Betroffenheit über Tod von Rupert Neudeck

Troisdorf (KNA). Rupert Neudeck (77), Journalist und Mitbegründer der Hilfsorganisationen Cap Anamur und Grünhelme, ist tot. Er starb am Dienstag nach einer Herzoperation. Die Nachricht löste große Betroffenheit aus.
Der gebürtige Danziger hatte 1979 mit Unterstützung des Schriftstellers Heinrich Böll (1917-1985) das Komitee „Ein Schiff für Vietnam“ gegründet, das bis 1982 mehr als 11.000 „boat people“ im Chinesischen Meer rettete. Daraus ging 1982 das Komitee Cap Anamur/Deutsche Notärzte hervor. Im Jahr 2002 gründete der Vater von drei Kindern zusammen mit dem heutigen Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, die Organisation „Grünhelme“, in der sich junge Handwerker verpflichten, in Krisengebieten zu helfen.
Neudeck entging als Kind auf der Flucht aus Ostpreußen nur knapp dem Untergang des Flüchtlingsschiffs „Wilhelm Gustloff“, das von sowjetischen Torpedos versenkt wurde. Später studierte er Theologie, wurde kurzzeitig Novize bei den Jesuiten und promovierte über „Politische Ethik bei Jean-Paul Sartre und Albert Camus“. Dann arbeitete er als Journalist, zunächst bei der katholischen „Funk-Korrespondenz“ in Köln, anschließend als freier Journalist und Redakteur beim Deutschlandfunk.
Neudeck erhielt – teilweise zusammen mit seiner Frau Christel – zahlreiche Auszeichnungen, so die Theodor-Heuss-Medaille, den Bruno-Kreisky-Menschenrechtspreis, den Erich-Kästner-Preis und den Walter-Dirks-Preis. Mit Blick auf seine Kirche sagt der Katholik, er wünsche sich „weniger Weihrauch und Selbstbeschäftigung, dafür mehr Telefonseelsorge und konkrete Hilfe für Menschen in Not“.
Bundespräsident Joachim Gauck erklärte, mit Neudeck verliere Deutschland „einen Mann, der beherzt, mutig und auch kompromisslos für Menschen in Not eintrat“. Mit Cap Anamur habe Neudeck tausenden Menschen das Leben gerettet. Der gebürtige Danziger habe ein Beispiel dafür gegeben, „wie viel Gutes ein Einzelner anstoßen und bewirken kann“.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezeichnete Neudeck als „ein wahres Vorbild an gelebter Mitmenschlichkeit“. „Seine Worte und die Beispiele seiner konkreten Nächstenliebe werden weit über seinen Tod hinaus Bestand haben“, erklärte sie.
Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki erklärte, er habe Neudecks unbeirrbaren, geradezu sturen Willen zu tatkräftiger Hilfe für Menschen in Not immer bewundert. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) twitterte: „Rupert Neudeck hat vielleicht das Größte geleistet, was ein Mensch überhaupt tun kann: Menschenleben retten.“ Als einen „rastlosen Kämpfer für die Schwachen“ und „einen Überzeugungstäter der guten Tat“ charakterisierte ihn der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Brand.
Grünen-Chefin Simone Peter erklärte, mit Neudeck verliere Deutschland einen „der wichtigsten Vorkämpfer für die Rechte von Flüchtlingen“. Linken-Parteichef Bernd Riexinger erklärte, Neudeck sei ein Mann mit großem Herzen und voller Tatendrang für Menschlichkeit gewesen.

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„Entscheidung ist längst überfällig“

(iz). 2015 erreichten Angriffe auf Moscheen und muslimische Einrichtungen einen neuen Höhepunkt. Lange wurden diese Verbrechen nicht erfasst und auch nicht gesondert wahrgenommen. Das soll sich nun ändern. Hierzu veröffentlichte […]

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Bruch zivilgesellschaftlicher Tabus

(IZ/KNA). Inmitten der scheinbar theoretischen Frage, ob denn der Islam nun zu Deutschland gehöre, und was vom neuen AfD-Programmpapier zu halten sei, halten die Übergriffe gegen Moscheen und muslimische Einrichtungen […]

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Megamoschee oder Beten in der Tiefgarage?

Eine repräsentative Moschee besitzt Hamburg laut einer Studie. Die anderen 42 befinden sich in Läden, Hinterhöfen, Tiefgaragen oder Hochhäusern. In der Hansestadt wurde deshalb jetzt über Moschee-Neubauten diskutiert.
Hamburg (KNA) Beten kann man überall – ob abends im Bett oder unterwegs im Zug. Dennoch brauchen Gläubige, gleich ob Christen, Juden oder Muslime, auch einen Ort der Begegnung. In Hamburg wurde jetzt auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung über Moschee-Neubauten diskutiert. Mit recht klarem Ergebnis: Denn dass die Moscheen aus den Hinterhöfen heraus müssen – darüber gab es auf dem Podium am Donnerstagabend keine zwei Meinungen. Es fand in der früheren evangelischen Kapernaum-Kirche in Hamburg-Horn statt, die derzeit zu einer Moschee umgebaut wird.
„Hamburg braucht eine Moschee-Entwicklungsplanung“, forderte etwa Stefanie von Berg, religionspolitische Sprecherin der grünen Bürgerschaftsfraktion. Eine Haltung, für die sie Zustimmung von den weiteren Podiumsteilnehmern erntete: dem Vorsitzenden der Al-Nour-Gemeinde, Daniel Abdin, wie auch von Kirchenarchitekt Joachim Reinig.
„Wir brauchen Stadtteilmoscheen – überall“, erklärte von Berg und räumte ein: „Bisher sind wir da noch nicht so weit gekommen.“ Es dürfe nicht sein, dass die meisten Hamburger Muslime in ehemaligen Garagen, Läden oder anderen provisorischen Gebetsräumen beten müssten. Gerade angesichts der Ängste, die durch die Zuwanderung in der Bevölkerung entstünden und von rechten Kräften forciert würden, seien Orte der Begegnung wichtig: „Und Moscheen sind solche Orte.“
Skeptisch äußerte sich die grüne Abgeordnete zur politischen Stimmung in Sachen Moscheen. Es sei zwar der CDU-Bürgermeister Ole von Beust gewesen, der vor mehr als vier Jahren den Staatsvertrag zwischen der Stadt und den muslimischen Verbänden angeregt habe, aber inzwischen hätten einige CDU-Politiker entdeckt, dass man mit dem Thema Ängste schüren könne. „Wir hoffen aber, dass wir die CDU an Bord behalten, weil wir einen breiten Konsens bei dem Thema brauchen“, so von Berg.
Architekt Reinig nannte ein aktuelles Beispiel für die Haltung der CDU in der Frage. In der Hamburger Morgenpost hatte sich der CDU-Kommunalpolitiker Jörn Frommann vor kurzem gegen den Bau einer großen Moschee in einem geplanten neuen Wohnquartier in Wilhelmsburg gewandt, die in der Zeitung als „Mega-Moschee“ bezeichnet wurde.
„’Mega-Moschee‘ ist natürlich Blödsinn“, betonte Reinig, „die Moschee hat eine ganz normale Größe.“ Der Architekt leitete für die Schura, den Rat der islamischen Gemeinden, und die großen muslimischen Verbände DITIB und VIKZ mit Förderung des Senats eine Studie zu Hamburgs Moscheen, die er bei der Podiumsdiskussion vorstellte. Für die Untersuchung besuchte Reinig alle 42 Moscheen der genannten Verbände. Nur eine sei wirklich repräsentativ, die Imam Ali Moschee an der Außenalster; die anderen befänden sich etwa in früheren Läden oder Betrieben, in Hochhäusern oder Hinterhöfen, erklärte er.
Der Bedarf an Gebetsräumen für die Muslime sei lange bekannt, aber man habe wenig getan, bedauerte Reinig. Jetzt erst habe der Hamburger Senat die Dringlichkeit des Themas erkannt. Es müssten Moscheen gebaut werden, die im Stadtbild deutlich erkennbar sind, forderte er: „Sichtbare Moscheen sind notwendig, um Integration zu ermöglichen.“
Beim Vorsitzenden der Al-Nour-Gemeinde Abdin, einem von drei Vorstandsvorsitzenden der Hamburger Schura, liefen von Berg und Reinig offene Türen ein. „Würdelos“ sei es, unter welchen Bedingungen Mitglieder seiner Gemeinde noch beten müssten. Die Al-Nour-Gemeinde, deren Besucher aus 30 Nationen kommen, nutzt derzeit noch eine ehemalige Tiefgarage im Hamburger Stadtteil St. Georg. Beim Freitagsgebet müssen Gläubige zum Teil wegen Überfüllung auf die Straße davor ausweichen.
In dieser Notlage habe man die ehemalige Kapernaum-Kirche gekauft, um sie zur Moschee umzubauen, so Abdin. Es müsse aber eine Ausnahme bleiben, dass eine Kirche in eine Moschee umgewandelt werde. Einen Termin für die Fertigstellung könne er noch nicht nennen. Fest stehe aber, dass die bisherige Schätzung der Baukosten korrigiert werden müsse – von etwa eineinhalb Millionen Euro auf das Doppelte.

