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Begegnung rund um Petrarca

Reiseblog Petrarca

IZ-Reiseblog: Im toskanischen Arezzo, dem Geburtsort von Petrarca kann es zu überraschenden Begegnungen kommen.

(iz). Auf jeder Reise gibt es Überraschungen, man erinnert sich wieder an alte Reiseerlebnisse, steuert – manchmal ohne ein konkretes Ziel – den geheimnisvollen Gesetzen des Unterbewusstseins folgend, nach rechts oder links und findet sich wieder in neuen oder alten Bedeutungszusammenhängen.

Foto: A. Rieger

Im Geburtshaus von Petrarca

Arezzo ist eine Stadt, die reich an Geschichte, Kunst und Kultur ist. Sie strahlt in der wunderschönen toskanischen Landschaft, die sie umgibt, eine ruhige Schönheit aus. Trotz ihrer zahlreichen historischen Monumente ist sie weniger touristisch überlaufen als andere Städte der Toskana, was ihr eine besondere Atmosphäre verleiht. Kurzum, uns gefällt es hier. Und, was wir zuvor nicht wussten: In der Stadt befindet sich das Geburtshaus des Dichters Petrarca.

Bei dem Besuch der Gedenkstätte denken wir an eine unserer Reisen nach Südfrankreich zurück. In Fontaine-de-Vaucluse befindet sich ein Haus, das der Dichter in seinem Exil nutzte, traumhaft gelegen in der Nähe einer Steilwand, aus dem ein eiskalter Fluss, die Sorgue, schießt.

Die erste nach-antike Naturbeschreibung

Legendär ist eine Unternehmung Petrarcas im Jahr 1336: Die Besteigung des Monte Ventoux gilt als ein Ereignis und wird oft als Beginn einer neuen Epoche der Reiseerfahrung betrachtet. Es markiert einen Wendepunkt in der Art und Weise, wie Menschen das Reisen und den Aufenthalt in der Natur erlebten, und spielt eine zentrale Rolle in der Geschichte des Humanismus und der modernen Reiseliteratur. 

Der Gipfel des Berges liegt etwa 1912 Meter über dem Meeresspiegel, und der Aufstieg war damals keine kleine Unternehmung, sondern ein Abenteuer. Was diese Besteigung so besonders macht, ist nicht die physische Anstrengung, sondern vor allem die geistige und philosophische Bedeutung. Petrarca beschrieb seine Wanderung in einem Brief an seinen Freund Francesco Nelli, der 1356 veröffentlicht wurde.

In diesem Brief reflektiert er den Aufstieg, geht aber über die Schilderung der physischen Erfahrung hinaus. Auf dem Gipfel angekommen, blickt er auf das Tal zurück und hat eine tiefgreifende introspektive Erkenntnis. Der Berg wird für ihn zu einem Symbol für das Streben des Menschen nach geistiger und seelischer Erhebung. Der Gipfel wird nicht nur als physisches Ziel erlangt, sondern verwandelt sich in ein Zeichen für das Verlangen nach höherem Wissen und Einsicht.

Er schreibt an Nelli: „Als ich den Gipfel des Berges erreichte und die weitläufige Aussicht erblickte, überkam mich das Gefühl, als sei der Mensch in seinem Streben nach Wissen und Erhöhung nie wirklich zufrieden. Und es erscheint mir, dass die beste Reise die ist, die uns mit uns selbst und der Wahrheit in Einklang bringt.“

Dies ist nicht nur ein literarischer Moment, sondern eine frühe Darstellung dessen, was später die moderne Vorstellung von Reisen ausmachen sollte – die Bewegung von einem Ort zum anderen und auch die Suche nach innerer Klarheit und Selbsterkenntnis. (Es geht nicht um die selbstvergessene Erfahrung, die wir heute „chillen“ nennen.)

Foto: Alexander Henke, Unsplash

Reisen aus dem Selbst heraus

Früher waren Reisen oft religiös oder militärisch motiviert. Reisen bedeuteten meist Pilgerfahrten oder Kriegszüge. Was Petrarca beschreibt, ist eine Art von Exkursion, die mehr auf dem Selbst und der geistigen Erhöhung basiert. Sie wird zu einem persönlichen Erlebnis, zu einer Möglichkeit der Reflexion und Selbsterkenntnis. Der Berg wird als ein metaphorischer „Ort der Wahrheit“ betrachtet, der für den Reisenden zu einer inneren Erhebung führt.

Petrarca begreift das Reisen als einen Weg zu einer besseren Einsicht der eigenen Seele und der Natur. Damit öffnet er, im Vergleich zu Dantes „Göttlicher Komödie“, die wir in Florenz kennengelernt haben, einen anderen Erfahrungshorizont. Es gibt einen Unterschied, zwischen der Erkenntnis, die wir aus theologischen Büchern gewinnen und den eigenen Erfahrungen auf unserem Weg.

Islam – Einheit durchzieht die ganze Existenz

Uns erinnert die Episode an eine der Segnungen des Islam, der, in dem Bekenntnis der Einheit, auf die scharfe Trennung von Diesseitigem und Jenseitigem verzichtet. Letztendlich sind wichtige spirituelle Erfahrungen an jedem Ort dieser Erde möglich. Wichtig ist, unterwegs die Erwartung auf die entscheidenden Momente hochzuhalten.

Am Abend setzen wir uns in eine stille Ecke der Piazza Grande und bewundern im Abendlicht das einmalige Ensemble, gebildet von Bauwerken aus verschiedenen Epochen.

