IZ-Reiseblog: Autoput – über die Straße

IZ-Reiseblog: Autoput – Essay über eine der legendären und bekannten Straßen Europas.

16.08.2026 Abu Bakr Rieger 11 Min. Lesezeit
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(iz). Wir bewegen uns auf der Autobahn, zwischen Losfahren und Ankommen, in jenem Niemandsland, in dem unsere imaginären Reiseziele noch nicht am Horizont auftauchen. Kroatien zieht an uns vorbei, das Land wirkt ausgebleicht, die Perspektiven verändern sich langsam, wie in Zeitlupe.

Die Landschaft ist in Sonnenlicht getaucht: Felder, vereinzelte Höfe und. Baumreihen. Regelmäßig tauchen Tankstellen an der Strecke, deren Logos überall dasselbe versprechen. Eine ausgeklügelte Infrastruktur verspricht Energie, Versorgung und Weiterfahrt.

Während wir fahren, schwankt unser Zustand zwischen Flow Erleben und Autobahnhypnose hin und her. Gedanken sickern durch, unangekündigt. Ich erinnere mich an eine Urlaubsfahrt, bin plötzlich wieder acht oder neun Jahre alt, sitze auf dem Rücksitz eines Autos, mit meinem Vater am Steuer, wir fahren auf einer Landstraße.

Damals gab es an jeder zweiten Ecke ein Lokal mit genau einem Gericht: Ćevapčići. Serviert wurde das Gericht auf einem einfachen Blechteller, mit rohen Zwiebeln und einem Berg Fladenbrot, das nach Holzofen schmeckte. Es gab keine Speisekarte, keine Auswahl und damit keine Probleme. Man aß, was es gab, und es war immer gut.

Heute, auf den modernen Autobahnen, gibt es Tankstellenketten mit austauschbaren Sandwiches. Ich vermisse etwas, das ich kaum benennen kann: vielleicht einfach nur die Einfachheit, mit der damals lokal gekocht wurde. Vielleicht fehlt mir auch nur die Illusion, dass die Straße noch nicht vollständig vermarktet, vermessen und mit Marken versehen war.

Dann eine andere Erinnerung: ich selbst am Steuer, jung, am Steuer meines Opel Kadetts, irgendwo auf dem alten Autoput. Jener Legende von Straße, die schnurgerade durch die Ebene in Richtung Süden lief.

Die Fahrt, mit ihren riskanten Überholmanövern, um voranzukommen, bleibt bis heute als Abenteuer in Erinnerung. Ebenso taucht ein Bild auf: Die Gastarbeiterfamilien in Kolonnen, die Kühlschränke auf den Dächern festgezurrt, die Kinder schlafend zwischen Kartons. Der Ford Transit als Wohlstandssymbol hart arbeitender Menschen.

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Foto: Alex Shirmanov/Adobe Stock

Der Autoput war nie nur eine Autobahn.

Das Wort selbst, nüchtern zusammengesetzt aus *auto* und *put*, Auto und Straße, hatte für viele einen beinahe mythischen Klang. Es meinte eine Achse durch ein Land, das es so nicht mehr gibt: über Zagreb und Belgrad, weiter nach Skopje, in Richtung Griechenland und Türkei.

Für das Tito-Regime war die Straße ein sozialistisches Prestigeprojekt. Sie wurde teils in freiwilligen Jugendarbeitseinsätzen gebaut und sollte die verschiedenen Teilrepubliken zusammenschweißen.

Die Ziele und Absichten der Reisenden waren von jeher verschieden. Für die einen war es die Strecke zu den Sehnsuchtsorten. Für andere war es die Straße der Gastarbeiter, der Rückkehr und der geteilten Biografien. Im Sommer floss auf ihm nicht einfach Verkehr.

Menschen fuhren nach Hause, obwohl dieses Zuhause längst nur noch temporär war. Die Autos waren voll mit Geschenken, Geräten, Kleidern, Kassetten, Konserven und Erinnerungen aus dem Norden. Sie trugen die materiellen Beweise eines Lebens, das anderswo stattfand. Und es brachte die Menschen für einige Wochen zurück in Dörfer, Städte, Familiengeschichten, die sie nie ganz verlassen hatten.

Die Straße war eng, überlastet und gefährlich. Gerade deshalb wurde sie erinnert wie eine Prüfung, die man bestanden hatte. Wer den Autoput gefahren war, hatte nicht einfach Strecke gemacht. Er hatte sich durch Hitze, Staus, Grenzkontrollen, Müdigkeit und die Unberechenbarkeit der anderen Fahrer gekämpft. Mobilität war damals eine Leistung.

