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IZ-Reiseblog: Bihać – am Rand der vertrauten Welt

reiseblog Bihać UNA

Im IZ-Reiseblog führt die letzte Etappe der Balkanreise nach Bihać: an die smaragdgrüne Una, in eine Landschaft zwischen Naturparadies und den sichtbaren wie unsichtbaren Spuren des Krieges.

Von dort aus öffnet sich der Blick auf Bosnien – und auf eine Frage, die längst die ganze Welt betrifft: Wie kann Zusammenleben gelingen, wenn Erinnerungen, Identitäten und Grenzen einander noch immer entgegenstehen?

(iz). Es ist die letzte Etappe unserer Balkanreise 2026: Von Sarajevo führt die Straße über Travnik und Jelce zu einer der schönsten Regionen Europas. Unser Ziel ist Bihać, nahe der kroatischen Grenze, im Nordwesten des Landes.

Die Landschaft dort gehört zu den wasserreichsten und ursprünglichsten Naturregionen Südosteuropas. Die Ausläufer des Dinarischen Gebirges reichen bis in dichte Wälder, tiefe Schluchten und Karstformationen hinein. Doch alles wird von einem Element zusammengehalten: der Una.

Ihr Name, so heißt es, gehe auf die Römer zurück. Angesichts dieses Flusses sollen sie nur ein Wort gefunden haben: una, die Einzige. Es ist leicht, die sprachliche Übertreibung zu verstehen, wenn man am Ufer steht. Das Wasser schimmert, je nach Licht, in Smaragd, Türkis und dunklem Grün.

Es tritt aus einer mächtigen Karstquelle hervor, aus einer Tiefe, die den Fluss zugleich uralt und unwirklich wirken lässt. Oberhalb von Bihać ist die Una an vielen Stellen so klar, dass man, wie uns gesagt wird, direkt aus ihr trinken könne. Der Fluss ist nicht bloß Teil einer Landschaft. Er bildet ein Gegenbild zu allem, was man mit Bosnien gewöhnlich verbindet.

Wer an dieses Land denkt, denkt oft zuerst an Krieg, ethnische Grenzziehungen, an die Belagerung Sarajevos, an Srebrenica, an die komplizierte Architektur des Friedens von Dayton.

Die Una stellt diesen Assoziationen nichts Ideologisches entgegen. Sie fließt unberührt, schneidet sich durch Wald und Stein, nimmt Licht auf und gibt es verändert zurück. In ihrer Gegenwart wirkt die Landschaft versöhnt und zeigt eine andere Möglichkeit des Daseins: Schönheit ohne Erklärung.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Rauch über dem Paradies

Nahe Bihać stehen wir auf einem kleinen Campingplatz an einem eiskalten Nebenfluss. Die Umgebung ist von einmaliger Wildheit: Bäume, Felsen, feuchte Erde, die Kühle des Flusses, die an den Füßen sofort in den Körper steigt. Es ist ein Naturparadies.

Zumindest bis wir an den Berghängen, nicht weit entfernt, dünne Rauchsäulen aufsteigen sehen. Wir sprechen den Besitzer des Campingplatzes darauf an. Er lächelt. Nicht spöttisch, nicht sorglos, sondern mit der stillen Gelassenheit, die Menschen besitzen können, die mehr als eine Krise überstanden haben.

Gefährlich werde es, erklärt er, erst dann, wenn man offenes Feuer sehe. Dann könnten Detonationen folgen. Der Bergzug sei im Jugoslawienkrieg von serbischen Truppen vermint worden. Solange wir nichts hörten, sei alles gut.

Es sind Sätze, die sich in die Erinnerung einbrennen, weil sie verschiedene Wirklichkeiten in einem Atemzug verbinden. Vor uns: das kühle Wasser, das Grün der Wälder, die Idylle einer Landschaft. Über uns: Rauch. Unter dem Boden: die Möglichkeit des Krieges.

Vielleicht ist das eine der Wahrheiten Bosniens: Dass die Vergangenheit nicht immer als sichtbares Monument erscheint. Sie liegt nicht nur in Museen, Gedenkorten, Einschusslöchern oder verlassenen Häusern.

Warum wir an den Rand reisen

Zuletzt haben wir einen Essay von Charles Foster „What Are We? Where Are We?“ gelesen. Er stellt zwei grundlegende Fragen: Was ist der Mensch? Und in welcher Wirklichkeit lebt er eigentlich?

Fosters Gedanke ist ebenso einfach wie weitreichend: Der Mensch erkennt sich und die Welt nicht im geschützten Zentrum seiner Gewohnheiten. Er erkennt sich dort, wo Sicherheit, Komfort, Identität und vertraute Ordnung brüchig werden. Am Rand. In der Fremde. In Situationen, in denen die eigenen Deutungsmuster nicht mehr selbstverständlich tragen.

Der Mensch nimmt die Welt nicht nur wahr; er interpretiert sie. Und indem er interpretiert, verwandelt er sie. Foster knüpft dabei, mit Henri Bergson im Hintergrund, an ein Verständnis von Zeit an, das sich gegen die bequeme Vorstellung einer geraden Linie richtet.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft folgen nicht einfach aufeinander wie Stationen auf einem Fahrplan. Zeit ähnelt eher einer Welle, einem wachsenden Schneeball oder einem Lavastrom. Die Vergangenheit ist nicht vorbei; sie bleibt in der Gegenwart enthalten. Und die Zukunft ist nicht festgelegt, sondern bildet sich in jedem Augenblick neu.

Warum also Bosnien? Warum der Balkan? Nicht, um eine exotische Kulisse für europäische Selbstvergewisserung zu suchen oder um das „Andere“ konsumierbar zu machen. Sondern weil das Reisen auf dem Balkan tatsächlich an die Ränder des Gewohnten führen kann.

Dort werden feste Selbstbilder durchlässig. Information verwandelt sich in der Begegnung zu einer Erfahrung. Routinen verwandeln sich in Aufmerksamkeit. Das Fremde kann Resonanz erzeugen.

Eine vollständig optimierte Reise durch diese Region, die jede Unsicherheit, jedes Missverständnis und jede Irritation beseitigt, würde möglicherweise gerade jene Schwelle entfernen, an der Erfahrung zur Verwandlung wird. Das ist Fosters anthropologische Begründung des Reisens: Wir suchen nicht nur andere Orte. Wir suchen die Möglichkeit, anders auf die Welt zu sehen.

Foto: CIA, via Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

Balkanische Lektionen

Am Ende dieser Reise bleiben vier Themen, die sich immer wieder miteinander verschränkt haben: Identitätspolitik, Architektur, Perspektiven und die Rolle der Religionen. Die Architektur war dabei nie nur Architektur.

In Belgrad, Tetovo, Skopje oder Sarajevo erzählen Häuser, Brücken, Kirchen, Moscheen, sozialistische Großbauten und Ruinen von Leben, Zugehörigkeit und Verlust. Jede Fassade hatte ihre Zeit. Jede Stadt stellt die Frage, wer hier gewohnt hat, wer vertrieben wurde, wer zurückkehrte und wer die Deutungshoheit über den Raum beansprucht.

Besonders Belgrad hat uns daran erinnert, dass die Zeit nirgendwo stillsteht. Die serbische Hauptstadt lässt sich weder auf die Bilder der 1990er Jahre noch auf eine nationale Selbstbeschreibung reduzieren. Literatur, Gespräche und Beobachtungen haben uns gelehrt, dass es „die Serben“ im Plural einer homogenen Kollektividentität auch während des Jugoslawienkriegs nicht gegeben hat.

Der nationalistischen Politik Slobodan Miloševićs stand stets Opposition gegenüber: in kulturellen Milieus, in politischen Initiativen, in Familien und in intellektuellen Netzwerken, im Widerstand einzelner Menschen gegen die Zumutung, für eine abstrakte Nation zu sprechen.

Das ist keine Entlastung gegenüber der Verantwortung der Geschichte. Aber es ist eine Absage an die Vereinfachung, ohne die Nationalismus nicht funktionieren kann. Nationalistische Politik braucht kollektive Subjekte: „die Serben“, „die Kroaten“, „die Bosniaken“, „die Muslime“ und „die Europäer“.

Wirkliche Gesellschaften bestehen dagegen aus widersprüchlichen Biografien, Abweichungen, Solidaritäten, Ängsten und Hoffnungen. Gerade deshalb interessierte uns der Zusammenhang zwischen Identitätspolitik und Architektur.

Wer ein Gebäude errichtet, restauriert, zerstört oder ignoriert, entscheidet oft auch darüber, welche Geschichte sichtbar bleibt. Die Infrastruktur eines Ortes ermöglicht oder beendet Lebensformen.

Und wenn sich das moderne Leben der verschiedenen Menschen in unserer Zeit immer mehr annähert, ersetzt eine abstrakte Sehnsucht nach Identität, die oft mühsame Neustiftung der eigenen Kultur.

Und immer wieder beobachten wir auf unserer Reisestationen die stille Sehnsucht nach Transzendenz. Nicht ausschließlich – wie wir gesehen haben – in den Moscheen, Kirchen, Klöstern oder Friedhöfen. Religion ist auf dem Balkan weder bloß private Glaubenspraxis noch nur politische Markierung.

Sie kann Erinnerung, Trost, Zugehörigkeit und Abgrenzung zugleich sein. Wer sie allein als Problem betrachtet, versteht ihre Tiefe nicht. Wer sie allein als Lösung verklärt, übersieht ihre politische Instrumentalisierbarkeit.

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Foto: Adobe Stock | Lizenz: Adobe Stock, erworben

Wahrheit als Gespräch

Unsere Reise durch Bosnien hat uns schließlich zu einer philosophischen Frage geführt: Mit welcher Methode lässt sich in einer polarisierten, vielfach geteilten Gesellschaft so etwas wie Wahrheit finden?

Der deutsche Philosoph Hans-Georg Gadamer bietet dafür keinen politischen Masterplan. Seine Hermeneutik – beschrieben in seinem Hauptwerk Wahrheit und Methode – verspricht keine schnelle Konfliktlösung und keine neutrale Position außerhalb der Geschichte.

Aber gerade darin liegt bis heute ihre Stärke. Gadamer erinnert daran, dass Verstehen keine technische Operation ist. Es ist ein Geschehen zwischen Menschen, die ihre Vorannahmen mitbringen, sich ihnen stellen und im Gespräch verändern lassen.

Bosnien und Herzegowina leidet bis heute offensichtlich unter den Folgen eines Friedens, der den Krieg beendete, aber die politischen und ethnischen Grenzen in institutionelle Formen übersetzte.

Das Dayton-Abkommen von 1995 stabilisierte das Land nach dem Krieg; zugleich prägte es ein System, das Bosniaken, Serben und Kroaten als zentrale politische Kategorien festschreibt. Geschichte wird dadurch leicht zur Waffe: Jede Gruppe verfügt über ihre eigene Erzählung des Leids, der Opfer, der Schuld und der Bedrohung.

Gadamer würde vermutlich nicht verlangen, diese Geschichten zu vergessen oder in einer künstlichen Einheitsgeschichte aufzulösen. Der Ausweg liegt nicht im Vergessen. Er liegt in einer anderen Haltung zum eigenen Wissen.

Das sokratische Gespräch

Im politischen Alltag stehen sich heute häufig Monologe gegenüber. Sie sind miteinander verbunden, aber nicht offen füreinander. Jede Seite kennt ihre Argumente, ihre Verletzungen und ihre Erinnerungspolitik. Oft wird verhandelt, als sei jeder Gewinn der einen Seite notwendig der Verlust der anderen.

Gadamers Orientierung am sokratischen Gespräch setzt an einem anderen Punkt an. Ein wirkliches Gespräch beginnt nicht damit, dass man Recht behalten will. Es beginnt damit, dass die Sache selbst wichtiger wird als die Selbstbehauptung der Beteiligten. Wer sich auf ein Gespräch einlässt, muss bereit sein, vom anderen verändert zu werden.

Auf Bosnien übertragen hieße das: Politische Begegnung dürfte nicht allein, als eine Art Nullsummenspiel organisiert, sein. Es müsste ein Raum entstehen, in dem nicht nur Kompromisse verrechnet, sondern gemeinsame Fragen gestellt werden.

Was bedeutet ein würdiges Leben? Welche Schulen wollen wir? Wie schützen wir Wasser, Landschaft und öffentliche Räume? Wie entsteht eine Zukunft, in der junge Menschen nicht auswandern müssen, um frei leben zu können?

Das Ziel wäre nicht die erzwungene Harmonie. Es wäre die Entstehung eines Dritten: eines gemeinsamen Gegenstands, der größer ist als die ethnische Zugehörigkeit. Und dieser Ansatz wird in allen polarisierten Gesellschaften Europas entscheidend für die Möglichkeit eines Miteinanderseins sein. 

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Foto: Patheos.com

Horizontverschmelzung

Gadamers Begriff der Horizontverschmelzung wird oft missverstanden, als bedeute er die Auflösung von Differenz. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Horizont verschmilzt nicht, indem eine Seite verschwindet. Er erweitert sich, weil man erkennt, dass der eigene Blick begrenzt ist.

Jeder Mensch bringt, so Gadamer, Vorurteile mit. Das Wort meint hier nicht einfach falsche Meinungen, sondern historische Vorverständnisse: das, was wir gelernt, erlebt, geerbt und übernommen haben. Ohne solche Vorverständnisse könnten wir die Welt gar nicht deuten.

Gefährlich werden sie, wenn wir sie für vollständig und unangreifbar halten. In Bosnien bedeutet dies: Die Erinnerung an Srebrenica, an die Belagerung Sarajevos, an Vertreibung, Massaker und Verlust bleibt unverzichtbar. Sie darf weder relativiert noch gegen andere Leidensgeschichten ausgespielt werden.

Eine gemeinsame Zukunft kann jedoch nicht entstehen, solange das Leiden des Nachbarn aus dem eigenen Horizont ausgeschlossen bleibt. Horizontverschmelzung wäre deshalb keine Forderung nach Gleichmacherei.

Sie wäre die Bereitschaft, anzuerkennen: Meine Geschichte ist wahr, aber nicht vollständig. Meine Erfahrung begründet Verantwortung, aber kein Monopol auf Wahrheit. Das Leid der anderen bedroht nicht meine Erinnerung; es erweitert die Wirklichkeit, in der ich lebe.

Das Dritte: das Gute

Wie sieht die Zukunft aus? In Gadamers Platon-Deutung steht über den Gesprächspartnern eine Idee: Gerechtigkeit, das Gute und die Wahrheit. Diese Idee gehört keiner Seite. Sie ist das Dritte, an dem beide teilhaben können.

Für Bosnien ist dieser Gedanke eine politische Notwendigkeit. Solange Politik ausschließlich als Vertretung ethnischer Interessen organisiert wird, bleibt sie in der Trostlosigkeit der Geschichte gefangen.

Sobald Menschen sich über Herkunftsgrenzen hinweg für sauberes Wasser, funktionierende Schulen, bezahlbaren Wohnraum, öffentliche Verkehrsmittel, unabhängige Gerichte oder den Kampf gegen Korruption einsetzen, verändert sich der Bezugspunkt. Dann geht es nicht mehr zuerst um die Frage, welche Gruppe gewinnt. Es geht um das gemeinsame Gute.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Die bosnische Frage ist europäisch

Aus philosophischer Sicht lässt sich die Spannung vielleicht so fassen: Kulturelle Identität liefert die Substanz, das „Wer bin ich?“. Politische Identität liefert die Form, das „Wie leben wir friedlich zusammen?“.

Wenn die politische Form die kulturelle Substanz bedroht, entsteht Entfremdung. Wenn kulturelle Zugehörigkeit jede gemeinsame politische Form unmöglich macht, zerfällt das Gemeinsame. In Bosnien lässt sich diese Spannung besonders schmerzhaft beobachten. Sie ist jedoch keine ausschließlich bosnische Angelegenheit.

In allen Ländern des Balkans begegneten wir – unabhängig von Religion, Sprache oder kultureller Tradition – einer Bevölkerung, die unter Korruption, Klientelpolitik und der Macht neuer Eliten leidet. Ethnische Konflikte sind nicht die einzige Realität dieser Gesellschaften.

Oft verdecken sie andere Konflikte: zwischen einer jungen, mobilen Generation und den Besitzständen der Vergangenheit; zwischen öffentlichem Interesse und privater Bereicherung; zwischen europäischer Zukunft und nationaler Selbstverengung.

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wird die Jugend erkennen, dass ethnokapitalistische Eliten eine Zukunft jenseits des Nationalismus blockieren? Und wird Europa verstehen, dass seine Verantwortung nicht an den Grenzen der Europäischen Union endet?

Nach der osmanischen Epoche, nach der jugoslawischen Erfahrung, nach den Balkan- und Jugoslawienkriegen liegt in einer europäischen Zugehörigkeit, verstanden als Europa der Regionen und Bürgerinnen und Bürger, eine reale Möglichkeit. Nicht als technische Beitrittslogik und nicht als Wohlstandsversprechen allein.

Sondern als politischer Horizont, in dem Staatenbildung nicht länger den höchsten Preis fordert: neue Opfer, neue Vertreibungen, neue Generationen, die lernen müssen, ihre Nachbarn zu fürchten.

Die bosnische Frage ist deshalb eine europäische Frage. Wie viele Menschen sollen noch für die Herstellung, Verteidigung oder Korrektur von Staatsgrenzen bezahlen? Wie lassen sich kulturelle Unterschiede bewahren, ohne sie in politische Feindschaft zu verwandeln? Und welche Form von Europa wäre stark genug, Vielfalt nicht nur zu tolerieren, sondern in eine gemeinsame politische Praxis zu übersetzen?

Für uns steht fest: Wer den Islam in Europa verstehen will, sollte Sarajevo besuchen. Nicht, weil die Stadt eine einfache Antwort für das Zusammenleben der Religionen bereithielte. Sondern weil sich dort Fragen verdichten, die den ganzen Kontinent betreffen: Kann muslimische Identität selbstverständlich europäisch sein? Kann Europa geistig, kulturell und politisch von seinen muslimischen Bürgerinnen und Bürgern lernen? Kann eine Stadt, die Zerstörung, Belagerung und Wiederaufbau erlebt hat, zum Ort einer anderen europäischen Erzählung werden?

Wie gerade die jungen Muslime diese Grundfragen beantworten, ist nicht sicher. In einigen Gesprächen war eine Sorge um eine mögliche Radikalisierung von Teilen einer frustrierten Generation nicht zu überhören.

