Fortschritt ohne Souverän? Zur Allianz zwischen Silicon Valley und Berliner Medienmacht
Die Allianz der Berliner Medienmacht mit dem Silicon Valley verspricht Fortschritt. Doch was bleibt von demokratischer Souveränität, wenn private Technologieunternehmen immer mehr Einfluss gewinnen?
Collage: IZ Medien (Hintergrund: Adobe Stock/Vordergrund: Cage Skidmore/Wikimedia Commons)
(iz). Berlin im Spätsommer 2026: Die Stadt steht unter der Spannung, die politischen Umbrüchen vorausgeht oder ihnen folgt. Nach den jüngsten Wahlen entladen sich auf Straßen, in Talkshows und in den Zirkeln der Hauptstadt die Polarisierungen einer tief gespaltenen Gesellschaft.
Das Ringen um Mehrheiten wirkt rauer, unversöhnlicher, erschöpfter als noch vor wenigen Jahren. Wer die politische Lage verstehen will, sollte jedoch den Blick nicht allein auf Berliner Wahlergebnisse richten.
Entscheidend ist auch die Metaebene der Macht: Während die Öffentlichkeit sich weiterhin im vertrauten Vokabular des demokratischen Wettbewerbs abarbeitet – Parteien, Programme, Koalitionen, Mehrheiten –, werden andernorts die Voraussetzungen einer Ordnung verhandelt, in der die gute alte Demokratie nicht mehr selbstverständlich das einzige Legitimationsprinzip ist.
Wenige Kilometer vom Regierungsviertel entfernt, im Axel-Springer-Hochhaus, verdichten sich solche Fragen zu einem bemerkenswerten Szenario. Dort traf europäische Medienmacht auf den radikalen Libertarismus des Silicon Valley. Die Verleihung des Axel Springer Awards an Peter Thiel war deshalb mehr als eine Auszeichnung für einen Unternehmer, Investor oder politischen Querdenker.
Sie ist ein Symbolereignis. Es zeigt, wie weit sich die ideologischen und ökonomischen Interessen einer transatlantischen Medienelite mit jener Technologiebewegung überlagern können, die den demokratischen Staat nicht nur reformieren, sondern in seiner bisherigen Gestalt verändern möchte.
Peter Thiel, milliardenschwerer Mitgründer von Palantir, hat aus seiner Skepsis gegenüber der westlichen Demokratie nie einen Hehl gemacht. Sein Satz aus dem Jahr 2009, er glaube „nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar sind“, verfolgt ihn bis heute.
Thiel hat später geltend gemacht, diese Formulierung werde verkürzt oder missverstanden. Das mag sein. Dennoch bleibt sie aufschlussreich, weil sie eine Denkfigur freilegt, die sein politisches und wirtschaftliches Wirken seit langem prägt: die Vorstellung, dass demokratische Gleichheit, gesellschaftlicher Ausgleich und individuelle Freiheit in einem unauflösbaren Konflikt stünden.
Natürlich ist damit nicht zwingend die offene Forderung nach Diktatur verbunden. Gefährlicher ist eine subtilere Verschiebung: Demokratie, mitsamt ihren problematischen Wahlergebnissen, erscheint nicht mehr als unvollkommene, aber unverzichtbare Form kollektiver Selbstregierung.
Sie wird zum System der Verzögerung, der Blockade und der Mittelmäßigkeit erklärt. Wahlen, Parlamente, Bürokratien und öffentliche Aushandlung gelten dann nicht als notwendige Elemente einer freien Ordnung, sondern als Probleme im Getriebe technologischer Beschleunigung.
Die politische Pointe formuliert sich in einer Art letztem Appell: Wer dem technologischen Fortschritt nicht zustimmt oder ihn verschläft, fördert auf Dauer das Wachsen der extremen Ränder.
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Thiel verkörpert diesen Typus des Metapolitikers nahezu idealtypisch. Als früher Förderer von Donald Trump, als Mentor und politischer Unterstützer von J. D. Vance und als einer der einflussreichsten Investoren im Umfeld der amerikanischen Rechten hat er nicht nur ökonomische Macht akkumuliert.
Er investiert in eine politische Neuordnung, die dem Staat zwar rhetorisch misstraut, seinen Sicherheitsapparat aber technologisch aufrüstet. Palantir steht dabei für eine Infrastruktur, die Datenanalyse, militärische Planung, Migrationskontrolle, Polizeiarbeit und Verwaltung miteinander verbindet.