Neben uns setzt sich eine Mutter mit ihren zwei Töchtern. Sie unterhalten sich fröhlich, die Dialoge sind überaus wortreich. Sie werden in einer uns zunächst unbekannten Sprache geführt. Schließlich fragt die Frau uns in Englisch, ob wir uns gestört fühlen.

„Aber nein!“ antworten wir.
Schließlich gehört dies zum bunten Leben in Italien.
„Und“, fügen wir hinzu, „wir mögen die Sprache!“
„Sie mögen hebräisch?“, wundert sich die Frau und fragt, woher wir kommen.
„Aus Deutschland!“
Die Töchter mischen sich nun ein. „Wir lieben Deutschland! Wir mögen deutschen Rap!“ 

Die Frau wechselt – zu unserer Überraschung – selbst ins Deutsche und berichtet von ihrem zweijährigen Aufenthalt in Deutschland. Etwas ernster setzt sie fort, dass ihr Großvater väterlicherseits von dort geflohen sei. „Schönwetter“, fügt sie hinzu, sei der Familienname. Ein Name, der in uns hineinfällt, während sich die Familie freundlich verabschiedet.

Thomas Mann

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R15883 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0

Wir unterhalten uns über die kurze Begegnung und die Imaginationen, die Bedeutungszusammenhänge, die sie ausgelöst hat. „Kann das Verhältnis der Deutschen zum Thema Israel jemals völlig unbefangen sein?“ Unser Gespräch passt zu dem Thema, das mich schon länger beschäftigt und ich für nächste Ausgabe der „Islamischen Zeitung“ plane: Thomas Mann und das Judentum. Im Reisegepäck liegen die entsprechenden Bücher bereit.

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IZ-Reiseblog: Kafkas Metamorphosen in Berlin

kafka

Was ist „kafkaesk“? Zweifellos werden, allgemein gesprochen, Erfahrungen der Desorientierung, der Ausgrenzung und die Begegnung mit sinnentleerten Ordnungen beschrieben.

(iz). Bereits letztes Jahr erschien in der „Islamischen Zeitung“ ein Artikel über die Frage: Warum fasziniert Franz Kafka bis heute? Die Aktualität dieses Schriftstellers, der ein Meister der Beschreibung von Stimmungen der Moderne war, steht auch im Mittelpunkt einer sehenswerten Ausstellung (Access Kafka) im jüdischen Museum in Berlin.

Das Thema wird für den Besucher im Begleitmaterial konkretisiert: „Als Jurist und Beamter verbindet Kafka Fragen über das Gesetz mit der Kunst: Ihn beschäftigt das sinnentleerte Regelwerk der Bürokratie, die anonyme Fremdbestimmung der Gewalten, das Eindringen in die Privatsphäre und die Unzugänglichkeit der Macht.“

Warum benutzen wir das Adjektiv „kafkaesk“?

Während ich durch die thematisch gegliederten Räume wandere, fällt mir immer wieder das Adjektiv „kafkaesk“ ein, das sich tief in unseren Sprachgebrauch eingegraben hat. Was ist damit gemeint?

Zweifellos werden, allgemein gesprochen, Erfahrungen der Desorientierung, der Ausgrenzung und die Begegnung mit sinnentleerten Ordnungen beschrieben. Wir erleben Prozesse, die scheinbar auf Grundlage von Gesetzen vollzogen werden, deren Inhalt aber unbekannt oder unbestimmt sind und nicht unmittelbar sinnvoll erscheinen.

Es sind oft Minderheiten, die derartige Phänomene früh registrieren. In der muslimischen Erfahrungswelt, um nur ein Beispiel zu nennen, werden Situationen als „kafkaesk“ erfahren, wenn wir im Ergebnis politischer Beurteilung immer verdächtig sind, weil Definitionen wie „islamistisch“, „legalistisch“ und „fremd“ unbestimmt bleiben und uns diejenigen schnell treffen, die in der Öffentlichkeit auffallen.

Oder wir erleben, dass x-beliebige, von Muslimen begangenen Straftaten als Ausdruck der Religion an sich gelten. Sie geraten in das kollektive Bewusstsein und wir rechtfertigen uns im Prozess dieser Logik permanent.

Foto: Mondadori Portfolio | Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

Kafka hatte ein ambivalentes Verhältnis zur Religion

Kafka selbst hatte – wie die Ausstellung zeigt – ein ambivalentes Verhältnis zur Religion. Er stammte aus einer assimilierten, liberal-jüdischen Familie, beschreibt in seinen Büchern nicht explizit das Judentum, lernt Hebräisch und informiert sich über die Idee des Zionismus.

Mit dem Trend der „Identitätspolitik“ unserer Zeit könnte er wenig anfangen. In seinem Tagebuch fragt er: „Was habe ich mit Juden gemeinsam?“ Und erwidert sogleich: „Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam!“ Sein eigenes Selbst ist niemals fassbar, in einer permanenten Veränderung und das Ende seiner Entwicklung bleibt stets offen.

Drastisch verläuft die Idee der Metamorphose in der „Verwandlung“, eines seiner berühmtesten Bücher. Die Geschichte handelt von Gregor Samsa und dessen plötzlicher Umgestaltung in ein „Ungeziefer“. Dieser Begriff ist für deutsche Bildungsbürger, die ihren Goethe kennen, als Naturprinzip positiv besetzt.

Kafka dagegen zeigt die Dramatik fehlgeleiteter Verwandlungen – seien sie auf persönlicher oder gesellschaftlicher Ebene. Wieder ist die Aktualität des Schriftstellers greifbar: Wie verändert der Populismus in den sozialen Medien unser Bewusstsein? Warum sind differenzierende Positionen – gerade im Umgang mit Minderheiten – heute derart unpopulär?