Wir verlassen den Balkan mit der Gewissheit, dass wir zurückkehren werden. Nicht, weil wir eine abschließende Antwort auf unsere Fragen gefunden hätten. Eher im Gegenteil: Dieser Raum ist faszinierend, weil er Perspektiven anbietet, die sich endgültigen Urteilen entzieht.

Er zwingt dazu, die Vergangenheit nicht zu vergessen und die Zukunft nicht als bloße Verlängerung des Gewesenen zu denken. Zwischen Sarajevo und Bihać, zwischen Rauch und kaltem Flusswasser, zwischen Minenfeldern und dem Smaragdgrün der Una, wird sichtbar, was Reisen im besten Fall leisten kann: Es bringt die Fragen der Vergangenheit mit den Möglichkeiten der Zukunft in Berührung.

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IZ-Reiseblog: Sarajevo oder der verlorene Raum

Sarajevo bosnien reiseblog

Sarajevo, Bosnien und der verlorene Raum: Dieser Reiseblog führt durch eine Stadt zwischen Bergen, Erinnerungen und politischen Grenzen. Eine Spurensuche nach dem, was Menschen trennt – und nach den Räumen, die wieder gemeinsam bewohnbar werden müssen.

(iz). Wir fahren über die Berge Montenegros nach Bosnien. Die Landschaft ist großartig: eine Abfolge dunkler Bergrücken, steiler Täler und Straßen, die sich an die Hänge klammern. Am Grenzübergang führt eine alte Holzbrücke über einen schmalen Fluss.

Sie wirkt provisorisch und erinnert daran, dass Grenzen auf dem Balkan unsicher sein können. Hinter ihr beginnt Bosnien und Herzegowina – und doch zunächst nicht jenes Bosnien, das man sich als Reisender vielleicht vorstellt.

Die Straße Richtung Sarajevo ist schlecht und voller Schlaglöcher. Wir befinden uns in der Republika Srpska, einer der beiden Entitäten Bosnien und Herzegowinas. Verfassungsrechtlich gehört sie zum Gesamtstaat.

In der Erfahrung jedoch wirkt sie wie ein eigener politischer Raum: kyrillische Schrift, serbische Symbole, Fahnen, eine andere öffentliche Stimmung und eine andere Erinnerung an die Vergangenheit.

Das Land, in das wir hineinfahren, ist also zugleich eines und nicht eines. Nach dem Dayton-Abkommen besteht Bosnien und Herzegowina aus der Föderation Bosnien und Herzegowina und der Republika Srpska. Diese Fahrt wird zu einer Lektion über die Fragilität des Landes.

Nicht, weil überall Spannung sichtbar wäre. Die Landschaft ist still, Dörfer liegen in den Tälern, Menschen warten an Bushaltestellen, irgendwo weht Wäsche vor einem Haus.

Doch die politische Geografie drängt sich auf. Sie ist in Fahnen, Schriftbildern, Verwaltungsgrenzen und Erzählungen eingeschrieben. Man reist nicht nur durch eine Gebirgslandschaft. Man fährt durch eine Nachkriegsordnung.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Die zerbrochene Großkuppel

Bis Anfang der 1990er-Jahre war das sozialistische Jugoslawien mehr als ein Staat. Es war, um einen Begriff Peter Sloterdijks aufzunehmen, eine Großkuppel: ein politischer, sozialer und imaginärer Innenraum, unter dessen Dach verschiedene Sprachen, Religionen, Landschaften und lokale Loyalitäten zusammengehalten wurden.

Die sozialistische Formel von „Brüderlichkeit und Einheit“ war nicht nur ideologische Dekoration. Sie versprach eine symbolische Immunität: Serben, Kroaten, Muslime, Slowenen, Mazedonier und andere Gruppen sollten zwar ihre Eigenheiten behalten, doch diese Eigenheiten sollten innerhalb eines größeren gemeinsamen Horizonts entschärft werden.

Unter der Großkuppel entstand keineswegs ein unschuldiger Raum. Die Verhältnisse beruhten auf Macht, auf dem Schweigen über ältere Gewalt und auf der autoritären Stabilisierung des Tito-Staates.

Dennoch stellte die Idee des gemeinsamen Staates für viele Menschen einen Rahmen bereit. Herkunft war nicht bedeutungslos, aber sie musste nicht in jedem Moment über politische Loyalität, Gefährdung oder Zugehörigkeit entscheiden.

Mit dem Zerfall Jugoslawiens und den Kriegen der 1990er-Jahre platzte diese Kuppel. Was verloren ging, war nicht allein ein Pass, eine Föderation oder ein wirtschaftliches Modell. Es zerbrach eine symbolische Heimat.

Wenn eine Großkuppel verschwindet, suchen Menschen psychologisch kleinere, überschaubare Schutzräume: Familie, Dorf, Konfession, Sprache, Opfergemeinschaft, Nation. In Bosnien wurden die ethnisch-religiösen Kategorien Bosniaken, Serben und Kroaten zu solchen Schutzräumen – und zugleich zu politischen Frontlinien.

Das heutige Bosnien und Herzegowina ist deshalb nicht einfach „geteilt“. Es lebt in einer Form von Ko-Isolation. Unterschiedliche Gemeinschaften wohnen nicht unbedingt weit voneinander entfernt; sie leben oft Wand an Wand, aber in getrennten Erinnerungsräumen, Bildungssystemen, Symbolwelten und politischen Loyalitäten.

Die institutionelle Ordnung sicherte den Frieden, indem sie die im Krieg verhärteten Kategorien anerkannte und in eine komplizierte Verfassungsstruktur übersetzte. Doch dieselbe Ordnung erschwert die Entstehung eines unbefangenen gemeinsamen politischen Wir.

Sogar die staatliche Hymne erzählt von diesem Problem. Bosnien und Herzegowina besitzt eine Hymne, aber keinen offiziell verabschiedeten Liedtext. Seit Jahren scheiterten Versuche, Worte zu finden, die für alle politischen und ethnischen Gruppen des Landes akzeptabel wären. Der Staat hat eine Melodie, aber – das ist kein Zufall – keine gemeinsame Erzählung.

Auch der Fußball zeigt, wie ungleich das Gefühl nationaler Zugehörigkeit verteilt ist. Die bosnisch-herzegowinische Nationalmannschaft ist nicht für alle Bürger selbstverständlich „unsere“ Mannschaft.

In Teilen der Republika Srpska bleibt sie für viele ein Team der anderen, ein Symbol Sarajevos oder der Föderation. Und in Teilen des serbisch-nationalistischen Milieus wird Ratko Mladić, der wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen verurteilt wurde, bis heute öffentlich verehrt.

Dass diese Verherrlichung trotz ihrer strafrechtlichen Sanktionierung fortlebt, zeigt, wie tief die moralischen und historischen Bezugssysteme voneinander getrennt geblieben sind.

Ankunft am Stadtrand

Wir erreichen den Stadtrand von Sarajevo, stellen den Camper auf einem Stellplatz ab und wechseln das Verkehrsmittel. Auf dem Bahnsteig, den wir nach einem Fußmarsch erreichen, ist es stiller als erwartet.

Die Fahrt mit dem in die Jahre gekommenen Zug führt vorbei an Häusern, Gewerbeflächen, Bahndämmen, Gärten und den Ausläufern der Hänge. Sarajevo erscheint zunächst nicht als Bild, sondern als Verdichtung: Straßen, Züge, Wohnblöcke, Werkstätten, Verkehr, Menschen auf dem Weg zur Arbeit.

Erst allmählich wird die besondere Topografie sichtbar. Die Stadt liegt in einem engen Tal der Miljacka, eingerahmt von Bergen. Häuser steigen die Hänge hinauf, eng nebeneinander, rote Dächer über weißem Putz, dazwischen Minarette, Kirchtürme und die hellen Flächen der Friedhöfe.

Diese Geografie ist schön und bedrückend zugleich. Die Berge, die auf der Fahrt aus Montenegro noch Schutz, Abstand und Erhabenheit versprachen, bekommen hier eine andere Bedeutung.

Während der Belagerung von Sarajevo zwischen 1992 und 1995 bildeten die Höhen einen tödlichen Ring. Von dort wurde die Stadt beobachtet, beschossen und kontrolliert. Die Topografie wird zur Erinnerung: Sarajevo lag offen im Blickfeld eines mörderischen Krieges.

Der Zug hält am Hauptbahnhof. Wir steigen aus und gehen zu Fuß weiter. Der Bahnhof ist kein repräsentatives Portal wie in Paris, Budapest oder Wien. Er wirkt funktional, sozialistisch, etwas abgewetzt, als hätte er seine große Zeit bereits hinter sich gelassen.

Davor: breite Straßen, Verkehr, Busse, Taxis, Menschen mit Taschen, Jugendliche mit Mobiltelefonen, der gewöhnliche Lärm des Alltags einer Hauptstadt. Die Stadt ist eine lebendige, widersprüchliche europäische Stadt. Ihre turbulente Vergangenheit bleibt in der Gegenwart lesbar.

Foto: Schiler Verlag/Amazon

Auf der Suche nach Sadik

Vom Hauptbahnhof gehen wir zum Kriegsmuseum. Auf dem Weg erinnern wir uns an die Reiselektüre, die uns auf diesen Besuch vorbereitet hat: Enes Karićs Roman Der jüdische Friedhof. Das Buch begleitet uns nun wie eine zweite Stadtkarte.

Karić, einer der bekanntesten bosnischen Islamwissenschaftler und ein Verfechter des interreligiösen Dialogs, erzählt die Geschichte des dreizehnjährigen Sadik vor dem Hintergrund des Bosnienkrieges und der Belagerung Sarajevos. Sadik stammt aus einem kleinen Dorf in Ostbosnien.

Zu Beginn des Krieges 1992 wird er mit seiner Schwester verschleppt. Durch einen Gefangenenaustausch gelangen sie schließlich nach Sarajevo. Sie besitzen keine Papiere, keine Dokumente und sind Menschen ohne administrative Identität. Auf sich allein gestellt, müssen sie in der blockierten Stadt überleben.

Sadik begegnet Flüchtlingen, Bettlern, Soldaten, Kriminellen und Mitarbeitern internationaler Hilfsorganisationen. Er erlebt Hunger und Angst, aber auch Freundschaft, Solidarität und die seltsame Beharrlichkeit des Alltags.

Besonders wichtig wird für ihn der Hodscha Mujki, der den Jungen nicht nur beschützt, sondern ihm Fragen stellt: über den Glauben, über Menschen, über die Welt und über den Krieg. Das Buch schildert eindringlich die Rolle des Glaubens im Ausnahmezustand existenzieller Not.

Im Kriegsmuseum finden die Motive des Romans ihre materielle Entsprechung. Bilder der Belagerung, Objekte des Mangels, Zeugnisse eines Lebens unter Beschuss: Alles scheint aus Karićs Erzählung hervorzutreten.

Man sucht beinahe nach Sadik in den Fotografien, obwohl man weiß, dass er eine literarische Figur ist. Oder anders: Man sucht nach den wirklichen Kindern, nach den vielen Sadiks, deren Leben nie zu einem Roman geworden ist.

Die Literatur wird hier nicht zur Illustration der Geschichte. Sie macht sichtbar, was Statistiken und Gedenktafeln nicht fassen können: die innere Erfahrung eines Kindes, das seine Welt verliert. Sadik ist kein Symbol, das bequem für eine Nation sprechen soll. Er ist ein verletzlicher, neugieriger, hungriger und widersprüchlicher Mensch.

Der jüdische Friedhof, der dem Roman seinen Titel gibt, wird bei Karić zu einer großen Metapher. Er verbindet die Geschichte jüdischen Leidens und europäischer Verfolgung mit der Katastrophe der bosnischen Muslime, ohne beides einfach gleichzusetzen.

Der Friedhof ist zugleich Ort des Todes, Archiv einer verschwundenen Welt und Mahnmal gegen die Torheit des Bruderkrieges. Karićs Erzählung verweigert die bequeme Sprache des Pathos. Sie sucht nach Menschlichkeit dort, wo ideologische Kategorien die Menschen zu Feinden gemacht haben.

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Foto: Lothar Boris Piltz, Unsplash

In der Altstadt

Nach dem Museumsbesuch gehen wir zu Fuß in Richtung Altstadt. Der Weg ist lang genug, um Sarajevo als Übergangsstadt zu erfahren. Die Architektur verändert sich schrittweise. Zunächst dominieren breite Straßen, Verwaltungsgebäude, Wohnhäuser und die Schichten der habsburgischen und sozialistischen Stadt.

Dann werden die Wege enger, die Fassaden niedriger, die Bewegung dichter. Irgendwann ist man in Baščaršija. Die Gassen sind mit unebenem Pflaster ausgelegt. Man wandert hier nicht durch eine Museumsstadt, sondern mitten durch das pulsierende Leben.

In den Auslagen glänzen Tabletts, Kaffeekannen und kleine Džezvas. Es riecht nach starkem bosnischem Kaffee, gegrilltem Fleisch, Tabak und den süßen, schweren Düften von Baklava. Die Menschen sitzen dicht beieinander an kleinen Tischen.

Sie reden, rauchen, lachen, telefonieren, beobachten die Passanten. Touristen stehen vor der Sebilj, dem hölzernen Brunnen auf dem Taubenplatz, und versuchen, eine Ordnung in dem Gewimmel der Tauben zu erkennen.

Baščaršija ist kein konserviertes osmanisches Viertel, sondern ein Gebrauchsort: Markt, Treffpunkt, Kaffeehauslandschaft, religiöser Raum, touristische Bühne und Alltag zugleich.

Die bekannte Formel, Sarajevo sei ein Ort, an dem Orient und Okzident einander begegnen, ist nicht falsch, aber sie bleibt oberflächlich. Hier treffen nicht zwei dekorative Zivilisationen aufeinander.

Hier überlagern sich osmanische Stadtgeschichte, habsburgische Modernisierung, sozialistische Erinnerungen, die Verwüstung des Krieges und eine europäische Gegenwart, die längst digital, touristisch und globalisiert ist. Die Nähe von Moscheen, Kirchen und Synagoge ist hier real.

Aber sie ist kein automatisches Modell friedlicher Koexistenz. Sarajevo zeigt nicht, dass Verschiedenheit von selbst Harmonie erzeugt. Es zeigt, wie viel Arbeit, Geduld und politische Vernunft erforderlich sind, damit Verschiedenheit nicht wieder in Abgrenzung umschlägt.

Foto: www.iitb.ba | Screenshot: Youtube

Kaffee mit Enes Karić

Am Nachmittag treffen wir Enes Karić in der Altstadt. Der Schriftsteller gehört mit seinen Geschichten und seinem Denken in diese urbane Dichte. Bevor wir ein Café aufsuchen, erzählt uns der Dichter Anekdoten aus der Zeit der Gründung der Stadt.

Während draußen Menschen durch die Gassen ziehen, bestellen wir einen Kaffee und sprechen über kulturelle und politische Identität.

Eine Frage liegt für uns nahe: Wer ist Sadik? Man könnte ihn als muslimischen Jungen bezeichnen. Als Bosniaken. Als Bosnier. Als Kind des Krieges. Als Opfer. Als Bewohner Sarajevos. Jede dieser Bezeichnungen wäre richtig, und doch wäre keine vollständig. Wir sind gespannt auf die Antwort.

Karić antwortet kurz: „Er ist ein Flüchtling.“

Dieses Wort verschiebt alles.

„Flüchtling“ ist keine ethnische Kategorie, keine Konfession und keine nationale Selbstbeschreibung. Es bezeichnet eine existenzielle Lage: den Menschen, der aus seinem Raum gerissen wurde, dessen Leben plötzlich an Grenzen, Transporten, Lagern, Papieren, Hilfsorganisationen und Entscheidungen anderer hängt.

Sadik ist nicht identitätslos. Aber seine wichtigste Identität in diesem Moment ist die Erfahrung, keinen sicheren Ort mehr zu besitzen.

Dann sprechen wir über den Bosniakischen Volkskongress von 1993, der in dem Buch beschrieben wird. Die Atmosphäre dieses Kongresses lässt sich kaum von der Belagerung Sarajevos trennen. Während die Stadt eingeschlossen war, während Menschen unter Beschuss lebten und zugleich internationale Friedenspläne über eine mögliche Teilung Bosniens verhandelt wurden, versammelten sich im September 1993 rund 340 Delegierte – politische, kulturelle und religiöse Repräsentanten bosnischer Muslime.

Sie beschlossen, den historischen Namen „Bosniaken“ wieder anzunehmen. Es war ein Moment intellektueller Selbstbehauptung unter dem Druck der Ereignisse jener Tage. Der Begriff „Muslim“ hatte im sozialistischen Jugoslawien, großgeschrieben, nicht allein eine religiöse, sondern auch eine ethnische Bedeutung.

Doch 1993 erschien diese Bezeichnung vielen zu unbestimmt: Sie markierte die Religion, nicht aber unbedingt die geschichtliche, territoriale, sprachliche und politische Bindung an Bosnien. Mit der Rückkehr zum Namen Bošnjak sollte die Verbindung zum Land Bosnien, zur staatlich-rechtlichen Tradition und zur eigenen kulturellen Geschichte ausdrücklich artikuliert werden.

Der Kongress war ein Versuch, in einer Zeit der Bedrohung einen historischen Namen wiederzugewinnen und daraus politische Handlungsfähigkeit zu ziehen. Die geistige Atmosphäre muss zugleich angespannt und entschieden gewesen sein: Belagerung draußen, eine ungewisse Zukunft, die Möglichkeit der Teilung des Landes im Raum – und drinnen die Suche nach einem Begriff, der Zugehörigkeit stiften konnte, ohne Bosnien auf Religion zu reduzieren.

Doch jede Namensgebung hat eine doppelte Wirkung. Sie schafft Sichtbarkeit, Würde und Schutz. Zugleich befestigt sie Grenzen, wenn die politische Welt ohnehin schon dazu neigt, Menschen vor allem als Angehörige voneinander abgegrenzter Kollektive zu sehen.

Gerade deshalb bleibt Karićs Antwort über die Identität Sadik‘s so wichtig: Flüchtling. Sie erinnert daran, dass hinter jedem Namen ein Mensch steht, dessen Leben nicht in einer ethnischen Kategorie aufgeht.

Am Ende unseres Gesprächs sprechen wir über die Kraft der Literatur in politischen Zeiten. Literatur kann – darin sind wir uns einig – keine Verfassung reformieren, keine Gewalt verhindern und keine Hymne mit gemeinsamen Worten versehen.

Aber sie kann etwas leisten, das der politischen Sprache oft nicht gelingt: Sie kann die Sicht der anderen erfahrbar machen. Sie kann den Gegner aus seiner Rolle lösen, das Opfer aus seiner stummen Funktion befreien und das Individuum zurückholen, das im Krieg zur Zahl, zum Namen oder zur Zugehörigkeit geworden ist.

