IZ-Reiseblog: Bosnien und die Transzendenz
Bosnien ist mehr als Kulisse für Wasserfälle, Berge und alte Steine. Unser Reiseblog folgt der Suche nach Transzendenz: zwischen Visokos Pyramidenmythos, den Stećci, Moscheen und einer Natur, die Spiritualität verspricht — aber ihre Geschichte nicht verschweigen darf.
Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung
(iz). Wir stehen im Regen am Eingang zu den Ravne-Tunneln bei Visoko und beobachten Menschen mit der ernsten Erwartung jener, die nicht bloß etwas besichtigen, sondern etwas empfangen wollen. Was erwarten Sie?
Manche suchen Heilung, manche Energie, manche lediglich die Möglichkeit, für einen Moment in eine größere Zeit einzutreten. Über ihnen liegt die Visočica, jener bewaldete Hügel, den der Geschäftsmann Semir Osmanagić 2005 zur „Pyramide der Sonne“ erklärte.
Die Anlage soll älter als die ägyptischen Pyramiden, höher als die Cheops-Pyramide, Zeugnis einer verschollenen Zivilisation von vor zwölf- oder gar dreißigtausend Jahren sein. Nur, die Archäologie sieht darin keine Pyramide. Anerkannte Geologen und Archäologen beschreiben die Formation als natürlichen Hügel, als Resultat von Sedimenten, tektonischer Hebung und Erosion.
Die European Association of Archaeologists verurteilte das Projekt scharf als Pseudowissenschaft und warnte davor, dass die Grabungen tatsächlich vorhandene mittelalterliche und römische Spuren beschädigen könnten.
Jenseits dieser Vorwürfe denken wir über die merkwürdige Bedeutung von Visoko nach: Die Pyramiden sind nicht deshalb interessant, weil sie eine unbekannte prähistorische Religion bezeugen würden. Sie sind interessant, weil sie zeigen, wie sehr die Gegenwart nach einer solchen Religion verlangt.
Die Hügel von Visoko sind ein Labor der modernen Sakralität. Hier verbindet sich der Wunsch nach Ursprünglichkeit mit Wellness, Esoterik, Tourismus und einer tiefen Skepsis gegenüber wissenschaftlicher Nüchternheit. Die Besucher wollen nicht getäuscht werden; sie wollen berührt werden.
Sie suchen eine Welt, die nicht bloß wissenschaftlich erklärbar ist, sondern antwortet. In den Tunnelgängen, in den Erzählungen von kosmischen Energien und der Beschreibung von heilenden negativen Ionen, die sich im Netz verbreiten, in der Aura des angeblich uralten Bauwerks entsteht eine Erfahrung, die sich religiös anfühlt, auch wenn sie keiner Offenbarungsreligion und keiner kirchlichen Institution verpflichtet ist.
Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung
Der Wunsch nach einem Bosnien vor Bosnien
Bosnien und Herzegowina ist ein Land, in dem Religion nicht nur geglaubt, sondern sichtbar wird. Minarette steigen über die Dächer kleiner Städte. Kirchtürme, orthodoxe Kuppeln und Klöster markieren Landschaften, Straßen und Horizonte.
In Sarajevo stehen Moscheen, Kirchen und Synagogen in einer historischen Nähe, die Reiseführer gern als Signatur des Zusammenlebens feiern. Und doch kann diese Nähe täuschen.
Denn jedes dieser Gebäude trägt nicht nur Glauben, sondern auch Erinnerung: an Imperien, Nachbarschaften, Vertreibungen, Zerstörung, Rückkehr und die ungelösten Spaltungen nach dem Krieg.
Wer sich von dieser Geschichte überfordert fühlt, sucht oft nach einer älteren, weniger belasteten Tiefe. Die Bosnische Kirche des Mittelalters, oft vorschnell mit den Bogumilen identifiziert, wird dann zu einem Reservoir dieser Imagination.
In der populären Vorstellung erscheint sie als eine Art ursprüngliches, eigenständiges, vorislamisches Bosnien: weder katholisch noch orthodox, weder serbisch noch kroatisch, noch bosniakisch im heutigen Sinn.
