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Über die Engel (1)

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Von den Engeln: Erster Teil eines Essays von Ahmet Aydin über einen Aspekt der unsichtbaren Welt.

(iz). Es gibt Dinge, die man nicht sieht. Und doch wirken sie. Gedanken zum Beispiel. Zärtlichkeit. Hoffnung. Oder Licht, das man nicht direkt sieht, sondern nur an dem, was es berührt. Die alten Griechen sahen nicht bloß eine Sonne. In ihrer Vorstellung lenkte jemand namens Helios einen Feuerball.

Die Sehnsucht nach solch einer Vorstellung bringt Schiller in seinem Gedicht „Götter Griechenlands“ zum Ausdruck: „Wo jetzt nur, wie unsre Weisen sagen, / Seelenlos ein Feuerball sich dreht, / Lenkte damals seinen goldnen Wagen / Helios in stiller Majestät.“

Und heute ist alles wissenschaftlich vermessen und berechnet. Was sich nicht berechnen lässt, wird verworfen, als abstrus erklärt und ins Land der Feen und Märchen abgetan. Muslime stehen seit der Aufklärung vor der Herausforderung, zu prüfen, ob ihr Glaube der Vermessung der Natur standhält.

Manche Muslime sagen, dass sie das nicht müssen. Wieder andere Sagen, dass die Büchse der Pandora geöffnet wurde. Das heißt: Es glaube, wer noch glauben kann.

Und damit könnten wir wieder zur Tagesordnung zurückkehren. Eigentlich. Wenn da nicht die Quantenphysik wäre. Wenn da nicht ein Elektron wäre, das sich wie eine Welle verhält und durch zwei Spalte zugleich geht. Doch dasselbe Elektron verhält sich anders, wenn es beobachtet wird. Beobachtet verhält es sich nun wie ein Teilchen: es geht nur durch einen Spalt, als hätte es sich „entschieden“. 

Wenn ein Blick auf ihm ruht, verhält es sich anders. Als hätte es ein Bewusstsein, das die Beobachtung wahrnimmt. Ein Blick verändert die Wirkung. Also auch ein Blick gehört zu den Dingen, die wirken.

Zu wissen, dass Helios die Sonne lenkt, verzauberte das Leben. Zu wissen, dass Neptun auf den Meeren wacht, verzauberte das Leben. Zu wissen, dass ein Halbgott namens Herkules sich abmüht, um in den Olymp aufzusteigen, war der Glaube, der die Spartaner zu Höchstleistungen anspornte.

Auf ihn führten sie ihre Abstammung zurück. Seine Tugenden galten ihnen als vorbildlich. Was spornt uns heute zu Höchstleistungen an?

Der Glaube vieler in unserer Zeit ist der Kapitalismus. Er ist eine Folge der Vermessung und Berechnung der Welt. Er ist eine Folge der Entzauberung der Welt. Auf der Erde ist kein Gott mehr geblieben. Gott greife nur dort, wo wir uns Dinge nicht erklären können.

Aber da uns nichts verboten ist, zu vermessen, und wir die Fähigkeit haben, alles zu vermessen, ist auch kein Gott mehr. Gott ist uns in den Himmel geflohen. Ja, nicht einmal mehr dorthin, denn auch der Himmel und das Universum werden vermessen.

Ohne Glaube an Herkules, keine Spartaner. Was also bleibt uns im Kapitalismus? Der Glaube an die eigenen Träume hat den Glauben an Götter ersetzt. Der Traum, mein Ziel im Leben, ist das, was mich antreibt. Es zu erreichen und mir und allen zu beweisen, dass ich es kann, das ist die Glaubensmode unserer Zeit. Als Leser Shakespeares bliebt mir eine Frage: Gibt es noch mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als der Kapitalismus sich träumt?

„Ich glaube, dass ihm ein Engel erscheint“

Nachdem Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, nach eigener Aussage erst nach Jerusalem und dann in den Himmel gereist ist, machten sich die Mekkaner über ihn lustig. Sie suchten Abu Bakr auf. Er war einer der ersten Muslime und ein angesehener Geschäftsmann.