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Mit Islamfeindlichkeit umgehen

Seit mehr als einem Jahrzehnt bemühen sich muslimische Gemeinschaften im Westen, negative Mediendarstellungen, irrige Vorstellungen und Missverständnisse zu überwinden. Unser Ansatz war im Wesentlichen reaktiv und nicht aktiv. Das Problem dieser Passivität ist, dass die muslimische Gemeinschaft es den Islamophoben und religiösen Extremisten erlaubt hat, das Narrativ zu bestimmen.

Unglücklicherweise antworten und reagieren wir. Mein Mentor, Imam Mohamed Magid, sagte dazu: „Anstatt Feuerwehrmänner zu sein, müssen wir anfangen, feuerfeste Häuser zu bauen.“ Mich hat diese Analogie wirklich angesprochen. Wie können wir an den Punkt gelangen, an dem Muslime den Gesprächsrahmen bestimmen, anstatt andere über sich sprechen zu lassen?

Die Lösung für diese Herausforderung findet sich in der Lebensgeschichte (Sira) des Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Wenn wir seine Biografie studieren, können wir Strategien und Lektionen lernen. Und wir können verstehen, wie sich die Probleme von Islamfeindlichkeit und Extremismus lösen lassen.

Es folgen einige Beispiele aus dem prophetischen Leben. Er hielt an seiner Mission und ihrer Botschaft fest. Der Gesandte Allahs, Heil und Segen auf ihm, brachte eine Botschaft des Friedens, der Gleichheit, Gerechtigkeit und Koexistenz. Daran hielt er während seines gesamten Lebens fest. Was bedeutete das auf einer praktischen Ebene? Wir müssen damit anfangen, zu betonen, was der Islam ist und die Muslime sind, anstatt zu sagen, was wir nicht sind.

Der Prophet ließ seine Entscheidungen nicht durch seine Emotionen kontrollieren. Er erhielt immens verächtliche, spöttische und persönliche Angriffe. Am Ende aber waren alle Attacken fruchtlos. Das lag an seinem überragenden Charakter und seiner Fähigkeit, an der Botschaft festzuhalten. Das heißt nicht, dass er niemals wütend wurde. Aber sein Ärger ging niemals so weit, dass seine Entscheidungsfähigkeit beeinträchtigt wurde. Miyamoto Musashi, ein legendärer japanischer Schwertkämpfer, sagte: „Ärger. Kontrolliere deinen Ärger. Wer seine Wut auf andere richtet, wird durch diese kontrolliert. Dein Gegner kann dich dominieren und besiegen, wenn Du es ihm erlaubst, dass er dich wütend macht.“

Er ließ die Hassenden hassen. Abu Dschahl war einer der härtesten Gegner des Propheten Muhammad. Er kämpfte heftig, um die prophetische Botschaft zum Schweigen zu bringen. Die Verkündigung beinhaltete sozioökonomische Gerechtigkeit, Gleichheit, Frieden, umweltgerechtes Verhalten, Rechte für Frauen, das Speisen der Armen und Koexistenz – neben vielen anderen, universalen Werten. Abu Dschahls Feindschaft gegen diese Inhalte war so intensiv, dass er extreme Folter und Widerstand gegen alle Muslime anordnete, die dem Propheten folgten.

