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Die Rolle der Geografie und die Straße von Hormus

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Es gibt Orte, an denen die Geografie aufhört, bloße Landschaft zu sein, und zur Grammatik wird. Die Straße von Hormus ist ein solcher Ort.

(iz). Etwa vierzig Kilometer an der engsten Stelle breit, flankiert von iranischen Küstenbergen im Norden und der kahlen Felsküste Omans im Süden, verbindet sie den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und damit mit dem offenen Indischen Ozean.

Durch diesen Schlund fließen an normalen Tagen etwa zwanzig Prozent des weltweiten Erdöls und ein Viertel des globalen Flüssigerdgases. Es ist, als hätte die Erdgeschichte ein Nadelöhr in den Planeten gestanzt, durch das sich die Lebensadern der industrialisierten Welt zwängen müssen.

Seit dem 28. Februar 2026 ist dieses Nadelöhr verstopft. Nach amerikanisch-israelischen Luftangriffen auf iranische Atomanlagen hat Teheran die Straße von Hormus blockiert – mit Seeminen, bewaffneten Schnellbooten, Drohnenschwärmen und der schlichten physischen Präsenz einer Flotte, die zwar keinen Vergleich mit der US Navy aushält, aber an dieser einen Stelle nicht siegen muss, sondern nur stören.

Am 13. April 2026 verkündete Präsident Trump seinerseits eine Seeblockade iranischer Häfen. Zwei Blockaden, ein Chokepoint. Der Ölpreis kletterte über 103 Dollar pro Barrel. Vor Hormus stauen sich mehr als zweihundertdreißig Tanker, eine Armada des Wartens, beladen mit Öl, das nirgendwo hinfließen kann.

Man kann diese Krise lesen als das, was sie vordergründig ist: ein geopolitischer Konflikt um Irans Atomprogramm, eine Eskalationsspirale zwischen Washington und Teheran, ein Schock für die Weltwirtschaft. Man kann sie aber auch lesen als Bestätigung eines Satzes, den ein amerikanischer Marineoffizier vor vielen Jahren formulierte:

Wer die Seewege beherrscht, beherrscht den Welthandel –und damit die Weltpolitik. Der Mann hieß Alfred Thayer Mahan. Seine Ideen sind so alt wie das Dampfschiff und rufen angesichts des Drohnenschwarms über Hormus nach einer Aktualisierung.

Mahan und Geografie: Der Mann, der den „Middle East“ erfand

Alfred Thayer Mahan wurde 1840 in West Point geboren, wo sein Vater Dennis Hart Mahan als legendärer Professor für Militärtechnik lehrte – ein Mann, der noch den Geist Napoleons in die amerikanischen Kadettenköpfe pflanzte.

Der Sohn wählte nicht die Armee, sondern die Marine, diente im Bürgerkrieg auf der Seite der Union und verbrachte danach Jahrzehnte als wenig begeisterter Seeoffizier auf verschiedenen Schiffen. Das Denken über das Meer –machte ihn zum wirkungsmächtigen Marinetheoretiker der Neuzeit.

1885 wurde er Dozent, bald darauf Präsident des Naval War College in Newport, Rhode Island. Dort verfasste er sein Hauptwerk: The Influence of Sea Power upon History, 1660–1783, erschienen 1890. Das Buch ist eine historische Studie über den Aufstieg des britischen Empire, aber sein eigentlicher Gehalt ist strategisch.

Mahan identifizierte sechs Elemente der Seemacht: geografische Lage, Küstengestalt, Ausdehnung des Territoriums, Bevölkerungszahl, Nationalcharakter und Regierungsform. Aus diesen Faktoren destillierte er eine zentrale These von betörender Schlichtheit:

Die See ist die große Verbindungsfläche der Welt. Wer sie kontrolliert, kontrolliert den Handel. Wer den Handel kontrolliert, kontrolliert den Reichtum. Und wer den Reichtum kontrolliert, kontrolliert die Macht.

Das Buch schlug ein wie eine Breitseite. Kaiser Wilhelm II. befahl, es auf jedes Schiff der deutschen Flotte zu legen. Die japanische Marine übersetzte es umgehend. Was Clausewitz für den Landkrieg formuliert hatte – den Krieg als Fortsetzung der Politik –, leistete Mahan für die See: Er gab der Seemacht eine Theorie, eine Sprache und eine Rechtfertigung.

Doch das vielleicht atemberaubendste Vermächtnis Mahans liegt nicht in der Strategie, sondern in der Kartografie des Geistes. Im September 1902 veröffentlichte er in der Londoner „National Review“ einen Aufsatz mit dem Titel „The Persian Gulf and International Relations“.

Darin verwendete er einen Begriff, der bis dahin nicht existiert hatte: the Middle East. Mahan meinte damit nicht eine Kultur, nicht eine Zivilisation oder ein Volk. Er bescheibt eine maritime Lage – jene Zone zwischen dem Suezkanal und Singapur, in der sich die britischen Seewege nach Indien kreuzten und in der Russlands Expansion nach Süden aufgehalten werden musste.

Der „Middle East“ entstand nicht aus Ethnografie, sondern aus einer Seekarte. Es war ein strategischer Imperativ, bevor es ein geografischer Name wurde. Bis heute leben Hunderte Millionen Menschen in einer Region, deren Name von einem Mann stammt, der sie nie besucht hat.

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Foto: GRAPHIC DESIGN BLOG

Mahans Blick auf den Nahen Osten

Mahan sah den Persischen Golf, wie er alles sah: als Geometrie. Der Golf war für ihn das Schlüsselbecken der eurasischen Seekontrolle, ein Gewässer, das in seiner strategischen Bedeutung Gibraltar und Malta entsprach – das „Malta und Gibraltar“ des Indischen Ozeans, wie er es nannte.

Sein Blick war imperial und naval zugleich. Der Golf interessierte ihn nicht als Heimat von Fischern, Perlentauchern und Beduinen, sondern als Verlängerung des britischen Seekorridors nach Indien, als Gegengewicht zu russischer Expansion, als Drehscheibe einer Weltordnung, die auf offenen Seewegen beruhte.

In Mahans Logik war die Straße von Hormus das, was er einen „Chokepoint“ nannte – eine jener engen Stellen, an denen Geschichte entschieden wird. Chokepoints sind die Engpässe der Weltpolitik: der Suezkanal, die Straße von Malakka, der Panamakanal, die Dardanellen, und eben Hormus.

An diesen Orten schrumpft der Ozean zum Korridor, und wer den Korridor hält, hält den Schlüssel. Mahan dachte nicht ethnisch, nicht kulturell oder religiös. Er dachte geometrisch, definierte Positionen, Distanzen, Strömungen, Tiefenwasser und Ankergründe. Der Nahe Osten war in seiner Vorstellung ein Schachbrett, kein Teppich aus Geschichten.

Diese Reduktion war zugleich seine Stärke und seine Blindheit. Sie erlaubte ihm, Zusammenhänge zu sehen, die kulturell denkenden Zeitgenossen entgingen – etwa die Verbindung zwischen der Transsibirischen Eisenbahn und der britischen Flottenstation in Aden.

Aber sie machte ihn auch taub für alles, was sich nicht in Seemeilen messen ließ: die religiöse Dynamik der Region, den arabischen Nationalismus, der gerade erwachte, die soziale Sprengkraft des Öls, das man damals erst zu ahnen begann. Mahan lieferte eine Grammatik der Macht – aber keine Semantik der Lebenswelt.

Die Grammatik des Krieges

Kein Denker steht allein. Mahans eigentlicher Gegenspieler betrat vierzehn Jahre nach dem Erscheinen von „The Influence of Sea Power“ die Bühne: Halford Mackinder, ein britischer Geograf, der 1904 vor der Royal Geographical Society seine berühmte „Heartland“-These vortrug.

Mackinder argumentierte, dass die Ära der Seemacht zu Ende gehe. Die Eisenbahn, so seine Überlegung, verwandle das eurasische Kernland– jenen riesigen Raum von der Wolga bis zum Jangtsekiang, unzugänglich für Seeflotten – in eine Festung, die von innen heraus die Welt beherrschen könne.

