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Crowdfunding – die Macht der Gemeinschaft

Crowdfunding

Die Crowdfunding-Plattform Commonsplace knüpft an eine muslimische Praxis an, die bis Salman Al-Farisi zurückreicht.

(iz). In der faszinierenden Geschichte von Salman Al-Farisi, möge Allah mit ihm zufrieden sein, einem herausragenden Gefährten des Propheten Muhammad, offenbart sich uns die beeindruckende Kraft des gemeinschaftlichen Engagements und der Solidarität sowie die erstaunlichen Resultate, die daraus entstehen können. Von M. Samy Adamou & Samim Faiz

Salman, ein Sklave, der von Meister zu Meister weitergereicht wurde, strebte nach der Wahrheit und fand schließlich den Propheten und in Medina sein spirituelles Zuhause.

Doch die Fesseln seiner Knechtschaft konnten nur durch die entschlossene Unterstützung seiner Brüder im Islam zerschlagen werden. Auf Befehl des Propheten halfen seine Gefährten, Salman beim Freikauf zu helfen, und jeder trug nach seinen Möglichkeiten bei. Schließlich wurde Salman befreit und entwickelte sich zu einer Persönlichkeit, die der gesamten Umma großen Nutzen brachte.

Salman al-Farisi war nicht nur ein befreiter Mann, sondern entwickelte sich zu einem hervorragenden Mitglied der Umma. Sein Wissen und seine Weisheit waren beeindruckend, und er spielte eine maßgebliche Rolle bei der Verbreitung und Verteidigung des Islam.

Er wurde von seinen Gefährten hochgeschätzt und als „Vater der zwei Bücher“ bezeichnet, da er sowohl die christlichen Schriften als auch den Qur’an kannte. Salman Al-Farisi war ein leuchtendes Beispiel für einen Muslim, der seine Talente und Ressourcen zum Wohl der Gemeinschaft einsetzte.

Vorläufer des Crowdfundings finden sich in der prophetischen Praxis

Das Beispiel des Propheten, in dem er seine Gefährten dazu aufforderte, sich um „ihren Bruder“ zu kümmern, ist vergleichbar mit commonsplace – der deutsch-muslimischen Crowdfunding-Plattform. Crowdfunding bezeichnet den Zusammenschluss einer Gruppe von Menschen, die individuell entsprechend ihrer Möglichkeiten für einen gemeinsamen Zweck spenden, um eine Initiative zu unterstützen, die ihnen wichtig ist.

Während damals in Medina die beste Gemeinschaft sich vereinte, um ihrem Bruder zu helfen, nutzt Commonsplace, die deutsch-muslimische Crowdfunding-Plattform, die Kraft einer zumindest größeren Gemeinschaft, um gemeinschaftlich großartige Ideen und Projekte der Community umzusetzen. 

Die Funktionsweise von Commonsplace beruht auf dem Prinzip des Crowdfundings. Beim Crowdfunding wird eine Vielzahl von Personen, in unserem Fall die Community, eingeladen, jeweils kleine bis mittlere Beträge beizusteuern, um Projekte zu finanzieren.

Dieser Ansatz ermöglicht es Einzelpersonen, Organisationen, Unternehmen usw., ihre Visionen mit der Gemeinschaft zu teilen und innovative, großartige und nachhaltige Projekte und Ideen zu realisieren, die ohne die finanzielle Unterstützung der Community möglicherweise nicht umsetzbar wären.

Dieser Prozess erinnert an die Gemeinschaft in Medina, die sich vereinte, um gemeinsam Salman zu befreien – welcher ein unverkennbarer Wert für die Umma war. In dieser Tradition greift Commonsplace auf die Kraft einer viel größeren Gemeinschaft zurück, um großartige Ideen und Projekte gemeinsam zu verwirklichen.

Foto: Commonsplace

Commonsplace – Plattform für Muslime in Deutschland

Mit Commonsplace bieten wir Muslimen in Deutschland eine Plattform, um geschwisterlich zu wirtschaften, Ressourcen zu bündeln, innovative Projekte zu unterstützen und gemeinsam Großartiges zu schaffen. Unsere Plattform ermöglicht es Muslimen, ihre Ideen und Initiativen zu präsentieren und Unterstützung von ihrer deutsch-muslimischen Community zu erhalten.

Diese Community repräsentiert ein breites Spektrum an Talenten, Wissen und Erfahrungen, das genutzt werden kann, um Innovationen, soziale Projekte und vieles mehr voranzubringen. Durch das Crowdfunding-Modell von Commonsplace wird die finanzielle Belastung auf viele Schultern verteilt und die Realisierung von Projekten ermöglicht, die sonst vielleicht nur schwer finanzierbar wären.

Gleichzeitig fördert es das Gefühl der Gemeinschaft, da jeder Beitrag, unabhängig von seiner Größe, zum Erfolg des Projekts beiträgt. Es stärkt den Zusammenhalt, fördert die Partizipation und ermöglicht eine direkte Beteiligung an der Gestaltung der Gemeinschaft und der Gesellschaft.

Foto: Commonsplace

Die Reise begann vor zwei Jahren mit mehreren Schlüsselimpulsen.

Erstens wollten wir die muslimische Selbstorganisation in Deutschland stärken und unabhängig von Drittmitteln im In- und Ausland machen. Durch die Fokussierung auf die Unterstützung innerhalb unserer Gemeinschaft haben wir eine Plattform geschaffen, die es der muslimischen Gemeinschaft ermöglicht, selbstbestimmt und unabhängig zu handeln.

Zweitens war es uns ein Anliegen, die bisher als unprofessionell wahrgenommene finanzielle Infrastruktur der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland zu stärken. Commonsplace bietet als Community-Alternative eine Plattform, auf der Projekte professionell und transparent präsentiert und finanziert werden können.

Drittens wollten wir Innovationen innerhalb der Community fördern. Die Plattform gibt nicht nur Hilfsorganisationen eine Bühne, sondern schafft auch Raum für generischere Projekte wie Moscheeprojekte. Dadurch können eine Vielzahl von Bedürfnissen und Interessen innerhalb der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland abgedeckt und gestärkt werden.

Viertens haben wir uns zum Ziel gesetzt, die Narrative neu zu denken und das Engagement der Muslime in Deutschland sichtbar zu machen. Ein Nebeneffekt unserer Plattform ist, dass wir durch die Vorstellung verschiedener Projekte ein „Digitales Museum des muslimischen Engagements“ präsentieren können. Dadurch betonen wir die Vielfalt und das Engagement der Muslime in Deutschland.

Diese Impulse haben uns in den letzten zwei Jahren geleitet, und wir sind stolz darauf, was wir gemeinsam mit unserer Community erreicht haben. Wir freuen uns darauf, auch in Zukunft mit der Community zusammenzuarbeiten, um diese Impulse zu vertiefen und die muslimische Gemeinschaft in Deutschland weiter zu stärken.

Foto: Commonsplace

Deutsch-muslimisches Crowdfunding funktioniert

In den letzten zwei Jahren konnten wir unsere Konzepte und Annahmen bestätigen und hautnah miterleben, wie Commonsplace im deutsch-muslimischen Raum an Dynamik gewonnen hat. Gemeinsam haben wir in der Community mehr als 120 verschiedene innovative, humanitäre, religiöse und soziale Projekte und Ideen realisiert.

Dabei konnte Commonsplace mehr als 15.000 Unterstützer in ganz Deutschland mobilisieren und insgesamt über 600.000 Euro an Fördergeldern für verschiedene Projekte sammeln. Allein während des Ramadans 2023 konnten über Commonsplace mehr als 100.000 Euro zusammenkommen. Diese Zahlen sind inschallah erst der Anfang und zeigen uns, dass gemeinschaftliches Wirtschaften viel Gutes bewirken kann.

Ein bemerkenswertes Beispiel für ein bisheriges Projekt auf unserer Plattform ist das Projekt von Dima e.V. (vorher: Interkulturellen Institut für Inklusion e.V.) das ehrgeizige Verbesserungen anstrebt. Dima e.V. setzt sich mit großem Engagement dafür ein, die Inklusion in der (muslimischen) Gesellschaft zu fördern und Barrieren abzubauen. Ihr Fokus liegt auf der Schaffung von Chancengleichheit für Menschen mit Behinderungen und der Förderung interkultureller Verständigung.

Dank der Unterstützung durch die deutsch-muslimische Community und mehr als 400 Unterstützern konnte Dima e.V. über 15.000 Euro sammeln. Dies ermöglichte es ihnen, als erstes Institut in Deutschland Videos über den Islam in Deutscher Gebärdensprache zu produzieren und somit tauben und schwerhörigen Menschen den Zugang zum Islam zu erleichtern. Mit diesem Projekt haben sie eine Lernplattform für taube und schwerhörige Muslime aufgebaut, die es ihnen ermöglicht, grundlegendes islamisches Wissen wie die Säulen des Islams zu erlernen.

