Repräsentationen, die über dich herrschen (3)

Repräsentationen, die über dich herrschen: Im dritten Teil seiner Essayreihe deutet Larbi Dhaouadi Abrahams Suche nach Gott als Weg aus falschen Sicherheiten.

27.08.2026 .Redaktion 7 Min. Lesezeit
Männlichkeit Repräsentationen essay

Foto: Freepik.com | Lizenz: Freepik License

(iz). Durch die qur’anische Figur Abraham, Allah schenke ihm Frieden, wird ein innerer Prozess illustriert – eine Anleitung für dich, wie du damit beginnst, dein altes Leben hinter dir zu lassen. Durch eine Einsicht, zu der nur du selbst kommen kannst. Durch das Finden eines inneren Schalters, der dir sagt: So kann es nicht mehr weitergehen. Und durch eine innere Distanzierung von leeren Trägern, die dir das Leben schwer machen. Doch was bleibt dann von dir übrig – entblößt vor dem Spiegel? Und vor allem: Wer steht dir dann eigentlich noch zur Seite, wenn du dich von Menschen entfernst, die dir nicht guttun – im Beruf, im Freundeskreis oder vielleicht sogar in der Familie? Auf wen ist noch wirklich Verlass? Du überlegst. Du grübelst, während das Knistern des Lagerfeuers an deinem Rastplatz lauter scheint als je zuvor.

Foto: Freepik | Lizenz: Freepik License (gewerblich, Namensnennung erforderlich)

Mit der Zeit kommt dir ein neuer Gedanke: Du bist allein an deinem Rastplatz. Du hast den Weg hierher selbst gefunden. Und du musst ihn selbst verantworten. Keiner hat ihn dir gezeigt. Also muss es wohl dein Schicksal sein, für immer allein zu bleiben.

Dann wiederum denkst du dir: Ist dieser Gedanke – der Glaube, dass Einsamkeit und Hilflosigkeit dein Schicksal sind – Allahs Stimme in dir? Oder gehört er zu jenen anderen Stimmen, die das innere Feuer in dir wieder zum Lodern bringen? Du schlägst nun Sure 6, Verse 74-79 auf. Dort geht es wieder um Abraham. Diesmal aus einer anderen Perspektive. Sie illustriert die Suche nach einem Gott, der dir nicht mehr von außen vorgegeben wird, sondern dem du im Inneren begegnen kannst. Ein Gott, der dir Halt gibt – und dich zu dir selbst zurückführt. Du findest ihn jenseits von allem, was dir über ihn vermittelt wurde, indem du dich von dem löst, worin du ihn bisher zu finden glaubtest. Abraham ist diesen Weg schon gegangen – noch bevor er seinem Volk gegenübertrat. Er löste sich aus dem, worin er aufgewachsen war – und ließ die Überzeugungen, Glaubenssätze und Konventionen hinter sich, die er übernommen hatte. Er ging ins Unbekannte. In etwas Neues. In etwas, das sich ihm erst noch zeigen musste. Er war auf der Suche nach einem neuen Halt im Leben. Nach einer Stütze, auf der er sich mit gutem Gewissen verlassen konnte. Nach dem Lebendigen, der zuhörte, wenn er spricht. Dem er sich anvertrauen kann, wenn er sein Leid mitteilt. Der ihm Klarheit schenkt, die er braucht, sein Leben zu verstehen. Der ihm selbst dann bedingungslos zur Seite steht, wenn sich das gesamte Umfeld gegen ihn wendet.

Die Geschichte in Sure 6 beginnt mit einer einleitenden Frage, die dir inzwischen vertraut ist: Nehmt ihr euch etwas zu einer Autorität, das stumm, leblos und reaktionslos ist? Dann geht Abraham hinaus. Die Nacht bricht über ihn hinein. Er entdeckt am Himmel einen leuchtenden Planeten. Die Nacht ist nicht zufällig. Sie ist dein Zustand. Dein Rastplatz. Der Moment nach dem alten Leben – aber vor einer neuen Ausrichtung. Der Moment, in dem Rollen nicht mehr tragen, Masken brüchig werden und scheinbare Gewissheiten ihre Selbstverständlichkeit verlieren. So, wie du nicht ohne Grund an deinem Rastplatz sitzt, befindet sich Abraham am Anfang nicht zufällig in der Nacht. Somit ist die Nacht der Zustand der existenziellen Orientierungslosigkeit – der Moment, in dem du entblößt vor dem Spiegel stehst.

Foto: Freepik.com | Lizenz: Freepik License (gewerblich, Namensnennung erforderlich)

Der Planet ist die erste Orientierung auf dem Weg. Das erste Versprechen. Die erste Identifikationsmöglichkeit. Er ist zwar klein – aber auffällig und faszinierend im Dunkeln. Als Abraham ihn entdeckte, zögerte er nicht lange. Er folgt ihm. Und machte ihn zu seinem Herrn. Gott tadelt ihn interessanterweise nicht. Das ist entscheidend. Dieser Drang ist kein Fehltritt. Er ist Ausdruck einer echten Sehnsucht. Abraham ist auf der Suche nach Klarheit, Hoffnung und Sicherheit im Leben. Und dem, was leuchtend, sichtbar und stabil erscheint, folgt er nunmal. Der Planet ist kein Götze im klassischen Sinn, sondern – genauso wie später Mond und Sonne – ein inneres Bedürfnis in äußerer Form. Ein Versuch, das Innere durch das Äußere zu beruhigen.