Die Spannung zwischen Mahan und Mackinder wurde zum strukturierenden Dualismus des zwanzigsten Jahrhunderts. Seemacht gegen Landmacht, das angloamerikanische Modell offener Meere gegen das russisch-deutsche Modell der Binnenherrschaft.

Der Erste Weltkrieg, der Zweite, der Kalte Krieg– sie alle lassen sich entlang dieser Achse lesen. Die USA und Großbritannien als Seemächte, die ihre Herrschaft durch Flottenbasen, Handelsrouten und maritime Allianzen projizieren. Russland und –zeitweise – Deutschland als Landmächte, die den eurasischen Kontinent als strategische Tiefe nutzen.

Carl Schmitt, der brillante und kompromittierte Kronjurist des zwanzigsten Jahrhunderts, erhob diesen Dualismus in den Rang der Politischen Theologie. In „Der Nomos der Erde“ (1950) und in seiner kurzen, dichten Schrift „Land und Meer“ (1942) deutete Schmitt die Unterscheidung von See- und Landmacht als politisch-metaphysische Grundspannung.

Das Land, so Schmitt, ist der Ort der Ordnung, der Grenze, des Nomos – das Gesetz wächst aus dem Boden. Das Meer dagegen ist der Ort der Freiheit, aber auch der Gesetzlosigkeit, des Piraten und des Händlers, die im selben Wasser fahren. Die Weltgeschichte, in Schmitts Lesart, ist ein Kampf zwischen der Ordnung des Festen und der Fluidität des Meeres.

Schmitt geht jedoch weiter als eine bloße Metaphysik der Elemente. In seiner Analyse ist jede der drei klassischen Domänen – Land, See, Luft – nicht nur ein Kriegsschauplatz, sondern eine eigene Rechtsordnung. Das Land erzeugt Grenze und Besitz, Eigentum und Souveränität; es ist der Ursprung des Nomos als Landnahme, als konkrete Ordnung.

Das Meer dagegen kennt keine feste Grenze, keinen Nomos im Sinne des Bodens – es ist der Raum der freien Bewegung, des Handels, aber auch des Kaperns, des Piraten, der keiner staatlichen Ordnung untersteht. Schmitt beschreibt die Weltgeschichte des Rechts deshalb als permanenten Kampf um die Frage: Welche Ordnung – die des Landes oder die des Meeres – soll gelten?

Das Common Law, so Schmitt, ist im Kern ein maritimes Recht, während das kontinentaleuropäische Recht Landrecht ist, verwurzelt in Boden, Grenze und staatlichem Monopol. Der Erste Weltkrieg war für Schmitt auch ein Krieg dieser Rechtsordnungen: die Seeblockade Englands gegen das Landrecht Deutschlands.

Dann kam das Flugzeug – und es fügte eine dritte Rechtsordnung hinzu, die keine der beiden alten akzeptierte. Die Luft kennt keine Grenzen, keine Küstenlinien und keine Hoheitsgewässer: Sie ist der absolute Bewegungsraum.

Giulio Douhet, ein italienischer General, veröffentlichte 1921 sein Werk „Il dominio dell’aria“ – Die Luftherrschaft – und argumentierte, dass das Flugzeug alle bisherigen Strategien entwerte. Wer die Luft beherrsche, könne sowohl Land als auch See von oben kontrollieren. Das Vertikale trat gleichberechtigt neben das Horizontale. Der Krieg wurde dreidimensional.

Der Philosoph Martin Heidegger hätte diese Entwicklung vermutlich als Ausdruck des „Ge-stells“ gedeutet – jener technischen Verfassung der Moderne, die das Seiende nicht mehr als konkreten Ort erschließt, sondern als abstrakte Ressource.

Das Flugzeug ist Symbol des Ge-stells im reinsten Sinne: Es löst den Menschen vom Boden, verwandelt die Landschaft in eine Karte, den Ort in eine Koordinate. Die Welt wird zur Vogelperspektive.

Was Mahan noch als physische Geografie dachte – die Küste, die Meerenge, der Hafen –, wird aus der Luft zur abstrakten Fläche, zum Planquadrat. Die „Entbergung“ des Raums durch das Flugzeug ist die technische Verwandlung von Ort in Position.

Und heute? Heute ist die Drohne die Vollendung und zugleich die Auflösung von Mahans Welt. Iran, so berichten westliche Geheimdienste, kann zehntausend Drohnen pro Monat produzieren – billige, schwarmfähige, präzise Waffen, die keine Piloten brauchen und die teuren Flugzeugträger und Kampfflugzeuge der fünften Generation herausfordern.

Die asymmetrische Kriegsführung, die Iran im Persischen Golf betreibt, ist eine Anti-Mahan-Strategie in Reinform. Mahan glaubte an die „decisive battle“– die entscheidende Seeschlacht, in der eine überlegene Flotte die feindliche vernichtet und damit die Seeherrschaft erringt. Iran verweigert diese Schlacht.

Statt die US-Flotte in offener See herauszufordern, setzt Teheran auf permanente Erosion: Seeminen in den Fahrrinnen, Schnellboote mit Raketen, Drohnenschwärme, die zu klein sind für konventionelle Flugabwehr, Störsender, die Navigationsgeräte in die Irre führen, und die schiere Geografie einer Meerenge, in der ein Flugzeugträger so verwundbar ist wie ein Elefant in einer Gasse.

Die Kontrolle erfolgt nicht durch Präsenz, sondern durch Sperrung. Das Ziel ist nicht die Beherrschung des Meeres, sondern die Verweigerung des Meeres.

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Foto: Defense.gov Photos | Lizenz: Public Domain

Die Straße von Hormus 2026: Mahan in Echtzeit

Die Fakten: Nach den amerikanisch-israelischen Luftangriffen auf iranische Atomanlagen blockierte Iran die Straße von Hormus. Teherans Kalkül war simpel und brutal: Wenn ihr unsere Souveränität angreift, schneiden wir die Lebensader der Weltwirtschaft durch.

Es ist die Logik des Schwächeren, der seinen einzigen Trumpf ausspielt – die Geografie. Die Straße ist eng genug, dass sie sich mit begrenzten Mitteln sperren lässt, und wichtig genug, dass ihre Sperrung die ganze Welt betrifft.

Am 13. April 2026 reagierte US-Präsident Trump mit einer Gegenblockade: amerikanische Kriegsschiffe vor iranischen Häfen, ein Embargo auf iranische Öl- und Gasexporte, durchgesetzt mit der Feuerkraft einer Trägerkampfgruppe.

Irans Armee nannte dies „Piraterie“ – ein Wort, das Carl Schmitt gefallen hätte, denn es verweist auf genau jene Gesetzlosigkeit des Meeres, die er beschrieben hatte. Wie dieses Problem zu lösen ist, beschäftigt nun die ganze Welt.

Sicher ist heute nur, dass die ökonomischen Folgen der Blockaden verheerend sind. Der Ölpreis durchbrach die Hundert-Dollar-Marke und pendelt sich bei über hundertdrei Dollar ein. Banken warnen vor einem „geopolitischen Inflationsschock“. Europäische Industrien, die auf Flüssigerdgas aus Katar angewiesen sind, suchen hektisch nach Alternativen. 

Raffinerien in Indien und Südkorea fahren die Produktion herunter. Die Versicherungsprämien für Tanker im Golf haben sich verfünffacht. Es ist, als hätte jemand den Wasserhahn der Weltwirtschaft zugedreht – nicht ganz, aber genug, dass überall der Druck sinkt.

Mahan würde diese Situation mit grimmiger Zufriedenheit betrachten. Alles, was er beschrieben hat, stimmt: Der Chokepoint ist real, die Seeherrschaft entscheidend, die Geografie unbarmherzig.

Aber er hätte vermutlich einen entscheidenden Aspekt nicht vorhergesehen: dass der Unterlegene – Iran, ohne Flugzeugträger, ohne Hochseeflotte, ohne globales Bündnissystem – durch Minen, Drohnen, Satellitenstörsender und asymmetrische Guerillataktik den Chokepoint genauso effektiv sperren kann wie eine konventionelle Großmachtflotte.

Die decisive battle, auf die Mahan alles setzte, findet nicht statt. Stattdessen ein zähes, nervenaufreibendes Ringen um jeden Kilometer Fahrrinne, ein Krieg der tausend Nadelstiche. Mahan hat die Bühne richtig beschrieben – aber das Stück, das darauf gespielt wird, hätte er nicht erkannt.