Jedoch verbrachte der Gesandte Allahs nicht den großen Teil seiner Zeit mit dem Versuch, Abu Dschahl von seiner Botschaft zu überzeugen. Noch nutzte er seine Zeit, Energie und Anstrengungen für das Antworten auf persönliche Angriffe, Spott und Verhöhnung. Wenn wir die Sira und den Qur’an studieren, stellen wir fest, dass der Prophet wieder und wieder von Allah verteidigt wurde.

Die Lektion daraus ist, die Hassenden hassen zu lassen. Imam Asch-Schafi’i einer der größten Gelehrten der islamischen Geschichte, sagte: „Sprich über mich an Beleidigung, was Du willst. Denn mein Schweigen gegenüber dem Idioten ist wahrlich eine Antwort. Es mangelt mir nicht an einer Antwort, sondern eher schickt es sich nicht für den Löwen, wenn er dem Hund antwortet.“

Wenn wir konstant auf jeden mündlichen Angriff gegen den Islam und die Muslime reagieren, setzen wir uns der Gnade anderer aus. Und wir übergeben ihnen das Narrativ und lassen sie für uns sprechen. Das heißt nicht, dass wir teilnahmslos oder stoisch sein dürfen. Es muss uns aber bewusst sein, dass die verbalen Angriffe auf den Islam und die Muslime nur eine Ablenkung von unserer Aufgabe sind, die Botschaft von Frieden, Gerechtigkeit, Gleichheit und Koexistenz weiterzugeben.

Ganz praktisch: Der Prophet kümmerte sich um seine Nachbarn. Das ist ein wichtiger Teil des Islam, aber so viele von uns vernachlässigen ihn. Der Gesandte, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sorgte sich um sein direktes Umfeld und seine Gemeinschaft. Er kümmerte sich um die Muslime und die Menschen jeden Glaubens in seiner Gemeinschaft.

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Spiritualität des Islams kommt zu kurz

„Wie also für die Muslime sprechen, ohne den religiösen und spirituellen Charakter, was den Islam ausmacht, zu verinnerlichen?“ Bielefeld (iz). Wenn man die Diskussionen in Deutschland rund um den Islam […]

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Nach einer Stunde war Schluss