Jetzt nach so einer Absurdität müsse doch auch Abu Bakr einsehen, dass Muhammed, der Sohn von Abdullah, den Verstand verloren habe. Schließlich wisse Abu Bakr, wie man Geld verdient, und wer das weiß, könne doch kein Idiot sein. Die Antwort Abu Bakrs war sehr ernüchternd: „Ich vertraue ihm darin, dass ihm ein Engel erscheint und ihm Botschaften von Gott überbringt. Was ist das schon im Vergleich?“

Wenn Muhammed, Gott segne ihn und schenke ihm Frieden, sagt, er sei in einer Nacht nach Jerusalem und zurück, dann ist es wirklich geschehen. Das war Abu Bakrs Überzeugung.

Dieser Mann lüge nicht. Er war in der Gesellschaft immer als der Vertrauenswürdige bekannt. Er war sein bester Freund und als bester Freund und Kenner seiner Geheimnisse, wusste er, dieser Mann schauspielert nicht. Der Botenengel Jibril besucht ihn. Und wenn er will bringt er ihn innerhalb einer Nacht bis nach Jerusalem und wieder zurück.

Das glaubt nicht nur Abu Bakr. Das glauben auch alle Muslime. Wenn es ein Mensch nicht tut, ist er kein Muslim. Ohne die Kenntnis des Lebens von Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, wäre das, was Islam genannt wird, jedoch nicht nachvollziehbar.

Einige Vorschriften herauszupicken und dann den gesamten Glauben schlecht zu reden und für absurd zu erklären, das ist die Sitte der heutigen Öffentlichkeit in Deutschland.

Goethe, Herder, Wieland und Schiller waren mal weiter. Aber mit diesen weisen Menschen hat die heutige deutsche Gesellschaft ebenfalls nichts mehr gemein. Wir haben es, wie Wieland in seiner Geschichte der Abderiten bereits satirisch darstellte, mit Korinthenkackern zu tun. Menschen, die sich über Vereinsamung beklagen, sich aber gleichzeitig über Muslime lustig machen, wenn sie im Ramadan regelmäßig zusammenkommen und ebenfalls die Gesellschaft der Engel bezeugen.

Erklären und Staunen zugleich

Der moderne Mensch ist ein Geschöpf des Sichtbaren geworden. Er vertraut dem, was sich zählen, messen, abbilden lässt. Und doch beginnt gerade die moderne Naturwissenschaft, dieses Vertrauen zu erschüttern.

Die Quantenphysik zeigt: Die Welt ist nicht fest, nicht klar, nicht logisch im alten Sinn. Ein Teilchen kann sich gleichzeitig an zwei Orten befinden. Licht ist mal Welle, mal Teilchen. Und manchmal entscheidet erst die Beobachtung, was es eigentlich „ist“.

Als Muslim kann ich die Welt vermessen und erklären, warum der Himmel blau aussieht, und gleichzeitig kann ich Gott lobpreisen für das schöne Blau des Himmels, die Sterne und jede Nacht erneut über die Schönheit des Mondes staunen und denken: „Allah, mein Herr, du hast all das nicht ohne Grund erschaffen.“

Wir Muslime Leben in der nachklasssichen Form der Philosophie, wie sie Frank Griffel in seinem Buch „The Formation of Post-Classical Philosophy in Islam“ dargelegt hat. Das ist eine Philosophie der Weisheit, eine Philosophie der Synthesen, des Sowohl-als-auch“. Es ist keine Philosophie des „Entweder-oder“.

Frank Griffel legt dar, dass die nachklasssiche Philosophie der Muslime, nicht mit einem Entweder-oder arbeitet, sondern mit einem Sowohl-als-auch. Gott ist jenseits der Welt – und in ihr gegenwärtig. Der Mensch handelt – und doch ist jedes Handeln durch Allah erschaffen. Die Wahrheit ist nicht immer logisch. Sie ist tiefer.

Engel in der modernen Welt

Engel gehören zu diesen unsichtbaren Wirklichkeiten. Nicht als Symbol, sondern als real erschaffene Wesen: aus Licht, ohne Ego, ohne Eigenwille, ganz im Dienst, als Teil einer göttlichen Ordnung.

Während wir Menschen durch den Alltag gehen, begleiten uns zwei Engel: Sie heißen Kirâman Kâtibîn – edle Schreiber –, und sie zeichnen jede Tat auf. Nicht symbolisch, sondern wirklich. Es ist eine stille Gegenwart. Eine Art göttlicher Erinnerung, die immer bei uns ist.

Es gibt Engel, die bewachen. Engel, die stützen. Engel, die uns Gläubige im Gebet umgeben. Wenn sich Menschen versammeln, um Allahs zu gedenken, sitzen Engel bei uns, sagen „Friede sei mit euch“, und sie steigen empor mit dem Duft dieser Erinnerung. Und dann sind da Engel, die uns erschrecken.

Jibril ist einer von ihnen. Engel, deren Licht gespenstig stark ist, weil sie mit Wahrem und Schönem kommen. Ihre Nähe ist kein Mythos, sondern Geschichte. Rilke hat sein stärkeres Dasein im Gedicht „Mohammeds Berufung“ versucht, erfahrbar zu machen.

Elektronen verändern sich, wenn sie von einem Messgerät beobachtet werden, das Bewusstsein von Engeln angesehen zu werden, verändert uns Menschen. Wie? Darum wird es im zweiten Teil über die Engel gehen.

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Essay: Treue zum eigenen Selbst

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Essay: Nicht immer besteht eine große Diskrepanz zwischen dem, was man tut, und dem, was man wirklich möchte. Manchmal unterscheiden sie sich nur geringfügig – wie kleine Schlaglöcher auf dem Weg des Lebens, die man überwinden kann, ohne aus dem Gleichgewicht zu geraten.

(iz). Manche Menschen haben sogar das Glück, von klein auf eine authentische Existenz zu führen. Von Larbi Dhaouadi

Doch für viele ist der Leidensdruck umso größer, je weiter der Abstand zwischen ihrem Tun und ihrem wahren Selbst wird. Und dann stehst du dort – am Rande eines gewaltigen Abgrunds.

Auf der anderen Seite siehst du das rettende Ufer eines authentischen Lebens, doch es scheint meilenweit entfernt. Zwischen dir und diesem Ziel liegt ein weites Nichts, eine Kluft, die bedrohlich wirkt, dich zu verschlingen droht.

Dieser Moment konfrontiert dich mit einer unerbittlichen Wahrheit: Niemand kann dir diesen Sprung abnehmen. Nicht deine Familie oder Vermögen. Du bist auf dich selbst gestellt. Genau in solchen Momenten wird die Bedeutung dieser Qur’anverse deutlich: 

„O die ihr glaubt! Verratet nicht Gott und den Gesandten und auch nicht eure Anvertrauten verraten, während ihr wisst. Und ihr sollt wissen, dass euer Vermögen und eure Kinder nur eine Versuchung sind und dass Gott einen gewaltigen Lohn bei sich hat.“ (Al-Anfal, Sure 8, 27-28)

Das Wort Fitna (Versuchung) beschreibt hier eine Entscheidungssituation – eine Prüfung, die dazu zwingt, eine Entscheidung zu treffen. Bleibst du stehen, gehst zurück und suchst die scheinbare Sicherheit des Bekannten? Diese Wahl mag im Moment einfach erscheinen, doch sie bedeutet, dass du dich selbst verrätst und mit einem Leben abfindest, das nicht deins ist.

Denn die Treue, von der der Qur’an spricht, betrifft nicht nur die Beziehung zu Gott und dem Gesandten, sondern auch die zu einem selbst und zu dem, was dir anvertraut wurde: ein authentisches Leben. Es ist die Verantwortung, deinem wahren selbst gerecht zu werden und nicht den einfachen, aber falschen Weg zu wählen.

Die Herausforderung liegt darin, ihr zu folgen – selbst wenn es schwer ist, auch wenn der Abgrund dich zu verschlingen droht. Doch der Lohn dieser Treue ist enorm. Es ist nicht nur die Nähe zu Gott, die dir durch den Mut zur Wahrheit gewährt wird, sondern auch die Freiheit, eine Existenz zu führen, die wirklich deine ist.

„Und ihr sollt wissen, dass Gott einen gewaltigen Lohn bei sich hat.“ Ein Leben, das im Einklang mit deinem Innersten steht und dich zu dem macht, wofür du geschaffen wurdest.

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War das Diskriminierung?

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Mehr denn je beschweren wir Muslime in Deutschland uns über diskriminierende und rassistische Erfahrungen. Ein Essay mit wichtigen Fragen und Erkenntnissen, die überraschen könnten.

(iz). Und es hat niemanden überrascht, dass diskriminierende und rassistische Vorfälle gegenüber Muslimen in Deutschland zugenommen haben und immer noch zunehmen. Wir fühlen uns als Opfer. Von Azizah Seise & Ahmet Aydin

Die Kommentarspalten in den Sozialen Medien sind voll von Angst, Hilflosigkeit, aber auch Ärger, Wut und Zorn über diesen Zustand. Die Schuld liege ganz klar bei den Anderen, den Bio-Deutschen, den Almans, den Kartoffeln, den Nazi-Enkeln. So lassen wir uns über unsere Mitmenschen aus und scheren selbst alle über einen Kamm. 

Claudia Azizah: Es ist einige Jahre her. Ich stehe in Dresden an einer Strassenbahnhaltestelle, zusammen mit meinem Mann und dem Kinderwagen. Ich trage Kopftuch. Ein älterer Mann läuft vorbei. Sieht mich an und spuckt ohne Vorwarnung in meine Richtung. Er trifft mich. Galt dieser Angriff mir? 

Ahmet Aydin: Ich bin als Gästebetreuer tätig. Ein Gast spricht mich auf die niedrigeren Löhne im Osten Deutschlands an. Ich sage ihm, dass ich mich mit den Unterschieden nicht beschäftigt habe. Plötzlich sagt er: „Ach komm, Du bist doch auch Ausländer.“ Will er mir sagen, dass ich, wie Menschen aus dem Osten, benachteiligt werde?

Claudia Azizah: Ich bin 17 Jahre alt und laufe durch mein Wohnviertel in Leipzig. Ich bin noch nicht Muslimin, falle mit meiner Kleidung trotzdem auf. Ich bin ein Hippie, trage bunte Sachen und lange offene Haare. Es ist November und um 18 Uhr schon dunkel. Ich laufe von der Haltestelle nach Hause und treffe auf eine Gruppe von jungen Neo-Nazis mit Bomberjacke, Springerstiefeln, Glatze und jungen Frauen mit kurzen Haaren. Ich kenne diese Menschen nicht. Eine dieser Frauen tritt auf mich zu und schreit mich ohne Vorwarnung an, beschimpft mich. Dann holt sie aus und verpasst mir eine schallende und schmerzhafte Ohrfeige. Die jungen Männer in der Gruppe halten sie zurück: „Diese Schlam… ist es nicht wert.“ Sie ziehen die Frau weiter. War das Diskriminierung aufgrund meines Äußeren? Galt dieser Angriff mir?

Ahmet Aydin: Es ist die Zeit nach 2015. Unzählige Menschen flüchten aus Syrien. Deutschland nimmt eine beachtliche Anzahl auf. Ich bin an einem Bahnhof und sehe, wie viele geflüchtete Menschen dort sitzen und in Schlafsäcken liegen. Die Polizei ist präsent und kontrolliert Pässe und Ausweise. Ich sehe wie vor mir zwei Punks, so nannte man sie in meiner Schulzeit, kontrolliert werden und will intuitiv meinen Ausweis hervorholen. Ich schaue, wo mein Portemonnaie ist, in meiner Brusttasche oder in meiner Tasche. Ich finde es nicht. Die Polizisten schauen mich an und winken mich weiter. Ich müsse nicht kontrolliert werden. Ich wurde in der Vergangenheit öfter für einen Syrer gehalten. Wieso wurde ich das in dieser Zeit nicht, obwohl eine Kontrolle nachvollziehbar gewesen wäre?

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Foto: mpix-foto, Adobe Stock

Claudia Azizah: Ich sitze mit meinem nicht-deutschen und nicht-europäisch aussehenden Mann in der Ausländerbehörde. Wir werden von der Sachbearbeiterin aufgerufen. Sie scheint schlecht gelaunt zu sein, ist unhöflich. Die Art, wie sie unsere Ausweispapiere zum Identitätsabgleich fordert, hinterlässt ein ungutes Gefühl im Magen. Ich habe Angst: Was ist, wenn sie meinem Mann den Aufenthaltstitel verwehrt? Darf sie das? In meinem Kopf ist Kopfkino. Hat sie mich gerade missbilligend angeschaut? Vielleicht wegen meines Kopftuches? Ich gebe ihr meinen Ausweis. Sofort ändert sich ihre Stimmung. Auf einmal ist sie freundlich, fast zuvorkommend. Lag das an meinem Doktortitel, der auf dem Ausweis vermerkt ist? Wie wäre der Termin ohne diesen Titel verlaufen? War ich nur zu aufgeregt und deshalb überempfindlich, was mögliche negative Energien betrifft? Oder war es doch an der Grenze zu einer Diskriminierungserfahrung? 

Ahmet Aydin: Die Augen beginnen zu strahlen, wenn ich sage, dass ich Germanistik und Philosophie studiert habe. Sowohl bei Menschen, die deutsch aussehen, als auch bei Menschen, die ausländisch aussehen. Einmal war ich an der Kasse im Supermarkt. Die Kassiererin trägt kein Kopftuch, aber sieht ausländisch aus. Die Person vor mir in der Schlange, mit Kopftuch, spricht gebrochen Deutsch. Die Kassiererin schimpft über ihr schlechtes Deutsch. Dann blickt sie mich an und sagt: „Aber Sie können Deutsch.“ Ich bin wütend darüber, wie sie die Person vor mir behandelt hat und antworte bewusst herablassend: „Ja, ich habe es studiert. Also besser als Sie!“ Die Kassiererin schaut mich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr an, wenn ich im Supermarkt bin. Bekämpfen sich Menschen, die ausländisch aussehen, um von Deutschen geliebt zu werden?

Claudia Azizah: Oft besuche ich die ostdeutsche Kleinstadt, wo meine Großmutter wohnt. Erst seit einigen Jahren gibt es dort wenige Muslime oder als Muslime gelesene Menschen. Als Frau mit Kopftuch war und bin ich dort immer ein „Hingucker“. Gucken die Menschen böse, missbilligend, herablassend? Schauen sie rassistisch, hasserfüllt? Ich wag es nicht zu sagen. Das wäre meine Interpretation. Ich weiß, dass meine ostdeutschen Landsleute häufig nicht gerade den freundlichsten Blick haben. Das liegt nicht an mir und nicht am Kopftuch. Sie schauen einfach oft grummelig, schlecht gelaunt. Würde man ihnen einen Spiegel vorhalten, wären sie wahrscheinlich selbst erschrocken. Interessant ist, dass ich nie eine negative Reaktion auf ein freundliches „Guten Tag“ oder ein lächelndes Nicken bekommen habe. Im Gegenteil. Man kommt sogar ins Gespräch und das Stück Stoff auf dem Kopf guckt sich weg. Welche Erfahrung würde ich machen, wenn ich ähnlich gucken würde wie sie? Wie würde ich mich fühlen, wenn ich ihren Blick auf mich bezöge?

Ahmet Aydin: In Deutschland lächeln die Menschen nicht so häufig. Das bestätigen Italiener oder Spanier auch. Früher dachte ich immer, „die“ Deutschen lächeln nicht, weil ich ausländisch aussehe. Dann sagte mir ein Rabbiner, der ziemlich deutsch aussieht, dass es in Deutschland einfach so ist. Die Menschen merken das gar nicht. Ich hatte es aber oft darauf bezogen, dass ich ausländisch aussehe und sofort Rassismus attestiert. Schaffe ich mir durch meine eigenen Gedanken so das Ungeheuer, über das ich mich im Anschluss rechthaberisch beklagen will? Würde ich die Ungeheuer des Rassismus einschläfern, wenn ich schöner von meinen Mitmenschen denken würde? Oder kann ich das nur sagen, weil ich kein Kleidungsstück trage, das fremd anmutet? Liegt es an meinem Äußeren, wie ich behandelt werde oder an meiner Sprache? War zuerst das Ei da oder das Huhn? Wie schickt es sich Menschen, und seien sie noch so rassistisch, zu behandeln?

Foto: Prostock-studio, Shutterstock

Das sind unsere Erfahrungen. Die Erfahrung einer deutschstämmigen Muslimin und eines türkischstämmigen Muslims in Deutschland. Warum erfahren wir als muslimische Gemeinschaft mehr und mehr Diskriminierung, ja sogar Rassismus? Es ist ein realexistierendes Phänomen. Das können wir nicht abstreiten.

Doch ist es sehr wichtig zu verstehen, dass alles, was wir erfahren und erleben, jede Ungerechtigkeit, die wir von anderen Menschen erfahren, letztendlich von Allah kommt. Das möchten wir oft so nicht wahrhaben. Doch alles kommt von Allah. Die anderen Menschen sind ein Werkzeug für das, was uns widerfahren soll und was seit Urzeiten geschrieben steht. Das macht es auf keinen Fall gut. Diskriminierung und Rassismus sind schlecht und wir müssen das Schlechte als solches benennen.

Gleichzeitig sollten wir überlegen, was wir daraus lernen können. Wir müssen Innenschau halten. Ist Diskriminierung und Rassismus in unseren muslimischen Gemeinschaften abwesend? Hält uns Allah gar einen Spiegel vor? Sind für uns wirklich alle Muslime gleichwertig? Oder blicken wir auf den schwarzen Bruder aus Afrika herab? Sind Sie empört das zu lesen? Oder ist der asiatische Bruder doch nicht passend für unsere türkischstämmige Tochter, obwohl er Hafiz und ein gottesfürchtiger und rechtschaffener Muslim ist? Sind Sie empört das zu lesen? Oder ist der türkischstämmige Muslim unwürdig für unsere Tochter, weil er kein Arabisch spricht? Sind Sie empört das zu lesen? Sind das nicht Beispiele aus der muslimischen Realität heutzutage?

Nur Allah weiß, ob es zwischen unserer eigenen diskriminierenden und rassistischen Einstellung und unseren Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung eine Korrelation gibt. Das maßen wir uns nicht an zu beurteilen. Jedoch sollte uns, als Muslime in Deutschland, bewusst sein, dass die Opferrolle keine gute Rolle ist. Wir müssen Unrecht verurteilen und strafrechtlich verfolgen, ja. Es darf uns jedoch auf keinen Fall lähmen, darf nicht unseren guten Charakter verändern, unsere Freundlichkeit in Hass verwandeln. 

Allah sagt im Qur’an: „Allah wird den Zustand einer Gesellschaft nicht ändern, bis sie sich selbst ändern.“ (Ar-Ra’d, Sure 13, 11). Können wir uns selbst, unser Inneres ändern und verbessern, um unsere gesellschaftliche Situation in Deutschland zu ändern und zum Guten zu wenden? Lehnen wir die von Allah erschaffenen schlechten Taten ab und wählen die guten Taten? Wir haben als Menschen die Wahl. 

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Essay: vom inneren Schweinehund

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Beim „inneren Schweinehund“ geht es um weit mehr als nur die Überwindung der eigenen Trägheit, sondern auch um den Charakter. (iz). Vor kurzem war ich bei einer Lesung der Berliner […]

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Gibt es neutrale Räume?

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Über die Räume: Ein Essay aus dem Lesezirkel des Netzwerks muslimischer Akademiker über Wahrnehmung, Wirkung und Bedeutung des physischen Orts. (iz). Urlaub – ein Begriff, der Sehnsüchte weckt. Wir alle […]

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Essay: Der, Die oder Das?

Versuch einer metaphysischen Annäherung zur einer einfachen und doch schwierigen Fragen. Essay von Claudia Azizah Seise. (iz). Den anderen Tag kam die 8-Jährige Tochter und fragte, warum es die Tafel […]

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Essay: Die Frage der Macht

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Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass erst mit Machiavellis „Il Principe“ die Frage der Macht zu einer zentralen Frage der Philosophie avanciert sei, auch wenn dies gängige Ansicht in […]

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Die Dreifache Dimension des Lebens

leben

Alles, was uns im Leben widerfährt, jede noch so kleine Begebenheit oder Situation, ist ein vielschichtiges Geschehen, das sich auf drei Ebenen entfaltet: der weltlichen, der jenseitigen und der Ebene der göttlichen Attribute.

(iz). Diese drei Aspekte sind wie Fäden, die ein komplexes Gewebe des Lebens weben und uns dabei helfen, die tieferen Bedeutungen hinter unseren Erfahrungen zu verstehen.

Der weltliche Aspekt des Lebens

Dies ist die Ebene, die wir am unmittelbarsten wahrnehmen. Hier gelten die Gesetze der Natur und der Gesellschaft. Ursache und Wirkung sind klar definiert und folgen den bekannten physikalischen Gesetzen.

Der jenseitige Aspekt

Hinter jedem Ereignis verbirgt sich eine tiefere Weisheit, eine Lektion, die uns das Leben lehren möchte. Diese Ebene ist oft schwerer zu erkennen, da sie sich unserem rationalen Verstand entzieht. Aus den Überlieferungen des Propheten Muhammed (s) können wir ableiten, dass es z.B. verschiedene Gründe gibt, warum wir bestimmte Situationen erleiden:

1. Sündenvergebung: Gott tilgt mit einem Unheil, einer Krankheit oder einer Krise unsere Sünden.

2. Strafe: In manchen Fällen kann ein Unglück als Strafe für vergangene Taten gedeutet werden.

3. Reifungsprozess: Die Situation dient als Prüfstein, um unseren Charakter zu stärken und uns zu einem reiferen Menschen zu machen.

4. Schutz: Die Situation schützt und bewahrt uns vor einem noch größeren Leid.

Der Aspekt der göttlichen Attribute

Jedes Ereignis ist eine Manifestation oder Reflexion eines oder mehrerer göttlicher Attribute. Alles, was in unserem Leben geschieht, ist letztendlich auf die Eigenschaften Gottes zurückzuführen. Jedes Ereignis, sei es Freude oder Leid, Erfolg oder Misserfolg, ist Ausdruck eines bestimmten göttlichen Attributs.

Wenn wir beispielsweise eine unerwartete Güte erfahren, könnte dies als Manifestation der göttlichen Barmherzigkeit gedeutet werden. Erleiden wir hingegen Unrecht, könnte dies als Ausdruck der göttlichen Gerechtigkeit gesehen werden, die uns dazu auffordert, über unser eigenes Verhalten nachzudenken. Auf diese Weise können wir in jedem Ereignis, selbst in den schwierigsten, einen tieferen Sinn und eine Verbindung zum Göttlichen erkennen. Es ist eine Einladung, über den Tellerrand des Alltäglichen hinauszuschauen und die Welt als Ausdruck göttlicher Ordnung zu verstehen.

Ein Autounfall als Beispiel: Stellen wir uns vor, eine Person verursacht einen Autounfall, weil sie zu schnell gefahren ist. Auf der weltlichen Ebene ist die Ursache klar: Überschreitet man die erlaubte Geschwindigkeit, erhöht sich das Risiko eines Unfalls.

Auf der jenseitigen Ebene könnte der Unfall als eine Möglichkeit dienen, die Person auf die Gefahren des Rasens aufmerksam zu machen und sie dazu zu bewegen, ihr Leben zu ändern. Möglicherweise war der Unfall eine Möglichkeit, vergangene Sünden zu tilgen oder eine Strafe für vergangene Taten. Sie könnte auch eine Chance sein, ein reiferer Mensch zu werden. Es könnte aber auch ein Eingriff sein, um vor noch größerem Unglück zu bewahren. Je nach Kontext könnte es eins oder mehrere dieser Aspekte beinhalten.

Auf der Ebene der göttlichen Attribute könnte dieser Vorfall als Manifestation der göttlichen Gerechtigkeit gedeutet werden, da die Person die Konsequenzen ihres Handelns zu tragen hat. Gleichzeitig könnte aber auch die göttliche Barmherzigkeit zum Ausdruck kommen, wenn die Person den Unfall überlebt und die Chance erhält, ihr Leben neu zu ordnen.

Fazit

Das Leben ist ein komplexes Gewebe aus Ursache und Wirkung, göttlicher Führung und persönlicher Verantwortung. Indem wir die Ereignisse unseres Lebens unter diesen drei Aspekten betrachten, können wir ein tieferes Verständnis für uns selbst und die Welt gewinnen. Wir erkennen, dass selbst die scheinbar zufälligen Ereignisse unseres Lebens einen Sinn haben und Teil eines größeren Plans sind.

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Ein Versuch über Kafka

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Lassen sich Verbindungen zum muslimischen Denken bei Franz Kafka herstellen? Ein Versuch zum 100. Todesjahr des Schriftstellers. (iz). Franz Kafka war einer der bedeutendsten Vertreter der deutschsprachigen Literatur. Er wurde […]

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Leben als ein Kommen und Gehen

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Da sich diese Tatsache nicht verändert, befindet sich im Unterbewusstsein des Menschen eine Frage nach dem Sinn dieses Kommens und Gehens. (iz). Jede Sekunde werden 4,3 Menschen geboren und 1,8 […]

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