Vom Basar zum Bahnhof

Wir gehen zu Fuß zurück zum Hauptbahnhof. Der Weg führt aus der Dichte der Altstadt hinaus, vorbei an Cafés, Geschäften, Straßenbahnen, Fassaden und dem Fluss. Hinter uns bleiben die engen Gassen von Baščaršija; vor uns öffnet sich wieder die breitere, modernere Stadt.

Auf dem Weg zum Bahnhof wird deutlich, dass Sarajevo von Geschichten und Friedhöfen geprägt ist. Aber man kann diesen Ort nicht auf die Schrecken der Vergangenheit reduzieren.

Die Stadt bleibt eine Möglichkeit. Nicht die romantische Möglichkeit eines konfliktfreien Multikulturalismus, in dem Unterschiede sich mühelos in Folklore verwandeln. Sondern die schwierigere Möglichkeit eines Zusammenlebens, das seine Verletzungen kennt, seine Verschiedenheiten nicht leugnet und dennoch nicht akzeptiert, dass diese Verschiedenheiten die letzte Wahrheit über Menschen sein sollen.

Die Zukunft Bosniens wird sich nicht daran entscheiden, ob die Vergangenheit vergessen wird. Sie darf nicht vergessen werden. Sie wird sich daran entscheiden, ob Erinnerung zu einer gemeinsamen moralischen Sprache werden kann – statt zu einem Vorrat exklusiver Ansprüche und konkurrierender Opfergeschichten.

Vielleicht ist das die eigentliche Frage, die Sarajevo dem Reisenden stellt: Kann nach dem Platzen einer Großkuppel in einem neuen Staat ein neuer gemeinsamer Innenraum entstehen? Einer, der die Unterschiede der Menschen nicht auslöscht, sie aber auch nicht zu Mauern macht?

Vielleicht liegt ein Teil der Antwort in Karićs Satz über Sadik: „Flüchtling.“ Denn wer den Flüchtling erkennt, erkennt zuerst nicht den Angehörigen eines Kollektivs.

Er erkennt einen Menschen, dem der Raum verloren gegangen ist. Und vielleicht beginnt jede politische Zukunft dort: bei der gemeinsamen Aufgabe, Räume wieder für alle bewohnbar zu machen.

Link zur Kampagne: https://commonsplace.de/project/balkan

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IZ-Reiseblog: Bosnien und die Transzendenz

bosnien reiseblog transzendenz

Bosnien ist mehr als Kulisse für Wasserfälle, Berge und alte Steine. Unser Reiseblog folgt der Suche nach Transzendenz: zwischen Visokos Pyramidenmythos, den Stećci, Moscheen und einer Natur, die Spiritualität verspricht — aber ihre Geschichte nicht verschweigen darf.

(iz). Wir stehen im Regen am Eingang zu den Ravne-Tunneln bei Visoko und beobachten Menschen mit der ernsten Erwartung jener, die nicht bloß etwas besichtigen, sondern etwas empfangen wollen. Was erwarten Sie?

Manche suchen Heilung, manche Energie, manche lediglich die Möglichkeit, für einen Moment in eine größere Zeit einzutreten. Über ihnen liegt die Visočica, jener bewaldete Hügel, den der Geschäftsmann Semir Osmanagić 2005 zur „Pyramide der Sonne“ erklärte.

Die Anlage soll älter als die ägyptischen Pyramiden, höher als die Cheops-Pyramide, Zeugnis einer verschollenen Zivilisation von vor zwölf- oder gar dreißigtausend Jahren sein. Nur, die Archäologie sieht darin keine Pyramide. Anerkannte Geologen und Archäologen beschreiben die Formation als natürlichen Hügel, als Resultat von Sedimenten, tektonischer Hebung und Erosion.

Die European Association of Archaeologists verurteilte das Projekt scharf als Pseudowissenschaft und warnte davor, dass die Grabungen tatsächlich vorhandene mittelalterliche und römische Spuren beschädigen könnten.

Jenseits dieser Vorwürfe denken wir über die merkwürdige Bedeutung von Visoko nach: Die Pyramiden sind nicht deshalb interessant, weil sie eine unbekannte prähistorische Religion bezeugen würden. Sie sind interessant, weil sie zeigen, wie sehr die Gegenwart nach einer solchen Religion verlangt.

Die Hügel von Visoko sind ein Labor der modernen Sakralität. Hier verbindet sich der Wunsch nach Ursprünglichkeit mit Wellness, Esoterik, Tourismus und einer tiefen Skepsis gegenüber wissenschaftlicher Nüchternheit. Die Besucher wollen nicht getäuscht werden; sie wollen berührt werden.

Sie suchen eine Welt, die nicht bloß wissenschaftlich erklärbar ist, sondern antwortet. In den Tunnelgängen, in den Erzählungen von kosmischen Energien und der Beschreibung von heilenden negativen Ionen, die sich im Netz verbreiten, in der Aura des angeblich uralten Bauwerks entsteht eine Erfahrung, die sich religiös anfühlt, auch wenn sie keiner Offenbarungsreligion und keiner kirchlichen Institution verpflichtet ist.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Der Wunsch nach einem Bosnien vor Bosnien

Bosnien und Herzegowina ist ein Land, in dem Religion nicht nur geglaubt, sondern sichtbar wird. Minarette steigen über die Dächer kleiner Städte. Kirchtürme, orthodoxe Kuppeln und Klöster markieren Landschaften, Straßen und Horizonte.

In Sarajevo stehen Moscheen, Kirchen und Synagogen in einer historischen Nähe, die Reiseführer gern als Signatur des Zusammenlebens feiern. Und doch kann diese Nähe täuschen.

Denn jedes dieser Gebäude trägt nicht nur Glauben, sondern auch Erinnerung: an Imperien, Nachbarschaften, Vertreibungen, Zerstörung, Rückkehr und die ungelösten Spaltungen nach dem Krieg.

Wer sich von dieser Geschichte überfordert fühlt, sucht oft nach einer älteren, weniger belasteten Tiefe. Die Bosnische Kirche des Mittelalters, oft vorschnell mit den Bogumilen identifiziert, wird dann zu einem Reservoir dieser Imagination.

In der populären Vorstellung erscheint sie als eine Art ursprüngliches, eigenständiges, vorislamisches Bosnien: weder katholisch noch orthodox, weder serbisch noch kroatisch, noch bosniakisch im heutigen Sinn.

Die Stećci, die mittelalterlichen Grabsteine, geben dieser Sehnsucht ein Gesicht. Sie stehen auf Höhen, in Feldern, am Rand von Dörfern oder unter Bäumen: schwere Kalksteinblöcke mit Rosetten, Monden, Tieren, Reitern, Händen, Kreuzen, Jagdszenen und rätselhaften Ornamenten.

Sie wirken nicht wie dogmatische Monumente. Sie wirken, als seien sie aus der Landschaft selbst hervorgegangen. Gerade deshalb sind sie so verführerisch. Sie erlauben es, ein älteres Bosnien zu imaginieren, das nicht von den politischen Grenzlinien der Gegenwart zerrissen ist.

Historisch ist diese Eindeutigkeit allerdings nicht haltbar. Die Stećci gehören nicht exklusiv einer angeblich „bogumilischen“ Kirche. Die UNESCO beschreibt sie als ein Erbe, das von verschiedenen mittelalterlichen christlichen Gemeinschaften genutzt wurde: von orthodoxen, katholischen und der Bosnischen Kirche verbundenen Bevölkerungen.

Die Grabsteine finden sich zudem nicht allein in Bosnien und Herzegowina, sondern auch in Teilen Kroatiens, Montenegros und Serbiens. Der Stećak ist kein Beweisstück einer nationalen Urgeschichte. Er ist eher ein Monument der Mehrdeutigkeit.

Vielleicht liegt genau darin seine religiöse Kraft. Er verweist auf Tod und Erinnerung, auf Familie und Landschaft, auf Körper und Dauer. Er macht spürbar, dass es Formen der Zugehörigkeit gibt, die älter oder zumindest weniger eindeutig sind als die heutigen ethnokonfessionellen Raster.

Wer zwischen den Grabsteinen steht, begegnet keiner verlorenen „Naturreligion“ und auch keiner sauber rekonstruierbaren Häresie. Aber man begegnet einer Vergangenheit, die sich der vollständigen Aneignung verweigert. Das ist bereits eine Form des Sakralen: nicht die klare Antwort, sondern die Erfahrung einer Grenze des Verstehens.

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Die Natur als säkulares Heiligtum

Wer heute durch Bosnien reist, bemerkt noch etwas anderes. Viele Reisende kommen nicht in erster Linie wegen der Moscheen, Kirchen oder Grabsteine. Sie kommen wegen der Flüsse, Berge und Wälder. Wegen der Una und der Neretva, wegen der Karstlandschaften der Herzegowina, wegen abgelegener Täler, tief eingeschnittener Schluchten, einsamer Straßen und der rauen Bergwelt.

Der Balkan erscheint ihnen als letzter Rest eines wilden Europas: ein Raum, in dem Wasser noch frei fließt, Wege noch nicht vollkommen erschlossen sind und Landschaft nicht vollständig unter touristischer Kontrolle steht. Hier ist ein neuer Tempel entstanden: die Natur. Man sollte das nicht vorschnell als oberflächliche Flucht abtun.

Viele Menschen, die aus den beschleunigten Metropolen Europas kommen, suchen in der Natur keine Ablenkung, sondern eine andere Beziehung zur Welt. Sie wollen nicht nur sehen, sondern wieder hören. Sie wollen nicht nur verfügen, planen, buchen und fotografieren, sondern für einen Moment aus dem Regime der Verfügbarkeit herausfallen.

Hartmut Rosa hat für diese Erfahrung den Begriff der Resonanz geprägt. Resonanz entsteht dort, wo die Welt uns berührt, wo wir ihr antworten können und zugleich anerkennen müssen, dass sie nicht vollständig beherrschbar ist. Rosa unterscheidet dabei horizontale, diagonale und vertikale Resonanzachsen: die Beziehung zu anderen Menschen; die Beziehung zu Dingen, Praktiken und Riten; und schließlich die Beziehung zu etwas, das über das unmittelbare Selbst hinausweist – zu Natur, Kunst, Geschichte, Gott oder Kosmos.

Der moderne Reisende muss dazu nicht an Waldgeister, Quellnymphen oder Berggötter glauben. Anders als historische Naturreligionen, die Landschaft als von Gottheiten und Mächten belebt verstanden, sucht er meist keine konkrete übernatürliche Instanz.

Er sucht eher eine Erfahrung der Einfügung: das Gefühl, nicht als isoliertes Ich einer stummen Welt gegenüberzustehen, sondern in eine größere Ordnung eingelassen zu sein. Das ist säkulare Spiritualität.

Die religiöse Erfahrung ohne Religion braucht weder Dogma noch Offenbarung. Sie ist das Gefühl, dass die Welt mehr ist als Materie und der Mensch mehr als ein Produzent, Konsument oder Nutzer. Der Wasserfall, die Schlucht oder die Abendstille am Rand eines Bergdorfs werden dann zu einem Ersatz-Sanktuarium.

Die Natur verlangt keine ausformulierten Glaubenssätze. Aber sie kann Erfahrungen ermöglichen: Aufmerksamkeit, Demut, Geduld oder Schweigen.

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Die Unschuld der Landschaft

Die überwältigende Landschaft Bosniens wird von Touristen heute gern als geschichtslos wahrgenommen. Ein Fluss hat keine Nationalität, ein Berg keine Konfession, ein Wald keine Kriegsschuld. Wer durch ihn wandert, muss keine politische Position beziehen.

Er muss weder die Geschichte des Osmanischen Reichs verstehen noch die Nachwirkungen Jugoslawiens, weder die Belagerung Sarajevos noch die Logik von Dayton, weder Flucht, Massaker, Vertreibung oder Rückkehr.

Die Natur scheint eine Befreiung von all dem zu versprechen. Sakralbauten dagegen sind geschichtlich besetzt. Eine Moschee in einer zerstörten oder wiederaufgebauten Stadt ist nicht bloß ein schönes Gebäude. Eine orthodoxe Kirche ist nicht nur ein architektonischer Stil. Eine katholische Kirche, eine Synagoge, ein Friedhof, eine Brücke: Sie alle können Erinnerungsorte sein.

In dieser Region verlangen sie, dass der Besucher wahrnimmt, was an diesem Ort verloren ging, wem der Ort gehörte, wer vertrieben wurde, wer zurückkehrte und wer heute sichtbar sein darf. Der moderne Naturtourist kann sich dieser Zumutung des Schicksals entziehen. Die Schlucht verlangt keine Kenntnis der Geschichte.

Der Berg stellt keine Frage nach Verantwortung. Der Wasserfall fordert keine Haltung zu ethnischer Gewalt. Seine Schönheit ist unmittelbar und ästhetisch eindeutig. Doch diese Eindeutigkeit ist auch eine Projektion. Maria Todorova hat mit dem Begriff des „Balkanismus“ die westliche Neigung beschrieben, den Balkan als Europas ungezähmtes Anderes zu imaginieren: wild, irrational, rückständig, unübersichtlich und zugleich exotisch verführerisch.

Der zeitgenössische Naturtourismus verwandelt diese alte Abwertung oft in eine positive Sehnsucht. Aus Rückständigkeit wird Authentizität. Aus wirtschaftlicher Peripherie wird „unberührte Wildnis“. Die Reisenden suchen dann nicht Bosnien, sondern eine Fantasie von Bosnien: das letzte freie Europa, die Landschaft vor der Zivilisation und die Erholung vor der Geschichte.

Dabei ist die vermeintliche Wildnis häufig selbst historisch produziert. Entvölkerung, Abwanderung, fehlende Infrastruktur, ökonomische Marginalisierung, Krieg und verspätete Erschließung haben manche Räume weniger dicht bebaut und touristisch weniger standardisiert hinterlassen als andere Teile Europas.

Der Reisende genießt also bisweilen die ökologische und ästhetische Folge jener Brüche, deren menschliche Kosten er nicht sehen möchte. Das heißt nicht, dass man nicht wandern, paddeln oder staunen dürfte. Es heißt nur: Wer die Landschaft als Resonanzraum sucht, sollte ihre Geschichte nicht zum Schweigen bringen.

Wahre Resonanz ist keine komfortable Wellnessbeziehung zur Welt. Sie enthält auch Widerstand. Sie lässt sich stören. Sie hört nicht nur das Rauschen des Flusses, sondern auch die Abwesenheiten in den Dörfern, die Ruinen am Weg, die Namen auf den Friedhöfen und die politischen Schwebezustände, die hinter der touristischen Idylle liegen.

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Die alten Religionen in der Gegenwart

Welche Rolle spielen die monotheistischen Religionen in Bosnien heute? Die erste Antwort lautet: eine sehr große. Islam, Orthodoxie und Katholizismus strukturieren weiterhin Alltag, Kalender, Familiengeschichte, Ortsbilder und – nicht zuletzt – politische Zugehörigkeiten.

Die zweite Antwort ist komplizierter: Ihre gesellschaftliche Macht übersteigt oft die individuelle Frömmigkeit. Viele Menschen verstehen sich als Muslime, Orthodoxe oder Katholiken, auch wenn sie selten beten, fasten, eine Messe besuchen oder sich theologisch engagieren. Religion fungiert dann nicht nur als Glaube, sondern als Zeichen der Herkunft.

In Bosnien und Herzegowina fallen ethnische und konfessionelle Kategorien besonders oft zusammen: Bosniaken werden mehrheitlich mit dem Islam, Serben mit der Orthodoxie und Kroaten mit dem Katholizismus identifiziert. Forschungen zur Gegenwart des Landes betonen gerade diese enge Überlappung von ethnischer Zugehörigkeit und religiöser Selbstbeschreibung.

Doch daraus folgt nicht, dass die Religionen lediglich Masken der Nationalpolitik wären. Eine Moschee bleibt für viele Menschen ein Ort des Gebets. Eine Kirche bleibt ein Ort der Liturgie, des Trostes, der Trauer und der Hoffnung. Eine Synagoge bleibt ein Ort von Schrift, Erinnerung und Gemeinschaft.

Wer diese Orte nur als ethnische Markierungen liest, nimmt ihnen jene Erfahrung weg, für die sie gebaut und erhalten wurden.

Sind Moscheen noch Resonanzräume? Ja. Und zwar in einem Sinn, den das touristische Auge leicht übersieht. Der Gebetsruf unterbricht die Zeit des Alltags. Der Gebetsteppich richtet den Menschen aus.

Die Abfolge der Bewegungen, die Rezitation des Korans, das gemeinsame Gebet und die Stille zwischen den Worten ordnen das Leben in eine Beziehung zu Allah ein. Dies ist eine vertikale Resonanzachse: keine diffuse Verbindung mit dem Kosmos, sondern die Antwort auf einen göttlichen Ruf.

Die Erfahrung ist dabei nicht bloß innerlich. Sie ist materiell und sozial. Der Teppich, der Mihrab, das Minarett, die Körper der Betenden, die Zeit des Freitagsgebets: All dies stiftet eine diagonale Resonanz mit Dingen, Praktiken und Räumen.

Die Moschee bringt Menschen zudem horizontal zueinander in Beziehung. Sie ist Ort des Gebets, aber auch der Begegnung, der Nachricht, der Fürsorge, der Trauerarbeit und der Feier. Untergegangen ist das Netzwerk der Stiftungen und der Marktplätze, die den Raum um die Moscheen über Jahrhunderte geprägt und – zum allgemeinen Nutzen – erweitert haben.

Die religiöse Infrastruktur war und ist gerade deshalb politisch so aufgeladen. Während des Krieges von 1992 bis 1995 wurden religiöse Bauten systematisch zerstört. Ihre Vernichtung zielte nicht allein auf Steine, Dächer und Türme, sondern auf die öffentliche Existenz der Gemeinschaften, die sich in ihnen versammelten.

Der Wiederaufbau von Moscheen und Kirchen war deshalb nach dem Krieg mehr als Restaurierung: Er wurde zum Zeichen der Rückkehr, des Rechts auf Präsenz und des Anspruchs, im Raum sichtbar zu bleiben. Das erklärt die Ambivalenz religiöser Architektur im heutigen Bosnien.

Eine wiedererrichtete Moschee kann ein Ort der Andacht sein – und zugleich ein Zeichen dafür, dass eine vertriebene Gemeinschaft zurückgekehrt ist. Ein Kirchturm kann Trost und Kontinuität ausdrücken – und zugleich als territoriale Markierung gelesen werden.