Das Unternehmen verkauft nicht lediglich Software. Es verkauft eine bestimmte Vorstellung von Regierung: schnell, datengetrieben, zentralisiert und im Zweifel weniger an öffentlicher Kontrolle als an operativer Effizienz interessiert.
Die Erzählung vom unausweichlichen Kollaps
Thiel kleidet seine demokratiekritischen Reflexe häufig in die Sprache ökonomischer Sachzwänge. Ausgangspunkt ist ein Dilemma, das er in der Struktur moderner Wohlfahrtsstaaten erkennt: wachsende Staatsschulden, steigende Zinslasten, demografischer Druck, ausgedehnte Sozialversprechen und eine Steuerquote, die politisch kaum weiter erhöht werden könne.
Aus dieser Diagnose folgt bei ihm jedoch keine nüchterne Debatte über Prioritäten, Verteilung, Investitionen oder institutionelle Reformen. Stattdessen entsteht das Bild eines Systems, das unweigerlich in die fiskalische Erschöpfung treibt.
In diesem Narrativ ist die parlamentarische Demokratie strukturell unfähig, die Spirale zu durchbrechen. Weil Politikerinnen und Politiker auf Zustimmung angewiesen seien, müssten sie immer neue Ausgaben versprechen und Konflikte vertagen.
Die Demokratie produziert demnach ihre eigene Unregierbarkeit. Aus einer komplizierten, aber keineswegs unlösbaren politischen Frage wird so eine zivilisatorische Zwangslage. Die radikale Konsequenz liegt nahe: Wenn der Staat seine Probleme nicht mehr lösen kann, soll die Rettung von außen kommen – aus dem Markt, aus privaten Netzwerken, aus künstlicher Intelligenz, aus technischer Disruption.
Die Zerschlagung oder Umgehung bürokratischer Institutionen wird dann nicht als politische Entscheidung mit sozialen Kosten beschrieben, sondern als Notwendigkeit. Innovation erscheint als letzte Instanz der Geschichte, in Thiels Philosophie sogar als eine Bewegung gegen den „Anti-Christen“.
Die ideologische Kraft dieses Denkens ist nicht zu übersehen. Es ersetzt politische Urteilskraft durch eine angeblich objektive Logik der Beschleunigung. Wer gegen diese Logistik argumentiert, steht rasch unter Verdacht, rückwärtsgewandt, technikfeindlich oder verantwortungslos zu sein. Die Frage, wem technischer Fortschritt dient, wer über seine Ziele entscheidet und wer seine Risiken trägt, wird damit an den Rand gedrängt.
Fortschrittsglaube als politische Theologie
Wer den parallel veröffentlichten Dialog zwischen Peter Thiel und Mathias Döpfner (YouTube) verfolgt, begegnet einer Denkweise, die sich als Pragmatismus ausgibt, in ihrem Kern aber beinahe religiöse Züge trägt.
Es ist der Glaube an die erlösende Kraft der Technologie: an Innovation nicht als Mittel, sondern als geschichtliche Schicksalsmacht. Die Gesellschaft soll sich dieser Dynamik anpassen, nicht sie kontrollieren.
Diese Haltung ist keineswegs mit Technikoptimismus im gewöhnlichen Sinn zu verwechseln. Technikoptimismus kann politisch sein: Er kann auf bessere Infrastruktur, medizinischen Fortschritt, klimafreundliche Industrie oder neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe zielen.
Der hier sichtbar werdende Fortschrittsglaube ist anders gelagert. Er verbindet technische Beschleunigung mit einer tiefen Skepsis gegenüber demokratischer Selbstbegrenzung. Seine implizite These lautet: Nicht die Gesellschaft entscheidet über den Einsatz der Technik, sondern die technische Entwicklung bestimmt, welche Gesellschaft künftig noch möglich ist.
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Thiel begegnet Kritik an künstlicher Intelligenz oder an der Konzentration technologischer Macht entsprechend mit großem Misstrauen. Skepsis erscheint ihm nicht als demokratisches Korrektiv, sondern als „Stagnation“ in Form strategischer Selbstschwächung des Westens.
Wer bremse, so das wiederkehrende Argument, begünstige letztlich China und dessen autoritäre Konkurrenz. Der geopolitische Wettbewerb wird damit zum Argument gegen politische Vorsicht. Sicherheitsfragen, ethische Grenzen und gesellschaftliche Folgen sollen zurückstehen, weil Beschleunigung zur Voraussetzung nationaler Überlebensfähigkeit erklärt wird. Das ist ein vertrautes Muster.