Berlin (KNA/dpa). Das für den heutigen Montag geplante Gespräch zwischen der AfD und dem Zentralrats der Muslime (ZMD) soll nach einer Meldung von „Spiegel-online“ eine Stunde nach Beginn von Seiten der AfD abgebrochen worden. Die Prarteivorsitzende Frauke Petry, Vize Albrecht Glaser und Vorstandsmitglied Paul Hampel wollten sich in Berlin mit drei Vertretern des ZMD treffen.
Die Parteivorsitzende Frauke Petry und ihre Begleiter verließen nach knapp einer Stunde den Saal in einem Berliner Hotel. Petry sagte, die Vertreter des Zentralrats hätten die Alternative für Deutschland in die Nähe des Dritten Reichs gerückt. Das sei inakzeptabel. Deshalb habe man das Gespräch abgebrochen. Der ZMD-Vorsitzende Aiman Mazyek sagte, die AfD habe sich geweigert, Passagen aus ihrem Parteiprogramm zu streichen, die sich gegen die Muslime richteten. „Man hat von uns verlangt, ein demokratisch beschlossenes Parteiprogramm zurückzunehmen“, empörte sich Petry.
„Ayman Mazyek hat alles probiert. Die AfD zieht aber die Spaltung der deutschen Gesellschaft vor statt im Dialog zum gesellschaftlichen Zusammenhalt einen Beitrag zu leisten. Wer Juden und Muslimen wesentliche Elemente ihrer Religionsausübung verbieten will, verletzt die Religionsfreiheit und damit Artikel 4 des Grundgesetzes. Hier hat ja auch Petrys Stellvertreter schon Korrekturbedarf erkannt“, erklärte der grüne Politiker Volker Beck zum abrupten Abbruch der Gespräche.
Mazyek & Gioussef: AfD eine ernsthafte Bedrohung
„Wir haben sehr ernste Fragen an die AfD für Montag, und der ZMD wird klar machen, dass das Grundgesetz nicht verhandelbar ist“, schrieb der Zentralratsvorsitzende Aiman Mazyek vorab am Wochenende auf Twitter. „Populismus, persönliche Angriffe und Hass sind keine Form des Dialoges, noch ersetzen sie die Kraft der Argumente“, sagte er außerdem der „Welt am Sonntag“. Vor kurzem hatte Mazyek die AfD mit der NSDAP verglichen und sie als „existenzielle Bedrohung“ für die Muslime in Deutschland bezeichnet.
Die Integrationsbeauftragte der Unions-Bundestagsfraktion, Cemile Giousouf (CDU), bezeichnete die AfD als eine „extreme und gefährliche Partei“, die rechtsextreme Parolen toleriere und Menschen gegeneinander aufhetze. „Das führt dazu, dass Angriffe auf jüdische Einrichtungen, Moscheen und Flüchtlingsunterkünfte deutlich zunehmen“, sagte die erste CDU-Bundestagsabgeordnete muslimischen Glaubens der „Bild am Sonntag“.
Ein bisschen weniger Feindseligkeit
Der ZMD-Vorsitzende Aiman Mazyek erklärte sein Bedauern über das Scheitern der Gespräche. „Dass eine deutsche Partei in ihrem Programm ganz offiziell Position bezieht gegen eine der Religionsgemeinschaften unseres Landes, das hat uns mehr als bestürzt“, so Mazyek. Es erinnere an die „dunkelste Geschichte des Landes“. Mazyek hatte vor einem Monat bereits gesagt, zum ersten Mal seit Hitler-Deutschland gebe es eine Partei in Deutschland, die eine ganze Religionsgemeinschaft diskreditiere und sie existenziell bedrohe.
Der Zentralrat habe eine paar sehr „ernste“ Fragen an die AfD gerichtet, deren Grundlage das Grundgesetz sei. Diese gelte es weiterhin zu klären. Mazyek warf der AfD vor, sie schüre Vorurteile gegen Muslime und übertrage extremistische Positionen von „Islamisten“ auf alle Muslime. Ihre Haltung sei „der Bruch eines gesellschaftlichen Konsens“ und stelle eine „große Gefahr für unser Land“ dar, so Mazyek.
Weiter appellierte Mazyek an die demokratischen Parteien, die AfD nicht zu kopieren oder sie nachzuahmen. „Einige Oberen in den Parteien haben insgeheim Angst wie das Kaninchen vor der Schlange vor der AfD und meinen, sie müssen irgendwie was Ähnliches machen“, sagte Mazyek der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Bei der AfD „handelt es sich aber nicht einfach um ein Spektakel, hier geht es um Gedanken und Vorstellungen, die sind nicht einfach nur krude, die sind verfassungsfeindlich.“ Dabei gehe es ihm nicht in erster Linie um Muslime oder den Islam, hier „geht es um unsere Republik, ob sie sich radikal in die eine gefährlich-falsche Richtung bewegt, oder nicht.“

Angst ist „ein Zerstörer“

Berlin (KNA). Nach Einschätzung des Politologen Herfried Münkler hat sich die politische Kultur in Deutschland durch die Pegida-Bewegung massiv gewandelt. „Pegida war ein Dammbruch“, sagte er der „Welt“ (20. Mai).
In der Hochburg der antiislamischen Demonstrationen, Dresden, gebe es einen „Opfermythos“ in Folge der Bombenangriffe von 1945, so der Berliner Wissenschaftler weiter. „Die Vorstellung war: Wer das erlebt hat, der darf alles sagen, was andere sich nicht trauen würden.“ Diese Wirkung hätten viele Beobachter falsch eingeschätzt.
Grundsätzlich schwinde „die Präsenz, dass es eine Verhängnis in der deutschen Geschichte gibt“, so Münkler weiter. „Dieses ‘Nie wieder!’ langweilte irgendwann, da war eine Sättigung da, ein Überdruss.“
Die Generation, die sich noch stark mit der jüngeren Geschichte auseinandergesetzt habe, scheide nun aus dem Berufsleben und der Öffentlichkeit aus. „Was viele Generationen als ein Lernen aus der deutschen Geschichte rubriziert haben, wird mit großer Lust in den Dreck getreten“, kritisierte der Forscher.
Die Flüchtlinge seien in dieser Situation der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe. In der Folge hätten sich Unsicherheit und Ungewissheit ausgebreitet, „und das in einem Zustand tendenziell hoher Sicherheit.“ Angst sei jedoch „ein Politikzerstörer“, mahnte Münkler.

