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Aufstieg zum Ätna – Natur lehrt Demut

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IZ-Reiseblog: Unser Autor will auf den sizilianischen Vulkan Ätna – und erfährt dabei die majestätische Eigenschaft des Schöpfers.

(iz). In der Landschaft rund um den Vulkan Ätna treffen Gegensätze aufeinander. Die Natur zeigt sich hier in ihrer schönsten, aber auch in ihrer zerstörerischsten Form. Die gewaltigen Kräfte unter der Erde erzählen von ständiger Verwandlung – ein unaufhörlicher Zyklus aus Zerstörung und Erneuerung.

Trotz der steten Bedrohung zählt die Region zu den am dichtesten besiedelten auf Sizilien. Der Grund dafür ist einfach: Sobald die Lava abgekühlt ist, hinterlässt sie einen fruchtbaren Boden, der alles gedeihen lässt.

Das südliche Tor zum Ätna

Unsere Reise führt uns nach Nicolosi, das als südliches Tor zum Ätna gilt. Im 18. Jahrhundert sah es hier anders aus. Der deutsche Reisende Johann Hermann von Riedesel beschrieb den Ort so: „Um Nicolosi selbst ist alles mit Sand, welchen der Berg zu verschiedenen Malen ausgeworfen, überschüttet, und man siehet nichts als Maulbeerbäume in diesem verbrannten Erdreiche, welche jedoch als ein Wunder gut wachsen und Blätter bringen.“

Die alten Lavaströme sind heute erstarrt. Bei unserer Ankunft liegt die gesamte Umgebung in einem dichten Wolkenmeer. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als auf Wetterbesserung zu hoffen.

Zur Überbrückung lesen wir in Goethes „Italienischer Reise“. Auch er war auf den Spuren von Riedesel unterwegs, hatte dessen Buch im Gepäck – und erlebte ebenfalls eine Enttäuschung: Der Aufstieg zum Gipfel wird ihm wegen der Jahreszeit nicht empfohlen.

Stattdessen rät man ihm zur Besteigung des Monte Rossi. „Sie werden von da des herrlichsten Anblicks genießen und zugleich die alte Lava bemerken, welche dort 1669 entsprungen, unglücklicherweise sich nach Catania hereinwälzte.“

Goethe folgt dem Rat und schildert seine Eindrücke lebendig:„Wir rückten dem roten Berge näher, ich stieg hinauf, er ist ganz aus rotem vulkanischen Grus, Asche und Steinen zusammengehäuft.“ Doch ein Sturm zwingt ihn bald zum Rückzug. Sein Reisebegleiter, der Maler Kniep, fertigt Skizzen zur Erinnerung an.

Unter dichten Wolken

Am nächsten Tag liegt der Ätna weiterhin unter dicken Wolken. Es regnet. Dennoch machen wir uns zu Fuß auf den Weg zum Monte Rossi – ca. zwei Stunden entfernt. Glücklicherweise klart der Himmel rund um den kleinen Nebenkrater auf. Selbst wenn der Ätna als solcher nicht zu sehen ist, reicht der Blick nun bis nach Catania und über die beeindruckende Landschaft.

Dann, endlich, am nächsten Morgen bricht die Sonne durch. Wir fahren zur Talstation am Südhang des Vulkans, auf fast 2.000 Meter Höhe. Heute ist das Gebiet touristisch erschlossen – eine Erkundung erfordert keinen besonderen Wagemut mehr. Mit der Seilbahn und Geländewagen geht es weiter nach oben.

Von dort aus wandern wir mit einem Bergführer entlang der Krater. Das gesamte Massiv ist in Bewegung. Immer wieder kommt es zu Eruptionen, neue Trichter entstehen, der Gipfel wächst. Der Wind peitscht, es ist schwer, auf den Beinen zu bleiben – man spürt die unbändige Kraft dieser Landschaft.

Schon Goethes Zeitgenossen versuchten, dieses Erlebnis in Worte zu fassen. Der englische Reisende Patrick Brydon schrieb: „Doch hier muss jede Beschreibung zu kurz kommen: denn keine menschliche Einbildungskraft hat es wohl je gewagt, sich ein Bild von einer so herrlichen und prächtigen Scene zu denken, noch gibt es auf der Oberfläche unseres Erdballes einen Punkt, der so viele erhabene Gegenstände vereinigte.“

Auch Riedesel notierte voller Begeisterung: „Hier, auf diesem Gipfel eines der höchsten Berge in der Welt, genoss ich der weitesten und schönsten Aussicht, welche zu erdenken ist. Hinter den apenninischen Gebürgen in Calabrien sah ich die Sonne aufgehen und hervorkommen; sie beleuchtete die ganze morgenseitige Küste Siciliens, und das Meer, welches diese Insel von Calabrien scheidet.“

Foto: Abu Bakr Rieger

Erinnerungen an Homer

Wir denken hier oben unweigerlich an eine andere große Reiseerzählung: Homers „Odyssee“. Wie muss der feuerspeiende Vulkan auf die antiken Griechen gewirkt haben, lange bevor es wissenschaftliche Erklärungen dafür gab? Für sie wurde der Ätna zum Symbol des Ungeformten, des Chaos, das der Mensch mit List und Mut zu bezwingen sucht.

Der Held Odysseus kämpft nicht nur gegen Zyklopen und Sirenen – er ringt mit den Urgewalten. So wird der Feuerberg zum Topos der Seele: ein Ort innerer Prüfungen, ein Gleichnis für das Elementare. Ein Vulkan in der Psyche – vielleicht in jedem von uns –, der sich zwischen Gefahr und Heimkehr, Hybris und Demut bewegt.

Der majestätische Anblick lehrt Demut

Wir verbringen einige Zeit an diesem besonderen Ort. Vor dem majestätischen Anblick des Ätna stockt einem der Atem – der Rauch, die Lava, die Kraft aus dem Innersten der Erde.

Als Muslime erinnern wir uns in solchen Momenten daran, dass all dies ein Zeichen der Größe Allahs ist. Im Islam bewundern wir die Wunder der Natur, doch wir verwechseln das Geschaffene nie mit dem Schöpfer. Der Vulkan ist beeindruckend, ja ehrfurchtgebietend – aber nicht göttlich. Unsere Ehrfurcht gilt allein Dem, Der ihn erschaffen hat.

Foto: Abu Bakr Rieger

Heute existiert man in einer technisierten Welt. Doch das Bewusstsein wächst, dass wir – trotz jeden Fortschritts – die Natur nicht beherrschen können. Wir müssen mit ihr leben, nicht gegen sie. Diese Wahrheit zeigt sich in einer Begebenheit, die das Leben in dieser Region eindrucksvoll spiegelt.

Beim großen Ausbruch von 1991/92 drohte der Lavastrom das Dorf Zafferana Etnea zu zerstören. Wissenschaftler sprengten Dynamit, Ingenieure gruben Kanäle und errichteten Erdwälle, um den Strom umzuleiten. Zementblöcke wurden herangeschafft, um ihn zu spalten.

Gleichzeitig vertrauten viele Menschen auf höhere Mächte: Prozessionen wurden in der Hoffnung auf himmlischen Beistand organisiert. Als die Lava im Juni 1992 nur wenige hundert Meter vor dem Ort zum Stillstand kam, sahen sich beide Seiten bestätigt.

Der Ätna hat sich beruhigt – vorerst. Doch er erinnert uns daran, dass wir Menschen nicht die Herren über die Erde sind. Vielleicht ist das seine wichtigste Botschaft.

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Agrigent oder das Maß des Schönen

Agrigent Reiseblog

IZ-Reiseblog: In Agrigent gelangt man vom platonischen Ideal über Goethe zum Schönheitsbegriff der Muslime.

(iz). Etwa vierzigtausend Kilometer hat Goethe in seinem Leben bewältigt: zu Lande, zu Wasser, zu Fuß und zu Pferd, mit dem Postwagen oder der eigenen Kutsche, mit Kahn und Schiff. Man staunt über diese Energieleistung, zumal die italienische Reise oft ein gefährliches Abenteuer war.

Neben den körperlichen Anstrengungen und den gewagten Ausritten zu Pferde, verzichtet der Schriftsteller auf den gewohnten Komfort. In Agrigent gibt es zu seiner Zeit keine Gasthöfe. Er kommt privat unter. Eine freundliche Familie macht Platz und räumt ihm einen erhöhten Alkoven ein. Ein grüner Vorhang trennt ihn und sein Gepäck von den Hausmitgliedern, welche in dem großen Zimmer Nudeln fabrizieren.