Ein sakraler Bau kann Zugehörigkeit bekräftigen, ohne notwendig Ausgrenzung zu wollen. Aber unter den Bedingungen einer ethnisch fragmentierten Nachkriegsgesellschaft wird er selten völlig neutral wahrgenommen.

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Wenn Identität die Erfahrung überlagert

Vielleicht ist Identitätspolitik in Bosnien deshalb so gegenwärtig, weil sie religiöse Erfahrung nicht einfach verdrängt, sondern in Anspruch nimmt. Religion stiftet etwas, das die moderne Politik allein nur schwer herstellen kann: Tiefe.

Sie verbindet Gegenwart mit Herkunft, einzelne Biografien mit den Toten, den Alltag mit Festen, den Wohnort mit einem größeren Sinnhorizont.

Nationalistische Politik weiß um diese Kraft. Sie versucht daher religiöse Zeichen in politische Zeichen verwandeln: Das Minarett wird zur Grenze, das Kreuz zur Besitzanzeige, das Gotteshaus zum Beweis historischer Priorität.

Dann verändert sich die religiöse Erfahrung. Sie muss nicht verschwinden, aber sie wird überlagert. Aus dem vertikalen Verhältnis zu Gott wird ein horizontales Verhältnis zwischen Gruppen – häufig eines der Abgrenzung.  Aus dem Gotteshaus wird eine Fahne aus Stein. Doch gerade hier liegt auch eine andere Möglichkeit.

Denn die religiösen Gemeinschaften des Landes sind nicht nur Träger von Trennung. Sie verfügen über lokale Netzwerke, karitative Praxis, Bildungsarbeit und eine Autorität, die im Alltag stärker verankert sein kann als viele staatliche Institutionen.

Der Interreligiöse Rat von Bosnien und Herzegowina steht exemplarisch für Versuche, diese Autorität in Dialog, Friedensarbeit und Versöhnung zu übersetzen

Ob Religion trennt oder verbindet, entscheidet sich daher nicht abstrakt an ihrem Wahrheitsanspruch. Es entscheidet sich an der Frage, ob sie die Verletzbarkeit des anderen wahrnehmen kann.

Eine Religion, die nur die eigene Erinnerung heiligspricht, wird zur Identitätsmaschine. Eine Religion, die auch die Würde des Nachbarn, die Trauer der anderen und die Vielstimmigkeit der Geschichte hören kann, bleibt ein Resonanzraum.

Bosnien ist deshalb kein Land, in dem die alten Religionen von neuer Spiritualität abgelöst worden wäre. Es ist ein Land, in dem verschiedene Formen des Heiligen nebeneinanderstehen.

Der Einfluss der Gläubigen auf das gesellschaftliche Leben wirkt ungebrochen fort, sie entscheiden mit, ob der Nationalismus zurückkehrt und die allgegenwärtige Korruption bekämpft wird.

Was wir auf unserer Reise gelernt haben: Der moderne Reisende sucht, manchmal auch unbewusst, die Formen der Transzendenz. Er sucht sie im Ritual, in der Landschaft, in der Aura einer Vergangenheit oder im Versprechen einer Energie, die älter sein soll als alle Geschichte.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob diese Suche religiös ist. Sie ist es häufig, auch wenn sie sich nicht so nennt. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Welche Welt wollen wir sehen? Eine reine Natur ohne Geschichte? Eine reine Herkunft ohne Mehrdeutigkeit? Eine reine Identität ohne Nachbarn? Oder ein Bosnien, dessen religiöse und landschaftliche Räume gerade deshalb berühren, weil sie keine einfachen Antworten geben?

In diesem Sinn wäre die tiefste Form der Resonanz nicht jene, die den Reisenden beruhigt. Sie wäre jene, die ihn verändert. Wo immer sein Zuhause ist, er wird die Zeichen unserer Zeit bewusster sehen.

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Reiseblog: Albanien zwischen Bunkern und Baukränen

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Reiseblog Albanien: Zwischen den Bunkern der Hoxha-Diktatur und den Baukränen einer rasanten Gegenwart erzählt eine Fahrt von der Riviera bis Tirana von einem Land im Aufbruch – und vom Streit darüber, wem dieser Fortschritt gehört.

(iz). Die Straße an der albanischen Riviera windet sich über dem Ionischen Meer entlang. Links das Wasser, klar und blau, es wirkt fast unbeweglich; rechts die kargen Berge, die steil zur Küste hinabfallen.

Wir fahren langsam, nicht nur wegen der Kurven. Diese Landschaft lädt immer wieder zu Unterbrechungen ein: einem Halt an einer Bucht oder zu einem Kaffee an einem Ort, an dem die Zeit weniger eilig vergeht. Bei Porto Palermo, südlich von Himarë, halten wir tatsächlich an.

Auf einer kleinen Halbinsel steht die dreieckige Festung, die meist Ali Pascha von Tepelena zugeschrieben und um 1800 datiert wird. Von außen ist sie ein vertrautes Bild der albanischen Küste: Steinmauern, Kanonenstellungen, Meerblick und ein Rest osmanischer Geschichte.

Doch was uns mehr beschäftigt, liegt auf der anderen Seite der Bucht. Am Fuß des Berges öffnet sich ein dunkler, unscheinbarer Einschnitt im Fels. Vom Meer aus wäre er kaum zu erkennen.

Es ist der Eingang zu einer militärischen Anlage, einem in den Berg getriebenen Marine- und U-Boot-Stollen – ein Bauwerk aus jener Zeit, als Albanien sich nicht nur politisch, sondern buchstäblich in seine Landschaft zurückzog.

Foto: Angonsta24/Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Ein Land, das sich eingrub

Die Geschichte dieses Tunnels führt in die fünfziger und sechziger Jahre zurück. Albanien war 1955 dem Warschauer Pakt beigetreten. In der Bucht von Vlora, an der Marinebasis Pasha Liman, entstand ein strategisch wichtiger sowjetisch-albanischer U-Boot-Stützpunkt im Mittelmeerraum. Sowjetische U-Boote lagen hier, albanische Besatzungen wurden ausgebildet, und für einen kurzen historischen Moment schien das kleine Land an der Adria Teil einer Großmachtordnung zu sein.

Dann kam der Bruch. Enver Hoxha hatte Albanien nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem stalinistischen Einparteienstaat geformt. Zunächst orientierte sich sein Regime an Jugoslawien, dann an Moskau, später an Peking.

Aber jede dieser Allianzen endete im Konflikt: der Bruch mit Jugoslawien 1948, das offene Zerwürfnis mit der Sowjetunion um 1960/61 und schließlich die Loslösung von China 1978.

Als die Sowjetunion ihr Personal und einen Teil ihrer militärischen Präsenz aus Albanien abzog, behielt Albanien mehrere so genannte U-Boote der Whiskey-Klasse. Für Hoxha war das ein symbolischer Erfolg: ein kleines Land, das sich gegen einen übermächtigen ehemaligen Verbündeten behauptet hatte. Zugleich war es der Beginn einer immer tieferen Isolation.

Der Tunnel von Porto Palermo entstand in dieser späteren Hoxha-Zeit als Teil einer umfassenden Militarisierung der Küste. Er sollte Schutz bieten, Verfügbarkeit sichern und Angriffen standhalten. Seine genaue Baugeschichte wird unterschiedlich erzählt: Angaben zur Länge, zu ausländischer Unterstützung und zur Kapazität schwanken je nach Quelle.

Unstrittig ist jedoch die Idee, die hinter dem Bauwerk steht. Ein Staat, der kaum noch Verbündete hatte, grub sich in Berge und Küstenfelsen ein. Heute ist das Gelände weiterhin militärisch geprägt und nicht frei zugänglich. Die U-Boote sind verschwunden. Geblieben ist ein schwarzer Einschnitt im Fels, der von einer Politik erzählt, die auf Sicherheit mit Abschottung setzte.

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Hoxha und Tito

Auf der Weiterfahrt drängt sich ein Vergleich auf, der auf unserer Balkanreise fast unvermeidlich ist: Enver Hoxha und Josip Broz Tito. Beide waren kommunistische Führer. Beide regierten autoritär. Beide prägten ihre Länder über Jahrzehnte. Und doch führten ihre politischen Wege in gegensätzliche Richtungen.

Hoxha stand von 1944 bis zu seinem Tod 1985 an der Spitze Albaniens. Seine Herrschaft machte das Land zu einem der am stärksten abgeschotteten Staaten Europas. Die Grenzen waren fast unüberwindbar, Kontakte ins Ausland verdächtig und das Reisen ein Privileg weniger Funktionäre.

Die Angst vor Invasion und Verrat wurde zur Staatsdoktrin. Zehntausende, wahrscheinlich Hunderttausende Bunker prägten das Land: kleine Betonpilze an Stränden, in Weinbergen, auf Berghängen, neben Dörfern und Straßen.

Tito dagegen brach zwar bereits 1948 mit Stalin, führte Jugoslawien aber danach nicht in die totale Abkapselung. Im Gegenteil: Das Land wurde zu einer prägenden Kraft der Bewegung der Blockfreien Staaten und öffnete sich vergleichsweise weit nach Westen.

Millionen Jugoslawinnen und Jugoslawen arbeiteten als Gastarbeiter in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Westliche Touristinnen und Touristen kamen an die Adriaküste. Jugoslawische Pässe ermöglichten etwas, das für Albaner fast unvorstellbar blieb: Mobilität.

Der Kontrast zeigt sich besonders deutlich im Verhältnis zur Religion. Hoxhas Regime erklärte Albanien 1967 zum ersten Staat, der sich offiziell als atheistisch verstand. Moscheen, Kirchen, Klöster und andere religiöse Orte wurden geschlossen, zerstört oder umgewidmet. Geistliche wurden verfolgt, inhaftiert oder hingerichtet.

Öffentliche Religionsausübung wurde unter Strafe gestellt; selbst das private Praktizieren des Glaubens war gefährlich. Diese Radikalität war im europäischen Staatssozialismus beispiellos.

Auch im sozialistischen Jugoslawien waren religiöse Institutionen staatlicher Kontrolle, Enteignungen und Repression ausgesetzt, vor allem in den frühen Nachkriegsjahrzehnten.

Aber Religion wurde nicht vollständig aus dem sozialen Leben verbannt. Katholische Gemeinden in Kroatien und Slowenien, orthodoxe Kirchen in Serbien und Montenegro sowie muslimische Gemeinschaften in Bosnien, Kosovo und Teilen Nordmazedoniens bestanden weiter – beobachtet, begrenzt, politisch eingehegt, aber nicht ausgelöscht. Wir lernen auf unserer Reise immer wieder Muslime kennen, deren islamische Ausbildung im ehemaligen Jugoslawien erfolgte.

Tito regierte einen vielschichtigen föderalen Staat. Hoxha strebte dagegen eine radikal säkularisierte und ideologisch gleichgeschaltete Gesellschaft an. Der Unterschied war nicht nur eine Frage von Liberalität. Es waren zwei unterschiedliche Antworten auf Macht, Vielfalt und Angst.

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Tourismus und Erinnerung

Später reihen wir uns in eine Kolonne aus Autos, Reisebussen und Wohnmobilen ein, die sich durch Dhërmi und Himarë schiebt. Strandbars, Beachclubs, überfüllte Parkplätze, neue Apartmentanlagen und Baukräne bestimmen den Blick. Die Riviera wirkt an diesem Nachmittag bereits wie eine Zone des Massentourismus.

Die Symptome sind vertraut: verdichtete Bebauung, steigende Grundstückspreise, Druck auf Wasser und Abwasserentsorgung, überlastete Straßen, privatisierte Zugänge und Küstenabschnitte, die sich für Einheimische anders anfühlen als noch vor wenigen Jahren. Es wäre leicht, darüber den Kopf zu schütteln. Aber diese Kritik wäre unvollständig.

Wir waren in den neunziger Jahren schon einmal in Albanien, kurz nach dem Ende der Diktatur.

Damals war das Land eines der ärmsten Europas. Die Straßen waren schlecht, Stromausfälle gehörten zum Alltag. Die Läden waren leer oder schlecht versorgt. Viele Menschen sahen keine Zukunft im eigenen Land. Die Bilder überfüllter Boote, mit denen Albaner über die Adria nach Italien gelangen wollten, gehören bis heute zum Gedächtnis dieser Zeit.

Nach Jahrzehnten der Abschottung stand Albanien wirtschaftlich vor einem Neuanfang, ohne robuste industrielle Basis, mit schwachen Institutionen und wenig Kapital. Der Tourismus war deshalb nie bloß eine Lifestyle-Branche. Er wurde zu einer der wichtigsten Möglichkeiten, Devisen, Beschäftigung und Infrastruktur ins Land zu bringen.

Heute trägt der Tourismussektor erheblich zur albanischen Wirtschaft bei. Für 2024 weist die Weltbank einen Anteil von 26,4 Prozent am Bruttoinlandsprodukt und 20,4 Prozent an der Beschäftigung aus.

Im selben Zeitraum wurden rund 11,7 Millionen internationale Besuche gezählt, eine enorme Zahl für ein Land mit weniger als drei Millionen Einwohnern. Der Tourismus schafft Arbeit, Einkommen und neue wirtschaftliche Perspektiven. Er trägt zur Herausbildung urbaner Einkommensgruppen und einer neuen konsumorientierten Mittelschicht bei.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Albanien auf Tourismus setzen darf. Natürlich darf es das. Die Frage lautet, wer davon profitiert. Werden Küstenlandschaften geschützt? Bleiben Strände zugänglich? Entstehen Arbeitsplätze, die langfristig Perspektiven bieten? Werden lokale Gemeinden beteiligt?

Oder konzentrieren sich Grundstücke, Gewinne und politische Einflussmöglichkeiten bei wenigen gut vernetzten Akteuren? Erst an diesem Punkt wird Kritik notwendig.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Tunnel, Resort und Macht

Vor dem Llogara-Pass wird diese Ambivalenz sichtbar. Nahe Palasë liegt Green Coast, ein groß angelegtes Ressortprojekt mit Villen, Ferienwohnungen, Hotelangeboten und einem privaten, sorgfältig gestalteten Küstenabschnitt.

Entwickelt wird es von der BALFIN Group des Unternehmers Samir Mane, der häufig als reichster Mann Albaniens bezeichnet wird. Green Coast ist nicht einfach ein Hotelkomplex. Es steht für ein neues Modell der Riviera: geplante Ferienimmobilien, Service-Infrastruktur schaffen eine Küstenlandschaft, die zunehmend als internationale Anlageklasse dient.

Für manche bedeutet das Modernisierung, hochwertige Arbeitsplätze und eine neue Positionierung Albaniens auf dem europäischen Reisemarkt. Für andere bedeutet es den Verlust von Landschaft, öffentlichem Raum und lokaler Kontrolle.

Das Projekt ist seit Jahren umstritten. Kritiker werfen staatlichen Stellen vor, Investitionen privilegiert zu behandeln und Entscheidungen über Genehmigungen nicht transparent genug zu machen.

Gerade bei Projekten dieser Größenordnung sollte man jedoch sauber zwischen Beobachtung, politischer Kritik und juristisch festgestellten Tatsachen unterscheiden. Nicht jeder Vorwurf ist bewiesen; aber die wiederkehrende Frage nach Transparenz ist real.

Direkt neben dem Projekt verläuft der Llogara-Tunnel. Mit rund sechs Kilometern ist er der längste Straßentunnel Albaniens. Er wurde 2024 für den Verkehr freigegeben und soll die Verbindung zwischen Vlora und der Riviera erheblich beschleunigen.

Was früher eine lange, kurvenreiche Fahrt über den Pass war, wird nun zu einer deutlich schnelleren Passage. Für Reisende ist das komfortabel. Für die Riviera bedeutet es eine neue Entwicklungsstufe. Mehr Erreichbarkeit bringt mehr Gäste, mehr Immobilieninteresse und mehr Investitionsdruck.

Doch auch der Tunnel hat eine politische Geschichte. Die Sonderstaatsanwaltschaft SPAK ermittelte wegen des Vergabeverfahrens. Ende Oktober 2025 wurde Infrastrukturministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin Belinda Balluku im Zusammenhang mit dem Vorwurf geführt, bei öffentlichen Ausschreibungen gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz verstoßen zu haben.

Eine rechtskräftige juristische Bewertung lag damit nicht vor; der Fall war und ist Teil eines laufenden Verfahrens. Tunnel und Resort liegen offensichtlich nicht zufällig nebeneinander. Der eine steht für öffentliche Infrastruktur, der andere für privates Kapital.

Beide erzählen von einem Albanien, das sich öffnet, beschleunigt und neu erfindet. Beide werfen aber auch dieselbe Frage auf: Wer entscheidet, wie dieses Land sich verändert?

Die Flamingo-Revolution

Hinter dem Tunnel öffnet sich der Blick auf Vlora und die Bucht. In der Ferne liegen die Insel Sazan und die Landschaft um Zvërnec und die Narta-Lagune. Von oben sieht alles ruhig aus: das Licht über Wasser, die Feuchtgebiete und das Meer dahinter.

Die Szene ist Bühne für einen politischen Skandal: Auf Sazan und im Küstenraum von Zvërnec sind luxuriöse Tourismusprojekte geplant, die mit Jared Kushners Investmentfonds Affinity Partners verbunden sind.

Ivanka Trump trat dabei öffentlich als Unterstützerin und Gestaltungsfigur auf. Internationale Berichte bezifferten die Investitionen für die verschiedenen Vorhaben zusammen auf rund zwei Milliarden US-Dollar.

Befürworter sehen darin eine historische Möglichkeit: internationales Kapital und hochwertige Resorts sollen neue Perspektiven schaffen. Kritiker sehen etwas anderes.

Sie warnen vor Eingriffen in eine ökologisch sensible Küsten- und Feuchtlandschaft, die für Flamingos, Zugvögel und marine Lebensräume bedeutsam ist. Sie kritisieren außerdem Verfahren, in denen Genehmigungsfragen, Umweltprüfung und öffentlicher Zugang aus ihrer Sicht nicht transparent genug geklärt wurden.

Im Mai 2026 tauchten am Küstenabschnitt bei Zvërnec Zäune und Baumaschinen auf. Was zunächst wie eine lokale Auseinandersetzung wirkte, weitete sich rasch aus. Nach Konflikten zwischen Demonstrierenden und privaten Sicherheitskräften wurde aus dem Protest ein landesweites Symbol. Die Bewegung gab sich einen Namen, der die bedrohte Landschaft in ein politisches Bild verwandelte: Flamingo-Revolution.

Auf Plakaten in Tirana und in der albanischen Diaspora tauchte der entscheidende Satz auf: „Albania is not for sale.“ Der Slogan richtet sich nicht nur gegen ein Resort. Er bündelt eine tiefere Erfahrung: dass öffentliche Landschaft, politische Macht und privates Kapital in Albanien oft zu eng miteinander verbunden erscheinen.

Die Entscheidungen fallen schnell, bevor Öffentlichkeit und Gemeinden wirklich beteiligt sind. Das Versprechen von Wachstum, das für manche Menschen nach Aufbruch klingt, bedeutet für andere Verlust.

Von unserem Aussichtspunkt sehen wir nur die Lagune in der Nachmittagssonne. Doch in diesem Bild liegt die ganze Spannung eines Landes, das gelernt hat, wie wichtig Öffnung sein kann – und nun darüber streitet, welcher Weg in eine gute Zukunft für alle führt.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Ein Stellplatz zwischen Baukränen

Am Abend erreichen wir Tirana. Unser Stellplatz liegt mitten in einer Stadt, die sich mit atemberaubender Geschwindigkeit verändert. Überall wachsen Türme aus dem Boden. Kräne drehen sich noch in der Dämmerung. Baulärm reicht bis in die Nacht. Zwischen alten Häusern, improvisierten Geschäften und kleinen Gärten entstehen Glasfassaden, Wohnkomplexe und Bürogebäude.

Der Besitzer des Stellplatzes erzählt, dass sein Grundstück bald verkauft sein wird. Ein Bauträger plant einen Neubau. Wir fragen halb im Scherz, ob er nun reich werde. Er lacht und schüttelt den Kopf. „Erst in zehn Jahren“, sagt er.

Dann, so erzählt er, solle er als Ausgleich eine Wohnung in dem Gebäude erhalten, das hier entstehen wird. Das Geld fließt nicht sofort, sondern der „Verkäufer“ erhält ein Versprechen auf Eigentum in der Zukunft. Eine Wohnung an der Stelle, an der heute noch Wohnmobile stehen und Gäste ihre Stühle zwischen Staub und Baustellenlärm aufstellen.

Es ist eine kleine Geschichte, aber sie erzählt viel über Tirana. Die Stadt wird nicht einfach gebaut. Es wird getauscht, verhandelt, verdichtet und spekulativ investiert. Alte Quartiere verschwinden nicht von heute auf morgen. Sie werden in Zukunftswerte übersetzt. In den Cafés hört man hin und wieder über den Verdacht, es könnte sich um eine riesige Immobilienblase handeln.

Blick nach vorn

Später sprechen wir mit einem jungen Mann, der in Deutschland studiert hat und heute für ein albanisches Bauunternehmen arbeitet. Vielleicht baut seine Firma an einem jener Türme, die wir vom Stellplatz sehen.

Er spricht offen über Korruption, Vetternwirtschaft und die enge Verbindung von Politik und Geschäft. Über all das, was auf unserer Fahrt immer wieder sichtbar geworden ist. Und doch klingt er nicht resigniert.

Seine Generation, sagt er, habe die Kriege der neunziger Jahre nicht mehr selbst erlebt. Sie kenne die Armut und Isolation der Hoxha-Zeit aus den Geschichten der Eltern und Großeltern, nicht aus eigener Erfahrung. Europa sei für ihn kein fernes Versprechen, sondern ein konkreter Horizont.

Albanien erhielt 2020 grünes Licht für EU-Beitrittsverhandlungen. Formell begannen sie mit der ersten Regierungskonferenz im Juli 2022. Die Regierung in Tirana verfolgt das Ziel, die Verhandlungen bis Ende 2027 abzuschließen.

Ein tatsächlicher EU-Beitritt wäre damit allerdings nicht automatisch erreicht. Er hängt weiterhin von Reformen bei Justiz, Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung ab—und letztlich von der Zustimmung aller Mitgliedstaaten der Europäischen Union.

Bunker und Baukräne. Der Bunker steht für die Angst eines Staates, der glaubte, nur durch Abschottung überleben zu können. Der Baukran steht für das Gegenteil: für Öffnung, Wachstum, Geschwindigkeit und die Hoffnung, endlich aufzuholen. Aber auch für die Gefahr, dass Fortschritt zu etwas wird, das über Menschen und Landschaft hinweggebaut wird.

Albanien entwickelt sich mit großer Geschwindigkeit. Die nächste Aufgabe besteht darin, die Zukunft so zu gestalten, dass nicht nur Investoren, Reisende und politische Eliten davon profitieren—sondern auch jene Menschen, die unter den neuen Türmen leben, an den Stränden arbeiten und auf die Lagunen blicken, bevor sie verändert werden.

Link zur Kampagne: https://commonsplace.de/project/balkan

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IZ-Reiseblog: Tetovo, Grenzland zwischen Moschee und Beton

tetovo moscheen reiseblog

IZ-Reiseblog: Wer sich die Landkarte von Nordmazedonien ansieht, bleibt fast zwangsläufig an Tetovo hängen.

(iz). Die Stadt liegt im Polog-Tal, keine dreißig Kilometer von der albanischen und der kosovarischen Grenze entfernt, im Schatten des mächtigen Šar-Gebirges. Auf dem Papier ist das eindeutig mazedonisches Staatsgebiet.

In der Realität ist Tetovo eine mehrheitlich albanische Stadt, geistiges und politisches Zentrum der Albaner Nordmazedoniens, mit eigener Universität und einer Geschichte, die 2001 fast in einem bewaffneten Konflikt geendet hätte.

1. Warum niemand die Grenzen neu ziehen will

Die Versuchung läge nahe. Warum nicht Tetovo, Gostivar und das gesamte Polog-Tal einfach zu Albanien oder zu einem größeren Kosovo schlagen, wenn hier ohnehin die Mehrheit albanisch spricht? Die Antwort liegt in einer Mischung aus internationaler Politik, regionaler Statik und – man muss es so nüchtern sagen – kollektiver Erschöpfung nach dem Krieg von 2001.

Im Frühjahr und Sommer 2001 lieferten sich mazedonische Sicherheitskräfte und die albanische Untergrundarmee UÇK (National Liberation Army) monatelange Gefechte, vor allem im Raum Tetovo. Die Eskalation wurde durch das Ohrid-Rahmenabkommen vom 13. August 2001 gestoppt, ausgehandelt unter starkem Druck von EU und USA. Die internationale Gemeinschaft lehnte jede Neuziehung von Grenzen kategorisch ab, obwohl Teilung und Gebietsabtretung während des Konflikts durchaus als mögliche Optionen diskutiert wurden.

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Das Problem dahinter war klar: Eine Grenzverschiebung in Mazedonien hätte sofort ähnliche Forderungen in Kosovo, im Preševo-Tal oder in Bosnien befeuert – ein Präzedenzfall, den niemand in der Region oder in Brüssel öffnen wollte. Am Ende siegte die Vernunft auf allen Seiten.

Statt einer Teilung bekam Nordmazedonien eine tiefgreifende Verfassungsreform: Albanisch wurde in weiten Teilen des öffentlichen Lebens gleichberechtigt, die Dezentralisierung stärkte lokale, mehrheitlich albanische Gemeinden wie Tetovo, und ethnische Quotenmechanismen sollten für eine gerechtere Vertretung im Staatsdienst sorgen.

Der Kompromiss lautete: keine eigene Grenze, aber ein Staat, der Albanern mehr Raum gibt, ohne seine „unitarische“ Struktur aufzugeben. Für die politische Führung der ehemaligen Aufständischen – viele von ihnen gründeten die Partei DUI, die bis 2024 fast durchgehend mitregierte – war das eine Option, mit der sich leben ließ: reale Machtanteile im bestehenden Staat statt eines riskanten, international isolierten Sezessionsprojekts.

Ein Vierteljahrhundert Ohrid – was bleibt

25 Jahre nach der Unterzeichnung, im August 2026, zog der mazedonische Journalist Vasko Popetrevski – langjähriger Chefredakteur der Polit-Sendung 360 Grad und selbst Augenzeuge der Verhandlungen von 2001 – eine nüchterne Bilanz gegenüber BIRN/Balkan Insight.

Sein Kernargument: Das Abkommen hat seine wichtigste Aufgabe erfüllt, es hat das Blutvergießen beendet und den politischen Prozess zurück in die Institutionen geholt.

Was jedoch ausblieb, ist eine gemeinsame gesellschaftliche Einigung darüber, was der Konflikt eigentlich bedeutete. Für viele Albaner steht Ohrid für den Höhepunkt eines langen Kampfes um Gleichberechtigung; für viele Mazedonier bleibt es untrennbar mit dem bewaffneten Konflikt verbunden – mit dem Gefühl, Zugeständnisse seien durch Waffengewalt erzwungen worden.

Popetrevski warnt davor, dass genau diese Narrative an eine Generation weitergereicht werden, die den Krieg selbst gar nicht mehr erlebt hat: Wenn junge Mazedonier und Albaner, die nach 2001 geboren wurden, Feindseligkeiten aus einem Konflikt erben, den sie nicht oder nur aus Erzählungen kennen, sagt das mehr über das Versagen der Gesellschaft der letzten 25 Jahre aus als über das Abkommen selbst.

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Die bunte Moschee – Stifterinnen, Farbe und italienisches Barock

Wer durch die Stadt zum Ufer der Pena geht, sieht sie schon von Weitem aufleuchten: die Šarena Džamija, die „Bunte“ oder „Bemalte Moschee“. Kein anderes Bauwerk auf dem Balkan sieht so aus. Die Ursprünge reichen zurück ins 15. Jahrhundert – je nach Quelle 1438 oder um 1495.

Bemerkenswert ist schon die Gründungsgeschichte selbst: Anders als die meisten Moscheen dieser Zeit, die von Sultanen, Beys oder Paschas gestiftet wurden, finanzierten hier zwei Schwestern, Hurshida und Mensure, den Bau – der Überlieferung nach aus ihrer eigenen Mitgift.

Ihr Grabmal, ein achteckiges Türbe, steht bis heute im Innenhof der Moschee. Für die damalige Zeit war eine solche Stiftung durch Frauen eine echte Ausnahme, und sie ist bis heute Teil der lokalen Identität des Ortes – ein Bauwerk, das von Anfang an mit weiblicher Handschrift verbunden war.

Die Moschee, wie wir sie heute sehen, ist allerdings nicht mehr die ursprüngliche. Nach einem Brand ließ der osmanische Statthalter von Tetovo, Abdurrahman Pascha, ein großer Kunstliebhaber, das Gebäude 1833/34 grundlegend erneuern und erweitern.

Genau diese Rekonstruktion prägt das heutige Erscheinungsbild: einen einzigen quadratischen Gebetsraum, dessen Innen- und Außenwände vollständig mit Fresken bedeckt sind. Wir sehen bei unserer Begehung Blumenmotive, geometrische Medaillons, Arabesken und gemalte Städteansichten (darunter Mekka). Beauftragt wurden Meistermaler aus Debar, die für die Farbherstellung angeblich Zehntausende Eier verarbeiteten, um die Pigmente zu binden.

Kunstgeschichtlich ist das Gebäude deshalb so bedeutend, weil es zwei stilistische Brüche in sich vereint. Die frühe Bausubstanz orientierte noch an anatolischen statt an klassisch-osmanischen (byzantinisch beeinflussten) Kuppelbauten.

Die Dekoration der Rekonstruktion von 1833 dagegen gehört in eine ganz andere Epoche. Sie zählt zu den eindrucksvollsten Beispielen des sogenannten „osmanischen Barock“, jener Stilphase (etwa 1740er bis frühes 19. Jahrhundert), in der europäische, vor allem norditalienische Barockornamentik in die osmanische Kunst einsickerte.

Über Handelsstädte wie Thessaloniki und die zunehmenden diplomatischen und kulturellen Kontakte des Osmanischen Reiches mit Mitteleuropa gelangte ein dekoratives Vokabular – illusionistische Architekturmalerei, plastisch wirkende Scheinarchitektur – in die osmanische Handwerkskunst, wo es mit islamischer Ornamentik aus Pflanzen- und Geometriemotiven verschmolzen wurde.

Hier kann man lernen, dass die islamische Architektur durchaus mit der europäischen Kultur in einen Austausch eintreten kann. Wir sitzen also staunend vor einem Gebäude, das Europa und den Orient ineinander verschränkt. Besuchergruppen aus aller Welt bewundern diese Symbiose.

3. Café gegenüber der Moschee: Ist Architektur politisch?

Wir bestellen Kaffee im Schatten alter Bäume, die Moschee auf der einen, der ehemalige Hamam – heute eine Kunsthalle – auf der anderen Seite. Zwischen den Tassen liegt ein Aufsatz zweier Architekturhistoriker der Staatlichen Universität Tetova, Kujtim Elezi und Nuran Saliu.

Der Text handelt über die Architektur der Stadt zwischen dem späten 19. Jahrhundert und dem Zweiten Weltkrieg. Und tatsächlich: Kaum ein Ort eignet sich besser, um die Frage zu stellen, ob Architektur und Stadtplanung politischen Einfluss ausüben. Die Antwort, die sich aus dem Text, wie aus dem Stadtbild selbst ergibt, lautet: unbedingt ja.

Die Autoren beschreiben, wie sich die osmanische Stadt bis weit ins 19. Jahrhundert nach einer klaren, religiös-rechtlich organisierten Logik entwickelte: Moschee, Basar (Bazaar) und Stiftung (Waqf) bildeten eine untrennbare Einheit. Eine Moschee wie die Šarena Džamija war nie ein isoliertes Sakralgebäude, sondern der Kern eines ganzen „Küllye“ – einer Stiftungsanlage, zu der Brunnen, Hamam, Karawanserei, Koranschule und Markt gehörten.

Die Stiftungen finanzierten über Mieteinnahmen aus Läden und Werkstätten dauerhaft den religiösen und sozialen Betrieb. Stadtentwicklung war damit nicht das Ergebnis eines zentralen Plans, sondern das kumulative Ergebnis frommer, oft privater Stiftungen – ein System, in dem Religion, Wirtschaft und Städtebau organisch verwoben waren.

Mit dem Ende des Osmanischen Reiches und erst recht mit dem Übergang zu Jugoslawien wurde dieses Modell „politisch“ überschrieben. Der Aufsatz beschreibt bereits für die Zeit vor 1918 eine erste „Europäisierung“ der Fassaden, die den orientalisch-traditionellen Baustil allmählich verdrängten. Das war noch eine bürgerliche, ästhetische Modernisierung.

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Die zweite, viel radikalere Zäsur kam mit dem sozialistischen Jugoslawien nach 1945. Die jugoslawische Idee der Modernisierung verstand Städtebau explizit als politisches Projekt: Funktionalistische, oft brutalistische Beton-Architektur sollte eine neue, säkulare, gesamtjugoslawische Identität sichtbar machen, die ethnische und religiöse Zugehörigkeiten überschreibt.

Die Losung „Brüderlichkeit und Einheit“ floss überall in die Betonwerke ein. Das prominenteste Beispiel dieser Haltung liegt nur eine Autostunde entfernt: der Wiederaufbau von Skopje nach dem Erdbeben von 1963, bei dem der japanische Architekt Kenzo Tange gemeinsam mit jugoslawischen Planern eine explizit modernistische, von Le Corbusiers Ideen geprägte Stadt entwarf – Sichtbeton, große Maßstäbe, funktional getrennte Zonen, die wenig Rücksicht auf das gewachsene osmanische Stadtgefüge nahmen. Das Projekt wurde wegen Geldmangel und bürokratischen Hindernissen nicht vollständig umgesetzt.

An dieser Stelle lohnt ein Umweg über die Gestalt, deren Ideen im ganzen sozialistischen Jugoslawien nachwirkten: Le Corbusier. Der Schweizer Architekt, der damals noch Charles-Édouard Jeanneret hieß, durchquerte die Region 1911 auf seiner berühmten „Voyage d’Orient“ – jener fünfmonatigen Reise von Prag über die Balkanländer, durch Rumänien und über Adrianopel bis nach Istanbul.

Biografen beschreiben seine Reise, die ihn wochenlang zu Fuß, per Maultier, Boot und Bahn in Dörfer und Städte der Region führte. In Istanbul blieb er fünfzig Tage, länger als an jedem anderen Ort der Reise. Tief beeindruckt von den Moscheen, sah er deren Kuppeln, Halbkuppeln und Minarette als reine geometrische Körper – Würfel, Kugel und Kegel.

Diese Silhouetten, das Verhältnis von Baumasse zu Grün- und Freiraum, notierte er sich explizit als Lehrstück für Stadtplaner; die Beobachtungen flossen Jahrzehnte später direkt in seine Schrift „The City of Tomorrow and its Planning“ (1929) ein.

Genau in diesem Ansatz liegt aber auch das Problem, auf das man hier, im Café gegenüber von Moschee und Hamam, mit Blick auf die jugoslawischen Betonbauten ein paar Straßen weiter stößt. Jeanneret sah die osmanische Stadt vor allem als Bild – als Silhouette, als Komposition reiner Formen, als malerische Unordnung, die ihn ästhetisch begeisterte.

Was er kaum erfasste, war die institutionelle Logik dahinter, eben jenes Dreieck aus Moschee, Basar und Stiftungen, das diese scheinbare Unordnung überhaupt erst organisiert hatte. Der zivilisatorische Kern der islamischen Stadt lag nicht in ihrer äußeren Form, sondern in dieser Verschränkung von Frömmigkeit, Handel und sozialer Fürsorge zu einer selbsttragenden Institution.

Le Corbusier nahm nur die Oberfläche mit – die reinen Volumen, die Silhouette, den Kontrast von Baukörper und Grün – und goss daraus zwei Jahrzehnte später mit der Ville Radieuse und der Charta von Athen (1933) ein Stadtmodell, das exakt das Gegenteil dieser osmanischen Logik verordnete: die strikte Trennung von Wohnen, Arbeiten, Erholung und Verkehr in separate Zonen.

Wo die Moschee-Basar-Stiftung-Anlage Glaube, Wirtschaft und Wohnen bewusst ineinander verwob, verlangte die Charta von Athen ihre säuberliche Auflösung in Funktionszonen.

Was diese doppelte Transformation – erst bürgerliche Europäisierung, dann sozialistischer Brutalismus – am Ende übrigließ, beschreibt der Aufsatz in seiner Schlussfolgerung fast resigniert: Von der reichen, hybriden Zivilarchitektur des frühen 20. Jahrhunderts, den eklektischen Bürgerhäusern mit ihren Barock- und Renaissance-Zitaten, ist nur noch eine kleine Zahl an Gebäuden erhalten. Übriggeblieben sind vor allem die isolierten Sakralbauten – Moscheen und Kirchen – weil sie kontinuierlich religiös genutzt und damit gepflegt wurden.

Das Ergebnis ist eine Stadtlandschaft, in der die religiösen Gebäude zu den Hauptträgern kollektiver Identität wurden: die Moschee als Symbol albanisch-muslimischer, die orthodoxe Kirche als Symbol mazedonisch-christlicher Zugehörigkeit.

Was einst Teil eines vielschichtigen, auch säkularen Stadtgefüges war, wird so – mangels Alternativen – zum Hauptvokabular der Identitätspolitik. Architektur ist hier tatsächlich nicht nachrangig zur Politik, sondern eine ihrer sichtbarsten Bühnen. Die Frage, die sich stellt, könnte man so formulieren: Wenn Moscheen, Märkte und Stiftungen als soziale Realität verschwinden, verliert die Gemeinschaft ihre Verwurzelung im realen Leben?

Bleibt, statt des gemeinsamen Handelns, nur ein abstrakter, oft verhärteter Kulturkampf, mit seinen Bildern, bei denen es nur noch um Repräsentation und Labels geht, statt um das echte, gelebte Miteinander? Sicher ist heute nur eins, das alte Stadtbild, mit seinen komplexen Strukturen, wird nicht wieder zurückkehren.

Wir beobachten eine Gruppe junger Leute an einem Nachbartisch. Ob es Albaner oder Mazedonier sind, können wir nicht unterscheiden. Eine der jungen Frauen, trägt ein Kopftuch. Sie hantieren an ihren Handys, auf dem Tisch steht ein Laptop.

Was entdecken Sie gerade, was entwickeln sie gemeinsam? Diese Generation wird entscheiden, ob so etwas wie ein „Wir“-Gefühl in Mazedonien entsteht und wie genau, die neue soziale Realität der Zukunft aussehen wird.

Weiter an den Ohridsee

Wir zahlen, werfen einen letzten Blick auf die Farben der Moschee und die kühlen, stummen Betonflächen der jugoslawischen Nachkriegsbauten ein paar Straßen weiter, und setzen uns ins Auto. Vor uns liegt die Fahrt Richtung Süden, vorbei an Kičevo, hinein in die wunderbaren Landschaften um den Ohridsee – dorthin, wo Nordmazedonien sich lieber über seine Schönheit als über seine Gräben definiert.

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Der Wanderer und sein Schatten

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Im IZ-Reiseblog begleitet der Wanderer seinen Schatten durch den Balkan – und entdeckt, warum er mehr als die Abwesenheit von Licht ist.

Prolog: Der stille Begleiter

Nietzsche hat ihm ein eigenes Buch gewidmet: dem Schatten, der neben dem Wanderer herzieht, der immer dann das Wort ergreift, wenn der Wanderer selbst zu erschöpft ist, um noch weiterzudenken. Wir nehmen dieses Bild mit auf unsere Reise.

Der Schatten stellt die Fragen, die man tagsüber verdrängt und nachts nicht loswird. Er ist das Unbewusste, das mitreist und das sich ungefragt meldet. Oft sind diese Phänomene, mit Fragen verknüpft, die schon vor Beginn der Reise präsent waren.

Zum Beispiel beschäftigt uns immer wieder die Auswirkungen der neuen Identitätspolitik auf unser Dasein als Muslime. Auf dieser Reise aber wird der Schatten zu mehr als einer philosophischen Figur. Er wird zum Gradmesser einer fiebernden Welt. Denn die Zeichen, die wir unterwegs lesen, sind unmissverständlich.

Erste Station: Die Zeichen der Zeit

In Skopje hat uns ein Gewitter mit orkanartigen Böen aufgeschreckt. Weiter im Süden begleitet uns Waldbrandrauch. Wir sehen Bilder von flüchtenden Touristen oder hören Berichte von einem Starkregen, der in zwanzig Minuten fällt, wofür früher ein ganzer Monat Zeit brauchte.

In Deutschland trocknet der Rhein beinahe aus. Diese Phänomene sind keine Ausreißer mehr, keine meteorologischen Kuriositäten für die Abendnachrichten – sie sind, wie es in der Klimaforschung heißt, das neue Normal.

Und mitten in dieser Verschiebung verändert sich auch die Bedeutung des Schattens selbst. Er hört auf, bloß die Abwesenheit von Licht zu sein, ein passives Nebenprodukt der Sonne. Er wird zu etwas, das man plant, verteilt, einklagt und erforscht.

Wissenschaft: Der Schatten als Infrastruktur

An heißen Nachmittagen wird eine Parkbank im Schatten eines Baumes zu einem Zufluchtsort. Hitze tötet in den meisten Ländern inzwischen mehr Menschen als alle anderen Wetterereignisse zusammen – mehr als Stürme, mehr als Überschwemmungen.

Aus dieser nüchternen Statistik ist eine neue Forschungsrichtung entstanden, die sich selbst Shadow Studies nennt: Städteplaner, Geografinnen und Public-Health-Forscher, die Schatten nicht mehr ästhetisch, sondern epidemiologisch vermessen.

Mit Satellitendaten und 3D-Modellen der Gebäude- und Baumkronen wird berechnet, wie viele Stunden Schatten ein Häuserblock, eine Bushaltestelle, ein Schulhof im Tagesverlauf tatsächlich erhält. Kartografien, die man treffend „Shadow Accrual Maps“ nennt, zeigen akkumulierte Schattenkarten einer Stadt über ein ganzes Jahr.

Und dabei zeigt sich etwas Unbequemes: Schatten ist nicht gleich verteilt. In vielen Großstädten korreliert die Dichte des Baumbestands – und damit die verfügbare Kühle – fast deckungsgleich mit dem Einkommen eines Viertels. Reichere, oft historisch bevorzugte Nachbarschaften verfügen über doppelt so viel Baumkronendach wie arme Gebiete.

Man könnte fast von einem Schatten-Klassenkampf sprechen: Wer sich Bäume, Arkaden, klimatisierte Rückzugsorte leisten kann, überlebt die Hitzewelle bequemer. Wer draußen arbeitet, an ungeschützten Bushaltestellen wartet, in dicht versiegelten, baumlosen Straßen wohnt, trägt die Last der Sonne unmittelbarer.

Schattengerechtigkeit – shade equity – ist damit zu einer handfesten politischen Forderung geworden, die neben Wasser und Wohnraum zur kommunalen Grundversorgung gezählt wird. Der Schatten, einst ein Nebeneffekt des Lichts, ist zur Infrastruktur geworden – und zu einem stillen Indikator sozialer Ungleichheit.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Politik: Die Bühne des Widerstands

Alle diesen Fragen beeinflussen längst die politische Theorie unserer Zeit. Die Klimabewegung ist längst keine homogene Masse mehr, sondern ein Feld unterschiedlicher Strategien – und kaum jemand hat diese Spannung so provokant beschrieben wie der schwedische Humanökologe Andreas Malm.

In seinem vielzitierten Buch, dessen Titel man mit „Wie sprengt man eine Pipeline“ übersetzen könnte, argumentiert Malm, dass der reine Appell an friedlichen, gewaltfreien Protest angesichts der Dringlichkeit der Krise an seine Grenzen stoße.

Er plädiert für entschlossenere Formen des zivilen Ungehorsams, die gezielt fossile Infrastruktur ins Visier nehmen. In seiner polemischen Zuspitzung ist der Kapitalismus, das System, Schuld am Zusammenbruch der Ökosysteme.

In einem späteren Werk geht er noch einen – bedenklichen Schritt – weiter und fordert, in Anlehnung an revolutionäre Traditionen und einen radikalen Bruch mit dem Status quo. Diese Position steht in einem interessanten Spannungsverhältnis zur bekanntesten Stimme der Bewegung, Greta Thunberg, deren Schulstreiks und Fridays-for-Future-Bewegung auf beharrliche, aber gewaltfreie moralische Appelle setzten.

Beide sind Schwedinnen und Schweden derselben Klimaöffentlichkeit, beide haben internationale Debatten geprägt – doch sie repräsentieren unterschiedliche Register desselben Anliegens: hier die disziplinierte, sichtbare Mahnung einer Einzelnen vor Parlamenten und Weltklimagipfeln, dort die akademisch fundierte Radikalisierungsthese, die die Grenzen des Sagbaren im Klimadiskurs verschiebt.

Hinzukommt in den letzten Jahren, in Form einer ideologischen Erweiterung, die Solidarisierung mit den Palästinensern, die als Teil einer globalen, anti-kolonialen Bewegung gelesen wird.

Malms Bücher haben, unabhängig von der Frage, ob man ihnen zustimmt, in Teilen der jüngeren Bewegung – etwa bei Gruppen, die zu direkteren Aktionsformen greifen – spürbar nachgewirkt. Zwischen den friedlichen Sitzblockaden früherer Jahre und den Auseinandersetzungen etwa um Wasserreservoirs in Frankreich liegt ein Weg, den man ohne Malms Theoriearbeit kaum verstehen kann.

Offensichtlich liegt die Gefahr dieser politischen Lehre in ihrem Radikalisierungspotential. Die Lage ist ernst, weil die großen Krisen unserer Zeit gerade auf junge Leute bedrohlich wirken. Was folgern sie aus der Bedrohung?

Die junge Generation steht vor der Wahl: radikale Forderungen stellen, sich für den demokratischen Wandel engagieren, auf neue Techniken hoffen, die Probleme ignorieren oder sich in die eigene Identität flüchten.

Philosophie: Lob des Schattens

Der Westen, so lässt sich pointiert sagen, hat sein Selbstverständnis am Licht ausgerichtet. Die Aufklärung nannte sich selbst so – Enlightenment, Lumières –, ein Zeitalter, das die Dunkelheit des Aberglaubens mit der Klarheit der Vernunft vertreiben wollte.

Licht wurde zur Metapher für Fortschritt, Wahrheit, Erkenntnis; Schatten blieb, was zurückbleibt, was man überwindet. Doch schon Goethe wusste um die Kehrseite dieser Gleichung.

Sein vielzitierter Satz „Wo viel Licht ist, ist viel Schatten“ stammt zwar aus einem historischen Drama, ist aber zu einem Sprichwort über die Ambivalenz der Helligkeit geworden: Jede Steigerung ins Grelle, ins Extreme, erzeugt zwangsläufig auch tiefere Verdunkelung.

Das gilt für Ideen ebenso wie für Städte, die man mit Beton und Glas gegen den Schatten immunisieren wollte – und die heute an ihrer eigenen Helligkeit ersticken. Und die Umweltbewegung steht an einem Scheidepunkt, wie sie ihren Protest künftig artikuliert und ob sie in letzter Konsequenz die Systemfrage stellt.

In der ökologischen Ästhetik unserer Gegenwart erlebt der Schatten jedenfalls eine stille Rehabilitierung. Wo die Moderne offene, lichtdurchflutete Räume feierte, entdeckt eine neue Sensibilität den Wert des Gedämpften, des Diffusen, des Zurückhaltenden – jene Ästhetik der Dämmerung, die in Teilen Ostasiens seit Jahrhunderten kultiviert wird und der Schatten nicht als Mangel, sondern als eigenständige Qualität begreift.

Übertragen auf unsere Klimagegenwart wird daraus mehr als Nostalgie: eine Kritik an einer Moderne, die glaubte, alles ausleuchten, alles sichtbar, alles kontrollierbar machen zu müssen – und die genau damit die Erde überhitzt hat. Eine relevante Philosophie, ob religiös begründet oder nicht, muss darauf überzeugende Antworten geben.

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Foto: imago images

Der Süden lehrt Schattenkompetenz

Auf unserer Reise – unseren Instinkten folgend – sitzen wir immer wieder neben älteren Menschen, die den Gang des Schattens ohne große Worte verinnerlicht haben. Überhaupt richtet sich das südländische Leben, im Gegensatz zum Alltag der zahlreichen Touristen, nicht auf die Sonne aus. Reist man südwärts, ändert sich der Rhythmus des Tages selbst. Die Siesta, oft milde belächelt als südländische Trägheit, entpuppt sich als jahrhundertealte klimatische Intelligenz: eine kollektive Übereinkunft, die heißesten Stunden nicht zu bekämpfen, sondern ihnen auszuweichen.

Man arbeitet früh, ruht in der Gluthitze, lebt am Abend wieder auf. Es ist eine soziale Architektur, die sich auch im gebauten Raum spiegelt: die engen, sich verschattenden Gassen der Altstädte, die kühlen Innenhöfe der Häuser, die Arkaden mediterraner Städte, die schattenspendenden Platanen auf jedem größeren Platz.

Hier ist Schatten kein Zufall, sondern Gestaltungsprinzip, kollektives Wissen, das lange vor jeder Klimaanlage funktionierte. Der Norden, konfrontiert mit seinen eigenen Hitzesommern, beginnt, diese Schattenkompetenz neu zu erlernen – von Städten, die sie nie verlernt hatten.

Die Metaphern von Hitze und Kühle bieten sich auch für andere Denkfiguren an. Denkt man parallel zu der Erfahrung neuer Hitzewellen an das gesellschaftliche Klima, nicht zuletzt an die hitzigen Debatten in Deutschland, sehnt man sich nach kühlen Köpfen und ordnet die Besonnenheit dem Schatten zu. Fest steht – dieser Gedanke kehrt immer wieder zu uns zurück – die Polarisierung der Gesellschaft wird keine Krise lösen, von der Inflation, über die ökologische Katastrophe bis zu den drohenden Kriegen. Wirtschaft und Technik sind universelle Kräfte.

Sie fragen nicht nach Pässen oder Religionen. Sie funktionieren überall nach denselben Mustern. Auch auf unserer Balkanreise erleben wir eine Trennung zwischen dem, was Menschen fühlen (ihre Identität), und dem, was sie tun (ihre Lebensweise).

Die Illusion der Differenz ist in Europa nicht zu übersehen: Nationalismus, das Pochen auf religiöse Unterschiede und der kulturelle Stolz sind oft so laut wie eh und je. Auf dem Balkan, mit seiner historischen Geschichte, zeigt sich das besonders sensibel.

Gleichzeitig ist die Realität der Gleichheit nicht zu übersehen: Ein junger Serbe in Belgrad und eine junge Albanerin in Tirana nutzen dieselben Apps. Sie kaufen in ähnlichen Discountern (wie Lidl oder regionalen Ketten). Sie kämpfen mit derselben Inflation. Sie beklagen die Korruption der Politik in ganz Südosteuropa. Sie nutzen ChatGPT für die Uni.

Vielleicht ist an der Zeit, weniger auf die Unterschiede unserer Identitäten zu achten, sondern die drängenden Probleme unserer Zeit als eine gemeinsame Aufgabe zu sehen. „Du musst Dein Leben ändern!“ ist eine Maxime, die uns alle – jenseits ethnischer oder religiöser Trennlinien – betrifft. Wer hier mit gutem Beispiel vorangeht, wird für seine Lebenspraxis Respekt erfahren.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Religion: Der Schatten als Gabe Gottes

Nirgends wird diese südliche Schattenweisheit so tief theologisch grundiert wie im Islam, dessen Offenbarungsgeschichte sich in der glühenden Weite der arabischen Wüste ereignete. Während im gemäßigten Europa das Licht fast durchweg positiv besetzt blieb, gilt der Schatten in der islamischen Tradition als eine der größten Gaben Gottes – als Sinnbild für Barmherzigkeit, Schutz und, im Jenseits, als Belohnung. Vier Dimensionen lassen sich dabei unterscheiden.

Erstens das kosmische Zeichen: Der Qur‘an beschreibt, dass sich alles Geschaffene vor Gott niederwirft, ob willentlich oder nicht – ausdrücklich genannt werden dabei auch die Schatten am Morgen und am Abend, deren Wandern und Länger-Werden als eine Form kosmischen Gebets gedeutet wird. Das tägliche Ziehen des Schattens über den Boden gilt als sichtbares Zeugnis einer fein austarierten göttlichen Ordnung, ein Beweis, den der Mensch täglich unter seinen eigenen Füßen findet.

Zweitens die Barmherzigkeit in der Wüste: In einer Landschaft, in der pralle Sonne über Stunden lebensbedrohlich sein kann, wird der schattenspendende Baum, das Zelt, die kühle Mauer zur unmittelbaren Rettung – und damit zu einer Metapher für göttlichen Schutz überhaupt, ein Bild, das die islamische Überlieferung in zahlreichen Aussprüchen des Propheten über Mitmenschlichkeit und Zuflucht wiederaufnimmt.

Drittens das Paradies als schattiger Garten: Anders als man erwarten könnte, wird das Jenseits nicht in erster Linie als Ort strahlenden Lichts beschrieben, sondern als Garten mit ausgedehntem, immerwährendem Schatten – die höchste denkbare Belohnung für Menschen, die ihr irdisches Leben in sengender Hitze verbrachten.

Viertens schließlich die historische Erfahrung: Die frühe Geschichte der Gemeinschaft selbst ist von Schattenorten geprägt, von der Höhle, die Schutz vor Verfolgung bot, bis zu den Rastplätzen unter Bäumen auf der Wanderung ins Exil – der Schatten als stiller Zeuge einer Geschichte des Aufbruchs und der Zuflucht.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Epilog: Wanderer und Schatten, wieder vereint

Während unserer Reise verschwimmen die Kategorien, mit denen wir aufgebrochen sind und denen, die wir wieder neu sehen. Was mit Nietzsche als philosophisches Zwiegespräch begann, hat sich zum Denken über die Klimawissenschaft, die politische Theorie und die religiöse Kosmologie erweitert – und doch bleibt der Kern derselbe.

Der Schatten ist der Teil von uns, der nicht wegsieht. Er begleitet den Wanderer nicht, um ihn aufzuhalten, sondern um ihn an das zu erinnern, was das grelle Licht des Tages gerne überstrahlt: Dass Hitze tötet und Schatten rettet, dass Gerechtigkeit auch eine Frage der Quadratmeter Kühle ist, die eine Gesellschaft bereit ist zu teilen, dass Widerstand seine eigene Grammatik der Dringlichkeit entwickelt, und dass, wie es die Wüstenvölker seit jeher wussten, im Schatten manchmal mehr Wahrheit liegt als im hellsten Licht.

Vielleicht ist das die eigentliche Lektion dieser Reise: nicht dem Schatten zu entkommen, sondern endlich zu lernen, mit ihm zu gehen.

Link zur Kampagne: https://commonsplace.de/project/balkan

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Reiseblog: Besuch in Mekka und Madina – mit keiner Reise zu vergleichen

Madina Reiseblog

Neuer Beitrag in unserem Reiseblog: Mekka und Madina sind Reiseziele von einzigartigem Charakter.

(iz). In dem Moment, in dem man die Absicht fasst, nach Mekka und Madina zu reisen, spürt man eine Veränderung, die sich mit keiner anderen Reise vergleichen lässt. Neben die frohe Erwartung tritt die Erfahrung der Unverfügbarkeit. Man weiß erst, ob sich das Schicksal erfüllt, wenn man ankommt.

Mit diesen Gedanken sitze ich im Flugzeug, in zehntausend Metern Höhe. In Istanbul habe ich drei Stunden Aufenthalt und beobachte die Reisenden in all ihren Varianten: Geschäftsreisende, Urlauber, Touristen und – in kleinerer Zahl – Pilger.

Als schließlich das Gate für den Weiterflug bekannt gegeben wird, steht mir noch eine kleine Wanderung bevor, bis ich an Ort und Stelle bin, um meine Reise fortzusetzen.

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Madina – die heutigen Dimensionen sind kaum fassbar

In Madina sind nur noch die Einreiseformalitäten zu erledigen, und bald darauf sitze ich im Taxi auf dem Weg zu meinem Hotel. Zur Moschee sind es nur einige hundert Meter; ein stetiger Strom von Menschen bewegt sich durch die Straßen und macht jede Orientierung überflüssig.

So stehe ich schließlich vor der Moschee des Propheten. Das beeindruckende Gebäude bietet mehreren hunderttausend Menschen Platz und wirkt trotz seiner Größe ruhig und gesammelt. Die Atmosphäre ist friedlich, beinahe zeitlos.

Wenn man an die Ursprünge dieser Stadt denkt, sind die Ausmaße und Dimensionen der heutigen Anlage kaum fassbar. In einem Museum in unmittelbarer Nähe wird daran erinnert.

Es lenkt den Blick zurück auf die Anfänge: Die erste Moschee war nur teilweise überdacht, das danebenliegende kleine Haus des Propheten stand für bescheidene Verhältnisse. Was heute Raum für Hunderttausende bietet, begann in Einfachheit und Maß.

Heute ist die Stadt ein Reiseziel von Pilgern aus aller Welt, die nach den Gesetzen moderner Logistik mit Flugzeugen, Zügen und Bussen anreisen. Man staunt darüber, dass technologische Innovationen, Apps und eine hochentwickelte Infrastruktur letztlich nur einem Zweck dienen: der Moschee des Propheten.

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In der Wüste

Am Folgetag lädt mich ein Freund zu einem Ausflug in die Wüste ein. Nach einer Stunde Fahrt sitzen wir in seinem Nomadenzelt, in einer Ebene, umringt von Granitbergen. Der Kontrast zur Stadt könnte nicht größer sein.

Hier herrscht absolute Stille. In Sichtweite stehen ein paar Sträucher und ein kleiner Baum. Wir beobachten einen kleinen Vogel, einen Hudhud (Wiedehopf), wie mein Gesprächspartner begeistert feststellt. 

Der Prophet Sulaiman (Salomo), Friede sei mit ihm, war ein besonderer Prophet, dem Allah große Gaben verliehen hatte. Er verstand die Sprache der Tiere und herrschte gerecht über Menschen, Dschinn und Tiere.

Eines Tages bemerkte Sulaiman, dass der Vogel Hud-Hud in seiner Versammlung fehlte. In der Sure „Die Ameisen“ (27:20) wird davon berichtet: „Und er schaute bei den Vögeln nach. Da sagte er: ‘Wie kommt es, dass ich den Wiedehopf nicht sehe? Befindet er sich etwa unter den Abwesenden?’“

Da Disziplin und Verantwortung wichtig waren, fragte der Prophet nach ihm und war zunächst verärgert über sein Fehlen. Kurz darauf kehrte der Hudhud zurück und berichtete von etwas Außergewöhnlichem.

Er hatte ein fernes Land entdeckt, Saba (Sheba), dessen Königin und Volk die Sonne anbeteten. Sulaiman hörte dem Hud-Hud aufmerksam zu und nutzte diese Gelegenheit, um die Königin von Saba zum wahren Glauben an den einen Gott einzuladen. Der Vogel wurde zurückgeschickt, um einen entsprechenden Brief zu überbringen.

Die Erzählung erinnert daran, dass selbst ein kleines und scheinbar unbedeutendes Geschöpf eine wichtige Rolle im göttlichen Plan spielen kann. Der Wiedehopf war kein mächtiger Krieger bzw Gelehrter, sondern ein kleiner Vogel – und doch wurde er zum Überbringer einer entscheidenden Wahrheit. Jeder, unabhängig von Größe, Stärke oder Status, kann von Gott für etwas Bedeutendes eingesetzt werden. Niemand ist zu klein, um Teil eines göttlichen Plans zu sein.

Die Weite, Stille und Dichte der Atmosphäre in der Wüste schärfen die Wahrnehmung für Zeichen und Sinn. Gerade die Anwesenheit des kleinen Vogels in dieser Einsamkeit erinnert daran, dass es in der Geschichte nicht um ein bloßes „damals“ geht.

Sie verweist vielmehr auf eine zeitlose Wirklichkeit: die Allgegenwärtigkeit des Göttlichen. Gott wirkt nicht nur in großen historischen Momenten oder durch mächtige Figuren, sondern ist überall gegenwärtig – auch im Kleinen, im Unspektakulären, im Hier und Jetzt.

Ibn Khaldun über Leben in der Wüste

Ein Aufenthalt in der Wüste ist jedem Reisenden zu empfehlen, vor allem, wenn man die Erkenntnisse Ibn Khalduns nachvollziehen will, der die essentielle Bedeutung von städtischem und nomadischem Leben für die Entwicklung der arabischen Zivilisation beschreibt. Berühmt ist die zyklische Beschreibung der Geschichte des Begründers der Soziologie:

„Die Kultur entsteht durch den Zusammenschluss der Menschen; der starke Zusammenhalt (ʿAsabīya) treibt sie zum Aufstieg. Mit Reichtum und Luxus kommt die Schwäche, und schließlich der Fall.“

Vermutlich ist es kein Zufall, angesichts der Krisen unseres Stadtlebens, man denke nur an die Mieten und steigende Energiekosten, dass nomadische Lebensformen, im digitalen Zeitalter, wieder im Trend sind.

Fotos: Autor

In Gärten sitzen

Die weiteren Tage in Madina sind den fünf täglichen Gebeten in der großen Prophetenmoschee gewidmet und der Besichtigung mancher historischer Stätten. In der Qubamoschee bete ich mit meinem Guide, einem Imam aus Nigeria, der hier seit einigen Jahren studiert. Sie wird von den Muslimen hoch verehrt:

„Eine Moschee, die vom ersten Tag an auf Rechtschaffenheit gegründet wurde, ist würdiger für euch, darin zu stehen. In ihr sind Menschen, die es lieben, sich zu läutern, und Allah liebt diejenigen, die sich läutern.“ (9:108)

Der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, unterstrich die Vorzüge des Besuchs der Moschee und des Gebets in ihr und sagte: „Wer sich in seinem Haus reinigt, zur Quba-Moschee geht und dort betet, dem wird die Belohnung der ‘Umrah zuteil.“

Anschließend besuchen wir einen wunderbaren Garten, sitzen unter einer Palme und erzählen uns gegenseitig vom islamischen Leben in Deutschland und Nigeria. Der Imam, der das Wissen hat, sich erfolgreich im Kampf gegen die Extreme zu engagieren, wird bald in seine Heimat zurückkehren. Wir verabschieden uns mit dem Gefühl, uns irgendwann einmal wiederzusehen. 

In Madina entfaltet sich der ganze Sinn des Reisens: das Streben nach Wissen, die Metamorphose, die Transformation durch die empfohlenen Tugenden und das Einswerdens mit dem Reiseziel. Auf diese Weise erfüllt sich die Absicht, die am Beginn der Reise stand, dem Schöpfer näher zu kommen.

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IZ-Reiseblog: Das Stadtbild von Athen

athen reiseblog stadtbild

IZ-Reiseblog: Athen und das antike Griechenland sind ein geistiger Raum. Was sich von ihm für deutsche Debatten lernen lässt.

(iz). Wir fliegen nach Athen, in eine Stadt, die einst als Ursprung des Denkens über das Gemeinsame galt. Hier, wo sich die Idee der polis formte – nicht nur als Ansammlung von Häusern, sondern als Ausdruck einer Weltordnung –, wollen wir einer Frage nachgehen, die heute in Deutschland immer drängender wird: Wie kann eine Stadt wieder weltstiftend werden, Sinn vermitteln und Zusammenhänge offenbaren, die über das bloß Funktionale hinausreichen?

Städte waren einst Spiegel gemeinsamer Weltbilder, Orte, an denen Architektur, Mythos und Alltag zu einem sinnvollen Ganzen verwoben waren. Heute dagegen scheinen viele unserer urbane Räume von ökonomischer Zweckrationalität, Effizienz und Vereinzelung geprägt.

Das, was die Stadt einst zum Träger gemeinsamer Erzählungen machte, droht im Lärm des Fortschritts zu verschwinden. Doch vielleicht liegt gerade im Blick zurück – nach Athen, an die Wurzeln der europäischen Stadt – ein Hinweis darauf, wie sich das Sinnhafte im Urbanen neu denken lässt.

Athen ist eine Stadt, die sich nicht beim ersten Blick offenbart. Millionen Besucher reisen jedes Jahr an – mit dem Wunsch, den Stätten der Antike näher zu kommen. Sie finden sich am Fuß der Akropolis zwischen engen Gassen und sonnenüberfluteten Plätzen wieder.

Morgens sitzen die Menschen in Cafés, in denen die Zeit sich dehnt. Die Gespräche fließen langsamer, als wäre die Gegenwart weniger bedrängend. Die griechische Kultur offenbart sich dort nicht durch große Gesten, sondern durch das stille Verweilen – ein Kaffee, der so langsam getrunken wird, dass er fast zu einer Form der Meditation wird.

Foto: Alexandra Torro/Unsplash

Das Ideal der Gastfreundschaft besitzt in Griechenland eine lange Tradition, die bis in die Antike zurückreicht. Unter dem Schutz des Gottes Zeus entwickelte sich das Prinzip der Xenia, ein festes soziales und religiöses Gebot, das Gastgeber verpflichtete, Fremde respektvoll zu behandeln und ihnen Unterkunft sowie Verpflegung zu gewähren. Verstöße galten als Frevel gegenüber Zeus.

Natürlich hat der Massentourismus seine bekannten Folgen, aber die griechische Gastfreundlichkeit ist nach wie vor lebendig. 

Die Figur des Flüchtlings gehört heute zur Realität europäischer Städte. Die Idee der humanen Stadt wird zur Zeit nirgends so deutlich auf die Probe gestellt wie im Umgang mit Migration. Griechenland, selbst von Krisen und sozialen Problemen erschöpft, ist zu einem Transit- und Zufluchtsort geworden.

In den Straßen Athens, in den improvisierten Lagern, in den zufälligen Begegnungen des Alltags zeigt sich, ob das alte Ideal der Xenia – der göttlich gebotenen Gastfreundschaft – im modernen Europa noch eine Zukunft hat. 

Gastfreundschaft ist kein einseitiges Geschenk, sondern eine Beziehung, ein stiller Vertrag zwischen dem, der aufnimmt, und dem, der aufgenommen wird. Wer sie gewährt, öffnet sein Haus und zugleich seine Verletzlichkeit. Wer sie empfängt, tritt in ein Geflecht von Verantwortung, Achtung und Teilhabe ein.

Schon in der Antike galt: Der Gast sollte die Regeln des Hauses achten, wie der Gastgeber die Würde des Gastes. Vielleicht liegt gerade in diesem Gleichgewicht die Zukunft der humanen Stadt – in einer gegenseitigen Anerkennung, die das Fremde nicht als Bedrohung, sondern als Möglichkeit begreift.

Eine Stadt ist dann human, wenn sie nicht nur Schutz bietet, sondern auch Verbindlichkeit einfordert; wenn sie das Miteinander wagt, ohne sich selbst zu verlieren.

Die Vergangenheit ist auf allen Wegen durch die Stadt allgegenwärtig, die griechische und die römische Agora erinnern daran, dass Athen einmal von Tempeln und Marktplätzen geprägt war. Die Agora war jedoch weit mehr als ein einfacher Marktplatz. Sie war das Herz der Polis, ein Raum, der zugleich politisch, ökonomisch und religiös war.

Hier wurden nicht nur Waren ausgetauscht, sondern auch Argumente verhandelt. Die Bürger kamen zusammen, um über Staatsfragen zu sprechen, über Krieg und Frieden, über Tugend und Verantwortung. Die Agora war eine Bühne: jeder, der sprach, riskierte nicht nur seine Meinung, sondern sein Selbstbild

 In ihr verschränkte sich das Materielle mit dem Geistigen; die Münzen wechselten die Hände, während Gedanken die Welt veränderten. Die Architektur – offen, weit, beweglich – war selbst Ausdruck einer Kultur, die das Gemeinsame nicht in Mauern, sondern im Gespräch verortete. Die Rhetorik galt als eine wichtige Kunst.

Dem Reisenden, der genauer hinschaut, zeigen sich keine Ruinen im üblichen Sinne, keine Überreste eines abgeschlossenen Zeitalters. Man erkennt vielmehr Schichten, durch die sich Zeit senkt und hebt. Wer hier steht, spürt die Verdichtung von Geschichte – nicht linear, sondern konzentrisch. Der öffentliche Raum ist nicht nur ein Ort des Handels, sondern ein Raum des Fragens

Zwischen den bröckelnden Säulen meinte man, die Stimmen von Menschen zu hören, die diskutierten, fragten und zweifelten. Die Spuren der Philosophen sind in Athen nicht museal erstarrt; vielmehr wirken sie wie feine Resonanzen in der Luft: die Frage nach dem guten Leben, die Suche nach der Gerechtigkeit und das Staunen als Ursprung des Denkens.

Gerade hier öffnet sich eine weitere, oft übersehene, historische Linie: Die griechische Philosophie ist nicht allein ein Erbe des sogenannten „Westens“. Über Jahrhunderte wurde sie in arabischsprachigen Zentren gelesen, kommentiert und weitergedacht – von Gelehrten wie Ibn Rushd (Averroes) in Córdoba, der Aristoteles neu erschloss und zur entscheidenden Brücke zwischen Antike und europäischem Denken wurde.

Die islamische Philosophie tradierte und vertiefte das griechische Fragen, sie verwandelte es nicht, um es fremd zu machen, sondern um es weiter zum Leuchten zu bringen. Die Geschichte Europas ist dadurch nicht nur eine Linie, die von Athen nach Rom und Paris führt, sondern auch eine, die über Bagdad, Córdoba und Istanbul verläuft. In dieser Tradition zeigt sich: Die Liebe zur Vernunft ist die gemeinsame Grundlage des zivilisierten Daseins.

Foto: Autor

Am Monastiraki-Platz stehen wir vor der alten Moschee – einst Ort des Gebets, heute zu einem Museum umgenutzt. Von hier öffnet sich der Blick zur Akropolis, die über dem Stadtzentrum thront. Die Felsen und Marmorsäulen heben sich hell gegen den Himmel ab, als sei das Heilige nie ganz vergangen.

Einst war in dieser Blickachse jedoch ein anderes Zeichen sichtbar: ein Minarett, das neben dem Parthenon stand, errichtet in der osmanischen Zeit. Seine Silhouette ragte wie ein leiser Widerspruch in die heroische Erzählung des Hellenismus. Das Minarett wurde später entfernt – nicht aus Zufall, sondern als bewusster Akt des Vergessens.

Und so offenbart der Blick vom Platz zur Akropolis nicht nur Schönheit, sondern auch die Macht der Auswahl: Was darf in die Geschichte eingehen, und was muss verschwinden, damit eine Nation ihren Ursprung klar und ungebrochen erzählen kann? 

Der Bau selbst schweigt, aber das Schweigen spricht. Es erzählt von Zeiten, in denen Athen nicht nur die Stadt der Antike, sondern auch vierhundert Jahre eine osmanische Metropole war. Doch diese Spuren bleiben im kollektiven Gedächtnis oft unsichtbar.

Hier setzt unser Nachdenken über den Begriff Hellenismus ein – eine deutsche Erfindung des 19. Jahrhunderts, die Griechenland ästhetisch und politisch festschreibt als Ursprung des Westens, als „Wiege Europas“. 

Artemis Leontis zeigt in „Topographies of Hellenism“, wie dieses Bild nicht einfach gefunden, sondern aktiv geschaffen wurde: ein „Mapping“ Griechenlands, das auswählt, stilisiert und festlegt. Der Hellenismus wird zur kulturellen Choreografie. Griechenland, eigentlich zwischen Orient und Okzident verortet wird eine neue Rolle im westlichen Narrativ zugewiesen.

Die Landschaft selbst – Inseln, Ruinen, Licht – wird ästhetisch nationalisiert, kartiert als Ursprungsraum europäischer Identität. Leontis schreibt: „In dieser Kartographie wurde der Hellenismus zur visuellen Grammatik der Moderne, während die osmanische Vergangenheit unsichtbar gemacht wurde.“

Und plötzlich erscheint das Stadtbild Athens als Spiegel gegenwärtiger Debatten. Die Diskussionen über muslimische Sichtbarkeit in Deutschland scheinen mit diesen Ursprüngen verbunden – in der Stadt, in der die osmanische Vergangenheit und die muslimische Präsenz lange verdrängt wurde.

Erst 2020 wurde nach Jahrzehnten politischer Kämpfe wurde in der griechischen Hauptstadt wieder eine Moschee eröffnet, eine moderne, beinahe zurückhaltende Architektur. Sichtbarkeit bleibt eine Verhandlung, ein Ringen um Identität: Wer gehört dazu – und wer darf gesehen werden?

Foto: Autor

Wir laufen an der Hadriansbibliothek vorbei – zu einem nahe gelegenen Museum, das dem griechischen Nobelpreisträger Odysseus Elytis gewidmet ist. Im dem von Sonnenlicht durchfluteten Lichthof setzten wir uns unter einen Olivenbaum. Der Schriftsteller sah, nach den Erfahrungen der Weltkriege, im Surrealismus eine Antwort auf die Flucht der Götter. Gesucht wurde eine neue Sprache. Die Sonne in seinen Gedichten ist nicht bloß ein Symbol, sondern eine Kraft, die Welt durchdringt.

In seiner Nobelpreisrede sprach Elytis im Namen „von Helligkeit und Transparenz“. Poesie, sagte er, sei jene Kraft, die das Wesentliche aus den Dingen löst und zu einem geistigen Licht verdichtet. Schönheit ist für ihn keine Verzierung, sondern ein Weg zur verborgenen Wirklichkeit im Menschen. Zugleich erinnerte er an die zweieinhalbtausendjährige Kontinuität der griechischen Sprache – ein Erbe, das verpflichtet: dieselben Worte wie Sappho oder Pindar zu sprechen, aber in einer Welt ohne gemeinsames Chor-Publikum. 

Moderne Dichter, verkündet Elytis selbstbewusst, müssen die Sprache neu beleben, sie reinigen, sie öffnen. Denn die heutige Welt sei moralisch zerrissen – technisch organisiert, aber innerlich verarmt. Nur die Poesie bewahre noch eine gemeinsame Sprache der Empfindung, eine Sprache, die Menschen seit Jahrtausenden teilen. 

Das Gedicht, sagte Elytis, könne zu einer Sonne werden: zu einer Quelle des Lichts, die Bewusstsein erhellt, bis der Mensch selbst zu Licht wird und „jene idealen Ufer von Würde und Freiheit“ erreicht.

Hier wird klar: Das antike Griechenland ist nach dieser Lesart kein Museum. Es ist ein Denkraum, der sich wieder öffnen lässt – wenn wir bereit sind, darin nicht nur die Vergangenheit, sondern eine mögliche Zukunft zu sehen. Elytis versucht die platonische Zweiweltenlehre zu überwinden: Er sucht das Licht nicht jenseits der Welt, sondern in ihr.

Die Einheit des Sinns ist kein fernes Paradies außerhalb, sondern ein Geflecht aus Körper, Sprache, Landschaft und Erinnerung. Vielleicht wollen wir alle – wie Elytis und die alten Griechen – einen Ort finden, an dem Denken und Leben nicht getrennt sind; an dem Gerechtigkeit nicht bloß eine Idee, sondern eine gemeinsame Praxis ist; an dem Demokratie ein Gespräch bleibt, das nie endet.

Es sind Gedanken, die uns Athen anders sehen lassen. Nicht als Ursprung Europas. Nicht als touristische Kulisse. Sondern als einen Ort, an dem die Frage nach dem guten Leben immer wieder neu gestellt wird. Athen lädt uns dazu ein, die Schichten zu sehen – in der Stadt, in der Geschichte, in uns selbst. Und vielleicht beginnt gerade hier der Sinn, den wir suchen.

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Dornach: Inspirationen aus Goethe ziehen

Ein Mann steht vor einem großen, geschwungenen Sichtbetonbau; links am Gebäude hängt ein Plakat zu Rudolf Steiner, „Leben und Werk 1861–1925“.

IZ-Reiseblog: Unser Autor macht im schweizerischen Dornach halt. Über Steiners Versuch, praktisch Lehren aus Goethe zu ziehen.

(iz). „Ein Zwischenfall ohne Folgen“ – mit diesen Worten kommentierte Friedrich Nietzsche die Wirkung Johann Wolfgang von Goethes auf die Deutschen. Doch blieb der Meister des ganzheitlichen Denkens, der Kunst, Naturwissenschaft und Geist verband, wirklich folgenlos?

Dornach: Beispiel für Inspiration durch Goethe

Die Antwort lautet: nein. Seine lebendige Synthese inspirierte im 20. Jahrhundert nicht nur einzelne Denker, sondern ganze Bewegungen, die versuchten, das Vermächtnis des Weimarer Dichterfürsten neu zu gestalten.

Zwei der einflussreichsten Strömungen des frühen 20. Jahrhunderts – die Bauhaus-Bewegung und die Anthroposophie Rudolf Steiners – suchten nach einer neuen Einheit von Kunst, Leben und Gesellschaft.

Während das Bauhaus mit klarer, funktionaler Formensprache und rational-utopischem Anspruch den Weg in die Moderne wies, orientierte sich die Anthroposophie an einer spirituellen Weltanschauung, die organische Formen und eine tiefe Verbindung von Gestaltung und geistigem Erleben betonte.

Beide verstanden Kunst und Handwerk als Mittel zur Erneuerung des Menschen und der Gesellschaft. Das Bauhaus setzte auf Technik, Geometrie und demokratische Massenbewegung, während Steiner individuelle Bewusstseinsentwicklung und eine metaphysische Sicht auf die Welt ins Zentrum stellte.

Kein beendetes Kapitel

Goethes Vermächtnis ist mitnichten ein abgeschlossene Geschichte, sondern eine offene Einladung zur stetigen Aktualisierung. Gerade heute, im vielschichtigen Europa, kann diese Erneuerung nur gelingen, wenn sich unterschiedlichste kulturelle und geistige Perspektiven begegnen.

Hier treten europäische Muslime als bedeutende Stimme hinzu. Ihr Leben zwischen Tradition und Moderne sowie islamischer Spiritualität und europäischer Aufklärung, eröffnet einen fruchtbaren Dialograum. Für uns ergeben sich daraus wesentliche Fragen: Wie sieht unser Konzept von sozialem Leben, Architektur, Kunst, Landwirtschaft, Ökonomie oder Gesundheit konkret aus – oder bewegen wir uns nur noch in einer abstrakten religiösen Theorie?

Auf dem Rückweg aus Italien besuchen wir den Weltsitz der anthroposophischen Bewegung in Dornach. Über den sanften Hügeln nahe des Rheins erhebt sich das Goetheanum – ein Bauwerk, das mehr ist als Architektur: ein Manifest aus Beton, Form und Idee.

Foto: Abu Bakr Rieger

Steiner auf der Suche nach einer Vision

Entworfen von Rudolf Steiner (1861–1925), dem Begründer der Anthroposophie, formuliert das Gebäude in seinen geschwungenen Linien, asymmetrischen Fenstern und plastischen Flächen eine eigene Sprache – eine, die nicht trennt, sondern verbindet: Kunst und Wissenschaft, Materie und Geist, Mensch und Kosmos. In Dornach ist eine ganze Siedlung entstanden, die den Anspruch eines anderen Lebens symbolisiert.

Wir sind hier, um die aktuelle Ausstellung über das Leben und Werk Steiners zu besuchen. In den Räumen begegnen wir einer normativen Vision für eine menschenwürdige, gerechte Gesellschaft – eine, die nicht nur beschreibt, wie die Welt ist, sondern fragt, wie sie sein sollte: nicht abstrakt, sondern jeweils konkret in ihrem Bereich.

Das Konzept der sozialen Dreigliederung, das Steiner Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte, unterscheidet drei Lebensbereiche, die jeweils eigenen Prinzipien folgen sollen:

1. Geistesleben (Kultur, Bildung, Wissenschaft, Religion, Kunst): Dieser Bereich soll von Freiheit geprägt sein. Jeder Mensch soll seine Gedanken, Kreativität und Überzeugungen frei entfalten können – ohne staatliche oder wirtschaftliche Bevormundung.

2. Rechtsleben (Politik, Staat, Rechtssystem): Hier gilt das Prinzip der Gleichheit. Alle Menschen sollen vor dem Gesetz gleich sein und gemeinsam, demokratisch über Regeln und Rechte entscheiden.

3. Wirtschaftsleben (Produktion, Handel, Konsum): In der Wirtschaft soll das Prinzip der Brüderlichkeit (heute würde man vielleicht sagen: Solidarität) gelten. Es geht nicht um Gewinnmaximierung, sondern darum, die Bedürfnisse anderer zu erkennen und gemeinsam für das Gemeinwohl zu sorgen.

Steiners wirtschaftliche Ideen – etwa die Ablehnung von spekulativem Kapital, „leistungslosem Einkommen“ (wie Zinsen bzw. Bodenrente) oder das Prinzip assoziativer Wirtschaftsformen – widersprechen vielen Grundlagen des modernen Finanz- und Wirtschaftssystems. Diese Vorschläge behalten zwar einen ethischen Reiz, sind nur schwer in bestehende globale Strukturen integrierbar. Das zeigt sich auch an einer seiner grundsätzlichen Aussagen zur Zinsfrage:

„Es gibt heute etwas höchst Unnatürliches in der sozialen Ordnung, das besteht darin, dass das Geld sich vermehrt, wenn man es bloß hat. Man legt es auf eine Bank und bekommt Zinsen. Das ist das Unnatürlichste, was es geben kann. Es ist eigentlich bloßer Unsinn. Man tut gar nichts; man legt sein Geld, das man vielleicht auch nicht erarbeitet hat, sondern ererbt hat, auf die Bank und bekommt Zinsen dafür. Das ist ein völliger Unsinn.“

Leben und Handeln

Das Goetheanum ist nicht nur ein Ort des Denkens, sondern auch des Lebens und Tuns. Wenn man durch die sorgfältig angelegten Gärten der Anlage wandert, in denen Heilpflanzen nach anthroposophischen Gesichtspunkten gedeihen, wirkt die Umgebung wie ein stilles Gegenbild zur Komplexität der Welt.

Ein landwirtschaftlicher Demeter-Betrieb versorgt das Gelände im Einklang mit der Erde. In der hauseigenen Schreinerei entstehen Möbel, Bühnenbilder und Kunstwerke – mit tiefer Achtung vor dem Werkstoff Holz und seiner lebendigen Form. 

Einige Elemente der Dreigliederung leben durchaus weiter – nicht nur in Dornach, sondern weltweit: in Waldorfschulen, der Demeter-Landwirtschaft oder in anthroposophisch geprägten Unternehmen, wo man versucht, diese Prinzipien im Kleinen umzusetzen. Im großen Maßstab sind viele dieser Ideen bisher kaum durchgedrungen. Dennoch erlebt man an diesem Ort keinen Stillstand, oder das Gefühl ohnmächtiger Passivität.

Zeitgenössische Kritik an Steiner

In den letzten Jahren wurde die Persönlichkeit des Gründers verstärkt kritisch beleuchtet. Die Kritik an ihm ist zum Teil berechtigt, andererseits jedoch missverständlich oder aus dem historischen Kontext gerissen. Sie bezieht sich auf seine Weltanschauung, seine pädagogische Praxis, seine sozialen Ideen – und nicht zuletzt auf problematische Aussagen in seinen Schriften.

Seine anthroposophische Erkenntnisse – etwa zur Reinkarnation, zu übersinnlichen Welten oder zur „geistigen Evolution“ – beruhen auf seiner „Geisteswissenschaft“, also individueller spiritueller Schau. Diese ist nicht intersubjektiv überprüfbar, nicht falsifizierbar und steht damit außerhalb wissenschaftlicher Standards.

In manchen Vorträgen und Texten – vor allem aus den 1900er- und 1910er-Jahren – äußerte Steiner rassentheoretische Vorstellungen, etwa die Idee einer „geistigen Höherentwicklung“ einzelner „Menschenrassen“. Später sprach er sich klar gegen Rassismus und für individuelle Entwicklung unabhängig von Herkunft aus. Diese problematischen Aussagen werden auch in anthroposophischen Kreisen kritisch diskutiert.

Foto: pict rider, Adobe Stock

Zu Unrecht wird er jedoch oft mit oberflächlichen Esoterikströmungen in einen Topf geworfen. Das wird seiner sehr systematischen, philosophisch geschulten Denkweise nicht gerecht. Er war ein intellektuell anspruchsvoller Denker, gut vertraut mit Kant, Goethe, Hegel und Nietzsche, und baute ein geschlossenes Gedankengebäude auf – auch wenn man es kritisch sieht, handelt es sich nicht um gedankenlosen Mystizismus.

In der Buchhandlung kaufen wir eine lesenswerte Einführung in das „Rätsel Rudolf Steiner“. Wolfgang Müller gelingt es in bemerkenswerter Gelassenheit, die Spur von Irritation und Inspiration aufzuzeigen, die von diesem Mann ausgeht.

Differenz zu Religionen

Die Unterschiede zu den drei großen monotheistischen Religionen sind offensichtlich. Und doch stiftet die Anthroposophie eine Inspiration für uns, die – einem Gedanken Goethes folgend – in der Aufforderung liegt, nicht nur in einer abstrakten Gedankenwelt zu leben, sondern gemeinsam an der alltäglichen Umsetzung von Ideen in konkreten Lebensbereichen zu arbeiten.

Diese Balance ist heute wichtiger denn je – vor allem, wenn man Steiner in seiner Grundanalyse unserer Zeit zustimmt: „Die objektive Entwicklung ist den Menschen des 19. Jahrhunderts, des 20. Jahrhunderts (…) über den Kopf gewachsen. Und die Zeiterscheinungen zeigen dieses Über-den-Kopf-Wachsen in allerintensivster Weise.“

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Taormina oder eine sizilianische Reise

taormina

IZ-Reiseblog: Im sehnsuchtsvollen Taormina nahe des Ätna zieht unser Autor die erste Bilanz seiner Sizialienreise.

(iz). Taormina – wohl kaum ein anderer Ort auf Sizilien zieht so viele Menschen an. Bereits im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Stadt zum Sehnsuchtsziel der Grand Tour – ein Ort, der Reisende und Schriftsteller mit seiner Mischung aus antiker Schönheit, mediterraner Sinnlichkeit und kultureller Tiefe magisch anzog. Von hier aus bieten sich einmalige Blicke auf den Ätna – und entsprechend überfüllt ist die Hauptstraße.

Taormina – Sehnsuchtsziel auf Sizilien

Wir flüchten am Ende der Straße in den Garten eines luxuriösen Hotels, eine Oase der Ruhe im Trubel. Auf einem Plateau mit atemberaubender Aussicht befindet sich ein kleines Café – eigentlich nur für Hotelgäste. Um unangenehme Fragen nach unserer Aufenthaltsberechtigung zu vermeiden, verwickeln wir die Bedienung in ein Gespräch mit philosophischem Unterton.

„Ist es wahr“, frage ich, „dass ein echter Cappuccino nicht mit Kakao bestäubt wird? Der ältere Mann nickt begeistert. „In einem guten Haus ist das nicht üblich.“ „Dann sind wir hier genau richtig.“ Unsere Bestellung wird ohne weitere Rückfragen aufgenommen. Wir genießen die Stille und die Atmosphäre des Gartens – ein Zwischenraum zwischen Welt und Rückzug.

Natürlich wollen wir den Blick sehen, der so viele Touristen anzieht. Wir gehen zum antiken Theater, das einzigartig gelegen ist. Goethe beschreibt diesen Anblick in seiner „Italienischen Reise“:

„Nun sieht man an dem ganzen langen Gebirgsrücken des Ätna hin, links das Meerufer bis Catania, ja Syrakus, dann schließt der ungeheure, dampfende Feuerberg das weite, breite Bild, aber nicht schrecklich, denn die mildernde Atmosphäre zeigt ihn entfernter und sanfter, als er ist.“

Der Vulkan als Wirklichkeit und Symbol

Goethe hatte zeitlebens ein ambivalentes Verhältnis zu Vulkanen. Der aufkommenden vulkanistischen Idee, nach der die Erde wesentlich durch Feuer und Explosionen geformt wurde, stand er skeptisch gegenüber.

Stattdessen favorisierte er die neptunistische Theorie, wonach sich Gesteinsschichten aus dem Wasser abgelagert hätten – Ausdruck einer organisch-harmonischen Weltentwicklung. Gewaltige Katastrophen, explosive Umwälzungen – das passte nicht zu seinem Naturverständnis, das von Entfaltung, Wachstum und innerem Gleichgewicht geprägt war.

Und doch: Der Krater faszinierte ihn als Symbol. Ein Ausdruck innerer, verborgener Kräfte – vergleichbar mit menschlichen Leidenschaften oder umwälzenden Bewegungen. So erscheinen Vulkane bei ihm nicht nur schöpferisch, sondern auch zerstörerisch. Vielleicht hatte der Dichter recht mit dem Gedanken, dass – bei aller Notwendigkeit von Veränderung – evolutionäre Prozesse den revolutionären vorzuziehen seien.

Foto: Abu Bakr Rieger

Unser Tagesprogramm wird von ganz realen Umständen bestimmt. Das obligatorische Foto mit Blick auf den Ätna kann mit den idealisierten Bildern in den sozialen Netzwerken nicht mithalten. Die freie Ansicht ist verstellt – durch die Bühne eines Konzerts von Plácido Domingo.

Wir machen uns auf die Suche nach dem Sentiero Goethe, einem malerischen Pfad, der vom Zentrum bis zum antiken Theater führt. Doch aus unerklärlichen Gründen ist er – wie wir enttäuscht feststellen – geschlossen. 

Auch der Zugang zum Grand Hotel Timeo, direkt neben dem Schauspielhaus gelegen, bleibt uns wegen der Veranstaltung verwehrt. Schade, denn das historische Haus hat eine beeindruckende kulturelle Tradition. Seit 1873 zieht es Künstler, Schriftsteller und Prominente aus aller Welt an. Auch Thomas Mann logierte hier, im Jahr 1920.

Foto: Abu Bakr Rieger

Sizilien – eine Bilanz

Zurück auf unserem Campingplatz nahe der Stadt ziehen wir Bilanz. Im Frühling ist die Insel ein blühendes Naturwunder, und die Präsenz der Antike – wie Goethe ausführlich beschreibt – unübersehbar. Wir fragen uns, ob auch das islamische Erbe auf seiner Reise spürbar war. Vielleicht ja – und vielleicht auch nicht. In Sichtweite unserer Unterkunft thront eine Burg, von arabischen Muslimen gegründet und später mehrfach umgebaut. Alles hier scheint Teil einer unaufhörlichen Metamorphose.

Vielleicht lebt das Erbe, das wir suchten, nicht in Steinen – sondern in Menschen. In einem Menschenschlag, der sich über Jahrhunderte aus vielen Quellen gespeist hat.

Ein letztes Mal fahren wir mit dem Rad zum Strand. Kurz vor dem Ziel entdecken wir hinter einer Steinmauer ein altes Schloss. Zu unserer Überraschung: An einem der Türme sind arabische Schriftzeichen zu erkennen – ein Lobpreis des Schöpfers. 

Das Castello di San Marco ist heute ein Hotel. Wir klingeln am schmiedeeisernen Tor. Das Personal heißt uns freundlich willkommen und überreicht eine kleine Broschüre mit der Geschichte des Hauses.

Ein Mosaik aus Persönlichkeiten prägte diesen Ort seit dem 17. Jahrhundert. Der verstorbene Vater des heutigen Eigentümers – ein bekannter Geschäftsmann, wie man uns erzählt – war begeistert von der islamischen Kultur Siziliens. Seine Leidenschaft spiegelt sich in vielen Details der Architektur und Gartengestaltung.

Im zauberhaften Garten des Anwesens sitzen wir still und beobachten die Gäste, die ein und aus gehen. Und fragen uns: Wer von ihnen hebt den Blick – und entdeckt die Schrift über sich?