In diesem Sinne durch den Ausstellungsbesuch gestimmt, steige ich eine die Treppe hinunter zur Dauerausstellung des Museums. Im Untergeschoss des Libeskind-Baus kreuzen sich drei Achsen, die symbolisch für die unterschiedliche Entwicklung jüdischer Lebensgeschichten in Deutschland stehen: die des Exils, eine des Holocaust und die der Kontinuität.

Foto: Jens Ziehe | Copyright: Jüdisches Museum Berlin

Die Auseinandersetzung mit dieser Konstellation geschichtlicher Erfahrung hat uns Deutsche geprägt; egal, ob wir Muslime sind oder nicht. Warum dies so ist, zeigt die Kontinuitätsachse des Museums. Hier lässt sich der traurige Gang der Historie studieren. Sprachlichen Verfehlungen und Gerüchten folgen kollektive Zuschreibungen gegenüber den Juden. Der Horror der Verfolgung bricht schleichend in den Alltag ein und endet im industriell organisierten und bürokratisch verwalteten Massenmord.

Die Achse des Holocaust endet im Voided Void (entleerte Leere), auch Holocaust-Turm genannt. Er erinnert an das Geschehen, das Hannah Arendt mit dem schlichten Satz zusammenfasste: „Es hätte niemals passieren dürfen!“

Es ist hier still, kalt, dunkel, die Atmosphäre wirkt beklemmend. Tageslicht dringt ausschließlich durch einen schmalen Schlitz an der Decke des Betonschachts. Beim Verlassen dieses Ortes denke ich darüber nach, mit welchen Hoffnungen die BesucherInnen wohl das Licht in der Dunkelheit verbinden: Ist es ein Gott? Das Völkerrecht? Die Vernunft- und Lernfähigkeit des Menschen?

Foto: Tobias Arhelger, Shutterstock

Nachklang der „Kontinuität“

Am Anschluss meiner Reise in die dunklen Abgründe der Geschichte klingt die Idee der „Kontinuität“ nach. Wie geht es weiter? Wir erleben heute hitzige Debatten über die Politik der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern und die Reaktion auf den Terrorismus der Hamas im Konkreten.

Ist das geflügelte Wort der deutschen Staatsräson – im Angesicht geschichtlicher Verantwortung – gar selbst „kafkaesk“, weil hier eine gesetzlich nicht fassbare Wortschöpfung einen Geltungsanspruch beansprucht?

Verständlich ist, dass der Begriff eine klare Haltung postuliert, die sich innenpolitisch dazu verpflichtet, religiöses Leben in Deutschland abzusichern und gegen Angriffe, von wem auch immer – zu verteidigen. Die Klage darüber, dass jüdische MitbürgerInnen sich auf deutschen Straßen nicht mehr frei bewegen, ist nicht nur ein Warnsignal, sondern umschreibt eine beschämende Realität.

Die Überzeugung dagegen, dass die Normen und das Maß des internationalen Völkerrechts für alle Parteien gelten, ist eine andere Lehre aus der Geschichte und ein Maßstab für die Glaubwürdigkeit deutscher Außenpolitik.

Wem nach dem richtigen und angemessenen Tonfall in diesen Auseinandersetzungen gelegen ist, sei ein Besuch der Ausstellung in Berlin empfohlen.

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Reiseblog Westbalkan: Olympia in der Herbstsonne

Olympia

IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger auf den Spuren von Evliya Çelebi: Olympia zwischen Kult und Körperertüchtigung.

(iz). Es ist vermutlich einer der Höhepunkte jeder Griechenlandreise: Olympia. Im November wandern wir unter der Herbstsonne einsam durch die Anlagen. Und ja, man spürt den Geist vergangener Tage. Wir fragen uns, was für ein Menschentypus die Griechen waren, die hier in Harmonie mit ihren Göttern lebten.

Die Geschichte der Spiele wird auf das Jahr 776 vor Christus datiert. Mitte des 5. Jahrhunderts bot das Stadion 45.000 Zuschauer Platz. Legendär ist bis heute der heldenhafte Status der Sieger der verschiedenen Wettbewerbe.

Coubertin säkularisierte Olympia

Vor einem Jahr standen wir in Lausanne am olympischen Feuer vor dem Denkmal des französischen Pädagogen, Historiker und Sportfunktionär Pierre de Coubertin (1863-1937). Er war überzeugt, dass in der Erziehung neue Wege unerlässlich seien und die sportliche Ausbildung den ganzen Menschen in der Einheit von Körper, Geist und Seele erfassen soll.

Sein Credo: „Das Wichtigste im Leben ist nicht der Sieg, sondern der Kampf, das Wesentliche ist nicht, gewonnen zu haben, sondern gut gekämpft zu haben.“ Unter dem Eindruck der Ausgrabungen in Olympia trat er für die Wiederbelebung des Ereignisses ein und gründete 1894 das Internationale Olympische Komitee.

Foto: Wikimedia Commons | Lizenz: gemeinfrei

Die moderne olympische Idee widersetzte sich nationalen Egoismen und trug zum Frieden und zur internationalen Verständigung bei. Dass diese Mission nicht einfach war, zeigte sich an der Vergabe der Veranstaltung in den 30er Jahren.

Nötig war zunächst ein Gestaltwandel: Die alten Griechen hatten kein Konzept von „Sport“, der Wettkampf diente ursprünglich der körperlichen Ertüchtigung der Soldaten und dem Lob der Götter. Die Sieger erhielten einen Olivenzweig als Symbol des Respektes und der Anerkennung.