Jenseits Mahans?

Die Frage, die sich nach Hormus stellt, ist nicht, ob Mahan recht hatte, sondern ob seine Beschreibung noch ausreicht, um die Welt zu lesen. Denn seit Mahan hat sich die Dimensionalität der Macht vervielfacht.

Zur See, zum Land, zur Luft sind der Weltraum und der Cyberraum getreten – die vierte und fünfte Dimension der Kriegsführung. Über der Straße von Hormus tobt ein unsichtbarer Krieg um Navigationssatelliten: Störsender verwirren die GPS-Signale der Tanker, neue Technologie gaukelt ihnen falsche Positionen vor, elektronische Kriegsführung blendet Radarsysteme.

Die Kontrolle über Kommunikations- und Navigationssysteme wird zur neuen Seekontrolle – wer die Signale beherrscht, beherrscht die Fahrrinne, auch ohne ein einziges Schiff darin. Es ist eine Machtform, die Mahan nicht kannte: die Herrschaft über das Unsichtbare.

Künstliche Intelligenz und autonome Waffensysteme verschieben die Gleichung weiter. Die Europäische Union legte 2026 einen Plan vor, der die Entwicklung autonomer Kampfsysteme beschleunigen soll.

Drohnenschwärme, die nicht von Menschen gesteuert werden, sondern von Algorithmen, die in Millisekunden über Angriff oder Ausweichen entscheiden – das ist die Vollendung von Douhets Luftherrschaft und zugleich ihre Transzendenz. Die decisive battle wird zur algorithmischen Entscheidung, schneller als jeder Admiral denken kann, unsichtbar, unpersönlich, unwiderruflich.

Und doch: Der Chokepoint bleibt. Das ist die hartnäckige Wahrheit, die sich allen technologischen Revolutionen widersetzt. Man kann den Cyberraum hacken, man kann Satelliten stören, man kann mit Algorithmen Systeme überfluten – aber die Straße von Hormus kann man nicht digitalisieren.

Sie ist da, physisch, geologisch und unwiderruflich. Vierundfünfzig Kilometer Wasser zwischen zwei Felswänden. Kein Code der Welt macht sie breiter, kein Algorithmus macht sie unnötig, solange die Welt auf Öl und Gas angewiesen bleibt. Die physische Geografie ist hartnäckiger als jede Technologie. Darin hat Mahan recht behalten, über alle Revolutionen hinweg.

Was also bleibt von Mahan?

Die Grammatik der Macht hat sich verändert – ihre Topografie nicht. Wir leben in einer Welt, die Mahan verstehen würde, auch wenn er ihre Werkzeuge nicht kennt. Er würde die Drohnen nicht begreifen, aber er würde die Karte begreifen. Er würde den Cyberkrieg nicht fassen, aber die Blockade.

Nur: In seinen Seekarten kamen keine Menschen vor – nur Flotten, Häfen und Distanzen. Der Nahe Osten war ein Schachbrett. Die Perlentaucher von Bahrain, die Fischer von Bandar Abbas, die Händler von Maskat – sie existierten in seiner Theorie nicht, weil sie damals strategisch irrelevant waren.

Diese Blindheit ist nicht nur ein persönliches Versäumnis, sondern ein strukturelles Problem jeder geopolitischen Theorie, die den Raum nur als Machtraum denkt und nicht als Lebensort verschiedener Zivilisationen.

Und noch eine Frage wirft das Drohnenzeitalter auf, die Mahan und Schmitt gleichermaßen überfordert hätte: Wann ist Frieden? Die klassischen Rechtsordnungen kannten eine klare Schwelle – Kriegserklärung, Waffenstillstand und Friedensvertrag.

Die Grenze zwischen Krieg und Frieden war eine juristische Linie, auch wenn die Realität sie oft überschritt. Im Zeitalter der Drohne ist diese Linie verschwunden. Eine Drohne, die jeder aus handelsüblichen Komponenten zusammenbauen kann, die keiner offiziellen Armee angehört, die per Telemetrie aus einem Container in einer Industriestadt gesteuert wird – sie kennt keine Kriegserklärung.

Sie tötet in Friedenszeiten, sie zerstört Infrastruktur ohne den formalen Akt des Krieges, sie macht aus dem Friedenszustand einen Graubereich, den das Völkerrecht noch nicht begriffen hat. Was bedeutet diese Innovation für unsere künftigen Vorstellungen von Krieg und Frieden, als unterscheidbaren Gegensätzen?

Frieden, so scheint es, ist heute weniger ein rechtlicher Zustand als ein temporäres Ausbleiben von Eskalation. Schmitt hätte diese Erosion des Freund-Feind-Schemas als das Ende des Politischen als solchem beschrieben – jenen Zustand, in dem nicht mehr erkennbar ist, wer mit wem im Krieg ist und wer es nicht ist. Mahan hätte nach der feindlichen Flotte gesucht und keine gefunden. Nur Schwärme. Nur Signale. Nur Störungen.

Vor Hormus, in den dunklen Gewässern des Persischen Golfs, liegen zweihundertdreißig Schiffe vor Anker. Ihre Lichter spiegeln sich im Wasser. Unter ihnen der Meeresboden, unbewegt seit Jahrmillionen.Über ihnen die Drohnen, summend wie mechanische Insekten.

Und irgendwo, in der Logik dieses Bildes, der Schatten eines Mannes, der vor über einem Jahrhundert eine Idee hatte, die sich bis heute nicht vollständig leugnen lässt: dass die Geometrie der Erde die Grenzen der Macht vorgibt.

Alfred Thayer Mahan hat in einer Sprache geschrieben, die uns bekannt vorkommt. Das humanitäre Desaster, das jeden Krieg begleitet und das Schicksal der Zivilbevölkerung kümmerte ihn wenig. Er hat vergessen, dass in den Räumen, die er definierte, auch Menschen vorkommen. Das ist sein Erbe – und seine Grenze.

Wo schlägt das Herz der Welt? IZ-Gespräch mit D. Hurrell über geopolitische Fragen

(iz). Nach dem Ende des Systemgegensatzes und des Zusammenbruchs der Sowjetunion hat sich die Geografie und Politik des Raumes – die Geopolitik – durch diverse Konflikte und Entwicklungen wieder ins Gedächtnis der Menschen gerückt. Und das, obwohl der moderne Mensch ungeheuer viel Zeit in virtuellen Räumen verbringt…

Trotz der Tendenz, die Bedrohung ideologischer und nie zu greifender Gegner – wie beim Antiterrorkrieg oder der so genannten Cyber-Kriminalität – über ihre Haltbarkeit hinaus am Leben zu erhalten, wird deutlich, dass sich die Geografie als Teil des menschlichen Schicksals nicht länger verdrängen lässt. Ein Blick auf das Herkunftsland des in Deutschland verbrauchten Erdgases macht verständlich, dass Europa nicht an die USA grenzt, sondern an Kernland Eurasiens.

Hierzu sprachen wir mit dem geopolitischen Fachmann und Lehrer D. Hurrell. In dem Hintergrund-Interview geht Hurrell der Frage nach, wie und warum Geografie heute noch wichtig ist, worum es jenseits ideologischer Streitigkeiten im Nahen Osten geht und wo heute das Herz der Welt heute schlägt.

Islamische Zeitung: Dawud Stewart Hurrell, Sie sind Lehrer und Publizist für Geopolitik. Obwohl es eine dominante Weltsicht gibt, können Muslime zu anderen Antworten gelangen?

D. Hurrell: Ja, das können sie. Der bekannt Satz, dass man die Gegenwart durch Kenntnis der Vergangenheit verstehen kann, gilt auch hier. Die dominante moderne Weltsicht wurde durch eine Sicht der Geschichte gestaltet, die Institutionen und Prozesse von Macht betont. Wir nehmen sie als gegeben an. Das gleiche gilt für die Fortschritts-Philosophie.

