Eine Essay-Reihe von Larbi Dhaouadi über Einsichten in das Leben und Zugänge zu einer authentischen Existenz.
(iz). Stell dir vor, du legst alles ab, was dich als Person je ausgemacht hat – wie Kleidungsstücke, die du jetzt einfach ausziehen würdest. Doch du merkst: Du hast große Schwierigkeiten dabei. Es geht nur mit allergrößter Anstrengung. Mit der Zeit haben sich diese Dinge festgesetzt. Sie engen dich ein. Sie sind schwer wie Blei geworden. Du nimmst all deine Energie zusammen und befreist dich Schritt für Schritt. Du legst deine Nationalität ab, deine familiären Bindungen, deine kulturelle Herkunft, deine religiöse Zugehörigkeit – alles. Du hättest keinen beruflichen Status mehr. Keine Verpflichtungen. Keine Rollen. Keine Masken. Du hast nichts mehr. Komplett entblößt stehst du vor dem Spiegel.
Wen erblickst du dort?
Welchen Wert gibst du dir – ohne all das?
Begegnest du dir auf Augenhöhe? Oder siehst du ein Nichts?
Innerlich leer – und ohne zu wissen, wie du mit dieser Person umgehen sollst? Oder schaust du dich an und spürst: Das bin ich?
Und jetzt stell dir eine ganz einfache Situation vor: Du liegst abends allein im Bett. Oder stehst morgens unter der Dusche. Kein TikTok, kein Gespräch, keine Ablenkung. Nur du selbst. Hältst du das aus? Oder greifst du nach wenigen Sekunden wieder zum Handy? Wenn du die Antwort für dich gefunden hast, dann geh noch einmal zurück zu dem, was du abgelegt hast. Sei radikal ehrlich. Was davon ist dir bisher wirklich von Nutzen gewesen? Was hat dich aufgefangen? Und was hat dich eher belastet? Was hat dir Kraft gegeben? Was hing an dir wie ein Klotz am Bein? Hast du vielleicht das Gefühl, dein Leben lang Dinge verteidigt zu haben, die du dir selbst nie ausgesucht hast? Dinge, die du nie wirklich geprüft hast?
Zieh alles auf den Prüfstand. Vielleicht wirst du merken, dass da Handlungsbedarf besteht. Und bevor es zu Missverständnissen kommt: Das heißt nicht, dass du jetzt alles aufgeben sollst. Du bist Teil einer Familie. Du trägst Verantwortung. Du gehst deinem Beruf nach – auch, um dieser Verantwortung gerecht zu werden. Und vieles davon willst du vielleicht auch gar nicht aufgeben. Du bist Muslim. Du glaubst. Du betest. Du liest vielleicht den Koran. Aber etwas kann sich verändern: Dein Bezug dazu – die Art und Weise, wie du darauf schaust. Auf deine Familie. Auf deinen Beruf. Auf deine Religion. Und du merkst: So, wie du bisher damit verbunden warst, hat es sich nie ganz wie deins angefühlt. Denn du sitzt nicht ohne Grund an deinem Rastplatz. Und wenn du noch einmal an den Moment vor dem Spiegel denkst, dann spürst du diesen Raum. Leer und unangenehm. Wie geht es also nun weiter?
Denk an die innere Stimme, die dich an deinen Rastplatz gebracht hat. Sie ist der Schlüssel. Und sie führt dich zu einer Geschichte. Zu einem Menschen, der alles infrage gestellt hat: Sein Name ist Abraham. Und wenn du jetzt denkst: Was hat meine Situation mit ihm zu tun? Er lebte vor Jahrtausenden. Er war ein Prophet. Ich bin ein einfacher Mensch. Das stimmt. Aber bevor er ein Prophet war, war er ein Mensch. Ein Suchender. Ein Zweifelnder. Ein Beobachtender. Vielleicht hast du diese Geschichte schon oft gehört. Vielleicht glaubst du sogar, du kennst sie. Aber wir werden sie jetzt anders lesen. So, als würdest du dich selbst darin suchen. Das, was du gleich lesen wirst, ist keine Wiederholung. Es ist eine Begegnung. Seine Geschichte zeigt: Authentizität beginnt nicht mit Wissen. Sie beginnt mit Wahrnehmung und Dankbarkeit. Und genau deshalb ist sie dir näher, als du vielleicht denkst. Wenn du seine Geschichte liest, wirst du erkennen, wie viel sie mit deinem eigenen Leben zu tun hat. Mit dem Punkt, an dem du jetzt stehst.
Du wirst sehen, warum.