Zurück in der Gegenwart: Irgendwann macht uns die lange Fahrt in der Sommerhitze müde, und Müdigkeit zwingt manchmal zu unüberlegten Entscheidungen. Vor uns – an der serbisch-kroatischen Grenze – hat sich ein langer Stau gebildet. Wir halten an und tippen auf dem Handy herum.

Google Maps schlägt eine Alternative vor: eine Wiese, ein Fluss, der angeblich zum Schwimmen geeignet ist. Es klingt nach genau dem, was wir brauchen. Wir verlassen die Autobahn.

Die Straße wird schmaler, kurvt sich durch Dörfer mit kleinen Kirchen, bis wir ankommen: ein Idyll, tatsächlich. Das klare Wasser der Save verspricht Abkühlung. Die großen Platanen am Ufer versprechen Schatten. Nur dass die Stille ein Trugschluss ist.

Was Google Maps nicht wusste oder nicht sagen wollte: Hier fand am Wochenende ein internationales Punkfestival statt. Die Wiese ist übersät mit den Überresten davon: zertretenes Gras, leere Dosen, ein umgekippter Bauzaun, die üblichen Verwüstungen im Nachglühen einer Party.

Wir kommen mit einem jungen Paar aus Hamburg ins Gespräch und bieten einen Kaffee an. Für einen Moment berühren sich zwei Welten. Sie sind keine Punks, ganz offensichtlich nicht, aber trotzdem hierhergereist, aus Gründen, die sie selbst nicht ganz erklären können. Man unterhält sich, wie man sich unterwegs unterhält: kurz, offen und ein wenig unverbindlich. Dann geht jeder wieder in seine Richtung.

An Erholung ist jedenfalls nicht zu denken. Die Stechmücken kommen am Spätnachmittag in Schwärmen, als hätten sie auf uns gewartet. Die Störung ist ein zuverlässiger Reisebegleiter, das lernt man schnell wieder, wenn man es vergessen hatte. Wer auf seinen Reisewegen das Paradies sucht, wird immer wieder enttäuscht.

II. Grenze

Wir fahren weiter, mit diesem vagen Gefühl, zugleich zu spät und zu früh unterwegs zu sein, und enden zurück auf der Autobahn im Stau vor der serbisch-kroatischen Grenze.

Die Autos stehen in der Sonne wie aufgereihte Blechdosen. Klimaanlagen laufen, und Motoren brummen.  Kinder quengeln, verstehen nicht warum alles stillsteht, wollen spielen, statt die Zeit tot zu schlagen.  Am Straßenrand verströmen Dixie-Klos ihren eigenen, unverwechselbaren Beitrag zur Reiseromantik.

Nichts bewegt sich, und doch ist alles auf Bewegung ausgerichtet. Hier endet der Schengenraum, und man merkt es sofort. Pässe. Blicke. Ein Procedere, dass in der Moderne länger als nötig erscheint. Grenzenloses Reisen ist eine Erzählung, die an genau diesem Punkt aufhört, wahr zu sein. Drei Stunden später sind wir durch.

Drei Stunden, die auf keiner Reiseroute vorkommen. Keine App schreibt: Zwischen 17.10 Uhr und 20.10 Uhr werden Sie lernen, dass Ihr Pass, Ihr Kennzeichen und der Blick eines Grenzbeamten über Ihre Geschwindigkeit bestimmen.

Niemand bucht eine Warteschlange. Niemand zählt sie zu den Sehenswürdigkeiten. Immer wieder im Sommer kommt es zu diesen Grenzerfahrungen, die daran erinnern, dass ein geeintes Europa noch in weiter Ferne liegt.

Die Grenze ist hier nicht nur ein Schlagbaum. Sie ist eine Unterbrechung einer alten Linie. Der Autoput verband einst Städte, die später Hauptstädte verschiedener Staaten werden sollten. Er führte durch ein Land, das für viele Reisende als Durchgang erschien, während es für seine Bewohner der jugoslawische Alltag war.

Heute ist die alte Linie in Stücke geteilt: kroatische Autobahn, serbische Autobahn, verschiedene Währungen, verschiedene politische Räume, verschiedene Versprechen von Zukunft.