Die Stećci, die mittelalterlichen Grabsteine, geben dieser Sehnsucht ein Gesicht. Sie stehen auf Höhen, in Feldern, am Rand von Dörfern oder unter Bäumen: schwere Kalksteinblöcke mit Rosetten, Monden, Tieren, Reitern, Händen, Kreuzen, Jagdszenen und rätselhaften Ornamenten.
Sie wirken nicht wie dogmatische Monumente. Sie wirken, als seien sie aus der Landschaft selbst hervorgegangen. Gerade deshalb sind sie so verführerisch. Sie erlauben es, ein älteres Bosnien zu imaginieren, das nicht von den politischen Grenzlinien der Gegenwart zerrissen ist.
Historisch ist diese Eindeutigkeit allerdings nicht haltbar. Die Stećci gehören nicht exklusiv einer angeblich „bogumilischen“ Kirche. Die UNESCO beschreibt sie als ein Erbe, das von verschiedenen mittelalterlichen christlichen Gemeinschaften genutzt wurde: von orthodoxen, katholischen und der Bosnischen Kirche verbundenen Bevölkerungen.
Die Grabsteine finden sich zudem nicht allein in Bosnien und Herzegowina, sondern auch in Teilen Kroatiens, Montenegros und Serbiens. Der Stećak ist kein Beweisstück einer nationalen Urgeschichte. Er ist eher ein Monument der Mehrdeutigkeit.
Vielleicht liegt genau darin seine religiöse Kraft. Er verweist auf Tod und Erinnerung, auf Familie und Landschaft, auf Körper und Dauer. Er macht spürbar, dass es Formen der Zugehörigkeit gibt, die älter oder zumindest weniger eindeutig sind als die heutigen ethnokonfessionellen Raster.
Wer zwischen den Grabsteinen steht, begegnet keiner verlorenen „Naturreligion“ und auch keiner sauber rekonstruierbaren Häresie. Aber man begegnet einer Vergangenheit, die sich der vollständigen Aneignung verweigert. Das ist bereits eine Form des Sakralen: nicht die klare Antwort, sondern die Erfahrung einer Grenze des Verstehens.
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Die Natur als säkulares Heiligtum
Wer heute durch Bosnien reist, bemerkt noch etwas anderes. Viele Reisende kommen nicht in erster Linie wegen der Moscheen, Kirchen oder Grabsteine. Sie kommen wegen der Flüsse, Berge und Wälder. Wegen der Una und der Neretva, wegen der Karstlandschaften der Herzegowina, wegen abgelegener Täler, tief eingeschnittener Schluchten, einsamer Straßen und der rauen Bergwelt.
Der Balkan erscheint ihnen als letzter Rest eines wilden Europas: ein Raum, in dem Wasser noch frei fließt, Wege noch nicht vollkommen erschlossen sind und Landschaft nicht vollständig unter touristischer Kontrolle steht. Hier ist ein neuer Tempel entstanden: die Natur. Man sollte das nicht vorschnell als oberflächliche Flucht abtun.
Viele Menschen, die aus den beschleunigten Metropolen Europas kommen, suchen in der Natur keine Ablenkung, sondern eine andere Beziehung zur Welt. Sie wollen nicht nur sehen, sondern wieder hören. Sie wollen nicht nur verfügen, planen, buchen und fotografieren, sondern für einen Moment aus dem Regime der Verfügbarkeit herausfallen.
Hartmut Rosa hat für diese Erfahrung den Begriff der Resonanz geprägt. Resonanz entsteht dort, wo die Welt uns berührt, wo wir ihr antworten können und zugleich anerkennen müssen, dass sie nicht vollständig beherrschbar ist. Rosa unterscheidet dabei horizontale, diagonale und vertikale Resonanzachsen: die Beziehung zu anderen Menschen; die Beziehung zu Dingen, Praktiken und Riten; und schließlich die Beziehung zu etwas, das über das unmittelbare Selbst hinausweist – zu Natur, Kunst, Geschichte, Gott oder Kosmos.