Bis ins späte 19. Jahrhundert war sie auf die westliche Welt beschränkt – und auf Eliten und Denker, die mit den „westlichen“ Verhältnissen in Kontakt traten. Sie sahen darin die Lösung für die Krankheiten und die scheinbare Rückständigkeit ihrer Gesellschaften. Ein Beispiel dafür waren die Jungtürken oder die chinesischen Reformer. Die letzteren griffen die chinesischen Mandschu für deren sture Weigerung zur Modernisierung an; angesichts des Erfolges, an dem sich der Rivale Japan unter den Meji erfreute. Auch wenn eine überlegene westliche Militärmacht oft Reaktionen gegen die „Alten und Rückständigen“ provozierte, verstanden die Reformer der muslimischen Welt nicht, dass entlang der Institutionen, die notwendig waren, um ihre westlichen Rivalen nachzuahmen – wie rapide Industrialisierung und Falschgeld-Währung –, der Staat kam.

Der Staat, dessen Behandlung hier den Rahmen sprengen würde, machte eine komplette Revision des Islam notwendig, um die Integration des Staates in der Gesellschaft zu legitimieren. Diese Revision wurde durch eine Weltsicht vervollständigt, die Modernisierung in all ihren Formen betonte. Dies geschah auf Kosten der existierenden – und vermeintlich als archaisch wahrgenommenen – Rolle des Islam. In Folge wurden ganze Bevölkerungen einer Interpretation der Bedeutungen der sich entfaltenden Ereignisse unterworfen, die ihnen von den Medien aufgedrängt wurden. Sie verloren eine Perspektive, die sie gehabt hätten, hätten die Institutionen des Dar Al-Islam noch Bestand.

Diese Perspektive war spirituell und politisch. Ein junger osmanischer Mann konnte sich der Armee des Sultans anschließen. Diese Handlung hätte lebensverändernde Konsequenzen für ihn gehabt, da sie in sich die Saat einer spirituellen Erleuchtung trug. Oft war das die Folge der Anstrengungen der sufischen Tariqats, die in allen Dienstgraden vertreten waren. So war das osmanische Militär eine Erweiterung des Glaubenssystem, das seinem Wesen nach einheitlich war. Der junge Mann, der heute beim türkischen Militär dient, wird keine derartige Befriedigung erhalten, denn die Armee wird durch Wehrpflicht aufgefüllt und dient im Wesentlichen der inneren Sicherheit und anti-kurdischen Patrouillen.

Die Weltanschauung der gegenwärtigen Erziehung und Indoktrinierung kann durch das Studium einer Gesellschaft sowie der wirtschaftlichen, politischen und militärischen Organisation ihrer früheren Periode umgekehrt werden. Das gilt für die ’abbasidischen Jahrhunderte, das Goldene Zeitalter der Osmanen oder sogar der Vergleich des heutigen Chinas mit den Zivilisationen der Tang und Song, deren historisches Erbe von Mao einer blutigen Revision unterzogen wurde. Eine Vergangenheit, die oft mit Nostalgie betrachtet wird – und das mit gutem Grund! Das Beispiel Mao ist wichtig, weil China mehr eine Zivilisation ist, und weniger ein Staat. Es erlebte eine signifikante Unterbrechung seiner Vergangenheit. Maos Programme führten zum Tod von 30 Millionen Menschen unter dem gescheiterten sozialistischen Experiment – einer Doktrin, die im Übrigen in Europa ihren Ursprung hatte.

Diese historischen Reflexionen dienen als Modell für den Gegensatz zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Die Geschichtlichkeit bietet alternative Lösungen für einige der dringenderen Fragen, der sich Muslime im Besonderen – und die Welt im Besonderen – gegenübersehen. Das Problem erscheint, wenn die „Moderne“ mit dem Islam von früher verbunden wird. Nehmen wir die Muslimbruderschaft: Ihre Lösung für Ägypten – und der muslimischen Gemeinschaft insgesamt – besteht in ihren Augen aus der Verbindung von Islam mit dem Staat, dessen Philosophie und Strukturen. Dies schaffte zuerst den Islam als solchen ab und an zweiter Stelle einen Staat, mit dem Islam als Ideologie. Das ist ein aussichtsreicher Kampf.

Oder nehmen wir die Taliban, die 2001 die Buddha-Statuen von Bamiyan in die Luft jagten; jüngst sprachen einige Muslimbrüder davon, die Pyramiden Ägyptens sprengen zu wollen. Diese Sprengungen wurden von Taliban durch islamische Begriffe begründet, aber warum standen sie nach 1.400 Jahren islamischer Herrschaft in Zentralasien immer noch? Lag dies daran, dass ihre Vorfahren kein Dynamit besaßen? Oder daran, dass die „Analysen“ ihrer Vorfahren sie als unwichtig betrachteten, so als würden sie in den Augen der Taliban heute eine Art Schirk verursachen, die der über sie wehende Wind hätte mitnehmen können.

Im finanziellem Bereich legen zeitgenössische islamische Wirtschaftswissenschaften mögliche Wege nahe, Papiergeld, zinsfreie Darlehen und alle anderen Arten der Täuschung in den islamischen Rahmen zu integrieren. Die Wirklichkeit ist – wie ein Jahrtausend muslimischer Geschichte nahelegt –, dass ein alternatives System finanzieller Stabilität durch eine bimetallische Währung erzielt werden kann. Hierzu gehört ein Handelssystem, dass das Bartering nicht als wichtiges Tauschmittel ausschließt sowie die Auqaf, bei denen große Landstriche für die Wohlfahrt benutzt wurden. Hier empfehle ich das Buch „Osmanli History and Institution“ von Mehmet Maksudoglu.

Islamische Zeitung: Was macht die Geopolitik wichtig für unsere Zeit?

D. Hurrell: Wir leben in einer Welt konkurrierender Mächte. In der Antike – vielleicht mit Ausnahme von Persern, Römern und Chinesen – waren Rivalitäten lokal begrenzt. Heute schwingen die großen Mächte ihr Schwert an allen Ecken der Welt. Ihre Aktionen betreffen uns alle.

Eine Bewertung ihrer Handlungen innerhalb der engen Grenzen ideologischer oder ausschließlich politischer Begriffen reicht nicht, um eine Perspektive zu gewinnen. Die Geopolitik betont drei Disziplinen, wie es vom Amerikaner Nicholas Spykman bestimmt wurde: Geschichtsphilosophie zur Beschreibung territorialer Ausbreitung, politische Geographie im Allgemeinen und die Beschreibung und Analyse der Sicherheitsstrategie eines Staates aufgrund seiner geographischen Bedingungen. Nähert man sich dem Studium und Verständnis der globalen Politik durch den Gebrauch dieser Disziplinen, gelangt man zu einem beispiellosen Erkenntnis des Themas.

Betrachten wir Syrien: Der Beleg für die Theorie eines territorialen Wachstums lässt sich in seinen Bestrebungen zur Wiederrichtung eines „Großsyriens“ erkennen. Dazu gehören Gebiete der Levante, Palästinas, Jordaniens und des westlichen Iraks. Wenn nicht um Gebietszuwachs, so ging es doch immer um die Steigerung des regionalen Einflusses. Der Erfolg von Damaskus blieb auf die vergangene Besetzung und politische Manipulation des Libanon beschränkt. Bedenken Sie, dass Hafez al-Assad 1972 sagte, dass „Syrien und Libanon ein einziges Land“ seien.

Ein politisch-geographischer Ansatz beinhaltet neben den physikalischen Gegebenheiten den Blick auf die ethnische, demographische, industrielle, landwirtschaftliche, hydrologische, mineralische und religiöse Zusammensetzung, um die Funktionsweise der syrischen Maschinerie zu begreifen.

Die Sicherheitsinteressen Syriens werden durch eine Kombination aus seinen historischen Erfahrungen, innenpolitischen Strukturen sowie den außenpolitischen Zwängen angetrieben. Und all dies bewegt sich innerhalb einer geopolitischen Struktur des erweiterten Nahen Ostens. Dazu gehören auch die Beziehungen von Damaskus zu seinen Nachbarn – ob freundlich oder feindlich.