Weiter nördlich, an der Donau, ist nicht einmal die Grenze selbst endgültig entschieden. Serbien und Kroatien streiten seit Langem über ihren Verlauf. Die eine Seite orientiert sich am gegenwärtigen Lauf des Flusses, die andere an älteren Katastergrenzen.

Der Fluss hat seine Richtung verändert; die Akten sind ihm nicht überall gefolgt. So bleibt eine Grenze zurück, die zugleich Wasser, Verwaltung, Erinnerung und ungelöste Geschichte ist. Diese Brüche zu überwinden ist das große Zukunftsprojekt der Region.

Auf der serbischen Autobahn sind wir erschöpft. Es wird dunkel. Wir suchen nur einen Ort zum Anhalten, und finden ihn in einem Wald, auf einem Campingplatz, dessen Namen wir am nächsten Morgen schon wieder vergessen haben.

Der Platz hat alles, was ein Ort zum Übernachten braucht: ein Stück Wiese, einen Stromanschluss, einen Sanitärblock, ein paar andere Reisende, die ebenfalls nicht mehr weiterwollen.

Am folgenden Tag haben wir keine Lust mehr zu fahren. Eigentlich keine Lust auf irgendetwas Bestimmtes. Und erreichen, fast wie aus Trotz gegen die eigene Trägheit, nach nur einer Stunde Belgrad. Der Plan war ein anderer gewesen.

Aber Belgrad gefällt uns, unerwartet, sofort. Die Stadt hat etwas Unfertiges und Lebendiges zugleich. Die Donau fließt entlang der Ruinen, modernen Türmen und den alten Fassaden, die nicht restauriert werden, sondern weiteraltern. Zwischen den Gebäuden liegt eine Energie, die nicht nach Harmonie sucht.

Belgrad wirkt, als sei es nicht daran interessiert, einem zu gefallen. Gerade deshalb gefällt es uns. Wir bleiben einen Tag länger als vorgesehen. Planänderungen, das merken wir hier wieder, sind manchmal das Schönste an einer Reise – gerade, weil sie nicht geplant waren.

Vor uns liegen weitere Stunden auf der serbischen Autobahn nach Süden. Zu jeder Fahrt gehört eine Kaffeepause. Am Rande der Straße machen wir es uns in einer Raststation unter einem Baum bequem. Mitten in Serbien wird hier Türkisch gesprochen und gekocht. Es gibt sogar eine kleine Moschee. Kleine Pausen können erfüllend sein.

Weiter durch Nordmazedonien. Wieder Autobahn, diesmal glatt und neu, auffällig neu. Sie führt durch die Landschaft wie eine Feststellung: Wir sind angeschlossen. Wir besuchen Skopje, seit der Antike ein Verkehrsknoten, dessen Zentrum mit seinen Denkmälern und die Altstadt mit ihren vielen Schichten Geschichten erzählt.

Die Stadt will sich zeigen und verbirgt sich doch zugleich. Heroische Figuren stehen auf Plätzen, als müsse Geschichte Größe annehmen, um nicht zu verschwinden. Ein paar Straßen weiter wird gehandelt, gegessen, geredet; das Leben hält sich nicht an die Ordnung der Denkmäler.

Danach fahren wir ein Stück auf einer neuen Autobahn Richtung Tetovo, ehe wir auf eine gewöhnliche Landstraße zum Ohridsee wechseln. Ist es möglich, an jedem Straßenbelag sofort zu erkennen, welches Land hier investiert hat? Welches Interesse gerade baut?  So einfach ist es nicht.

Foto: Autor

Der Asphalt zeigt keine eindeutige Signatur. Und doch ist die Straße lesbar. Sie ist Teil von Verträgen, Krediten, Ausschreibungen, die ein Baukonsortium zusammenfügt. Sie ist die sichtbare Oberfläche von Entscheidungen, die oft weit entfernt getroffen werden. Die Europäische Union zeichnet Korridore, fördert Verbindungen, definiert Standards und Grenzübergänge.

China – zum Beispiel – finanziert und baut Infrastruktur im Rahmen seiner Handels- und Einflusspolitik. Der Bau der Autobahnstrecke Kičevo-Ohrid gilt als problematisches Infrastrukturprojekt der chinesischen „Neuen Seidenstraße“ in Nordmazedonien, das sich seit über zehn Jahren im Bau befindet.

Geprägt von massiven Verzögerungen, enormen Kostensteigerungen und einem Korruptionsskandal ohne öffentliche Ausschreibung, hat das Vorhaben zu einer hohen Verschuldung bei chinesischen Banken geführt.

Auf dem westlichen Balkan ist Infrastruktur deshalb nie nur Infrastruktur. Sie ist auch die Frage: Wer verbindet wen – und zu welchen Bedingungen?  Straßen werden gern als neutrale Dinge behandelt. Als wären sie bloß da, damit wir schneller von A nach B kommen.

Aber jede Straße entscheidet, welche Orte näher rücken, und welche zurückbleiben. Sie verteilt Zukunft. Sie lenkt Lastwagen, Touristen, Arbeitskräfte und Warenströme. Sie kann eine Region aus ihrer Abgeschiedenheit holen oder eine andere umgehen.

Skurril wird es an diesem Nachmittag auf andere Weise. Alle paar hundert Meter steht ein Polizist am Straßenrand, ein Handy in der Hand, reglos, wartend. Wir rätseln, warum. An einer Tankstelle klärt uns ein junger, freundlicher Polizist auf: Eine indische Delegation sei unterwegs. Die Straße werde deshalb kurz gesperrt, wir sollten – so sein Rat – in Ruhe einen Kaffee trinken. Kurz wird zu fast zwei Stunden.

Es ist genau die Art von Wartezeit, die man nicht plant und die trotzdem zum Kern einer Reise wird. Ein alter Mann mit Gehstock setzt sich neben mich, mustert mich kurz und beginnt dann, zu meiner vollkommenen Überraschung, in astreinem Schweizerdeutsch zu sprechen.

Über seine Jahrzehnte als Gastarbeiter, erzählt er. Irgendwo zwischen Zürich und Bern. Jetzt ist er zurückgekehrt, Rentner in einem Land, das sich um ihn herum verändert hat, während er weg war.

Seine Kinder seien geblieben, dort im Norden. Eine Familie, sagt er achselzuckend, sei eben manchmal zwischen zwei Orten aufgeteilt. Er sagt es ohne Pathos, fast sachlich. Aber in diesem Satz liegt ein ganzes Jahrhundert europäischer Bewegung.

Wir vergessen die Zeit über dem Gespräch, während um uns herum die Wartenden unruhig werden. Die ersten hupen. Andere fluchen über „die da oben“, über große Politik, die mit ihren Absichten in den Alltag eingreift.

Dann endlich: Die Delegation rast vorbei, in einer Reihe dunkler Limousinen. Dann öffnet sich die Straße wieder. Motoren starten. Alle wollen weiter. Der alte Mann winkt uns nach und wünscht uns eine schöne Reise!

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IV. Unverfügbarkeit

Reisen, das zeigt sich auf dieser Fahrt wieder und wieder, ist kein Film mit festem Drehbuch. Es ist eher ein Roadmovie, dessen Anekdoten, Prüfungen und Überraschungen man nicht planen kann.

Der Soziologe Hartmut Rosa nennt das, was uns dabei begegnet, das Unverfügbare: das, was sich nicht herstellen, nicht buchen, nicht in eine App eintippen lässt. Genau dort, wo die Kontrolle endet – an der Grenze, im Stau, im Gespräch mit einem Fremden –, beginnt das, was eine Reise erst zur Reise macht.

Das Unverfügbare ist dabei nicht nur der Zufall. Es ist auch Geschichte. Die Grenze, an der wir stehen, die Straßen, über die wir fahren, die Städte, in denen wir ungeplant bleiben, sind nicht nur die bloßen Kulissen unserer privaten Erfahrung. Sie sind aus Kriegen, Verträgen, Migration, Krediten, politischen Entscheidungen und unentschiedenen Vergangenheiten gemacht.

Wir glauben oft, Reisen bedeute Freiheit: offene Straßen, verfügbare Ziele, Karten auf dem Bildschirm, Bewertungen, Buchungen, Alternativrouten. Doch eine Reise beginnt vielleicht nicht dort, wo alles möglich ist, sondern dort, wo etwas sich unserer Verfügung entzieht.

Wir stranden. Wir ändern die Ziele. Wir verlieren Stunden an Dinge, die niemand vorhergesehen hat. Und – das ist vielleicht die eigentliche Überraschung dieser Fahrt durch die Sommerhitze des Balkans – wir lieben genau das.

Die Straße verspricht Richtung.

Aber Reise wird sie erst dort, wo sie uns aufhält.

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