Du kennst solche Momente. Wenn du erschöpft, innerlich leer und orientierungslos bist – und dann ein Lob von deinem Chef, einen erfolgreichen Abschluss, ein Like auf Instagram oder ein Kompliment für deine Kompetenz erhältst, denkst du dir: Wow, das muss es sein. Der Planet-Effekt ist hierbei eine punktuelle Aufhellung – abhängig vom nächsten Moment der Bestätigung. Oder wenn du einmal ganz intensiv betest, einen bewegenden Vortrag hörst oder eine spirituelle Träne vergießt. Du denkst dir: Jetzt bin ich Gott nah. Doch dieses Einmalerlebnis ist keine Neuordnung des Lebens und keine nachhaltige Ausrichtung.

Oder wenn du vor der Komplexität des Lebens stehst – voller Widersprüche und Unsicherheit – und dann eine klare Meinung hörst, ein einfaches Weltbild entdeckst oder einen Schuldigen findest, der für alles verantwortlich sein soll. Dann denkst du dir: Jetzt verstehe ich alles. Der Planet-Effekt gibt dir eine Richtung – aber keine Tiefe und keine Selbstprüfung.

Der Planet wirkt deshalb so verführerisch, weil er niederschwellig ist, sofort wirkt und keine innere Veränderung verlangt. Der Planet sagt dir: Nimm einfach das hier. Das ist seine Macht. Doch Abraham erkennt: Was mich nur punktuell stabilisiert, kann mich nicht auffangen. Ich liebe nicht, was untergeht. Und auch du musst dir die Frage stellen: Wer bin ich ohne Planet-Effekt? Ist das, was ich wahrnehme ein Planet – oder ein Fundament, das mich wirklich tragen kann?

Dann entdeckt Abraham den Mond – größer, ruhiger und regelmäßiger als sein Vorgänger – und gerade deshalb auch mächtiger. Er steht nicht für schnellen Halt, sondern für Verlässlichkeit durch Wiederholung. Er strukturiert Zeit, Monate, Jahreszeiten, Rituale und Gemeinschaften und steht für Tradition, Kultur, religiöse Praxis, Zugehörigkeit und soziale Anerkennung. Der Mond gibt Orientierung – sie ist aber nur geliehen. Denn er leuchtet nicht aus sich selbst. Abraham folgt ihm. Und auch hier erkennst du dich wieder – in den Regeln, Sitten und Bräuchen deines Umfelds.

Foto: famveldman, Adobe Stock | Lizenz: Adobe Stock, erworben

Wenn zum Beispiel die Familie als Identitätsanker wirkt: Du weißt, wer du bist, was von dir erwartet wird und welche Rolle du spielen sollst. Es ist nicht immer einfach – aber es ist vertraut. Und deshalb machst du mit, selbst wenn es zu deinem eigenen Nachteil ist. Der Mond trägt durch Gewohnheit und stabilisiert durch Zugehörigkeit. Doch: Familie gibt Halt – bedeutet aber nicht automatisch Wahrheit.

Oder wenn religiöse Praxis deinen Rhythmus vorgibt: Wenn du betest, fastest, Feste feierst oder Rituale befolgst. Sie strukturieren dein Leben und deine Rolle in der Gemeinschaft. Doch wenn das Licht geliehen ist, kann die Praxis leer werden.

Oder wenn deine Kultur sagt: So macht man das. Das gehört sich so. Das war schon immer so. Der Mond nimmt dir Entscheidungen ab – und sagt dir, wie man sein soll. Doch Tradition kann tragen – und gleichzeitig aushöhlen.

Oder wenn du Teil einer Gemeinschaft bist, die dich schützt: die Moschee, der Verein oder die Clique. Du gehörst dazu, bist gesehen und fühlst dich bestätigt. Der Mond schützt vor Einsamkeit und formt deine Identität. Gemeinschaft kann Orientierung geben – und sie zugleich verhindern.

Der Mond ist deshalb so verführerisch, weil er verlässlich ist. Er kehrt immer wieder. Er überfordert nicht. Er hinterfragt nicht. Er verlangt Anpassung und Wiederholung – verhindert aber Selbstprüfung und innere Klärung. Abraham erkennt: Auch das Vertraute kann abhängig sein – und seine Wirkung verlieren. Das, was Ordnung gibt, kann untergehen. Daraufhin sagte Abraham: Wenn selbst das mich nicht dauerhaft trägt, werde ich mein Ziel nie erreichen.

Und wenn selbst der Mond nicht reicht, bleibt nur noch das, was alles bestimmt, was Leben erst ermöglicht. Es ist die Sonne. Sie verspricht eine absolute Ordnung. Sie ist überwältigend, lebensspendend, dominant – und scheinbar absolut. Hier wird es besonders spannend. Sie steht für die höchste Autorität, für eine Wahrheit, die mit Macht einhergeht. Für eine Ordnung, die keinen Widerspruch duldet. Sie steht für Systeme, die alles erklären, für Götter, Ideologien und Imperien. Die Sonne ist real wirksam. Sie sagt: Ohne mich geht nichts. Und genau deshalb ist sie auch gefährlich. Denn sie blendet. Sie beansprucht Totalität und duldet keinen Nachbarstern. Menschen ordnen sich ihr unter. Sie rechtfertigt Macht – und erzeugt Loyalität.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert