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IZ-Reiseblog: Autoput – über die Straße

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IZ-Reiseblog: Autoput – Essay über eine der legendären und bekannten Straßen Europas.

(iz). Wir bewegen uns auf der Autobahn, zwischen Losfahren und Ankommen, in jenem Niemandsland, in dem unsere imaginären Reiseziele noch nicht am Horizont auftauchen. Kroatien zieht an uns vorbei, das Land wirkt ausgebleicht, die Perspektiven verändern sich langsam, wie in Zeitlupe.

Die Landschaft ist in Sonnenlicht getaucht: Felder, vereinzelte Höfe und. Baumreihen. Regelmäßig tauchen Tankstellen an der Strecke, deren Logos überall dasselbe versprechen. Eine ausgeklügelte Infrastruktur verspricht Energie, Versorgung und Weiterfahrt.

Während wir fahren, schwankt unser Zustand zwischen Flow Erleben und Autobahnhypnose hin und her. Gedanken sickern durch, unangekündigt. Ich erinnere mich an eine Urlaubsfahrt, bin plötzlich wieder acht oder neun Jahre alt, sitze auf dem Rücksitz eines Autos, mit meinem Vater am Steuer, wir fahren auf einer Landstraße.

Damals gab es an jeder zweiten Ecke ein Lokal mit genau einem Gericht: Ćevapčići. Serviert wurde das Gericht auf einem einfachen Blechteller, mit rohen Zwiebeln und einem Berg Fladenbrot, das nach Holzofen schmeckte. Es gab keine Speisekarte, keine Auswahl und damit keine Probleme. Man aß, was es gab, und es war immer gut.

Heute, auf den modernen Autobahnen, gibt es Tankstellenketten mit austauschbaren Sandwiches. Ich vermisse etwas, das ich kaum benennen kann: vielleicht einfach nur die Einfachheit, mit der damals lokal gekocht wurde. Vielleicht fehlt mir auch nur die Illusion, dass die Straße noch nicht vollständig vermarktet, vermessen und mit Marken versehen war.

Dann eine andere Erinnerung: ich selbst am Steuer, jung, am Steuer meines Opel Kadetts, irgendwo auf dem alten Autoput. Jener Legende von Straße, die schnurgerade durch die Ebene in Richtung Süden lief.

Die Fahrt, mit ihren riskanten Überholmanövern, um voranzukommen, bleibt bis heute als Abenteuer in Erinnerung. Ebenso taucht ein Bild auf: Die Gastarbeiterfamilien in Kolonnen, die Kühlschränke auf den Dächern festgezurrt, die Kinder schlafend zwischen Kartons. Der Ford Transit als Wohlstandssymbol hart arbeitender Menschen.

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Foto: Alex Shirmanov/Adobe Stock

Der Autoput war nie nur eine Autobahn.

Das Wort selbst, nüchtern zusammengesetzt aus *auto* und *put*, Auto und Straße, hatte für viele einen beinahe mythischen Klang. Es meinte eine Achse durch ein Land, das es so nicht mehr gibt: über Zagreb und Belgrad, weiter nach Skopje, in Richtung Griechenland und Türkei.

Für das Tito-Regime war die Straße ein sozialistisches Prestigeprojekt. Sie wurde teils in freiwilligen Jugendarbeitseinsätzen gebaut und sollte die verschiedenen Teilrepubliken zusammenschweißen.

Die Ziele und Absichten der Reisenden waren von jeher verschieden. Für die einen war es die Strecke zu den Sehnsuchtsorten. Für andere war es die Straße der Gastarbeiter, der Rückkehr und der geteilten Biografien. Im Sommer floss auf ihm nicht einfach Verkehr.

Menschen fuhren nach Hause, obwohl dieses Zuhause längst nur noch temporär war. Die Autos waren voll mit Geschenken, Geräten, Kleidern, Kassetten, Konserven und Erinnerungen aus dem Norden. Sie trugen die materiellen Beweise eines Lebens, das anderswo stattfand. Und es brachte die Menschen für einige Wochen zurück in Dörfer, Städte, Familiengeschichten, die sie nie ganz verlassen hatten.

Die Straße war eng, überlastet und gefährlich. Gerade deshalb wurde sie erinnert wie eine Prüfung, die man bestanden hatte. Wer den Autoput gefahren war, hatte nicht einfach Strecke gemacht. Er hatte sich durch Hitze, Staus, Grenzkontrollen, Müdigkeit und die Unberechenbarkeit der anderen Fahrer gekämpft. Mobilität war damals eine Leistung.