Der moderne Reisende muss dazu nicht an Waldgeister, Quellnymphen oder Berggötter glauben. Anders als historische Naturreligionen, die Landschaft als von Gottheiten und Mächten belebt verstanden, sucht er meist keine konkrete übernatürliche Instanz.
Er sucht eher eine Erfahrung der Einfügung: das Gefühl, nicht als isoliertes Ich einer stummen Welt gegenüberzustehen, sondern in eine größere Ordnung eingelassen zu sein. Das ist säkulare Spiritualität.
Die religiöse Erfahrung ohne Religion braucht weder Dogma noch Offenbarung. Sie ist das Gefühl, dass die Welt mehr ist als Materie und der Mensch mehr als ein Produzent, Konsument oder Nutzer. Der Wasserfall, die Schlucht oder die Abendstille am Rand eines Bergdorfs werden dann zu einem Ersatz-Sanktuarium.
Die Natur verlangt keine ausformulierten Glaubenssätze. Aber sie kann Erfahrungen ermöglichen: Aufmerksamkeit, Demut, Geduld oder Schweigen.
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Die Unschuld der Landschaft
Die überwältigende Landschaft Bosniens wird von Touristen heute gern als geschichtslos wahrgenommen. Ein Fluss hat keine Nationalität, ein Berg keine Konfession, ein Wald keine Kriegsschuld. Wer durch ihn wandert, muss keine politische Position beziehen.
Er muss weder die Geschichte des Osmanischen Reichs verstehen noch die Nachwirkungen Jugoslawiens, weder die Belagerung Sarajevos noch die Logik von Dayton, weder Flucht, Massaker, Vertreibung oder Rückkehr.
Die Natur scheint eine Befreiung von all dem zu versprechen. Sakralbauten dagegen sind geschichtlich besetzt. Eine Moschee in einer zerstörten oder wiederaufgebauten Stadt ist nicht bloß ein schönes Gebäude. Eine orthodoxe Kirche ist nicht nur ein architektonischer Stil. Eine katholische Kirche, eine Synagoge, ein Friedhof, eine Brücke: Sie alle können Erinnerungsorte sein.
In dieser Region verlangen sie, dass der Besucher wahrnimmt, was an diesem Ort verloren ging, wem der Ort gehörte, wer vertrieben wurde, wer zurückkehrte und wer heute sichtbar sein darf. Der moderne Naturtourist kann sich dieser Zumutung des Schicksals entziehen. Die Schlucht verlangt keine Kenntnis der Geschichte.
Der Berg stellt keine Frage nach Verantwortung. Der Wasserfall fordert keine Haltung zu ethnischer Gewalt. Seine Schönheit ist unmittelbar und ästhetisch eindeutig. Doch diese Eindeutigkeit ist auch eine Projektion. Maria Todorova hat mit dem Begriff des „Balkanismus“ die westliche Neigung beschrieben, den Balkan als Europas ungezähmtes Anderes zu imaginieren: wild, irrational, rückständig, unübersichtlich und zugleich exotisch verführerisch.
Der zeitgenössische Naturtourismus verwandelt diese alte Abwertung oft in eine positive Sehnsucht. Aus Rückständigkeit wird Authentizität. Aus wirtschaftlicher Peripherie wird „unberührte Wildnis“. Die Reisenden suchen dann nicht Bosnien, sondern eine Fantasie von Bosnien: das letzte freie Europa, die Landschaft vor der Zivilisation und die Erholung vor der Geschichte.
Dabei ist die vermeintliche Wildnis häufig selbst historisch produziert. Entvölkerung, Abwanderung, fehlende Infrastruktur, ökonomische Marginalisierung, Krieg und verspätete Erschließung haben manche Räume weniger dicht bebaut und touristisch weniger standardisiert hinterlassen als andere Teile Europas.
Der Reisende genießt also bisweilen die ökologische und ästhetische Folge jener Brüche, deren menschliche Kosten er nicht sehen möchte. Das heißt nicht, dass man nicht wandern, paddeln oder staunen dürfte. Es heißt nur: Wer die Landschaft als Resonanzraum sucht, sollte ihre Geschichte nicht zum Schweigen bringen.
