Ein wichtiges Buch über Palästina, Gaza und die deutschen Debatten: Der Autor Muhammad Sameer Murtaza denkt beim Thema verschiedene Stränge zusammen.
(iz). Es gibt verschiedene Weisen, wie ein kritisches Milieu in Deutschland auf die Tragödie des palästinensischen Volkes und die fortschreitende Militarisierung des Nahen Ostens blickt.
Neben einem authentisch betroffenen Publikum haben manche Akteure in muslimischen Dunstkreisen diesseits und jenseits des Atlantiks das Thema für die eigene Sichtbarkeit instrumentalisiert. Dabei geraten jene ruhigen, analytische Stimmen ins Hintertreffen, die sich der bequemen Logik des Schwarz-Weiß verweigern.
Zu ihnen zählt der Autor sowie Islam- und Politikwissenschaftler Dr. Muhammad Sameer Murtaza. Als Philosoph hat er sich mit Arbeiten zur Philosophiegeschichte ebenso profiliert wie durch seine Texte zu Gewaltlosigkeit im neueren muslimischen Denken.
Sein Zugang ist geprägt von Reflexivität und Selbstkritik – eine Haltung, die sich durch sein Werk zieht. Mit zahlreichen Büchern und Essays, die im wissenschaftlichen Format und in Medien erscheinen, hat er sich als relevante Stimme in der Debatte um ein intellektuell ernstzunehmendes Islamverständnis im deutschsprachigen Raum etabliert.
In den letzten Jahren hat Murtaza Arbeiten vorgelegt, die den Nahostkonflikt, Palästina und Antisemitismus bewusst zusammendenken und aus einer muslimisch-deutschen Perspektive reflektieren. In dieser Kombination liegt die Relevanz seines Ansatzes. Sein Werk macht ihn zu einer der produktivsten Stimmen der deutschmuslimischen Gegenwartsdebatte.
Der Autor plädiert für eine differenzierte Kritik am Einsatz von Gewalt und ihren Subjekten – und für ein muslimisches Selbstverständnis, das sich der Komplexität der Gegenwart nicht entzieht.
Palästina oder verdrängte Diskurse in Deutschland
Soeben ist sein neues Buch „Palästina, 1896: Nakba, Gaza und der verdrängte Diskurs in Deutschland“ erschienen. Darin reflektiert er seine eigene Sprecherposition – ein wichtiger Ausgangspunkt. Einerseits sei er ein hier geborener „deutscher Staatsbürger“.
Zugleich gelte man für einen „beachtlichen Teil der Mehrheitsgesellschaft“ nicht als Bestandteil des „deutschen Wir“. Diese „verfassungsfeindliche Unterscheidung“ trete klar hervor, „sobald der Nahostkonflikt unsere Diskurse bestimmt“.
Mit Blick auf den Israel-Hamas-Krieg erkennt er Parallelen zur Zeit nach 9/11: Es „werden Mitbürger muslimischen Glaubens seit dem 7. Oktober 2023 wieder misstrauisch als Terroristensympathisanten beäugt“.
Trotz eingeforderter Loyalitätsbekundungen (und einer nicht zur Verfassung gehörenden Staatsräson) bleibe „stets ein Restverdacht“. Eine solche Form des Diskurses, so seine Diagnose, erfasst sowohl die Mehrheitsgesellschaft als auch „muslimische Mitbürger“.
Zugleich kritisiert Murtaza die hierarchische Diskursführung des offiziellen Deutschland im Umgang mit seinen Muslimen nach dem 7. Oktober 2023. Er fragt, mit welchem Recht ein Teil der Bevölkerung beansprucht, einem anderen vorzuschreiben, was er zu denken und zu sagen habe.
„Es scheint so, als sei es nicht gewollt, dass muslimische Mitbürger eigene Beiträge zur Diskursmatrix Schoa, Erinnerungskultur, Staatsräson und zum Nahostkonflikt einbringen. Ihre Beiträge werden als eine ungebetene Einmischung in das deutsch-jüdische und deutsch-israelische Verhältnis empfunden.“
Seine Diagnose der hiesigen Gesprächsführung zum Konflikt fällt entsprechend wenig schmeichelhaft aus: „Es geht weniger um Fakten als um Deutungshoheit und Ausschlussmechanismen. Doch eine Demokratie, die Millionen Bürger systematisch überhört, schwächt sich selbst, überlässt Diskurse den Ideologen und unterbindet Gespräche, die von Zwischentönen und Differenzierung leben.“

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Kein religiöser Konflikt
Zugleich formuliert er einen zentralen Einwand gegen die religiöse Aufladung eines Konflikts, der wesentlich um Ressourcen, Land und Kontrolle geführt wird.
„Der Nahostkonflikt ist kein Religionskonflikt. Er wird vereinfacht als solcher wahrgenommen, weil sich der israelische Staat als ‘jüdischer Staat’ und die Hamas als ‘islamischer Widerstand’ bezeichnen. Das Ergebnis: Weltweit lassen sich Juden und Muslime zu Parteisoldaten der israelischen Regierung oder der Hamas mobilisieren.