Agrigent – oder Goethe auf den Spuren der Antike

Der Schriftsteller nutzte seine Zeitspanne, die Hinterlassenschaften der Klassik zu besichtigen. Sein Anspruch war – wie er in Rom vermerkt – hoch: „Überhaupt ist dies die entschiedenste Wirkung aller Kunstwerke, dass sie uns in einen Zustand der Zeit und der Individuen versetzen, die sie hervorbrachten.“

In seinem Reisebericht sind einige Sarkophage in der Kirche San Gerlando erwähnt. „Mich dünkt, von halberhabener Arbeit nichts Herrlicheres gesehen zu haben, zugleich vollkommen erhalten. Es soll mir einstweilen als ein Beispiel anmutigster Zeit griechischer Kunst gelten.“

Auf unserem Stadtrundgang wandern wir durch die engen Gassen, sie sind in arabischer Zeit entstanden, hinauf zu dem Dom, um dieser Empfehlung zu folgen. Und wir staunen ebenso über die 2.000 Jahre alten Kunstwerke. Der Blick auf die Stadt – das Bauwerk steht an höchster Stelle – zeigt die urbane Entwicklung, bis hin zu einigen modernen Wohnsilos, die das Bild abrunden.

Es ist ruhig hier, weil die meisten Touristen nicht die Altstadt hinaufsteigen, sondern nur das Tal der Tempelbauten besuchen. Zurück am Hauptplatz sehen wir auf eines der beeindruckenden Bauwerke hinunter. Goethe schrieb: „Der Tempel der Konkordia hat so viele Jahrhunderten widerstanden; seine schlanke Baukunst nähert ihn schon unserem Maßstab des Schönen und Gefälligen (…)“

Was ist das Maß des Schönen

Was ist dieser Maßstab, von dem Goethe hier spricht? Über die Jahrhunderte war eigentlich nicht strittig, was schön und gut ist. Platon unterscheidet zwischen der sichtbaren Domäne der Dinge und der unsichtbaren Welt der Ideen (bzw. Formen). Schönheit, wie wir sie wahrnehmen – etwa in Gesichtern, Kunstwerken oder in der Natur – ist für ihn nur ein Abbild, ein Schatten der Vollkommenheit. Diese Wirklichkeit existiert unabhängig von Zeit und Raum und ist unveränderlich.

Für den Philosophen sind die Ideale eng miteinander verbunden – sie sind verschiedene Aspekte derselben höchsten Idee. Deshalb hat Schönheit für ihn eine ethische und metaphysische Dimension: Sie zieht die Seele an, weil sie eine Ahnung des Göttlichen vermittelt.

Der Platonismus wurde von späteren Denkern, zum Beispiel Nietzsche, kritisiert, da er Gott bzw. das Göttliche in einen abgehobenen, unzugänglichen Raum zu verlagern scheint, wodurch die konkrete Welt an Wert verlieren könnte. Goethe folgt diesen Bedenken grundsätzlich: Er war kein Freund abstrakter Metaphysik. Und er schätzte das unmittelbare Erleben, das sinnliche Erfahren und die Naturbeobachtung höher als spekulative Systeme. In seinen naturwissenschaftlichen Schriften wandte er sich gegen die Abstraktion, wie sie bei Platon typisch ist.

Welchen Schönheitsbegriff haben wir Muslime?

Im Café unterhalten wir uns über den Schönheitsbegriff der Muslime. Der Bau von Moscheen zeigt, dass es unter uns enorme Unterschiede des ästhetischen Empfindens gibt. In Sizilien erleben wir die Faszination, wenn die Architektur zu einer Symbiose, zum Teil einer Landschaft wird und die Gestaltung örtliche Einflüsse übernimmt. Der Zauber dieser Baukunst wirkt bis heute, zeigt sich in einem Staunen, der Menschen aus allen Kontinenten verbindet. Vielleicht sollten wir Muslime mehr miteinander besprechen, was wir für schön halten?

Am Busbahnhof, den wir aufsuchen, um zu unserer Unterkunft zu fahren, herrscht städtebauliche Tristesse. Wir bewegen uns in einer Gegenwelt, in einer Ecke der Stadt, in der es wenig zu bestaunen gibt. Von platonischen Idealen ist hier nichts zu spüren. Der Platz, nur einige hundert Meter weg von der schmucken Innenstadt, ist schmutzig. Zudem ist das System des örtlichen Nahverkehrs für Fremde nur schwer zu durchschauen. Wir sind froh, endlich den Busfahrer zu finden, dessen Bus zu unserer Unterkunft fährt.

Foto: Ekatarina, Adobe Stock

Der Mann trägt eine Sonnenbrille und strömt sizilianische Gelassenheit aus. Er nutzt die Zeit bis zur Abfahrt, um uns zu unterhalten, und ist sichtbar begeistert uns ein paar Tipps zu geben. Dass wir kein Italienisch sprechen, stört ihn nicht.

Er listet Strände, Aussichtspunkte, Lokale und Cafés in der Umgebung auf, deren Namen wir nicht verstehen, aber die seiner Meinung nach etwas gemeinsam haben: Sie sind schön. Die anschließende Fahrt wird zu einer Odyssee, da die Buslinie kreuz und quer verläuft und scheinbar alle Vororte verbindet. Dafür verabschiedet uns der Fahrer am Ziel per Handschlag und wünscht – natürlich – eine schöne Zeit.

Das Tal der Tempel

Am nächsten Morgen brechen wir auf, um die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt zu sehen. Das Tal der Tempel gehört zu den bedeutendsten archäologischen Stätten Siziliens – und zu den am besten erhaltenen Zeugnissen der griechischen Antike außerhalb Griechenlands.

Die Anlage ist weitläufig und eine Welt für sich. Sie erstreckt sich entlang eines Hügels mit Blick auf das Mittelmeer und vereint eindrucksvoll monumentale Tempelarchitektur mit mediterraner Pflanzenvielfalt. Zwischen Mandelbäumen, Olivenhainen und Agaven wirkt die Tempellandschaft fast wie ein botanischer Garten mit antiken Kulissen.

Zu den herausragenden Bauwerken zählen das Heiligtum der Concordia, einer der besterhaltenen dorischen Tempelbauten der Welt. Der Schrein des Herakles ist der älteste hier. Der Tempel des Zeus Olympios fällt durch seine gewaltigen Ausmaße auf; selbst wenn er nun nur in Fragmenten erhalten ist. Am östlichen Ende der Anlage befindet sich zudem das Grab des Theron, ein turmartiges Monument aus hellenistischer Zeit, dessen genaue Funktion bis heute nicht eindeutig geklärt ist. Vermutlich war es ein Ehrenmal für Gefallene der Punischen Kriege.

Unser Rundgang durch das Tal ist nicht nur eine Reise in die Vergangenheit, sondern – wie wir finden – ein Naturerlebnis. Wir entdecken im wahrsten Sinne des Wortes einen „goetheanischen“ Ort: Natur, Kunst und die Antike verschmelzen ineinander. Die leicht ansteigende Hauptstraße von zwei Kilometern endet an einem Gedenkplatz, der an die ethischen Verpflichtungen des Menschen erinnert.

Foto: Abu Bakr Rieger (Autor)

Kleine Tafeln erinnern an den Einsatz von Zeitgenossen, an ihren Kampf gegen die Tyrannei, die Diktatur und den Antisemitismus. Erwähnung findet hier der marokkanische König Muhammad V, der die Juden unter den Schutz des Gesetzes stellte und jede Form der Diskriminierung ablehnte. Die Idee, die Besucher, darunter viele Schulklassen, zu einer Aktualisierung der Themen „Ethik und Schönheit“ aufzurufen, gefällt uns.

Neben einer Kunstausstellung, mit zeitgenössischen Werken, erhält ebenso die Poesie ihren Platz. Auf einer Tafel an einer alten Mauer lesen wir das Gedicht, „Ein Garten der Ruinen“, von Carmelo Mezzasalma. Wir fotografieren die Zeilen und setzen uns in das Museumscafé, um den Text zu übersetzen. Er lautet:

Wer wird über diese Steine weinen,
jahrtausendealt, so wartend auf einen Befehl?
Sieh, Du gehst durch eine Luft,
die nach Sandstein riecht, berührt vom Flug der Sonne.
Spähe in die Zeit in dir und miss den Schritt von Generationen,
die hier vielleicht das Antlitz Gottes suchten.
Und wer sind wir nun, da wir in diesen Steinen
auch unser Verlieren und unsere Mühen zurücklassen?
Wer wird über unseren Exodus weinen?

Carmelo Mezzasalma ist ein italienischer Priester, Dichter und Kulturwissenschaftler. Bekannt ist er für sein Engagement im interkulturellen Dialog und seine spirituelle Lyrik. Seine poetischen Werke sind von philosophischen Themen geprägt.

In einem seiner Bücher, „Il silenzio e la memoria“ („Das Schweigen und die Erinnerung“), reflektiert er über die Bedeutung von Stille und dem Gedächtnis in einer konsumorientierten Gesellschaft. Der Dichter betont, dass der Mensch nicht nur konsumieren, sondern sich mit dem Göttlichen verbinden möchte – ein Wunsch nach Transzendenz und Hingabe.

Jedes Kunstwerk der Vergangenheit muss, wie es Mezzasalma versucht, neu gelesen werden. Goethe wusste auf seiner Reise nach Italien, dass es kein Zurück in die griechische Epoche gibt. Er hatte eine Ahnung, dass der Verlust der Einigkeit über das Wahre und Schöne droht und die Erfahrung der Einheit allen Seins schwierig wird. Erhofft hat er sich eine Wiederbelebung der Tugenden und ihre Aktualisierung – in Taten und Werken – nach seiner Rückkehr, in seiner Heimat.

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Selinunt oder was Ruinen mit uns machen

Selinunt

IZ-Reiseblog: In den Tempelruinen von Selinunt macht unser Autor existenzielle Erfahrung.

(iz). An der malerischen Südküste Siziliens, direkt am türkisblauen Mittelmeer, liegt Selinunt – eine der eindrucksvollsten archäologischen Stätten Europas. Einst eine mächtige griechische Kolonie, ist es heute vor allem für seine imposanten Tempelruinen bekannt, die majestätisch über der Küste thronen.

Besonders beeindruckend sind Tempel E (vermutlich der Hera geweiht, mit seinen weitgehend rekonstruierten Säulen) und Tempel G. Letzterer ist einer der größten je errichteten dorischen Bauwerke dieser Art, dessen monumentale Trümmer selbst heute gewaltige Ausmaße erahnen lassen.

Doch nicht alles ist so klar erkennbar: Über das weitläufige Gelände verteilt liegen unzählige Trümmerteile wie Säulenreste und Mauerfragmente, die sich für den Laien nur mit Fantasie sinnvoll zusammensetzen lassen. Insbesondere dieser Kontrast aus aufgebauten und scheinbar chaotischen Ruinen verleiht dem Ort eine besondere Atmosphäre – zwischen archäologischer Entdeckung und stillem Verfall.

Selinunt – Ankunft nach Kampf auf und mit dem Rad

Wir kommen etwas abgekämpft an. Auf Google-Maps sah die Strecke für Radfahrer einfach aus. In Wirklichkeit verfahren wir uns, müssen durfs Gestrüpp, überwinden einen Zaun. Man schimpft auf die Technik. Und wir begegnen Wachhunden, die – Gott sei Dank – auf Bittgebete reagieren.

Dann geht es eine Weile bergauf. Wir schnaufen in der Morgensonne und stehen auf der Anhöhe unvermittelt vor grandioser Landschaft und einem großen Tempel. Allerdings sind wir an diesem Morgen ein wenig aus dem Tritt geraten und noch nicht bereit für eine tiefere Erfahrung.

Jeder Reisende weiß, wie wichtig die eigene Stimmung für unsere Eindrücke ist. Diese Schwankungen können auch Genies ergreifen. Als Goethe die Insel am 13. Mai 1787 verlässt, gerät das Schiff in einen Sturm. Der Dichter wird seekrank und blickt auf seine Reise zurück, die nun in „keinem angenehmen Licht erscheint“.

Er gerät in einen seelischen Strudel und zweifelt am Sinn seiner Erkundungen. „Wir hatten doch eigentlich nichts gesehen, als durchaus eitle Bemühungen des Menschengeschlechts, sich gegen die Gewaltsamkeit der Natur, gegen die hämische Tücke der Zeit und gegen den Groll ihrer eigenen feindseligen Spaltungen zu erhalten.“

Selinunt, beklagte er weiter, „liegt methodisch umgeworfen“ in der Tradition vergangener und künftiger Zerstörungskraft. Die nihilistische Anwandlung korrigiert Goethe sogleich: „Diese wahrhaft seekranken Betrachtungen eines auf der Woge des Lebens hin und wider Geschaukelten ließ ich nicht Herrschaft gewinnen.“

Foto: Abu Bakr Rieger

Das Schweigen der Tempel

Wir stellen unsere Räder ab und besuchen zunächst das Museum, das zwischen den beiden Tempeln liegt. Wir wandern durch die Ausstellungsräume, lesen einige Texte, betrachten Vasen in den Vitrinen und sind etwas ungeduldig, denn mehr interessiert uns insgeheim der Cappuccino, der im Hof angeboten wird. So ist es nur ein Satz, den wir wirklich mitnehmen. Er ist am Eingang des Museums zu lesen und stammt von dem französischen Philosophen Jean Paul Sartre: „Wir hinterfragen die Tempel von Selinunt, ihr Schweigen hatte mehr Gewicht als viele Worte.“

Bei einem Kaffee besprechen wir das Rätselwort des Existentialisten. Meint er etwa, dass die leblosen Steine, die die Anlage bilden, uns Heutigen, den letzten Touristen, nichts mehr zu sagen haben? Oder ist diese negative Interpretation, nur der eigenen Stimmung geschuldet? Stimmungswechsel sind manchmal Kleinigkeiten unterworfen. Sie werden durch eine Pflanze, die man sieht, einem Blick eines Passanten oder – wie in unserem Fall – durch die belebende Wirkung eines guten Cappuccinos verursacht.

Als wir wieder aus dem dunklen Innenhof in die sonnige Landschaft vor dem Gebäude treten, erinnern wir uns an eine Passage aus den Wanderjahren des Italienreisenden Ferdinand Gregorovius. Er schrieb über seinen Besuch: „Zu Selinunt stellt sich nur eine einzige Epoche dar, ringsum keine Spur von Leben, die feierlichste Öde zu beiden Seiten, eine grenzenlose, aber selige Verlassenheit, ein verschwimmender Meereshorizont, tiefstes Schweigen und mythenvolle, odyseeische Einsamkeit.“ Diese Worte, finden wir, passen.

Foto: Abu Bakr Rieger

Wie wirken Ruinen auf uns?

Es gibt eine ganze Philosophie über die Wirkung von Trümmern auf den Menschen. Wir können sie schön finden, oder hingegen in ihnen Symbole für die Vergeblichkeit allen menschlichen Strebens sehen und verzweifeln. Wir versinken dann im Mythos des Sisyfos. Aber mit den imaginären Fähigkeiten, über die wir verfügen, können wir uns genauso in einen Zeitraum versetzen, der an einem anderen Leben teilnehmen lässt.

Wir ahnen dann Verhältnisse, die in einem Zwischenraum zwischen Himmel und Erde, Menschen und Göttern angesiedelt sind. In diesem Falle sprechen Steine, die von den größeren Zusammenhängen erzählen. Diese Stimmung muss nicht rückwärtsgewandt sein. Sie erhebt uns vielmehr im Hier und Jetzt in einen anderen Zustand, der für die eigene Zukunft entscheidend sein kann.

Wir sind versöhnt mit diesem Tag und laufen auf eine Anhöhe hinauf, die eine Rundumsicht gewährt. Im Schatten sitzend blicken wir über die Tempel hinweg auf das blaue Meer. Wir beobachten Eidechsen, die zwischen den Steinen leben, von jeher Bewohner, die nicht in zeitlichen Kategorien denken. Sie sind in der Sonne einfach nur da. Wie wir.

Es ist spät geworden und wir verlassen den Park auf dem offiziellen Weg; an staunenden Besuchern vorbei, die im Gegensatz zu uns lange Wege gehen müssen. Im Kassengebäude, durch das wir die Fahrräder bugsieren, stellt uns eine Ordnungskraft.

Man braucht kein Italienisch zu können, um aus dem zischenden Ton den Vorwurf herauszuhören, man habe Gesetze gebrochen haben. Wir schieben die Schuld auf die moderne Technik, die uns den Weg gewiesen hat. Die nachträgliche Entrichtung des Eintrittspreises ist kein Problem, sorgt aber nicht dafür, dass das Gespräch freundlich endet. Wir sind ungehalten und zahlen – ohne, dass wir es gleich bemerken – einen anderen Preis. Die Welt hat uns wieder.

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Rom – zu Besuch im Sehnsuchtsort der Deutschen

Rom reiseblog

Reiseblog: Rom war ein wichtiger Bezugspunkt der deutschen Klassik. Ein Besuch im Schatten der Beerdigung des Papstes.

(iz). In das Stadtzentrum von Rom fahren wir mit einer alten Straßenbahn. Unser Spaziergang beginnt am Bahnhof Termini, wir laufen zunächst hinunter zum Forum Romanum. Hier zeigt sich Rom wie ein offenes Geschichtsbuch: Im Vordergrund liegen die antiken Ruinen des Forums, zerfallene Mauern und Säulenreste, die vom römischen Weltreich erzählen.

Dahinter erheben sich Kirchen aus der Renaissancezeit und majestätische Pinien. Über allem thront das strahlend weiße Vittoriano, ein Monument der italienischen Nation. Hier begegnen sich Jahrtausende – eine Schicht auf der nächsten und sichtbar auf engstem Raum.

Foto: A. Rieger

Rom – ein Ort der deutschen Sinnsuche

In Rom suchte Goethe, wie man in der „Italienischen Reise“ nachlesen kann, in erster Linie seine antiken Ideale: das Schöne und Wahre. „Ich will Rom sehen, das bestehende, nicht das mit jedem Jahrzehnt vorübergehende“, bekennt das Weimarer Dichtergenie.

Eine Absichtserklärung, die man angesichts der Fülle historischer Gebäude verstehen kann. Auch wenn er monatelang in der Hauptstadt Italiens unterwegs war, musste er sein Interessengebiet einschränken. „Rom ist eine Welt, und man braucht Jahre, um sich nur erst drinnen gewahr zu werden.“ 

Um die ungeheure Bedeutung der Stadt für sein Leben zu verstehen, müssen wir eine Bemerkung des alten Goethes zur Kenntnis nehmen. Vom Zustand der Altersmelancholie ergriffen, erklärt er Eckermann: „Ja, ich kann sagen, dass ich nur in Rom empfunden habe, was eigentlich ein Mensch sei. Zu dieser Höhe, zu diesem Glück der Empfindung bin ich später nie wieder gekommen; ich bin mit meinem Zustand in Rom verglichen, eigentlich nachher nie wieder froh gewesen.“

Ein Objekt für die Handykameras

Wir marschieren weiter zum Trevi-Brunnen. Dort herrscht dichtes Gedränge. Hunderte Smartphone-Besitzer kämpfen um die beste Perspektive. An Ostern ist die ganze Stadt voll von Pilgern, Touristen und Einheimischen. Unser Ziel ist der Korso, eine lange Straße, an deren Ende eine berühmte Künstler-Wohngemeinschaft ihr Domizil hatte. Tausende drängeln sich durch die Geschäftsstraße.

Zum Glück ist das kleine Museum eine Oase der Ruhe. Wir laufen – zu unserer Überraschung – alleine durch die Räume.

Goethes kleines Zimmer ist bescheiden und ohne jeden Komfort. Der Dichter genießt das, ebenso wie sein Leben unter fremden Namen. Die Flucht aus Weimar war das Resultat eines „Burnout“.

Foto: A. Rieger

Reiseziel für Künstler

Die gesellschaftlichen und politischen Verpflichtungen ließen keinen Raum mehr für die künstlerischen Ambitionen des Schriftstellers. In Rom soll nun alles anders werden. Der Dichter erwartet eine Verwandlung, die die intensive Beschäftigung mit der Kunst, der Natur und dem italienischen Lebensstil bringen soll.

Der Rhythmus in der Künstlerrunde ist von abendlichen Gesprächen geprägt und – tagsüber – vom Vollzug eines rastlosen, touristischen Programmes mit seinem Zeichenlehrer Johann Tischbein (1751-1829). Nebenbei entsteht zwischen den Beiden das Projekt „Dichtung und Kunst“.

Goethe ist angetan: „So ist Tischbeins Gedanke höchst beifallswürdig, dass Dichter und Kunst zusammenarbeiten sollten, um gleich vom Ursprung her eine Einheit zu bilden.“ Das legendäre Gemälde des Schriftstellers „Goethe in der Campagna“ entsteht. Im Museum stehen wir vor einer Kopie des Gemäldes.

In seinem Tagebuch erwähnt Goethe das Werk mehrmals, so im Eintrag zum 29. Dezember 1786: „Ich soll in Lebensgröße als Reisender, in einen weißen Mantel gehüllt, in freier Luft auf einem umgestürzten Obelisken sitzend, vorgestellt werden, die tief im Hintergrunde liegenden Ruinen der Campagna di Roma überschauend. Es gibt ein schönes Bild, nur zu groß für unsere nordischen Wohnungen. Ich werde wohl wieder dort unterkriechen, das Porträt aber wird keinen Platz finden.“ Es wird zum Symbol des Mythos, der sich um Italien dreht. Allerdings hat Goethe selbst das Gemälde nie vollendet gesehen.

Inzwischen ist die Zeit vorangeschritten. Die Abendsonne steht über der Stadt. Wir laufen zur Piazza Popolo und klettern einige Stufen hinauf zum Park der Villa Borghese, von der man einen wunderbaren Blick auf Rom hat. Die Atmosphäre ist entspannt, man genießt die Aussicht, hört den Straßenmusiker zu. In der Ferne sehen wir den Vatikan. Der Papst hat dort seinen Ostersegen erteilt.

Am nächsten Morgen schauen wir gebannt auf die Bildschirme in der U-Bahn. Die Stimmung ist ernst, zwei Nonnen, neben uns sitzend, ringen um Fassung. Der Pontifex ist verstorben. Wir mochten ihn, seine Bescheidenheit und viele seiner Aussagen, die die Basis für einen Dialog zwischen den Religionen stiften könnten. 

„Es wird nie einen wahren Frieden geben, wenn wir nicht in der Lage sind, ein gerechteres Wirtschaftssystem aufzubauen.“ Diese Vision des Oberhauptes der katholischen Kirche wird uns auf jeden Fall in Erinnerung bleiben.

Ein römischer Friedhof für Fremde

Wir sind auf dem Weg zum protestantischen Friedhof der Stadt, einer der schönsten und zugleich stillsten Orte. Er ist wie ein geheimer Garten, versteckt hinter Mauern, direkt neben der Cestius-Pyramide. Hier fanden sie und Muslime sowie einige berühmte Persönlichkeiten ihre letzte Ruhestätte.

Wir besuchen zunächst das Grab des englischen Poeten John Keats. Er reiste 1820 wegen seiner Tuberkulose nach Italien, in der Hoffnung auf ein milderes Klima. Er starb kurz darauf, im Februar 1821, im Alter von nur 25 Jahren. Damals war Rom eine stark katholisch geprägte Stadt, und der protestantische Friedhof wurde eigens für Ausländer eingerichtet, die nicht dieser Kirche angehörten – darunter viele Briten und Deutsche.

Auf seinem Grabstein steht nicht sein Name, sondern nur die berühmte Inschrift: „Here lies One Whose Name was writ in Water“ („Hier liegt einer, dessen Name in Wasser geschrieben war“). Wie alle Poeten regt er bis zuletzt zum Nachdenken an.

Wir laufen weiter über die Anlage, die üppig bewachsen ist, fast wie ein kleiner Park wirkt. Zypressen stehen schlank inmitten der Gräber. Rosensträucher, Oleander, Lavendel und wilder Wein wachsen unter den Grabsteinen.

Der Friedhof ist berühmt für seine Katzen. Sie streifen leise zwischen ihnen umher, manchmal liegen sie dösend in der Sonne auf einem Marmorsockel. Der Ort wirkt zeitlos, fast wie ein Gemälde: antike Skulpturen, moosbewachsene Grabsteine, verwitterte Inschriften in vielen Sprachen – Englisch, Deutsch, Russisch, Dänisch.

Wir bleiben am Ende am Grab von August Goethe stehen und lesen schweigend die Widmung, die sein Vater ausgewählt hat: „Goethe, der Sohn, / dem Vater / vorangehend, / schied dahin / mit 40 Jahren, / 1830).

Der Mann konnte bis zu seinem tragischen Ende – im wahrsten Sinne des Wortes – nie aus dem Schatten des Vaters treten. In Italien wollte er sich endlich selbst finden. Er bereiste das Land zunächst gemeinsam mit Eckermann und starb dann später nach einer Krankheit einsam in Rom.

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Begegnung rund um Petrarca

Reiseblog Petrarca

IZ-Reiseblog: Im toskanischen Arezzo, dem Geburtsort von Petrarca kann es zu überraschenden Begegnungen kommen.