Zurück in der Gegenwart: Irgendwann macht uns die lange Fahrt in der Sommerhitze müde, und Müdigkeit zwingt manchmal zu unüberlegten Entscheidungen. Vor uns – an der serbisch-kroatischen Grenze – hat sich ein langer Stau gebildet. Wir halten an und tippen auf dem Handy herum.

Google Maps schlägt eine Alternative vor: eine Wiese, ein Fluss, der angeblich zum Schwimmen geeignet ist. Es klingt nach genau dem, was wir brauchen. Wir verlassen die Autobahn.

Die Straße wird schmaler, kurvt sich durch Dörfer mit kleinen Kirchen, bis wir ankommen: ein Idyll, tatsächlich. Das klare Wasser der Save verspricht Abkühlung. Die großen Platanen am Ufer versprechen Schatten. Nur dass die Stille ein Trugschluss ist.

Was Google Maps nicht wusste oder nicht sagen wollte: Hier fand am Wochenende ein internationales Punkfestival statt. Die Wiese ist übersät mit den Überresten davon: zertretenes Gras, leere Dosen, ein umgekippter Bauzaun, die üblichen Verwüstungen im Nachglühen einer Party.

Wir kommen mit einem jungen Paar aus Hamburg ins Gespräch und bieten einen Kaffee an. Für einen Moment berühren sich zwei Welten. Sie sind keine Punks, ganz offensichtlich nicht, aber trotzdem hierhergereist, aus Gründen, die sie selbst nicht ganz erklären können. Man unterhält sich, wie man sich unterwegs unterhält: kurz, offen und ein wenig unverbindlich. Dann geht jeder wieder in seine Richtung.

An Erholung ist jedenfalls nicht zu denken. Die Stechmücken kommen am Spätnachmittag in Schwärmen, als hätten sie auf uns gewartet. Die Störung ist ein zuverlässiger Reisebegleiter, das lernt man schnell wieder, wenn man es vergessen hatte. Wer auf seinen Reisewegen das Paradies sucht, wird immer wieder enttäuscht.

II. Grenze

Wir fahren weiter, mit diesem vagen Gefühl, zugleich zu spät und zu früh unterwegs zu sein, und enden zurück auf der Autobahn im Stau vor der serbisch-kroatischen Grenze.

Die Autos stehen in der Sonne wie aufgereihte Blechdosen. Klimaanlagen laufen, und Motoren brummen.  Kinder quengeln, verstehen nicht warum alles stillsteht, wollen spielen, statt die Zeit tot zu schlagen.  Am Straßenrand verströmen Dixie-Klos ihren eigenen, unverwechselbaren Beitrag zur Reiseromantik.

Nichts bewegt sich, und doch ist alles auf Bewegung ausgerichtet. Hier endet der Schengenraum, und man merkt es sofort. Pässe. Blicke. Ein Procedere, dass in der Moderne länger als nötig erscheint. Grenzenloses Reisen ist eine Erzählung, die an genau diesem Punkt aufhört, wahr zu sein. Drei Stunden später sind wir durch.

Drei Stunden, die auf keiner Reiseroute vorkommen. Keine App schreibt: Zwischen 17.10 Uhr und 20.10 Uhr werden Sie lernen, dass Ihr Pass, Ihr Kennzeichen und der Blick eines Grenzbeamten über Ihre Geschwindigkeit bestimmen.

Niemand bucht eine Warteschlange. Niemand zählt sie zu den Sehenswürdigkeiten. Immer wieder im Sommer kommt es zu diesen Grenzerfahrungen, die daran erinnern, dass ein geeintes Europa noch in weiter Ferne liegt.

Die Grenze ist hier nicht nur ein Schlagbaum. Sie ist eine Unterbrechung einer alten Linie. Der Autoput verband einst Städte, die später Hauptstädte verschiedener Staaten werden sollten. Er führte durch ein Land, das für viele Reisende als Durchgang erschien, während es für seine Bewohner der jugoslawische Alltag war.

Heute ist die alte Linie in Stücke geteilt: kroatische Autobahn, serbische Autobahn, verschiedene Währungen, verschiedene politische Räume, verschiedene Versprechen von Zukunft.

Weiter nördlich, an der Donau, ist nicht einmal die Grenze selbst endgültig entschieden. Serbien und Kroatien streiten seit Langem über ihren Verlauf. Die eine Seite orientiert sich am gegenwärtigen Lauf des Flusses, die andere an älteren Katastergrenzen.

Der Fluss hat seine Richtung verändert; die Akten sind ihm nicht überall gefolgt. So bleibt eine Grenze zurück, die zugleich Wasser, Verwaltung, Erinnerung und ungelöste Geschichte ist. Diese Brüche zu überwinden ist das große Zukunftsprojekt der Region.