Jeder Waffengang zwischen Israelis und Palästinensern verstärkt und verfestigt Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit im politischen Westen – sowohl in den jeweiligen Mehrheitsgesellschaften als auch innerhalb der beiden Religionsgemeinschaften“, schreibt er in der Einleitung seines Textes.
Der Autor spannt einen Bogen von der „Metaebene“ und der historischen Vorgeschichte über Propaganda und eine „alternative Ebene“ bis zu „Gesprächen über Israel und Palästina“. Er schließt mit Betrachtungen zur hiesigen „Diskursebene“ und dem Versuch, den Nahostkonflikt im Kontext von Frieden zu denken.
Die Metaebene im Blick
Die Metaebene des Buches legt das theoretische Fundament für Murtazas Blick auf Palästina, Gaza und den deutschen Diskurs. Ausgangspunkt ist die These, dass der Nahostkonflikt ohne eine kritische Betrachtung der westlichen Moderne nur verkürzt verstanden werden kann.
Die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, aus der Französischen Revolution und der Aufklärung hervorgegangen, markieren zwar eine historische Zäsur, bleiben aber von Anfang an von einem „Schatten“ begleitet: Kolonialismus, Sklavenhandel, Ausbeutung ganzer Kontinente und die Herabwürdigung nicht-europäischer Kulturen.
Damit entsteht eine dauerhafte Diskrepanz zwischen universalistischem Anspruch und partikularer Praxis – ein struktureller Widerspruch, in dessen Licht der Autor auch das Handeln Israels betrachtet.
Von hier aus öffnet der Autor die Perspektive des Globalen Südens: Für viele Gesellschaften jenseits Europas waren Menschenrechte und Demokratie nie reine Emanzipationsprojekte, sondern zugleich Instrumente einer paternalistischen Überordnung. Der Kolonialismus erscheint ihm als „liberaler Autoritarismus“, gespeist aus der Überzeugung westlicher Überlegenheit und einer selbst auferlegten Zivilisierungsmission.
Diese Haltung wirkt, so seine Diagnose, bis in die Gegenwartspolitik fort – in Entwicklungszusammenarbeit, Interventionen und einem „liberalen Imperialismus“, der zur Not mit militärischen Mitteln Demokratie exportieren will. Der Globale Süden registriert dies als Muster: Werte werden proklamiert, aber selektiv angewandt.
Europas Verhältnisse brachten den Zionismus hervor
Der Autor erklärt, wie die europäische „Judenfrage“ – Europas Unfähigkeit, jüdische Minderheiten gleichberechtigt zu integrieren – zur Entstehung des Zionismus führte.
Theodor Herzls politische Idee wird dabei nicht als religiöse Bewegung, sondern als säkularer Ethnonationalismus dargestellt, der von Anfang an koloniale Züge trug: Ignoranz gegenüber der ansässigen palästinensischen Bevölkerung, Vertreibungsgedanken und ein Überlegenheitsgefühl.
Dieser Teil mündet in der detaillierten Darstellung der Nakba – der systematischen Vertreibung von 700.000 Palästinensern 1947/48. Und er zeigt auf, dass dies kein Unfall des Krieges war, sondern Bestandteil einer bewussten Strategie.

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Eine Frage der Deutungshoheit
Der dritte Teil wendet sich den Deutungsrahmen zu, in denen Israel, Palästina und Gaza international verhandelt werden, und legt frei, wie stark Wahrnehmung durch Narrative strukturiert ist. Ausgangspunkt ist das im Westen verbreitete Bild Israels als „Schutzwall der Freiheit“ inmitten eines feindlichen arabischen Umfelds.
Murtaza liest diese Selbstbeschreibung als Fortschreibung kolonialer Denkfiguren: hier der aufgeklärte, demokratische Westen, dort eine diffuse, bedrohliche Peripherie. Ohne Israel seine demokratischen Institutionen abzusprechen, insistiert er auf den Widerspruch eines Staates, der sich zugleich als säkular und als dezidiert ethnisch‑religiös definiert – und verweist unter anderem auf die Einstufung Israels im V‑Dem‑Index, um diese Spannung zu unterstreichen.
Dem Narrativ der existenziellen Einkreisung stellt der Text eine nüchterne Betrachtung der regionalen Lage gegenüber. Friedensverträge mit Ägypten und Jordanien, die Normalisierung der Beziehungen mit Golfstaaten, wiederholte saudische Angebote im Rahmen einer Zwei‑Staaten‑Lösung – all dies zeichnet das Bild eines Umfelds, das deutlich weniger geschlossen feindlich ist, als es die gängige Rhetorik suggeriert.
Wo von einem „Meer arabischen Hasses“ gesprochen wird, macht Murtaza auf Kooperationen, Sicherheitsabkommen und ökonomische Interessen aufmerksam. Scharf fallen seine Beobachtungen aus, wenn er auf explizit rassistische Aussagen einzelner Regierungsmitglieder eingeht, die Araber herabsetzen und damit die Vorstellung kultureller Überlegenheit fortschreiben.