Würde man versuchen, Syrien mit den Augen von Thomas Friedman [eines US-amerikanischen Publizisten] zu sehen, bliebe ein intellektuelles Vakuum zurück. Das Studium der Geopolitik mildert diese Kurzsichtigkeit. Der bekannte geopolitische Denker, Halford Mackinder, betrachtete die verschiedenen Wellen nomadischer Eroberer, die über die Jahrhunderte aus dem Inneren Zentralasiens kamen; als Teil seiner „Theorie des Kernlands“. Jene Theorie, die er in seinen Vorlesungen und Büchern ausarbeitete, war eine theoretische Reflexion auf den russischen – und später sowjetischen – Imperialismus. Mackinder beschrieb die strategische Kultur einer Region, die auf Expansion ausgelegt ist. Ihrerseits bildete sie den Gegenentwurf für die spätere amerikanisch-atlantische Theorie der Eindämmung [engl. containment], die Nicholas Spykman entwickelte. Selbst Ihr Nationaldichter Goethe war nicht immun gegenüber dem Denken in geopolitischen Begriffen. Er sagte 1827 gegenüber seinem Sekretär – ca. 80 Jahre vor dem Bau des Panamakanals –, dass es absolut unverzichtbar für die Vereinigten Staaten sei, eine Passage des Golfs von Mexiko zum Pazifischen Ozean zu bewerkstelligen. Er, so Goethe, sei sicher, dass es dazu kommen werde.

Islamische Zeitung: Vor Kurzem sprach ein bekannter US-amerikanischer Autor von der „Rache der Geografie“ und erinnerte uns an ihren Einfluss für das menschliche Schicksal. Einige wichtige Regionen, darunter viele Energielagerstätten, befinden sich in der muslimischen Welt…

D. Hurrell: Geografie ist Schicksal, heißt der Satz, auch wenn er oft zurückgewiesen wurde. Das Schicksal der Titanic und die Geografie des Nordatlantiks sind eng miteinander verbunden, auch wenn ein aufmerksamer Kapitän die Überschneidung beider hätte verhindern können. Ohne die bewusste menschliche Machenschaft besteht die menschliche Lage in einem bestimmten Raum üblicherweise in einem kulturell-politischen Sinne, der definitiv von seiner Umgebung bestimmt beeinflusst wird.

Als Beispiel dafür mag Afghanistan dienen. Der Großteil seiner multiethnischen Bevölkerung existiert in der gleichen Form, wie es vor tausend Jahren der Fall war. Die fruchtbaren östlichen Windtäler, das zentrale Bergplateau, die Grasebenen des Nordens sowie die Halbwüsten des Südens und Südostens tragen alle zu den unterschiedlichen Formen von sozialer und politischer Organisation bei. Eine Folge davon ist eine Lebensweise, die an das Gelände angepasst ist: Trockenfeldbau, Beweidung oder bewässerter Anbau durch das Wasser aus Bergen oder Flüssen. Die schiitischen Hazaras beispielsweise verdanken ihr Überleben dem zentralen Bergmassiv, wo sie siedeln. Diese Bergformation machte die Verteidigung wesentlich leichter. Die verschiedenen Gruppen – seien es Paschtunen oder Tadschiken – mussten als Folge des jahrzehntelangen Kriegs für sich selbst kämpfen. Der permanente Kampf – gegen in- oder ausländische Feinde – bewirkte einen sturen Sinn für Unabhängigkeit und Misstrauen gegenüber der Herrschaft in Kabul.

Die zentralisierte Kontrolle in einem Staat mit solchen autonomen Regionen ist beinahe unmöglich. Die Provinzen werden zuerst durch Ethnizität, dann durch Stammen, dann Clan und schließlich durch Familie bestimmt. Und mittendrin findet sich der Typus des Warlords. Den letzten erfolgreichen Zentralstaat gab es unter dem Eisernen Emir, Abdurrahman, der 1901 starb. Sämtliche folgende Versuche, erneut die Herrschaft von Kabul zu erzwingen, endeten in einem blutigen Desaster.

An dieser Stelle passt der Bezug zur Titanic, denn sobald Captain Obama den Blick vom Ozean (dem ausländischen Projekt von Demokratie und kapitalistischer Produktionsweise, das Afghanistan aufgezwungen wurde) abwendet, wird er auf den sprichwörtlichen Eisberg treffen. Und Afghanistan wird, wenn man es denn endlich in Frieden lässt, zu dem werden, was es immer war. Aber natürlich haben die Sättigung mit neuen Technologien wie Transport und Telekommunikation einen bleibenderen Einfluss auf die Menschen dieses Landes, als ihn die militarisierten Amerikaner jemals haben konnten.

Es ist bekannt, dass Küstenzonen und solche im Landesinneren erkennbar unterschiedliche soziale und politische Formen entwickeln. Küstenregionen haben – wegen ihrer Bindung zum Überseehandel, der verschiedene Teile des Erdkreises verbindet – einen wesentlich höheren Grad von kulturellem Austausch, dem Transfer von Ideen und Wohlstand. Diese Zonen sind in der Regel wohlhabender als das Landesinnere. Gebiete im Zentrum sind wesentlich konservativer und – dank der Kosten und der logistischen Schwierigkeiten – die Bewegung von Gütern und Ideen ist langsamer. Das heißt, dass zentrale Gebiete ihre traditionellen Identität wesentlich länger bewahren. Man muss nur die historische Entwicklung von England mit der des russischen Reiches vergleichen. Wir können auch [die pakistanische Hafenstadt] Karatschi mit [dem afghanischen] Kandahar vergleichen.

Die Beziehung der Geografie des Nahen Osten zu seinen dominanten kulturellen und politischen Eigenschaften lässt sich bei Ibn Khaldun finden. Erwarten Sie allerdings keine schmeichelhaften Beschreibungen der Araber; und das, obwohl er selbst einer war. Der Prophet Muhammad sprach von barfüßigen, halbnackten Schafhirten, die beim Bau hoher Gebäude miteinander wetteiferten. Man kann sich nur vorstellen, was seine Anhänger unter dieser Aussage verstanden. Immerhin hatte die öde Wüste schwerlich Baumaterialien, von einer Kultur der Befestigung ganz zu schweigen, die auf eine solche Entwicklung hingewiesen hätte.

Aber die Bedeutung von Geografie offenbart sich in der Zeit selbst. Und der umfangreiche Erdölreichtum – unbekannt zu Beginn des 20. Jahrhunderts – veränderte das Schicksal der Region auf unvorstellbare Art und Weise. Der Geografie des Islam nach zu urteilen, kann man nur schlussfolgern, dass es das Schicksal der Muslime ist, über umfangreiche Machtpotenziale für kommende Jahrzehnte zu verfügen; auch wenn das Vakuum in ihrer Führungsschicht hier offenkundig Grenzen setzt.

Islamische Zeitung: Momentan befindet sich der Nahe Osten im Griff diverser Konflikte. Der schlimmste davon ist der zunehmend blutige und komplizierte Krieg in Syrien…

D. Hurrell: Die geopolitischen Folgen der Krise müssen sich erst noch erweisen. Es wäre möglich, dass im Westen Syriens eine alawitische Enklave entsteht, die entlang einer bedeutenden kurdischen Autonomiezone im Norden liegt. Das würde zu einer Verschlimmerung des kurdischen Separatismus in der Türkei führen. Zur Diskussion im heutigen Syrien stehen Fragen nach Nationalismus, Religion und Ethnizität. Der Kampf zwischen Alawiten und Muslimen bewegt sich entlang religiöser Linien, während der kurdisch-arabische Konflikt durch ethnische Trennungen motiviert ist.

Und trotzdem müsste man sehr stark suchen, um einen alawitischen Vertreter in Syrien finden, der sich ernsthaft um seine eigenen, komischen theologischen Vorstellungen kümmert. Die Alawiten sind eher eine Gemeinschaft mit einer dominanten politischen als einer religiösen Identität. Vergleichbares findet man vielleicht in Israel. Jeder dort ist ein Israeli, aber nicht jeder Israeli ist ein Jude. Die Alawiten, die als Nicht-Muslime immer in der Minderheit waren, haben ihren Anspruch auf historische Unterdrückung passenderweise stark übertrieben. Sie haben diese gefährliche Lage dadurch geschaffen, dass sie sich selbst in das Machtnetz von Hafez al-Assad verwickeln ließen. Das ist eine Lage, die offenkundig unhaltbar ist. Das Hama-Massaker von 1982 hat eine aktive Opposition gegen die brutale alawitische Diktatur lange unterdrückt, aber die Entschlossenheit des Widerstands nur gesteigert.

