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IZ-Reiseblog: Tetovo, Grenzland zwischen Moschee und Beton

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IZ-Reiseblog: Wer sich die Landkarte von Nordmazedonien ansieht, bleibt fast zwangsläufig an Tetovo hängen.

(iz). Die Stadt liegt im Polog-Tal, keine dreißig Kilometer von der albanischen und der kosovarischen Grenze entfernt, im Schatten des mächtigen Šar-Gebirges. Auf dem Papier ist das eindeutig mazedonisches Staatsgebiet.

In der Realität ist Tetovo eine mehrheitlich albanische Stadt, geistiges und politisches Zentrum der Albaner Nordmazedoniens, mit eigener Universität und einer Geschichte, die 2001 fast in einem bewaffneten Konflikt geendet hätte.

1. Warum niemand die Grenzen neu ziehen will

Die Versuchung läge nahe. Warum nicht Tetovo, Gostivar und das gesamte Polog-Tal einfach zu Albanien oder zu einem größeren Kosovo schlagen, wenn hier ohnehin die Mehrheit albanisch spricht? Die Antwort liegt in einer Mischung aus internationaler Politik, regionaler Statik und – man muss es so nüchtern sagen – kollektiver Erschöpfung nach dem Krieg von 2001.

Im Frühjahr und Sommer 2001 lieferten sich mazedonische Sicherheitskräfte und die albanische Untergrundarmee UÇK (National Liberation Army) monatelange Gefechte, vor allem im Raum Tetovo. Die Eskalation wurde durch das Ohrid-Rahmenabkommen vom 13. August 2001 gestoppt, ausgehandelt unter starkem Druck von EU und USA. Die internationale Gemeinschaft lehnte jede Neuziehung von Grenzen kategorisch ab, obwohl Teilung und Gebietsabtretung während des Konflikts durchaus als mögliche Optionen diskutiert wurden.

Foto(s): Autor

Das Problem dahinter war klar: Eine Grenzverschiebung in Mazedonien hätte sofort ähnliche Forderungen in Kosovo, im Preševo-Tal oder in Bosnien befeuert – ein Präzedenzfall, den niemand in der Region oder in Brüssel öffnen wollte. Am Ende siegte die Vernunft auf allen Seiten.

Statt einer Teilung bekam Nordmazedonien eine tiefgreifende Verfassungsreform: Albanisch wurde in weiten Teilen des öffentlichen Lebens gleichberechtigt, die Dezentralisierung stärkte lokale, mehrheitlich albanische Gemeinden wie Tetovo, und ethnische Quotenmechanismen sollten für eine gerechtere Vertretung im Staatsdienst sorgen.

Der Kompromiss lautete: keine eigene Grenze, aber ein Staat, der Albanern mehr Raum gibt, ohne seine „unitarische“ Struktur aufzugeben. Für die politische Führung der ehemaligen Aufständischen – viele von ihnen gründeten die Partei DUI, die bis 2024 fast durchgehend mitregierte – war das eine Option, mit der sich leben ließ: reale Machtanteile im bestehenden Staat statt eines riskanten, international isolierten Sezessionsprojekts.

Ein Vierteljahrhundert Ohrid – was bleibt

25 Jahre nach der Unterzeichnung, im August 2026, zog der mazedonische Journalist Vasko Popetrevski – langjähriger Chefredakteur der Polit-Sendung 360 Grad und selbst Augenzeuge der Verhandlungen von 2001 – eine nüchterne Bilanz gegenüber BIRN/Balkan Insight.

Sein Kernargument: Das Abkommen hat seine wichtigste Aufgabe erfüllt, es hat das Blutvergießen beendet und den politischen Prozess zurück in die Institutionen geholt.

Was jedoch ausblieb, ist eine gemeinsame gesellschaftliche Einigung darüber, was der Konflikt eigentlich bedeutete. Für viele Albaner steht Ohrid für den Höhepunkt eines langen Kampfes um Gleichberechtigung; für viele Mazedonier bleibt es untrennbar mit dem bewaffneten Konflikt verbunden – mit dem Gefühl, Zugeständnisse seien durch Waffengewalt erzwungen worden.

Popetrevski warnt davor, dass genau diese Narrative an eine Generation weitergereicht werden, die den Krieg selbst gar nicht mehr erlebt hat: Wenn junge Mazedonier und Albaner, die nach 2001 geboren wurden, Feindseligkeiten aus einem Konflikt erben, den sie nicht oder nur aus Erzählungen kennen, sagt das mehr über das Versagen der Gesellschaft der letzten 25 Jahre aus als über das Abkommen selbst.

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Die bunte Moschee – Stifterinnen, Farbe und italienisches Barock

Wer durch die Stadt zum Ufer der Pena geht, sieht sie schon von Weitem aufleuchten: die Šarena Džamija, die „Bunte“ oder „Bemalte Moschee“. Kein anderes Bauwerk auf dem Balkan sieht so aus. Die Ursprünge reichen zurück ins 15. Jahrhundert – je nach Quelle 1438 oder um 1495.

