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Repräsentationen, die über dich herrschen (3)

Männlichkeit Repräsentationen essay

Repräsentationen, die über dich herrschen: Im dritten Teil seiner Essayreihe deutet Larbi Dhaouadi Abrahams Suche nach Gott als Weg aus falschen Sicherheiten.

(iz). Durch die qur’anische Figur Abraham, Allah schenke ihm Frieden, wird ein innerer Prozess illustriert – eine Anleitung für dich, wie du damit beginnst, dein altes Leben hinter dir zu lassen. Durch eine Einsicht, zu der nur du selbst kommen kannst. Durch das Finden eines inneren Schalters, der dir sagt: So kann es nicht mehr weitergehen. Und durch eine innere Distanzierung von leeren Trägern, die dir das Leben schwer machen. Doch was bleibt dann von dir übrig – entblößt vor dem Spiegel? Und vor allem: Wer steht dir dann eigentlich noch zur Seite, wenn du dich von Menschen entfernst, die dir nicht guttun – im Beruf, im Freundeskreis oder vielleicht sogar in der Familie? Auf wen ist noch wirklich Verlass? Du überlegst. Du grübelst, während das Knistern des Lagerfeuers an deinem Rastplatz lauter scheint als je zuvor.

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Mit der Zeit kommt dir ein neuer Gedanke: Du bist allein an deinem Rastplatz. Du hast den Weg hierher selbst gefunden. Und du musst ihn selbst verantworten. Keiner hat ihn dir gezeigt. Also muss es wohl dein Schicksal sein, für immer allein zu bleiben.

Dann wiederum denkst du dir: Ist dieser Gedanke – der Glaube, dass Einsamkeit und Hilflosigkeit dein Schicksal sind – Allahs Stimme in dir? Oder gehört er zu jenen anderen Stimmen, die das innere Feuer in dir wieder zum Lodern bringen? Du schlägst nun Sure 6, Verse 74-79 auf. Dort geht es wieder um Abraham. Diesmal aus einer anderen Perspektive. Sie illustriert die Suche nach einem Gott, der dir nicht mehr von außen vorgegeben wird, sondern dem du im Inneren begegnen kannst. Ein Gott, der dir Halt gibt – und dich zu dir selbst zurückführt. Du findest ihn jenseits von allem, was dir über ihn vermittelt wurde, indem du dich von dem löst, worin du ihn bisher zu finden glaubtest. Abraham ist diesen Weg schon gegangen – noch bevor er seinem Volk gegenübertrat. Er löste sich aus dem, worin er aufgewachsen war – und ließ die Überzeugungen, Glaubenssätze und Konventionen hinter sich, die er übernommen hatte. Er ging ins Unbekannte. In etwas Neues. In etwas, das sich ihm erst noch zeigen musste. Er war auf der Suche nach einem neuen Halt im Leben. Nach einer Stütze, auf der er sich mit gutem Gewissen verlassen konnte. Nach dem Lebendigen, der zuhörte, wenn er spricht. Dem er sich anvertrauen kann, wenn er sein Leid mitteilt. Der ihm Klarheit schenkt, die er braucht, sein Leben zu verstehen. Der ihm selbst dann bedingungslos zur Seite steht, wenn sich das gesamte Umfeld gegen ihn wendet.

Die Geschichte in Sure 6 beginnt mit einer einleitenden Frage, die dir inzwischen vertraut ist: Nehmt ihr euch etwas zu einer Autorität, das stumm, leblos und reaktionslos ist? Dann geht Abraham hinaus. Die Nacht bricht über ihn hinein. Er entdeckt am Himmel einen leuchtenden Planeten. Die Nacht ist nicht zufällig. Sie ist dein Zustand. Dein Rastplatz. Der Moment nach dem alten Leben – aber vor einer neuen Ausrichtung. Der Moment, in dem Rollen nicht mehr tragen, Masken brüchig werden und scheinbare Gewissheiten ihre Selbstverständlichkeit verlieren. So, wie du nicht ohne Grund an deinem Rastplatz sitzt, befindet sich Abraham am Anfang nicht zufällig in der Nacht. Somit ist die Nacht der Zustand der existenziellen Orientierungslosigkeit – der Moment, in dem du entblößt vor dem Spiegel stehst.

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Der Planet ist die erste Orientierung auf dem Weg. Das erste Versprechen. Die erste Identifikationsmöglichkeit. Er ist zwar klein – aber auffällig und faszinierend im Dunkeln. Als Abraham ihn entdeckte, zögerte er nicht lange. Er folgt ihm. Und machte ihn zu seinem Herrn. Gott tadelt ihn interessanterweise nicht. Das ist entscheidend. Dieser Drang ist kein Fehltritt. Er ist Ausdruck einer echten Sehnsucht. Abraham ist auf der Suche nach Klarheit, Hoffnung und Sicherheit im Leben. Und dem, was leuchtend, sichtbar und stabil erscheint, folgt er nunmal. Der Planet ist kein Götze im klassischen Sinn, sondern – genauso wie später Mond und Sonne – ein inneres Bedürfnis in äußerer Form. Ein Versuch, das Innere durch das Äußere zu beruhigen.