Der Sieg der Muslimbruderschaft hat ihre Entschlossenheit nur gesteigert. Ich glaube, dass das alawitische Regime in Syrien früher oder später fallen wird; die zunehmende amerikanische Beteiligung lässt keinen anderen Schluss zu. Die Türkei, die eine Führungsrolle in der Region will, ist auf Verbündete angewiesen. Das erklärt zum Teil die Kooperation mit jener kleinen, künftigen diplomatischen Supermacht: Qatar. Trotz der hohen Preises, den die Türkei dabei in der Kurdenfrage bezahlen muss.

Qatar und Saudi-Arabien wollen das Assad-Regime aus dem Weg räumen, um den „schiitischen Halbmond“ zu brechen, der sich von Beirut nach Herat zieht. Die schiitische-alawitische Unterstützung für die Hisbollah – die einzige Gruppe, die eine militärische Stellung gegen Israel einnimmt – ist peinlich, denn sie offenbart die Schwäche der „sunnitischen“ Regime.

Die opportunistische Hamas ist ein anderes Thema. Die Vergeltung nach den Katjuscha-Angriffen auf Israel war ein simpler Weg, sich den Säckel zu füllen; jetzt, wo die Hilfsmittel nach dem Krieg in die Region kommen.

Israel hat den Takt geändert: In der Vergangenheit betrachtete Tel Aviv Assad (erst den Vater, dann den Sohn) als notwendige Übel. Das Syrien der Assads mag zu einem bestimmten Punkt ein militärischer Gegner gewesen sein. Aber nach den Kriegen wurde es zu einem rhetorisch militanten, aber berechenbaren Akteur, der das Land stabil hielt und seine Aufmerksamkeit auf den Libanon, und nicht auf Israel richtete.

Nachdem die Hisbollah das politische Establishment im Libanon infiltriert hatte, ist sie jetzt ein Staat im Staate, der soziale Dienstleistungen offeriert und einen überlegenen militärischen Arm hat. Die Zukunft des Libanon sieht düster aus. Die massiven Bombenangriffe gegen die libanesische Infrastruktur während des Krieges 2006 war Israels Weg zu zeigen, dass es keinen Unterschied zwischen diesem syrisch-iranischen Stellvertreter und dem Staat Libanon macht, solange deren Überschneidung anhält.

Um den alawitischen Assad gegen eine sunnitische Regierung mit Bindungen an die Türkei und Qatar – neben anderen – auszutauschen, ist definitiv die bessere Option. Dies wird ein Glied der Kette von Teheran, durch Beirut bis Nasrallah zerbrechen.

Die Interessen Amerikas verlaufen parallel mit denen Israels, sind aber von größerer Natur. Die Syrien-Kampagne ist der erste Schuss einer neuen Schlacht, die zwischen den Koalitionen bestritten wird, die die sunnitischen-schiitischen Linien ausmachen. Dies wird eine neue strategische Dynamik im Nahen Osten erzeugen.

Islamische Zeitung: Sie sprachen in früheren Texten von einem neuen Kalten Krieg im Nahen Osten. Was meinen Sie damit?

D. Hurrell: Zum Verständnis müssen wir einsehen, dass der Kalte Krieg weniger eine Reaktion auf sowjetischen Druck war, sondern vielmehr eine Entschuldigung dafür, den wirtschaftlichen und politischen Einfluss der Amerikaner in aller Welt zu projizieren. Die Historiker Joyce und Gabriel Kolko bezeichneten dies als Forcierung einer „liberalen, Internationalisten“ Agenda. Sowjetische Abenteuer boten eine gute Entschuldigung, wenn es vonnöten war. Dies könnte man 1973 in Chile mit dem Schicksal Salvador Allendes beobachten.

Als Fortsetzung dieses Trends, der nach 1991 durch das Fehlen eines zu identifizierenden Feindes behindert wurde, projizieren und schützen die USA auch weiterhin ihre strategische Interessen in aller Welt. Weil der Zustand Nordamerikas eine Verbindung von unternehmerischen und politischen Parteien beinhaltet, ist es stellenweise schwierig, das nationale Interesse der USA auf Grundlage seiner eigenen Sicherheitsbelange zu bestimmen. Die Folge davon ist, dass man zeitgleich mit zwei Augen auf die US-Diplomatie in jener Kernregion blicken muss.

Im Nahen Osten wird eine neuer Kalter Krieg entlang religiöser Fronten erzwungen. Das beuten die Amerikaner zu ihrem strategischen Vorteil aus. Wie bereits erwähnt, überlagern sich oft die Interessen von Konzernen und die strategischen Belange der USA.

Auf einer Ebene müssen die USA den jetzigen Zustand unter hochwertigen Staaten wie Saudi-Arabien, Qatar, Bahrain und die Vereinten Arabischen Emiraten aufrechterhalten. Wegen der israelischen Sicherheit gehört auch Ägypten dazu.

Der Wert dieser Länder leitet sich aus wirtschaftlichen Erwägungen ab – natürlich Erdöl. Aber da die Regierungen der in Region ihre Rechtmäßigkeit und ihren Wohlstand aus den Erdölexporten ableiten, darf niemand erwarten, dass sie – kollektiv oder einzeln – die Waffe des Erdölboykotts einsetzen. Dafür fehlt es ihnen am politischen Willen. Auch eine koordinierte OPEC-Aktion ist unwahrscheinlich, da diese mittlerweile global ist und wegen der unterschiedlichen nationalen Interessen einer solchen Aktion niemals zustimmen würde (das 1973er Erdölembargo wurde von der AOPEC beschlossen).

Welche andere Großmacht könnte die USA auf rein strategischer Ebene ersetzen? China, mit seinem veralteten ukrainischen Flugzeugträger, oder Russland, das nicht viel mehr zu bieten hat als Waffen und Know-how bei der Entwicklung von Energieträgern? Daher ist das Strategische, im Sinne einer Rivalität zwischen den Großmächten, seit dem Zusammenruch der Sowjetunion weniger wichtig. Allerdings können die erwähnten Mächte die Geo-Ökonomie der Region beeinflussen.

Um es genauer zu sagen: Die erwähnten hochwertigen Staaten des Nahen Ostens bilden den Kern – zusammen mit China im Osten – des Dollarsystems. Solange das Erdöl in US-Dollar berechnet wird, und solange rund 30 Prozent des weltweiten Rohöls aus dem geografisch kleinen „Erdöl-Dreieck“ kommt, bleibt die Verbindung fest. Das wird als die „unsichtbare Hand der Amerikanischen Hegemonie“ bezeichnet.

Die zweite Ebene, die ebenfalls ein Thema des Kalten Krieges ausmacht, ist ein Projekt zur Aufrechterhaltung der Strukturen dieser hochwertigen Staaten, indem sie abhängig vom Schutz des US-Militärs bleiben. Der Gegner ist ein ambitionierter Iran und seine schiitischen Stellvertreter im Irak, Syrien und dem Libanon. Der „schiitische Halbmond“, der sich vom Mittelmeer bis zum westlichen Afghanistan erstreckt, bildet den nördlichen Abschnitt dieses neuen Kalten Krieges. Als Folge der iranischen Ambitionen sind sie nicht nur eine Herausforderung für die arabische Glaubwürdigkeit, sondern auch eine existenzielle Prüfung, wenn sich insbesondere die iranischen Atombestrebungen in der bisherigen Entwicklungsrichtung fortsetzen. Teil davon sind die Förderung von Unruhen in den erdölreichen, östlichen Regionen Saudi-Arabiens sowie in Bahrain. Vergessen werden dabei darf auch nicht das letzte Jahrzehnt der Beziehung von Hamas zum Iran und die breite Beliebtheit von schiitischen Führern wie Hassan Nasrullah und Ahmedinedschad unter der Bevölkerung. Das ist die Folge ihrer aktivistischen Haltung gegen die israelische und amerikanische Macht.