Bemerkenswert ist schon die Gründungsgeschichte selbst: Anders als die meisten Moscheen dieser Zeit, die von Sultanen, Beys oder Paschas gestiftet wurden, finanzierten hier zwei Schwestern, Hurshida und Mensure, den Bau – der Überlieferung nach aus ihrer eigenen Mitgift.

Ihr Grabmal, ein achteckiges Türbe, steht bis heute im Innenhof der Moschee. Für die damalige Zeit war eine solche Stiftung durch Frauen eine echte Ausnahme, und sie ist bis heute Teil der lokalen Identität des Ortes – ein Bauwerk, das von Anfang an mit weiblicher Handschrift verbunden war.

Die Moschee, wie wir sie heute sehen, ist allerdings nicht mehr die ursprüngliche. Nach einem Brand ließ der osmanische Statthalter von Tetovo, Abdurrahman Pascha, ein großer Kunstliebhaber, das Gebäude 1833/34 grundlegend erneuern und erweitern.

Genau diese Rekonstruktion prägt das heutige Erscheinungsbild: einen einzigen quadratischen Gebetsraum, dessen Innen- und Außenwände vollständig mit Fresken bedeckt sind. Wir sehen bei unserer Begehung Blumenmotive, geometrische Medaillons, Arabesken und gemalte Städteansichten (darunter Mekka). Beauftragt wurden Meistermaler aus Debar, die für die Farbherstellung angeblich Zehntausende Eier verarbeiteten, um die Pigmente zu binden.

Kunstgeschichtlich ist das Gebäude deshalb so bedeutend, weil es zwei stilistische Brüche in sich vereint. Die frühe Bausubstanz orientierte noch an anatolischen statt an klassisch-osmanischen (byzantinisch beeinflussten) Kuppelbauten.

Die Dekoration der Rekonstruktion von 1833 dagegen gehört in eine ganz andere Epoche. Sie zählt zu den eindrucksvollsten Beispielen des sogenannten „osmanischen Barock“, jener Stilphase (etwa 1740er bis frühes 19. Jahrhundert), in der europäische, vor allem norditalienische Barockornamentik in die osmanische Kunst einsickerte.

Über Handelsstädte wie Thessaloniki und die zunehmenden diplomatischen und kulturellen Kontakte des Osmanischen Reiches mit Mitteleuropa gelangte ein dekoratives Vokabular – illusionistische Architekturmalerei, plastisch wirkende Scheinarchitektur – in die osmanische Handwerkskunst, wo es mit islamischer Ornamentik aus Pflanzen- und Geometriemotiven verschmolzen wurde.

Hier kann man lernen, dass die islamische Architektur durchaus mit der europäischen Kultur in einen Austausch eintreten kann. Wir sitzen also staunend vor einem Gebäude, das Europa und den Orient ineinander verschränkt. Besuchergruppen aus aller Welt bewundern diese Symbiose.

3. Café gegenüber der Moschee: Ist Architektur politisch?

Wir bestellen Kaffee im Schatten alter Bäume, die Moschee auf der einen, der ehemalige Hamam – heute eine Kunsthalle – auf der anderen Seite. Zwischen den Tassen liegt ein Aufsatz zweier Architekturhistoriker der Staatlichen Universität Tetova, Kujtim Elezi und Nuran Saliu.

Der Text handelt über die Architektur der Stadt zwischen dem späten 19. Jahrhundert und dem Zweiten Weltkrieg. Und tatsächlich: Kaum ein Ort eignet sich besser, um die Frage zu stellen, ob Architektur und Stadtplanung politischen Einfluss ausüben. Die Antwort, die sich aus dem Text, wie aus dem Stadtbild selbst ergibt, lautet: unbedingt ja.

Die Autoren beschreiben, wie sich die osmanische Stadt bis weit ins 19. Jahrhundert nach einer klaren, religiös-rechtlich organisierten Logik entwickelte: Moschee, Basar (Bazaar) und Stiftung (Waqf) bildeten eine untrennbare Einheit. Eine Moschee wie die Šarena Džamija war nie ein isoliertes Sakralgebäude, sondern der Kern eines ganzen „Küllye“ – einer Stiftungsanlage, zu der Brunnen, Hamam, Karawanserei, Koranschule und Markt gehörten.

Die Stiftungen finanzierten über Mieteinnahmen aus Läden und Werkstätten dauerhaft den religiösen und sozialen Betrieb. Stadtentwicklung war damit nicht das Ergebnis eines zentralen Plans, sondern das kumulative Ergebnis frommer, oft privater Stiftungen – ein System, in dem Religion, Wirtschaft und Städtebau organisch verwoben waren.

Mit dem Ende des Osmanischen Reiches und erst recht mit dem Übergang zu Jugoslawien wurde dieses Modell „politisch“ überschrieben. Der Aufsatz beschreibt bereits für die Zeit vor 1918 eine erste „Europäisierung“ der Fassaden, die den orientalisch-traditionellen Baustil allmählich verdrängten. Das war noch eine bürgerliche, ästhetische Modernisierung.