Auf der serbischen Autobahn sind wir erschöpft. Es wird dunkel. Wir suchen nur einen Ort zum Anhalten, und finden ihn in einem Wald, auf einem Campingplatz, dessen Namen wir am nächsten Morgen schon wieder vergessen haben.

Der Platz hat alles, was ein Ort zum Übernachten braucht: ein Stück Wiese, einen Stromanschluss, einen Sanitärblock, ein paar andere Reisende, die ebenfalls nicht mehr weiterwollen.

Am folgenden Tag haben wir keine Lust mehr zu fahren. Eigentlich keine Lust auf irgendetwas Bestimmtes. Und erreichen, fast wie aus Trotz gegen die eigene Trägheit, nach nur einer Stunde Belgrad. Der Plan war ein anderer gewesen.

Aber Belgrad gefällt uns, unerwartet, sofort. Die Stadt hat etwas Unfertiges und Lebendiges zugleich. Die Donau fließt entlang der Ruinen, modernen Türmen und den alten Fassaden, die nicht restauriert werden, sondern weiteraltern. Zwischen den Gebäuden liegt eine Energie, die nicht nach Harmonie sucht.

Belgrad wirkt, als sei es nicht daran interessiert, einem zu gefallen. Gerade deshalb gefällt es uns. Wir bleiben einen Tag länger als vorgesehen. Planänderungen, das merken wir hier wieder, sind manchmal das Schönste an einer Reise – gerade, weil sie nicht geplant waren.

Vor uns liegen weitere Stunden auf der serbischen Autobahn nach Süden. Zu jeder Fahrt gehört eine Kaffeepause. Am Rande der Straße machen wir es uns in einer Raststation unter einem Baum bequem. Mitten in Serbien wird hier Türkisch gesprochen und gekocht. Es gibt sogar eine kleine Moschee. Kleine Pausen können erfüllend sein.

Weiter durch Nordmazedonien. Wieder Autobahn, diesmal glatt und neu, auffällig neu. Sie führt durch die Landschaft wie eine Feststellung: Wir sind angeschlossen. Wir besuchen Skopje, seit der Antike ein Verkehrsknoten, dessen Zentrum mit seinen Denkmälern und die Altstadt mit ihren vielen Schichten Geschichten erzählt.

Die Stadt will sich zeigen und verbirgt sich doch zugleich. Heroische Figuren stehen auf Plätzen, als müsse Geschichte Größe annehmen, um nicht zu verschwinden. Ein paar Straßen weiter wird gehandelt, gegessen, geredet; das Leben hält sich nicht an die Ordnung der Denkmäler.

Danach fahren wir ein Stück auf einer neuen Autobahn Richtung Tetovo, ehe wir auf eine gewöhnliche Landstraße zum Ohridsee wechseln. Ist es möglich, an jedem Straßenbelag sofort zu erkennen, welches Land hier investiert hat? Welches Interesse gerade baut?  So einfach ist es nicht.

Foto: Autor

Der Asphalt zeigt keine eindeutige Signatur. Und doch ist die Straße lesbar. Sie ist Teil von Verträgen, Krediten, Ausschreibungen, die ein Baukonsortium zusammenfügt. Sie ist die sichtbare Oberfläche von Entscheidungen, die oft weit entfernt getroffen werden. Die Europäische Union zeichnet Korridore, fördert Verbindungen, definiert Standards und Grenzübergänge.

China – zum Beispiel – finanziert und baut Infrastruktur im Rahmen seiner Handels- und Einflusspolitik. Der Bau der Autobahnstrecke Kičevo-Ohrid gilt als problematisches Infrastrukturprojekt der chinesischen „Neuen Seidenstraße“ in Nordmazedonien, das sich seit über zehn Jahren im Bau befindet.

Geprägt von massiven Verzögerungen, enormen Kostensteigerungen und einem Korruptionsskandal ohne öffentliche Ausschreibung, hat das Vorhaben zu einer hohen Verschuldung bei chinesischen Banken geführt.

Auf dem westlichen Balkan ist Infrastruktur deshalb nie nur Infrastruktur. Sie ist auch die Frage: Wer verbindet wen – und zu welchen Bedingungen?  Straßen werden gern als neutrale Dinge behandelt. Als wären sie bloß da, damit wir schneller von A nach B kommen.

Aber jede Straße entscheidet, welche Orte näher rücken, und welche zurückbleiben. Sie verteilt Zukunft. Sie lenkt Lastwagen, Touristen, Arbeitskräfte und Warenströme. Sie kann eine Region aus ihrer Abgeschiedenheit holen oder eine andere umgehen.