Ökonomie: Peking spielt die „islamische Karte“

Münster (exc). Zur Anwerbung von Investoren aus arabischen Ländern präsentiert sich die Volksrepublik China nach einer Studie aus dem Exzellenzcluster „Religion und Politik“ gezielt islamfreundlich. „Der chinesische Staat fördert in ausgewählten Regionen das ‘Label Islam’, um damit die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu arabischen Ländern zu verbessern, vor allem zu Erdöl exportierenden Staaten“, erläutert die Islamwissenschaftlerin und Sinologin Dr. Frauke Drewes.
Gegenüber potentiellen muslimischen Investoren werde der Islam als Gemeinsamkeit herausgestellt. „Das kommunistische China unterstützt besonders die muslimische Minderheit der Hui-Chinesen, um das Image als ‘Land der Ungläubigen’ abzulegen“, so die Autorin der Dissertationsstudie „Orientalisiert – Kriminalisiert – Propagiert?“ aus dem Ergon Verlag. Drewes untersucht darin die komplexen Beziehungen zwischen der Minderheit der 20 Millionen Muslime in China sowie Staat und Mehrheitsgesellschaft.
Die Untersuchung, die unter der Leitung des Islamwissenschaftlers Prof. Dr. Thomas Bauer in der Graduiertenschule des Exzellenzclusters entstand, schließt eine Forschungslücke, da der Islam in China bisher islamwissenschaftlich und sinologisch kaum erforscht ist. Drewes führte für die Studie qualitative Interviews mit Muslimen und Nicht-Muslimen in Deutschland, China und Ägypten. Außerdem analysierte sie die Online-Ausgaben der chinesischen Tageszeitung „Renmin ribao“ (Volkszeitung), dem offiziellen Organ der Kommunistischen Partei Chinas, aus den Jahren 2003 bis 2011.
Uiguren stark benachteiligt
Die Untersuchungen ergaben, dass die Islam-Politik des chinesischen Staates keineswegs einheitlich ist: „Während die muslimische Gruppe der meist chinesisch-sprachigen Hui aus rein wirtschaftlichem Kalkül bevorzugt wird, werden die türkisch-sprachigen Uiguren, die nicht chinesisch-stämmig sind, aber ebenfalls muslimisch, massiv benachteiligt“, so Drewes.
„Einerseits wird die Provinz Ningxia, in der die Hui-Chinesen leben, gegenüber internationalen Partnern als ‘muslimische Region’ vermarktet und zum Ausgangspunkt für den Handel mit arabischen Staaten gemacht. Andererseits werden die Uiguren in Xinjiang kriminalisiert und in der Ausübung der Religion behindert, etwa bei Pilgerfahrten nach Mekka und Medina.“ So sei in Xinjiang ein Kreislauf aus Protesten und Repression entstanden – aus Angst des Staates vor Extremismus und Separatismus, die das Land destabilisieren könnten.
Der Widerspruch im staatlichen Umgang mit den beiden Gruppen findet sich in der Haltung der Mehrheitsbevölkerung der Han-Chinesen wieder, wie die Befragungen ergaben. „Dass die Hui-Chinesen und die Uiguren gleichermaßen muslimisch geprägt sind, schützt letztere nicht vor Diskriminierungen.“
Ausschließlich die Hui dienen China in internationalen Kontakten dazu, das Wohlergehen der Muslime im eigenen Land und die Religionsfreiheit herauszustellen, um sich als Freund der Muslime weltweit zu zeigen.
Die Strategie, in internationalen Beziehungen die „islamische Karte“ zu spielen, geht der Studie zufolge auf. „Investoren, Handelspartner und Ölexporteure aus islamischen Staaten lassen sich auf die Show ein und besuchen ,islamische Projekte‘ in der Vorzeigeregion Ningxia“, so die Sinologin. „Hier entstehen gigantische Projekte: eine komplette ,islamische Stadt‘ sowie für muslimische Länder interessante Wirtschaftszweige, wie der Handel mit halal-Lebensmitteln oder mit islamischen Gebrauchsgegenständen“. Selbst die Olympischen Spiele 2008 seien genutzt worden, um das Bild des Muslim-freundlichen Chinas zu propagieren.
Ungewolltes Ergebnis: Religiosität wächst
„Ein ungewolltes Ergebnis dieser politisch und wirtschaftlich motivierten Aktivitäten ist das wachsende Interesse am Islam in der Region und eine ansteigende Religiosität“, erläutert die Autorin. „Das geht nicht nur auf die staatliche Unterstützung des Islams zurück, sondern auch darauf, dass neue arabische Geschäftspartner nicht selten Spenden für religiöse Einrichtungen mitbringen, etwa für Moscheen. China nimmt diesen Kontrollverlust angesichts der wirtschaftlichen und politischen Vorteile in Kauf.“
Die Studie mit dem Untertitel „Die Position von Muslimen in Gesellschaft und Politik der Volksrepublik China heute“ ist in der Ergon-Reihe „Religion und Politik“ erschienen, die der Exzellenzcluster herausgibt. Die Autorin verknüpft mit der Befragung von Muslimen und Nicht-Muslimen sowie der Analyse staatlicher Medien die Insider-Perspektiven verschiedener Mehrheits- und Minderheitengruppen mit der politisch beeinflussten Mediendarstellung. Diese sei oftmals von einer „islam-freundlichen Rhetorik“ geprägt. „Die ‘Volkszeitung’ in China vermeidet regelrecht, den Islam oder Muslime mit dem Terrorismus oder anderen negativ besetzten Begriffen in Verbindung zu bringen.“
Frauke Drewes war von April 2010 bis Januar 2014 Doktorandin an der Graduiertenschule des Exzellenzclusters „Religion und Politik“. Seit November 2015 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK). (mit/ska/vvm)