Foto(s): Autor

Die zweite, viel radikalere Zäsur kam mit dem sozialistischen Jugoslawien nach 1945. Die jugoslawische Idee der Modernisierung verstand Städtebau explizit als politisches Projekt: Funktionalistische, oft brutalistische Beton-Architektur sollte eine neue, säkulare, gesamtjugoslawische Identität sichtbar machen, die ethnische und religiöse Zugehörigkeiten überschreibt.

Die Losung „Brüderlichkeit und Einheit“ floss überall in die Betonwerke ein. Das prominenteste Beispiel dieser Haltung liegt nur eine Autostunde entfernt: der Wiederaufbau von Skopje nach dem Erdbeben von 1963, bei dem der japanische Architekt Kenzo Tange gemeinsam mit jugoslawischen Planern eine explizit modernistische, von Le Corbusiers Ideen geprägte Stadt entwarf – Sichtbeton, große Maßstäbe, funktional getrennte Zonen, die wenig Rücksicht auf das gewachsene osmanische Stadtgefüge nahmen. Das Projekt wurde wegen Geldmangel und bürokratischen Hindernissen nicht vollständig umgesetzt.

An dieser Stelle lohnt ein Umweg über die Gestalt, deren Ideen im ganzen sozialistischen Jugoslawien nachwirkten: Le Corbusier. Der Schweizer Architekt, der damals noch Charles-Édouard Jeanneret hieß, durchquerte die Region 1911 auf seiner berühmten „Voyage d’Orient“ – jener fünfmonatigen Reise von Prag über die Balkanländer, durch Rumänien und über Adrianopel bis nach Istanbul.

Biografen beschreiben seine Reise, die ihn wochenlang zu Fuß, per Maultier, Boot und Bahn in Dörfer und Städte der Region führte. In Istanbul blieb er fünfzig Tage, länger als an jedem anderen Ort der Reise. Tief beeindruckt von den Moscheen, sah er deren Kuppeln, Halbkuppeln und Minarette als reine geometrische Körper – Würfel, Kugel und Kegel.

Diese Silhouetten, das Verhältnis von Baumasse zu Grün- und Freiraum, notierte er sich explizit als Lehrstück für Stadtplaner; die Beobachtungen flossen Jahrzehnte später direkt in seine Schrift „The City of Tomorrow and its Planning“ (1929) ein.

Genau in diesem Ansatz liegt aber auch das Problem, auf das man hier, im Café gegenüber von Moschee und Hamam, mit Blick auf die jugoslawischen Betonbauten ein paar Straßen weiter stößt. Jeanneret sah die osmanische Stadt vor allem als Bild – als Silhouette, als Komposition reiner Formen, als malerische Unordnung, die ihn ästhetisch begeisterte.

Was er kaum erfasste, war die institutionelle Logik dahinter, eben jenes Dreieck aus Moschee, Basar und Stiftungen, das diese scheinbare Unordnung überhaupt erst organisiert hatte. Der zivilisatorische Kern der islamischen Stadt lag nicht in ihrer äußeren Form, sondern in dieser Verschränkung von Frömmigkeit, Handel und sozialer Fürsorge zu einer selbsttragenden Institution.

Le Corbusier nahm nur die Oberfläche mit – die reinen Volumen, die Silhouette, den Kontrast von Baukörper und Grün – und goss daraus zwei Jahrzehnte später mit der Ville Radieuse und der Charta von Athen (1933) ein Stadtmodell, das exakt das Gegenteil dieser osmanischen Logik verordnete: die strikte Trennung von Wohnen, Arbeiten, Erholung und Verkehr in separate Zonen.

Wo die Moschee-Basar-Stiftung-Anlage Glaube, Wirtschaft und Wohnen bewusst ineinander verwob, verlangte die Charta von Athen ihre säuberliche Auflösung in Funktionszonen.

Was diese doppelte Transformation – erst bürgerliche Europäisierung, dann sozialistischer Brutalismus – am Ende übrigließ, beschreibt der Aufsatz in seiner Schlussfolgerung fast resigniert: Von der reichen, hybriden Zivilarchitektur des frühen 20. Jahrhunderts, den eklektischen Bürgerhäusern mit ihren Barock- und Renaissance-Zitaten, ist nur noch eine kleine Zahl an Gebäuden erhalten. Übriggeblieben sind vor allem die isolierten Sakralbauten – Moscheen und Kirchen – weil sie kontinuierlich religiös genutzt und damit gepflegt wurden.

Das Ergebnis ist eine Stadtlandschaft, in der die religiösen Gebäude zu den Hauptträgern kollektiver Identität wurden: die Moschee als Symbol albanisch-muslimischer, die orthodoxe Kirche als Symbol mazedonisch-christlicher Zugehörigkeit.

Was einst Teil eines vielschichtigen, auch säkularen Stadtgefüges war, wird so – mangels Alternativen – zum Hauptvokabular der Identitätspolitik. Architektur ist hier tatsächlich nicht nachrangig zur Politik, sondern eine ihrer sichtbarsten Bühnen. Die Frage, die sich stellt, könnte man so formulieren: Wenn Moscheen, Märkte und Stiftungen als soziale Realität verschwinden, verliert die Gemeinschaft ihre Verwurzelung im realen Leben?