In Zeiten des Systemwettbewerbs werden demokratische Verfahren gern als Luxus dargestellt, den man sich angesichts äußerer Bedrohungen nicht länger leisten könne. Doch gerade darin liegt die Gefahr. Wenn Demokratien ihre eigenen Formen der Beratung, Kritik und Rechenschaft als Schwäche behandeln, übernehmen sie bereits den Denkstil ihrer autoritären Gegner.
Die Neutralität der Technologie
Eine zentrale Stelle des Gesprächs liegt in Mathias Döpfners These, Technologie sei im Kern neutral; entscheidend sei allein, welchen politischen Zwecken Menschen sie unterwerfen. Das klingt zunächst plausibel. Ein Werkzeug kann retten oder verletzen, verbinden oder überwachen.
Doch bei komplexen digitalen Infrastrukturen greift diese Vorstellung zu kurz. Technologie existiert nicht im wertfreien Raum. Sie enthält Annahmen über Sichtbarkeit, Messbarkeit, Risiko, Effizienz und Kontrolle. Sie definiert, welche Daten erhoben werden, welche Kategorien als relevant gelten, welche Entscheidungen automatisiert, priorisiert oder unsichtbar gemacht werden.
Ein System, das Personen, Bewegungen, Kommunikationsmuster und Verhaltenswahrscheinlichkeiten analysiert, ist nicht bloß ein neutrales Instrument in fremder Hand. Es strukturiert die Wirklichkeit, die es zu erfassen vorgibt.
Das gilt in besonderem Maße für Unternehmen wie Palantir. Ihre Systeme sind auf die Auswertung großer Datenmengen und auf die Verknüpfung institutioneller Entscheidungsprozesse ausgerichtet: in Sicherheitsbehörden, Streitkräften, Geheimdiensten, Polizeiapparaten und großen Verwaltungen. Solche Infrastruktur verändert schleichend die Machtverhältnisse, selbst wenn sie formell unter demokratischer Aufsicht steht. Sie verschiebt Einfluss zu jenen, die über Datenzugang, technische Expertise, Rechenkapazität und proprietäre Systeme verfügen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob man diese Werkzeuge theoretisch „demokratisch umwidmen“ könnte. Sie lautet: Unter welchen Bedingungen bleibt eine Demokratie souverän, wenn zentrale Fähigkeiten des Staates von privaten Technologieunternehmen abhängen? Wer kontrolliert die Daten? Wer prüft die Modelle? Wer entscheidet über Fehlklassifikationen? Wer trägt Verantwortung, wenn algorithmische Systeme über Sicherheitsrisiken, Zugang zu Leistungen oder polizeiliche Prioritäten mitentscheiden? Das heißt – in der Zuspitzung all dieser Fragen –man muss beantworten, ob Technologie am Ende nicht Politik neutralisiert.
Döpfner warnt mit Recht vor dem weltweiten Vormarsch autoritärer Politik und vor den Gefahren von Links- und Rechtsextremismus. Damit hat er Recht. Doch die Bedrohung der Demokratie kommt nicht nur aus Parteien, Bewegungen oder offen antiliberalen Regimen.
Sie kann auch aus einer technologischen Konzentration von Macht entstehen, die sich unterhalb der klassischen politischen Arena vollzieht. Technologische Autokratie muss nicht mit Uniformen, Parteisymbolen oder der Abschaffung von Wahlen beginnen.
Sie kann als Effizienzreform auftreten, als Sicherheitsversprechen, als scheinbar alternativlose Modernisierung. Der Sieg gegen linke oder rechte Extremisten endet nicht automatisch in einer Erneuerung der Demokratie.
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Faust und die verdrängte Tragödie
Inmitten dieses technologischen Absolutismus wird Thiel gern als intellektueller Grenzgänger inszeniert. Dem deutschen Publikum wird er als Goethe-Leser und „Faustianer“ vorgestellt. Für ihn verkörpert insbesondere der späte Faust den Menschen, der dem Meer neues Land abgewinnt: eine Figur titanischer Tatkraft, die das Vorgefundene nicht akzeptiert, sondern umgestaltet.
Es ist leicht zu verstehen, weshalb diese Figur auf einen Unternehmer des Silicon Valley anziehend wirkt. Faust steht für das Versprechen, Grenzen zu überschreiten, Natur zu beherrschen, Trägheit zu überwinden und die Welt durch Wissen und Willenskraft neu zu ordnen.
In dieser Lesart wird Goethe zum Kronzeugen eines Fortschrittsbegriffs, der sich selbst kaum noch Grenzen setzt. Doch diese Lektüre unterschlägt das Zentrum der Tragödie. Thiel liest Goethe, aber er liest ihn selektiv. Im fünften Akt des Faust II ist die Vertreibung und Tötung von Philemon und Baucis kein bedauerlicher Zwischenfall am Rand eines großen Modernisierungsprojekts.