Innerhalb dieser regionalen Rivalitäten begannen die USA damit, sich als Schutzherrn der arabischen Regime gegen das schiitische Abenteuertum einzumischen. Der erste Schritt war die Schaffung von Demokratie im Irak. Dies führte per Definition dazu, dass Macht an die schiitische Mehrheit überging. Und da ihr Führer die Zeit von Saddam im iranischen Exil verbrachte, ergab sich eine unausweichliche Iran-Connection. Der nächste Schritt war die Auflösung der atomaren Drohung durch den Iran, der die Knie von einigen fortschrittlichen arabischen Politikern zum Schlottern bringt. Die Feindschaft und die Kriegsdrohungen gegen den Iran hatten zur Folge, die Entschlossenheit des Irans zur Vervollständigung seines Nuklearprogramms zu steigern. Ein atomarer Iran ohne ein atomares arabisches Gegenstück hätte schwerwiegende Folgen für die Stabilität im Nahen Osten. Es ist daher kaum verwunderlich, dass Saudi-Arabien 2010 ein einen 60 Milliarden US-Dollar schweren Waffendeal mit den USA – oder eher mit den US-Rüstungsschmieden – abschloss.

Das dritte Stadium in diesem Prozess war der so genannte „Arabische Frühling“, der die gemäßigten Männer fürs Grobe in der Region wie Gaddafi, Ben Ali, Mubarak und zukünftig Assad ausschaltete. Im Gegenzug setzte sich der Typus der berechenbaren „islamistischen“ Muslimbruderschaft durch, der natürlich auf die schiitisch-iranischen Ambitionen mit der Bildung einer gemeinsamen Front reagieren wird. Dieser gesteuerter Zustand der Spannung erlaubt den Amerikanern, eine „Nachfrage“ nach Sicherheit zu schaffen, die nur zu gewillt sind, zu „liefern“. Als Folge wird die geo-ökonomische Struktur unverändert bleiben, da es innerhalb dieser Struktur eines Kalten Krieges keinen Raum für unabhängige Aktionen geben wird. Man muss nur an die Gefügigkeit westeuropäischen Alliierten der USA während des eigentlichen Kalten Krieges denken. Dank der Gemütslage der wohlhabenden Monarchen der Region dürfte man kaum erwarten, dass ein arabischsprachiger De Gaulle aufstehen und eine unabhängige Politik ankündigen wird.

Schlussendlich ist dieser neue Kalte Krieg in strategischer Hinsicht für Israel ein Traum, der sich erfüllt. Was könnte besser sein, als dass Israel und die Araber einen gemeinsamen Feind im Iran haben? Und was könnte besser sein, als dass die USA und Israel einen gemeinsamen Feind haben? Ohne die anhaltende wirtschaftliche, militärische und diplomatische Unterstützung der USA ist es fraglich, ob sich Israel in seiner jetzigen Form wird halten können. Ich muss hierbei nur an Efraim Inbar denken, der bereits 2004 feststellte: „Es gab in Israel ein Gefühl, dass sich wegen des Endes Kalten Krieges die Beziehungen zu den USA abkühlen würden und wir einen neuen Leim für das Bündnis bräuchten werden. Und dieser neue Leim war der radikale Islam; Iran war radikaler Islam.“

Islamische Zeitung: Erlauben Geografie und Geopolitik alternative Szenarien, in denen der Nahe Osten oder die muslimische Welt nicht den globalen Frontverläufen von China versus USA folgen? In den letzten Jahren schlugen einige vor, dass das osmanische Modell helfen könnte…

D. Hurrell: Es ist Vorsicht angebracht, wenn wir das regionale Kräftespiel des Nahen Ostens durch die Linse der amerikanisch-chinesischen Rivalität sehen. Zweifelsohne hat China Interessen im Nahen Osten, aber sie sind ökonomischer Natur. Es will sich im Notfall Zugang zu verfügbaren Energiereserven sichern, trotz der diplomatischen Barrieren wie beim Iran. Hierzu gehört auch der Zugang zur arabischen Welt als ein Absatzmarkt. China hat sich den Nahen Osten erschlossen, wo es dank seiner geringeren Kosten einen großen Marktanteil kontrolliert. Hinzu kommen bedeutsame Infrastrukturprojekte [wie der Bau großer Eisenbahnlinien]. Außerdem führt Peking in erheblichem Maße Waffen in die Region aus.

Auf strategischer Ebene ist China im Wesentlichen abwesend. Die Chinesen können es sich einfach nicht leisten, durch ihre Politik in eine Konfrontation verwickelt zu werden, die zu einem Zusammenstoß mit den USA führt. Am Ende braucht Peking – trotz seiner Kontrolle von US-Schatzbriefen in Höhe von drei Billionen Dollars und der US-Schulden – die USA mehr, als sie China brauchen. Amerika hat China, nachdem es von Deng Xiao-Ping geöffnet wurde, durch Investitionen und Auslagerung von Arbeitsplätzen aufgebaut. Es wäre ein Leichtes, dass seine verletzliche Exportwirtschaft beschädigt werden würde.

Man könnte hier auf die chinesische Unterstützung für den Iran und Syrien verweisen – entweder militärisch durch Waffenlieferungen oder diplomatisch in der UN. Aber es ist wichtig sich daran zu erinnern, dass die Hilfe Chinas defensiv ist, und nicht aggressiv. Mit anderen Worten, China verteidigt den Iran und Syrien nur, wenn der Preis dafür nicht zu hoch ist. Peking verteidigt seine Verbündeten vielleicht genauso wie die Sowjets Kuba „verteidigten“; im Interesse ihrer Glaubwürdigkeit. Trotz Waffenlieferungen und diplomatischer Rückenstärkung feuerte Moskau offiziell niemals einen Schuss für seinen kubanischen Verbündeten ab (der Abschuss des U2-Spionageflugzeugs geschah auf Befehl eines eigenmächtig handelnden Generals).

Russland und China sind Großmächte, die Respekt und Einfluss wollen. Sie verabscheuen es, dass die USA auf ihren Interessen und Alliierten herumtrampeln. Das bedeutet aber nicht, dass sie die Fähigkeit hätten, die Verhältnisse umzudrehen, wenn etwas schief geht. Als Beispiel muss man nur die Verschiebung der chinesischen und russischen Positionen in der Libyenkrise betrachten; oder die Veränderung der Haltung Moskaus im Falle Syriens. Die USA betreiben aktive Geopolitik gegenüber bestimmten Staaten und Regionen, während China im Wesentlichen reaktionär handelt. Dies könnte sich in einem oder zwei Jahrzehnten ändern und hängt davon ab, wie sich der Aufstieg Pekings entwickelt. Aber heute ist China bestenfalls eine zweitrangige Macht. Es muss seine eigenen Angelegenheiten in Ordnung bringen, bevor es sich in den Hinterhöfen anderer einmischt.

Das osmanische Modell ist spannend. Es sieht eine supranationale politische Organisation vor und hatte die Kapazität, eine Vielfalt unterschiedlicher Völker friedlich zu regieren. Es ist definitiv eine Lösung, wie Mehmet Maksudoglu in seinem Buch klarmachte. Aber hier geht es um eine Frage, wie solch ein politischer Prozess heute entstehen könnte.

In einer Zeit, in der Gebietserweiterungen illegal sind und mit international sanktionierten Gegenoffensiven beantwortet werden, ist die militärische Option für keinen Staat haltbar. Wegen der intensiven Kombination aus Nationalismus sowie ethnischen und religiösen Unterschieden, durch die der Nahe Osten gekennzeichnet wird, ist es zweifelhaft, ob seine Bevölkerungen freiwillig Teil eines Gemeinwesens werden, das größer ist als sie selbst. Frühere Versuche einer arabischen Union sind gescheitert. Man könnte sich vorstellen, dass zukünftig etwas Vergleichbares zur EU entstehen könnte. Solche eine „Union“ müsste sich jeder spezifischen nationalistischen Identität entledigen, was zu sofortigem Widerstand führen würde. Eine „Union“ der osmanischen Art müsste auf dem Islam als gemeinsamem Faktor beruhen, indem sie verschiedene Staaten und Regionen vereint. Ansonsten dürfte sie scheitern. Der Antrieb dazu könnte aus einer wirtschaftlichen Kooperation kommen, wie es im Falle der Europäer die Montanunion für Kohle und Stahl aus den 1950er Jahren war. Möglicherweise mit der Türkei an ihrer Spitze, sobald der Nahen Osten sich erfolgreich industrialisiert, um seine Verletzlichkeit als Ansammlung von Ländern der Rentenökonomie zu beenden.