Bleibt, statt des gemeinsamen Handelns, nur ein abstrakter, oft verhärteter Kulturkampf, mit seinen Bildern, bei denen es nur noch um Repräsentation und Labels geht, statt um das echte, gelebte Miteinander? Sicher ist heute nur eins, das alte Stadtbild, mit seinen komplexen Strukturen, wird nicht wieder zurückkehren.

Wir beobachten eine Gruppe junger Leute an einem Nachbartisch. Ob es Albaner oder Mazedonier sind, können wir nicht unterscheiden. Eine der jungen Frauen, trägt ein Kopftuch. Sie hantieren an ihren Handys, auf dem Tisch steht ein Laptop.

Was entdecken Sie gerade, was entwickeln sie gemeinsam? Diese Generation wird entscheiden, ob so etwas wie ein „Wir“-Gefühl in Mazedonien entsteht und wie genau, die neue soziale Realität der Zukunft aussehen wird.

Weiter an den Ohridsee

Wir zahlen, werfen einen letzten Blick auf die Farben der Moschee und die kühlen, stummen Betonflächen der jugoslawischen Nachkriegsbauten ein paar Straßen weiter, und setzen uns ins Auto. Vor uns liegt die Fahrt Richtung Süden, vorbei an Kičevo, hinein in die wunderbaren Landschaften um den Ohridsee – dorthin, wo Nordmazedonien sich lieber über seine Schönheit als über seine Gräben definiert.

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Muslime und der Raum: Wer prägt wen?

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Muslime und der Raum: Wer nur die Menschen betrachtet, aber nicht die Räume, in denen sie sich alltäglich bewegen, versteht nur die Hälfte der Herausforderung. (iz). Ein Text des kanadischen […]

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Neue DITIB-Kampagne: Bewusstsein für Moscheen schärfen

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Die Antidiskriminierungsstelle des türkisch-islamischen Moscheeverbands DITIB warnt in einer neuen Social-Media-Kampagne vor wachsender Islamfeindlichkeit in Deutschland. (iz). In einem häufig geteilten Posting auf X erinnert die Stelle daran, dass in […]

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Die Moschee oder ein Haus im Paradies

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Imam Sidi Said Errazaki über die transformierende Rolle von Moscheen. (iz). Allah, gepriesen sei Er, sagt im Qur’an: „Gewiss, Allahs Moscheen bevölkert nur, wer an Allah und den Jüngsten Tag […]

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Die Resonanzkatastrophe oder Räume für Jugendliche

Resonanzkatastrophe

Resonanzkatastrophe: Gerade für Jugendliche ist die Orientierung im Zeitalter endloser Wahl schwierig. Hierfür brauchen sie dialogische Räume. Deshalb ist es wichtig, wenn Gemeinschaften Brücken nach außen bauen.

Von außen betrachtet wirkt unsere Gegenwart wie das Zeitalter größtmöglicher Freiheit. Nie zuvor standen Menschen so viele Optionen offen: unzählige Lebensentwürfe, Glaubensrichtungen, Ernährungsstile und politische Bewegungen. Tausende Influencer, Apps und Streamingdienste konkurrieren um die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer.

Doch in diesem Überfluss an Möglichkeiten steckt eine paradoxe Erfahrung. Wo alles wählbar ist, verliert die Wahl selbst an Tiefe – sie wird zum Zwang, zur endlosen Wiederholung des „Du kannst alles sein“, eine Formel, die keine verbindliche Antwort mehr gibt.

Foto: Shutterstock/Monkey Business Images

Resonanzkatastrophe : Die Paradoxie der Freiheit

Slavoj Žižek (Was verrät uns die Psychoanalyse über den Cyberspace?) beschreibt diese Situation als eine subtile Form der Beherrschung. Medien und digitale Plattformen fordern uns permanent auf, zu wählen: „Drücken Sie A, wenn Sie dies wollen, drücken Sie B, wenn Sie das wollen.“ Dieser permanente Aufruf erzeugt erst das Begehren, dem wir folgen sollen. Die Subjekte, die sich frei fühlen, sind zugleich völlig formbar – sie müssen sich immer wieder sagen lassen, was sie wollen.

Unter den Verhältnissen grenzenloser Reichweite wissen immer weniger wer sie wirklich sind. Žižek greift hier ein Diktum des Psychoanalytikers Jacques Lacans auf: Wenn keine substanzielle Orientierung das Feld der freien Möglichkeiten eingrenzt, verschwindet die Freiheit selbst. Mit anderen Worten: Gerade, weil niemand mehr vorgibt, was wir wollen sollen, geraten wir unter den unsichtbaren Zwang, uns selbst immer neu zu erfinden.

Dieser Mechanismus durchdringt längst auch die Sphäre persönlicher Beziehungen. Die Digitalisierung, so Žižek, hebt den Unterschied zwischen Nachbarn und Fremden auf, indem sie alle in eine „gespenstische Bildschirmpräsenz“ verwandelt.

Das Reale der Begegnung – das Unmittelbare, Widerständige, Ansprechbare – wird in den virtuellen Raum suspendiert. Wir scrollen durch Gesichter und Meinungen, die alle gleich nah und gleich fern erscheinen. Es fehlt an realen Räumen, wo wir unser Wissen oder unsere Vorurteile über den Anderen im konkreten Gespräch überprüfen können.