Sie markiert dessen moralischen Kern. Fausts Landgewinnung verlangt die Beseitigung dessen, was sich seinem Blick auf totale Verfügung widersetzt: Erinnerung, Eigentum, lokale Bindung, religiöse Erfahrung, das Recht, nicht Teil eines großen Plans werden zu müssen. Philemon und Baucis stehen für mehr als sentimentale Vergangenheit.
Sie verkörpern eine Grenze des Fortschritts. Ihre Vernichtung zeigt, dass Modernisierung, sobald sie keine Gegenrechte mehr anerkennt, in Gewalt umschlagen kann. Goethe beschreibt nicht einfach den Triumph menschlicher Gestaltungskraft; er beschreibt ihre Dialektik. Der Fortschritt gewinnt Raum und verliert Maß.
Gerade darin liegt die Blindstelle des modernen Tech-Libertarismus. Er feiert den faustischen Drang, ignoriert aber dessen Kosten. Er bewundert die Beschleunigung, unterschätzt jedoch die Zerstörung sozialer, kultureller und politischer Voraussetzungen, die nicht in Effizienzkennzahlen eingehen.
Was im Jargon der Disruption als „Legacy“ erscheint – Institutionen, Regeln, Verfahren, lokale Bindungen, demokratische Langsamkeit –, kann in Wahrheit die Infrastruktur der Freiheit sein.
Das Kalkül der Medienmacht
Dass Mathias Döpfner Peter Thiel auf offener Bühne als mutigen Widerspruchsgeist feiert, dürfte daher kaum einem bloßen Missverständnis entspringen. Dahinter steht ein strategisches Kalkül. Für einen Medienkonzern, der mit „Politico“ tief im amerikanischen Markt verankert ist und seine Position im transatlantischen politischen Betrieb ausbauen will, ist Thiel eine hochrelevante Figur: Investor, Netzwerker, Ideengeber und Zugangspunkt zu Teilen des republikanischen Machtzentrums.
Und dezent fällt der Hinweis, dass Europa nur mit der Technologie der Amerikaner den verlorenen Kampf um die Daten kompensieren kann. Die Allianz ist dabei weniger harmonisch, als sie auf den ersten Blick wirkt. Sie beruht gerade auf produktiven Spannungen.
Döpfner kann das eigene Haus als bürgerlich-konservatives Bollwerk gegen einen vermeintlich linken Mainstream inszenieren. Die gemeinsame Überzeugung erinnert an eine alte Losung: Freiheit, statt Sozialismus. Thiel liefert dazu die Aura des Unangepassten, des intellektuellen Provokateurs, der gegen die Konventionen von Medien, Universitäten und Verwaltungsstaat aufbegehrt.
Aus dieser Verbindung entsteht eine kulturkämpferische Erzählung: Hier die mutigen Verteidiger der Freiheit, dort die erstarrte, moralisierende, regulierungsfreudige Mehrheit. Das Problem besteht darin, dass Freiheit in diesem Vokabular – unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts – zunehmend ihre politische Bedeutung verliert.
Freiheit wird nicht mehr als gleiche Möglichkeit verstanden, am Gemeinwesen mitzuwirken und Macht zu kontrollieren. Sie erscheint vor allem als Freiheit derjenigen, die über Kapital, Infrastruktur, Daten und Reichweite verfügen. Die Freiheit des Unternehmers wird gegen die demokratische Souveränität der Bürger ausgespielt.
Nicht zufällig wenden sich am Ende des Gesprächs Döpfner und Thiel einem weiteren Lieblingsmotiv des Silicon Valley zu: dem ewigen Leben, oder zumindest seiner technologischen Verlängerung. Auch hier verbindet sich Zukunftsoptimismus mit dem Wunsch, die menschliche Bedingtheit selbst als technische Herausforderung zu behandeln. Krankheit, Alter, Tod – alles soll perspektivisch nicht mehr Schicksal sein, sondern Problem des Managements, der Forschung und des Kapitals.
Man kann darin die radikalste Form derselben politischen Philosophie erkennen. Wo selbst die Endlichkeit des Menschen als überwindbares Hindernis erscheint, wird jede Form von Begrenzung verdächtig.
Die demokratische Idee lebt jedoch nicht von der Fantasie unbegrenzter Verfügung. Sie lebt von der Einsicht, dass Macht begrenzt, verteilt und kontrolliert werden muss – gerade, weil Menschen fehlbar, sterblich und voneinander abhängig sind.