Dieses Projekt ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie durch die gemeinschaftliche Unterstützung innovative und inklusive Initiativen realisiert werden können. Wir sind stolz darauf, solche inspirierenden Projekte auf unserer Plattform zu sehen und freuen uns darauf, weiterhin dazu beizutragen, dass solche wichtigen Vorhaben erfolgreich umgesetzt werden.

Ein weiteres erfolgreich unterstütztes Projekt stammt von WaliAktiv aus Dortmund. Ihr Ziel war es, während des Ramadan täglich Iftar-Mahlzeiten für Studenten, Bedürftige und alleinstehende Menschen anzubieten. Dank erfolgreicher Spendenaktionen konnten insgesamt ca. 6000 Euro gesammelt werden, um dem Verein die finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen, um jeden Tag im Ramadan Iftar zu kochen und auszuteilen.

Besonders für Gemeinden, die in der Regel auf Spenden angewiesen sind, um ihre laufenden Kosten zu decken, hat sich Commonsplace als äußerst effektives Mittel erwiesen, um zusätzliche Ressourcen zu beschaffen. Das Projekt von WaliAktiv zeigt deutlich, wie die Plattform dazu beiträgt, wichtige Initiativen zu unterstützen und Menschen sozial zu helfen.

Auch in Fällen von kurzfristigen Anliegen und Notfällen konnte Commonsplace der deutsch-muslimischen Gemeinde dabei helfen, schnell handlungsfähig zu werden. Ein bemerkenswertes Beispiel ist das Projekt von Asiyah International e.V., einer humanitären Organisation, die angesichts der verheerenden Auswirkungen des Erdbebens in der Türkei und Syrien aktiv wurde. Ihr Ziel war es, den betroffenen Gemeinden in beiden Ländern dringend benötigte Hilfe und Unterstützung zukommen zu lassen.

Angesichts der erschütternden Ereignisse konnten hier mehr als 1000 Unterstützer mobilisiert und überzeugt werden, ihre Spenden beizusteuern. Innerhalb weniger Tage kamen beeindruckende 80.000€ zusammen, die einen bedeutenden Beitrag zur Unterstützung der betroffenen Gemeinden leisteten. Al-Hamdulillah.

Foto: Commonsplace.de

Crowdfunding ermöglicht schnelle Hilfe

Dieses Projekt verdeutlicht, wie Commonsplace in Krisensituationen eine rasche und effektive Unterstützung ermöglichen kann. Es zeigt die Stärke und Solidarität der deutsch-muslimischen Gemeinde und ihre Bereitschaft, in Zeiten der Not zusammenzustehen und zu helfen.

Eine beeindruckende Anzahl weiterer Projekte wurde erfolgreich auf unserer Plattform realisiert. Ein zukünftiger Schwerpunkt besteht darin, die finanzielle Unterstützung von Innovationen und Gründung von Start-ups und Unternehmen in der deutsch-muslimischen Community stärker voranzutreiben. Durch diese Unterstützung können neue Arbeitsplätze geschaffen und wirtschaftliche Chancen genutzt werden.

Die vielfältige Bandbreite an finanzierten und umgesetzten Projekten spiegelt die Stärke und den Tatendrang der deutsch-muslimischen Gemeinschaft wider. Sie verdeutlicht eindrucksvoll, dass bedeutende Veränderungen und Fortschritte durch gemeinsame Anstrengungen und die Unterstützung durch Crowdfunding möglich sind. Die Vielfalt der Projekte unterstreicht die kreative und vielseitige Natur unserer Community und ihre aktive Gestaltung der Zukunft.

Gemeinsam haben wir bewiesen, dass durch die Bündelung unserer Ressourcen und die Zusammenarbeit auf unserer Plattform eine außergewöhnliche Kraft entsteht. Wir sind fest davon überzeugt, dass wir auch in Zukunft Großartiges erreichen können. Die deutsch-muslimische Gemeinschaft spielt eine entscheidende Rolle bei der Förderung von Innovationen, sozialem Wandel und wirtschaftlichem Wachstum.

Unsere Erfolge sind ein klares Zeichen dafür, dass wir gemeinsam eine starke und dynamische Zukunft aufbauen können. Wir sind zuversichtlich, dass wir auch in Zukunft unsere Plattform nutzen können, um die Community weiterhin zu unterstützen und zu inspirieren. Es erfüllt uns mit Stolz, Teil einer solch positiven Veränderung zu sein, und wir freuen uns darauf, gemeinsam mit der Community weitere bedeutende Projekte umzusetzen.

Für die Möglichkeit, einen positiven Einfluss zu haben, sind wir von Herzen dankbar, und wir werden weiterhin unser Bestes geben, um sicherzustellen, dass wertvolle Hilfsprojekte erfolgreich realisiert werden können.

Es ist unsere feste Überzeugung, dass unsere Plattform nicht nur einen bedeutenden Beitrag zur Identitätsentwicklung der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland leistet, sondern auch die gesamte Gemeinschaft stärkt und miteinander verbindet. Daher sind wir bestrebt, kontinuierlich auf das Feedback unserer Community zu hören und die aktuelle Website fortlaufend zu modernisieren und zu aktualisieren, sofern es Allah will.

Sei auch du Teil dieser Erfolgsgeschichte. Besuche jetzt commonsplace.de und starte dein eigenes erfolgreiches Projekt oder unterstütze zahlreiche spannende Vorhaben. Gemeinsam können wir Großartiges erreichen!

Wir freuen uns darauf, dich auf unserer Plattform willkommen zu heißen.

Innovation und Ursprung

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Innovation und Ursprung: Die technologische Entwicklung entzieht sich der politischen Kontrolle. Das Ende ist offen.

(iz). Wer hat nicht einmal über das perfekte muslimische Leben nachgedacht. Wer sich auf diesen Gedanken einlässt, wird sich dabei von Erinnerungen an die Gemeinschaft in Medina inspirieren lassen. Man sinnt über die Charaktereigenschaften der ersten Muslime nach, ihr Leben in der Moschee und auf dem Marktplatz, an ihre sozio-ökonomischen Einrichtungen. Überhaupt glauben wir an die Idee einer solidarischen und gerechten Gesellschaft, die die Schöpfung nicht nur bewahret, sondern preist.

Fern scheint diese Realität, wenn man sich die islamische Wirklichkeit im einundzwanzigsten Jahrhundert vergegenwärtigt. Generationen von Muslimen haben sich damit beschäftigt, wie das Erbe und die Tradition neu gelebt werden können. Die Ansätze variieren zwischen Fundamentalisten, die das Rad der Geschichte anhalten wollen, Pragmatikern, die ihre Praxis auf das beschränken, was möglich erscheint oder den Muslimen, die die Innovationen gerade als Chance ansehen, dem ursprünglichen Vorbild wieder nahezukommen.

Die Zukunft des Islam in der Moderne dreht sich um die Frage der Technik. Für die einen sind die technologischen Innovationen mehr oder weniger Verführungen des Teufels; für die Anderen eine Möglichkeit, das Erbe in der Moderne neu zu etablieren. Dass die Technik nicht einfach aus unserem Alltag verdrängt werden kann, zeigt eindrucksvoll der Siegeszug des Smartphones.

Foto: lenbir, Freepik.com

Innovationen haben das Leben aller Muslime verändert

Ob es uns gefällt oder nicht, diese Neuerung hat das Leben von de facto allen Muslimen unabhängig von ihrem Hintergrund radikal verändert. Deutlich wird dies auf der Pilgerreise, wo es unzählige Pilger auf ihrem Aufenthalt begleitet. Die Phantasie einer Rückkehr in das Mittelalter wird hier eindeutig durch die Faktizität technologischer Anwendung decodiert.

Fakt ist: Die Lehre und unsere Weltanschauung werden entscheidend von den neuen Kommunikationstechniken bestimmt sein. Die Konsequenzen der Revolution, die Realität von Erfindungen wie Blockchain, ChatGPT oder virtuellen Währungen verändern unsere Gegenwart.

Die Hoffnung bleibt, dass diese Metamorphose zu Verbesserung der Lebensumstände des Menschen beitragen. Neben den bekannten negativen Einflüssen der Techniken wie der sozialen Medien auf unser Dasein gilt es, die Frage zu beantworten, ob diese neuen Möglichkeiten uns Kinder der Neuzeit auf überraschende Weise an das ursprüngliche Modell zurückführen.

Beispiele für diesen Trend gibt es bereits: Man denke nur an das erfolgreiche Crowdfunding, das die Idee der Solidarität unterstützt, oder an Internetseiten, die die lokale Verteilung der Zakat effektiv organisieren. Selbst die alte Einrichtung der Gilden, die Netzwerke der Kompetenz, erlebt mit Hilfe der Angebote der sozialen Medien eine Renaissance.

Die verlorene Einheit von Moschee und Marktplatz, die die muslimische Zivilisation über Jahrhunderte prägte, könnten Gemeinden mit der Etablierung virtueller Handelsplätze überwinden. Ist es eine Utopie, dass wir eines Tages neben dem Gebetsraum Räume finden, die Start-Ups beheimaten oder uns Bildschirme anbieten, mit deren Hilfe wir in die globale Halal-Ökonomie eintreten? Willkommen im 21. Jahrhundert!

Foto: Freepik.com

Die Kernfrage nach dem Geld

Der Natur dieses Zeitalters entsprechend ist es die Frage des Geldes, die den Streit zwischen den Ursprüngen unserer Kultur und dem Einfluss der Innovation deutlich zeigt. Über Jahrhunderte war der Tausch von Zahlungsmitteln in Form von Gold und Silberwährungen der Motor der Globalisierung der Ökonomie. In der islamischen Welt waren der Dinar und der Dirham fixierte Gewichtseinheiten der Rohstoffe.

Das internationale Währungssystem verdrängte die reinen Substanz-Währungen. Die Einführung der Papiergeldwährungen wurde in der Geschäftswelt zunächst nur akzeptiert, weil sie bis 1971 durch den sogenannten Goldstandard gedeckt waren.

Diese Praxis beendete die US-Regierung, die eine enorme Geldsumme für die Finanzierung des Vietnamkrieges benötigte. Mit Hilfe Saudi-Arabiens und dem Handel mit Öl in der amerikanischen Währung begann das „goldene“ Zeitalter der Petrodollars.

Gleichzeitig entbrannte eine Diskussion um die Ethik der neuen, von keiner logischen Grenze gehegten Geldproduktion. An dem Streit um eine gerechte Geldordnung beteiligen sich politische, ökonomische und traditionell auch religiöse Lehren. Der provokante Slogan, Geld kenne keine Moral, forderte das ethische Handeln heraus.

Die wundersame Geldvermehrung ist nicht folgenlos und verstärkt auf der ganzen Welt die Spaltung der Gesellschaften in Arme und Reiche. Und, die ökonomische Krise, rund um die Themen der Verschuldung und der Inflation, erinnerte die Muslime an die Fundamente ihrer eigenen Wirtschaftsordnung.

Die Wahl der Zahlungsmittel – sei es beim Einkauf, dem Handel oder bei der Zahlung der Zakat – ist eine elementare Frage. Nur welches Geld in den Staaten erlaubt ist, entzieht sich in freiheitlichen Systemen der Entscheidung des Einzelnen. Auf der internationalen Ebene gibt es seit einigen Jahren Bewegungen und Alternativen auf diesem Feld.

Karte Naher Osten Iran Yuan Einfluss

Foto: Shutterstock

Die reichen Ölstaaten orientieren sich neu

Es ist paradox, dass ausgerechnet Saudi-Arabien den amerikanischen Dollar als Leitwährung in Frage stellt. Die Ankündigung des Landes, seine Öllieferungen nach Fernost mit der chinesischen Währung abzuwickeln leitet vermutlich eine Zeitenwende ein.

Es ist wichtig, zu verstehen, dass die technologische Revolution, in der wir uns aktuell befinden, die machtvollsten Einrichtungen der letzten Jahrzehnte in Frage stellt: die Existenz der Banken und das Währungssystem überhaupt. Mit Hilfe der Blockchaintechnologie sind Kreditinstitute für die Vermittlung vieler Geschäfte nicht mehr nötig und das Monopol der Geldproduktion der nationalen Staaten wird durch alternative Währungen herausgefordert. 

Hier sind nicht nur Regierungen, sondern mächtige, private Global Player am Start. Völlig neu ist zum Beispiel das Phänomen, dass Techfirmen wie Facebook oder Amazon über die Einführung eigener Währungen nachdenken und damit indirekt ein Kreditsystem anbieten.

In den letzten Jahren war es vor allem „Bitcoin“, das die Vision einer anderen Wirtschaft befeuerte.

Die virtuelle Währung ist dezentral organisiert, nicht manipulierbar und wird von keiner zentralen Stelle reguliert. Die Schöpfung der Einheiten ist ein energieaufwändiger, mathematisch komplizierter Prozess. Vor allem ist die Menge der Bitcoins auf ca. 21 Millionen begrenzt. Damit steht diese Grenze der Möglichkeit, endlos Geld zu drucken diametral entgegen. Über die Jahre ist eine bunte Bewegung entstanden, die deswegen die Vorteile der neuen Währung preist.

Ihre Gegner verweisen auf den turbulenten Verlauf der Preisentwicklung der künstlichen Münzen, die als reine Kunstprodukte keinen in sich wohnenden Wert haben. Unlängst ist mit dem „Islamic Coin“ eine muslimische Variante der Kryptowährung entstanden. Das Unternehmen wird von prominenten Persönlichkeiten aus den Vereinten Emiraten unterstützt.

Foto: Jan Chipchase | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Auch Papiergeld wird kritisch beäugt

Die Gelehrten streiten, ob diese Alternative sich im Rahmen des islamischen Rechts bewegt, allerdings hört man ähnliche Vorwürfe gegenüber der Nutzung von inflationärem Papiergeld. Und in Sachen Gold gibt es Kritik an den manipulierten Preisen und an dem Fakt, dass niemand genau weiß, wo die Goldreserven gelagert sind. Wie kaum bei einer anderen Diskussion wird klar, dass die reine Lehre, unter den gegebenen Umständen, schwer zu formulieren ist.

Fest steht, die Auseinandersetzungen um das Geld wird in der modernen Massengesellschaft nicht nur von der Werthaltigkeit des Zahlungsmittels, sondern ebenso von der Praktikabilität entschieden. Die simple Frage, welches Geld sich am einfachsten mit Smartphones disponieren lässt, ist künftig entscheidend. Neben den üblichen Papiergeldwährungen, die wir mit unseren Kreditkarten nutzen, sind es die Krypto- und Goldwährungen, die Verbreitung finden. Bewegung in dieser Frage gibt es in der ganzen Welt.

Im Jahr 2023 ließ das amerikanische Bundesland Arkansas mit der Ankündigung aufhorchen, Gold und Silber wieder als gesetzliche Zahlungsmittel zuzulassen. Die Goldmünzen, die beim Kauf keiner Mehrwertsteuer unterliegen, werden eine harte Alternative zum US-Dollar sein. Und das Gold wird in diesem Fall nicht nur eine Anlageform sein, sondern ein Tauschmittel des Alltags; vermutlich nicht durch den Einsatz physischer Münzen, eher werden die Nutzer goldgedeckte Debitkarten erhalten.

Mit der Rückkehr in die vortechnologische Vergangenheit hat dieses Phänomen wenig zu tun. Eine offene Frage ist, ob die amerikanische Zentralbank die Existenz einer harten Währung, die inländisch in Konkurrenz mit dem Dollar tritt, auf Dauer tolerieren wird.

Wie immer sich das Rad der Geschichte dreht, es wird spannend zu beobachten sein, wohin die technologische Innovation führt und wie sie unsere Gesellschaften verändert. Die Politik hat nur begrenzte Macht den Schwung der Veränderungen aufzuhalten.

Ob man diese Fakten mit Optimismus oder mit Pessimismus zur Kenntnis nimmt, entscheidet über den spirituellen Zustand der kommenden Generationen. Es wäre erstaunlich, wenn die alten muslimischen Einrichtungen, die Marktplätze, die Gilden, die Handelsverträge und das reale Geld ihre Aktualität zurückgewinnen. Damit wäre wieder ein Anlass gegeben, das islamische Wirtschaftsrecht genauer zu studieren.

Sind wir unpolitisch? Muslime gehören zweifellos zu den Stützen der Gesellschaft

Politik Muslime

Von Muslimen geprägte Politik muss in die Zukunft weisen, ohne ihre  Traditionen vollständig aufzugeben.

(iz). Im letzten Jahr veröffentlichte der Schriftsteller Feridun Zaimoglu ein wichtiges Buch: „Bewältigung“. In der schonungslosen Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit besucht ein „Autor“, der ein Buch über Hitler schreiben will, die Originalschauplätze der deutschen Geschichte. In Bayreuth oder Dachau wird ihm der ganze Wahnsinn der Rassen-Ideologie und der Abgrund der Judenverfolgung bewusst.

Langsam verliert sich der Protagonist in der Sprache des Unheils und muss sein Experiment schließlich abbrechen. Sein deutsches Umfeld zeigt sich ignorant. Ein Freund des Autors spricht es aus: „Nicht Deine Geschichte! Dafür bist Du nicht zuständig! Mach doch was über deine Leute!“

Foto: r.classen, Shutterstock

Muslime, die sich als Teil der Gesellschaft sehen

Für den muslimischen Leser, der seine Zuständigkeit anerkennt und sich als Teil der deutschen Gesellschaft sieht, ist das Werk ein guter Ausgangspunkt, um über den von Erfahrung geprägten Umgang mit dem Politischen nachzudenken. Die Lehre ist simpel: Was immer Islam ist – eine Religion, eine Lebenspraxis oder eine soziologische-ökonomische Ordnung –, niemals darf diese Haltung zu einem politisch-ideologischen System mutieren.

Dass der Islam keine Ideologie ist, gehört zu dem Grundverständnis ausgeübter Religion. Argumentiert man so in der Debatte mit Muslimen, wird oft die Gegenfrage gestellt: Sind wir Muslime denn ganz unpolitisch?

Die Antwort kann nur sinnvoll ausfallen, wenn die Differenzierung zwischen politischem Einsatz und ideologischer Verbohrtheit gelingt. Das Zusammenspiel muslimischer Praktiken und die Idee eines geschlossenes Systems schließen sich aus.

Muslime sind verbunden

Auf der anderen Seite haben Menschen, die wie die Muslime durch ein soziales Band verknüpft sind, eine politische Dimension. Sie nehmen – zumindest im Idealfall – wie alle anderen Gruppen der Gesellschaft gleichberechtigt an der Debatte und der politischen Willensbildung teil.

Kaum wie eine andere sprachliche Konstruktion beherrscht der Begriff des politischen Islam das Bild der Muslime in Deutschland. Die Untaten muslimischer Terroristen in Europa, die Angst und Schrecken als Teil ihrer Agenda ansehen, hat dazu einen entscheidenden Beitrag geleistet. Das kann in der Öffentlichkeit so weit gehen, dass jeder Versuch von Gläubigen einer Selbstorganisation unter einen politischen Verdacht fällt.

Foto: zurijeta, Freepik.com

Bezeichnenderweise sind viele Muslime froh, dass die größten Krisen der letzten Jahre, die im Zusammenhang mit Umwelt, Gesundheit und Krieg stehen, sie zeitweilig aus dem Fokus der Berichterstattung genommen hat.

Gibt es eine positive Rolle?

Es ist an der Zeit, die politische Rolle der Muslime positiv zu formulieren. Fakt ist, die Verschwörungstheorie rund um die angebliche Islamisierung Europas hält einer sachlichen Überprüfung nicht stand.

Es mag einzelne Gruppen geben, die über die Idee eines europäischen Gottesstaates fantasieren oder sich in politische Parallelgesellschaften flüchten, der großen Mehrheit der Muslime mangelt es eher an sichtbarer und akzeptierter Teilnahme im politischen Feld. Die Machtausübung im Sinne einer feindlichen Übernahme findet nur im ewigen, biopolitisch geprägten Feindbild rechtskonservativer Kreise statt. 

In den letzten Jahren erringen eine größere Zahl gut gebildeter Muslime und Muslimas berufliche Spitzenpositionen. In den Parlamenten und anderen repräsentativen Einrichtungen ist ihre Zahl dagegen überschaubar. Dieses Missverhältnis ist es, was auf Dauer Sorge macht.

Viele junge Muslime könnten sich in ein permanentes Außenseitertum verabschieden, ihre Motivation verlieren, statt in den gesellschaftlichen Prozessen aktiv teilzunehmen. Die Demokratie ist gut beraten, sich um dieses Klientel zu kümmern und ihnen Wege der Partizipation aufzuzeigen.

Probleme eines gesonderten Engagements

Natürlich ist es für Muslime so legitim wie naheliegend, sich in politischen Parteien einzusetzen. Diese Option stößt auf zwei Schwierigkeiten. Zum Einen sind die Parteien nicht sehr bemüht, dass VertreterInnen der muslimischen Community auf ihren Wahllisten auftauchen.

Zum anderen gibt es wohl keine Partei, der es gelingt, wesentliche Überzeugungen der muslimischen Wählerinnen umfassend abzubilden. Die Dialektik zwischen Liberalen und Konservativen ist überholt, Muslime sind, um nur ein paar Beispiele zu nennen, in der Familienpolitik konservativ, im ökonomischen Interessenfeld liberal und in gesellschaftlichen Fragen solidarisch.

Foto: igmg.org

Hin und wieder taucht in Deutschland die Utopie einer islamischen Partei auf. Diese Absicht wäre demokratiepolitisch legitim, besonders chancenreich ist sie zumindest auf der nationalen Ebene nicht. Real ist die Option, auf kommunalpolitischer Ebene erfolgreich Politik zu gestalten.

Muslime fehlen auf europäischer Ebene

Bedauerlich ist die fehlende Präsenz auf der Ebene der Europäischen Union, wäre es doch die europäische Idee, die eine große Mehrheit der Muslime gegenüber dem Rückfall in alte Nationalismen bevorzugen. Es sind hier die antiquierten ethnischen Trennungen und weniger eine gesellschaftliche Intrige der anderen, die einer europäisch-muslimischen Bürgerliste die Aussicht auf Erfolg nehmen.

Zweifellos vertritt der Islam moral-ethische Maximen, deren Umsetzung Politik erfordert. Dieser Ansatz wird besonders in der Außenpolitik deutlich. Viele Muslime sind von Erfahrungen geprägt, die mit ihrer Herkunft oder Familienbeziehungen zusammenhängen.

Sie beklagen Doppelstandards im Umgang mit der muslimischen Welt. Sie sind aber auch politisch gebildet, schätzen die Idee freier Meinungsäußerung hierzulande. Es fällt ihnen durchaus auf, dass viele sogenannte islamische Staaten über gar keine Standards verfügen. 

Es gibt ja kein Zweifel, dass in Deutschland NGOs und muslimische Gemeinschaften sich frei entfalten können und ihren Einfluss der Zahl ihrer MitgliederInnen entsprechend ausbauen. Warum sollte dies ein Grund für Hysterie sein? Der politische Einsatz für die Ziele der Muslime, auch wenn sie Kontroversen anstoßen, darf weder ein Tabu sein noch der Sicherheit des Schweigens weichen.

Zakat

Foto: Ibrahim Poran

Was sind unsere Themen?

Themen, zum Beispiel im Dialog mit der Regierung, gibt es genug. Um ein aktuelles Beispiel zu nennen: die Zakatnahme und die zunehmend lokale Verteilung in Deutschland wirft steuerpolitische Fragen zum Beispiel für die Empfänger dieser Sozialleistung auf. Daneben gehört es längst zum Konsens, dass Imame besser die Sprache des Landes sprechen, in dem sie wirken wollen.

Wie für alle anderen Religionen misst sich die Relevanz einer Überzeugung unter anderem daran, ob sie in wichtigen politischen Fragen Antworten anbietet. Politisches Denken agiert in Europa seit Jahrhunderten nicht völlig losgelöst von metaphysischen Einflüssen.

Muslimisch geprägte Politik muss in die Zukunft weisen, ohne ihre Traditionen vollständig aufzugeben. Wer aus der Religion heraus die Grenzen der Technik definiert, die Bewahrung der Schöpfung anmahnt oder die Ethik der Geldproduktion hinterfragt, wird in diesen Debatten Gehör finden. Dann wird auch klar, dass der Islam mit den Begriffen des Politischen nicht vollständig erfasst werden kann.

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Antisemitismus – Religion ist selten ein Motiv

Antisemitismus workshop

Die Forschung zu Antisemitismus unter Muslimen und Migranten kommt zu gemischten Ergebnissen. (MEDIENDIENST INTEGRATION). Ist Antisemitismus unter Muslim*innen und unter Menschen mit Migrationshintergrund stärker verbreitet als Nicht-Muslim*innen und Menschen ohne […]

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Für jeden Mann das Passende – aus der Welt muslimischer Kopfbedeckungen

Kopfbedeckung Turban

Von der Kufi über den Fez bis zur Papakha – diese Kopfbedeckungen sind wunderbar vielfältig und stilvoll. (iz). Zu den Herausforderungen dieser Zeit für Muslime und am Islam (oder an […]

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Amnesty International: Licht und Schatten im Bericht 2023

Amnesty International Bürgerrechte Deutschland

Amnesty International und die Bertelsmannstiftung haben in aktuellen Berichten die Lage von Bürger- und Minderheitenrechte bewertet. Dabei gibt es in Deutschland viel zu tun. (iz). Am 27. März veröffentliche die […]

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Insekten im Essen – Juden und Muslime skeptisch bis ablehnend

Insekten Verzehr Religion

Die europäische Erlaubnis, Insekten Lebensmitteln beizumischen, sorgt für Debatten. Auch viele Juden und Muslime haben damit ein Problem: Denn wegen Speisevorschriften kommen Insekten üblicherweise nicht auf den Teller. Von Leticia […]

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Stufen des Wissens – Bedeutung der muslimischen Jugendbildung

Wissen Aischa

In Sachen Wissen war In manchen Perioden die Bewahrung das wichtigste für die Muslime, in anderen Handlung oder seine Verbreitung.

‚Abdullah ibn Al-Mubarak sagte: „Der Anfang des Wissens ist Absicht, dann Zuhören, dann Verstehen, dann Handlung, dann Bewahrung, und dann Verbreitung.“ (zitiert nach Qadi ‚Ijad, Tartib Al-Madarik)

(iz). Diese sechs Stadien von Wissensaneignung, -verwirklichung und -weitergabe kennzeichnen die höhere Bildung des Islam seit der Zeit der Prophetengefährten. Die individuelle wie soziale Verantwortung für die Verwirklichung jeder Stufe war nach Zeit und Ort verschieden.

In manchen Perioden war die Bewahrung das wichtigste für die Muslime, in anderen Handlung oder Verbreitung von Wissen. Nichtsdestotrotz sind alle (von der Absicht des Schülers bis zur Übermittlung durch den Lehrer) miteinander verbunden und können nicht getrennt voneinander existieren.

Betrachten wir die Lage junger Muslime und ihrer Suche nach Wissen, dann sollten wir uns an diesen Vermittlungsprozess erinnern. Jede Erkenntnis – und jede Handlung – beginnt mit der Absicht. Die Vermittlung von Wissen ist eine wechselseitige Beziehung; nicht nur zwischen Schülern und Lehrern, sondern auch zur Gemeinschaft als Ganzer.

Eine Betrachtung dieser Phasen zeigt auch, wie ihre Bedeutung in praktischer Hinsicht einzustufen ist, um den erzieherischen Aussichten kommender Generationen gerecht zu werden. Wir müssen uns auch fragen: Was sind die Möglichkeiten für junge Muslime, die heute Wissen wollen?

Welche Gegebenheiten braucht es, in denen „Zuhören, Verstehen, Handlung, Bewahrung und Vermittlung“ möglich sind? Wissen beginnt mit der Absicht, es zu erwerben. Daraus folgert die nächste Frage: Wie wichtig ist Bildung für junge, europäische Muslime, die am Anfang ihrer Bemühungen stehen?

Foto: IZ Medien

Wissen braucht Absicht

Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Wahrlich, die Taten sind entsprechend den Ansichten.“ Ich möchte hier nicht wiederholen, was klassische Gelehrte über Bildung und Absicht sagten, sondern eher die Art Fragen stellen, die unser Verständnis dafür erweitern, welche Absichten via-á-vis der Bildungslage im heutigen Europa nötig sind.

Es gibt hier zwei wichtige Aspekte. Der eine ist, dass die Bildung junger Muslime im Wesentlichen eine Frage dynamischer Gemeinschaften ist. Dazu zählt, dass ihnen die Kompetenz gegeben wird, zu lehren und das erworbene Wissen mit Leben zu erfüllen.

Der andere Aspekt ist die Notwendigkeit von ganzheitlicher Bildung, die nicht nur die Schaffung von Gelehrten in den traditionellen Wissenschaften zum Ziel hat. Vielmehr braucht es Gelehrte aller Wissenszweige, die für die wachsende muslimische Gemeinschaft in Europa von Nutzen sind.

Das „islamische“ Element im Schlagwort der „islamischen Erziehung” wird nicht einfach nur durch Lehrinhalte festgelegt, sondern auch dadurch, wie, wo und warum gelehrt wird. Nicht nur Themen sind „islamisch“, sondern viel mehr noch ihre Absicht, die Vermittlungsmethode und die Realisierung dieses Wissens.

Es ist daher entscheidend, dass wir Zugang zu Bildungseinrichtungen und lebendigen Gemeinschaften haben, in denen das geschehen kann. Die traditionellen Wissenschaften müssen gelehrt werden – wir brauchen neue Generationen europäischer ‚Ulama; aber auch neue Generationen, die in Geschichte, Philosophie, Literatur, Politikwissenschaft etc. versiert sind.

Die Absicht kann nicht nur die Schaffung von Bildungseinrichtungen für Muslime in Europa sein. Sie muss auch zum Entstehen einer Gemeinschaftskultur führen, in denen jedes Wissen bejaht und als natürliche Komponente der Schaffung eines lokalen Islam vermittelt wird. Natürlich muss alles mit dem Qur’an und den klassischen Wissenschaften des Dins beginnen.

Zuhören – Istima

Wir sollten uns der Tatsache bewusst sein, dass traditionelle Erziehung – entsprechend der überlieferten Methoden – nicht im Kontext eines modernen universitären Auditoriums stattfinden kann – auf keinen Fall aber ohne erhebliche Komplikationen. Das Medium mag nicht vollkommen dessen Inhalt sein, aber es beeinträchtigt ihre Übermittlung. Das Medium formt den Sender und den Empfänger des Inhalts.

Das soll nicht bedeuten, dass wir einfach so die Umgebung zurückweisen könnten, in der wir leben. Das gleiche gilt für die uns umgebende Technologie. Die Mehrheit der jungen Muslime wird mehrheitlich in den Denkmustern der modernen Bildung erzogen. Dazu gehören Universitäten und Technologie. Wir müssen diese Realität anerkennen. Aber zugleich ist sie eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Nur eine junge, gebildete Generation, die ihre eigene Zeit versteht, wird dem gewachsen sein.

Ein Beispiel dafür ist die rapide zunehmenden online-Seminare, -Kurse und andere Gelegenheiten, um sich Wissen der islamischen Tradition anzueignen. Es fehlt gewiss nicht am Wunsch, den Gelehrten des Islam zuzuhören – sei es online oder auf einer Veranstaltung.

Die Gefahr besteht allerdings, dass das zu einer anderen Form von Unterhaltung wird und der Lernprozess mit dem dem Zuhören endet. Erziehung als Entertainment hat sich als nützlich bei der populären Verbreitung von islamischem Wissen erwiesen. Aber dies kann die tiefe Suche nach Erkenntnis nicht ersetzen, die Jahre der Aneignung braucht.

Hier stehen wir vor der Herausforderung der Technik, die – auf die gleiche Art und Weise wie die moderne Universität – dazu tendiert, Wissen zu vergegenständlichen. Es wird von seinem lebendigen Kontext getrennt und ohne eine gründliche Begegnung mit dessen essenziellem Zweck und seiner Bedeutung angeboten.

Zuhören (Istima‘) impliziert eine beiderseitige Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Dabei hört der letztere anfänglich zu. Hier wird auf Erfahrung beruhendes Wissen weitergegeben. Das Verhältnis ist vergleichbar mit der Beziehung eines Meisters zu seinem Lehrling.

Dies ist die Bedeutung des arabischen Wortes für Erziehung, „Tarbija“, oder die aktive Pflege von Wachstum. Es ist auch die Bedeutung eines anderen arabischen Wortes, „Ta’dib“, die Einimpfung von Adab – eine äußere und innere Verfeinerung dank der Übertragung von Wissen.

Meine Erfahrung – sowohl mit dem Studium an europäischen Universitäten, als auch in muslimischen Zusammenhängen – hat meinen Eindruck verstärkt, dass der Hauptunterschied nicht in dem besteht, was gelehrt wird.

Vielmehr besteht er empirischen Verständnis, das von muslimischen Lehrern vermittelt wird. Einem Lehrer zuzuhören kann nicht in einem Klassenzimmer stattfinden, in dem Wissen von der gelebten Realität getrennt ist und nur vorgetragen wird. Ist dies der Fall, dann enden wir mit einer ähnlichen Situation, in der Erziehung zu Unterhaltung wird und in welcher der Prozess von Verstehen, Anwendung und Vermittlung verfälscht wird.