Du kennst solche Momente. Wenn du erschöpft, innerlich leer und orientierungslos bist – und dann ein Lob von deinem Chef, einen erfolgreichen Abschluss, ein Like auf Instagram oder ein Kompliment für deine Kompetenz erhältst, denkst du dir: Wow, das muss es sein. Der Planet-Effekt ist hierbei eine punktuelle Aufhellung – abhängig vom nächsten Moment der Bestätigung. Oder wenn du einmal ganz intensiv betest, einen bewegenden Vortrag hörst oder eine spirituelle Träne vergießt. Du denkst dir: Jetzt bin ich Gott nah. Doch dieses Einmalerlebnis ist keine Neuordnung des Lebens und keine nachhaltige Ausrichtung.

Oder wenn du vor der Komplexität des Lebens stehst – voller Widersprüche und Unsicherheit – und dann eine klare Meinung hörst, ein einfaches Weltbild entdeckst oder einen Schuldigen findest, der für alles verantwortlich sein soll. Dann denkst du dir: Jetzt verstehe ich alles. Der Planet-Effekt gibt dir eine Richtung – aber keine Tiefe und keine Selbstprüfung.

Der Planet wirkt deshalb so verführerisch, weil er niederschwellig ist, sofort wirkt und keine innere Veränderung verlangt. Der Planet sagt dir: Nimm einfach das hier. Das ist seine Macht. Doch Abraham erkennt: Was mich nur punktuell stabilisiert, kann mich nicht auffangen. Ich liebe nicht, was untergeht. Und auch du musst dir die Frage stellen: Wer bin ich ohne Planet-Effekt? Ist das, was ich wahrnehme ein Planet – oder ein Fundament, das mich wirklich tragen kann?

Dann entdeckt Abraham den Mond – größer, ruhiger und regelmäßiger als sein Vorgänger – und gerade deshalb auch mächtiger. Er steht nicht für schnellen Halt, sondern für Verlässlichkeit durch Wiederholung. Er strukturiert Zeit, Monate, Jahreszeiten, Rituale und Gemeinschaften und steht für Tradition, Kultur, religiöse Praxis, Zugehörigkeit und soziale Anerkennung. Der Mond gibt Orientierung – sie ist aber nur geliehen. Denn er leuchtet nicht aus sich selbst. Abraham folgt ihm. Und auch hier erkennst du dich wieder – in den Regeln, Sitten und Bräuchen deines Umfelds.

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Wenn zum Beispiel die Familie als Identitätsanker wirkt: Du weißt, wer du bist, was von dir erwartet wird und welche Rolle du spielen sollst. Es ist nicht immer einfach – aber es ist vertraut. Und deshalb machst du mit, selbst wenn es zu deinem eigenen Nachteil ist. Der Mond trägt durch Gewohnheit und stabilisiert durch Zugehörigkeit. Doch: Familie gibt Halt – bedeutet aber nicht automatisch Wahrheit.

Oder wenn religiöse Praxis deinen Rhythmus vorgibt: Wenn du betest, fastest, Feste feierst oder Rituale befolgst. Sie strukturieren dein Leben und deine Rolle in der Gemeinschaft. Doch wenn das Licht geliehen ist, kann die Praxis leer werden.

Oder wenn deine Kultur sagt: So macht man das. Das gehört sich so. Das war schon immer so. Der Mond nimmt dir Entscheidungen ab – und sagt dir, wie man sein soll. Doch Tradition kann tragen – und gleichzeitig aushöhlen.

Oder wenn du Teil einer Gemeinschaft bist, die dich schützt: die Moschee, der Verein oder die Clique. Du gehörst dazu, bist gesehen und fühlst dich bestätigt. Der Mond schützt vor Einsamkeit und formt deine Identität. Gemeinschaft kann Orientierung geben – und sie zugleich verhindern.

Der Mond ist deshalb so verführerisch, weil er verlässlich ist. Er kehrt immer wieder. Er überfordert nicht. Er hinterfragt nicht. Er verlangt Anpassung und Wiederholung – verhindert aber Selbstprüfung und innere Klärung. Abraham erkennt: Auch das Vertraute kann abhängig sein – und seine Wirkung verlieren. Das, was Ordnung gibt, kann untergehen. Daraufhin sagte Abraham: Wenn selbst das mich nicht dauerhaft trägt, werde ich mein Ziel nie erreichen.

Und wenn selbst der Mond nicht reicht, bleibt nur noch das, was alles bestimmt, was Leben erst ermöglicht. Es ist die Sonne. Sie verspricht eine absolute Ordnung. Sie ist überwältigend, lebensspendend, dominant – und scheinbar absolut. Hier wird es besonders spannend. Sie steht für die höchste Autorität, für eine Wahrheit, die mit Macht einhergeht. Für eine Ordnung, die keinen Widerspruch duldet. Sie steht für Systeme, die alles erklären, für Götter, Ideologien und Imperien. Die Sonne ist real wirksam. Sie sagt: Ohne mich geht nichts. Und genau deshalb ist sie auch gefährlich. Denn sie blendet. Sie beansprucht Totalität und duldet keinen Nachbarstern. Menschen ordnen sich ihr unter. Sie rechtfertigt Macht – und erzeugt Loyalität.