Von einem französischen Journalisten gefragt, warum er die Berliner Nazi-Spiele unterstütze, antwortete Coubertin, das Wichtigste sei, dass sie grandios gefeiert würden. Dabei sei es egal, ob man sie als Tourismuswerbung für Südkalifornien wie 1932 oder als Werbung für ein politisches System wie 1936 verwende. In den letzten Jahrzehnten ist es vor allem die Kommerzialisierung der Spiele, die die Idee verändert.

Foto: Autor

Massenphänomen: Die Griechen kannten keinen „Sport“

Die Lebensreformbewegung der Jahrhundertwende verwandelte den Sport zum modernen Massenphänomen. Die geistigen Hintergründe der Körperertüchtigung nehmen einen prominenten Platz in Peter Sloterdijks Buch „Du musst Dein Leben“ ändern ein.

Der Philosoph zeichnet die Entwicklungsgeschichte der Spiele im Licht ihres antiken und religiösen Vorbildes nach. Er schreibt über die profane Realität des Sportes in der Moderne, zwischen Selbstoptimierung, Kommerz und Massenmobilisierung. Sein Fazit: „Die olympische Idee hat nur als säkularer Kult ohne ernstgemeinten Überbau überleben können.“

Der athletische Imperativ, der das ganze 20. Jahrhundert durchhallt, ist für den Philosophen von großer alltäglicher Bedeutung: „Überall, wo dieser Imperativ vernommen wird, sind wir kulturell auf der richtigen Seite, weil wir dann im griechischen Raum bleiben, in dem der Sport als eine Angelegenheit der Schönheit betrieben wird.“ Nur, wer denkt im Fitnessstudio oder auf der Laufstrecke über den antiken Ursprung unserer Körper-Ideale nach?

Foto: Danon, Adobe Stock

Auch Muslime finden Gefallen an der „Selbstoptimierung“

Die Einflüsse der Moderne sind an der muslimischen Praxis ebenso nicht spurlos vorbeigegangen. Begriffe wie „Lifestyle“ oder „Selbstoptimierung“ verändern den Kerngehalt des Ritus und die religiöse Handlung sieht sich oft als Gegengewicht und Ergänzung zu den Herausforderungen des von Arbeit und Technik bestimmten Alltags. Da man nicht rückwärtsgewandt leben kann, alles in permanenter Veränderung ist, stellt sich die Frage nach dem Spannungsbogen zwischen Offenbarung und Aktualisierung immer wieder neu. 

Im Museum in Olympia, dass die Geschichte der Stätten erzählt, lässt sich schon in der alten Zeit ein Gestaltwandel ablesen. Im Ursprung gab es keine Dialektik zwischen dem Heiligen und dem Profanen. In der Logik der allgegenwärtigen Götter existiert kein säkularer Raum. Im weiteren Verlauf, etwa im 4. Jahrhundert vor Christus, beobachtet man in den olympischen Anlagen den Beginn einer immer klareren Trennung zwischen den Tempeln und den Sportstätten.

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Reiseblog Westbalkan: Olympia oder die Monotonisierung der Welt

Monotonisierung

IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger auf den Spuren von Evliya Çelebi: Schon Stefan Zweig beklagte die Monotonisierung der Welt.

(iz). Im griechischen Olympia gibt es in einer touristisch geprägten Straße einen Buchladen. Unter den Klängen einer Sinfonie von Beethoven stöbere ich allein in der Abteilung für englische und deutsche Bücher, bis mich der Eigentümer entdeckt. Wir kommen ins Gespräch und ich erzähle ihm von unserer Odysee.

„Reisen“, seufzt er und zuckt mit den Achseln, „ist eine Bewegung, von der ich lebe, aber ich erwarte davon nichts mehr. Zu viele Leute sind heutzutage unterwegs, um zu erfahren, dass alle gleich sind!“ Ich kaufe ein Buch bei ihm und bezahle. Zum Abschied drückt der Buchhändler mir einen deutschen Text mit dem Titel „Die Monotonisierung der Welt“ in die Hand und wendet sich dann wieder seiner Wirklichkeit zu.

Foto: Breve Storia del Cinema, via flickr | Lizenz: Public Domain

Schon Stefan Zweig beklagte die Monotonisierung der Welt

Im Café lesen wir das uns überlassene Dokument aus dem Jahr 1925, geschrieben vom österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig. Vor einem Jahrhundert beklagte er, trotz der Beglückung des Reisens an sich, ein leises Grauen vor der Monotonisierung der Welt.

„Alles wird gleichförmiger in den äußeren Lebensformen, alles nivelliert sich auf ein einheitliches kulturelles Schema. (…) Immer mehr scheinen die Länder gleichsam ineinander geschoben, die Menschen nach einem Schema tätig und lebendig, immer mehr Städte einander äußerlich ähnlich.“ Er fragte nach dem Ursprung der Welle, die das Farbige, das Eigenförmige aus dem Leben wegzuschwemmen droht. 

Stefan Zweig war ein großer Schriftsteller mit einem tragischen Schicksal, aber der Grundaussage des Textes – die wohl den Buchhändler überzeugte – stimmen wir nicht zu.

Minarette

Foto: Tharik Hussain

Auf dem Balkan erlebt man das Gegenteil

Auf unserer Reise durch Bosnien, Montenegro und Albanien lernten wir Regionen kennen, die aus vielen Gründen große Unterschiede – im Kulturellen, Religiösen und Politischen – aufweisen. Dabei ist uns nicht entgangen, dass die Gewohnheiten des Konsums, des Tourismus und die Rolle der Smartphones sich an vielen Orten gleichen.

Aber es sind die Begegnungen mit den Menschen, die sich aus unterschiedlichen geistigen Dimensionen speisen, die uns nicht daran glauben lassen, dass sich tatsächlich eine Monotonisierung der Welt vollzieht.

An vielen Orten beobachtet man den Versuch, das eigene Erbe nicht nur zu bewahren, sondern zu aktualisieren. Dabei wirken bittere Erfahrungen mit den modernen Ideologien nach. Nicht zuletzt fanden wir angenehm, dass in diesen Ländern der Tourismus sich in einer eher sanften Form entfaltet, ohne das originäre Leben zu verdrängen.

Vielleicht ist es die Rolle der Religionen, sich der vollständigen Materialisierung der Welt, mit ihren Riten, Weisheiten und Gebräuchen, entgegenzustellen. Der Charakter der Menschen, ihre Moral, ihre Offenheit für das Andere und nicht zuletzt die Gastfreundschaft nähren sich aus unsichtbaren Quellen. Hierher gehören die Erzählungen, deren Bedeutung bis heute nachklingen.

Foto: OSCE

Albanische Gastfreundschaft widersetzte sich dem Vernichtungswillen der Nazis

Ein Beispiel hierzu ist eine bedenkenswerte Episode aus der Geschichte Albaniens, die Robert Menasse erzählt. In der Zeit der Besetzung durch die Nazis scheiterte der Versuch, die Juden in dem Land zu verfolgen, an der gewohnheitsrechtlichen Rolle der Gastfreundschaft.

Das traditionelle Gesetz wurde von den Einheimischen über die Forderungen der Besatzer gestellt. Albanien war, von all den Ländern, die von der Wehrmacht besetzt waren, das Einzige, in dem es nach dem Krieg mehr Juden gab, als vorher.

Gerade wenn die ungeheure Macht der Technik und die Angleichung der Lebensgewohnheiten weiter voranschreiten, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich viele EuropäerInnen wieder stärker auf ihre Wurzeln besinnen. In diesen Räumen – so die Hoffnung – wird weder ein Materialismus noch ein Nationalismus das tiefere, geistige Leben vollständig verdrängen. Vielfalt statt Uniformität ist die Devise dieser Tradition.

Ohne Zweifel gehört der Islam zur europäischen Geistesgeschichte. Seine zivilisatorischen Beiträge liegen offen zu Tage, zum Beispiel in einer Stadtentwicklung, die Moscheen, Kirchen und Synagogen einen Platz einräumt oder aber, sie sind als Tugenden und Mentalitäten – man denke nur an die Gastfreundschaft – präsent. 

Tharik Hussain nennt dieses Phänomen das unvermutete Europa. Es liegt an uns, diese Seite der Vergangenheit bekannter zu machen. Denn, wie Hussain schreibt: „Die Bemühungen, die muslimische Geschichte unseres Kontinents zu ignorieren, auszuradieren, umzuschreiben oder einfach unter den Teppich zu kehren, waren so vehement und umfassend, dass selbst die Menschen, die in muslimischen Ländern lebten, nicht mehr mit ihr vertraut waren.“

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Reiseblog Westbalkan: Auf dem Skanderbegplatz in Tirana

skanderbegplatz

IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger auf den Spuren von Evliya Çelebi: Der Skanderbegplatz oder das heutige Albanien.

(iz). Vor über 30 Jahren war ich zuletzt in Tirana und die modernisierte Stadt ist nicht mehr wiederzuerkennen. Wir flanieren durch die Hauptstadt Albaniens und genießen das mediterrane Flair. Gefühlt gibt es hier die weltgrößte Dichte an Restaurants und Cafés. Autos brausen durch die Straßen und überall ist das pulsierende Leben zu spüren.

Fotos: Autor

Auf dem Skanderbegplatz

Auf dem Skanderbegplatz bietet sich die bewegte Geschichte des Landes als eine Rundumschau an. An der Fassade des Nationalhistorischen Museums erzählt ein riesiges Wandmosaik von den Idealen des sozialistischen Realismus vergangener Zeiten.

Dargestellt werden typische Figuren – Frauen, sozialistische Arbeiter und Kämpfer – die mit wehenden Fahnen den Weg in das neuzeitliche Albanien beschreiten. Neben dem Skanderbeg-Denkmal hat sich auch die Ethem-Bey-Moschee gehalten. Ein Wunder, denkt man an die kommunistische Geschichte der Stadt. Der Sakralbau ist heute ein Symbol für Wiederbelebung der religiösen Traditionen.

Wir besuchen das nahegelegene Bunker-Art-Museum. In der atombombensicheren Anlage – ein Gang verband es mit dem Innenministerium – wird die abgründige, kommunistische Geschichte der Jahre 1944-1990 aufgearbeitet. Jugoslawien, das stalinistische Russland und China hießen die Partner des Diktators Enver Hoxha, bis er schließlich das Land in die totale Isolation führte.

Polizei und Geheimdienst schufen nicht nur undurchdringliche Grenzen, sondern ebenso einen perfekten Überwachungsstaat. Die Fotokunst, deren Entstehen wir noch neulich im Murabi-Museum in Shodra bewunderten, mutiert hier zu einer obsessiv eingesetzten Überwachungstechnik.

Fotos: Autor

Hoxha wollte eine Welt ohne Religion

Tausende fielen der Politik zum Opfer oder verbrachten Jahrzehnte in dunklen Lagern. Hoxha, Sohn eines Imams, schuf 1967 den ersten atheistischen Staat der Welt. Entsprechend der berühmten Aussage Dostoyevski’s war in einer Welt ohne Gott dem Machthaber selbst alles erlaubt.

