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Das geheime Kalifornien

Kalifornien

Unterwegs in Kalifornien: Unser Autor spekuliert über die sprachlichen und islamischen Wurzeln des beliebten US-Staats.

(iz). Diesen Sommer machte ich mich auf zu einer weiteren Reise nach Kalifornien, diesmal, um meiner kranken Mutter beizustehen. Aber es sollte auch eine Zeit der Erholung sein.

Die atemberaubende Küste bot eine willkommene Abwechslung zum Großstadtdschungel der Hauptstadt, während die lockere Freundlichkeit der Menschen einen erfrischenden Kontrast zur „Berliner Schnauze“ meiner „lieben“ Mitberliner bildete.

Das Lustige daran ist: Als mich der Chefredakteur der „Islamischen Zeitung“ bat, einen Reisebericht über einen Aspekt des Bundesstaats zu schreiben, sagte ich, dass ich das gerne tun würde, mir aber beim besten Willen kein relevanter Bezug einfiele.

Ich ahnte nicht, dass sich dieser Zusammenhang direkt vor meinen Augen verbarg. Das Überraschendste daran ist vielleicht, dass man kaum einen Kalifornier finden würde, der sich der versteckten muslimischen Fäden bewusst ist, die in Dinge eingewoben sind, die so typisch kalifornisch sind wie die Luft, die wir hier atmen.

Ich habe einen Großteil meiner Jugend hier in Carmel verbracht. Es ist eine wunderschöne, verschlafene und zunehmend unerschwingliche Küstenstadt an der Zentralküste, etwa auf halbem Weg zwischen Los Angeles und San Francisco.

„Die Heimat der Frischvermählten und der fast Verstorbenen“, wie es ein lokaler Witzbold einmal formulierte: Man kommt als Tourist in den Flitterwochen hierher, und hier verbringt man die letzten glücklichen Jahre im Ruhestand, nachdem man im Silicon Valley oder im riesigen Agrarimperium des Central Valley sein Vermögen gemacht hat.

Carmel-by-the-Sea

Foto: Chris Leipelt, Unsplash

Das Leben hier in diesem Land, in dem Milch und Honig fließen – das Henry Miller einst als Paradies auf Erden bezeichnete –, ist so wunderschön, dass man ab einer Weile fast schon ein schlechtes Gewissen bekommt.

Irgendwann sehnt man sich vielleicht sogar nach dem Stress und der Hektik des Großstadtlebens, die einen auf Trab halten und von der verführerischen Trägheit fernhalten, die sich an Orten von solch außergewöhnlichem Komfort einzuschleichen scheint.

Von meinem derzeitigen Sitzplatz aus, auf der Holzterrasse des Hauses meiner Mutter, bricht die Mittagssonne allmählich durch den allgegenwärtigen Küstennebel. Vier Falken kreisen unter dem blassen Himmel und suchen den Boden nach einer Feldmaus oder einer anderen Beute ab, während ein Gelbbrustkolibri von einer Sukkulente zur nächsten huscht.

Ich beobachte ein graues Eichhörnchen, wie es am Holzgeländer entlang huscht und eine Küsteneiche hinaufklettert, die mit grünlichgrauer Bartflechte bewachsen ist.

Die salzige Luft ist erfüllt vom Rauschen der Brandung und dem leisen, musikalischen Klingeln eines Windspiels eines Nachbarn irgendwo in der Nähe. Ich weiß, dass ich schon bald das Läuten der Kirchenglocken hören werde, das von der Carmel Mission herüberweht, die nur einen kurzen Spaziergang entfernt liegt.

Die Carmel-Mission, offiziell „Mission San Carlos Borromeo del Río Carmelo“, wurde 1770 vom Franziskanermissionar Junípero Serra gegründet. Einem Mann bescheidener Herkunft und unerschütterlicher religiöser Überzeugung, der glaubte, Gott habe ihm die Aufgabe anvertraut, die Ureinwohner Kaliforniens zu bekehren und zu retten.