Skurril wird es an diesem Nachmittag auf andere Weise. Alle paar hundert Meter steht ein Polizist am Straßenrand, ein Handy in der Hand, reglos, wartend. Wir rätseln, warum. An einer Tankstelle klärt uns ein junger, freundlicher Polizist auf: Eine indische Delegation sei unterwegs. Die Straße werde deshalb kurz gesperrt, wir sollten – so sein Rat – in Ruhe einen Kaffee trinken. Kurz wird zu fast zwei Stunden.

Es ist genau die Art von Wartezeit, die man nicht plant und die trotzdem zum Kern einer Reise wird. Ein alter Mann mit Gehstock setzt sich neben mich, mustert mich kurz und beginnt dann, zu meiner vollkommenen Überraschung, in astreinem Schweizerdeutsch zu sprechen.

Über seine Jahrzehnte als Gastarbeiter, erzählt er. Irgendwo zwischen Zürich und Bern. Jetzt ist er zurückgekehrt, Rentner in einem Land, das sich um ihn herum verändert hat, während er weg war.

Seine Kinder seien geblieben, dort im Norden. Eine Familie, sagt er achselzuckend, sei eben manchmal zwischen zwei Orten aufgeteilt. Er sagt es ohne Pathos, fast sachlich. Aber in diesem Satz liegt ein ganzes Jahrhundert europäischer Bewegung.

Wir vergessen die Zeit über dem Gespräch, während um uns herum die Wartenden unruhig werden. Die ersten hupen. Andere fluchen über „die da oben“, über große Politik, die mit ihren Absichten in den Alltag eingreift.

Dann endlich: Die Delegation rast vorbei, in einer Reihe dunkler Limousinen. Dann öffnet sich die Straße wieder. Motoren starten. Alle wollen weiter. Der alte Mann winkt uns nach und wünscht uns eine schöne Reise!

Foto: Autor

IV. Unverfügbarkeit

Reisen, das zeigt sich auf dieser Fahrt wieder und wieder, ist kein Film mit festem Drehbuch. Es ist eher ein Roadmovie, dessen Anekdoten, Prüfungen und Überraschungen man nicht planen kann.

Der Soziologe Hartmut Rosa nennt das, was uns dabei begegnet, das Unverfügbare: das, was sich nicht herstellen, nicht buchen, nicht in eine App eintippen lässt. Genau dort, wo die Kontrolle endet – an der Grenze, im Stau, im Gespräch mit einem Fremden –, beginnt das, was eine Reise erst zur Reise macht.

Das Unverfügbare ist dabei nicht nur der Zufall. Es ist auch Geschichte. Die Grenze, an der wir stehen, die Straßen, über die wir fahren, die Städte, in denen wir ungeplant bleiben, sind nicht nur die bloßen Kulissen unserer privaten Erfahrung. Sie sind aus Kriegen, Verträgen, Migration, Krediten, politischen Entscheidungen und unentschiedenen Vergangenheiten gemacht.

Wir glauben oft, Reisen bedeute Freiheit: offene Straßen, verfügbare Ziele, Karten auf dem Bildschirm, Bewertungen, Buchungen, Alternativrouten. Doch eine Reise beginnt vielleicht nicht dort, wo alles möglich ist, sondern dort, wo etwas sich unserer Verfügung entzieht.

Wir stranden. Wir ändern die Ziele. Wir verlieren Stunden an Dinge, die niemand vorhergesehen hat. Und – das ist vielleicht die eigentliche Überraschung dieser Fahrt durch die Sommerhitze des Balkans – wir lieben genau das.

Die Straße verspricht Richtung.

Aber Reise wird sie erst dort, wo sie uns aufhält.

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Unterwegs auf der Sonnenallee

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Die Sonnenallee: Kaum eine Straße hat in Deutschland solch eine Symbolwirkung wie diese Neuköllner Verkehrsweg.

(iz). Es ist jetzt Freitagnachmittag auf der Sonnenallee nach dem Mittagsgebet, und ich sitze an einem Tisch vor einem arabischen Baklava-Laden und trinke einen dünnen Kaffee aus einem Pappbecher.

Der Bürgersteig ist voller Syrer und Palästinenser, die aus ganz Berlin gekommen sind, um in arabischen Supermärkten und Gemüseläden einzukaufen, und ich warte auf eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Straße – den Mann, der als Ali Sonnenallee bekannt ist.

Er ist ein 75-jähriger deutscher Muslim, der zum Islam konvertiert ist, Internetprediger und allgemein ein Mann der Sonnenallee. Mein Freund Mehmet Martin, ein deutscher Muslim mit einem Ohr für esoterische Mystiker, die eine Liebe predigen, sagte mir, ich müsse ihn einfach kennenlernen.

Vor drei Jahren, als die Berliner Boulevardzeitung BZ einen Artikel über diese Straße schrieb, konzentrierten sie sich auf ihn und fotografierten ihn in seiner Wohnung in der Sonnenallee, umgeben von seinen Katzen.

Ali lebt schon seit langer Zeit in der Sonnenallee. Er kam im Alter von neunzehn Jahren aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Kassel in Westdeutschland hierher. Seit 2003 wohnt er in seiner Hinterhofwohnung mit Blick auf einen schummrigen Innenhof voller ausrangierter Möbel.

Sonnenallee oder „das Verschwinden der Deutschen“

Er hat miterlebt, wie sich die Straße mit dem allmählichen Verschwinden der Deutschen und der Ankunft arabischsprachiger Berliner verändert hat. Wenn du sie nicht schlagen kannst, schließe dich ihnen an, scheint seine allgemeine Philosophie zu sein. Anstatt wie viele seiner deutschen Nachbarn aus der Sonnenallee zu fliehen, blieb er und wurde Muslim.

Ali erklärte, dass er vor seiner Konversion zum Islam vor zwölf Jahren Drogenprobleme hatte, zahlreiche Süchte, Tabletten nahm, große Mengen Alkohol trank, aber immer „auf der Suche nach dem Licht“ war.

Ein türkischer Freund hatte ihn in eine Moschee mitgenommen, wo Ali „eine starke Ausstrahlung“ verspürte. Aber er wollte keine voreilige Entscheidung treffen; Muslim zu werden war nichts, was man überstürzen konnte. Nachdem er jedoch lange genug darüber nachgedacht hatte, kam er schließlich zu dem Schluss, dass der richtige Zeitpunkt gekommen war. Er betrat eine Moschee in einer Seitenstraße der Sonnenallee. Jemand fragte ihn, ob man ihm helfen könne.

Er erzählt: „Ich war auf der Suche nach etwas. Ich suchte nach einem Licht. Und ich habe dieses Licht in Ihrer Moschee gefunden. Jetzt weiß ich, dass ich gefunden habe, wonach ich gesucht habe. Und ich weiß, dass ich Muslim werden möchte.“

Die Sonnenallee: für die einen Heimat, für andere Grund zu gehen

Hadice Kalender ist türkisch-kurdischer Abstammung und stammt aus der Region im Südosten der Türkei, die sich zwischen Urfa und Adana entlang des Euphrat erstreckt.

Sie kam 1989 nach Berlin, um mit ihrem damaligen kurdischen Ehemann zusammen zu sein, und landete direkt in der Sonnenallee Nr. 75, ganz in der Nähe des berühmten City Chicken – eines der wenigen Geschäfte, die noch aus den späten Achtzigern/frühen Neunzigern existieren.

Damals betrieb sie – eine fähige Geschäftsfrau, bevor sie Mitte der Neunzigerjahre aus gesundheitlichen Gründen in den Vorruhestand gehen musste – mehrere erfolgreiche Geschäfte in den Seitenstraßen der Sonnenallee.

Eines davon war ein Blumenladen in der Flughafenstrasse, an der Stelle der heutigen Neukölln Arkaden. Das andere war ein türkischer „Bakkal” – eine Art Tante-Emma-Laden – an der Ecke Weserstrasse/Weichselstrasse.

Hadice behauptet, die Sonnenallee 1997 aus mehreren Gründen verlassen zu haben und nach Spandau gezogen zu sein. Einer davon scheint der demografische Wandel in der Straße gewesen zu sein, als Einwanderer aus dem Balkan hinzukamen, die die Atmosphäre in der Straße veränderten und die alten Türken vertrieben (so wie die Türken zuvor die alten Deutschen vertrieben hatten).

Ein weiterer Grund war, dass Kurden, die Geld von ihr für die Finanzierung ihrer PKK-Aktivitäten wollten, immer wieder an ihrer Tür auftauchten und Geldforderungen stellten.

Heutzutage haben sich internationale Hipster und junge Kreative im Norden der Sonnenallee, auch „Kreuzkölln” genannt, niedergelassen. Eines Tages beschlossen sie und ich, durch ihr altes Viertel zu spazieren, um zu sehen, wie sich die Dinge seit ihrer Zeit dort verändert hatten.

Ihr alter Bakkal war nun ein hippes französisches Restaurant. Wir kamen mit dem jetzigen Besitzer ins Gespräch, der von Hadices Geschichte begeistert war und ihr schließlich als kleine Geste der Wertschätzung einen Karton Sojamilch schenkte.