Es ist möglich zu sagen, dass Erziehung darum kreist, den Schüler an einen Ort des Lernens zu bringen. Dieser Akt besteht in seiner Unterweisung, wie er Wissen sucht, es sich aneignet und existenziell erfährt. Wenn der Schüler den Zustand oder den Ort des Lernens nicht erreicht (an dem sich Erziehung unabhängig vom Lehrer fortsetzt), dann gibt es keinen Übergang zur nächsten Phase.

Foto: Tassii, iStockphoto

Verstehen – Fahm

Verstehen („Fahm“ auf Arabisch) wird von den klassischen Lexikographen als „Vorzüglichkeit des Intellekts in Anbetracht seiner Fähigkeit, das in Frage kommende Thema der Untersuchung schnell zu verstehen“ definiert.

Der Zustand der muslimischen Erziehung in Europa ist kein Darura-Phänomen. Es handelt sich hier nicht um eine Krise, die uns zwingen würde, unsere Tradition zu kompromittieren. Vielmehr stehen wir einer Herausforderung gegenüber, die als Chance zu begreifen ist.

Auch wenn sich das westliche Erziehungssystem und seine Universitäten wohl seit einem Jahrhundert in einem Auflösungsprozess befindet, dürfen wir die noblen Aspekte seiner Tradition nicht vergessen. Wir sollten uns nicht so einfach von ihr abwenden.

Wenn die kommenden ‚Ulama – aufgewachsen und erzogen in Europa –in der Lage sind, die Beziehung zwischen islamischer Gelehrsamkeit und ihrer Anwendung in der modernen Welt zu verstehen, dann können sie das nicht alleine tun. Sie brauchen andere muslimische Akademiker, die ihnen eine Breite des Wissens und der Perspektiven offerieren.

Jeder Faqih, der die klassischen Texte studiert hat, muss die Zeit und den Kontext verstehen, in denen er lebt. Aber dieses Verständnis ist in vielen Fällen eine Einsicht, für die andere Fachleute konsultiert werden müssen, um zu einem passenden und umsetzbaren Weg zu gelangen, mit der gegenwärtige Lage umzugehen. Daher muss die traditionelle Vermittlung der klassischen Wissenschaften des Islam auf neue Studiengebiete treffen.

Nicht, um eine neue Mischform zu kreieren, sondern um sich gegenseitig zu informieren. Ein offenkundiges Beispiel der letzten Jahrzehnten ist eine Beziehung zwischen den Rechtsgelehrten, die sich mit wirtschaftliche Fragen beschäftigen, und den Wirtschaftshistorikern, die sich Fachkenntnis über die Theorie und Praxis moderner Finanzsysteme erarbeitet haben. Ohne gegenseitigen Austausch kommt es zu keinem Verständnis.

Dies belegt, wie wichtig es ist, dass sich junge Muslime auf neuen Gebieten spezialisieren und daher ein neues Verständnis anbieten, um die Zukunft des Islam in Europa zu formen. Dabei kann es sich um Geschichte, Philosophie, Soziologie, Technologie, Geografie oder andere Wissenschaften handeln.

All dies sind Studienfächer, in denen die Gelehrten des Islam überragende Leistungen erbrachten. Nicht, um der Tradition zu widersprechen, sondern um zu einem Verständnis ihrer Gegenwart zu gelangen und um dadurch zur Aktivierung des Dins beizutragen. Damit meine Themen, die beim Verständnis der heutigen Zeit helfen.

Viele junge Muslime setzen ihre Studien an Universitäten fort – was gut und schön ist. Aber in beinahe allen Fällen ist eine Beratung nötig, wie ein Studium in solch einer Umgebung zu bewerkstelligen ist. Wenn die kommenden Generationen den maximalen Nutzen daraus ziehen sollen, dann braucht es authentische Hilfe für die muslimischen Jugend, die an Universitäten studiert.

Gleichermaßen besteht Bedarf nach Neugründung einer Gemeinschaft der Gelehrten – ähnlich einer Gilde –, um die Anleitung und Ausbildung der Studenten durch den dauerhaften Kontakt mit Gelehrten zu ermöglichen; egal, ob es sie einen universitären Hintergrund oder einen in den traditionellen Wissenschaften des Islam haben.

Foto: IZ Medien

Handlung – ‚Amal

Die Bedeutung von Wissen und Erziehung offenbart sich, wenn sie zu einer Veränderung führt – eine innere Vervollkommnung und eine Verbesserung der äußeren Gemeinschaft. Dafür ist es notwendig, dass eine Handlung in Übereinstimmung zu dem steht, was in den vorangegangenen Stadien beabsichtigt, übermittelt und verstanden wurde. Ohne Realisierung des übermittelten Wissens wird Erziehung zu nichts mehr als „Ta’allum“, einem bloßen Lernen von Routine und Information.

Beinahe alle Worte des Arabischen leiten sich aus dreiteiligen Wurzeln ab. Es ist eine Sprache, die auf Verben beruht – auf dem Tun, dem Handeln und der dynamischen Realität der Existenz. Ebenso wie die Lebensweise des Islam ist das Arabische ein Idiom, das nur durch äußere Handlung in Übereinstimmung mit einem inneren Erkennen verstanden und verwirklicht wird. Wenn die Grundlagen unserer Bildung darauf aufbauen, müssen sie zu Handlung und zu Aktivierung führen.

Wir müssen uns davor hüten, zu abstrakt in unserer Forderung zu sein. In Beziehung zu spezifischen Themen der Bildung bezieht sich Handlung im Wesentlichen auf den Gebrauch und die weitere Anwendung von vermitteltem Wissen. Bildung war im Islam niemals ein Ziel an sich. Es muss im Kontext des gesellschaftlichen Engagements stattfinden.

Die Bedeutung der Erziehung für die muslimische Jugend Europas kann ohne die direkte Anwendung der erworbenen Kenntnisse nicht eingeschätzt werden. Dazu gehören der Unterricht jüngerer Studenten, die Assistenz bei Gelehrten oder auch das Engagement in den Gemeinschaften, denen man angehört.

Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, was bekannt dafür, dass er jungen Männern mit Fähigkeiten und gutem Charakter erhebliche Verantwortung übertrug. So bildete er sie und brachte die Generationen der Gefährten und ihrer Nachfolger hervor, die das Wissen des Islam an alle Ecken der Welt brachten. Sie lernten durch Praxis, dem Miteinander-Sein mit anderen und durch direkte Anwendung.

Al-Hakim überlieferte, wie ‚Ali ibn Abi Talib sagte: „Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, schickte mich in den Jemen. Also sagte ich ihm: ‚Gesandter Allahs, ich bin ein Jugendlicher, der zwischen ihnen urteilen soll. Und ich weiß nicht, was das Wesen meines Urteils ist.‘ Er schlug auf meine Brust und sagte: ‚Oh, Allah, leite sein Herz recht und stärke seine Zunge.‘ Bei dem Einen, Der das (Getreide-)Korn spaltet, ich habe keinen Zweifel bei dem Fällen eines Urteils (in einem Streit) zwischen zwei (Leuten) gehabt.“

Auf der einen Seite haben wir das Du’a (Bittgebet) des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, aber auf der anderen Seiten verweist der Bericht auf die Sunna der Übertragung von Verantwortlichkeit und Möglichkeiten zum Lernen durch praktische Erfahrung.

Es gibt eine weitere, sehr bekannte Aussage des Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben: „Handelt nach dem, was ihr wisst, und Allah wird euch lehren, was ihr nicht wisst.“ Praxis und Umsetzung sind notwendige Schritte einer weiterführenden Bildung.

Dazu gehört die Zusammenarbeit der Leute des Wissens. Auf die gleiche Art und Weise, wie die frühen Rechtsschulen (Madhdhahib) Gilden des Rechts waren, brauchen wir Gilden für die heutigen Gelehrten. In unserer Lage betrifft dies sowohl solche, die im akademischen Leben aktiv sind, als auch jene, die in den traditionellen Wissenschaften versiert sind.

Bildung im Islam hatte immer die Form eines Lehrverhältnisses, bei dem der Schüler graduell Wissen erwirbt und es graduell in die Praxis umsetzt – durch die Weitergabe an neue Schüler und durch die Anwendung im persönlichen Leben. Daher ist die Erziehung der muslimischen Jugend nicht nur für diese von Bedeutung, sondern für die Lehrer selbst, die Schüler brauchen, denen sie ihr Wissen weitergeben können.

Sie ist ebenso wichtig für die lokale Gemeinschaft, in der sich Wissen ausbreitet und in der es umgesetzt werden muss. Diese beiden Aspekte sind die nächsten Stadien des Erziehungsprozess, wie er von ‚Abdullah ibn Al-Mubarak umrissen wurde: Bewahrung und Verbreitung.

Foto: Osman Hamdi Bey, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY 2.0

Bewahrung – Hifdh

Nur was sich ändert, bleibt, und nur was sich erneuert, wird erhalten. Natürlich geht es hier nicht um die Reform oder Neuerschaffung unserer Tradition. Islam ist per Definition nicht – und kann nicht – in einer Krise sein und benötigt auch keine Reform. Wir jedoch brauchen neue Generationen, die bereit sind, das traditionelle Wissen im heutigen Kontext anzuwenden. Dies steht in Zusammenhang mit dem arabischen Wort „Tadschdid“, das im wörtlichen Sinne „Erneuerung“ bedeutet.

Aber in seiner Essenz bezeichnet es die Belebung der islamischen Lebensweise auf einer sozialen Ebene. Seine Leute sind als Mudschaddid oder – im Plural – Mudschaddidun bekannt. Sie sind diejenigen, die die Lehren des Islam oder seine Lebensweise aktivieren; entweder durch ihr eigenes Wissen oder, indem sie die Hilfe von Wissenden in Anspruch nehmen. Die letzteren wissen, wie die bewahrte Tradition in Relation zur heutigen Zeit auf angemessene Art und Weise angewandt werden kann.

Dies ist Hifdh, Bewahrung. Der Kern des Begriffes verweist auf Bedeutungen wie schützen, verteidigen, beobachten, beibehalten, aufrechterhalten und – natürlich – auch auswendig lernen; insbesondere den Qur’an. Jeder Hafidh des Qur’an weiß, dass das Gelernte immer wieder verbessert, rezitiert und im Alltag angewandt werden muss. Jede Rezitation des Qur’an ist eine neue Rezitation. Und es finden sind – in Relation zum eigenen Leben – immer wieder neue Bedeutungen darin geborgen.

Allah sagt, dass der Qur’an bis zum Jüngste Tag geschützt bleibt. Die ganze Geschichte hindurch wurde dies durch die Übertragung von einer Generation auf die nächste, die seine Worte rezitiert, getan. In der gleichen Art und Weise blieb auch der Islam erhalten.

Nicht durch Stagnation, sondern durch die Tatsache, dass neue Menschen und Gemeinschaften ihn akzeptierten, errichteten und seine Tradition weitergaben. Diese Einrichtung, Übermittlung und der Schutz des Wissens kann nicht nur durch Wandel oder nur durch Bewahrung geschehen. Es braucht beide Elemente.

Die neuen Generationen sind verantwortlich für diesen gesellschaftlichen Wandel und die Bewahrung der Tradition. Dies ist auch der einzige Weg, das Wissen weiter zu verbreiten und den Islam für die Menschen in Europa zu bringen. Jetzt sind wir bei der letzten Phase des Bildungsprozesses angelangt: Verbreitung.

Foto: DIRECTMEDIA Publishing, gemeinfrei

Weitergabe – Naschr

Nuschr bedeutet sich ausbreiten, entfalten, öffnen oder propagieren. Seine Wurzel bildet auch die Grundlage des Wortes für Auferstehung (arab. nuschur). Einerseits ist der Bildungsprozess ein Kreislauf: Wenn der Schüler voranschreitet, wird er derjenige sein, der die nächsten Generationen unterrichtet. Erneuerung befindet sich jedoch im Kern jeder gesunden Erziehung und daher beinhaltet der Prozess der Vermittlung die Öffnung und Entfaltung von Wissen für neue Leute.

Da wir über Bildung in nicht-muslimischen Ländern reden, liegt die Bedeutung der Wissensverbreitung unter ihnen – Muslime genauso wie Nichtmuslime – auf der Hand. Der effizienteste Weg dafür beginnt gewiss mit der Bildung der jungen Generationen.

Wie wir gesehen haben, sind alle vorherigen Stadien miteinander verbunden. Wenn es sich um die Verbreitung von Wissen handelt, dann geschieht dies durch Handlung. Sie ist wichtig, weil sie das Verständnis und die Aktivierung neuer Leute erhöht; Menschen, die unterschiedliche Hintergründe und Traditionen haben, wenn sie in den Bildungsprozess eintreten. Das war in der ganzen islamischen Geschichte immer der Fall.

Ein bekanntes Beispiel dafür waren die Perser – mit ihrem besonderen Hintergrund und ihrer Tradition der Gelehrsamkeit. Sie waren überragend in der frühen Entwicklung der arabischen Sprachwissenschaft und wurden Meister der arabischen Grammatik.

Ein anderes Beispiel wäre natürlich die große Wissenstradition, die sich in der osmanischen Khilafa entwickelte, als der Islam eingerichtet war und jahrhundertelang blühte. In unserer Zeit könnten es durchaus die neuen Generationen europäischer Muslime sein, die ähnliche Beiträge zur Entwicklung der weltweiten muslimischen Gemeinschaft leisten. Das letzte ist vielleicht einer der wichtigsten Aspekte der Erziehung einer muslimischen Jugend.

Foto: C. Media / Peter Sanders

Daher ist es unsere Verantwortung, die Europäer um uns herum zum Islam einzuladen. Neue muslimische Generationen – mit tiefem Verständnis ihrer eigenen Tradition und der sie umgebenden Zusammenhänge – sind der Schlüssel zur Ausbreitung des Wissens und der sozialen Realität des Islam. Historisch war die Einladung zum Islam immer ein gradueller Prozess.

Jener hat in Europa erst begonnen. Auch, wenn wir nicht wissen, wie er enden wird, wissen wir mit Sicherheit, dass es die neuen Generationen gebildeter Muslime sein werden, die ihn voranbringen, inscha’Allah.

Schlussfolgerung

Es ist Zeit, dass wir zum Ausgangspunkt zurückkehren. Wenn die Verwirklichung und Vollendung dieses erzieherischen Vorgangs unseres Absicht ist, dann sind wir uns über seine Bedeutung und Rolle bei der Schaffung der Zukunft des Islam in Europa einig. Eingangs wurde deutlich, dass die Wichtigkeit der Bildung nicht nur primär dadurch verwirklicht wird, was unterrichtet wird, sondern auch warum, wie und wo gelehrt wird. Hinzuzufügen wäre noch, durch wen gelehrt und von wem gelernt wird.

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Berlin: Was bedeutet CDU-Wahlsieger Kai Wegner für Migranten und Muslime?

Kai Wegner Berlin CDU Wahlsieger Populismus

Kai Wegner hatte sich vor der Wahl mit beunruhigenden Tönen zu Muslimen, Zuwanderung und Streitthemen gemeldet. (KNA). Berlins CDU-Landeschef Kai Wegner hat sich in seiner Karriere auch mit populismusaffinen Positionen […]

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24 Stunden Berlin

24 Stunden Tagesablauf Berlin maria

In dieser Stadt werden 24 Stunden ganze vier Millionen Mal gelebt. Betrachtet durch all diese verschiedenen Augen ergibt das vier Millionen Realitäten, Millionen gleiche und unterschiedliche Orte, Erlebnisse und Emotionen. Von Sebastian Langer

(iz). Hier werden exemplarisch vierundzwanzig dieser Stunden durch ein muslimisches Augenpaar beschrieben.

Kurz nach Feierabend am Donnerstag beginnt der zeitlich verschobene Tag um 18 Uhr unweit des Hackeschen Marktes in der DIA. Erst vor zwei Jahren entstanden ist die „Deutsche Islam Akademie e.V.“ für viele Menschen bereits eine feste Adresse in Berlins Mitte geworden. An diesem Ort bieten engagierte Muslim:innen in der Großen Hamburger Straße einen Raum für Austausch, Reflexion und erbauliches Beisammensein. Donnerstags bietet Ender Hodscha allabendlich eine Tafsir-Runde für Interessierte an.

Dhikr und Erinnerung

Muslim:innen und Menschen ohne Bekenntnis kommen hier nicht nur zusammen, um den Worten des Lehrers zuzuhören, sondern haben die Möglichkeit auch in kritischen Austausch und Gedankenexperimente zu treten. Gefragt werden kann alles, Tabus bestehen keine und so gehen die Teilnehmenden für gewöhnlich mit positiven Ansätzen in den Abend hinaus oder nehmen sie mit in den „Wird“.

Denn im Anschluss werden die Stühle gegen Teppiche getauscht und neuer Tee aufgesetzt zum Treffen der „Dhikr-Gruppe“. Frauen und Männer, die an vielen Donnerstagen den Diwan von dem großen Gelehrten Muhammad ibn al-Habib rezitieren. Da die Sonne derzeit früh untergeht, wird zunächst das Nachtgebet verrichtet, um im Anschluss den Wird aus der nordafrikanischen Darqawiya-Tradition zu lesen, sowie unterschiedliche Qasaid aus diesem und anderen Werken zu singen.

Dabei geht es primär um das Gedenken an Allah (Dhikr) und seinen Propheten (Friede und Segen auf ihm) aber auch um Gemeinschaft. Zur gleichen Zeit findet ein weiterer Dhikr aus der Tradition der Schadhiliya statt, in Neukölln trifft sich die Burhaniya – berlinweit gibt es viele weitere Zirkel, vor allem am Donnerstag.

23 Uhr wird auch bei der DIA das Licht gelöscht und die Muslim:innen gehen ihrer Wege, Mitte ist für dieses Klientel um diese Uhrzeit kein Sehnsuchtsort, sodass sich alle nach einem kurzen Spaziergang in ihre jeweiligen Viertel verstreuen. Islamisch gedeutet beginnt der nächste Tag mit dem Anbrechen des Abendgebets, so ist der Donnerstagabend der Beginn des wichtigen „Tag der Versammlung“.

Der Morgen des Jumu’ah

Das Morgengebet kann im Winter in Gegenden wie Kreuzberg oder Schöneberg ohne große Mühe auch in einer Moschee verrichtet werden, je nach Gebetsort sind es zwar nicht viele Muslime, die die Reihen füllen, aber um 7 trifft man mehr Betende an, als morgens um 4 in anderen Monaten. Nebeneinander reihen sich Rentner neben Studenten, Selbstständige, einen Arzt und Mitarbeiter der BSR und der BVG für die zwei morgendlichen Niederwerfungen. Denn um diese Uhrzeit ist Berlin bereits im vollen müden Trott, man versucht der kalten, grauen Dunkelheit etwas Gutes abzugewinnen und füllt Straßen, Busse und U-Bahnen bereits mit Leben und wandelndem Schlaf.

Wer in Kreuzberg 36 – also alles nördlich, östlich, südlich und westlich des Kottbusser Tors – zum Morgengebet geht und nicht direkt zur Arbeit oder in die Vorlesung verschwinden muss, findet unweit der großen Omar Ibn Al-Khattab Moschee in der Wiener Straße einen guten Ort zum Verbleiben. Läden wie Eurocan gehören zu einer aussterbenden Spezies im städtischen Raum, auf den ersten Blick mag es nur nach einer gewöhnlichen Bäckerei aussehen, wenn gleich es sich um einen Treffpunkt handelt, an dem vor allem die Arbeiterklasse Çay, Kaffee und Gebäck bereits früh morgens und zu fairen Preisen genießt. Eurocan ist gleichzeitig einer der scheinbar wenigen Orte, an welchem Rize und Yaprak Çay problemlos neben einander existieren können, egal zu welcher Tageszeit.

Vormittags in Kreuzberg

9 Uhr – immer noch in Kreuzberg. In Zeiten von Homeoffice und online stattfindenden Vorlesungen, bietet sich das Café Pfeiffers am Heinrichplatz an, eine seit vielen Jahren existierende Instanz, die guten Kaffee macht und eine ruhige doch arbeitsfördernde Atmosphäre schafft. Wenn doch Hunger eintrifft, der durch die hausgemachten Kuchen nicht bedient werden kann, bekommt man problemlos zum Beispiel Sucuklu Yumurta (Ei mit Sudschuk) zu ihrem oder seinem Flat White, was das Angebot des Pfeiffers komplett abrundet. Nicht wenige junge Muslim:innen haben hier bereits Geburtstage begangen, Kunstprojekte erarbeitet oder einfach Gesellschaftsspiele gespielt.

24 Stunden
Mevlana
Moschee

Foto: Autor

Beten in der Mevlana Camii

In hanafitisch-geprägten Moscheen beginnt das Freitagsgebet direkt mit Eintreten der errechneten Gebetszeit. Im Winter also Pi mal Daumen um 12 Uhr. Zwar gibt es nicht wenige Gebetsorte in Kreuzberg 36, doch bietet sich die neue Mevlana Camii in der Skalitzer Straße für das Verrichten des Dschumua-Gebets an. Durch die bunten Fenster und Gläser an der Südfassade dringt Licht abwechslungsreich in den großen, einladenden Saal. Dieser ist vor allem freitags gut gefüllt.

Viele hundert Muslime ganz unterschiedlicher Herkünfte, Berufe, Altersgruppen und Realitäten versammeln sich auf zwei Ebenen, um den Bedürfnissen der Nachbarschaft entsprechend auf Arabisch, Deutsch und Türkisch einer kurzen aber prägnanten Predigt beizuwohnen. Der Saal ist geschäftig, bietet jedoch genügend Möglichkeiten spirituell zur Ruhe zu kommen. Auch die Architektur der Moschee trägt mit der großen, herrlich dekorierten Kuppel ebenso dazu bei, wie die Säulen und die stilvolle Akustik. Schweigend oder besser gesagt innehaltend verlässt die Hälfte der Gläubigen langsam den Gebetsraum, während sich die Verbleibenden der Sunna und des Dhikrs widmen.

24 Stunden
Berlin
Kotto
Kreuzberg

Foto: imago | Uwe Steinert

Essen am Kotti

13:15 Uhr hat die Mehrheit der Moscheegänger die Mevlana am Kotti verlassen und begibt sich auf die Arbeit, zur Familie oder verbringt die verlängerte Mittagspause mit Essen und Gesprächen. Dafür bieten sich viele Orte rund um das Kottbusser Tor an. Die Hast derjenigen, die schnell zur Arbeit zurück müssen wechselt sich ab mit der Geduld und dem Schlendern derer, die zu dieser Stunde keine zeitliche Bredouille aufweisen.

So scheinen die meisten zufrieden, wenn sie bei Stari Most Cevapi, bei Gio’s Küche georgischen Bohnen oder etwas weiter ab in der Skalitzer Straße bei Heimweh Kumpir essen. Sofern das Wetter mitspielt, bietet sich im Anschluss ein Besuch des Wochenmarktes am Paul-Lincke-Ufer an. Freitag als traditionellen Markttag nehmen dort viele Menschen in Anspruch um allerlei sinnige oder auch mitunter unsinnige Erledigungen zu treffen, die hier am Kanal auf ordentlich berlinerisches Flair treffen.

Fürs Nachmittagsgebet wird’s knapp

Gegen 14 Uhr wird im Berliner Winter bereits das Nachmittagsgebet verrichtet, vom Paul-Lincke-Ufer sind verschiedene Moscheen zu Fuß erreichbar, sodass Muslim:innen danach weiter hasten oder flanieren können. Für die Glücklichen unter ihnen bietet seit zwei Jahren das Café Fourty Years einen guten und von jungen Muslim:innen geführten Ort zum Verbleib für alle an. Die Besonderheit hier ist die Tatsache, dass man neben Kaffee und hausgemachten Kuchen auch getrocknete Blumen bekommen kann, während des Lesens oder Arbeitens an Laptop und Co.

Wedding und Moabit sind ebenso wie Kreuzberg 36 ein Besuch wert. Wer zwischen Fourty Years und dem Abendgebet noch freie Zeit hat, macht gerne in der Friedrichstraße beim Kulturkaufhaus Dussmann halt und stöbert auf den Etagen nach Büchern. Zwar ist die Auswahl an theologischen Büchern noch immer nicht der Rede wert, wenn gleich es auch andere wichtige Themen gibt und selten jemand leerer Hand Dussmann verlässt.

Abends in Moabit

Das Abendgebet gegen 16:20 Uhr bietet sich im Anschluss in Moabit in der Aya Sofya Camii an. Diese kleine Moschee hat nicht nur einen jungen deutschsprachigen Imam, sie gibt gleichzeitig das heimelige Gefühl einer kleinen Moschee im Hinterhof, wenn gleich sie von der Hauptstraße aus sichtbar ist.

Von dort ist es nur ein angenehmer Spaziergang zum Haus der Weisheit in der Waldstraße, wo freitags gegen 18 Uhr ein Dhikr mit Gesang und Instrumenten stattfindet, zu welchem stets die gesamte Familie geladen ist. Ein Angebot, das auch rege von Kindern und muslimischen Frauen angenommen wird und mit Essen und Gesprächen nach einigen Stunden endet.

Die 24 Stunden eines Tages

Regelmäßig sind dies 24 Stunden in Berlin und doch nur eine Lesart von vier Millionen. Muslimisches Leben in dieser Stadt vibriert und äußert sich mannigfaltig. Abseits schlechter Presse und Diffamie gilt es auch dies zu zeigen, zu benennen und vielleicht auch in den Vordergrund zu rücken.