Der Wanderer und sein Schatten

Im IZ-Reiseblog begleitet der Wanderer seinen Schatten durch den Balkan – und entdeckt, warum er mehr als die Abwesenheit von Licht ist.

23.08.2026 Abu Bakr Rieger 10 Min. Lesezeit
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Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Prolog: Der stille Begleiter

Nietzsche hat ihm ein eigenes Buch gewidmet: dem Schatten, der neben dem Wanderer herzieht, der immer dann das Wort ergreift, wenn der Wanderer selbst zu erschöpft ist, um noch weiterzudenken. Wir nehmen dieses Bild mit auf unsere Reise.

Der Schatten stellt die Fragen, die man tagsüber verdrängt und nachts nicht loswird. Er ist das Unbewusste, das mitreist und das sich ungefragt meldet. Oft sind diese Phänomene, mit Fragen verknüpft, die schon vor Beginn der Reise präsent waren.

Zum Beispiel beschäftigt uns immer wieder die Auswirkungen der neuen Identitätspolitik auf unser Dasein als Muslime. Auf dieser Reise aber wird der Schatten zu mehr als einer philosophischen Figur. Er wird zum Gradmesser einer fiebernden Welt. Denn die Zeichen, die wir unterwegs lesen, sind unmissverständlich.

Erste Station: Die Zeichen der Zeit

In Skopje hat uns ein Gewitter mit orkanartigen Böen aufgeschreckt. Weiter im Süden begleitet uns Waldbrandrauch. Wir sehen Bilder von flüchtenden Touristen oder hören Berichte von einem Starkregen, der in zwanzig Minuten fällt, wofür früher ein ganzer Monat Zeit brauchte.

In Deutschland trocknet der Rhein beinahe aus. Diese Phänomene sind keine Ausreißer mehr, keine meteorologischen Kuriositäten für die Abendnachrichten – sie sind, wie es in der Klimaforschung heißt, das neue Normal.

Und mitten in dieser Verschiebung verändert sich auch die Bedeutung des Schattens selbst. Er hört auf, bloß die Abwesenheit von Licht zu sein, ein passives Nebenprodukt der Sonne. Er wird zu etwas, das man plant, verteilt, einklagt und erforscht.

Wissenschaft: Der Schatten als Infrastruktur

An heißen Nachmittagen wird eine Parkbank im Schatten eines Baumes zu einem Zufluchtsort. Hitze tötet in den meisten Ländern inzwischen mehr Menschen als alle anderen Wetterereignisse zusammen – mehr als Stürme, mehr als Überschwemmungen.

Aus dieser nüchternen Statistik ist eine neue Forschungsrichtung entstanden, die sich selbst Shadow Studies nennt: Städteplaner, Geografinnen und Public-Health-Forscher, die Schatten nicht mehr ästhetisch, sondern epidemiologisch vermessen.

Mit Satellitendaten und 3D-Modellen der Gebäude- und Baumkronen wird berechnet, wie viele Stunden Schatten ein Häuserblock, eine Bushaltestelle, ein Schulhof im Tagesverlauf tatsächlich erhält. Kartografien, die man treffend „Shadow Accrual Maps“ nennt, zeigen akkumulierte Schattenkarten einer Stadt über ein ganzes Jahr.

Und dabei zeigt sich etwas Unbequemes: Schatten ist nicht gleich verteilt. In vielen Großstädten korreliert die Dichte des Baumbestands – und damit die verfügbare Kühle – fast deckungsgleich mit dem Einkommen eines Viertels. Reichere, oft historisch bevorzugte Nachbarschaften verfügen über doppelt so viel Baumkronendach wie arme Gebiete.

Man könnte fast von einem Schatten-Klassenkampf sprechen: Wer sich Bäume, Arkaden, klimatisierte Rückzugsorte leisten kann, überlebt die Hitzewelle bequemer. Wer draußen arbeitet, an ungeschützten Bushaltestellen wartet, in dicht versiegelten, baumlosen Straßen wohnt, trägt die Last der Sonne unmittelbarer.

Schattengerechtigkeit – shade equity – ist damit zu einer handfesten politischen Forderung geworden, die neben Wasser und Wohnraum zur kommunalen Grundversorgung gezählt wird. Der Schatten, einst ein Nebeneffekt des Lichts, ist zur Infrastruktur geworden – und zu einem stillen Indikator sozialer Ungleichheit.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Politik: Die Bühne des Widerstands

Alle diesen Fragen beeinflussen längst die politische Theorie unserer Zeit. Die Klimabewegung ist längst keine homogene Masse mehr, sondern ein Feld unterschiedlicher Strategien – und kaum jemand hat diese Spannung so provokant beschrieben wie der schwedische Humanökologe Andreas Malm.

In seinem vielzitierten Buch, dessen Titel man mit „Wie sprengt man eine Pipeline“ übersetzen könnte, argumentiert Malm, dass der reine Appell an friedlichen, gewaltfreien Protest angesichts der Dringlichkeit der Krise an seine Grenzen stoße.

Er plädiert für entschlossenere Formen des zivilen Ungehorsams, die gezielt fossile Infrastruktur ins Visier nehmen. In seiner polemischen Zuspitzung ist der Kapitalismus, das System, Schuld am Zusammenbruch der Ökosysteme.

In einem späteren Werk geht er noch einen – bedenklichen Schritt – weiter und fordert, in Anlehnung an revolutionäre Traditionen und einen radikalen Bruch mit dem Status quo. Diese Position steht in einem interessanten Spannungsverhältnis zur bekanntesten Stimme der Bewegung, Greta Thunberg, deren Schulstreiks und Fridays-for-Future-Bewegung auf beharrliche, aber gewaltfreie moralische Appelle setzten.

Beide sind Schwedinnen und Schweden derselben Klimaöffentlichkeit, beide haben internationale Debatten geprägt – doch sie repräsentieren unterschiedliche Register desselben Anliegens: hier die disziplinierte, sichtbare Mahnung einer Einzelnen vor Parlamenten und Weltklimagipfeln, dort die akademisch fundierte Radikalisierungsthese, die die Grenzen des Sagbaren im Klimadiskurs verschiebt.

Hinzukommt in den letzten Jahren, in Form einer ideologischen Erweiterung, die Solidarisierung mit den Palästinensern, die als Teil einer globalen, anti-kolonialen Bewegung gelesen wird.

Malms Bücher haben, unabhängig von der Frage, ob man ihnen zustimmt, in Teilen der jüngeren Bewegung – etwa bei Gruppen, die zu direkteren Aktionsformen greifen – spürbar nachgewirkt. Zwischen den friedlichen Sitzblockaden früherer Jahre und den Auseinandersetzungen etwa um Wasserreservoirs in Frankreich liegt ein Weg, den man ohne Malms Theoriearbeit kaum verstehen kann.

Offensichtlich liegt die Gefahr dieser politischen Lehre in ihrem Radikalisierungspotential. Die Lage ist ernst, weil die großen Krisen unserer Zeit gerade auf junge Leute bedrohlich wirken. Was folgern sie aus der Bedrohung?

Die junge Generation steht vor der Wahl: radikale Forderungen stellen, sich für den demokratischen Wandel engagieren, auf neue Techniken hoffen, die Probleme ignorieren oder sich in die eigene Identität flüchten.

Philosophie: Lob des Schattens

Der Westen, so lässt sich pointiert sagen, hat sein Selbstverständnis am Licht ausgerichtet. Die Aufklärung nannte sich selbst so – Enlightenment, Lumières –, ein Zeitalter, das die Dunkelheit des Aberglaubens mit der Klarheit der Vernunft vertreiben wollte.

Licht wurde zur Metapher für Fortschritt, Wahrheit, Erkenntnis; Schatten blieb, was zurückbleibt, was man überwindet. Doch schon Goethe wusste um die Kehrseite dieser Gleichung.

Sein vielzitierter Satz „Wo viel Licht ist, ist viel Schatten“ stammt zwar aus einem historischen Drama, ist aber zu einem Sprichwort über die Ambivalenz der Helligkeit geworden: Jede Steigerung ins Grelle, ins Extreme, erzeugt zwangsläufig auch tiefere Verdunkelung.

Das gilt für Ideen ebenso wie für Städte, die man mit Beton und Glas gegen den Schatten immunisieren wollte – und die heute an ihrer eigenen Helligkeit ersticken. Und die Umweltbewegung steht an einem Scheidepunkt, wie sie ihren Protest künftig artikuliert und ob sie in letzter Konsequenz die Systemfrage stellt.

In der ökologischen Ästhetik unserer Gegenwart erlebt der Schatten jedenfalls eine stille Rehabilitierung. Wo die Moderne offene, lichtdurchflutete Räume feierte, entdeckt eine neue Sensibilität den Wert des Gedämpften, des Diffusen, des Zurückhaltenden – jene Ästhetik der Dämmerung, die in Teilen Ostasiens seit Jahrhunderten kultiviert wird und der Schatten nicht als Mangel, sondern als eigenständige Qualität begreift.

Übertragen auf unsere Klimagegenwart wird daraus mehr als Nostalgie: eine Kritik an einer Moderne, die glaubte, alles ausleuchten, alles sichtbar, alles kontrollierbar machen zu müssen – und die genau damit die Erde überhitzt hat. Eine relevante Philosophie, ob religiös begründet oder nicht, muss darauf überzeugende Antworten geben.

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Foto: imago images

Der Süden lehrt Schattenkompetenz

Auf unserer Reise – unseren Instinkten folgend – sitzen wir immer wieder neben älteren Menschen, die den Gang des Schattens ohne große Worte verinnerlicht haben. Überhaupt richtet sich das südländische Leben, im Gegensatz zum Alltag der zahlreichen Touristen, nicht auf die Sonne aus. Reist man südwärts, ändert sich der Rhythmus des Tages selbst. Die Siesta, oft milde belächelt als südländische Trägheit, entpuppt sich als jahrhundertealte klimatische Intelligenz: eine kollektive Übereinkunft, die heißesten Stunden nicht zu bekämpfen, sondern ihnen auszuweichen.

Man arbeitet früh, ruht in der Gluthitze, lebt am Abend wieder auf. Es ist eine soziale Architektur, die sich auch im gebauten Raum spiegelt: die engen, sich verschattenden Gassen der Altstädte, die kühlen Innenhöfe der Häuser, die Arkaden mediterraner Städte, die schattenspendenden Platanen auf jedem größeren Platz.

Hier ist Schatten kein Zufall, sondern Gestaltungsprinzip, kollektives Wissen, das lange vor jeder Klimaanlage funktionierte. Der Norden, konfrontiert mit seinen eigenen Hitzesommern, beginnt, diese Schattenkompetenz neu zu erlernen – von Städten, die sie nie verlernt hatten.

Die Metaphern von Hitze und Kühle bieten sich auch für andere Denkfiguren an. Denkt man parallel zu der Erfahrung neuer Hitzewellen an das gesellschaftliche Klima, nicht zuletzt an die hitzigen Debatten in Deutschland, sehnt man sich nach kühlen Köpfen und ordnet die Besonnenheit dem Schatten zu. Fest steht – dieser Gedanke kehrt immer wieder zu uns zurück – die Polarisierung der Gesellschaft wird keine Krise lösen, von der Inflation, über die ökologische Katastrophe bis zu den drohenden Kriegen. Wirtschaft und Technik sind universelle Kräfte.

Sie fragen nicht nach Pässen oder Religionen. Sie funktionieren überall nach denselben Mustern. Auch auf unserer Balkanreise erleben wir eine Trennung zwischen dem, was Menschen fühlen (ihre Identität), und dem, was sie tun (ihre Lebensweise).

Die Illusion der Differenz ist in Europa nicht zu übersehen: Nationalismus, das Pochen auf religiöse Unterschiede und der kulturelle Stolz sind oft so laut wie eh und je. Auf dem Balkan, mit seiner historischen Geschichte, zeigt sich das besonders sensibel.

Gleichzeitig ist die Realität der Gleichheit nicht zu übersehen: Ein junger Serbe in Belgrad und eine junge Albanerin in Tirana nutzen dieselben Apps. Sie kaufen in ähnlichen Discountern (wie Lidl oder regionalen Ketten). Sie kämpfen mit derselben Inflation. Sie beklagen die Korruption der Politik in ganz Südosteuropa. Sie nutzen ChatGPT für die Uni.