Das moderne Subjekt ringt heute nicht zuletzt um seine religiöse Identität. Der Philosoph Charles Taylor beschreibt in „A Secular Age“ ein Phänomen, das er „Nova-Effekt“ nennt: Nach dem Zerfall religiöser Gewissheiten explodiert eine unüberschaubare Zahl an Sinnangeboten – von Achtsamkeitspraktiken bis zu Konsum-Lifestyles, von esoterischen Strömungen bis zu politischen Ideologien. Der Glaube verschwindet nicht aus der Welt, das Religiöse findet auf „neuen Pfaden“ weiterhin statt.

Mit dem Begriff „Säkularität“ umschreibt Taylor dabei „eine neue Gestalt der zum Glauben veranlassenden und durch Glauben bestimmten Erfahrung“. Taylor unterteilt die Entwicklung in drei Dimensionen: Rückzug und Abtrennung der Religion aus dem öffentlichen Raum, Niedergang der Bindung an die Lehre der monotheistischen Religionen; Veränderung der Bedingungen des Glaubens als Priorität und Entstehen der säkularen Option.

Allerdings tauchten viele religiöse Motive in der säkularen Welt in veränderter Form wieder auf, zum Beispiel in der Suche nach neuer, andersartiger Spiritualität, in der Selbstoptimierung oder in der Welt des Sports. Die klassische Lehre verliert gegenüber den fortschrittlichen, unendlich wachsenden spirituellen Angeboten an Boden.

Dieses kulturell-religiöse Panorama verschränkt sich mit den ökonomischen und technologischen Dynamiken der Moderne, die der Soziologe Hartmut Rosa als „gesellschaftliche Beschleunigung“ beschreibt. In seiner Soziologie der Weltbeziehung versteht er gelingendes Leben als Resonanz: ein wechselseitiges In-Beziehung-Treten von Menschen und Welt, bei dem wir berührt werden und Antworten bekommen – sei es in Naturerfahrungen, Musik, Freundschaft oder politischem Engagement. Doch die Logik der Beschleunigung – immer schneller, immer effizienter, immer mehr – zerstört jene stillen Räume, in denen Resonanz wachsen könnte.

Alles – so das moderne Versprechen – wird plan- und verfügbar, sogar unsere sozialen Beziehungen. Die Welt verstummt, weil wir sie nur noch als Ressource behandeln. Das Ergebnis ist, was Rosa die „Resonanzkatastrophe“ nennt:

„Wer unglücklich ist und im Extremfall, depressiv ist, dem erscheint die Welt kahl, leer, feindlich und farblos, und zugleich erfährt er das eigene Selbst als kalt, tot, starr und taub. Die Resonanzachsen zwischen Selbst und Welt bleiben stumm.“

Jugendliche zwischen den Räumen

Besonders sichtbar wird diese Krise bei jungen Menschen, die am Rande der kulturellen und sozialen Räume der Mehrheitsgesellschaft leben. Viele Jugendliche mit Migrationserfahrung – ob in Berlin, Marseille oder London – stehen zwischen der Herkunftskultur ihrer Familien und der neuen Umgebung, in der sie aufwachsen. Traditionelle Resonanzräume wie religiöse Rituale oder gewachsene Nachbarschaften sind geschwächt oder weit entfernt. Zugleich prasseln globale Medienbilder auf sie ein: Kriege, Klimakatastrophen und politische Konflikte.

Im politischen Feld befürchten Sozialwissenschaftler schon länger die Entfremdung einer ganzen Generation. Zu dieser Analyse tragen die schrecklichen Bilder aus Gaza bei, die unseren Jugendlichen ständig präsent sind, ohne dass ihr unmittelbares Umfeld tragfähige Deutungen bietet.

Angesichts der Folgenlosigkeit der eigenen Empörung flüchten viele junge Muslime in ihr Privatleben oder sind für Ideologen ansprechbar, die einfache Lösungen aus dem moralischen Dilemma unserer Zeit versprechen.

In den sozialen Medien wird zunehmend die Weltverneinung als Weg angepriesen.  Diese Einstellung definiert Rosa wie folgt: „Hinter die schlechte, immanente Welt wird eine bessere transzendente Welt gesetzt, die nur durch Ablehnung und Überwindung der ersteren zu gewinnen ist.“ Ideologen offerieren im Internet das passende Phantasma: ein religiöses System, moralisch integer, perfekt organisiert, das alle Probleme der Menschheit lösen soll.

In dieser Gemengelage entsteht eine existenzielle Schwebe. Die umworbenen Jugendlichen leben auf einer Metaebene: Sie sind global informiert, doch lokal kaum verankert. Viele fragen sich weniger, wo sie leben, sondern vor allem, wer sie sind. Manche flüchten in identitätspolitische Abgrenzung, andere in Formen der Rebellion.

Das Bedürfnis nach Anerkennung bleibt, doch es findet selten Resonanz. Negative Stereotype oder subtile Ausgrenzungen, die unsere Medien verbreiten, verstärken das Gefühl, dass die Welt nicht antwortet – oder wenn doch, dann nur im feindlichen Modus.