1988 wurde Serra von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Das war eine umstrittene Entscheidung, bei der Kritiker argumentierten, dass das Leid, das die indigenen Bewohner unter dem Missionssystem erdulden mussten, darunter Todesfälle durch Krankheiten, Zwangsarbeit und die Zerstörung traditioneller Lebensweisen, nicht vollständig anerkannt worden sei.

Heute wird Pater Junípero Serra mit einem monumentalen Bronzekenotaph neben der Carmel-Mission geehrt. Im Gegensatz dazu wird der Tausenden von Indigenen, die im Rahmen des Missionssystems ums Leben kamen, weitaus bescheidener gedacht.

Sie wurden in einem Massengrab auf der Nordseite der Kirche beigesetzt, unter einfachen Erdhügeln, die mit simplen Abalone-Muscheln geschmückt sind.

Der Sakralbau und seine angrenzenden Gebäude – was man auf den ersten Blick kaum vermuten würde – sind größtenteils Rekonstruktionen. Sie sind das Lebenswerk eines bemerkenswerten Mannes: Harry Downie.

Das war ein Zeichner und Architekturhistoriker, der den Bau erstmals 1931 besuchte und fast ein halbes Jahrhundert seiner sorgfältigen Wiederherstellung widmete.

Sein Ziel war es nicht bloß, sie alt aussehen zu lassen, sondern sie anhand von Originalplänen, archäologischen Funden, historischen Skizzen und traditionellen spanischen Bautechniken originalgetreu wiederherzustellen.

Das Ergebnis ist eine so vorbildgetreue Restaurierung, dass die Mission fast genau so aussieht wie in ihrer ursprünglichen Form.

Anklänge an die Lehmziegelarchitektur des Baus – typisch für den spanischen Kolonialbau – finden sich überall in Carmel, in der Monterey-Bay-Region und in Kalifornien insgesamt.

Bereits vor mehreren Jahrzehnten haben Muslime in New Mexiko mit Adobe experimentiert. (Foto: Dar Al Islam)

Sie ist eines der Markenzeichen der kalifornischen Ästhetik, ebenso ikonisch wie die Palmen am Sunset Boulevard in Los Angeles oder die Straßenbahnen von San Francisco.

Was aber nur wenige Menschen wissen: Adobe – ja sogar das Wort selbst – hat seine Wurzeln im arabischen Nordafrika und gelangte über die Mauren nach Spanien. Adobe (vom arabischen At-Tub, was „Ziegel“ bedeutet) verbreitete sich auf der iberischen Halbinsel während der jahrhundertelangen muslimischen Präsenz (711–1492).

Die Mauren verfeinerten die Techniken des Bauens mit sonnengetrockneten Lehmziegeln, insbesondere in den trockenen Regionen Andalusiens, der Extremadura und Kastiliens. Als Spanien die amerikanischen Kontinente kolonisierte, war Adobe bereits ein fester Bestandteil der spanischen Baupraxis geworden.

Mexiko fungierte als Bindeglied, und Kalifornien bot die perfekten Zutaten. Mit seinem reichhaltigen, lehmhaltigen Boden, Wasser zum Anrühren der Erde sowie Stroh oder Gräsern zur Verstärkung der Ziegel bot der Region geradezu ideale Voraussetzungen für den Lehmbau. Lange, heiße und trockene Sommer schufen passende Bedingungen für die Aushärtung der Ziegel in der Sonne.

„California“ kam mir schon immer wie ein recht seltsam klingendes Wort vor. Die Endung -ia ist natürlich eine sehr alte Ortsnamenendung, die letztlich aus dem Lateinischen und Griechischen stammt und „Land von“ oder „Land“ bedeutet. Aber was ist mit „Calif“?

Könnte es wirklich, denkbarerweise, mit Kalif in Verbindung stehen, dem arabischen Wort für „Nachfolger“ – genauer gesagt, dem Nachfolger des Propheten Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden?

Es scheint eine so weit hergeholte und verblüffende These zu sein, doch es könnte tatsächlich der Fall sein.

Die Herkunft des Namens ist eine der faszinierendsten im gesamten Amerika, da er nicht aus einer indigenen Sprache stammt, sondern aus einem Roman. Im Jahr 1510 beschrieb ein spanischer Ritterroman, „Las Sergas de Esplandián“, ein mythisches Eiland namens Kalifornien, das von der schönen, schwarzen Königin Calafia regiert wurde.

Die Insel soll „zur Rechten der Indischen Welt“ gelegen haben, reich an Gold und ausschließlich von Frauen und Greifen bewohnt.

Als spanische Entdecker in den 1530er Jahren die Halbinsel Baja California erreichten, hielten sie diese zunächst für eine Insel und benannten sie nach dem fiktiven Königreich „Kalifornien“. Schließlich wurde der Name in Richtung Norden auf das Gebiet ausgedehnt, das heute als gleichnamiger US-Bundesstaat bekannt ist.

Doch woher stammt die Bezeichnung Calafia? Hier wird es interessant. Viele Wissenschaftler glauben, dass der Name der fiktiven Königin vom arabischen Wort Khalifa inspiriert wurde, was „Kalif“ oder „Nachfolger“ bedeutet.

Im 16. Jahrhundert hatte es zudem sehr starke islamische Assoziationen. Spanien hatte hunderte Jahre unter muslimischer Herrschaft verbracht, und bis zum Beginn des 16. waren Tausende arabischer Wörter in die spanische Sprache eingegangen.

Paradoxerweise könnte also der Name „Kalifornien“ selbst ein Echo der arabischsprachigen islamischen Welt bewahren, gefiltert durch einen iberischen Abenteuerroman. Und das an einem Ort, an dem sich Muslime oft am Rande der Gesellschaft wiederfinden.

Foto: Yelp

Die kleine Moschee, in der ich die Freitagsgebete besuche, befindet sich in einem unscheinbaren einstöckigen Bungalow in einem armen Einwandererviertel in der Nähe der Dünen. Es ist eigentlich nur eine etwas aufgemotzte Hütte, die in krassem Gegensatz zur prunkvollen Carmel Mission steht.

Ebenso ist der einzige Halal-Laden in der Nähe ein winziger, leicht schäbiger Lebensmittelladen mit halb leeren Regalen, in denen Bulgur, Oliven und fast schon altbackenes, zwei Tage altes arabisches Brot liegen.

Seit einigen Wochen fahre ich mit meiner Mutter überall mit Uber hin, nachdem sie ihren Wagen zu Schrott gefahren hatte und ihr der Führerschein entzogen wurde. Eines Nachmittags stellte sich unser Fahrer in der App als „Mukhammad“ vor – mit einem k. Ich vermutete sofort, dass der zusätzliche Buchstabe kein Zufall war, sondern ein kleiner Versuch, einen Namen abzumildern, der sonst bestimmte Kunden abschrecken könnte.

Meine Mutter, die ihre Neugier niemals unbefriedigt ließ, fragte ihn, warum er den Namen so schreibe. „Das k wird nicht ausgesprochen“, antwortete er mit einem verlegenen Lächeln. Dann stellte sie die naheliegende Frage: „Sind Sie Muslim?“ Er nickte. Meine Mutter erzählte ihm, dass auch ich vor vierzehn Jahren zum Islam konvertiert sei. „Maschallah!“, rief er aus, und sein Gesicht hellte sich plötzlich auf.

Plötzlich konnte er seine Fassade fallen lassen und ganz er selbst sein, und während wir die Küste von Monterey entlangfuhren, sprach er leise über die Vorurteile, denen er und andere Muslime in Kalifornien nach wie vor begegnen.

Ich musste angesichts dieser Ironie unwillkürlich lächeln. Hier diskutierten wir über den Stellenwert des Islam in einem Bundesstaat, dessen ikonische Lehmziegelarchitektur so viel einer Bautradition verdankt, die durch die muslimische Welt wanderte, bevor sie den Atlantik überquerte, und dessen Name durchaus einen arabischen Anklang haben könnte.

Kaliforniens islamisches Erbe wurde nie verheimlicht. Es ist einfach so tief in das Gefüge dieses Ortes eingewoben, dass die meisten Menschen es gar nicht mehr erkennen.

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Carmel-by-the-Sea oder Gast im „Hotel California“

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