einen Bundeskanzler absolut nicht opportun. Es wurden im Iran nicht nur Nuklearanlagen angegriffen, es sind auch Hunderte Menschen getötet worden. 

Ist das auch „Drecksarbeit“? Und war diese Militäraktion wirklich so ein Erfolg, wie er jetzt gefeiert wird? Oder eine der vielen Lügen von US-Präsident Donald Trump und Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, die in sich zusammenstürzen, wenn man genauer hinschaut?

Frage: Was waren Ihre Gedanken, als ein Waffenstillstand verkündet wurde?

Stephan Wahl: Es hat mich völlig überrascht. Damit habe ich nicht gerechnet, ich hatte mich auf einen längeren Krieg eingestellt. Aber natürlich bin ich froh, dass jetzt Pause ist. Denn ich befürchte, es ist nur eine Pause. Der Hauptgrund, dass beide Seiten eingewilligt haben, ist auch vermutlich, dass sie eine Pause brauchen, um ihre Kräfte wieder neu zu sammeln, ihre tödlichen Arsenale wieder aufzufüllen. Wahrscheinlich geht es bei der kleinsten Verletzung des Waffenstillstands wieder los. Hoffentlich irre ich mich.

Und: Der Krieg in Gaza tobt weiter. Gerade sind wieder sieben Soldaten und Dutzende Palästinenser getötet worden. Und während wir die Namen und oft auch die Gesichter der israelischen Opfer kennen, bleiben die iranischen Opfer und die Opfer in Gaza nur anonyme Zahlen.

Frage: Wie wird es hier in nächster Zeit weitergehen, aus Sicht eines, der hier lebt?

Stephan Wahl: Das weiß ich auch nicht. Ich befürchte, dass wir in Gaza noch lange nicht zu einem Ende kommen. Es ist mittlerweile deutlich, dass es nicht nur um die um die Bekämpfung der Hamas und die Rückführung der Geiseln geht, sondern die Palästinenser ganz aus Gaza zu vertreiben. Ich befürchte zudem, dass man sich auch nicht mehr lange scheut, das Westjordanland zu annektieren. Das wäre für mich die Rote Linie.

Es fällt jetzt schon schwer hier zu sein – aber dann würde ich das Land verlassen. Vielleicht kommt es aber – auch wenn es jetzt überhaupt nicht so aussieht – genau andersherum. Vielleicht gibt es irgendwann doch eine überraschende Wendung wie damals bei Menachem Begin oder bei Jitzhak Rabin, dass auf einmal etwas passiert, was vorher völlig unmöglich war.

Frage: Was könnten denn idealerweise die Aussichten für dieses Land sein?

Stephan Wahl: Erstmal müsste man den Willen des israelischen Volkes respektieren, den Krieg in Gaza sofort zu beenden, wenn damit alle Geiseln freikommen. Ich verstehe nicht, warum Europa nicht entsprechend massiven Druck auf Israel ausübt. Auch nicht mein Heimatland.

Frage: Was ist das Problem mit Deutschland?

Stephan Wahl: In Deutschland sollte endlich mal klar sein: Wenn ich mich kritisch zur israelischen Regierung verhalte und äußere, hat das absolut nichts mit Antisemitismus zu tun. Wenn ich den ultrarechten Finanzminister Israels einen faschistoiden Menschen nenne, dann beleidige ich doch nicht die Jüdin von New York oder von Frankfurt. Dass man das nicht auseinanderhalten kann, finde ich schlimm.

Frage: Wovon träumt Stephan Wahl für das Heilige Land?

Stephan Wahl: Ich gebe den Traum nicht auf, dass es möglich sein kann trotz aller Wunden, trotz aller Verletzungen, dass beide Völker in zwei selbstständigen Staaten nebeneinander leben. Allerdings vermute ich, dass meine Generation das nicht mehr erleben wird, weil die Wunden zu tief sind.

Es müsste auf beiden Seiten zwei charismatische Führungspersönlichkeiten geben, die genug Vertrauen ausstrahlen, damit dies möglich wäre. Das sehe ich im Moment nicht. Aber ich setze meine Hoffnung auf all die wichtigen völkerverbindenden Menschenrechtsgruppen hier im Land. Ich hoffe, dass sie nicht den Mut verlieren und trotz allem weitermachen. Sie sind das Leuchtfeuer in diesem unheiligen-heiligen Land, das hoffentlich nicht erlischt.