Es sind diese jungen Leute, um die man sich vor Ort kümmern muss. Die neuen digitalen Gesprächspartner verschieben die Orientierung stattdessen auf eine virtuelle Ebene. Sam Altman, Mitgründer von OpenAI, hat öffentlich seine Sorge um den mentalen Zustand von Jugendlichen artikuliert, die künftig künstlichen Intelligenzen mehr Vertrauen schenken als Eltern, LehrerInnen oder Freunden. Wenn die KI zum bevorzugten Ratgeber wird, während reale Autoritäten verblassen, dann erscheint die „Resonanzkatastrophe“ in einer neuen, technischen Gestalt.

Der örtliche Imam oder Lehrer, verliert unter diesen Bedingungen schlicht an Relevanz. Ohne eine konkrete Ausbildung, die seit Jahrhunderten lokal organisiert wurde, werden religiöse Inhalte willkürlich zusammengestellt. Die gesellschaftliche Anerkennung des Islam, als eine respektable Lebenspraxis, rückt gleichzeitig in weite Ferne, da der eigentliche Inhalt der Lebensform nicht mehr fassbar ist.

Foto: Taaleef Collective

Die Moschee als ambivalenter Resonanzraum

Das Dilemma vieler junger Muslime verdichtet sich exemplarisch im Resonanzraum Moschee. Hier soll sich ein Ort der Klarheit und Reinheit entfalten, ein geschützter Raum, eine Oase, in dem die Regeln des Glaubens Geltung haben und sich von den vermeintlichen Verwirrungen der Außenwelt abheben. Gerade darin liegen jedoch ein unübersehbarer Widerspruch und eine doppelte Spannung.

Zum einen fehlen häufig die Möglichkeiten, Zweifel, innere Konflikte oder kritische Fragen offen zu artikulieren. Die Moschee erscheint dann weniger als dialogischer Ort, denn als Sphäre, in der Gewissheiten bestätigt, aber selten hinterfragt werden dürfen.

Zum anderen kann sich die Moschee – wenn sie nicht in lebendige Nachbarschaften und städtische Netzwerke eingebettet ist – zu einer Parallelwelt verfestigen. Jugendliche erfahren hier zwar ein starkes Wer ihres Selbst: Sie wissen, wozu sie gehören, welche Gebetsformen und Rituale ihre Identität prägen. Doch das Wo bleibt oft unbestimmt. 

Die fehlende Verortung erzeugt ein Vakuum. Wer in der Moschee Anerkennung findet, aber kaum in der Stadtgemeinde, in der Landschaft und in den kulturellen Rhythmen des Landes heimisch wird, lebt in einer Art Niemandsland. Die religiöse Identität bleibt auf sich selbst bezogen und kann nicht in eine gemeinsame urbane Kultur übergehen. Resonanz wird so zur Halbresonanz: ein – im besten Fall – starker Klang im Inneren, dem jedoch die entsprechende Antwort des Umfelds fehlt.

Gerade deshalb ist es entscheidend, dass Moscheegemeinden nicht nur rituelle Zentren bleiben, sondern Brücken schlagen – zur Straße vor der Tür, zur Schule nebenan, zur Stadt, die sie umgibt. Erst wenn sich das Wer mit dem Wo verschränkt, kann sich ein Resonanzraum entfalten, der junge Menschen nicht nur schützt, sondern sie in die vielfältige Kultur des Landes einbettet, in dem sie wirklich leben.

Die Notwendigkeit von Begrenzung

Philosophisch betrachtet weist all dies auf eine zentrale Einsicht: Freiheit braucht Begrenzung. Wahl wird erst bedeutsam, wenn es ein Gegenüber gibt, das uns herausfordert, dem wir zustimmen oder widersprechen können.

Wo alles gleich gültig und verfügbar ist, verflüchtigt sich die Erfahrung, dass die Welt uns antwortet. Rosas Begriff der Resonanz bietet hier mehr als Sozialdiagnose; er ist eine Einladung, das Verhältnis von Freiheit und Bindung neu zu denken. Resonanz lässt sich nicht machen, sie ereignet sich, wenn Menschen sich berühren lassen und antworten können.

Das setzt Räume voraus, die nicht der Logik von Effizienz und Kontrolle unterworfen sind – Räume, in denen Schweigen, Widerstand und gegenseitige Ansprechbarkeit möglich sind. Die Feinde der Demokratie setzen naturgemäß nicht auf das Gespräch, sondern auf Ausgrenzung von ganzen Gruppen aus dem öffentlichen Raum.

Wie also könnte eine Kultur aussehen, die neue Resonanzräume eröffnet? Drei Felder sind entscheidend:

• Beziehungsarbeit und Teilhabe: Jugendliche brauchen Orte, an denen sie selbst Gestalter werden – in kulturellen Projekten, politischen Jugendinitiativen oder gemeinschaftlichen Werkstätten. Dort können sie nicht nur reden, sondern tatsächlich Antwort finden.