Der dritte Teil erfüllt im Gefüge des Buches eine doppelte Funktion: Er dekonstruiert die offiziellen und halboffiziellen Erzählungen, mit denen Gewaltpolitik legitimiert wird, und er verankert den Konflikt zugleich im Rahmen eines universalen Rechtsanspruchs.
Die Kritik an „Propaganda“ richtet sich nicht nur an Israel, sondern auch an jene westlichen Diskurse, die durch selektive Empörung und historische Analogien das Bild eines permanent bedrohten Ausnahmestaats stabilisieren.
Indem Murtaza dem die nüchternen Befunde des IGH und eine transnationale Perspektive entgegenstellt, bereitet er den Boden für den folgenden Teil, in dem es um mögliche Alternativen zu Gewaltspiralen und Abschottungslogik geht.
Gibt es Alternativen?
In der „alternativen Ebene“ wendet sich Murtaza von der Diagnose der Gewaltspiralen den Möglichkeiten eines anderen Umgangs mit dem Konflikt zu. Ausgehend vom Bild des „Gordischen Knotens“ argumentiert er, dass sich die verfahrene Lage weder durch militärische Überlegenheit noch durch terroristische Gewalt lösen lässt.
Beide Strategien stabilisierten sich gegenseitig: Staatliche Repression nährt Radikalisierung, Anschläge legitimieren wiederum massive Gewalt und Einschränkungen von Rechten. Stattdessen plädiert der Autor für eine konsequente Suche nach Ansätzen, die auf gleichen Rechten, Rechtsstaatlichkeit und der Anerkennung von Leid auf beiden Seiten beruhen.
Terrorismus verurteilt er nicht nur moralisch, sondern auch als politisch „lächerlich“, weil er die eigenen Ziele untergräbt, Verbündete verschreckt und die Logik der militärischen Antwort stärkt.
Als positive Gegenfigur entwickelt Murtaza den gewaltlosen Widerstand und verweist auf historische Vorbilder wie die Anti‑Apartheid‑Bewegung oder bürgerrechtliche Kämpfe in anderen Teilen der Welt. Er zeigt, dass zivilgesellschaftliche Initiativen, Boykottformen und rechtliche Schritte langfristig mehr bewirken können als spektakuläre Anschläge, weil sie die universalen Maßstäbe, auf die sich der Westen offiziell beruft, gegen dessen eigene Doppelstandards in Stellung bringen.
Zugleich rückt er „vergessene“ Akteure ins Blickfeld, etwa palästinensische Christen, die die einfache religiöse Frontstellung zwischen „jüdischem Staat“ und „islamischem Widerstand“ durchbrechen.
In der nüchternen Darstellung von Folter und Misshandlungen in israelischen Haftanstalten zeigt er schließlich, wie sehr auch ein demokratischer Staat seine moralische Glaubwürdigkeit verspielt, wenn er auf systematische Entwürdigung setzt. Die alternative Ebene ist kein fertiger Friedensplan, sondern eine Bündelung von Prinzipien und Praktiken, die aus der Logik von Vergeltung und Überlegenheit ausbrechen sollen.

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Lassen sich friedliche Wege finden?
In der „Friedensebene“ bündelt Murtaza seine zuvor entwickelten Fragen und Analysen zu einer Art normativem Prüfstein: Unter welchen Bedingungen ist Frieden überhaupt denkbar?
Er knüpft an seine beiden ersten Dialogfragen an (universelle Geltung der Menschenrechte, Unzulässigkeit von Völkerrechtsbrüchen) und ergänzt eine dritte Dimension: Kritik an israelischer Politik darf nicht in die Delegitimierung des Staates als solchem kippen, so wie umgekehrt die Berufung auf Israels Existenzrecht nicht dazu dienen darf, jede Kritik zu immunisieren.
Frieden setzt für ihn voraus, dass die beteiligten Akteure sich auf einen gemeinsamen normativen Boden einigen: gleiche Rechte statt ethnischer Hierarchien, Anerkennung beider Traumata (Schoa und Nakba) und der Verzicht auf selektive Empörung.
Konkrete politische Modelle – Zwei‑Staaten‑Lösung, binationaler Staat, Konföderation – bewertet er weniger als technische Blaupausen denn als jeweils nur dann tragfähig, wenn sie diese Grundbedingungen erfüllen.
Frieden ist in seiner Darstellung kein Moment der Versöhnungsromantik, sondern ein langfristiger Prozess, der Entmilitarisierung von Identitätspolitik, Abrüstung von Feindbildern und die Wiederentdeckung des Gegenübers als verletzlichen Menschen verlangt.
Deshalb schließt der Teil nicht mit einem „Masterplan“, sondern mit einer nüchternen Aufforderung, Machtinteressen konsequent an Prinzipien zu messen – und nicht umgekehrt die Prinzipien an die Macht anzupassen.