Moscheen, Kirchen und Synagogen verloren ihre Bedeutung, Priester und Imame wurden verfolgt oder ermordet. 1976 hieß es im Artikel 37 der Verfassung: „Der Staat erkennt keine Religion an, unterstützt atheistische Propaganda, um eine wissenschaftliche, materialistische Weltanschauung in den Menschen zu begründen.“ 

Bis in das Jahr 1991 gab es in dem Land keinerlei Demonstrationen, bis schließlich eine wütende, verarmte Zivilgesellschaft das Denkmal des Diktators vom Sockel stieß. 

Das Museum schließt in einem Raum, der sich mit erkenntnistheoretischen Fragen beschäftigt, mit Manipulationen, optischen Täuschungen und vorschnellen Feind-Markierungen. Keine Frage: Die Albaner sind sich der Schattenseiten von Ideologien und dem Wesen übergriffiger Staaten bewusst. Erfahrungen, die für die Zukunft Europas entscheidend sind.

Robert Manesse über Albanien

Zurück am Skanderbegplatz entdecken wir neben der Oper ein hübsches Café und einen internationalen Buchladen. Es gibt drei deutsche Bücher: Goethes „Faust“, Stefan Zweigs „Schachnovelle“ und passenderweise „Die Erweiterung“ von Robert Menasse. Der österreichische Schriftsteller beschäftigt sich mit seinem an der Wirklichkeit angelehnten Roman mit der Zukunft Albaniens. Er versteht nicht, dass die Aufnahme des Landes in die Europäische Union – obwohl die Albaner in großer Mehrheit bekennende Europäer sind – nur schleppend vorankommt.

Bei einem Capuccino beginnen wir einige Passagen zu lesen. Ein Berater des albanischen Ministerpräsidenten rät zu Beginn des Buches dem Politiker zu einer Finte. Er soll rhetorisch alternative Optionen für das Land ins Spiel bringen, um die europäische Politik zu einer schnelleren Aufnahme zu bewegen.

Zur Wahl steht ein Nationalismus, der ein Großalbanien anstrebt oder gar eine ökonomische Anlehnung an China. Menasse erwähnt auch – ausgesprochen durch den polnischen Ministerpräsidenten – einige geläufigen Bedenken gegen die Aufnahme Albaniens. „Wir wollen keinen muslimischen Staat in der EU!“, „der Markt ist zu klein!“ oder „mafiöse Seilschaften wirken hinter den Kulissen!“.

Wohin steuert dieses sympathische Land und wie sichert man langfristig den bescheidenen Wohlstand, der sich nach den Jahren der Isolation entwickelt hat? Die Idee, dass Albanien eines Tages Teil eines Europa der Regionen wird, ist eine friedliche Option und hört sich für viele junge Leute vielversprechend an.

Unter diesen Voraussetzungen wäre auch die Religionsfreiheit gesichert. Ganz sicher werden junge Albaner nicht für eine Wiederkehr säkularer, genauso wenig wie religiöser Ideologien optieren. Für die europäische Balkanpolitik gilt daher ein alter Grundsatz: Wer zu spät kommt, bestraft das Leben.

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Reiseblog Westbalkan: Abschied von Sarajevo

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IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger auf den Spuren von Evliya Çelebi: Abschiedsbetrachtungen aus Sarajevo und einen bedrohten Frieden.

(iz). Abends, wenn wir aus der Altstadt hoch hinauf in die Berge in unser Camp fahren, benutzen wir ein Taxi. Die Gilde hat sich gut abgesprochen, es gilt ein Einheitspreis, der nicht zu verhandeln ist. Auf der Strecke entwickeln sich interessante Gespräche über Land und Leute. 

Beeindruckend ist die Fahrt mit einer freundlichen Taxifahrerin, die sehr gut Deutsch spricht. Als junge Frau während des Krieges lebte sie zwei Jahre in Deutschland und kehrte später zurück. Es war eine harte Zeit, seufzt sie. „Ich hatte schreckliches Heimweh und Angst um meine Eltern, die weiter in Sarajevo lebten.“

Fotos: Autor

Ich frage sie, ob sie es für möglich hält, dass sich die schrecklichen Ereignisse eines Tages wiederholen könnten. „Ja, ich glaube das. Wir alle glauben das“, antwortet sie mit einem gequälten Lächeln, das ein Achselzucken begleitet. In ihrem Ausdruck spiegeln sich Sorge und Schicksalsergebenheit. Wir sprechen über die ökonomische Lage. Sie beklagt sich, dass ihre gut ausgebildeten Kinder kaum Arbeit finden. Wir verstehen. Welche Mutter hat schon gerne, dass ihre Lieben die Heimat verlassen?

Und sie deutet etwas an, das wir in Gesprächen mit Slowenen, Kroaten und Bosniaken öfters hören: „In Jugoslawien waren die Verhältnisse bescheiden, aber immerhin gab es keine so extremen sozialen Unterschiede.“

Wir glauben nicht, dass es sich hier um Nostalgie handelt, oder gar um eine Sehnsucht nach der Rückkehr des Kommunismus. Die Botschaft ist einfacher: Es gibt in dieser Region nicht nur ökonomische Gewinner, sondern auch Armut und Zukunftsängste. Diese Phänomene sind immer der Nährboden für politische Unruhestifter.

Wir verabschieden uns herzlich von der Frau und das Gespräch wirkt nach.

Fotos: Autor

Am nächsten Morgen besuchen wir die Markthalle in Sarajevo. Hier sitzen Frauen vor ihren Ständen mit Obst und Gemüse, wirken gelangweilt. Die Geschäfte scheinen schleppend zu laufen und es ist ruhig an diesem Morgen. In der Ecke des Marktes sehen wir die Spuren des Einschlages einer Granate. Am 5. Februar 1994 starben hier viele Menschen. Wie bei jedem Krieg, kann man sich als Außenstehender nicht vorstellen, was eine Belagerung über so lange Zeit und das Leben in ständiger Todesgefahr bedeutet. Man kann hier eigentlich nur schweigen. 

Es gibt Gründe für Optimismus. Keine Frage, das Land entwickelt sich: In vielen Städten Bosniens sieht man Neubauten, moderne Geschäftshäuser und neue Straßen. Trotz des pulsierenden Lebens entdeckt man noch immer die Narben vergangener Tage an den alten Häusern.

Man lernt hier, dass Frieden etwas Wertvolles ist und dass man diese Zeit nutzen muss, um Brücken zu schlagen zu den gutwilligen Anderen. Ihre Kultur und Religion ebenso achten sollte, wie die eigene. Selbstredend gesellt sich zu dieser Praxis die Verpflichtung, den Nationalismus und jedes andere Extrem abzulehnen.

Die Existenz von Moscheen, Synagogen und Kirchen an diesem Ort erzählen von einer Tradition: die Kunst des Zusammenlebens auf engstem Raum.

Das ist etwas, was man aus Bosnien mit nach Hause nimmt.

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Reiseblog Westbalkan: Geschichten in und aus Sarajevo

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IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger auf den Spuren von Evliya Çelebi: Sarajevo ist eine Stadt, die Geschichte schreibt und Geschichten aufschreibt.

(iz). Es mag ein Vogel sein, der sanft auf einer Mauer landet. Laub, das der Wind über die Gräber fegt. Ein Blick, eine Geste, die man auf der Straße sieht. Es sind Phänomene, die uns wirklich treffen, bewegen, zum Staunen bringen oder erschrecken, führen uns in einen Moment der Sprachlosigkeit. Wir suchen nach Worten, um das Reale des Schönen oder Schrecklichen zu beschreiben. Der Schriftsteller oder die Schriftstellerin widmen dieser Suche ihr Leben.

Sarajevo ist nicht nur eine Stadt, die Geschichten schreibt, sondern auch ein Anziehungspunkt für all diejenigen, die sie aufschreiben, verstehen und lesen wollen. Manchmal findet man hier Bücher, oder sie finden uns. So trete ich in einen kleinen Buchladen ein und entdecke ein tiefsinniges Werk von Professor Enes Karic: Lieder wilder Vögel

Das Buch über die Rolle der Macht, der Liebe und des Glaubens ist historisch im Balkan des 16. Jahrhunderts angesiedelt. Es ist gleichzeitig eine Aktualisierung religiöser und philosophischer Fragen. In der Nacht lese ich darin und staune. Jeder hat seine eigenen Helden. Ich bewundere das Vermögen des Schreibenden, dem es gelingt, den Reichtum seiner Erfahrungen zur Sprache zu bringen.

Fotos: Autor

Am Morgen besuche ich das Literaturmuseum in der Stadt, lese einige Biografien von Männern und Frauen, deren Namen fremd klingen. Einige sind vergessen, andere wie der Nobelpreisträger Ivo Andrić berühmt geworden. Sie alle teilen die gleiche Leidenschaft und schreiben, woran sie geglaubt oder nicht geglaubt haben.

Allein die Qualität ist der Maßstab: Ein Ungläubiger, der gut schreibt, wird den Gläubigen nicht verunsichern, sondern nur anregen, sein Wissen zu erweitern und noch tiefer zu glauben. Oft lese ich solche Werke und erkenne ihn ihnen die Umschreibung des ersten Teils unseres  Glaubensbekenntnisses.

Ein anderes Kapitel in dieser Stadt beschreiben Bücher, die den Verlauf des Krieges in den 1990er Jahren beschreiben. Sie handeln von Unglaublichem, von ehemaligen Nachbarn, die zu Feinden werden, von Verbrechen, von Heldentaten, von der Hoffnung und der Verzweiflung. Viele diese Bücher wurden unter Tränen geschrieben und schaffen eine Erinnerungskultur, die in Zeiten aufkeimenden Nationalismus, wie eine Mahnung wirken. Sie müssen immer wieder gelesen werden.

Fotos: Autor

Der Islam ist ein Meer des Wissens. Ich besuche das Museum der 1537 gegründeten Gazi Husrev-Beg Bibliothek – mit ihrer Sammlung von zehntausenden Büchern. Das älteste vorhandene Manuskript ist eine Abschrift aus dem Jahr 1105 des „Ihya’ Ulum AD-din“ von Abu Muhammad al-Ghazali.

Darüber hinaus gibt es unzählige Werke in bosnischer, arabischer, persischer und osmanischer Sprache. In dem modernen Gebäude sehe ich aus der Ferne Studenten, die über ihren Schätzen sitzen und ihrem Wissensdrang nachgehen. Was studieren Sie? Es sind unendliche Möglichkeiten.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ist eine kluge Einsicht, die wir Sterblichen, die nur über sehr bescheidenes Wissen verfügen, gerne wiederholen. Es sind die Gelehrten, auch die begnadeten Schriftsteller, die uns Zeit sparen können, uns helfen und an ihren Erkenntnissen teilnehmen lassen. Treffen wir sie persönlich, dann ist ein sicheres Zeichen der gelungenen Vermittlung, dass wir verändert aus der Begegnung kommen.

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Reiseblog Westbalkan: die Architektur von Sarajevo

sarajevo architektur

IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger auf den Spuren von Evliya Çelebi: Ein Blick von Bergen auf die Architektur von Sarajevo.