• Bildung und Anerkennung: Schulen, Vereine und Gemeinden sollten Vielfalt nicht als Problem, sondern als Ressource begreifen. Wer ernst genommen wird, erfährt, dass die Welt zurückspricht.

•Entschleunigung und Selbstwirksamkeit: Reisen, Sport, Naturerfahrungen oder gemeinschaftliche Rituale eröffnen überraschende Momente, die sich der ständigen Verfügbarkeit entziehen.

Diese Schritte sind nur eine Auswahl von Bedingungen für das, was der Soziologe eine „gelingende Weltbeziehung“ nennt. Sie geben der Freiheit ein Gegenüber, schaffen Grenzen, an denen sich die eigene Substanz bewähren und bilden kann. Die Resonanzkatastrophe unserer Zeit liegt nicht in zu wenig, sondern in zu viel Wahl.

Die Gesellschaft, die sich grenzenlose Freiheit verordnet hat, verliert den Boden, der echte Freiheit trägt. Wenn wir wieder lernen, auf eine antwortende Welt zu hören und uns mit ihr auseinandersetzen, könnte aus dem Zwang zur Wahl ein Spiel der Möglichkeiten werden, das uns wirklich berührt.

Eine funktionierende Gesellschaft benötigt eine Soziologie der Resonanz. Vielleicht setzt sich ja eine Einsicht durch, die Hartmut Rosa wie folgt fasst: „Daher scheinen mir die überlieferten Religionen, jedenfalls in ihrer jüdisch-christlichen oder auch islamischen Gestalt, zumindest auch – wenn nicht sogar primär – als (möglicherweise unverzichtbare) Gegenpole zur Steigerungs- und Dynamisierungslogik der Moderne zu fungieren.“

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Angriffe auf Moscheen: Die Zahlen erreichen einen neuen Höchststand

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Hass gegen Moscheen: Wie die DİTİB-Antidiskriminierungsstelle am 3. Juni in ihrem Bericht für das letzte Jahr mitteilte, haben Angriffe auf Mitgliedsgemeinden des Verbands einen neuen Höchststand erreicht.

(iz). Die DİTİB-Antidiskriminierungsstelle veröffentlichte am 3. Juni ihren aktuellen Jahresbericht „Moscheeübergriffe – Das Jahr 2024“. Mit 175 dokumentierten Angriffen auf Moscheen in Deutschland sei nicht nur „der Rekordwert des Vorjahres“ (137 Fälle) deutlich übertroffen worden. Im Vergleich zu 2021 hätten sich Übergriffe fast vervierfacht.

„Dass sich die meisten Übergriffe in Nordrhein-Westfalen ereigneten, bereitet uns zusätzliche Sorge und stellt die bisherigen Erfolge im Bereich der Teilhabe und des gesellschaftlichen Zusammenhalts infrage“, erklärte Dr. Zekeriya Altuğ, u.a. Leiter dieser Stelle.

„Die Erwartung, dass Sichtbarkeit, Transparenz und Dialogarbeit ausreichen, um Islam- und Muslimfeindlichkeit entgegenzuwirken, scheint seit dem 7. Oktober nicht mehr aufzugehen. Pauschale Antisemitismusvorwürfe treffen unsere Gemeinden und spalten unsere Gesellschaft.“

Die meisten Attacken auf muslimischen Einrichtungen im Jahr 2024 wurden in Nordrhein-Westfalen (NRW) verzeichnet, mit 82 % aller Fälle (144 Übergriffe). Dahinter folgen Baden-Württemberg mit 10 Übergriffen, Hessen mit 7 sowie Bayern und Niedersachsen mit jeweils 3 Übergriffen. 

Auch für Ostdeutschland wurden Vorfälle registriert: in Sachsen (2) und in Sachsen-Anhalt (1). Weitere ostdeutsche Bundesländer (Brandenburg, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern) werden für 2024 im Bericht nicht explizit mit Übergriffen genannt; das bedeutet aber nicht, dass es dort keine Vorfälle gab, sondern nur, dass sie im Berichtsjahr 2024 laut DİTİB nicht dokumentiert wurden.

Der Report dokumentiert die alarmierende Zunahme von Attacken auf Moscheen in Deutschland. Dazu gehören verbale Angriffe (60 %), Sachbeschädigungen (12 %) und andere Formen wie Vandalismus und Brandstiftung.

Die meisten Vorfälle ereigneten sich in Nordrhein-Westfalen (82 %), was auf die hohe Konzentration muslimischer Gemeinden und sichtbare religiöse Symbole zurückzuführen sei. In dem Bericht sind beinahe ausschließlich Übergriffe auf Moscheen der DİTİB selbst dokumentiert (96 %).

Die Tatmotive zeigen laut den Erstellern der Studie, dass 84 % der Übergriffe islamfeindlich und antimuslimisch motiviert waren. Sie würden begleitet von rechtsextremen und verschwörungsideologischen Inhalten. 

Besonders die Ereignisse im Nahen Osten dienten als Rechtfertigung für viele Angriffe, bei denen Muslime pauschal mit Terrorismus assoziiert wurden. Die Täter nutzten gesellschaftliche und politische Ereignisse, um Hass zu schüren. 

In den meisten dokumentierten Fällen wurden die Übergriffe von den Moscheegemeinschaften selbst oder Anwohnern umgehend der Polizei gemeldet. Sie nahm in der Regel sofort die Ermittlungen auf, sicherte Spuren und leitete Strafverfahren ein.

Zu jedem Vorfall wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Dies betrifft sowohl Sachbeschädigungen, Brandstiftungen, Einbrüche als auch Bedrohungen und Hassbotschaften.

In Einzelfällen konnten Tatverdächtige durch Zeugenaussagen, Überwachungsvideos oder durch die schnelle Reaktion der Polizei (z.B. bei Brandstiftungen) ermittelt und verhaftet werden. Im Bericht wird beispielhaft ein Fall genannt, bei dem zwei mutmaßliche Täter bei einer versuchten Brandstiftung noch vor Ort festgenommen wurden (siehe S. 12).

Der Bericht stellt fest, dass es in einigen Verfahren zu Anklagen kam. Allerdings wird auch darauf hingewiesen, dass viele sich über Monate hinziehen oder eingestellt werden, wenn die Beweislage nicht ausreicht. 

Die DITIB-Antidiskriminierungsstelle kritisiert, dass viele Gemeinschaften das Gefühl haben, von den Behörden nicht ausreichend unterstützt zu werden. Häufig würden Ermittlungen eingestellt oder Täter blieben unbekannt.

Die Auswirkungen auf muslimische Gemeinden seien demnach gravierend: Angst, Unsicherheit und Isolation würden den Alltag der Betroffenen prägen. Verbale Angriffe werden oft bagatellisiert, obwohl sie langfristige psychische Belastungen verursachen.

Der Bericht fordert eine bessere Sicherung von Moscheen, verstärkte Präventionsarbeit gegen rechtsextreme Ideologien, Förderung des interreligiösen Dialogs und eine ausgewogene Berichterstattung in den Medien.

Die Analyse legt nahe, dass die Übergriffe Ausdruck tiefer gesellschaftlicher Probleme sind, die durch Polarisierung und rechtsextreme Ideologien verstärkt werden. Er unterstreicht die Notwendigkeit eines koordinierten Vorgehens von Staat, Gesellschaft und Medien, um antimuslimischen Rassismus wirksam zu bekämpfen und ein respektvolles Miteinander zu fördern.

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Mehr Naturschutz für Moscheen

muslimisch Zukunft

Naturschutz: Die IGMG bietet Fortbildung und praktische Schulung für ihre Moscheegemeinschaften an.

(IGMG/IZ). „Mülltrennung, Energiesparen, Solarenergie – Klimaschutz beginnt in der Moschee: Die IGMG startet eine Webinar-Reihe für Moscheegemeinden – mit praktischen Lösungen und islamischer Verankerung“, erklärt Ali Mete, Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG).

Anlass war der Start der Bewerbungsphase für ein neues IGMG-Klima-Bildungsprogramm für Mitgliedsgemeinschaften des Verbands. 

Mit dem Naturschutz-Bildungsprogramm für Moscheen wolle der Verband ein umfassendes Projekt für die Gemeinschaften beginnen, das Theorie in gelebte Praxis übersetzen soll. Wir wolle zeigen, dass Klimaschutz nicht bei Konferenzen beginnt, sondern vor Ort – in Gemeindeküchen, Gebetsräumen und Moscheegärten.

Denn der Islam verpflichte die Muslime zur Bewahrung der Schöpfung. „Diese religiöse Verantwortung nehmen wir ernst – und machen sie zum Ausgangspunkt für konkretes Handeln.“

Das Programm richtet sich an Ehrenamtliche in Moscheegemeinden. Es solle sie dazu befähigen, Umwelt- und Klimaschutz in ihren Gemeinden umzusetzen. In elf Webinaren und zwei Modulen werden Themen wie Energiesparen, Wasser- und Flächenmanagement, Mülltrennung, Biodiversität oder die Organisation umweltfreundlicher Veranstaltungen behandelt. Statt theoretischer Vorträge setzt das Projekt auf interaktive Formate: Workshops, Rollenspiele und Gruppengespräche mit starkem Praxisbezug.

Nach Angaben der IGMG bestehe das Ziel in dem praxisorientierten Programm nicht nur im Wissenserwerb. Die TeilnehmerInnen sollen auch „Multiplikatoren und Umweltverantwortliche“ in ihren lokalen Gemeinschaften werden.

Sie sollen lokale Naturschutzziele formulieren, diese öffentlich kommunizieren und Schritt für Schritt umsetzen – begleitet von der IGMG-Klima- und Naturschutzkommission.

Im Falle eines erfolgreichen Abschlusses wird die Teilnahme zertifiziert. „Damit schaffen wir Bewusstsein und Veränderung zugleich.“ Das Programm soll offen für alle sein – denn Klimaschutz sei „kein Spezialthema, sondern betrifft uns alle“.

Damit wolle man Verantwortung übernehmen, muslimisches Umweltbewusstsein zugunsten sämtlicher Lebewesen stärken und deutlich machen, dass Moscheen Teil der Lösung seien.

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