Vielleicht ist an der Zeit, weniger auf die Unterschiede unserer Identitäten zu achten, sondern die drängenden Probleme unserer Zeit als eine gemeinsame Aufgabe zu sehen. „Du musst Dein Leben ändern!“ ist eine Maxime, die uns alle – jenseits ethnischer oder religiöser Trennlinien – betrifft. Wer hier mit gutem Beispiel vorangeht, wird für seine Lebenspraxis Respekt erfahren.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Religion: Der Schatten als Gabe Gottes

Nirgends wird diese südliche Schattenweisheit so tief theologisch grundiert wie im Islam, dessen Offenbarungsgeschichte sich in der glühenden Weite der arabischen Wüste ereignete. Während im gemäßigten Europa das Licht fast durchweg positiv besetzt blieb, gilt der Schatten in der islamischen Tradition als eine der größten Gaben Gottes – als Sinnbild für Barmherzigkeit, Schutz und, im Jenseits, als Belohnung. Vier Dimensionen lassen sich dabei unterscheiden.

Erstens das kosmische Zeichen: Der Qur‘an beschreibt, dass sich alles Geschaffene vor Gott niederwirft, ob willentlich oder nicht – ausdrücklich genannt werden dabei auch die Schatten am Morgen und am Abend, deren Wandern und Länger-Werden als eine Form kosmischen Gebets gedeutet wird. Das tägliche Ziehen des Schattens über den Boden gilt als sichtbares Zeugnis einer fein austarierten göttlichen Ordnung, ein Beweis, den der Mensch täglich unter seinen eigenen Füßen findet.

Zweitens die Barmherzigkeit in der Wüste: In einer Landschaft, in der pralle Sonne über Stunden lebensbedrohlich sein kann, wird der schattenspendende Baum, das Zelt, die kühle Mauer zur unmittelbaren Rettung – und damit zu einer Metapher für göttlichen Schutz überhaupt, ein Bild, das die islamische Überlieferung in zahlreichen Aussprüchen des Propheten über Mitmenschlichkeit und Zuflucht wiederaufnimmt.

Drittens das Paradies als schattiger Garten: Anders als man erwarten könnte, wird das Jenseits nicht in erster Linie als Ort strahlenden Lichts beschrieben, sondern als Garten mit ausgedehntem, immerwährendem Schatten – die höchste denkbare Belohnung für Menschen, die ihr irdisches Leben in sengender Hitze verbrachten.

Viertens schließlich die historische Erfahrung: Die frühe Geschichte der Gemeinschaft selbst ist von Schattenorten geprägt, von der Höhle, die Schutz vor Verfolgung bot, bis zu den Rastplätzen unter Bäumen auf der Wanderung ins Exil – der Schatten als stiller Zeuge einer Geschichte des Aufbruchs und der Zuflucht.

Foto: Abu Bakr Rieger/Islamische Zeitung

Epilog: Wanderer und Schatten, wieder vereint

Während unserer Reise verschwimmen die Kategorien, mit denen wir aufgebrochen sind und denen, die wir wieder neu sehen. Was mit Nietzsche als philosophisches Zwiegespräch begann, hat sich zum Denken über die Klimawissenschaft, die politische Theorie und die religiöse Kosmologie erweitert – und doch bleibt der Kern derselbe.

Der Schatten ist der Teil von uns, der nicht wegsieht. Er begleitet den Wanderer nicht, um ihn aufzuhalten, sondern um ihn an das zu erinnern, was das grelle Licht des Tages gerne überstrahlt: Dass Hitze tötet und Schatten rettet, dass Gerechtigkeit auch eine Frage der Quadratmeter Kühle ist, die eine Gesellschaft bereit ist zu teilen, dass Widerstand seine eigene Grammatik der Dringlichkeit entwickelt, und dass, wie es die Wüstenvölker seit jeher wussten, im Schatten manchmal mehr Wahrheit liegt als im hellsten Licht.

Vielleicht ist das die eigentliche Lektion dieser Reise: nicht dem Schatten zu entkommen, sondern endlich zu lernen, mit ihm zu gehen.

Link zur Kampagne: https://commonsplace.de/project/balkan

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