Wahre Resonanz ist keine komfortable Wellnessbeziehung zur Welt. Sie enthält auch Widerstand. Sie lässt sich stören. Sie hört nicht nur das Rauschen des Flusses, sondern auch die Abwesenheiten in den Dörfern, die Ruinen am Weg, die Namen auf den Friedhöfen und die politischen Schwebezustände, die hinter der touristischen Idylle liegen.
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Die alten Religionen in der Gegenwart
Welche Rolle spielen die monotheistischen Religionen in Bosnien heute? Die erste Antwort lautet: eine sehr große. Islam, Orthodoxie und Katholizismus strukturieren weiterhin Alltag, Kalender, Familiengeschichte, Ortsbilder und – nicht zuletzt – politische Zugehörigkeiten.
Die zweite Antwort ist komplizierter: Ihre gesellschaftliche Macht übersteigt oft die individuelle Frömmigkeit. Viele Menschen verstehen sich als Muslime, Orthodoxe oder Katholiken, auch wenn sie selten beten, fasten, eine Messe besuchen oder sich theologisch engagieren. Religion fungiert dann nicht nur als Glaube, sondern als Zeichen der Herkunft.
In Bosnien und Herzegowina fallen ethnische und konfessionelle Kategorien besonders oft zusammen: Bosniaken werden mehrheitlich mit dem Islam, Serben mit der Orthodoxie und Kroaten mit dem Katholizismus identifiziert. Forschungen zur Gegenwart des Landes betonen gerade diese enge Überlappung von ethnischer Zugehörigkeit und religiöser Selbstbeschreibung.
Doch daraus folgt nicht, dass die Religionen lediglich Masken der Nationalpolitik wären. Eine Moschee bleibt für viele Menschen ein Ort des Gebets. Eine Kirche bleibt ein Ort der Liturgie, des Trostes, der Trauer und der Hoffnung. Eine Synagoge bleibt ein Ort von Schrift, Erinnerung und Gemeinschaft.
Wer diese Orte nur als ethnische Markierungen liest, nimmt ihnen jene Erfahrung weg, für die sie gebaut und erhalten wurden.
Sind Moscheen noch Resonanzräume? Ja. Und zwar in einem Sinn, den das touristische Auge leicht übersieht. Der Gebetsruf unterbricht die Zeit des Alltags. Der Gebetsteppich richtet den Menschen aus.
Die Abfolge der Bewegungen, die Rezitation des Korans, das gemeinsame Gebet und die Stille zwischen den Worten ordnen das Leben in eine Beziehung zu Allah ein. Dies ist eine vertikale Resonanzachse: keine diffuse Verbindung mit dem Kosmos, sondern die Antwort auf einen göttlichen Ruf.
Die Erfahrung ist dabei nicht bloß innerlich. Sie ist materiell und sozial. Der Teppich, der Mihrab, das Minarett, die Körper der Betenden, die Zeit des Freitagsgebets: All dies stiftet eine diagonale Resonanz mit Dingen, Praktiken und Räumen.
Die Moschee bringt Menschen zudem horizontal zueinander in Beziehung. Sie ist Ort des Gebets, aber auch der Begegnung, der Nachricht, der Fürsorge, der Trauerarbeit und der Feier. Untergegangen ist das Netzwerk der Stiftungen und der Marktplätze, die den Raum um die Moscheen über Jahrhunderte geprägt und – zum allgemeinen Nutzen – erweitert haben.
Die religiöse Infrastruktur war und ist gerade deshalb politisch so aufgeladen. Während des Krieges von 1992 bis 1995 wurden religiöse Bauten systematisch zerstört. Ihre Vernichtung zielte nicht allein auf Steine, Dächer und Türme, sondern auf die öffentliche Existenz der Gemeinschaften, die sich in ihnen versammelten.
Der Wiederaufbau von Moscheen und Kirchen war deshalb nach dem Krieg mehr als Restaurierung: Er wurde zum Zeichen der Rückkehr, des Rechts auf Präsenz und des Anspruchs, im Raum sichtbar zu bleiben. Das erklärt die Ambivalenz religiöser Architektur im heutigen Bosnien.