In Europa kam es zu dieser Solidarität aber erst nach einer lähmenden Serie von Kriegen, die von 1914-1945 dauerten. Sie brachen den Kampfgeist Europas und zwangen es zur Kooperation, um den Kontinent aufbauen zu können. Daher bleibt es zweifelhaft, ob ein ähnliches Projekt für die arabischen Welt erfolgreich wäre. Folgen wir Henry Kissingers Beschreibung, wonach die dortigen Machtverhältnisse vergleichbar zu denen sind, wie sie im Europa des 17. Jahrhunderts herrschten, dann sehen die Dinge nicht vielversprechend aus.

Dies vorausgesetzt ist die Türkei der stärkste Staat des weiteren Nahen Ostens. Seine Kontrolle der Oberläufe von Euphrat und Tigris bedeutet, dass es dieses Monopol über das lebensspendende Wasser für den Aufbau eines beispiellosen politischen Einflusses nutzen könnte. Das geplante – mittlerweile wahrscheinlich eingestellte – Projekt einer Wasserpipeline nach Israel unterstreicht diese Tatsache.

Würden wir nach einem historischen Beispiel suchen, dann ließe sich vielleicht in der Periode der Kämpfenden Reiche Chinas von 400-220 v.u.Z. ein Hinweis darauf finden, wie sich erneut Einheit im Nahen Osten finden ließe. Die sieben kämpfenden Reiche waren mehrheitlich han-chinesisch. Im Nahen Osten dienen Islam und Arabisch als gemeinsame Faktoren.

Wenn alles andere scheitert, scheint militärische Macht der Schlüssel zur Vereinigung getrennter und unabhängiger Regionen zu sein. Obwohl es logisch wäre, dass gemeinsame Sprache, Religion und Kultur die treibenden Kräfte für eine politische Einheit sind. Historische oder theoretische Lösungen sind einfach, aber die praktischen Mittel ihrer Umsetzung sind fast unmöglich, solange kein Erdbeben das Haus zum Einsturz bringt. Also, wenn Sie „Osmanen“ sagen, denke ich an Janitscharen…

Islamische Zeitung: Offenkundig steht Europa – spätestens seit der Krise seiner künstlichen Einheitswährung – am Rand. Was sind die wichtigsten Regionen unserer Zeit?

D. Hurrell: Seit Ende das Kalten Krieges steht Europa immer mehr abseits; eine natürliche Folge des Zusammenbruches seines feindlichen und nuklearen Nachbarn sowie durch den „Aufstieg des Restes“. Während der 1990er brachten die Jugoslawien-Kriege Europa – oder einen Mangel an Europa – zurück in den Blickpunkt.

Aber es waren Ereignisse anderswo, die drängender waren und drohten, die Sicherheit der Kernregionen zu unterminieren – der Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion, die Öffnung der zentralasiatischen Länder, das irakische Fiasko und die indisch-pakistanischen Spannungen. Diese Entwicklungen verschoben die Aufmerksamkeit vom Nordatlantik in Richtung Asien und Pazifik.

Obamas Hinwendung nach Asien kann als Beginn einer Phase „nach dem Terror“ in Amerikas Generalplan gedeutet werden. Der Aufstieg Chinas ist natürlich ein Modewort, aber er ist fragwürdig, um es vorsichtig zu sagen. Man könnte den logischen Schluss ziehen, dass acht- bis zehnprozentiges Wirtschaftswachstum pro Jahr und parallel dazu wachsende Militärausgaben in ein bis zwei Jahrzehnten eine regionale oder gar globale Herrschaftsmacht hervorbringen werden. Und doch bedeutet diese Logik nach Ansicht von Luttwak, dass sich China selbst eine Falle stellt. Sein wachsendes Durchsetzungsvermögen in der Region schafft neue Feinde, die es blockieren werden, was den Amerikanern in die Hände spielt. In den Augen der USA sollte China ein billiges Erzeugerland bleiben, dass seine Erträge zurück an die USA verleiht, um den Dollar zu stützen und Inflationsraten gering zu halten.

Die Vorstellung, dass die Globalisierung eine rivalisierende Seemacht 6.000 Meilen westlich von Kalifornien hervorbringt – mit schätzungsweise deutlich höheren Fähigkeiten, als sie das imperiale Japan jemals hatte – ist in relativer Hinsicht ein Alptraum. Die enorme Geografie der asiatisch-pazischen Region mit ihren Inseln, Archipelen und riesigen Entfernungen macht ein vorrangiges Setzen auf Seemacht zur Projektion von Macht notwendig. Dies übersetzt sich in die Anschaffung fortschrittlicher U-Boote und oberseeischer Fahrzeuge, um das Machtgleichgewicht zu halten oder zu verändern. Das trifft auch auf die Verbesserung der Luftwaffe zu, die zu einem unverzichtbaren Bestandteil jeder Marine wurde. Um Kissinger erneut zu zitieren: Die internationale Ordnung Asiens erinnert mehr an europäische des 19. Jahrhunderts als die nordatlantischen Staaten im 21. Jahrhundert.

Diese Nationen sehen sich trotz ihrer ökonomischen Bindungen als strategische Rivalen. Der intensive Nationalismus, Ärger über historische Ungerechtigkeiten und Gebietsstreitigkeiten schufen eine Lage, die mit größter Vorsicht zu behandeln ist. Paradoxerweise macht die US-Präsenz die Dinge schlimmer, da sie schwache Länder wie Vietnam oder die Philippinen ermutigt, sich bei Streitigkeiten gegen China zu stellen und sich lauter und kriegerischer zu verhalten, als sie dies bei schwächeren Nachbarn tun würden.

Es bleibt allerdings vollkommen unklar, wie weit die USA gehen würden, um ihre Verbündeten tatsächlich zu verteidigen. Die asiatisch-pazifische Strategie ahmt die nahöstliche nach und erleichtert Risiken für die Sicherheit. Ein Bedarf, der von den USA gefüllt werden kann. Von sehr lukrativen Verträgen zur maritimen Bewaffnung einmal ganz zu schweigen. Allerdings gibt es hier eine erhebliche Konkurrenz der Europäer und Russlands mit seinen verlässlichen U-Booten. Diese sind die gezogenen Schwerter in einer solchen Angelegenheit.

Der Streit zwischen China und Japan um die Senkaku-Inseln ist ein „Siedepunkt“, der vielleicht zu einem militärischen Konflikt führen könnte. Wie es auch ausgeht, diese Entwicklungen stimulieren das maritime Wettrüsten in der Region. Die Amerikaner betreiben ein kluges Spiel. Solange inner-asiatische Streitigkeiten anhalten, ist China gezwungen, seine Energien auf regionaler Ebene zu fokussieren. Das schadet seinen globalen Plänen und erlaubt es den USA, Halt in der Region zu finden. Nach einer Beobachtung des niederländisch-amerikanischen Geopolitikers Nicholas Spykman ist es besser, ein funktionierendes Mitglied eines europäisch-asiatischen Machtgleichgewichts zu sein, um die Entwicklungen innerhalb handzuhabender Grenzen zu kanalisieren, anstatt abwesend oder isolationistisch zu sein. Spykman schrieb dies 1943 und dachte dabei an das imperiale Japan; die Parallelen sind eindeutig.

Jenseits von Ostasien kommt es zu einer Verbesserung der indisch-pakistanischen Beziehungen. Pakistan gewährte Indien vor Kurzem den Status einer meistbegünstigten Nation. Afrika und Lateinamerika bleiben bis auf Weiteres die wirtschaftlichen Jagdgründe für die Großmächte und Russland betreibt immer noch seine schleichende Energiediplomatie. Moskaus jüngste Ankündigung, dass die Bauarbeiten an der South-Stream-Gas-Pipeline durch das Schwarze Meer 2013 beginnen werden, ist ein kleiner, aber teurer Sieg.

Islamische Zeitung: Lieber D. Hurrell, vielen Dank für das Gespräch.

Hurrell lehrt Geopolitik am Dallas College of Leadership in Kapstadt. Seine Artikel und Analysen finden sich auf www.geopoliticus.org.

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Muslime glauben daran, dass das Schicksal des Menschen – individuell wie gesellschaftlich – in den Händen Allahs liegt. Es enthüllt sich erst im Augenblick seiner Entfaltung. In den letzten drei […]

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