Susana H. ist ein achtzehnjähriges Mädchen, das einen Hijab trägt. Ihre Mutter stammt aus Bosnien, ihr Vater aus Kurdistan. Sie besucht eine Schule, an der ich Englisch unterrichte, am südlichen Ende der Sonnenallee, nur einen Block entfernt von der – wie manche sagen würden – berüchtigten Al-Nur-Moschee, die von den Medien als salafistischer Hotspot dargestellt wird.

Im Unterricht verteidigt Susana die Sonnenallee, wenn ihre Mitschüler sie als „schmutzig” und kriminell bezeichnen. Sie nennt sie einfach „die Sonne”. Susana erzählt mir, dass sie, solange sie sich erinnern kann, in der Sonnenallee lebt. „Mein Beileid”, sagt ein türkisches Mädchen.

Susana zuckt mit den Schultern. Sie unterscheidet zwischen der „normalen“ Sonnenallee – dem südlichen Ende – und der „verrückten“ Sonnenallee, die jeder kennt und die sich über eine Handvoll Häuserblocks südlich des Hermannplatzes erstreckt.

Sie kann sich nicht erinnern, jemals Deutsche auf dieser Straße gesehen zu haben. „Deutsche? Nicht, dass ich mich erinnern könnte. Nur Ausländer.“ In den letzten Monaten und Jahren sind pro-palästinensische Straßendemonstrationen zu einem regelmäßigen Bestandteil der Sonnenallee geworden.

„Um ehrlich zu sein, gehen mir diese Demonstrationen langsam auf die Nerven“, sagt Susana. „Man will den Bus nehmen, aber die Busse fahren nicht. Man hat es eilig, aber es sind zu viele Menschen da und es ist laut. Auf der Sonne ist immer etwas los. Immer. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich unterstütze die Palästinenser. Aber es ist einfach die ganze Zeit, die ganze Zeit.“

Erinnerung an New Yorker Einwandererviertel

Die Sonnenallee erinnert mich an New Yorks Einwandererviertel – Orte wie Little Italy oder Brighton Beach. Aber während New York solche Viertel feiert, behandelt Berlin seine oft als Probleme, die es zu lösen gilt. Für viele ist die Sonnenallee nicht nur eine Straße. Sie ist ein Symbol. Ein politisches Symbol für die Flüchtlingsmigration nach 2015 und den gescheiterten sozialen Zusammenhalt.

Manchmal schafft es die Straße ins Fernsehen oder auf die Kinoleinwand, wie beispielsweise 2017, als die Serie „4 Blocks“ Premiere feierte – ein deutsches Krimidrama, produziert von TNT Serie (jetzt Warner TV), das in Neukölln spielt und eine fiktive libanesisch-deutsche Verbrecherfamilie, den Hamady-Clan, begleitet.

Die Serie wurde im Wesentlichen als Berliner Version von „Die Sopranos“ präsentiert, die sich mit Themen wie Familie, Loyalität, Kriminalität, Territorium und Männlichkeit befasste – und dabei die Sonnenallee als Kulisse nutzte.

Die Autoren und der Regisseur gaben an, komplexe Charaktere und nicht nur Karikaturen darstellen zu wollen, um den flachen Klischee der „kriminellen arabischen Clans“ zu vermeiden.

Kritiker bemängelten jedoch weiterhin, dass die Serie arabische/libanesische Identität pauschal mit Kriminalität gleichsetzte und die Sonnenallee als gesetzlose Parallelgesellschaft darstellte.

Stereotype Darstellungen – alles andere als glaubwürdig

So gewann der in den Boulevardmedien bereits gängige Begriff „Clancriminalität“ weiter an Bedeutung und verstärkte die entschuldigende Botschaft der Medien, sodass rechte Kommentatoren sagen konnten: „Genau. Wir haben es euch ja gesagt. Das haben wir doch immer über Neukölln gesagt.“

Kubilay Sarikaya ist Co-Regisseurin eines sehr realistischen Berliner Einwandererfilms namens „Familiye (2017)“ – im Vergleich dazu eine sehr ehrliche und realistische Kriminalgeschichte, gedreht in Schwarz-Weiß im stark von Einwanderern geprägten Lynar Kiez in Berlin-Spandau, von einem Hollywood-Reporter als „deutsches Mean Streets“ gelobt.

Für Sarikaya war „4 Blocks2“ alles andere als glaubwürdig. „Es war, als hätten sich ein paar deutsche Jungs an einen Cafétisch in Friedrichshain (einem gentrifizierten Berliner Stadtteil) gesetzt und versucht, sich in Neukölln hineinzuversetzen – eine Welt, von der sie nichts wussten.“

Als Lieblingsfeindbild der BZ-Zeitung versuchen Boulevardjournalisten oft, Teile der Sonnenallee als von sogenannten „arabischen Clans“ dominiert darzustellen, als Ort der „Clankriminalität“, was in den deutschen Medien zu einer Art Kurzformel geworden ist.