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Langjährige Forderung wird umgesetzt

Berlin (KNA). Mit Blick auf zunehmende Hasspropaganda gegen Muslime soll die Polizei nach Medieninformationen von 2017 an speziell islamfeindliche Straftaten erfassen. Eine von der Innenministerkonferenz beauftragte Arbeitsgruppe von Polizeiexperten aus Bund und Ländern hat empfohlen, das Definitionssystem „Politisch Motivierte Kriminalität (PMK)“ um diesen Tatbestand zu erweitern, wie der „Tagesspiegel“ (12. Mai) berichtet.
Erfasst werden sollen danach künftig zudem christenfeindliche und antiziganistische Delikte, also Straftaten gegen Sinti und Roma. Die Minister würden im Juni bei ihrer Tagung im saarländischen Mettlach vermutlich die Spezialisierung der PMK beschließen, hieß es danach im Umfeld der Innenministerkonferenz.
Unterdessen nimmt die Kriminalität von Neonazis und anderen Rechten in Deutschland offenbar weiter zu. In den ersten drei Monaten registrierte die Polizei nach vorläufigen Erkenntnissen danach 3.443 rechte Straftaten, darunter 299 Gewaltdelikte. 214 Menschen wurden verletzt. Die Polizei ermittele 1.572 Tatverdächtige, 66 Personen seien festgenommen worden. Neun hätten einen Haftbefehl erhalten.
Die aktuellen Werte seien schon jetzt höher als die vorläufigen Angaben, die die Polizei im ersten Quartal 2015 gemacht hatte. Damals berichtete die Regierung von 2.692 rechten Straftaten mit 151 Gewaltdelikten, bei denen mindestens 108 Menschen Verletzungen erlitten hatten.
Die Polizei erfasst zudem speziell antisemitische Delikte. Laut Bundesregierung wurden im 1. Quartal 2016 nach vorläufigen Erkenntnissen insgesamt 150 festgestellt, darunter fünf Gewalttaten. Fast alle Verbrechen ordnet die Polizei der rechten Kriminalität zu (145 Straftaten mit allen fünf Gewaltdelikten). Fünf Taten wurden von politisch motivierten Migranten verübt.
Bei einem antisemitischen Delikt war die ideologische Herkunft des oder der Kriminellen bislang nicht feststellbar. Die aktuellen Zahlen liegen leicht unter denen, die die Polizei vorläufig von Januar bis März 2015 gemeldet hatte. Laut Zeitung stammen die Zahlen aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion.