Repräsentationen, die über dich herrschen (4)

Beruf, Ideologie, religiöse Autorität oder der Anspruch, immer recht zu haben: Dieser Essay fragt, wann solche Repräsentationen Orientierung geben – und wann sie über den Menschen zu herrschen beginnen. Über Beigesellung als stille Bindung an das, was Identität, Angst und Leben bestimmt.

25.09.2026 .Redaktion 4 Min. Lesezeit
intelligenz Repräsentationen

Foto: fotofabrika/Adobe

(iz). Auch das kennst du. Wenn der Beruf zum alleinigen Lebensmittelpunkt wird. Er bedeutet dann nicht nur Einkommen und Status, sondern auch Sinn, Struktur und Selbstwert. Von Larbi Dhaouadi

Alles – deine Zeit, deine Beziehungen, dein Körper, dein Gewissen – wird ihm untergeordnet. Dein Gedanke dabei: Ohne meine Arbeit bin ich nichts. Die Sonne umfasst dein Leben – und beginnt es gleichzeitig zu verschlingen.

Oder wenn Ideologien und totalitäre Weltanschauungen alles einordnen: die Geschichte, die Gesellschaft und die Moral. Die Sonne schafft Sinn – duldet aber keine Konkurrenz. Jeder Zweifel wird zur Bedrohung, zum Verrat oder zum Zeichen von Schwäche.

Oder wenn Religion zum absoluten Maßstab wird: Alles ist entweder halal oder haram, richtig oder falsch, gläubig oder ungläubig. Die Sonne gibt Orientierung – kann aber ebenso stark verblenden.

Oder wenn du als Vater, Vorgesetzter oder Vorbild Verantwortung trägst. Andere orientieren sich an dir. Du denkst: Wenn ich schwach bin, fällt alles zusammen. Die Sonne hält Ordnung aufrecht – erlaubt aber keine Verletzlichkeit.

Oder wenn du überzeugt bist, immer auf der richtigen Seite zu stehen und im Namen des Guten zu handeln. Dann erscheinen dir andere naiv, böse oder rückständig. Die Sonne wärmt dich – sie kann dich aber auch innerlich verbrennen.

Die Sonne ist deshalb so überzeugend, weil sie Leben erst ermöglicht. Sie wirkt nicht nur punktuell – sie durchdringt alles. Und genau das macht sie gefährlich. Denn wer sie infrage stellt, gefährdet scheinbar alles. Dieser Schritt ist der härteste. Denn auch hier erkennt Abraham: Selbst das Größte und Mächtigste unterliegt Bedingungen – und kann seine Wirkung verlieren.

Denn auch sie geht unter. Und genau deshalb kann sie nicht Gott sein. Auch du solltest damit beginnen, jede Macht, jede religiöse Autorität und jede ideologische Gewissheit – so überzeugend sie auch wirkt – infrage zu stellen. Sie sind nicht per se falsch. Aber sie sind keine unbedingten Träger. Sie dürfen ordnen – aber sie dürfen niemals absolut werden.

Nachdem Abraham die Wirkung von Planet, Mond und Sonne in sich erkannt und durchschaut hat, sagt er sich schließlich von allem los (Vers 78). Dabei handelt es sich nicht um einen äußeren Bruch, sondern um eine innere Befreiung von allem, woran er sich bisher festgehalten hat. Nicht Planet, Mond und Sonne sind das eigentliche Problem. Sie sind Teil der Lebenswirklichkeit, die Orientierung überhaupt erst ermöglichen – und haben darin ihre Berechtigung. Entscheidend ist die innere Gewichtung:

Nämlich dann, wenn du dich um jeden Preis an etwas festklammerst, das seine Wirkung auf dich längst verloren hat.

Abraham übernimmt Verantwortung für seine innere Orientierung – und löst jede stille Abhängigkeit in sich. Lossagung ist der Moment, in dem er erkennt: Er hat im Außen gesucht, was ihn im Inneren tragen sollte – und dabei mehr gegeben, als er je empfangen hat. Diese Einsicht ist schmerzhaft. Denn es tritt nichts sofort an ihre Stelle. Was bleibt, ist ein innerer Leerraum. Und genau dieser Leerraum ist der eigentliche Abgrund.

Du schlägst dein Buch kurz zu und richtest deine Aufmerksamkeit – mit Schweißperlen auf der Stirn – auf den Abgrund direkt neben dir.

Doch das Beispiel Abrahams gibt dir Kraft. Du liest seine Geschichte – und beginnst, sie zu begreifen. Nicht nur, weil du mittlerweile Parallelen zu deinem Leben erkennst, sondern auch, weil du dich – wie Abraham – von allem lossagst, was in deinem Umfeld zur Beigesellung (Schirk) wird. Beigesellung – ein Begriff, der mehr mit deinem Leben zu tun hat, als du vielleicht denkst.

Denn Beigesellung ist nicht das, was du sagst. Es ist das, was über dich bestimmt. Was dir sagt, wer du bist. Was dir vorgibt, wie du zu leben hast. Und wovor du Angst hast, es zu verlieren. Genau hier entscheidet sich, woran du dich wirklich bindest – und wovon du dich lösen musst.

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