Eine wiedererrichtete Moschee kann ein Ort der Andacht sein – und zugleich ein Zeichen dafür, dass eine vertriebene Gemeinschaft zurückgekehrt ist. Ein Kirchturm kann Trost und Kontinuität ausdrücken – und zugleich als territoriale Markierung gelesen werden.
Ein sakraler Bau kann Zugehörigkeit bekräftigen, ohne notwendig Ausgrenzung zu wollen. Aber unter den Bedingungen einer ethnisch fragmentierten Nachkriegsgesellschaft wird er selten völlig neutral wahrgenommen.
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Wenn Identität die Erfahrung überlagert
Vielleicht ist Identitätspolitik in Bosnien deshalb so gegenwärtig, weil sie religiöse Erfahrung nicht einfach verdrängt, sondern in Anspruch nimmt. Religion stiftet etwas, das die moderne Politik allein nur schwer herstellen kann: Tiefe.
Sie verbindet Gegenwart mit Herkunft, einzelne Biografien mit den Toten, den Alltag mit Festen, den Wohnort mit einem größeren Sinnhorizont.
Nationalistische Politik weiß um diese Kraft. Sie versucht daher religiöse Zeichen in politische Zeichen verwandeln: Das Minarett wird zur Grenze, das Kreuz zur Besitzanzeige, das Gotteshaus zum Beweis historischer Priorität.
Dann verändert sich die religiöse Erfahrung. Sie muss nicht verschwinden, aber sie wird überlagert. Aus dem vertikalen Verhältnis zu Gott wird ein horizontales Verhältnis zwischen Gruppen – häufig eines der Abgrenzung. Aus dem Gotteshaus wird eine Fahne aus Stein. Doch gerade hier liegt auch eine andere Möglichkeit.
Denn die religiösen Gemeinschaften des Landes sind nicht nur Träger von Trennung. Sie verfügen über lokale Netzwerke, karitative Praxis, Bildungsarbeit und eine Autorität, die im Alltag stärker verankert sein kann als viele staatliche Institutionen.
Der Interreligiöse Rat von Bosnien und Herzegowina steht exemplarisch für Versuche, diese Autorität in Dialog, Friedensarbeit und Versöhnung zu übersetzen
Ob Religion trennt oder verbindet, entscheidet sich daher nicht abstrakt an ihrem Wahrheitsanspruch. Es entscheidet sich an der Frage, ob sie die Verletzbarkeit des anderen wahrnehmen kann.
Eine Religion, die nur die eigene Erinnerung heiligspricht, wird zur Identitätsmaschine. Eine Religion, die auch die Würde des Nachbarn, die Trauer der anderen und die Vielstimmigkeit der Geschichte hören kann, bleibt ein Resonanzraum.
Bosnien ist deshalb kein Land, in dem die alten Religionen von neuer Spiritualität abgelöst worden wäre. Es ist ein Land, in dem verschiedene Formen des Heiligen nebeneinanderstehen.
Der Einfluss der Gläubigen auf das gesellschaftliche Leben wirkt ungebrochen fort, sie entscheiden mit, ob der Nationalismus zurückkehrt und die allgegenwärtige Korruption bekämpft wird.
Was wir auf unserer Reise gelernt haben: Der moderne Reisende sucht, manchmal auch unbewusst, die Formen der Transzendenz. Er sucht sie im Ritual, in der Landschaft, in der Aura einer Vergangenheit oder im Versprechen einer Energie, die älter sein soll als alle Geschichte.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob diese Suche religiös ist. Sie ist es häufig, auch wenn sie sich nicht so nennt. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Welche Welt wollen wir sehen? Eine reine Natur ohne Geschichte? Eine reine Herkunft ohne Mehrdeutigkeit? Eine reine Identität ohne Nachbarn? Oder ein Bosnien, dessen religiöse und landschaftliche Räume gerade deshalb berühren, weil sie keine einfachen Antworten geben?
In diesem Sinn wäre die tiefste Form der Resonanz nicht jene, die den Reisenden beruhigt. Sie wäre jene, die ihn verändert. Wo immer sein Zuhause ist, er wird die Zeichen unserer Zeit bewusster sehen.