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Essay: Wenn Repräsentationen über uns herrschen

intelligenz Repräsentationen

Repräsentationen, die über dich herrschen. Teil 2 der Essay-Reihe von Larbi Dhaouadi (iz). Wir begegnen Ibraham zum ersten Mal in Sure 21 (Verse 51–73). Er steht seinem Volk gegenüber – […]

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Einsicht und das Ende des alten Lebens (1)

Essay leben larbi

Eine Essay-Reihe von Larbi Dhaouadi über Einsichten in das Leben und Zugänge zu einer authentischen Existenz.

(iz). Stell dir vor, du legst alles ab, was dich als Person je ausgemacht hat – wie Kleidungsstücke, die du jetzt einfach ausziehen würdest. Doch du merkst: Du hast große Schwierigkeiten dabei. Es geht nur mit allergrößter Anstrengung. Mit der Zeit haben sich diese Dinge festgesetzt. Sie engen dich ein. Sie sind schwer wie Blei geworden. Du nimmst all deine Energie zusammen und befreist dich Schritt für Schritt. Du legst deine Nationalität ab, deine familiären Bindungen, deine kulturelle Herkunft, deine religiöse Zugehörigkeit – alles. Du hättest keinen beruflichen Status mehr. Keine Verpflichtungen. Keine Rollen. Keine Masken. Du hast nichts mehr. Komplett entblößt stehst du vor dem Spiegel.

Wen erblickst du dort?

Welchen Wert gibst du dir – ohne all das?

Begegnest du dir auf Augenhöhe? Oder siehst du ein Nichts?

Innerlich leer – und ohne zu wissen, wie du mit dieser Person umgehen sollst? Oder schaust du dich an und spürst: Das bin ich?

Und jetzt stell dir eine ganz einfache Situation vor: Du liegst abends allein im Bett. Oder stehst morgens unter der Dusche. Kein TikTok, kein Gespräch, keine Ablenkung. Nur du selbst. Hältst du das aus? Oder greifst du nach wenigen Sekunden wieder zum Handy? Wenn du die Antwort für dich gefunden hast, dann geh noch einmal zurück zu dem, was du abgelegt hast. Sei radikal ehrlich. Was ­davon ist dir bisher wirklich von Nutzen gewesen? Was hat dich aufgefangen? Und was hat dich eher belastet? Was hat dir Kraft gegeben? Was hing an dir wie ein Klotz am Bein? Hast du vielleicht das Gefühl, dein Leben lang Dinge verteidigt zu haben, die du dir selbst nie ausgesucht hast? Dinge, die du nie wirklich geprüft hast?

Zieh alles auf den Prüfstand. Vielleicht wirst du merken, dass da Handlungsbedarf besteht. Und bevor es zu Missverständnissen kommt: Das heißt nicht, dass du jetzt alles aufgeben sollst. Du bist Teil einer Familie. Du trägst Verantwortung. Du gehst deinem Beruf nach – auch, um dieser Verantwortung gerecht zu werden. Und vieles davon willst du vielleicht auch gar nicht aufgeben. Du bist Muslim. Du glaubst. Du betest. Du liest vielleicht den Koran. Aber etwas kann sich verändern: Dein Bezug dazu – die Art und Weise, wie du darauf schaust. Auf deine Familie. Auf deinen Beruf. Auf deine Religion. Und du merkst: So, wie du bisher damit verbunden warst, hat es sich nie ganz wie deins angefühlt. Denn du sitzt nicht ohne Grund an deinem Rastplatz. Und wenn du noch einmal an den Moment vor dem Spiegel denkst, dann spürst du diesen Raum. Leer und unangenehm. Wie geht es also nun weiter?

Denk an die innere Stimme, die dich an deinen Rastplatz gebracht hat. Sie ist der Schlüssel. Und sie führt dich zu einer Geschichte. Zu einem Menschen, der alles infrage gestellt hat: Sein Name ist Abraham. Und wenn du jetzt denkst: Was hat meine Situation mit ihm zu tun? Er lebte vor Jahrtausenden. Er war ein Prophet. Ich bin ein einfacher Mensch. Das stimmt. Aber bevor er ein Prophet war, war er ein Mensch. Ein Suchender. Ein Zweifelnder. Ein Beobachtender. Vielleicht hast du diese Geschichte schon oft gehört. Vielleicht glaubst du sogar, du kennst sie. Aber wir werden sie jetzt anders lesen. So, als würdest du dich selbst darin suchen. Das, was du gleich lesen wirst, ist keine Wiederholung. Es ist eine Begegnung. Seine Geschichte zeigt: Authentizität beginnt nicht mit Wissen. Sie beginnt mit Wahrnehmung und Dankbarkeit. Und genau deshalb ist sie dir näher, als du vielleicht denkst. Wenn du seine Geschichte liest, wirst du erkennen, wie viel sie mit deinem eigenen Leben zu tun hat. Mit dem Punkt, an dem du jetzt stehst.

Du wirst sehen, warum.

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Darf im Himmel gelacht werden?

himmel gelacht lachen

Dialog über die Frage, ob im Himmel gelacht werden darf. Ein transzendentales Manifest von Peter Schütt.

(iz). In meiner hochbetagten Seniorenschreibwerkstatt lassen wir die sich häufenden aktuellen Krisen und Kriege lieber links liegen und wenden uns am liebsten dem uns viel näher liegenden Jenseits zu.

Unser diesseitiger Dialog verwandelt sich so in ein metaphysisches Kolloquium. Darf im Himmel gelacht werden? Mit dieser eher scherzhaft gemeinten Frage hat uns während unserer letzten Sitzung ausgerechnet unser Senior einigermaßen ratlos gemacht.

„Warum nicht?“, habe ich als Himmelstürsteher spontan geantwortet. Ausgerechnet unser Junior fällt mir ins Wort. Aber was gibt es im Himmel zu lachen? Ich stelle mir Euren Himmel ziemlich langwierig und langweilig vor, nichts als Beten und in die Knie gehen.

Unser wohlgemuter Senior, Thomas Mann versiert, stimmt ihm ausnahmsweise zu: „Ich kann Deine Abneigung verstehen: Ein Zauberberg für alle Ewigkeiten, ein Tag so lang, so langweilig wie der andere, gepflegte Langeweile von früh bis spät, das wäre auch nichts für mich.“

Ich falle beiden ins Wort. „Ich glaube, Ihr seid auf dem falschen Dampfer. Ihr verwechselt das Paradies mit einer in alle Zeit und Ewigkeit verlängerten Vorruhestandsregelung. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ihr verschlafenen Erdlinge werdet auferweckt zu einem neuen Leben, ein Leben jenseits aller von Erden vertrauten Langenweile, ein Leben mit lauter neuen Begegnungen, Erfahrungen und Erlebnissen.“

Ich träume davon, beim himmlischen Freitagsgebet meinem Propheten von Angesicht zu Angesicht zu begegnen.

Zwischenfrage unseres lachenden Dritten: „Ohne vor ihm in die Knie zu sinken? Ja, antworte ich, ich bevorzuge Augenhöhe. Im Paradies entfällt ja auch die Schwerkraft, die uns hier unten immer wieder nach unten zieht.“ – „Du meinst, da oben seid ihr schwerelos?“

„Nein, das nicht. Ich sage lieber: unbeschwert. Wir Menschenkinder tragen in uns ein unbändiges Verlangen, wir wollen grenzenlos leben, lieben und uns dem anderen hingeben. Unser Herz ist unersättlich, es kann im Endlichen nicht gesättigt werden. Es sehnt sich sehnsüchtig nach dem Himmelslicht. Ich möchte auch im Himmel immer wieder neue und andere Menschen kennen und lieben lernen. Und zu guter Letzt bin ich gespannt darauf, hoch oben Lebensgefährtinnen und Gefährten wieder zu treffen, die ich schon auf Erden liebgewonnen habe und auch auf der höchsten Erkenntnisstufe nicht vermissen möchte.“

Da fällt mir zuallererst meine patente Nachbarin Petra Quaas ein, die mich Schwerenöter nach einem brutalem Raubüberfall wie ein Schutzengel aus schwerster Not gerettet hat. Ich denke dankbar an meine Mutter, die Gott dazu ausersehen hat, mich mit dem ersten Licht dieser und der kommenden Welten zu erleuchten. Vorausschauend behalte ich auch meine eigenen Kinder und Kindeskinder im Auge. Ich möchte meiner Allerliebsten auf Erden noch einmal tränenfeuchtes Auges gegenübertreten. Sie hat mir, geborgen im Verborgenen, erste Vorahnungen der himmlischen Liebesfreuden anvertraut.

Ich freue mich darauf, meinem Himmelstüröffner Imam Razvi wieder zu begegnen und ihm Rede und Antwort zu stehen. Ihm gegenüber habe ich gerade noch zur rechten Zeit in der Hamburger Moschee, die den Namen meines Schutzheiligen Imam Ali trägt, mein Glaubensbekenntnis bekundet.

„Aber der“, fragt mich unser Werkstatt-Senior, „war nicht dein einziger Lehrer?“

Nein, nein, mein wichtigster Lehrer, nein, meine wichtigste Islamlehrerin, war und bleibt Annemarie Schimmel. Ihre Spuren findest Du in meinen Büchern, sie hat meinen Humor über den grünen Klee gelobt und mir zu guter Letzt auch noch eine weibliche Seele angedichtet.

* Angeregt durch einen Essay von Dr. Cemil Sahinöz in der Ausgabe April 2026 der „Islamischen Zeitung“.

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Vom Exil zur inneren Heimat: Die bewusste Fremdheit

Zuwanderung Ukraine heimat

Was bedeutet es, fern der Heimat zu leben, ohne innerlich entwurzelt zu sein? Diese Frage begleitet viele Menschen seit vielen Jahren – nicht als intellektuelle Übung, sondern als Erfahrung, die […]

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Die Worte der Extremisten: Sprache wird gewalttätig

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Gewalttätige Extremisten setzen Worte als Waffen ein. Eine neue Studie enthüllt sechs Taktiken, die sie anwenden. (The Conversation). Worte sind mächtige Werkzeuge. Gewalttätige Extremisten wissen das nur zu gut und […]

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„Die Tagespolitik frisst die Seele auf“

Tagespolitik

Jenseits der Tagespolitik im Jahre 2025. Über die Herausforderung, in einem stocksteifen Land westöstlich zu dichten.

(iz). „Deine Eltern sind bestimmt Akademiker? Als was arbeiten sie?“ – Diese Fragen höre ich seit meiner Studienzeit immer wieder. Einer meiner Lieblingssätze war der einen angehenden Juristin: „Niemand von uns kann es glauben, dass du derjenige bist, der solche Gedichte schreibt.“

In solchen Aussagen steckt ein Menschenbild, das den Europäer als fähig zu Kunst und Kultur betrachtet, aber Menschen mit Migrationshintergrund, alles muslimisch Gelesene, als unkultiviert ansieht. Immer wieder höre ich auch nach der Veröffentlichung meiner Gedichtsammlung „Der deutsche Diwan“ die scheinbar überraschende Feststellung: „Sie sprechen aber gut Deutsch.“ – 

Danke, Sie nicht. Sie sprechen wie Wieland, Goethe und Heine bereits feststellten nur stocksteif und herzlos: „Noch immer das hölzern pedantische Volk, / Noch immer ein rechter Winkel / In jeder Bewegung, und im Gesicht / Der eingefrorene Dünkel. // Sie stelzen noch immer so steif herum, / So kerzengrade geschniegelt, / Als hätten sie verschluckt den Stock / Womit man sie einst geprügelt.“ – Das sind die Deutschen, die Heine beschreibt und Wieland in seinem Roman „Die Geschichte der Abderiten“ karikiert.

Inmitten dieser Gesellschaft wurde ich nun zum Westöstlichen Poeten und greife das Erbe deutscher Klassiker auf. Denn Deutschland selbst tut es nicht. Mehr als archivieren und neu auflegen scheint die Gesellschaft nicht zu können. Ich wurde deshalb zum Poeten, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe, mich wie Heine von einem pedantischen Volk, das hölzern und stocksteif ist, prügeln zu lassen in der Öffentlichkeit.

Stattdessen dichte ich und erlange eine Freiheit, die vielen in unserer Gesellschaft leider fremd ist: „Frei will ich sein im Dichten und im Denken, / Im Handeln schränkt die Welt genug uns ein.“ – Wer sagte es? Ja, wer? Der Goethe in seinem Torquato Tasso. Aber mehr als Faust und Werther kennt die deutsche Gesellschaft von ihrem bedeutendsten Dichter und Denker, der zugleich Staatsmann und Biologe war, nicht. 

Inmitten dieser mangelnden Bildung wurde ich Dichter, um die Gesellschaft an ihre literarische Größe zu erinnern. Es ist möglich auf Deutsch herzlich zu sprechen, es ist möglich auf Deutsch, über Gefühle, Vernunft und Mitmenschlichkeit zu sprechen. In einer Zeit, in der jeder Gefühlsausdruck als „Gefühlsduselei“ bezeichnet wird, ist es eine Revolution, seine Wahrnehmung des Lebens künstlerisch auszudrücken.

Alle Arten von Menschen bezeichnen Kunst und Kultur als Luxus, auf den verzichtet werden kann. Was sie damit zu Wort bringen, ist ihr mangelndes Bewusstsein darüber, das Kunst und Kultur uns menschlicher machen können und sollen.

Die Tagespolitik frisst die Seelen der Menschen auf – ob Muslim, Christ, Jude oder Atheist. Tagespolitik zu verfolgen und zu funktionieren, sich selbst zu Wort zu melden; das gilt als realistisch.

Was haben die Menschen, die es seit 15 Jahren tun, aus unserer Welt gemacht? Erinnern wir uns an die Journalisten der Goethezeit oder an die Künstler? Wer hinterlässt die zeitlosen Werke, die Menschen zum Erstaunen bringen? Werke, die der Stolz einer Nation oder Gesellschaft sind? Diese rhetorischen Fragen sind der Grund, warum ich zum Poeten wurde. 

Meine Eltern sind einfachste Arbeiter in Küche und Werkstatt. Ihr Sohn wurde ausgelacht für sein schlechtes Deutsch und als Reaktion ging er in die Lehre bei Goethe. Und nun vermittelt ihr Sohn Goethes Denkstil. Und das ist nur möglich, wenn man selbst Gedichte macht, wie Goethe es nennt: Konsum muss zur Kreativität führen.

Das schreibt mein Mentor aus einer scheinbar fernen Vergangenheit. Ich wurde ausgelacht, werde noch immer zuweilen beleidigt, aber auch bewundert und eingeladen, denn Kunst und Kultur sind anziehend. In Kunst und Kultur werden menschliche Erfahrungen des Tagesgeschehens innerlich verarbeitet und verewigt.

Künstlerisch und kulturell tätig zu sein, ist der Ausdruck einer reichen Seele, die ihre bewahrt. Als Sohn von Migranten haben mir Kunst und Kultur meine Freiheit zurückgegeben.

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Mensch geworden in Indonesien

Indonesien

In ihrem Kurzessay über Indonesien schreibt Claudia Azizah Seise, wie sie dort „Mensch geworden“ ist. In Indonesien bin ich Mensch geworden. Dort habe ich erfahren, was es heißt, menschlich zu […]

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Nationalismus als Götzendienst

Nationalismus

Wie gehen gläubige Menschen mit Nationalismus um: Über die Entscheidung zwischen Religion und Nationalstaat.

(Renovatio). In der jüngsten US-Politik gibt es wachsende Besorgnis über den Aufstieg des christlichen Nationalismus, der Überzeugung, dass die USA seit ihrer Gründung ein im Wesentlichen christliches Land sind und daher eine vorbestimmte Rolle in der Geschichte zu spielen haben. Von William T. Cavanaugh

Christliche Nationalisten setzen sich für Gesetze, Finanzmittel und öffentliche Symbole ein, die die christliche Praxis und Moral fördern. In den USA wird diese Ideologie heute fast ausschließlich mit rechten Anliegen in Verbindung gebracht, darunter die Ablehnung von Einwanderern und von ethnischen, spirituellen und sexuellen Minderheiten.

Nationalismus ist nicht auf Christentum beschränkt

Ein solcher Nationalismus ist nicht auf das Christentum oder Amerika beschränkt, und die Version unseres Landes wird allgemein als ein Beispiel für ein breiteres weltweites Phänomen angesehen: Wir finden leicht Varianten in Indien, Israel, der Türkei, Myanmar und so weiter.

In den meisten Analysen liegt der Schwerpunkt auf dem „christlichen“ oder „religiösen“: Wir gehen davon aus, dass die Vermischung von Religion und Politik etwas besonders Gefährliches an sich hat. Ich möchte mich hier auf den zweiten Begriff in diesen Begriffen konzentrieren: Nationalismus. Das Problem ist nicht nur der christliche, sondern Chauvinismus an sich, wie er von Christen und Nichtchristen gleichermaßen praktiziert wird.

Die Lösung für das Problem ist nicht seine säkulare Form. Tatsächlich ist er, ob religiös oder säkular, eine Form von Götzendienst, wenn auch eine prächtige Form; die gerade deshalb gefährlich ist, weil sie an echte Tugenden wie Nächstenliebe und Opferbereitschaft appelliert. Die schwierige Frage ist, wie man erkennt, wann solche Tugenden zu Lastern werden.

Die Vorstellung, dass er götzendienerisch ist, mag als heftige Behauptung erscheinen. Aber sie benennt nur theologisch eine Realität, die einige Soziologen seit über einem Jahrhundert erkannt haben. Viele Forscher sind überzeugt, dass Nationalstolz als solcher eine Religion ist; unabhängig davon, ob eine Glaubensrichtung wie das Christentum oder der Islam damit verbunden ist oder nicht.

Wenn Nationaldenken selbst Religion wird

Die Nutzung des Begriffs „Religion“ in diesem Zusammenhang unterscheidet sich von seiner üblichen Verwendung, die sich auf die expressive Anbetung eines Gottes bezieht. Nationalismus – selbst säkularen – so zu bezeichnen, bedeutet anzunehmen, dass Glaube mehr ist als nur die ausdrückliche Verehrung eines benannten Gottes, und dass nicht entscheidend ist, was Menschen sagen, dass sie glauben, sondern wie sie sich tatsächlich verhalten.

Wenn jemand behauptet, Christ zu sein, aber nie in die Kirche geht und seine gesamte Zeit damit verbringt, sich mit der Börse zu beschäftigen, dann entspricht die umgangssprachliche Idee, dass der Kapitalismus seine Religion ist, eher der Wahrheit. Dies ist die Grundlage für die Vorstellung, dass „Götzendienst“ mehr bedeutet als einem Baal eine Ziege zu opfern.

Wenn Paulus sagt, dass Gier Götzendienst ist (Kolosser 3,5), meint er nicht, dass Menschen sich explizit und buchstäblich vor dem Geld verneigen und es anbeten. Sondern dass ihr Habitus eine übermäßige Hingabe an eine geschaffene Realität offenbart, die nicht göttlich ist. Menschen müssen nicht ausdrücklich behaupten, dass ihr Land ihr Gott und Nationalismus ihr Glaube ist, wenn ihr Verhalten und ihr Auftreten dies zeigen.

In der Soziologie wird dieser weit gefasste Begriff insbesondere mit Émile Durkheim in Verbindung gebracht. Nachdem er seinen Glauben an Gott aufgegeben hatte, gelangte er zu der Überzeugung, dass Religion nichts mit einer göttlichen Realität zu tun habe, sondern vielmehr eine soziale Dynamik sei. Sie sei in Wirklichkeit die Selbstvergötterung des Kollektivs.

„Die religiöse Kraft ist nur das Gefühl, das die Gruppe ihren Mitgliedern einflößt, aber außerhalb des Bewusstseins derjenigen, die es empfinden, projiziert und objektiviert wird. Um objektiviert zu werden, wird es auf ein Objekt fixiert, das dadurch heilig wird; aber jedes Objekt kann diese Funktion erfüllen.“

Es spielt keine Rolle, ob kollektive Selbstvergötterung auf einen Gott oder eine Flagge projiziert wird. Durkheims Definition von Religion mag uns eigenwillig erscheinen, aber die Erkenntnis, dass Menschen alle möglichen Dinge verehren, ist nur eine Wiederholung der biblischen Kritik an der Götzenverehrung, die er in der Rabbinerschule aufgenommen hatte. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die abrahamitischen Traditionen glauben, dass es unter all den falschen Göttern einen wahren Gott gibt.

Er gab den Glauben an den Gott Abrahams auf und hatte nichts dagegen, dass die Hingabe an die eigene Nation im modernen Westen die Hingabe an den Gott der Schriften ersetzte. Er war sogar ein glühender französischer Patriot, obwohl der Tod seines Sohnes im Ersten Weltkrieg ihn schließlich von der nationalistischen Sache enttäuschte.

Beitrag von Carlton Hayes

Carlton Hayes, Professor für Geschichte an der Columbia University, sah sich durch den Fanatismus und das Gemetzel des Ersten Weltkriegs dazu veranlasst, seine Untersuchungen zum Nationalismus als einer Form der Religion aufzunehmen, die 1926 in seinem wegweisenden Aufsatz „Nationalism as a Religion“ und 1960 in seinem Buch „Nationalism: A Religion“ mündeten.

Hayes erkannte wie Durkheim einen fortbestehenden „religiösen Sinn“ des Menschen, der sich in der westlichen Moderne weitgehend von der Kirche zur Nation verlagert hat.

Die Nation ist der Gott des zeitgenössischen Menschen, von dem er Schutz und Erlösung erwartet. Hayes beschreibt detailliert die ausgeklügelten Mythen, Feiertage und Liturgien, die die Flagge, die Nationalhelden und die Gründungsereignisse der Nation umgeben. Der Nationalstolz baut insbesondere auf Opfertheologien auf:

„Der vielleicht sicherste Beweis für den religiösen Charakter des modernen Nationalismus ist der Eifer, mit dem alle seine Anhänger in den letzten hundert Jahren auf den Schlachtfeldern ihr Leben gelassen haben.“

In jüngerer Zeit schrieben Carolyn Marvin und David Ingle: „Nationalismus ist die mächtigste Religion in den Vereinigten Staaten und vielleicht auch in vielen anderen Ländern.“ Er ist so einflussreich, weil er die Verehrung unseres Zusammengehörigkeitsgefühls ist, eine Art kollektive Selbstvergötterung, die ursprünglich von Eliten ins Leben gerufen wurde, aber von der breiten Bevölkerung akzeptiert und reproduziert wird.

Warum die Hingabe an die Nation?

Was finden Menschen an der Hingabe an die Nation so überzeugend und wertvoll? Es herrscht die allgemeine Auffassung, dass sie eine der bewundernswertesten und tugendhaftesten Eigenschaften ist, die eine Person zeigen kann. Es heißt, ein Mensch für andere zu sein: die zutiefst humane Realität unserer Verbundenheit mit anderen anzuerkennen, nicht nur die abstrakte Menschlichkeit, sondern konkrete Leute mit Namen und Gesichtern.

Es bedeutet, das Beste für sie und das Gemeinwohl fördern zu wollen, was genau das ist, was die großen Glaubensrichtungen verlangen. Die Hingabe an die Nation ist eine Schule der Tugenden, weil sie die moralische Disziplin vermittelt, andere vor sich selbst zu stellen.

Über eine rein vertragliche Beziehung hinaus, in der man eine kalte Kosten-Nutzen-Analyse seiner Interaktionen mit anderen vornimmt, sind diejenigen, die ihr Land lieben, bereit, anderen ohne Rücksicht auf die Kosten zu dienen, weil sie sich als Teil von etwas Größerem als ihrem individuellen Selbst fühlen. Die Hingabe an die Nation fordert uns auf, den Narzissmus des engen Eigeninteresses zu überwinden.

Ein solches Zugehörigkeitsgefühl ist besonders in einer Einwanderungsnation wie den USA überzeugend, wo Generationen von Einwanderern versucht haben, sich zu integrieren, indem sie ihre Ergebenheit an die Nation betonten.

Selbstaufopferung ist der Gipfel dieser Hingabe, wie in Memes zu sehen ist, die die Opfer des GIs mit der von Jesus gleichsetzen. Einem beliebten zufolge „gibt es nur zwei Kräfte, die jemals bereit waren, für dich zu sterben: Jesus Christus und der amerikanische Soldat“.

Zwar sollte man bedenken, dass Kombattanten im Gegensatz zu Letzterem auch erwartet wird, für einen zu töten, doch respektieren die Menschen die Risiken, Entbehrungen und Disziplin, denen sie sich freiwillig für etwas Größeres als sich selbst aussetzen.

Einige Denker sind weniger davon überzeugt, dass man zwei Religionen haben kann, und sehen die Zivilreligion der USA in direkter Konkurrenz zu den abrahamitischen religiösen Traditionen. Hayes, der wegen der Überwindung nationaler Grenzen zum Katholizismus konvertierte, hielt Nationalismus für Götzendienst, „Stammesegoismus und Eitelkeit“.

Obwohl er davon überzeugt war, dass „die katholische Kirche das letzte große Bollwerk der Menschheit gegen die Irrtümer und Übel des Nationalismus ist“, kritisierte er dennoch seine vielen Glaubensbrüder in Vergangenheit und Gegenwart, die „den Nationalismus über unseren Glauben stellen und damit unserem hartnäckigsten und heimtückischsten Feind Hilfe und Trost spenden“.

Moderne Arbeitsteilung

In den USA gibt es eine Arbeitsteilung zwischen öffentlicher Zivilreligion und privater traditioneller Religion. Aber nur eine kontrolliert die Gewaltmittel. Der moderne Staat ist nach Max Webers berühmter Definition die Instanz, die das Monopol auf die legitime Anwendung von Gewalt besitzt. Und dieses Alleinrecht hängt von der ausschließlichen Loyalität seiner Anhänger ab.

Nur der Nationalstolz kann die opferbereite Hingabe der Bürger mobilisieren. Man kann nicht mehr als eine wahre Religion haben. Der christliche Glaube wird im Westen zwar immer noch von Millionen praktiziert, aber es ist freiwillig, privat, nicht offiziell gültig und nur insoweit zulässig, als es die Verehrung des nationalen Gottes nicht beeinträchtigt.

Wir können diesen religiösen Nationalismus als Anerkennung der Tatsache betrachten, dass das Christentum nur wahr sein kann, wenn es Zwangsgewalt ausübt. Deshalb glauben christliche Nationalisten, dass die Christen in den Vereinigten Staaten wieder die Kontrolle übernehmen müssen.

Für Gläubige ist es sowohl notwendig als auch schwierig, Götzendienst zu vermeiden. Es geht nicht einfach darum, unseren ausschließlichen Glauben an den Gott Abrahams zu bekennen, denn er ist in erster Linie eine Frage des Verhaltens und nicht bloß des Glaubens. Es handelt sich nicht nur um einen metaphysischen Irrtum, sondern um Untreue, um die übermäßige Hingabe an etwas anderes als Gott.

Das bedeutet nicht, dass Glaubensvorstellungen irrelevant sind, sondern dass das, was Menschen tatsächlich glauben, sich eher in ihren Taten widerspiegelt als in dem, was sie behaupten.

Aus dem gleichen Grund befindet sie sich auf einem Kontinuum von mehr und weniger. Ab welchem Punkt wird das Vertrauen auf militärische Macht oder eine Altersvorsorge übertrieben? 

Ab wann hat die Liebe zum Land Vorrang vor meiner Verpflichtung gegenüber den Kindern Gottes, die jenseits unserer Grenzen leben? Im Falle des Nationalismus sind diese Fragen besonders schwierig. Weil die Hingabe an das Land echte Tugenden verkörpert, wie die Liebe zu den Mitmenschen, die Hingabe an etwas, das größer ist als das eigene Ich, und die Bereitschaft, sich für andere zu opfern.

Es gibt keine einfache Formel, um zu bestimmen, wann die Liebe zum Mutterland zu einer Art kollektivem Narzissmus, zu Götzendienst, geworden ist. Ich möchte dennoch zwei Kriterien vorschlagen, die sorgfältig abgewogen werden müssen.

Das erste ist Gewalt. Wird das Göttliche mit dem verbunden, wofür wir zu töten bereit sind, sodass die Bereitschaft dazu als höchste Tugend angesehen wird? Verlangt der Gott, den wir angeblich verehren, Zugang zu den Zwangsmitteln des Staates?

Das zweite Kriterium ist Ausgrenzung. Endet die Sorge um das Gemeinwohl abrupt an den historisch bedingten Grenzen des Nationalstaates, in dem wir leben? Hängt unsere Nächstenliebe davon ab, dass wir innere und äußere Feinde identifizieren und verteufeln, die die Reinheit der Nation bedrohen? Wenn die Antworten auf diese Fragen bejahend sind, dann ist Götzendienst eine klare und gegenwärtige Gefahr.

Dieser Texte wurde am 10. April auf der Website des Magazins „Renovatio“ (Zaytuna College) veröffentlicht. Übersetzte Textstellen sind Auszug des deutlich längeren Originals.

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Zwischen Zweifel und Mut: Ein Essay über Authentizität

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