(iz). Auf jeder Reise gibt es Überraschungen, man erinnert sich wieder an alte Reiseerlebnisse, steuert – manchmal ohne ein konkretes Ziel – den geheimnisvollen Gesetzen des Unterbewusstseins folgend, nach rechts oder links und findet sich wieder in neuen oder alten Bedeutungszusammenhängen.

Foto: A. Rieger

Im Geburtshaus von Petrarca

Arezzo ist eine Stadt, die reich an Geschichte, Kunst und Kultur ist. Sie strahlt in der wunderschönen toskanischen Landschaft, die sie umgibt, eine ruhige Schönheit aus. Trotz ihrer zahlreichen historischen Monumente ist sie weniger touristisch überlaufen als andere Städte der Toskana, was ihr eine besondere Atmosphäre verleiht. Kurzum, uns gefällt es hier. Und, was wir zuvor nicht wussten: In der Stadt befindet sich das Geburtshaus des Dichters Petrarca.

Bei dem Besuch der Gedenkstätte denken wir an eine unserer Reisen nach Südfrankreich zurück. In Fontaine-de-Vaucluse befindet sich ein Haus, das der Dichter in seinem Exil nutzte, traumhaft gelegen in der Nähe einer Steilwand, aus dem ein eiskalter Fluss, die Sorgue, schießt.

Die erste nach-antike Naturbeschreibung

Legendär ist eine Unternehmung Petrarcas im Jahr 1336: Die Besteigung des Monte Ventoux gilt als ein Ereignis und wird oft als Beginn einer neuen Epoche der Reiseerfahrung betrachtet. Es markiert einen Wendepunkt in der Art und Weise, wie Menschen das Reisen und den Aufenthalt in der Natur erlebten, und spielt eine zentrale Rolle in der Geschichte des Humanismus und der modernen Reiseliteratur. 

Der Gipfel des Berges liegt etwa 1912 Meter über dem Meeresspiegel, und der Aufstieg war damals keine kleine Unternehmung, sondern ein Abenteuer. Was diese Besteigung so besonders macht, ist nicht die physische Anstrengung, sondern vor allem die geistige und philosophische Bedeutung. Petrarca beschrieb seine Wanderung in einem Brief an seinen Freund Francesco Nelli, der 1356 veröffentlicht wurde.

In diesem Brief reflektiert er den Aufstieg, geht aber über die Schilderung der physischen Erfahrung hinaus. Auf dem Gipfel angekommen, blickt er auf das Tal zurück und hat eine tiefgreifende introspektive Erkenntnis. Der Berg wird für ihn zu einem Symbol für das Streben des Menschen nach geistiger und seelischer Erhebung. Der Gipfel wird nicht nur als physisches Ziel erlangt, sondern verwandelt sich in ein Zeichen für das Verlangen nach höherem Wissen und Einsicht.

Er schreibt an Nelli: „Als ich den Gipfel des Berges erreichte und die weitläufige Aussicht erblickte, überkam mich das Gefühl, als sei der Mensch in seinem Streben nach Wissen und Erhöhung nie wirklich zufrieden. Und es erscheint mir, dass die beste Reise die ist, die uns mit uns selbst und der Wahrheit in Einklang bringt.“

Dies ist nicht nur ein literarischer Moment, sondern eine frühe Darstellung dessen, was später die moderne Vorstellung von Reisen ausmachen sollte – die Bewegung von einem Ort zum anderen und auch die Suche nach innerer Klarheit und Selbsterkenntnis. (Es geht nicht um die selbstvergessene Erfahrung, die wir heute „chillen“ nennen.)

Foto: Alexander Henke, Unsplash

Reisen aus dem Selbst heraus

Früher waren Reisen oft religiös oder militärisch motiviert. Reisen bedeuteten meist Pilgerfahrten oder Kriegszüge. Was Petrarca beschreibt, ist eine Art von Exkursion, die mehr auf dem Selbst und der geistigen Erhöhung basiert. Sie wird zu einem persönlichen Erlebnis, zu einer Möglichkeit der Reflexion und Selbsterkenntnis. Der Berg wird als ein metaphorischer „Ort der Wahrheit“ betrachtet, der für den Reisenden zu einer inneren Erhebung führt.

Petrarca begreift das Reisen als einen Weg zu einer besseren Einsicht der eigenen Seele und der Natur. Damit öffnet er, im Vergleich zu Dantes „Göttlicher Komödie“, die wir in Florenz kennengelernt haben, einen anderen Erfahrungshorizont. Es gibt einen Unterschied, zwischen der Erkenntnis, die wir aus theologischen Büchern gewinnen und den eigenen Erfahrungen auf unserem Weg.

Islam – Einheit durchzieht die ganze Existenz

Uns erinnert die Episode an eine der Segnungen des Islam, der, in dem Bekenntnis der Einheit, auf die scharfe Trennung von Diesseitigem und Jenseitigem verzichtet. Letztendlich sind wichtige spirituelle Erfahrungen an jedem Ort dieser Erde möglich. Wichtig ist, unterwegs die Erwartung auf die entscheidenden Momente hochzuhalten.

Am Abend setzen wir uns in eine stille Ecke der Piazza Grande und bewundern im Abendlicht das einmalige Ensemble, gebildet von Bauwerken aus verschiedenen Epochen.

Neben uns setzt sich eine Mutter mit ihren zwei Töchtern. Sie unterhalten sich fröhlich, die Dialoge sind überaus wortreich. Sie werden in einer uns zunächst unbekannten Sprache geführt. Schließlich fragt die Frau uns in Englisch, ob wir uns gestört fühlen.

„Aber nein!“ antworten wir.
Schließlich gehört dies zum bunten Leben in Italien.
„Und“, fügen wir hinzu, „wir mögen die Sprache!“
„Sie mögen hebräisch?“, wundert sich die Frau und fragt, woher wir kommen.
„Aus Deutschland!“
Die Töchter mischen sich nun ein. „Wir lieben Deutschland! Wir mögen deutschen Rap!“ 

Die Frau wechselt – zu unserer Überraschung – selbst ins Deutsche und berichtet von ihrem zweijährigen Aufenthalt in Deutschland. Etwas ernster setzt sie fort, dass ihr Großvater väterlicherseits von dort geflohen sei. „Schönwetter“, fügt sie hinzu, sei der Familienname. Ein Name, der in uns hineinfällt, während sich die Familie freundlich verabschiedet.

Thomas Mann

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R15883 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0

Wir unterhalten uns über die kurze Begegnung und die Imaginationen, die Bedeutungszusammenhänge, die sie ausgelöst hat. „Kann das Verhältnis der Deutschen zum Thema Israel jemals völlig unbefangen sein?“ Unser Gespräch passt zu dem Thema, das mich schon länger beschäftigt und ich für nächste Ausgabe der „Islamischen Zeitung“ plane: Thomas Mann und das Judentum. Im Reisegepäck liegen die entsprechenden Bücher bereit.

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IZ-Reiseblog: Kafkas Metamorphosen in Berlin

kafka

Was ist „kafkaesk“? Zweifellos werden, allgemein gesprochen, Erfahrungen der Desorientierung, der Ausgrenzung und die Begegnung mit sinnentleerten Ordnungen beschrieben.

(iz). Bereits letztes Jahr erschien in der „Islamischen Zeitung“ ein Artikel über die Frage: Warum fasziniert Franz Kafka bis heute? Die Aktualität dieses Schriftstellers, der ein Meister der Beschreibung von Stimmungen der Moderne war, steht auch im Mittelpunkt einer sehenswerten Ausstellung (Access Kafka) im jüdischen Museum in Berlin.

Das Thema wird für den Besucher im Begleitmaterial konkretisiert: „Als Jurist und Beamter verbindet Kafka Fragen über das Gesetz mit der Kunst: Ihn beschäftigt das sinnentleerte Regelwerk der Bürokratie, die anonyme Fremdbestimmung der Gewalten, das Eindringen in die Privatsphäre und die Unzugänglichkeit der Macht.“

Warum benutzen wir das Adjektiv „kafkaesk“?

Während ich durch die thematisch gegliederten Räume wandere, fällt mir immer wieder das Adjektiv „kafkaesk“ ein, das sich tief in unseren Sprachgebrauch eingegraben hat. Was ist damit gemeint?

Zweifellos werden, allgemein gesprochen, Erfahrungen der Desorientierung, der Ausgrenzung und die Begegnung mit sinnentleerten Ordnungen beschrieben. Wir erleben Prozesse, die scheinbar auf Grundlage von Gesetzen vollzogen werden, deren Inhalt aber unbekannt oder unbestimmt sind und nicht unmittelbar sinnvoll erscheinen.

Es sind oft Minderheiten, die derartige Phänomene früh registrieren. In der muslimischen Erfahrungswelt, um nur ein Beispiel zu nennen, werden Situationen als „kafkaesk“ erfahren, wenn wir im Ergebnis politischer Beurteilung immer verdächtig sind, weil Definitionen wie „islamistisch“, „legalistisch“ und „fremd“ unbestimmt bleiben und uns diejenigen schnell treffen, die in der Öffentlichkeit auffallen.

Oder wir erleben, dass x-beliebige, von Muslimen begangenen Straftaten als Ausdruck der Religion an sich gelten. Sie geraten in das kollektive Bewusstsein und wir rechtfertigen uns im Prozess dieser Logik permanent.

Foto: Mondadori Portfolio | Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

Kafka hatte ein ambivalentes Verhältnis zur Religion

Kafka selbst hatte – wie die Ausstellung zeigt – ein ambivalentes Verhältnis zur Religion. Er stammte aus einer assimilierten, liberal-jüdischen Familie, beschreibt in seinen Büchern nicht explizit das Judentum, lernt Hebräisch und informiert sich über die Idee des Zionismus.

Mit dem Trend der „Identitätspolitik“ unserer Zeit könnte er wenig anfangen. In seinem Tagebuch fragt er: „Was habe ich mit Juden gemeinsam?“ Und erwidert sogleich: „Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam!“ Sein eigenes Selbst ist niemals fassbar, in einer permanenten Veränderung und das Ende seiner Entwicklung bleibt stets offen.

Drastisch verläuft die Idee der Metamorphose in der „Verwandlung“, eines seiner berühmtesten Bücher. Die Geschichte handelt von Gregor Samsa und dessen plötzlicher Umgestaltung in ein „Ungeziefer“. Dieser Begriff ist für deutsche Bildungsbürger, die ihren Goethe kennen, als Naturprinzip positiv besetzt.

Kafka dagegen zeigt die Dramatik fehlgeleiteter Verwandlungen – seien sie auf persönlicher oder gesellschaftlicher Ebene. Wieder ist die Aktualität des Schriftstellers greifbar: Wie verändert der Populismus in den sozialen Medien unser Bewusstsein? Warum sind differenzierende Positionen – gerade im Umgang mit Minderheiten – heute derart unpopulär?

In diesem Sinne durch den Ausstellungsbesuch gestimmt, steige ich eine die Treppe hinunter zur Dauerausstellung des Museums. Im Untergeschoss des Libeskind-Baus kreuzen sich drei Achsen, die symbolisch für die unterschiedliche Entwicklung jüdischer Lebensgeschichten in Deutschland stehen: die des Exils, eine des Holocaust und die der Kontinuität.

Foto: Jens Ziehe | Copyright: Jüdisches Museum Berlin

Die Auseinandersetzung mit dieser Konstellation geschichtlicher Erfahrung hat uns Deutsche geprägt; egal, ob wir Muslime sind oder nicht. Warum dies so ist, zeigt die Kontinuitätsachse des Museums. Hier lässt sich der traurige Gang der Historie studieren. Sprachlichen Verfehlungen und Gerüchten folgen kollektive Zuschreibungen gegenüber den Juden. Der Horror der Verfolgung bricht schleichend in den Alltag ein und endet im industriell organisierten und bürokratisch verwalteten Massenmord.

Die Achse des Holocaust endet im Voided Void (entleerte Leere), auch Holocaust-Turm genannt. Er erinnert an das Geschehen, das Hannah Arendt mit dem schlichten Satz zusammenfasste: „Es hätte niemals passieren dürfen!“

Es ist hier still, kalt, dunkel, die Atmosphäre wirkt beklemmend. Tageslicht dringt ausschließlich durch einen schmalen Schlitz an der Decke des Betonschachts. Beim Verlassen dieses Ortes denke ich darüber nach, mit welchen Hoffnungen die BesucherInnen wohl das Licht in der Dunkelheit verbinden: Ist es ein Gott? Das Völkerrecht? Die Vernunft- und Lernfähigkeit des Menschen?

Foto: Tobias Arhelger, Shutterstock

Nachklang der „Kontinuität“

Am Anschluss meiner Reise in die dunklen Abgründe der Geschichte klingt die Idee der „Kontinuität“ nach. Wie geht es weiter? Wir erleben heute hitzige Debatten über die Politik der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern und die Reaktion auf den Terrorismus der Hamas im Konkreten.

Ist das geflügelte Wort der deutschen Staatsräson – im Angesicht geschichtlicher Verantwortung – gar selbst „kafkaesk“, weil hier eine gesetzlich nicht fassbare Wortschöpfung einen Geltungsanspruch beansprucht?

Verständlich ist, dass der Begriff eine klare Haltung postuliert, die sich innenpolitisch dazu verpflichtet, religiöses Leben in Deutschland abzusichern und gegen Angriffe, von wem auch immer – zu verteidigen. Die Klage darüber, dass jüdische MitbürgerInnen sich auf deutschen Straßen nicht mehr frei bewegen, ist nicht nur ein Warnsignal, sondern umschreibt eine beschämende Realität.

Die Überzeugung dagegen, dass die Normen und das Maß des internationalen Völkerrechts für alle Parteien gelten, ist eine andere Lehre aus der Geschichte und ein Maßstab für die Glaubwürdigkeit deutscher Außenpolitik.

Wem nach dem richtigen und angemessenen Tonfall in diesen Auseinandersetzungen gelegen ist, sei ein Besuch der Ausstellung in Berlin empfohlen.

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Reiseblog Westbalkan: Olympia in der Herbstsonne

Olympia

IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger auf den Spuren von Evliya Çelebi: Olympia zwischen Kult und Körperertüchtigung.

(iz). Es ist vermutlich einer der Höhepunkte jeder Griechenlandreise: Olympia. Im November wandern wir unter der Herbstsonne einsam durch die Anlagen. Und ja, man spürt den Geist vergangener Tage. Wir fragen uns, was für ein Menschentypus die Griechen waren, die hier in Harmonie mit ihren Göttern lebten.

Die Geschichte der Spiele wird auf das Jahr 776 vor Christus datiert. Mitte des 5. Jahrhunderts bot das Stadion 45.000 Zuschauer Platz. Legendär ist bis heute der heldenhafte Status der Sieger der verschiedenen Wettbewerbe.

Coubertin säkularisierte Olympia

Vor einem Jahr standen wir in Lausanne am olympischen Feuer vor dem Denkmal des französischen Pädagogen, Historiker und Sportfunktionär Pierre de Coubertin (1863-1937). Er war überzeugt, dass in der Erziehung neue Wege unerlässlich seien und die sportliche Ausbildung den ganzen Menschen in der Einheit von Körper, Geist und Seele erfassen soll.

Sein Credo: „Das Wichtigste im Leben ist nicht der Sieg, sondern der Kampf, das Wesentliche ist nicht, gewonnen zu haben, sondern gut gekämpft zu haben.“ Unter dem Eindruck der Ausgrabungen in Olympia trat er für die Wiederbelebung des Ereignisses ein und gründete 1894 das Internationale Olympische Komitee.

Foto: Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

Die moderne olympische Idee widersetzte sich nationalen Egoismen und trug zum Frieden und zur internationalen Verständigung bei. Dass diese Mission nicht einfach war, zeigte sich an der Vergabe der Veranstaltung in den 30er Jahren.

Nötig war zunächst ein Gestaltwandel: Die alten Griechen hatten kein Konzept von „Sport“, der Wettkampf diente ursprünglich der körperlichen Ertüchtigung der Soldaten und dem Lob der Götter. Die Sieger erhielten einen Olivenzweig als Symbol des Respektes und der Anerkennung.

Von einem französischen Journalisten gefragt, warum er die Berliner Nazi-Spiele unterstütze, antwortete Coubertin, das Wichtigste sei, dass sie grandios gefeiert würden. Dabei sei es egal, ob man sie als Tourismuswerbung für Südkalifornien wie 1932 oder als Werbung für ein politisches System wie 1936 verwende. In den letzten Jahrzehnten ist es vor allem die Kommerzialisierung der Spiele, die die Idee verändert.

Foto: Autor

Massenphänomen: Die Griechen kannten keinen „Sport“

Die Lebensreformbewegung der Jahrhundertwende verwandelte den Sport zum modernen Massenphänomen. Die geistigen Hintergründe der Körperertüchtigung nehmen einen prominenten Platz in Peter Sloterdijks Buch „Du musst Dein Leben“ ändern ein.

Der Philosoph zeichnet die Entwicklungsgeschichte der Spiele im Licht ihres antiken und religiösen Vorbildes nach. Er schreibt über die profane Realität des Sportes in der Moderne, zwischen Selbstoptimierung, Kommerz und Massenmobilisierung. Sein Fazit: „Die olympische Idee hat nur als säkularer Kult ohne ernstgemeinten Überbau überleben können.“

Der athletische Imperativ, der das ganze 20. Jahrhundert durchhallt, ist für den Philosophen von großer alltäglicher Bedeutung: „Überall, wo dieser Imperativ vernommen wird, sind wir kulturell auf der richtigen Seite, weil wir dann im griechischen Raum bleiben, in dem der Sport als eine Angelegenheit der Schönheit betrieben wird.“ Nur, wer denkt im Fitnessstudio oder auf der Laufstrecke über den antiken Ursprung unserer Körper-Ideale nach?

Foto: Danon, Adobe Stock

Auch Muslime finden Gefallen an der „Selbstoptimierung“

Die Einflüsse der Moderne sind an der muslimischen Praxis ebenso nicht spurlos vorbeigegangen. Begriffe wie „Lifestyle“ oder „Selbstoptimierung“ verändern den Kerngehalt des Ritus und die religiöse Handlung sieht sich oft als Gegengewicht und Ergänzung zu den Herausforderungen des von Arbeit und Technik bestimmten Alltags. Da man nicht rückwärtsgewandt leben kann, alles in permanenter Veränderung ist, stellt sich die Frage nach dem Spannungsbogen zwischen Offenbarung und Aktualisierung immer wieder neu. 

Im Museum in Olympia, dass die Geschichte der Stätten erzählt, lässt sich schon in der alten Zeit ein Gestaltwandel ablesen. Im Ursprung gab es keine Dialektik zwischen dem Heiligen und dem Profanen. In der Logik der allgegenwärtigen Götter existiert kein säkularer Raum. Im weiteren Verlauf, etwa im 4. Jahrhundert vor Christus, beobachtet man in den olympischen Anlagen den Beginn einer immer klareren Trennung zwischen den Tempeln und den Sportstätten.

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Reiseblog Westbalkan: Olympia oder die Monotonisierung der Welt

Monotonisierung

IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger auf den Spuren von Evliya Çelebi: Schon Stefan Zweig beklagte die Monotonisierung der Welt.

(iz). Im griechischen Olympia gibt es in einer touristisch geprägten Straße einen Buchladen. Unter den Klängen einer Sinfonie von Beethoven stöbere ich allein in der Abteilung für englische und deutsche Bücher, bis mich der Eigentümer entdeckt. Wir kommen ins Gespräch und ich erzähle ihm von unserer Odysee.

„Reisen“, seufzt er und zuckt mit den Achseln, „ist eine Bewegung, von der ich lebe, aber ich erwarte davon nichts mehr. Zu viele Leute sind heutzutage unterwegs, um zu erfahren, dass alle gleich sind!“ Ich kaufe ein Buch bei ihm und bezahle. Zum Abschied drückt der Buchhändler mir einen deutschen Text mit dem Titel „Die Monotonisierung der Welt“ in die Hand und wendet sich dann wieder seiner Wirklichkeit zu.

Foto: Breve Storia del Cinema, via flickr | Lizenz: Public Domain

Schon Stefan Zweig beklagte die Monotonisierung der Welt

Im Café lesen wir das uns überlassene Dokument aus dem Jahr 1925, geschrieben vom österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig. Vor einem Jahrhundert beklagte er, trotz der Beglückung des Reisens an sich, ein leises Grauen vor der Monotonisierung der Welt.

„Alles wird gleichförmiger in den äußeren Lebensformen, alles nivelliert sich auf ein einheitliches kulturelles Schema. (…) Immer mehr scheinen die Länder gleichsam ineinander geschoben, die Menschen nach einem Schema tätig und lebendig, immer mehr Städte einander äußerlich ähnlich.“ Er fragte nach dem Ursprung der Welle, die das Farbige, das Eigenförmige aus dem Leben wegzuschwemmen droht. 

Stefan Zweig war ein großer Schriftsteller mit einem tragischen Schicksal, aber der Grundaussage des Textes – die wohl den Buchhändler überzeugte – stimmen wir nicht zu.

Minarette

Foto: Tharik Hussain

Auf dem Balkan erlebt man das Gegenteil

Auf unserer Reise durch Bosnien, Montenegro und Albanien lernten wir Regionen kennen, die aus vielen Gründen große Unterschiede – im Kulturellen, Religiösen und Politischen – aufweisen. Dabei ist uns nicht entgangen, dass die Gewohnheiten des Konsums, des Tourismus und die Rolle der Smartphones sich an vielen Orten gleichen.

Aber es sind die Begegnungen mit den Menschen, die sich aus unterschiedlichen geistigen Dimensionen speisen, die uns nicht daran glauben lassen, dass sich tatsächlich eine Monotonisierung der Welt vollzieht.

An vielen Orten beobachtet man den Versuch, das eigene Erbe nicht nur zu bewahren, sondern zu aktualisieren. Dabei wirken bittere Erfahrungen mit den modernen Ideologien nach. Nicht zuletzt fanden wir angenehm, dass in diesen Ländern der Tourismus sich in einer eher sanften Form entfaltet, ohne das originäre Leben zu verdrängen.

Vielleicht ist es die Rolle der Religionen, sich der vollständigen Materialisierung der Welt, mit ihren Riten, Weisheiten und Gebräuchen, entgegenzustellen. Der Charakter der Menschen, ihre Moral, ihre Offenheit für das Andere und nicht zuletzt die Gastfreundschaft nähren sich aus unsichtbaren Quellen. Hierher gehören die Erzählungen, deren Bedeutung bis heute nachklingen.

Foto: OSCE

Albanische Gastfreundschaft widersetzte sich dem Vernichtungswillen der Nazis

Ein Beispiel hierzu ist eine bedenkenswerte Episode aus der Geschichte Albaniens, die Robert Menasse erzählt. In der Zeit der Besetzung durch die Nazis scheiterte der Versuch, die Juden in dem Land zu verfolgen, an der gewohnheitsrechtlichen Rolle der Gastfreundschaft.

Das traditionelle Gesetz wurde von den Einheimischen über die Forderungen der Besatzer gestellt. Albanien war, von all den Ländern, die von der Wehrmacht besetzt waren, das Einzige, in dem es nach dem Krieg mehr Juden gab, als vorher.

Gerade wenn die ungeheure Macht der Technik und die Angleichung der Lebensgewohnheiten weiter voranschreiten, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich viele EuropäerInnen wieder stärker auf ihre Wurzeln besinnen. In diesen Räumen – so die Hoffnung – wird weder ein Materialismus noch ein Nationalismus das tiefere, geistige Leben vollständig verdrängen. Vielfalt statt Uniformität ist die Devise dieser Tradition.

Ohne Zweifel gehört der Islam zur europäischen Geistesgeschichte. Seine zivilisatorischen Beiträge liegen offen zu Tage, zum Beispiel in einer Stadtentwicklung, die Moscheen, Kirchen und Synagogen einen Platz einräumt oder aber, sie sind als Tugenden und Mentalitäten – man denke nur an die Gastfreundschaft – präsent. 

Tharik Hussain nennt dieses Phänomen das unvermutete Europa. Es liegt an uns, diese Seite der Vergangenheit bekannter zu machen. Denn, wie Hussain schreibt: „Die Bemühungen, die muslimische Geschichte unseres Kontinents zu ignorieren, auszuradieren, umzuschreiben oder einfach unter den Teppich zu kehren, waren so vehement und umfassend, dass selbst die Menschen, die in muslimischen Ländern lebten, nicht mehr mit ihr vertraut waren.“

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Reiseblog Westbalkan: Auf dem Skanderbegplatz in Tirana

skanderbegplatz

IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger auf den Spuren von Evliya Çelebi: Der Skanderbegplatz oder das heutige Albanien.

(iz). Vor über 30 Jahren war ich zuletzt in Tirana und die modernisierte Stadt ist nicht mehr wiederzuerkennen. Wir flanieren durch die Hauptstadt Albaniens und genießen das mediterrane Flair. Gefühlt gibt es hier die weltgrößte Dichte an Restaurants und Cafés. Autos brausen durch die Straßen und überall ist das pulsierende Leben zu spüren.

Fotos: Autor

Auf dem Skanderbegplatz

Auf dem Skanderbegplatz bietet sich die bewegte Geschichte des Landes als eine Rundumschau an. An der Fassade des Nationalhistorischen Museums erzählt ein riesiges Wandmosaik von den Idealen des sozialistischen Realismus vergangener Zeiten.

Dargestellt werden typische Figuren – Frauen, sozialistische Arbeiter und Kämpfer – die mit wehenden Fahnen den Weg in das neuzeitliche Albanien beschreiten. Neben dem Skanderbeg-Denkmal hat sich auch die Ethem-Bey-Moschee gehalten. Ein Wunder, denkt man an die kommunistische Geschichte der Stadt. Der Sakralbau ist heute ein Symbol für Wiederbelebung der religiösen Traditionen.

Wir besuchen das nahegelegene Bunker-Art-Museum. In der atombombensicheren Anlage – ein Gang verband es mit dem Innenministerium – wird die abgründige, kommunistische Geschichte der Jahre 1944-1990 aufgearbeitet. Jugoslawien, das stalinistische Russland und China hießen die Partner des Diktators Enver Hoxha, bis er schließlich das Land in die totale Isolation führte.

Polizei und Geheimdienst schufen nicht nur undurchdringliche Grenzen, sondern ebenso einen perfekten Überwachungsstaat. Die Fotokunst, deren Entstehen wir noch neulich im Murabi-Museum in Shodra bewunderten, mutiert hier zu einer obsessiv eingesetzten Überwachungstechnik.

Fotos: Autor

Hoxha wollte eine Welt ohne Religion

Tausende fielen der Politik zum Opfer oder verbrachten Jahrzehnte in dunklen Lagern. Hoxha, Sohn eines Imams, schuf 1967 den ersten atheistischen Staat der Welt. Entsprechend der berühmten Aussage Dostoyevski’s war in einer Welt ohne Gott dem Machthaber selbst alles erlaubt.

Moscheen, Kirchen und Synagogen verloren ihre Bedeutung, Priester und Imame wurden verfolgt oder ermordet. 1976 hieß es im Artikel 37 der Verfassung: „Der Staat erkennt keine Religion an, unterstützt atheistische Propaganda, um eine wissenschaftliche, materialistische Weltanschauung in den Menschen zu begründen.“ 

Bis in das Jahr 1991 gab es in dem Land keinerlei Demonstrationen, bis schließlich eine wütende, verarmte Zivilgesellschaft das Denkmal des Diktators vom Sockel stieß. 

Das Museum schließt in einem Raum, der sich mit erkenntnistheoretischen Fragen beschäftigt, mit Manipulationen, optischen Täuschungen und vorschnellen Feind-Markierungen. Keine Frage: Die Albaner sind sich der Schattenseiten von Ideologien und dem Wesen übergriffiger Staaten bewusst. Erfahrungen, die für die Zukunft Europas entscheidend sind.

Robert Manesse über Albanien

Zurück am Skanderbegplatz entdecken wir neben der Oper ein hübsches Café und einen internationalen Buchladen. Es gibt drei deutsche Bücher: Goethes „Faust“, Stefan Zweigs „Schachnovelle“ und passenderweise „Die Erweiterung“ von Robert Menasse. Der österreichische Schriftsteller beschäftigt sich mit seinem an der Wirklichkeit angelehnten Roman mit der Zukunft Albaniens. Er versteht nicht, dass die Aufnahme des Landes in die Europäische Union – obwohl die Albaner in großer Mehrheit bekennende Europäer sind – nur schleppend vorankommt.

Bei einem Capuccino beginnen wir einige Passagen zu lesen. Ein Berater des albanischen Ministerpräsidenten rät zu Beginn des Buches dem Politiker zu einer Finte. Er soll rhetorisch alternative Optionen für das Land ins Spiel bringen, um die europäische Politik zu einer schnelleren Aufnahme zu bewegen.

Zur Wahl steht ein Nationalismus, der ein Großalbanien anstrebt oder gar eine ökonomische Anlehnung an China. Menasse erwähnt auch – ausgesprochen durch den polnischen Ministerpräsidenten – einige geläufigen Bedenken gegen die Aufnahme Albaniens. „Wir wollen keinen muslimischen Staat in der EU!“, „der Markt ist zu klein!“ oder „mafiöse Seilschaften wirken hinter den Kulissen!“.

Wohin steuert dieses sympathische Land und wie sichert man langfristig den bescheidenen Wohlstand, der sich nach den Jahren der Isolation entwickelt hat? Die Idee, dass Albanien eines Tages Teil eines Europa der Regionen wird, ist eine friedliche Option und hört sich für viele junge Leute vielversprechend an.

Unter diesen Voraussetzungen wäre auch die Religionsfreiheit gesichert. Ganz sicher werden junge Albaner nicht für eine Wiederkehr säkularer, genauso wenig wie religiöser Ideologien optieren. Für die europäische Balkanpolitik gilt daher ein alter Grundsatz: Wer zu spät kommt, bestraft das Leben.

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Reiseblog Westbalkan: Abschied von Sarajevo

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IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger auf den Spuren von Evliya Çelebi: Abschiedsbetrachtungen aus Sarajevo und einen bedrohten Frieden.

(iz). Abends, wenn wir aus der Altstadt hoch hinauf in die Berge in unser Camp fahren, benutzen wir ein Taxi. Die Gilde hat sich gut abgesprochen, es gilt ein Einheitspreis, der nicht zu verhandeln ist. Auf der Strecke entwickeln sich interessante Gespräche über Land und Leute. 

Beeindruckend ist die Fahrt mit einer freundlichen Taxifahrerin, die sehr gut Deutsch spricht. Als junge Frau während des Krieges lebte sie zwei Jahre in Deutschland und kehrte später zurück. Es war eine harte Zeit, seufzt sie. „Ich hatte schreckliches Heimweh und Angst um meine Eltern, die weiter in Sarajevo lebten.“

Fotos: Autor

Ich frage sie, ob sie es für möglich hält, dass sich die schrecklichen Ereignisse eines Tages wiederholen könnten. „Ja, ich glaube das. Wir alle glauben das“, antwortet sie mit einem gequälten Lächeln, das ein Achselzucken begleitet. In ihrem Ausdruck spiegeln sich Sorge und Schicksalsergebenheit. Wir sprechen über die ökonomische Lage. Sie beklagt sich, dass ihre gut ausgebildeten Kinder kaum Arbeit finden. Wir verstehen. Welche Mutter hat schon gerne, dass ihre Lieben die Heimat verlassen?

Und sie deutet etwas an, das wir in Gesprächen mit Slowenen, Kroaten und Bosniaken öfters hören: „In Jugoslawien waren die Verhältnisse bescheiden, aber immerhin gab es keine so extremen sozialen Unterschiede.“

Wir glauben nicht, dass es sich hier um Nostalgie handelt, oder gar um eine Sehnsucht nach der Rückkehr des Kommunismus. Die Botschaft ist einfacher: Es gibt in dieser Region nicht nur ökonomische Gewinner, sondern auch Armut und Zukunftsängste. Diese Phänomene sind immer der Nährboden für politische Unruhestifter.

Wir verabschieden uns herzlich von der Frau und das Gespräch wirkt nach.

Fotos: Autor

Am nächsten Morgen besuchen wir die Markthalle in Sarajevo. Hier sitzen Frauen vor ihren Ständen mit Obst und Gemüse, wirken gelangweilt. Die Geschäfte scheinen schleppend zu laufen und es ist ruhig an diesem Morgen. In der Ecke des Marktes sehen wir die Spuren des Einschlages einer Granate. Am 5. Februar 1994 starben hier viele Menschen. Wie bei jedem Krieg, kann man sich als Außenstehender nicht vorstellen, was eine Belagerung über so lange Zeit und das Leben in ständiger Todesgefahr bedeutet. Man kann hier eigentlich nur schweigen. 

Es gibt Gründe für Optimismus. Keine Frage, das Land entwickelt sich: In vielen Städten Bosniens sieht man Neubauten, moderne Geschäftshäuser und neue Straßen. Trotz des pulsierenden Lebens entdeckt man noch immer die Narben vergangener Tage an den alten Häusern.

Man lernt hier, dass Frieden etwas Wertvolles ist und dass man diese Zeit nutzen muss, um Brücken zu schlagen zu den gutwilligen Anderen. Ihre Kultur und Religion ebenso achten sollte, wie die eigene. Selbstredend gesellt sich zu dieser Praxis die Verpflichtung, den Nationalismus und jedes andere Extrem abzulehnen.

Die Existenz von Moscheen, Synagogen und Kirchen an diesem Ort erzählen von einer Tradition: die Kunst des Zusammenlebens auf engstem Raum.

Das ist etwas, was man aus Bosnien mit nach Hause nimmt.