Aber wer sind diese Menschen, vor denen uns die BZ so gerne warnt? Und was haben sie mit der Sonnenallee zu tun, einer Straße, in der vor allem Syrer und Palästinenser ihre Einkäufe erledigen – und die nicht unbedingt ein Ort ist, an dem Kriminalität grassiert? Mit „Clans“ sind im Grunde genommen eine kleine Anzahl von Großfamilien gemeint, die hauptsächlich aus Libanesen (manchmal auch Palästinensern oder Kurden) bestehen und in den 1980er Jahren als staatenlose Flüchtlinge aus dem Libanon nach West-Berlin kamen.

Diese Menschen waren oft jahrelang mit einem unklaren Rechtsstatus und kaum Zugang zu Arbeit konfrontiert, bauten enge, auf Verwandtschaftsbeziehungen basierende Netzwerke auf und wurden in einigen Fällen in die organisierte Kriminalität verwickelt.

Ein Faktor für ihre Verwicklung in kriminelle Aktivitäten scheint die Notwendigkeit gewesen zu sein, die ihnen von der deutschen Regierung in Form von „Duldung“ Aufenthaltsgenehmigungen auferlegten Arbeitsbeschränkungen zu umgehen (die es Nichtstaatsangehörigen grundsätzlich erlauben, sich in Deutschland aufzuhalten, aber nicht zu arbeiten).

In den deutschen Medien werden die „arabischen Clans“ weitgehend als Vertreter von etwas eher Unheimlichem dargestellt, von „archaischen“ Stammesbräuchen und Integrationsunwilligkeit. Die Sonnenallee ist für diese Erzählung nützlich, weil sie sich gut fotografieren lässt: arabische Ladenschilder, belebte Gehwege, sofortige Wiedererkennbarkeit. Fernsehteams können dort eine ganze Geschichte inszenieren, auch wenn die Protagonisten woanders in der Stadt leben.

„Vor kurzem hat die Polizei eine Razzia in der Sonnenallee durchgeführt“, sagte mein kurdisch-arabischer Freund und Fixer Hamad. „Das machen sie jede Woche. Das ist Rassismus. Reine Schikane.  Glauben die etwa, dass in der Sonnenallee Gangster wohnen? Oder dass diese Kriminellen in Neukölln leben? Die Polizei weiß doch alles. Sie schlagen nur zu, damit sie der Öffentlichkeit sagen können: ‘Wir tun was.’ Das ist reine PR-Scheiße.“

Mein deutscher Cousin Georg wohnt in einer WG in Neukölln an der Sonnenallee. Von Zeit zu Zeit fährt er nach Dresden zurück, das sehr deutsch ist und Welten von der multikulturellen Realität der Sonnenallee entfernt liegt.

Nichts, sagt Georg, sei vergleichbar mit dem Kontrast, wenn man das eher homogene Dresden verlässt, durch die karge Kiefernlandschaft Brandenburgs fährt, die Autobahnausfahrt Berlin-Neukölln nimmt und plötzlich mitten in der „Arabischen Straße“ landet, mitten im Geschehen der Sonne.

„Wenn das kein Kulturschock ist”, sagt Georg, „dann weiß ich auch nicht, was sonst.“

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Reiseblog Westbalkan: Unterwegs auf der Autobahn

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IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger auf den Spuren von Evliya Çelebi: Handelt es sich bei Autobahnen und Rastplätzen um „Nichtorte“?

(iz). Irgendwo in Italien sitzen wir an einer Autobahntankstelle, aus dem Radio auf der Terrasse tönen italienische Schlager. Die Sonne scheint, der Cappuccino schmeckt gut, es gibt an diesem an sich unwirtlichen Ort keinen Grund zur Klage.

Nach der Definition des Dudens ist eine Raststätte, eine an der Autobahn gelegene, mit den auf die Bedürfnisse von Reisenden ausgerichteten Einrichtungen ausgestattete Gaststätte.

Das Phänomen, man denke nur an die alten Sitten des Rastens im Straßennetz der Römer oder an die Karawanserei, hat eine lange Geschichte. Am 1. Mai 1936 wurde die erste Autobahntankstelle bei Darmstadt eröffnet, die neben Waschgelegenheiten einen Aufenthaltsraum für zehn Personen aufwies.