(iz). Immer wieder beeindruckend, vor allem wenn man sich für den Islam in Europa interessiert: Sarajevo. Blickt man von den Bergen auf die Stadt, erzählt die lokale Architekturgeschichte, mit ihren, wie an einer Perlenkette aufgereihten Manifestationen vom Leben und Schicksal der Menschen.

Hier erlebt man eine einmalige Gastfreundschaft und wird schnell Teil eines gelassenen Lebensstils. Nach den Schrecken des Bosnienkriegs in den 1990ern Jahre wahrlich keine Selbstverständlichkeit.

Fotos: Autor

Die Ghazi Husrev Beg Moschee – mit ihren für alle Besucher offenen Türen – wirkt wie eine Einladung in einen geistigen Innenraum, der das bunte Treiben der Gassen vergessen lässt. 

Mich persönlich fasziniert die Konstellation von religiösen, sozialen und ökonomischen Einrichtungen rund um das ehrwürdige Gebäude; ein Zusammenspiel, das die Möglichkeit einer Balance birgt. Man erkennt ein Modell, welches Muslime und Touristen aus aller Welt daran erinnert, dass die islamische Praxis nicht auf Politik reduziert werden kann.

Auf unserer Reise geht es nicht darum, die Vergangenheit zu romantisieren, sondern eher darum, die Grundprinzipien dieses städtebaulichen Ansatzes zu verstehen. Idealerweise ist eine Moscheeanlage nicht nur ein sakraler, geschlossener Raum. Die Bedürfnisse von Menschen, die nach Sinn und Bedeutung suchen, die Nöte der Armen, die Notwendigkeiten der Reisenden und Gäste sowie der Händler werden ebenso erfüllt. Wie wir diese Aspekte im 21. Jahrhundert aktualisieren, ist eine der wichtigsten Fragen an unsere Intelligenz.

Fotos: Autor

Es ist das Phänomen der Stiftungen, die die höheren Absichten der Muslime bezeugt. Im Museum der Moschee lese ich das Testament des Ghazi-Husrev-beg aus dem Jahr 1531. Es ist ein Aufruf zur Großzügigkeit, ein Bekenntnis zum Sinn und Zweck der Stiftungen, die auf Dauer angelegt sind und ausdrücklich der politischen Einflussnahme oder Instrumentalisierung entzogen werden.

Ihr Gründer lebte in einer anderen, vergangenen Zeit, aber diese soziale Idee bleibt bestehen. Eine friedliche Gesellschaft ist nur denkbar, wenn den Armen und Bedürftigen ein würdevolles Leben und Zugang zum Wissen ermöglicht wird.

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Reiseblog Westbalkan: Als Gast in der Tekke von Blagaj

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IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger auf den Spuren von Evliya Çelebi: An der Tekke von Blagaj treffen Naturnähe und spirituelle Sinnsuche aufeinander.

(iz). Es ist einer der meistbesuchten Orte in der Herzegovina: Blagaj. Unzählige Reisende sind – unabhängig von ihrer Konfession – fasziniert von dem malerischen Bild, das die „Tekija Blagaj“und die Buna-Quelle unter dem 240 Meter hohen Bergmassiv bilden.

An diesem Ort treffen Naturnähe und spirituelle Sinnsuche seit Jahrhunderten aufeinander. Die Anlage, immer wieder von Zerstörung und Steinschlag bedroht, wurde von Muslimen zuverlässig über die Zeit gerettet.

Mir fällt hier der berühmte Satz von Friedrich Nietzsche ein: „Die Wüste wächst, weh dem, der Wüsten birgt.“ Die Mahnung erinnert daran, dass der permanente Blick in den Abgrund in unser Seelenleben einwirkt.

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Dabei ist es nicht die Lösung, die schlimmen Ereignisse, die uns in den letzten Monaten beschäftigen, zu verdrängen. Vielleicht ringen wir eher um eine Haltung, die man als einen Pessimismus mit Hoffnung umschreiben kann.

Die Motivation des Reisenden – sei es durch das Sammeln von Eindrücken an Orten, durch neue Erfahrungen auf dem Weg oder im Lernen in Gesprächen und Begegnungen – ist es, der Zuversicht ausreichend Nahrung zu verschaffen. 

Dieser Ort wirkt auf uns wie eine Oase, ein Rastplatz, eine Erinnerung in unruhiger Zeit. Die Gebetswaschung in dem eiskalten Fluss vermittelt eine belebende, beinahe schockartige Wirkung und erinnert an den Sinn dieses Rituals. „Wir haben alles Lebendige aus dem Wasser geschaffen“ (Al-Anbiya, 30) lesen wir auf einem Stein eingemeißelt.

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In dem kleinen Gebetsraum, den wir aufsuchen, hat schon Evliya Çelebi sein Gebet verrichtet. Tharik Hussain („Das Minarett in den Bergen“) erzählt in seinem lesenswerten Porträt über ein unvermutetes Europa, als der Reiseschriftsteller die Tekke 1664 besucht hat. Vermutlich hat er die Musafirhana, das Gasthaus für Reisende, genutzt.

Am Ende unseres Rundgangs lernen wir die junge Muslima Khadize kennen, die gerade die Fenster in dem Gebäude putzt. Die gebildete Frau erzählt uns von ihren Erlebnissen mit den Besuchern.

Mit einem Augenzwinkern kommentiert sie die Versuche einiger Muslime, ihr den Islam beizubringen. Dabei ist ihre muslimisch-europäische Identität so klar wie das Wasser im Fluss vor dem Haus. Sie berichtet von den negativen Erfahrungen der Vergangenheit mit religiöser Indoktrinierung aus dem Ausland. Wir verabschieden uns mit der Hoffnung auf eine gute Zukunft dieser Region im Herzen Europa.