Heute ist die Autobahnraststätte ein Nichtort, der, so Marc Augé, „keine organische Gesellschaft beherbergt“. Bei einem Durchschnittsaufenthalt von 15 Minuten, den wir zur Besorgung dringender Geschäfte benötigen, entsteht kein soziales Band unter den Reisenden aus aller Welt. Oft wandern wir gestresst und mit einem Tunnelblick durch diese Anlagen.

Wir lesen zu dem Thema eine „Liebeserklärung“, die der Fotograf Florian Werner der Raststätte gewidmet hat. Immer wieder sucht der Autor seinen Lieblingsort am grauen Band, Garbsen-Nord, auf. Philosophisch bezeichnet er die Schnittstelle zwischen Heimweh und Aufbruchstimmung als Raststätten-Weh.

Auf seinen Exkursionen erforscht er die ökonomischen und kulturellen Hintergründe dieser Orte, wandert durch Biotope mit erstaunlicher Artenvielfalt und spricht mit Fernfahrern. Er beobachtet das Verhalten der Menschen, deren Aufenthalt auf einer Raststätte nur ein Zwischenzustand ist, ein Moment der unfreiwilligen Entschleunigung.

„Der Autofahrer“, schreibt Werner, „ist niemals ganz in der Gegenwart, sondern hat stets ein Ziel vor den Augen. Der Zug nach vorn, lässt auch den Reisenden bei der Rast nicht los.“

Das Buch erinnert an die berühmte Expedition von Julio Cortázar und seiner Frau Carol Dunlop. In seinem Werk „die Autonauten auf der Kosmobahn“ beschreibt der Schriftsteller die surrealen Erfahrungen des Paars auf einer Fahrt zwischen Paris und Marseille.

Die Destination ist nicht etwa das Mittelmeer, sondern die 63 Rastplätze an der Strecke. Es wird ein Zustand beschrieben, „wenn man sich vom Ausgangspunkt entfernt hat und gleichzeitig das Ziel der Reise vollkommen aus den Augen verloren hat.“

Die Fahrt wird über 6 Wochen dauern. Ihr Reisebericht ist ein surreales Dokument, voller Witz, Ironie und tiefsinnigen Betrachtungen. Der Leser wird auf eine Reise mitgenommen, die die üblichen Vorstellungen von Raum und Zeit auflöst. „Die Zeit ätzt sich in den Raum, verändert ihn; wir können uns schon jetzt keinen wesentlichen Unterschied mehr zwischen diesem Rastplatz und den letzten vorstellen, die uns einen Tag vor dem Ende der Expedition erwarten.“

Die Parkplätze werden nicht etwa monoton erfahren, sondern zeigen sich als Orte der Vielfältigkeit, sie sind kleine Mikrokosmen. Die beiden Schriftsteller entdecken die Natur, Menschen und andere Merkwürdigkeiten, sie träumen und lassen die Dinge auf sich wirken. Die Autobahn wird zu einem langen, stillen Fluss. Unbewusst folgen sie dem Grundsatz der Surrealisten, dass das Wunder, jenseits der Sehenswürdigkeiten der Reiseführer, überall zu entdecken ist, zumindest dann, wenn das Herz und die Sinne dafür geöffnet sind.

In der Unabhängigkeit von Ort und Zeit entfaltet sich ein Zustand der Freiheit: „Die Symptome der Autobahn – Monotonie, Zeit und Raum als Obsession, Ermüdung – existieren für uns nicht, kaum sind wir drauf, verlassen wir sie schon wieder, vergessen sie für fünf, zehn Stunden, für eine ganze Nacht.“

Der normale Reisende wird bei seinem Aufenthalt an der Tanksäule kaum in einen Zustand der Meditation oder des philosophischen Fragens geraten. Dass dies möglich ist, zeigen beide Bücher.

Peter Sloterdijk vertieft dieses Thema in seinem Werk „Den Himmel zum Sprechen bringen“. In seiner religionsphilosophischen Abhandlung taucht der Suchende auf, der ursprünglich unterwegs war, um höhere Einsichten zu erlangen. Der Philosoph weist auf „subtilere Formen“ des nachfragenden Strebens hin, die die Auflösung der Symmetrie von Suchen und Finden bewirken. Das Objekt der Suche wird entgegenständlicht. Mit anderen Worten: Der Weg ist das Ziel.

Die Aufmerksamkeit im Moment beschreibt Sloterdijk in einer wunderbaren Passage. Egal wo man sich konkret befindet, zum Beispiel auf einer Rastanlage, aktualisiert sich ein Subjektwechsel. Der Reisende bereichert sich nicht, indem er an einem Ziel ankommt, sondern er erfährt infolge der Suche selbst eine Metamorphose: „Wer sucht wird gefunden“.